3,99 €
Zwischen Wüstensand und Sehnsucht Was als Schiffsreise durch den sagenumwobenen Orient beginnt, wird für Clemens Wagner zum Wendepunkt seines Lebens. Zwischen luxuriösen Städten, endlosen Wüsten und fremden Kulturen begegnet er Faris, einem geheimnisvollen Mann aus dem Oman. Aus vorsichtiger Neugier entsteht Nähe, aus Nähe eine Liebe, die unter ganz besonderen Vorzeichen steht. Denn Faris’ Herkunft und die gesellschaftlichen Regeln seiner Welt stellen ihre Beziehung früh auf eine harte Probe. Je tiefer Clemens in diese fremde Welt eintaucht, desto deutlicher wird, dass Liebe Mut verlangt. Mut, sich selbst zu hinterfragen. Mut, loszulassen. Und Mut, für das eigene Glück einzustehen, selbst wenn der Preis hoch ist. Dieser MM Romance Roman ist für alle, die emotionale Liebesgeschichten mit exotischem Setting, kultureller Tiefe und leiser Intensität lieben. Umfang ca. 50’000 Worte. Tropes Forbidden Love Cultural Differences Slow Burn Romance Fish out of Water Exotic Setting Emotional Journey Gay Romance
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Marc Weiherhof
Damals im Orient
Eine Gay Romance
© 2017 Marc Weiherhof
Behind Weiherhof | Parkallee 46 | 8952 Schlieren | SCHWEIZ
Web: http://www.marc-weiherhof.ch
E-Mail: [email protected]
Coverdesign: Marc Weiherhof
Coverfotos: Marc Weiherhof & http://de.123rf.com
Das Werk, einschließlich aller Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und oder des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliches zugänglich machen. Alle Figuren und Ereignisse im Buch sind freie Erfindungen des Autors. Übereinstimmungen mit realen Personen oder Ereignissen wären rein zufällig.
Inhaltsangabe
Was als Schiffsreise durch den sagenumwobenen Orient beginnt, endet in einem romantischen Abenteuer und verändert das Leben von Clemens Wagner nachhaltig. Das Schicksal führt ihn mit dem geheimnisvollen Omani Faris zusammen, dessen Herkunft zur Zerreißprobe für die junge Beziehung wird.
Eine hochemotionale Reise durch das ferne Morgenland, die beweist, dass kulturelle Unterschiede kein Hindernis für die Liebe darstellen.
Danksagung
Schreiben musste ich meinen neuen, schwulen Roman natürlich allein, aber dank der tatkräftigen Unterstützung von vier unheimlich lieben Menschen, ist er zu etwas ganz Besonderem geworden. Ein herzliches Dankeschön an Diana, Doris, Moni und Silvia. Es ist schön zu wissen, dass ich Freundinnen habe, die ihre kostbare Freizeit für mich und meine Bücher opfern. Ihr seid fantastisch.
Bemerkungen
Bürgerinnen und Bürger des Sultanats Oman nennen sich Omanerinnen, beziehungsweise Omaner. Der Einfachheit halber habe ich mich für die Bezeichnung Omani entschieden.
Ich freue mich, dass du dir entweder das E-Book oder Taschenbuch von ‚Damals im Orient’ gekauft hast. Über ein Feedback in Form einer Rezension freue ich mich riesig. Wenn du magst, folge mir auf Facebook oder sonstigen Social-Media-Kanälen wie Twitter oder YouTube.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Die Sonne gleicht einem glühenden Feuerball, während sie über das wolkenlose, stahlblaue Firmament gleitet, um ihre Kraft mit der Welt zu teilen. Ihre wärmenden Strahlen verzaubern ausnahmslos alles, was von ihnen gestreichelt wird. Gefühlt so nah und doch Lichtjahre entfernt, begleitet uns der langsam verglühende Stern an jedem einzelnen Tag unseres Lebens. Dieser strahlend sonnige Tag verleiht dem Ort an den üppig blühenden Ufern des Zürichsees einen außergewöhnlichen Charme. Rapperswil, eine malerische Kleinstadt in der sanft geschwungenen Landschaft, ist in die schönsten Farben getaucht.
