Daddys Sammelband - Jessica Graves - E-Book

Daddys Sammelband E-Book

Jessica Graves

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Verbotene Lust, dunkle Leidenschaft und eine Liebe, die alle Grenzen sprengt. Die komplette, sündig heiße Daddys-Trilogie – jetzt in einem Band! Victor sollte die Finger von ihr lassen. Ariana ist die Tochter seiner Ex – jung, unschuldig und das pure Gift für seine selbst auferlegte Kontrolle. Ihre Liebe ist von Anfang an verboten. Seine dunklen Geheimnisse sind ihre größte Versuchung. Begleite Victor und Ariana auf ihrer ungestümen Reise durch eine Welt voller tabuloser Leidenschaft, schmerzhafter Trennung und kompromissloser Hingabe. Victor muss sich seinen inneren Dämonen stellen, während Ariana lernt, ihre eigenen Sehnsüchte zu akzeptieren, selbst wenn diese bedeuten, einen Dritten einzubeziehen. Dieser Sammelband enthält die komplette, neu aufgelegte „Daddys“-Trilogie der Bestsellerautorin Jessica Graves, versehen mit noch heißeren, unveröffentlichten Szenen. Tauche ein in eine fesselnde Age-Gap-Romance, in der die Erfüllung im Verbotenen liegt und die Leidenschaft kein Halten kennt. Wenn du Dark Romance mit echten Tabus, komplexen Charakteren und unwiderstehlicher Spice liebst, ist dieser Sammelband dein nächstes Lese-Highlight. Enthält: Daddykink, Age Gap, verbotene Liebe, Dark Romance, Spice, Dominanz & Unterwerfung, love triangle und emotionale Tiefe. Nur für starke Nerven.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Daddys Sammelband

DIE GESAMTE TRILOGIE IN EINEM BUCH

VON JESSICA GRAVES

Hierin enthalten:

Band 1: Daddys kleines Geheimnis

Band 2: Daddys neues Spiel

Band 3: Daddys befreites Verlangen

Impressum

Deutschsprachige Erstausgabe Sammelband: Oktober 2025

Copyright © 2025 Jessica Graves

Jessica Graves

c/o WirFinden.Es

Naß und Hellie GbR

Kirchgasse 19

65817 Eppstein

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt ins-besondere für die elektronische und sonstige Vervielfältigung, Über-setzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, wozu auch die Verbreitung über »Tauschbörsen« zählt.

Covergestaltung durch Rauschgold Coverdesign mit Nutzung von:

Depositphotos.de - @KateNovikova // Depositphotos.de - @Baranov_Evgenii // freepik.de @wirestock

Inhaltsverzeichnis

Daddys Sammelband

Daddys kleines Geheimnis

Inhaltswarnung

Playlist

Victor

Victor

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Victor

Victor

Victor

Victor

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Ariana

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Daddys neues Spiel

Playlist

An dich

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Victor

Victor

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Ariana

Ariana

Victor

Ariana

Victor

Ariana

Ariana

Ariana

Ariana

Ariana

Ariana

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Victor

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Das volle Telefonat zwischen Benedict und Victor

Daddys befreites Verlangen

Inhaltswarnung

Playlist

Victor

Ariana

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Victor

Ariana

Ariana

Victor

Victor

Ariana

Victor

Daddys kleines Geheimnis

Inhaltswarnung

Daddys kleines Geheimnis ist eine intensive Liebesgeschichte, die mit Tabus und ethischen Grenzen spielt.

Folgende Themen werden dabei aufgegriffen:

•BDSM-Techniken (z.B. Bondage, Impact Play, Erniedrigung)

•Erwähnung von versuchter Misshandlung

•Fragwürdige Zustimmung/ Dubious Consent (in beide Richtungen)

•Fremdgehen

•toxisch besitzergreifendes Verhalten

•Trauer um einen geliebten, verstorbenen Menschen

Achte beim Lesen auf dich und deine mentale Gesundheit.

Playlist

Daddy Issues – The Neighbourhood

Intentionally – Taylor Grey

On My Mind – Ellie Goulding

I’m On Fire – Bruce Springsteen

Devotion – Hurts, Kylie Minogue

R.E.M – Ariana Grande

Ooh Ooh Baby – Britney Spears

Not Gonna Cry – Emma Steinbakken

Jealous – Labrinth

Let’s Fall in Love for the Night – FINNEAS

Does She Know – Acoustic – Astrid S

Leave Your Lover – Echos

Secrets – MIYAVI

Underdressed – VÉRITÉ

Nothing to Fear – Chris Rea

Unholy – Sam Smith, Kim Petras

Prinzessin – Schandmaul

Mr. Brightside – The Killers

Mistake – Owsey, Ayelle

Moonlight – Ariana Grande

New Girl – FINNEAS

90 Days – P!nk, Wrabel

Guest Room – Echos

Please – Omido, Ex Habit

An dich

Gutes Mädchen.

Du machst das großartig.

Ich bin stolz auf dich,

Prinzessin.

Victor

Wie viel Zeit ihm wohl noch blieb?

Unruhig fuhr sich Victor durchs silberblonde, schulterlange Haar und sah untätig umher.

Das sanfte Licht der abendlichen Sommersonne flutete sein aufgeräumtes Wohnzimmer. Es strahlte durch die großen Fenster und verfing sich in den hauchzarten grauen Vorhängen, ehe es auf den sandfarbenen Teppich fiel, der auf den hellen Fliesen lag, die bis zum Kamin auf der anderen Seite heranreichten. Kein Staubkorn befand sich auf den breiten Fenstersimsen oder in dem offenen Regal. Jedes Kissen hatte seinen Platz auf dem Sofa eingenommen. Der Glastisch glänzte. Es gab nichts zu tun.

Dabei hätte sich Victor gern mit etwas beschäftigt.

Hätte er Abendessen kochen sollen? Mochte sie überhaupt noch das Gleiche wie damals? Es wäre ein Desaster, würde er ihr Fleisch vorsetzen und sie ihm eröffnen, dass sie Veganerin sei. Hoffentlich stellte er sich nicht unsensibel an, wenn er sie über ihr Leben fragte.

Es war eine halbe Ewigkeit her, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Neun Jahre! Der Kontakt hatte sich irgendwann im Sande verlaufen. Trennungen brachten das mit sich.

Gedankenverloren warf Victor einen Blick auf das einzige Foto, das er von ihr hatte. Es lag auf dem Wohnzimmertisch, seit er es vor einigen Tagen beim Aufräumen gefunden hatte. Sie lachte in die Kamera, ihr Haar fiel ihr in die strahlend blauen Augen und ihre Wangen waren gerötet vor ausgelassener Freude.

Er fragte sich, ob sie die gleiche Offenheit wie damals besaß. Das Leben war grausam zu ihr gewesen. Es wäre ein Jammer, wenn es ihr Lachen gestohlen hätte.

Die Türklingel ertönte. Victor riss sich vom Foto los. Sein Herz schlug schneller. Er holte tief Luft, um sich zu wappnen. Jetzt war der Moment gekommen, dem er gleichermaßen entgegengefiebert und den er gefürchtet hatte.

Eilig durchschritt er das Wohnzimmer und den Flur, um sie nicht warten zu lassen. Durch die kleinen, milchigen Glaskacheln seiner Haustür sah er einen Schemen. Er öffnete.

Und da war sie. Trotz der Jahre der Distanz erkannte er sie sofort.

Groß war sie geworden. Ihr langes, goldblondes Haar floss in den vertrauten sanften Wellen ihre Schultern hinab, aber ihre blauen Augen waren getrübt und von Trauer umwölkt.

»Hallo«, grüßte ihn Ariana und wandte fahrig den Blick ab. Sie wirkte ebenso nervös wie er. Es beruhigte ihn, zu wissen, dass er nicht der Einzige war, der sich den Kopf zerbrochen hatte.

»Hallo«, antwortete Victor, weil ihm keine bessere Erwiderung einfiel. »Schön, dich zu sehen.«

Ariana nickte. Auf ihren vollen Lippen erschien ein gezwungenes Lächeln. »Danke, dass ich herkommen darf«, sagte sie höflich.

»Keine Ursache.« Victor wich zur Seite, öffnete die Tür weit und wies hinein. »Bitte.«

Einen großen Koffer hinter sich herziehend, trat Ariana ein. Inmitten des Flurs blieb sie stehen und schaute sich scheu um.

»Fühl dich wie zuhause«, bot Victor an.

Ihr Blick streifte ihn einen Moment, ehe sie eilig wieder zu Boden sah und sich daranmachte, Schuhe und Jacke auszuziehen. Sie stellte ihre ausgetretenen Turnschuhe neben seine teuren Oxfords und hängte ihre hellblaue Jeansjacke zu seinen Mänteln.

»Hast du Hunger?«, fragte Victor, der ihr dabei zugesehen hatte.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Ihre Stimme war leise. »Ich würde mich gern gleich schlafenlegen, wenn es in Ordnung ist.«

»Natürlich.« Victor stellte die Enttäuschung darüber, heute nicht mehr mit ihr sprechen zu können, hinten an, während er ihr Gepäck nahm und sich zur Treppe herumwandte. »Ich zeige dir dein Zimmer.«

Er trug den Koffer die Stufen hinauf und trat auf den Parkettboden des Obergeschosses. Der Gang führte zu einigen Räumen, die links und rechts abgingen. Am gegenüberliegenden Ende war ein großes Fenster in die Wand eingelassen, durch das man direkt in den ausladenden Garten und den angrenzenden Wald sehen konnte.

Sobald Ariana neben ihm stand, trat Victor an die erste Tür auf der linken Seite heran und klopfte gegen das Holz. »Hier befindet sich das Bad«, erklärte er. »Daneben liegt mein Schlafzimmer.« Er deutete zur anderen Seite. »Das Arbeitszimmer. Und schließlich …« Victor ging zur vordersten Tür, gegenüber vom Bad. »… das Gästezimmer.« Mit Schwung öffnete er die Tür und wies hinein.

Zaghaft trat Ariana vor und besah sich den Raum. Er war größer als jener in ihrem alten Zuhause. Victor hatte davon abgesehen, ihn gestalten zu wollen, als er erfahren hatte, dass sie kommen würde. Das durfte sie selbst übernehmen. Bisher füllte das Zimmer ein schlichter, heller Schreibtisch, ein Queensize-Bett in weißem Holz, ein kleines Sofa auf der anderen Seite und ein leeres Bücherregal. Lange durchsichtige Vorhänge hingen vor der Balkontür und den Fenstern. Eine Tür führte zum begehbaren Kleiderschrank.

Victor folgte Ariana hinein und stellte den Koffer neben dem Bett ab. »Richte es ein, wie du möchtest.«

Während sie zum Balkon trat und hinausspähte, fuhr er fort: »Zögere nicht, alles in diesem Haus zu benutzen.«

Sie drehte sich um. »Danke.« Ihr Blick war verloren, doch er meinte, neue Hoffnung darin zu sehen.

Victor nickte und wandte sich zum Gehen, um ihr etwas Freiraum zu geben. »Lass mich wissen, wenn du irgendetwas brauchst.«

»Mach ich.«

»Gute Nacht, Ariana.«

»Gute Nacht.«

Er schloss die Tür und folgte den Treppenstufen hinunter, ging den Flur entlang und durchs Wohnzimmer. Dort wandte er sich nach rechts zur offenen Küche, während er versuchte, ihr erstes Zusammentreffen seit neun Jahren zu verarbeiten.

Die Stimmung zwischen ihnen war angespannt gewesen. Das nahm er nicht persönlich. Ariana machte eine schwere Zeit durch. Dass es sie nach Ruhe und einem Ort verlangte, an den sie sich zurückziehen konnte, verstand er gut. Darum wollte er ihr das Gefühl geben, in einem sicheren Hafen angelangt zu sein. Sollte sie jemanden zum Reden brauchen, würde er da sein.

Er beschloss, Abendessen vorzubereiten. Vielleicht würde sie runterkommen, nachdem sie sich hier akklimatisiert hatte.

Victors Hoffnung erfüllte sich nicht. Er hatte einen Salat gemacht und saß mit seiner Schüssel im Wohnzimmer. Als würde er auf ein Zeichen hoffen, lauschte er auf die Geräusche über sich, bis er es schließlich aufgab.

Während er den Fernseher anschaltete und auf den Nachrichtensender wechselte, dachte Victor an früher. Ihre Mutter hatte er kennengelernt, als Ariana vier gewesen war. Er war selbst gerade volljährig geworden, doch er hatte sich Hals über Kopf in Evelyn verliebt, die ihm ein paar Jahre vorausgehabt hatte und alleinerziehend gewesen war. Schnell war er in die kleine Familie integriert worden. Er hatte es nie bereut, hatte sich verantwortungsvoll um Ariana gekümmert und ihre Mutter unterstützt, wo es ihm möglich gewesen war. Lange hatte es das Leben gut mit ihnen gemeint.

Aber die Zeit hatte die Liebe verblassen lassen. Und als man ihm ein Jobangebot in Boston gemacht hatte und Evelyn betont hatte, dass sie nicht aus New York City umziehen würde, hatten sie beschlossen, die Beziehung zu beenden. Damals war Ariana zwölf gewesen. Sie hatte keine andere Vaterfigur gekannt. Die Umstellung hatte sie sicher am härtesten getroffen.

Evelyn hatte bald darauf einen neuen Mann kennengelernt. Sie hatte Victor gebeten, den Kontakt zu Ariana nicht aufrecht zu erhalten. Welche Wahl hatte er gehabt? Er war nicht ihr Vater.

Und doch war sie nun in seinem Gästezimmer im Obergeschoss und weinte sich vermutlich die Augen aus. Er schluckte schwer, als er an den Grund dachte.

Ariana war an einem Freitag bei Victor angekommen. Den Samstag über sah er sie kaum. Sie stahl sich für ein kurzes Frühstück in die Küche, als er gerade Zeitung las und seinen Kaffee trank, und antwortete auf seine Fragen nur knapp. Dunkle Ringe zierten ihre geröteten Augen und das übergroße, weiße Shirt mit comichaftem Einhorn-Aufdruck konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich den Tag über mit ihren inneren Dämonen auseinandersetzen würde.

Victor wusste nicht, wie er auf sie zugehen sollte, ohne sie damit anzustrengen. Er hatte keine tiefere Verbindung mehr zu ihr, war nur derjenige, der als Einziger zur Verfügung gestanden hatte, als sie Unterstützung gebraucht hatte. Familie hatte sie keine mehr.

Während er den Tag über Ordnung in sein Arbeitszimmer brachte, weil er zu angespannt war, um untätig herumzusitzen, sah und hörte er nichts von ihr. Und nachdem er gegen Abend an ihre Tür geklopft und verkündet hatte, dass er Spaghetti mit Spinat-Lachs-Soße gekocht hatte, antwortete sie nicht, obwohl das früher ihr Lieblingsessen gewesen war.

Um der bedrückenden Atmosphäre zu entfliehen, die mit Ariana zusammen in dieses Haus eingezogen war, ließ sich Victor zum zweiten Abend in Folge mit seinem Teller im Wohnzimmer nieder. Eine neue Erfahrung. Er war es nicht gewohnt, beim Essen fernzusehen. Die deprimierende Stimmung trieb ihn dazu. Er zappte sich durch die Streaminganbieter, auf der Suche nach irgendeiner belanglosen Unterhaltung, die seine beklemmende Anspannung ein wenig löste. Bei einer harmlosen Liebeskomödie wurde er fündig.

Während er aß, fand sich das Paar, verliebte sich und durchlief eine Reihe emotionaler und unterhaltsamer Phasen, bis schließlich, als sich die Spannung zwischen ihnen deutlich erhöhte, die Tür des Wohnzimmers aufging und Ariana eintrat. Victor wandte den Blick vom Fernseher ab und beobachtete, wie sie verlegen von einem Fuß auf den anderen trat.

»Ich würde doch gern etwas essen.«

Warm lächelte er sie an und erhob sich. »Natürlich. Setz dich, ich bring dir einen Teller.«

»Danke«, murmelte sie.

Victor ging zur Küche, tat ihr eine Portion Nudeln mit Soße auf und stellte sie für ein paar Sekunden in die Mikrowelle, um sie aufzuwärmen. Als er zurückkam, sah er sie mit Tränenspuren auf den Wangen in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa sitzen. Sie hatte die Knie angezogen und die Arme darum geschlungen. Eilig wich sie seinem Blick aus und wischte sich die Augen trocken. Victor stellte das Essen vor ihr ab, legte Besteck daneben und schob ihr die Schale mit geriebenem Käse hin.

»Es ist nichts«, beteuerte sie hastig auf seine unausgesprochene Frage hin. »Ich-ich bin nur berührt von dem Film, das ist alles.« Sie wagte den schwachen Versuch eines Lächelns. Es wirkte nicht sehr glaubhaft.

Seufzend ließ sich Victor neben ihr nieder. »Es ist in Ordnung.« Er wies mit dem Kopf zu Fernseher und fügte schmunzelnd hinzu: »Bei der Stelle muss ich auch immer weinen.«

Verblüfft schaute Ariana ihn an, ehe sie anfing zu kichern. Es war ihr erstes aufrichtiges Lachen, seit sie hier war. »Das habe ich mir gedacht. Soweit ich mich erinnere, bist du ziemlich nah am Wasser gebaut.«

Das war eine Lüge und eine dreiste Behauptung, aber Victor war froh, dass sie sich von der Trauer ablenken ließ. Er nickte ernst. »Gib mir einen guten Film und ich breche nach wenigen Minuten in Tränen aus. Und da habe ich noch gar nicht über die Wirkung von Musik gesprochen.«

Ariana kicherte erneut.

Doch die kurz aufgeflammte Freude verschwand so schnell, wie sie gekommen war, und ihr Blick wurde wieder trauerumwölkt.

»Ich vermisse sie«, murmelte sie und neue Tränen sammelten sich in ihren Augen. »Ich wünschte, ich hätte ihr öfter gesagt, dass ich sie …« Sie schluchzte auf und versteckte das Gesicht in den Händen.

Victor schluckte. Es war schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn jemand einen derart herben Verlust erlitten hatte. Er konnte es ja selbst nicht fassen.

»Ein Teil von ihr wird immer bei dir sein«, sagte er sanft. »Sie hat dich nie ganz verlassen.«

»Und trotzdem kann ich nicht mehr mit ihr reden«, klagte Ariana erstickt. Sie hob den Kopf und ihr verheultes Gesicht schaute ihm entgegen.