Alles blüht.
Die Wiesen stehen in saftigem Grün, die Blätter der Bäume keimen und die Blumen übertreffen sich gegenseitig in Form und Farbe. Libellen gleiten über das sich leicht wellende Wasser des Sees und Bienen schwirren durch die Luft. Emsig sammeln sie köstlichen Nektar und fliegen zwischen den Blütenkelchen hin und her. Ihre Hinterbeine sind mit Pollen bedeckt und schimmern in einem satten Gelb, das mit dem der Sonne konkurriert. Die alten, aber stets gepflegten Raddampfer versuchen verzweifelt die Menschenmassen aufzunehmen, die sich auf den hölzernen Schiffsstegen sammeln und auf den See hinausfahren wollen. Im Wasser vor dem felsgesäumten Ufer ziehen majestätische Schwäne ihre Bahnen. Sie recken ihre langen Hälse gierig in die Höhe, um von den vorbeischlendernden Menschen Brotkrümel zu erhaschen. Schnatternd tauchen sie nach dem Backwerk und kämpfen um das Futter.
Der Winter, die harte Zeit des Hungerns, ist vorbei.
Der erwachende Frühling 2050 hat das Land, die Tiere und die Menschen fest im Griff, weckt ihre Lebensgeister. Die geschmackvoll eingerichteten Außenbereiche der Restaurants und Bars an der Seepromenade verwöhnen ihre Gäste mit Leckereien und erfrischenden Getränken. Eine leichte Brise weht durch die Blätter und lässt sie im Wind rascheln. Schwalben ziehen ihre Kreise über dem mit Jachten und Booten bestückten Hafenbecken. Hoch über den Ziegeldächern der Stadt thront, einem Bollwerk der Gezeiten gleich, die mächtige Burg und erinnert an längst vergangene Tage. Die Rosen in den Burggärten blühen das erste Mal in diesem Jahr und verzaubern die Landschaft mit ihrem betörenden Duft, ihrer lieblichen Note. Zu Hunderten flanieren die Sonnenhungrigen über die Promenade, lassen sich von dem Zauber der Natur verwöhnen und mit neuem Lebensmut erfüllen. In Reih und Glied stehen die geschichtsträchtigen Stadthäuser. Sie beeindrucken mit ihren frisch gestrichenen Fensterläden und den roten Ziegeln. Fröhliches Kinderlachen hallt über die Spazierwege. In den Händen halten sie mit Eiskugeln und bunten Streuseln gefüllte Waffeln. Im ruhigeren Teil der Altstadt unterhalb der Burg stehen Tür an Tür die Riegelbauten, verbunden durch das uralte Gemäuer, das schon so viel gesehen und erlebt hat. Im Garten eines der Mittelhäuser, ein prachtvolles Haus mit weißer Fassade, den unverkennbaren roten Riegeln und bunten Geranienkästen vor den Fenstern, herrscht eine schon lange nicht mehr da gewesene Umtriebigkeit.
Ein Fest.
„Lieber Opa, erzähl mir nochmal die Geschichte, wie du damals Großvater kennengelernt hast. Bitte“, bettelt ein kleiner Junge mit blondem Haarschopf und Sommersprossen. Mit einer flinken Bewegung, die der Junge nicht vorausgeahnt hat, umfasst Clemens Wagner ihn an der Taille und hebt ihn hoch. Quiekend wie ein kleines Schweinchen, zappelt der kleine Mann in Clemens’ Armen.