Er reichte ihr ein Taschentuch. Und weil ihm die passenderen Antworten ausgegangen waren, sagte er: »Das ist wahr.«

Dass Evelyn gestorben war, hatte auch ihn geschockt. Es war so plötzlich gekommen. Unentdeckter Krebs im Endstadium. Es hatte keine Heilung gegeben und auf einmal war sie nicht mehr da gewesen. Dass Evelyn Victor kontaktiert hatte, bevor es mit ihr zu Ende gegangen war, war Glück im Unglück für Ariana gewesen. Er war dem letzten Willen ihrer Mutter nachgekommen und hatte die Einundzwanzigjährige bei sich aufgenommen, sodass sie sich weiter aufs Studium konzentrieren konnte und es nicht abbrechen musste, um ihren Unterhalt zu finanzieren. Evelyn hatte gerade genug Erbe hinterlassen, damit die Studiengebühren ihre Tochter nicht hochverschuldet zurückließen. Victor würde Ariana unterstützen, bis sie selbst Geld verdiente.

Während er darüber nachdachte, hörte Ariana auf zu weinen und trocknete sich verstohlen die Wangen. »Danke, dass du mich hier übernachten lässt«, hauchte sie, als würde sie damit rechnen, morgen direkt wieder vor die Tür gesetzt zu werden.

»Du kannst so lange bleiben, wie du möchtest.«

Abwehrend schüttelte Ariana den Kopf. »Das ist wirklich nicht nötig.«

Victor schwieg einen Moment.

Dann, nachdem er die Worte hatte wirken lassen, fragte er: »Kommst du woanders unter?«

»Nein«, gestand Ariana, »aber ich …« Sie holte tief Luft. »Ich möchte dir keine Umstände machen.«

»Du machst mir keine Umstände«, sagte Victor schlicht. »Das Haus ist groß genug für zwei Personen. Und wenn ich dich damit unterstützen kann, tue ich das gern.«

Ariana schwieg und wich seinem Blick aus. Sie kaute auf ihrer Unterlippe.

»Du möchtest nicht hier wohnen«, stellte Victor nüchtern fest.

Er war über diese selbstausgesprochene Wahrheit enttäuscht.

Hastig schüttelte Ariana den Kopf. »Das ist es nicht«, beteuerte sie. »Ich würde gern hierbleiben. Nur fühle ich mich nicht wohl bei dem Gedanken.« Sie schaute zu ihm auf. »Victor, du bist mir nichts schuldig. Als dich meine Mutter kontaktierte, war sie verzweifelt. Trotzdem gibt uns das nicht das Recht, irgendetwas von dir zu verlangen.« Und in einem Anflug von Tapferkeit fügte sie hinzu: »Ich komme schon zurecht.«

Victor schwieg einen Moment. Ihr Versuch, sich über die eigenen Ängste hinwegzusetzen und sich verwegen gegen den Sturm zu stellen, der ihr Leben durcheinandergewirbelt hatte, war allein wegen des Mutes, den das kostete, bewundernswert. Er ahnte, dass diese positive Stimmung nicht lange im Gegenwind der Trauer bestehen würde. Seine Mundwinkel zuckten über ihre trotzige Art, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Das schien Ariana zu verwirren. Sie runzelte die Stirn und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern.

Doch er hob die Hand und sagte ernst: »Ich habe mich bereiterklärt, dich bei mir aufzunehmen. Du kannst hier wohnen, bis du auf eigenen Füßen stehst. Allerdings werde ich dich nicht dazu zwingen. Wenn du gern woanders leben möchtest, helfe ich dir, eine Unterkunft zu finden.«

Ariana schwieg – die Zähne wieder in die Unterlippe gegraben – und schüttelte den Kopf.

»Gut«, sagte Victor zufrieden und nahm seinen Teller. »Da das nun geklärt ist: Was sagst du zu dem Film?« Und er wies auf den Fernseher, auf dem die Liebeskomödie vor sich hinlief.

Ariana schaute einen Moment hin und verzog dann das Gesicht. »Viel zu platt«, urteilte sie gnadenlos. »Es ist die typische Geschichte: Mann trifft Frau. Mann verliebt sich in Frau. Frau will Mann nicht und irgendwann, weil er ein Nein nicht akzeptiert und sie belagert, lässt sie sich erweichen. Sie heiraten.« Ariana rollte mit den Augen. »Das gab es schon tausende Male. Das ist langweilig.« Sie maulte es beinahe, in dieser genervten Art, die junge Erwachsene zu Perfektion beherrschten. »Ganz abgesehen von dem Frauenbild, das damit einhergeht. Als würde es ausreichen, hartnäckig zu sein. Ein Arsch ist ein Arsch.«

Victor schmunzelte. »Also wollen wir lieber etwas anderes sehen?« Er reichte ihr die Fernbedingung.

Sie nahm sie ehrfürchtig entgegen, scrollte sich durchs Angebot des Streaminganbieters und gleich darauf flimmerte ein Fantasy-Epos über den Bildschirm. Schnell war sie davon so eingenommen, dass sie sogar ihre Trauer zu vergessen schien. Victor machte sich im Geiste eine Notiz und gab kein Geräusch von sich, um sie nicht aus der fremden Welt zurück in die harte Realität zu reißen.

Als der Film endete, war sie längst eingeschlafen. Irgendwie hatte sich ihr Kopf auf seinen Schoß verirrt. Die Decke, die sie anfangs um sich gewickelt hatte, lag nun halb auf dem Boden. Ihr Pulli war ein Stück hochgerutscht und entblößte die leicht gebräunte Haut ihres flachen Bauches. Ganz zu schweigen von ihrer Pyjama-Hose, die vielmehr Hotpants glich und die Kurven ihres Hinterns betonte.

Victors Atem stockte. Da sollte er nicht hinsehen! Er sollte den Blick nicht über ihren wohlgeformten Po wandern lassen oder über ihre langen Beine … wieder hinauf bis zu den Rundungen ihrer Brüste, die sich unter dem Pullover hervorhoben.

Eilig riss er den Blick fort, bevor seine Gedanken die falsche Richtung einschlagen konnten. Neben ihm lag ein junges Mädchen, das in seine Obhut gegeben worden war, ermahnte er sich. Ein Mädchen, das er hatte aufwachsen sehen. Die Tochter einer Frau, die er damals innig geliebt hatte. Definitiv niemand, den er von Kopf bis Fuß betrachten sollte. Sie war jetzt wieder Teil seiner Familie und deshalb war es seine Aufgabe, sie vor der Welt zu beschützen – statt selbst eine Gefahr zu werden.

Victor legte eine Hand auf Arianas Schulter und schüttelte sie leicht, damit sie wach wurde und ins Bett ging. Er nahm sich fest vor, sie in Zukunft nicht mehr allzu genau anzusehen.

Victor

Über die Sommerferien lebte sich Ariana ein. Sie hatte ihren Bachelor abgeschlossen, als der Vorfall mit ihrer Mutter geschehen war, und wappnete sich für den Masterstudiengang in Betriebswirtschaft, den sie an der Boston University beginnen würde.

Victor ließ es unkommentiert, dass sie sich bis dahin verkroch. Sie befand sich in einer Trauerphase – weinte viel, schlief wenig und zog sich die meiste Zeit über in ihr Zimmer zurück, wo sie Musik hörte oder Filme schaute.

Es waren besondere Umstände. Er würde ihr diese Pause zugestehen, die sie so dringend nötig hatte, und ihr den Rücken freihalten.

Des Abends aßen sie gemeinsam und allmählich taute Ariana auf. Sie schien sich mit dem Tod ihrer Mutter abgefunden zu haben, knapp drei Monate nachdem er eingetreten war. Die letzte Zeit musste hart für sie gewesen sein. Zwar hatte Evelyn so viel mit ihr zusammen geplant, wie sie es in ihrem Zustand hatte ermöglichen können, doch Ariana war am Ende allein gewesen. Aufgerieben im Spagat zwischen Bachelor-Abschluss und den Aufgaben, die ihre Mutter ihr hinterlassen hatte: Beerdigung, Wohnungsauflösung, Kontakt mit Ärzten und Bestatter, Notar, Ämtern, Banken, und dergleichen.

Bekannte aus ihrer Heimatstadt New York würden ihr dabei helfen, hatte Evelyn damals versichert. Bekannte, die nicht die Möglichkeiten hatten, sie bei sich aufzunehmen, die selbst zu weit entfernt wohnten, aber zeitweise die Last für sie hatten mittragen können. Victor vermutete, dass es jene Männer waren, die nach ihm an Evelyns Seite gewesen waren. Wenigstens waren das Menschen, die Ariana kannte – und die ihr hoffentlich gut geholfen hatten.

Victor hatte viele Fragen und wagte es nicht, auch nur eine davon zu stellen. Er wollte sie nicht an die jüngsten Ereignisse erinnern, wenngleich es ihn doch interessierte, welche Unterstützung sie tatsächlich erhalten hatte.

Ihm war klar, dass Evelyn ihn nicht nur deshalb um diesen Gefallen gebeten hatte, weil er ihr Exfreund war. Davon hatte sie inzwischen sicher ein Dutzend. Er wollte sich gern einbilden, dass vielleicht fürsorgliche Anteilnahme in Evelyns Entscheidung mitgeschwungen war. Etwa das Wissen darum, dass er die längste Zeit in Arianas Kindheit ein Vater gewesen war und sie kannte. Doch er bezweifelte, dass sie sich aus sentimentalen Gründen an ihn gewandt hatte. Victor hatte ein Haus in der Nähe der Boston University und er konnte finanziell für Ariana sorgen. Das war, wie er Evelyn kannte, alles gewesen, was sie interessiert hatte.

Eines Samstags Anfang Oktober, einige Zeit, nachdem das neue Semester begonnen hatte, beschloss Victor, den Garten winterfest zu machen. Es war ein wenig früh dafür. Aber die Temperaturen waren gesunken und seine Terrakottatöpfe voller Blumen würden im Keller besser überwintern als hier draußen. Victor trug einen um den anderen hinein und war dann überrascht, Ariana zu sehen, die in einem dicken Pulli, der viel zu groß für sie war, zu ihm heraustrat.

»Ist das einer von meinen?«, fragte er mit einem Schmunzeln, woraufhin sie ertappt nickte.

»Ja«, sagte sie und zog sich ihre ausgetretenen Turnschuhe an, durch deren Löcher er ihre Socken sehen konnte. »Ich habe nicht sonderlich viele Sachen, seit …« Sie stockte. Dann holte sie tief Luft und fuhr fort: »Jedenfalls dachte ich, es macht dir vielleicht nichts aus?«

Schmunzelnd trug er einen Topf an ihr vorbei, um ihn in den Keller zu bringen. »Es ist in Ordnung. Er steht dir. Du kannst ihn behalten.«

»Danke«, murmelte sie hinter ihm.

Victor nahm sich vor, bei Gelegenheit mit ihr einzukaufen. Sein Job erlaubte es ihm, sich leisten zu können, wonach ihm war. Er war in seinem Job als Leiter im oberen Management recht erfolgreich. Eine Kleinigkeit wie einen Pullover konnte er erübrigen.

Anders als sie. Alles, was nicht in ihren Koffer gepasst hatte, hatte sie zurücklassen müssen. Neben dem Ersparten ihrer Mutter besaß sie nichts. Die Auflösung der kleinen Wohnung in New York hatte gerade genug Geld eingebracht, um die Kosten für die Beerdigung und die Studiengebühren an der neuen Universität zu decken.

Victor fragte sich, warum er nicht schon eher darauf gekommen war, mit Ariana einkaufen zu gehen. Jede Frau hatte es verdient, schicke Outfits zu tragen. Viele davon, nicht nur die Handvoll, die sie mitgebracht hatte. Wenn er genauer darüber nachdachte, konnte er es nicht erwarten, sie in hübsche Rüschen zu stecken, in seidige und samtene Kleider. Ihre unbeschwerte Art, die sie nun, da sie sich hier einlebte, immer öfter zeigte, könnte hervorgehoben werden von knappen Playsuits in hellen Farben und kurzen bonbonfarbenen Röcken. Wenn sie sich das blonde Haar in zwei langen Zöpfen flechten würde, auf einem flauschigen Teppich sitzen und mit großen, unschuldigen Augen zu ihm aufsehen würde, dann …

Victors Herz stolperte, ehe es kräftig gegen seine Rippen schlug. In seine Brust zog eine rastlose Gier ein. Mental zuckte er zurück und blieb irritiert im Keller stehen, starrte auf den Pflanzenkübel, den er eben abgestellt hatte, und fragte sich, was das gerade gewesen war. Was hatte er da gedacht?

Victor schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben, nahm sich vor, diese Bilder, die vor seinem inneren Auge entstanden waren, zu vergessen, und stieg langsam wieder hinauf. Während er in den Garten zurückkehrte, konzentrierte er sich auf das Hier und Jetzt. Die sonderbare Stimmung verschwand – und mit ihr die Fantasie, die ihm bis eben so fremd gewesen war.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte Ariana, sobald er wieder bei ihr stand. Sie schien nach einer sinnvollen Aufgabe zu suchen.

Victor nahm eine Harke und wies auf die stattliche Birke, die in einer Ecke des Gartens wuchs. Ihre Blätter bedeckten das gelbliche Gras darunter. »Du kannst das Laub harken«, sagte er, ein wenig neben sich.

Ariana nickte. »Ist gut.«

Der Tag verging in der Geschäftigkeit des Augenblickes. Am Abend richtete Victor an einem unbewachsenen Flecken Erde in einem Steinkreis Holzscheite zu einer Pyramide auf und entzündete ein Lagerfeuer. Sie grillten Würstchen und Stockbrot über dem Feuer.

Es wurde dunkel. Die kühle Abendluft trug den würzigen Duft von Herbstlaub und feuchter Erde mit sich. Die Baumkronen des fernen Waldes raschelten im Wind und die knisternden Flammen warfen flackernde Schatten auf die Bäume, deren Blätter im schwachen Licht in allen Schattierungen von Gold, Rot und Orange glänzten. Über ihnen spannte sich ein klarer Himmel, durchzogen von funkelnden Sternen, die wie kleine Diamanten leuchteten. Irgendwo rief eine Eule laut genug, damit man es über das Knacken des Holzes hören konnte. Die Wärme des Feuers vertrieb die Kälte, die der Oktober bringen wollte.

Victor ging nach drinnen, als Ariana ganz versonnen in die Sterne hinaufsah.

Er kam wenig später mit zwei Tassen heiße Schokolade heraus und reichte Ariana eine Schüssel mit großen Marshmallows.

Sie lachte, sobald sie die Schüssel sah. »Wie früher!«, sagte sie und ihre Augen strahlten.

Victor nickte, während sein Herz bei ihrer aufrichtigen Freude aufblühte. »Einige Dinge ändern sich nie.«

Ariana grinste. Sie wandte sich den Marshmallows zu, steckte eines auf ihren Stock und kicherte ausgelassen, als es nach einigen Augenblicken ins Feuer fiel und verbrannte. »Oh nein«, jammerte sie.

Sie konnte Victor nichts vormachen: Er sah ihr an, dass sie sich viel zu sehr über diesen Moment freute, als dass sie ehrlich enttäuscht über den Verlust eines Marshmallows sein konnte.

Während sie ein neues aufspießte, mit dem sie deutlich sorgsamer umging als mit dem ersten, fragte sie: »Weißt du noch, als wir Urlaub an dem riesigen See gemacht haben?«

Victor nickte schmunzelnd. Wie könnte er das vergessen? Der Mirror Lake mitten im Adirondack-Gebirge war traumhaft gewesen, und nicht weit entfernt. Sie hatten in einem kleinen Blockhaus im Wald gewohnt und jeden Abend ein Lagerfeuer gemacht, hatten am Tag Pilze gesammelt oder sich im Angeln versucht. An einem Nachmittag waren sie mit Eimern voller Blaubeeren zurückgekehrt. Ariana war über und über von Blaubeerflecken übersäht gewesen, weil sie in den Büschen umhergetollt war und sich die Beeren in den Mund gestopft hatte, ohne darauf zu achten, wohin der Saft lief. Sie war damals acht Jahre alt gewesen.

»Dass du dich daran überhaupt erinnerst«, sagte er lächelnd.

Sie nickte enthusiastisch. »Klar! Das war toll!«

Victor lachte leise. »Das war es.«

Versonnen schaute er ins Feuer. Funken stoben daraus hervor und erhoben sich in die Nacht wie Glühwürmchen.

»Wir hatten eine Menge toller Urlaube«, sagte er gedankenverloren.

Ariana, die ebenfalls in die rote Glut sah, nickte. Ihr Gesicht war von der Hitze des Feuers gerötet und ihre Augen funkelten verklärt. Sie schien weit weg zu sein. In früheren Tagen, als ihre Welt heil und schön gewesen war.

Victor sagte nichts mehr. Er wollte sie nicht aus den Erinnerungen reißen. Die kurze Auszeit, die sich ihre Gedanken nahmen, war wichtig, um sich von ihrem jetzigen Schicksalsschlag zu erholen. Beinahe rechnete er damit, dass sie schwermütig werden würde und eine Träne vergoss, doch stattdessen beobachtete er, wie sie herzhaft gähnte und ihren Kakao leerte.

Sie erhob sich. »Ich werde ins Bett gehen«, erklärte sie und lehnte den angespitzten Stock sorgsam gegen ihren Klappstuhl. »Danke, dass du mich heute beschäftigt hast.«

Victor schmunzelte. »Ich bin derjenige, der sich bedanken sollte. Du hast mir im Garten geholfen.«

Ariana kicherte. »Mehr schlecht als recht. Gute Nacht, Dad.«

Ein heimelig warmes Gefühl der Nostalgie wärmte Victor bei diesem Titel die Brust.

Doch dann beugte sich Ariana vor, hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und ein Funken sprang zwischen ihnen über. Sein Herz machte einen kräftigen Sprung. Überrascht starrte er zu ihr auf. Und noch während sie sich wiederaufrichtete, bemerkte sie selbst, wie sonderbar die Geste war, nun da sie erwachsen war.

Sie errötete so stark, dass er es sogar im hitzigen Licht des Lagerfeuers sehen konnte, und schlug sich die Hand auf den Mund. »T-tut mir leid«, beteuerte sie. »Das… das war irgendwie …«

Victor fasste sich schneller wieder. Tief atmete er durch und mahnte sich, es nicht zu werten.

Beruhigend winkte er ab. »Alte Gewohnheit.« Um sie beide abzulenken, fügte er hinzu: »Du hast mich schon ewig nicht mehr Dad genannt.«

Ariana warf ihm einen verstohlenen Blick zu und zuckte leicht mit den Schultern. »Ist das… schlecht?«

Victor schüttelte den Kopf. »Absolut nicht«, sagte er schmunzelnd. »Ich habe mich gefreut, es wieder zu hören.«

»O-okay«, murmelte Ariana. »Also dann …« Sie drehte sich auf dem Absatz um und verschwand im Haus.

Victor sah ihr bewusst nicht nach. Stattdessen lenkte er den Blick zurück in die Flammen.

Doch sobald er sicher sein konnte, dass sie fort war, ließ er den Kopf in den Nacken sinken und sah zu den Sternen hinauf. Ein sonderbares Kribbeln hatte ihn erfasst, als sich ihre Lippen berührt hatten. Wie ein elektrischer Schauer, der jetzt durch seinen Körper wanderte. Er ignorierte ihn eisern. Schuld stieg in ihm auf.