„Schon wieder? Diese Geschichte hast du doch schon mindestens tausendmal gehört, mein Kleiner“, flüstert Clemens seinem Enkel ins Ohr und küsst ihn zärtlich auf die Wange. Dieser wehrt sich und versucht sich aus der Umarmung zu winden. Langsam setzt sich der Fünfundsechzigjährige auf einen Stuhl und nimmt den Jungen auf den Schoß. Der Kleine lehnt sich an seinen Opa, lässt sich von ihm halten und sich sanft hin und her schaukeln. „Weißt du was? Wir machen einen Deal, du und ich“, beginnt Clemens. Der Fünfjährige nickt eifrig. „Ich erzähle dir die Geschichte, wenn du das nächste Mal bei mir übernachtest. Jetzt gibt’s erst mal Kuchen.“
„Oh, ja. Darauf freue ich mich jetzt schon, Opa.“ Jauchzend springt er auf und rennt eine Runde um den kleinen Gartentisch.
„Na siehst du, mein Kleiner. Wusste ich doch, dass wir eine Lösung finden“, lacht Clemens und überspielt damit, wie es in seinem Innern aussieht. Er ist dankbar, dass er die Erzählung vertagen konnte, denn die Erinnerungen sind noch zu schmerzhaft. Jakob, Clemens’ Ehemann, ist vor zwei Jahren einem schnell voranschreitenden Krebsleiden erlegen. Sein Tod hat eine große, schmerzhafte Lücke in die Familie gerissen. Als Clemens den Blick liebevoll über die anwesende Gesellschaft schweifen lässt, wird ihm klar, wie viel Glück er dennoch in seinem Leben hatte. Ein wundervoller Ehemann, eine perfekte, gesunde Tochter und jetzt zwei bildhübsche Enkelkinder.
Und alle sind heute hier.
Clemens’ Tochter Daniela mit Ehemann Fabian und die bezaubernden Enkelkinder Nils und Emily. Selbst Danielas Mutter Marisa, deren Gesundheit sie in letzter Zeit immer häufiger im Stich lässt, ist angereist. Gefeiert werden Clemens’ Pensionierung und sein fünfundsechzigster Geburtstag. Die sechsköpfige Familie sitzt hinter dem Haus in dem ausladenden Garten, der von einem weiß getünchten Lattenzaun umgeben ist. Zwei mächtige, alte Apfelbäume spenden Schatten. Das prächtige Wetter lädt zu einem Fest im Freien ein. Clemens’ Enkelin Emily spielt unter der mit Efeu bewachsenen Laube, während der Rest der Familie neben dem Haus an einem Tisch sitzt und es sich gut gehen lässt. Die Stimmung ist ausgelassen – passend zu dem wundervollen Tag, der mit Clemens um die Wette strahlt. Der unverbaubare Ausblick auf das türkisfarbene Wasser des Sees und das beeindruckende Schloss sind einmalig.
„Lass bitte deinen Opa in Ruhe, Nils“, fordert Daniela ihren Sprössling mit einem Augenzwinkern auf. Eigentlich sieht sie ihrem Vater gern dabei zu, wie innig er mit seinem Enkel umgeht und wie sehr er dessen Anwesenheit genießt. Arbeit und Verpflichtungen verhindern leider immer öfter diese gemeinsamen Sonntage. Umso mehr genießt Clemens die Zeit mit seinen Liebsten. „Schneidest du nun endlich deine Schwarzwälder an, Papa?“, neckt sie ihn mit einem breiten Lächeln. „Wir haben Hunger.“ Clemens nickt, setzt seinen Enkel Nils ab, erhebt sich und tritt an den Tisch, auf dem die selbst gemachte Torte steht.
„Die sieht ja mal wieder fantastisch aus, Dani“, schwärmt Clemens, bevor er zum Küchenmesser greift. Das Zerteilen der mit viel Sahne und Schokostreuseln verzierten Torte, lässt den kleinen Nils alles andere vergessen. Der Blick des kleinen Mannes haftet förmlich an der gleichmäßigen Bewegung des Messers, während sein Mund offensteht. Clemens lacht herzhaft.