»Es ist nichts. Reine Nostalgie, mehr nicht«, murmelte er, als wollte er Evelyn, die mit Sicherheit von dort oben auf ihn herunterschaute, beschwichtigen. Sie wäre mehr als empört, wenn sie die Gedanken hören könnte, die er gegen sich selbst verleugnete.

Sein Körper musste die Gefühle verwechseln. Er war schon lange nicht mehr in der väterlichen Rolle gewesen. Die Erinnerungen an frühere Zeiten, die Anwesenheit eines lieben Menschen, das alles musste ihn durcheinandergebracht haben. Denn schlussendlich wusste er, dass er nichts anderes wollte, als Ariana ein Verbündeter zu sein. Ein Freund. Vielleicht ein Vater, nun, da sie keine Mutter mehr hatte. Jemand, der auf sie achtgeben konnte, in jeder Lebenslage. Der ihr wieder auf die Füße half.

Victor

Victor verdrängte in den nächsten Tagen diese kurzen Sekunden der Verwirrung und konzentrierte sich auf seinen Alltag. Dass Ariana jetzt verschlossener war als ohnehin schon, wirkte sich auf ihr Zusammenleben aus. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, wenn er sie ansprach, antwortete kurzangebunden, und die Unterhaltungen, die zuvor aufgeblüht waren und Victor das Gefühl gegeben hatten, zu ihr durchzudringen, verebbten.

Er suchte kein klärendes Gespräch. Schließlich kannte er sie gut genug, um zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. Es brauchte nicht viel, um sie in eine Situation zu bringen, die sie so beschämte, dass sie sich wünschte, im Erdboden zu versinken. Der Versuch, ihr klarzumachen, dass dieses Versehen nichts zwischen ihnen verändert hatte, würde ihre Beschämung nur steigern. Ein falscher Blick, ein unpassendes Wort und sie zog sich zurück. Was musste erst ein Kuss in ihr auslösen, wo sie doch im perfekten Alter war, sich über Liebe und Romantik mehr als unnötig den Kopf zu zerbrechen?

Während er am darauffolgenden Samstagmorgen nachdenklich seinen Orangensaft trank, versuchte er, sich auf die Zeitung zu konzentrieren. Die ganze letzte Woche hatte sie ihn gemieden. Nicht einmal zum Abendessen war sie erschienen. Er war sich gar nicht sicher, ob sie überhaupt noch hier wohnte.

Als von oben eine Tür knallte, schaute er auf. Dann hörte er das Trommeln von flinken Füßen auf der Treppe. Wenig später klingelte es an der Tür.

»Ich mach auf!«, rief Ariana vom Eingangsbereich.

Victor runzelte die Stirn und erhob sich. Hatte er sie falsch eingeschätzt? War sie gar nicht peinlich berührt, sondern mied ihn aus anderen Gründen? Er ging durch die Küche und dann durch das angrenzende Wohnzimmer, ehe er im Flur ankam, just in dem Moment, in dem Ariana die Haustür öffnete.

Sie trug ein Oberteil, das mehr aus Löchern als aus Stoff bestand, und eine knappe Jeans, die ihren Po viel zu sehr betonte. Victor wollte sie eben darauf hinweisen, dass sie etwas Wärmeres anziehen sollte, weil es draußen wirklich kalt geworden war, da fiel sein Blick auf den großgewachsenen, schwarzhaarigen, jungen Mann. Er grinste, während seine Augen einmal ihren Körper hinunter und wieder hinauf wanderten.

Victor knirschte mit den Zähnen. Finster sah er den Kerl an, als der zu ihm aufschaute.

Ariana, die dem Fremden eben ein schüchternes: »Hi«, zugemurmelt hatte, spähte über die Schulter. »Ich bin unterwegs«, verkündete sie. »Bis später.«

Ehe er etwas erwidern konnte, war sie aus dem Haus verschwunden und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Victor runzelte unzufrieden die Stirn, während er zurück in die Küche ging. Es gefiel ihm nicht, dass sie bei den kühlen, herbstlichen Temperaturen kaum genügend Stoff trug, um ihren Körper angemessen zu bedecken. Dass sie so gutgelaunt tat und ihn zugleich mied. Victor fühlte sich ungerecht behandelt. Und dann war da noch die Kleinigkeit, dass sie von irgendeinem Typen abgeholt wurde, der sie mit Blicken auszog und die Dreistigkeit hatte, ihm ins Gesicht zu grinsen. Victor ballte die Hände zu Fäusten. Nein, er war nicht zufrieden.

Sobald er sich wieder gesetzt hatte, zwang er sich, weiter Zeitung zu lesen.

Es wollte ihm nicht gelingen. Frustriert faltete er sie zusammen und sagte sich dabei, dass seine Gefühle unsinnig waren. Sie war ihm nichts schuldig, die beiden verband nicht einmal eine Freundschaft. Wieso war er so missgünstig, weil sie die Zeit mit diesem Fremden verbrachte und nicht mit ihm? Er sollte dringend seine Prioritäten klären.

Um sich abzulenken, ging er in den Garten. Er musste sich körperlich betätigen, sonst würde sich die Aggression nur in ihn hineinfressen. Dafür, sie zu ignorieren, war es zu spät. Also zog er die Axt aus dem Baumstumpf und hackte Holz, bis es nichts mehr gab, das gespalten werden konnte. Dann schichtete er die Scheite fein säuberlich neben dem Haus auf, harkte Laub und setzte den Komposthaufen um.

Als das getan war, war bereits früher Abend. Den ganzen Tag über hatte er Ariana nicht zu Gesicht bekommen. Allmählich machte Victor sich Sorgen. In Gedanken versunken ging er zurück ins Haus. Im Eingangsbereich zog er sich Schuhe und Jacke aus und spähte dabei durch die schmalen Glasfenster neben der Tür. Die Straße war leer, keiner zu sehen. Das ungute Gefühl in seiner Magengegend verstärkte sich.

Weil er ahnte, dass es ihn beruhigen würde, zog er sein Handy. Er kam sich übervorsichtig und kontrollsüchtig vor. Trotzdem rief er an. Er hörte es klingeln, bis sich die Mailbox einschaltete und ihre fröhliche Stimme ihm mitteilte, dass er gern eine Nachricht hinterlassen könnte. Victor legte auf.

Tief atmete er durch. War es zu viel verlangt, zu erfahren, wo sie war? Vermutlich. Sie war erwachsen und ihm keinerlei Rechenschaft schuldig.

Aber sie wohnten zusammen. Wäre es dann nicht nur fair, ihn zu informieren, wenn sie nachts das Haus verließ? Er sorgte sich zunehmend und wenn er über Nacht fort wäre, hätte er ebenso den Anstand, das zu kommunizieren. Weil diese Absprachen wichtig waren. Weil man so Respekt gegenüber seinen Mitbewohnern zeigte.

Zähneknirschend schrieb er, dass sie sich bitte melden sollte. Dann ging er ins Bad, stellte sich unter die Dusche und wusch sich den Schweiß von der Haut, ehe er sich in Jogginghose und Pullover kleidete.

Er hielt das Warten nicht aus. Ein Blick auf das Display verriet ihm, dass sie nicht geantwortet hatte. Victor wählte ihre Nummer erneut. Es klingelte. Niemand hob ab.

Das gefiel ihm nicht. Victors Frust war längst in Sorge umgeschwungen. Sie nagte an seinen Nerven. Er beschäftigte seine Hände damit, den Kamin zu befüllen und das Feuer zu entfachen, doch seine Ohren lauschten auf jedes kleinste Geräusch, auf dass er sofort mitbekäme, wenn Ariana zurückkehrte. Aber kein Schlüssel wurde ins Schloss geschoben. Kein Klicken der Haustür ertönte.

Während das Feuer im Kamin das Wohnzimmer erhellte, ging Victor rastlos zurück zum Flur und dort zu den schmalen Fenstern neben der Tür. Er warf einen Blick hinaus. Draußen war inzwischen tiefste Nacht hereingebrochen. Von den Straßenlaternen fiel spärliches Licht in kleinen Kegeln auf den Asphalt und blieb liegen. Niemand war zu sehen.

Victor fragte sich, ab wann es vertretbar wäre, die Polizei zu rufen. Er ahnte, dass er übertrieb, und mahnte sich zu Geduld. Ariana war erwachsen.

Trotzdem war da diese Rastlosigkeit in seiner Brust. Sorge, die sich vor Schmerz in neuen Frust wandeln wollte. Als er sich mit aufgewärmtem Essen vom Vortag auf dem Sofa niederließ und auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers starrte, ging sein Blick zur Uhr. Es war beinahe elf.

Verärgert darüber, dass es ihn derart belastete, schaltete Victor den Fernseher an und zappte sich durch die Kanäle, während er aß. Es lief nichts, was ihn ausreichend beschäftigen konnte. Seine Gedanken wanderten immer wieder zu Ariana und zu der Frage hin, wo sie war und ob es ihr gutging.

Als die Uhr Mitternacht schlug und er eine Tür ins Schloss fallen hörte, war er auf den Beinen, bevor er wusste, wie er ihr entgegentreten wollte. Die vergangenen Stunden hatten seine Nerven wundgerieben und er war gereizt von der durchlebten Hilflosigkeit. In langen Schritten durchmaß Victor das Wohnzimmer und ging in den Flur. Als er Ariana leibhaftig vor sich stehen sah, fühlte er Erleichterung, doch sie wurde überlagert von dem giftigen Emotionsgemisch aus Angst, Kontrollverlust und Wut, das ihn in Atem hielt.

»Wo bist du gewesen?«, fuhr er sie an. »Ich habe dich angerufen. Mehrmals. Hast du eine Vorstellung davon, wie spät es ist?« Sein Ton war schärfer als gewöhnlich und er bemerkte die untypische, väterliche Strenge darin selbst. Gut so.

Ariana zuckte zurück, als hätte er sie geohrfeigt. Es schien ihr die Sprache verschlagen zu haben. Sie starrte ihn einen Moment an, flach atmend und mit verschrecktem Gesichtsausdruck.

Die Stille nutzend, fuhr Victor entschieden fort: »Ab sofort wirst du mir sagen, wohin du gehst und wann du zurückkommst. Hast du verstanden?«

Wütend funkelte er sie an, als erwartete er ebenjene Aufmüpfigkeit, die sie zuvor dazu veranlasst hatte, zu verschwinden. Ja, er fühlte sich ausgenutzt in seiner Freundlichkeit. Sie hatte keine Ahnung, was ihre Handlungen mit ihm anstellten! Welche Sorgen er sich gemacht hatte! Wusste sie überhaupt zu schätzen, was für ein Entgegenkommen er für sie geleistet hatte?

Seine bitteren Gedanken hielten inne, als Ariana statt einer frechen Erwiderung stumm nickte. »Okay.« Ihre Stimme klang erstickt. Sie zitterte und legte sich die Hände um die Oberarme, als wollte sie sich wärmen.

Victors Ärger flaute ab, als er Tränen in ihren Augen sah. Und erst jetzt fiel ihm auf, wie emotional er sie angefahren hatte. Augenblicklich befiel ihn ein schlechtes Gewissen. Er hatte sie nicht zum Weinen bringen wollen. Es war nicht seine Art, jemandem Schmerz zuzufügen, nur weil er selbst gelitten hatte.

Als ihr ein mühsam unterdrücktes Schluchzen entwich und sie verstohlen versuchte, die Tränen wegzuwischen, die ihr über die Wangen liefen, verschwand auch das letzte bisschen Wut aus Victor.

»Tut mir leid«, sagte er mit deutlich sanfterer Stimme und trat auf sie zu. »Du hast mir nur einen Schrecken eingejagt.« Victor legte ihr die Hände auf die zitternden Schultern. »So grob hatte ich es nicht ausdrücken wollen. Ab sofort informieren wir einander, wohin wir gehen, wenn es länger dauert. In Ordnung?«

Ariana nickte. Zu seiner Überraschung drängte sie sich näher in die beginnende Umarmung und ehe er sich versah, hatte er sie im Arm. Ariana drückte das tränennasse Gesicht in seinen Pullover und grub die Hände auf Bauchhöhe hinein, als müsse sie sich festhalten. Instinktiv zog Victor sie zu sich heran. Ihre Reaktion überraschte ihn.

»Kein Grund, zu weinen. Ich bin nicht mehr wütend«, sagte er besänftigend.

Stockend holte sie Luft. »Das ist es nicht«, murmelte sie so leise, dass er sie kaum verstand.

»Nicht?« Victor drückte sie an sich.

Sie zitterte wie Espenlaub. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es nicht an der Kälte und ihrer knappen Bekleidung lag. Und wenn nicht sein Ausbruch von eben daran schuld war, was dann?

Statt einer Antwort erhielt er langes Schweigen und ein betretenes Kopfschütteln, während sein Pullover von weiteren Tränen durchnässt wurde.

»Prinzessin«, sagte Victor sanft, weil er ihre Trauer nicht ertrug. Sie war so aufgelöst und betrübt, dass er automatisch auf den alten Kosenamen zurückgriff. »Möchtest du mir nicht erzählen, was dich bedrückt?«

Ariana nahm einen tiefen Atemzug. Dann hob sie den Kopf und trat zurück. Ihre Unterlippe zitterte. »S-Simon und ich haben … uns gestritten«, flüsterte sie und trocknete sich die Wangen mit den Handflächen, bevor sie mit den Zeigefingern unter ihren Augen entlangfuhr, um die verlaufene Schminke wegzuwischen.

In Victors Brust versteifte sich etwas zu einem kalten Knoten. Er nickte aufmerksam und ignorierte das Gefühl, das die Erwähnung des Jungen mit sich brachte, der sie heute abgeholt hatte. »Das tut mir leid«, sagte er, weil er ahnte, dass es angebracht war.

Arianas Gesicht war vor Aufregung ganz gerötet. Sie biss sich in die Unterlippe.

Victor, der das Gefühl nicht loswurde, dass das nicht alles war, fragte: »Worüber habt ihr euch gestritten?«

Seine Frage führte dazu, dass Ariana in sich zusammensank. »Er hat …« Ihr Atem beschleunigte sich erneut. Er wurde flach, beinahe panisch. Flüsternd fuhr sie fort: »Er hat nicht aufgehört.« Das Zittern kehrte deutlich in ihre Schultern zurück.

In Victors Magengegend verhärtete sich der Knoten. »Womit?«, fragte er leise und hoffte, dass sich sein Gefühl nicht bestätigte.

»Mit… mit …«, stammelte Ariana, doch sie brachte es nicht über sich, es auszusprechen. Ein hilfesuchender Blick in seine Richtung. Dann warf sie sich ihm wieder in die Arme.

Victor entwich bei dem Aufprall überrascht die Luft aus den Lungen. Er fühlte, wie sie die Hände in seinen Pullover krallte und sich an ihn drückte, als wollte sie sich verstecken. Ein neues Schluchzen ertönte. Victor legte die Arme um ihre zierliche Gestalt, während er sich ausmalte, womit dieser Simon nicht aufgehört hatte. Giftige Galle stieg in ihm auf.

»Wir haben uns geküsst«, schluchzte Ariana und jetzt brachen alle Dämme. »Er sagte, er wollte mehr, und fing an, mich anzufassen. Als ich meinte, dass ich das nicht will, hat er es ignoriert.« Sie holte zittrig Luft, ehe sie mit belegter Stimme fortfuhr: »Ich habe ihn von mir gestoßen und ihm gesagt, dass ich es ernst meine, aber er zog mich zurück und dann … dann …« Eine neue Tränenwelle übermannte sie und Ariana vergrub das Gesicht in Victors Pullover.

Eisige Wut bemächtigte sich seiner. Der aufsteigende Hass verengte ihm die Brust. Victors Muskeln spannten sich. Wenn er diesen Simon in die Finger bekäme …

Zornig und rachsüchtig malte er sich aus, wie er den jungen Mann zerstören könnte, bis Ariana wisperte: »Victor?«

Die Art, wie sie seinen Namen aussprach, zog ihn aus den Mordfantasien. Während er zu ihr hinunterschaute, bemerkte er, dass er sie immer enger an sich gepresst hatte. Augenblicklich lockerte er den Griff.

»Ich bin froh, dass du jetzt hier bist«, sagte er beherrscht und holte tief Luft. »Du weißt, dass wir die Polizei rufen sollten, nicht wahr?«

Ariana schüttelte den Kopf. »Nicht nötig.« Unsicher schaute sie zu ihm auf. »Er kam nicht weit. Ich habe ihm das Knie zwischen die Beine gerammt, bevor …«

Bei ihren Worten verfinsterte sich Victors Blick erneut. Nicht, weil er nicht stolz darauf war, dass Ariana sich so wirkungsvoll verteidigt hatte. Sondern weil der Satz verdeutlichte, wie knapp sie einer hässlicheren Situation entronnen war.

Victor nickte. Er beschloss, es für heute Abend dabei bewenden zu lassen. Ariana war schon aufgewühlt genug. Er würde sie jetzt nicht mehr dazu zu überreden versuchen, diesen Mistkerl seiner gerechten Strafe zuzuführen.

Stattdessen ließ er sie los und legte ihr eine Hand auf die gerötete Wange. »Wie geht es dir? Bist du unversehrt?«

»Ja.« Ariana senkte den Kopf. »Es war nicht … nicht weiter schlimm.«

Victor runzelte die Stirn. Für ihn war es mehr als schlimm. Sowas durfte nicht kleingeredet werden. Doch weil er sie nicht zusätzlich belasten wollte, beließ er es vorerst dabei.

Stattdessen fragte er: »Was hältst du von einer Tasse Tee?«

Ariana nickte. Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu – und er machte sich auf, um eine kleine Aufgabe zu erfüllen, die vielleicht keine Gerechtigkeit in die Welt brächte, aber wenigstens Arianas wunde Nerven nach diesem Erlebnis ein wenig beruhigte.

Während Victor in der Küche stand und auf den Wasserkocher wartete, versuchte er, es zu verarbeiten. Die Wut war verraucht. Übrig geblieben war die Erleichterung darüber, dass Ariana gesund und wohlbehalten zu Hause eingetroffen war.

Dafür hielt eisige Abscheu seine Eingeweide im kalten Griff und seine Mordfantasien waren zurückgekehrt. Er wollte diesem Simon so gern einen Denkzettel verpassen, der ihm lehrte, Frauen mit dem nötigen Respekt zu behandeln.

Zugleich war er unendlich dankbar, dass Ariana die Möglichkeit und die Stärke gehabt hatte, sich selbst zur Wehr zu setzen. Da war niemand zu ihrer Rettung gekommen und obwohl sich Victor nun wünschte, er wäre da gewesen, wollte er doch nicht aberkennen, dass sie sich allein sehr wirkungsvoll befreit hatte. Er hoffte trotzdem, dass ihr solche Momente in Zukunft erspart bleiben würden.