„Nichts da, du kleiner Nimmersatt. Opa hat Geburtstag, also bekommt er das erste Stück“, bestimmt Clemens’ Schwiegersohn Fabian sanft, der den Blick seines Sohnes sofort durchschaut hat.
„Keine Sorge, ich lasse dir den Vortritt, süßer Spatz“, entgegnet Clemens lachend. „Du hast es dir verdient.“ Daniela verdreht die Augen, während ihr Vater dem Jungen den Teller reicht.
„Der kleine Mann hat dich ganz schön um den Finger gewickelt.“ Sie grinst ihn an. Er zuckt nur mit den Schultern und belädt weitere Teller mit Kuchen. Daniela beginnt zu singen. „Zum Geburtstag viel Glück. Zum Geburtstag viel Glück. Zum Geburtstag, lieber Papa, zum Geburtstag viel Glück.“ Alle anderen Gäste stimmen ein. Clemens lacht ein wenig beschämt, während ihm seine Familie ein Ständchen bringt. Er sieht sie nacheinander an, erfreut sich ihrer Anwesenheit und seinem Glück.
„Vielen Dank, euch allen“, bedankt sich Clemens, bevor er eine gut gefüllte Gabel zu seinem Mund führt. „Fantastisch, die ist ja sensationell. Diesmal hast du dich selbst übertroffen. Du bist eine wahre Konditorin, Dani“, schwärmt er und legt Daniela seine Hand auf die Schulter. „Du tust mir leid, Fabian“, spricht er seinen Schwiegersohn an und überrumpelt ihn damit. Ihm ist die Verwirrung förmlich anzusehen. „Hätte ich eine Meisterkonditorin als Partnerin gehabt, wäre ich aufgegangen wie ein Küchlein. Ich hoffe, dass dir dieses Schicksal erspart bleibt.“ Alle lachen und Clemens’ Schwiegersohn atmet erleichtert durch.
„Du übertreibst mal wieder, Papa“, gibt Daniela zurück, obwohl sie das Kompliment sichtlich genießt.
„Deine Sachen sind immer total lecker, Mama“, kommt es von Nils, der sich die halbe Torte um den Mund geschmiert hat. Clemens und Daniela beginnen schallend zu lachen. Kinder! Ein Klingeln an der Tür unterbricht die ausgelassene Stimmung. Mit einem Blick zu Clemens, der die Schultern hochzieht, gehen Daniela und ihr Ehemann durch die Terrassentür ins Haus zurück, um die Tür zu öffnen. Clemens sieht den beiden nach, bevor er sich wieder auf seine Gäste konzentriert. Er beobachtet seine Enkelin dabei, wie sie ihrer Puppe Torte anbietet, und muss schmunzeln.
„Emily, wie heißt denn deine Puppe?“, spricht Clemens seine dreijährige Enkelin an. Die Kleine lässt die Gabel auf den Dessertteller fallen und rennt zu ihrem Opa.
„Schau, Opa, das ist Harmony. Gefällt sie dir?“
„Ja, sie ist sehr schön, meine Kleine. Hast du noch andere Sachen, die du ihr anziehen kannst?“, will ihr Opa wissen.
„Ja klar, was denkst du denn? Oma hat mir sogar ein Kleid selbst genäht. Es ist total schön geworden. Willst du es sehen, Opa?“ Clemens nickt und sieht Marisa herzlich an. Diese Frau hat ihm eine Familie geschenkt und dafür ist er ihr ewig dankbar. Er liebt diese Frau, wenn auch nicht auf eine sexuelle Weise. Sie hat ihm und seinem verstorbenen Ehemann Jakob seine geliebte Tochter Daniela geboren und war stets Teil seiner Regenbogenfamilie. Er nimmt ihre Hand in die seine und küsst sie zärtlich auf die Wange.
Eine Geste purer Dankbarkeit.
Daniela und ihr Ehemann kommen zurück in den Garten. Sie wirken wie ausgewechselt. Ihre Gesichter sind weiß wie Laken und ihre Haltung wirkt angespannt. „Vater, hier sind zwei Herren von der omanischen Botschaft für dich. Sie wollen dir eine Mitteilung ihres Herrschers über…“ Daniela wird unterbrochen, als zwei in traditionelle omanische Gewänder gekleidete Männer den Garten betreten. Sie ziehen sämtliche Blicke auf sich. Auf ihren Köpfen tragen sie den aus Baumwollstoff gefertigten omanischen Hut – ein mit bunten Mustern verzierter Kopfschmuck. Ihre sonnengebräunten Gesichter, die buschigen, schwarzen Augenbrauen und die ebenso dunklen Vollbärte unterstreichen ihre Herkunft in aller Deutlichkeit. „Guten Tag. Bitte entschuldigen Sie unser unangemeldetes Erscheinen. Wir wollten Ihre Familienfeier nicht sprengen“, erklärt der kleinere Mann und lächelt gewinnend. „Clemens Wagner?“, spricht er dann das Geburtstagskind an.
„Ja“, entgegnet dieser mehr als irritiert. In seinem Kopf überschlagen sich die Gedanken.
„Sultan Faris Khalid Bin Maskat übermittelt Ihnen eine Botschaft und bittet Sie, uns zu begleiten.“
„Was denn für eine Botschaft?“, stammelt Clemens, sichtlich um Fassung bemüht. Der Mann räuspert sich.
„Es ist Zeit zurück zu kommen.“ Alle Anwesenden starren Clemens verwirrt und ahnungslos an.
„Das … das kommt sehr über… überraschend. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Faris … nach so vielen Jahren. Ich … das … ich brauche Zeit“, stammelt er, während er überlegt, wie er seiner Familie das Auftauchen der Omani erklären soll. „Ich kann auf keinen Fall sofort mitkommen. Ich brauche noch etwas Zeit, damit ich die Geschichte meinen Lieben erzählen kann. Dann, und erst dann, komme ich vielleicht mit. Da ich annehme, dass ein Privatjet auf mich wartet, kann ich mir sicherlich so viel Zeit nehmen, wie ich brauche?“
„Sie entscheiden, wann die Reise losgeht, Herr Wagner. Wir warten draußen im Wagen“, entgegnet der bullige, breitschultrige Mann, der bislang geschwiegen hat, mit der Andeutung eines Lächelns. Damit drehen sich die unangemeldeten Besucher um und verlassen den Garten durch das Haus. Clemens setzt sich, atmet tief durch und sieht dann in die fragenden Gesichter seiner Familie. Bevor auch nur einer von ihnen etwas sagen kann, erhebt sich Clemens wieder, stellt sich unter den Apfelbaum und blickt auf das Wasser des Zürichsees, das im Sonnenlicht glitzert. Er atmet tief durch, fährt sich durch das weiß gewordene Haar und seufzt. Bei der Erinnerung an Faris zischen Gedanken wie Blitze durch seinen Kopf. Hätte ich sie schon früher einweihen sollen? Nein, ich wusste ja nicht, ob er sich je wieder meldet. Er dreht sich zu seiner Familie, bereit ihre Fragen zu beantworten.
„Ihr wundert euch sicher. Deswegen möchte ich euch eine Geschichte erzählen, die schon sehr lange zurückliegt und mich dennoch jeden einzelnen Tag meines Lebens begleitet. Es ist jetzt genau vierzig Jahre her. Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt und freute mich auf das größte Abenteuer meines bisherigen Lebens.“ Mit diesen Worten beginnt er seine Erzählung.
~
Die Landeklappen an den Tragflächen des A380, das im Jahr 2010 größte Passagierflugzeug der Welt, erreichten geräuschvoll die gewünschte Position. Die tonnenschwere Maschine verlor fast augenblicklich an Höhe. Starker Wind peitschte über die Röhrenkonstruktion und schüttelte die Passagiere trotz der Größe des Flugzeuges kräftig durch.
Mir war speiübel.