Gedankenverloren zog Victor die Teebeutel aus der Tasse und reichte Ariana ihren Kamillentee.

»Danke«, sagte sie verhalten.

Warm lächelte er sie an. »Gern.«

Sie trank ihren Tee in Schweigen. Victor entging nicht, dass ihre Miene trübsinnig wurde, wann immer sie glaubte, er würde es nicht bemerken. Sicher ging sie die Erinnerungen unentwegt durch.

Als sich ihre Tasse sichtlich geleert hatte, straffte er die Schultern. Sanft sagte er: »Es ist spät. Du solltest ins Bett gehen und versuchen, ein wenig zu schlafen. Gute Nacht.«

Er war schon ins Wohnzimmer getreten, als er Ariana erneut verhalten fragen hörte: »Victor?«

Es ließ ihn in der Bewegung verharren. Seine Brust wurde warm. Victor wandte sich zu ihr um und schaute sie aufmerksam an.

Sie hatte den Kopf gesenkt und drehte die leere Tasse zwischen den Fingern. »Ich … ich fühle mich allein.« Verstohlen spähte sie in seine Richtung. »Ich glaube, ich kann nicht in mein Zimmer. Da ist es dunkel.«

Victor kam zurück. »Wenn du möchtest, kannst du auf dem Sofa schlafen«, bot er an. »Lass den Fernseher laufen, bis du eingeschlafen bist. Das beruhigt.«

Abwehrend schüttelte Ariana den Kopf. »Ich denke nicht, dass das hilft. Kann ich vielleicht …« Mit vor Scham roten Wangen schaute sie zu ihm auf. »Kann ich bei dir schlafen?«

Es überraschte Victor. Er erinnerte sich an früher, als sie bei Albträumen ins elterliche Schlafzimmer gekommen war, um dort zwischen Evelyn und ihm zu schlafen. Es hatte etwas Nostalgisches, daran zu denken. Doch die Dinge hatten sich verändert. Sie war kein Kind mehr, so viel war offensichtlich.

Dennoch konnte er ihre Bitte nicht ausschlagen. Er rechtfertigte es vor sich selbst damit, ihr nur helfen zu wollen.

»Natürlich«, hörte er sich sagen und fragte sich zugleich, ob das eine gute Idee war. »Komm.«

Sein Bett war groß – nicht pompös, aber auch nicht bescheiden. Definitiv bot es genügend Platz, damit sich zwei Menschen, die darin schliefen, nicht einmal ansatzweise berührten. Und trotzdem lag Ariana mit dem Kopf auf seiner Brust und hatte den Arm auf seinem Bauch platziert. Gedankenverloren strichen ihre Finger über seine Seite. Seine Hand lag auf ihrer Schulter.

Es war intimer, als Victor erwartet hatte. Während er, wie gewöhnlich, nur eine Pyjamahose zum Schlafen trug, war sie in weitem T-Shirt und Hotpants bei ihm aufgetaucht. Jetzt, da sie sich an ihn schmiegte, konnte er ihre Wärme spüren und wie weich ihr Körper sich an seinen drückte. Der Duft ihres Shampoos stieg ihm in die Nase.

Victor war sich nicht sicher, was all die Eindrücke in ihm auslösten. In den letzten Tagen hatte er sich verstärkt bei dem Gedanken ertappt, dass er sie gern umsorgte und behütete. Dass er ihr alles geben wollte, was sie brauchte. Es war offensichtlich, dass sich sein Bewusstsein an früher erinnerte.

Aber da war noch mehr. In ihm rangen sonderbare Empfindungen um seine Aufmerksamkeit. Er bekam sie nicht zu fassen.

Victor gab es auf, sie einfangen zu wollen, nachdem er es einige Zeit ohne Erfolg versucht hatte, und mahnte sich, zu schlafen.

Ariana

Am nächsten Morgen wachte Ariana in einem leeren Bett auf. Sie war froh darum. Im Nachhinein war es ihr peinlich, dass sie zu Victor gerannt gekommen war wie ein kleines Kind, das nicht allein schlafen konnte. So bedürftig und schwach hatte sie nicht wirken wollen. Ja, was Simon getan hatte, war erschreckend gewesen. Er hatte sich über ihre Grenzen hinweggesetzt. Aber sie war mit der Situation alleine zurechtgekommen und hatte keinen Grund gehabt, sich deshalb weinerlich an ihren früheren Pflegevater zu klammern – auch wenn sie zugeben musste, dass es gutgetan hatte, von ihm getröstet zu werden.

Victor war den ganzen Sonntag über gewohnt aufmerksam und rücksichtsvoll. Ariana hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihm seine Freundlichkeit nicht angemessen vergelten konnte. Fürs Erste begnügte sie sich mit dem Vorsatz, ihm keinen Ärger zu bereiten. So aufgebracht wie gestern hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie nahm sich vor, ihm künftig mehr entgegenzukommen.

Zudem schlug sie sein erneutes Angebot, die Polizei zu involvieren, aus. Ariana wollte es nicht künstlich aufbauschen. Sie hatte sich erfolgreich zur Wehr gesetzt, es war alles gesagt. Sie wollte sich nicht mehr als nötig damit beschäftigen. Ein abschließendes, rügendes Gespräch mit Simon am Montag in der Uni würde ausreichen, um die Sache ein für alle Mal hinter sich zu lassen.

Umso frustrierter war sie, als Simon nicht in der ersten Vorlesung auftauche. Ebenso wenig in der zweiten. Ariana hatte sich schon mental darauf vorbereitet, ihm die Leviten zu lesen, doch ihre Erwartungen an eine befreiende Szene wurden enttäuscht.

Beim Mittagessen erzählte sie Jonas in allen Einzelheiten davon. Er war ein Kindheitsfreund. Sie hatten dieselbe Grundschule besucht und waren damals unzertrennlich gewesen. Weil seine Familie nach Boston gezogen war, hatten sie sich aus den Augen verloren. Lange Jahre hatte sie nichts von ihm gehört. Social Media hatte sie vor einigen Monaten wieder zusammengebracht und jetzt, da sie auf die gleiche Uni gingen, war es, als wären sie nie getrennt gewesen. Ariana glaubte nicht an Schicksal, aber das hier war etwas Besonderes. Jonas war aufgetaucht, als sie ihn am dringendsten gebraucht hatte, als Konstante in ihrem gerade sehr turbulenten Leben.

Gemeinsam schwelgten sie in Ideen, was Ariana sagen und tun könnte, sobald sie Simon stellen würde. Solche Gedankenspiele taten ihr gut, denn obwohl sie es nicht zugeben wollte, saß ihr der Schreck noch in den Knochen. Sie feilten an der Predigt, die sie ihm halten wollte. Zugleich fragte sich Ariana, ob sie, wenn sie später aufeinandertreffen würden, den Mut aufbringen konnte, ihm all das an den Kopf zu werfen, was sie sich ausgemalt hatte. Sie hoffte es. Sonst würde er es nie lernen.

Als der gute Freund, der Jonas war, bot er ihr an, den Nachmittag gemeinsam zu verbringen. Ariana stimmte nur zu gern zu. Zu Hause wäre sie allein. Victor würde erst am frühen Abend heimkommen.

Als die letzte Vorlesung geendet hatte, fuhren sie mit dem Bus zum Haus.

Sobald sie drinnen waren, stieß Jonas einen anerkennenden Pfiff aus. »Du hast es nicht schlecht getroffen«, stellte er fest, während sein Blick durch den Flur wanderte, die Treppenstufen hinauf und hinunter und dann geradezu durch die Tür, hinter der Wohnzimmer und Küche lagen.

Ariana musste grinsen und stieß ihm spielerisch den Ellbogen in die Seite. »Übertreib es nicht«, warnte sie ihn, ehe sie sich an ihrer gewohnten Stelle die Turnschuhe von den Füßen streifte. »Es gehört mir schließlich nicht.«

Jonas nickte und zog seine Jacke aus. Offensichtlich konnte er sich nicht sattsehen. »Mag sein«, erwiderte er grinsend. »Aber wenn ich du wäre, würde ich es auskosten, solange es geht.«

Ariana musste lachen. Sie schüttelte den Kopf.

»Ist er reich oder so?«, fragte Jonas neugierig, während sie in die Küche schlenderten. Sein Blick blieb an dem edlen Sofa hängen und wanderte dann zur schicken Einbauküche.

Dadurch, wie bewundernd er alles aufnahm, wurde Ariana wieder klar, wie gut es ihr hier ging. Sie hatte Glück, dass ihre Mom sie von allen möglichen Exfreunden gerade Victor anvertraut hatte.

»Ich denke nicht«, sagte sie nachdenklich, nahm zwei Gläser aus einem der Küchenschränke und goss Wasser ein. Sie reichte Jonas eines. »Er ist Manager in höherer Position. Macht irgendwas mit erneuerbarer Energie oder so.«

Jonas nickte weltmännisch. »Das erklärt es«, behauptete er und ging zum Sofa. Er warf sich lässig hinein. »Im oberen Management verdient man nicht schlecht.«

Ariana setzte sich neben ihn. »Kann sein.«

Jonas warf ihr einen prüfenden Blick zu und zuckte schließlich mit den Schultern. »Na, auf jeden Fall ist klar, wo wir zukünftig für die Prüfungen lernen.«

»Mach es dir hier nicht zu gemütlich.«

Feixend pikste ihm Ariana mit dem Zeigefinger in den Bauch, woraufhin er zusammenfuhr und dann lachte. Sie lachte mit ihm. Seine Gesellschaft war ihr eine der liebsten. Seit ihren Kindertagen hatte sich das nicht verändert.