Seit mehreren Minuten atmete ich hektisch in die flüssigkeitsfeste Tüte und versuchte meine Übelkeit zu kontrollieren, mich mental zu beruhigen. Aber irgendwie funktionierte das nicht. In diesen kitschigen Hollywoodfilmen klappt das doch auch immer. Warum also bei mir nicht? Um mich abzulenken, starrte ich aus dem kleinen Fenster in die unendlichen Weiten des stahlblauen Himmels – ein atemberaubender Anblick. Unter uns erstreckte sich ein grenzenloses Meer aus Sandkörnern, eine von der Sonne verbrannte, karge Landschaft. In der Ferne ragten die Spitzen der eindrücklichen Hochhäuser aus dem dichten Smog der weltbekannten Wüstenstadt Dubai und wirkten aus dieser Höhe so winzig wie Zahnstocher.
Der Flieger drehte ab.
Der Horizont begann sich vor meinen Augen zu drehen, also starrte ich wieder auf meinen Klapptisch und las zum wiederholten Mal die Beschriftung. Ich versuchte nicht daran zu denken, dass wir in einer engen Metallröhre saßen und die Erde kilometerweit entfernt war. „Geht es dir noch immer nicht besser?“, drang Brankos tiefe Stimme durch den zähen Nebel in meinem Kopf in mein Bewusstsein. Ich sah in seine braunen Augen, atmete noch geräuschvoller und starrte ihn mit meinem Blick nieder. Was für eine beschissen dämliche Frage.
„Sehe ich so aus, als ob es mir bessergeht?“, fauchte ich verzweifelt zwischen meinen aufeinandergepressten Zähnen hervor. Auf meiner kalten Stirn glitzerten Schweißperlen.
„Ruhig, Clemens. Du bist ein Sensibelchen, das ist alles. Es ist ein äußerst ruhiger und angenehmer Flug“, meinte er grinsend, während er mir mit seinen Fingern beruhigende Kreise auf den Rücken zeichnete. Manchmal könnte ich ihn erdrosseln. Seine Berührungen riefen in mir eine krasse Abwehrreaktion hervor. Unsanft stieß ich ihn von mir. Ich wollte einfach nur atmen und hoffte inständig, dass ich diesen Höllenflug überlebte.
„Lass mich einfach in Ruhe“, zischte ich. Bald ist es geschafft, nur noch ein paar Minuten. Du schaffst das, halte durch. Ruhig atmen. Ruhig und tief. Mein Mantra schien zu wirken. Nach ein paar Minuten stetigen Atmens, fühlte ich mich stabiler. Erleichtert wischte ich mir Schweißperlen von der Stirn.
Ich hatte es geschafft!
Bevor ein Luftloch die Maschine unvermittelt absacken ließ, hatte ich doch tatsächlich so etwas wie Hoffnung. Doch nun war alles verloren. Mein Magen wurde in diesen verhassten schwerelosen Zustand katapultiert, der unweigerlich mit dem Schlimmsten endete. Ich krallte mich in die Armlehnen und unterdrückte einen spitzen Schrei. Die Übelkeit brach wie ein Vulkan aus mir heraus. Brodelnd schoss das Gemisch aus bitterer Galle, trüber Flüssigkeit und halb verdauten Lebensmitteln aus mir heraus. Ich schämte mich, als ich mich in die Tüte übergab, wobei der bittere Geschmack das weitaus Schlimmste war. Nach ein paar Sekunden, die mir wie Stunden vorkamen, war es vorbei. Ich richtete mich auf und ließ meinen Blick zaghaft über die anderen Passagiere gleiten. Zu meiner Überraschung interessierte es niemanden. Sie fieberten der Landung entgegen und freuten sich auf ihren Urlaub.
Ich dagegen, war ein Wrack.
„Hier“, meinte Branko und reichte mir ein Taschentuch. Ich wischte mir fahrig über den Mund und ließ das Papiertuch im Anschluss in die benutzte Tüte fallen.