»Also dann«, sagte Jonas mit neuem Tatendrang und langte nach dem Laptop in seiner Tasche. »Wollen wir anfangen?«

Mit einem leidenden Seufzen sank Ariana gegen die Sofalehne. »Wenn es sein muss.«

Victor

Als Victor an diesem Abend die Haustür aufschloss, vernahm er Lachen und angeregtes Geplauder aus dem Wohnzimmer. Das war ungewohnt. Ariana hatte bisher keine Freunde vorbeigebracht.

Er legte Mantel und Schuhe im Flur ab und kam dabei nicht umhin, den beiden zuzuhören. Aus der Unterhaltung entnahm er, dass ihr Jonas Gesellschaft leistete. Victor erinnerte sich an den Jungen. Ein Sandkastenfreund. Ariana hatte ihm am Rande erzählt, dass sie wieder Kontakt hatten.

Victor würde ihn im Auge behalten. Noch so eine Enttäuschung wie mit Simon sollte sie nicht erleben. Und das war das Mindeste, was er tun konnte. Er hatte sich geschworen, sie zu schützen und zu unterstützen, wo er nur konnte. Also nahm er einmal mehr die Rolle des wachsamen Vaters an, schob die angelehnte Tür auf und baute sich in einigem Abstand vor dem Sofa auf.

Sein Erscheinen blieb nicht unbemerkt. Die beiden schauten von dem Laptop auf, der auf Arianas Schoß gelegen hatte, und Jonas nahm seinen Arm von ihrer Schulter. Victors Augen verengten sich. Oh, es war so eindeutig. Der verblüffte, leicht schuldbewusste Blick, den der Junge ihm zuwarf. Die Art, wie sie so nah beieinandersaßen, dass ihre Oberschenkel sich berührten. Die Tatsache, dass Jonas hastig von Ariana fort rutschte.

»Guten Abend«, sagte Victor gebieterisch.

»Hallo, Victor«, grüßte Ariana ihn mit einem unschuldigen Lächeln.

»Hallo, Mr. Brooks.« Jonas erhob sich eilig, trat um den Wohnzimmertisch herum und reichte ihm die Hand.

Victors Aufmerksamkeit glitt langsam die schlanke Gestalt hinab, über das braune, kurze Haar, die grünen Augen, die Sommersprossen, die eher durchschnittliche Kleidung und die schwachen Muskeln, die sie zu verbergen suchten. Der junge Mann schien unter seinem prüfenden Blick peinlich berührt zu sein.

»Schön, dich wiederzusehen, Jonas«, behauptete Victor ohne ein Lächeln und ergriff die Hand für ein kurzes Händeschütteln. Der Griff des Jungen war weich. Viel zu lasch.

Jonas wich Victors Blick aus und trat einen Schritt zurück. »A-Also …«, sagte er an Ariana gewandt. Er klang nervös. »Wir waren eh gerade fertig. Dann gehe ich jetzt.«

»Ist gut.« Ariana erhob sich, klappte den Laptop zu und reichte ihn Jonas, der ihn in seine Tasche schob. Sie begleitete ihn in den Flur, wo er sich seinen Mantel überwarf und die Schuhe anzog.

Victor folgte ihnen. Er blieb in der Tür stehen. Etwas Besitzergreifendes begann, in seinen Eingeweiden zu brodeln. Vielleicht war es ein wachsames Verantwortungsgefühl oder Sorge. Er konnte es nicht greifen. Was er aber merkte, war, dass es ihn rastlos und herrisch werden ließ.

Als Jonas schließlich mit Tasche und Mantel an der Tür ankam, meinte Victor schon, ihn gleich los zu sein. Stattdessen blieb der Junge stehen, wandte sich um und fragte: »Ach, Riri, wollen wir Samstag …«

»Samstag ist sie verplant«, unterbrach Victor ihn schneidend, während er fühlte, wie es ihm einen Stich versetzte, dass Jonas sie Riri nannte. Die Kindheitsfreundschaft war wohl sehr rasch wieder aufgeflammt. Warum nur kam es ihm nun so vor, als würde Jonas es ihm mit diesem alten Spitznamen unter die Nase reiben wollen?

Dass er so schnell einen Riegel vorgeschoben hatte, ließ den jungen Mann verunsichert zurückzucken. »Oh, ich …«, murmelte er peinlich berührt.

Während sich Victor bereits darüber freute, Jonas in die Schranken gewiesen zu haben, warf ihm Ariana über die Schulter einen entrüsteten Blick zu. »Bin ich nicht!«

»Bist du«, sagte Victor entschieden. »Wir haben etwas zu erledigen.«

Ariana runzelte die Stirn.

Und Jonas hob an: »Wir können uns abends treffen, wenn …«

»Abends ist sie ebenfalls beschäftigt«, blockte Victor den Vorstoß ab, im nachdrücklichen Ton des wachsamen Vaters. Dafür erntete er einen weiteren, bösen Blick Arianas.

Jonas kam nicht mit dem herben Gegenwind zurecht. »Oh … in-in Ordnung. Dann … dann gehe ich mal.« Und mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich, bevor Ariana noch etwas sagen konnte.

Sie wirbelte herum und funkelte Victor so zornig an, dass seine kurze Euphorie darüber, ihn vertrieben zu haben, jäh abflaute. Er wunderte sich, was in ihn gefahren war.

»Was fällt dir ein, so über mein Leben zu bestimmen?«, fragte Ariana anklagend.

Victor atmete tief durch.

Er würde jetzt nicht einknicken oder sich gar rechtfertigen. Ruhig schritt er auf sie zu und baute sich vor ihr auf, sodass ihr Größenunterschied deutlicher zu Tage trat. Victor überragte sie um mindestens einen Kopf.

»Findest du nicht, dass du nach deinem letzten Erlebnis erst einmal eine Pause von aufdringlichen jungen Männern brauchst?«

Unter seiner finsteren Ausstrahlung schrumpfte Ariana in sich zusammen, doch tapfer reckte sie das Kinn. »Was geht dich das an?«, fragte sie dickköpfig. »Ich bin alt genug, um selbst auf mich aufzupassen!«

Victor knirschte mit den Zähnen. »Dieser Jonas …«, begann er stirnrunzelnd.

»Jo ist ein Kindheitsfreund«, erwiderte Ariana knapp. »Er ist der Letzte, dem ich etwas Schlechtes zutrauen würde.«

Victor hielt die strenge Miene aufrecht. »Es gefällt mir nicht. Du bist zu unvorsichtig und naiver, als gut für dich ist.«

»Nein, du bist unnötig besorgt«, murrte Ariana bockig und trat mit einem Seufzen einen Schritt zurück. Von seinem Gebaren schien sie nur ein wenig eingeschüchtert. Stattdessen jammerte sie vorwurfsvoll: »Was soll ich denn jetzt am Samstag unternehmen? Du hast mich um ein Treffen mit meinem besten Freund gebracht.« Ihre Wut wich ehrlicher Enttäuschung.

Victor beschlich ein schlechtes Gewissen. Entschieden schob er es von sich.

»Wir werden einkaufen gehen.«

Ariana rümpfte die Nase. »Ehm … toll?«, grummelte sie, mäßig begeistert. »Ich glaube kaum, dass wir dafür einen ganzen Tag brauchen werden.« Ihre Stimmung drohte ins Genervte abzurutschen.

Offensichtlich rechnete sie mit dem üblichen Wocheneinkauf. Victor schmunzelte amüsiert.

»Kein Essen. Kleidung.«

Verdutzt schaute Ariana auf. »Kleidung?«, wiederholte sie irritiert. »Du gehst mit mir shoppen?«

»Das ist notwendig. Es ist bald Winter. Du hast nicht einmal einen anständigen Mantel, geschweige denn Schuhe, die warm genug sind.«

Seine Worte machten Ariana sprachlos. Sie nickte.

Der Samstagmorgen war verregnet und hässlich. Wetter, bei dem Victor sonst pflegte, durch den Park zu joggen, um sich danach mit einer heißen Dusche zu belohnen. Aber nicht heute. Weil er inzwischen wusste, wie wenig Materielles Ariana besaß, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, ihr den kompletten Inhalt eines üppig gefüllten Kleiderschrankes zu besorgen.

Er fuhr sie in seinem silbernen Aston Martin in die Innenstadt. Auf dem Weg entging ihm nicht, dass Ariana an ihrem Handy hing. Eigentlich hatte er gehofft, sie könnten ein wenig Zeit miteinander verbringen, doch sie wirkte abwesend. Hin und wieder kicherte sie. Vermutlich schrieb sie mit einem der Freunde, die sie in der alten Heimat hatte zurücklassen müssen. Oder mit Jonas.

Der Gedanke verbesserte Victors Stimmung nicht gerade. Die war ohnehin im Keller. Nicht nur, dass das Wetter nicht mitspielte und sie von Kaufhaus zu Kaufhaus eilen müssten, um nicht nass zu werden, nein, Ariana zog es vor, ihn zu ignorieren, und schrieb stattdessen pausenlos Textnachrichten.

Verstimmt aber fest entschlossen, den Tag noch zum Angenehmen zu wenden, parkte Victor seinen Wagen in der Tiefgarage eines Kaufhauses. Als der Motor verstummte, sah Ariana endlich von ihrem Handy auf.

»Bereit?«, fragte Victor und lächelte angestrengt.

»Immer.« Sie steckte ihr Handy in die Handtasche und folgte ihm aus dem Wagen.

Victor führte sie in das erste Bekleidungsgeschäft. Er hielt die schwere Glastür auf und ließ Ariana mit einer einladenden Geste vor sich eintreten.