„Danke“, murmelte ich, als die Maschine noch schneller sank. Ich klammerte mich verzweifelt in die Polsterung des Sitzes und an den Arm meines Freundes, während ich mit der anderen Hand die Tüte balancierte. Mein Puls schoss in die Höhe. Grundsätzlich hatte ich Panik vor jeder Landung. Ich meine, hallo, wenn die tonnenschwere Maschine auf der Landebahn aufsetzt, lastet das gesamte Gewicht des Flugzeuges, der Passagiere und des Gepäcks auf Rädern, die nicht größer als Fußbälle wirkten. Da muss es einem ja übel werden, oder nicht? Das Flugzeug schwankte im Wind. Ich schickte verzweifelte Stoßgebete in den Himmel. Ich werde sterben. In einem schrecklichen Feuerball verglühen. Ich werde nie wieder fliegen. Niemals mehr! Der Pilot drosselte die Geschwindigkeit.
Die Triebwerke befanden sich nun im Leerlauf.
Jetzt kam der schlimmste Teil des gesamten Fluges. Der kurze Moment zwischen Fliegen und Aufsetzen. Dieses Gefühl der vollkommenden Schwerelosigkeit. Als die Maschine dann endlich aufsetzte und der Pilot Schubumkehr einleitete, hob es mich beinahe aus dem Sitz. Nur der Sicherheitsgurt hielt mich an Ort und Stelle. Ich spürte, wie die Kräfte wirkten. Doch dann überwanden wir diesen flüchtigen Zustand. Fester Boden und ich lebe noch. Einfach herrlich, vielleicht werde ich doch noch einmal fliegen. Der Knoten in meinem Magen begann sich zu lösen und die Angst fiel von mir ab. Das Flugzeug fuhr über die Landebahn in Richtung Terminal. Ich lockerte den Griff am Arm meines Freundes und atmete erleichtert durch. „Willkommen in Dubai. Die Temperatur beträgt achtundzwanzig Grad Celsius bei einer durchschnittlichen Luftfeuchtigkeit von fünfzig Prozent. Wir danken Ihnen, dass Sie mit Emirates geflogen sind und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in den Vereinigten Arabischen Emiraten“, brabbelte die Stewardess in vier Sprachen – eine unverständlicher als die andere. „Emirates ist stolzer Partner von Europcar. Beim Vorweisen Ihres Flugtickets erhalten Sie auf Ihre Mietwagenreservierung einen Preisnachlass. Wir hoffen, dass wir Sie bald wieder an Bord begrüßen dürfen, und wünschen Ihnen einen angenehmen Tag.“
„Wir haben es geschafft. Wir sind da“, flüsterte Branko neben mir, streichelte meinen Arm und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Ich sah ihm tief in seine braunen Augen und lächelte sanft.
Ein geräuschvolles Gähnen unterbrach die Stille.
Neben uns wachte nun auch Brankos bester Freund Sven auf, gähnte lautstark und riss den Mund so weit auf, dass seine Kiefer knackten. Er hatte den gesamten Nachtflug, vom Start in Zürich bis zur Landung in Dubai verschlafen.
Was für ein Faulpelz. Was für ein Glückspilz.
Er rieb sich über die müden Augen und blinzelte aus seinem Fenster. „Sind wir schon da?“ Während er sich streckte, gähnte er und musterte uns. „Ist was?“
„Nein, nichts“, spuckte ich sauer. Branko begann herzhaft zu lachen.
„Clemens hier hat das ganze Flugzeug vollgekotzt, aber sonst geht es uns gut.“ Als ob du eine Ahnung hast, wie ich mich fühle!
„Oh nein, du Armer. Aber jetzt ist alles wieder okay?“
„Frag mich das in einer Stunde nochmal“, gab ich unwirsch zurück, hielt mir den noch immer unruhigen Bauch und verzog meinen Mund. Beide Männer lachten.
„Bitte bleiben Sie sitzen, bis das Flugzeug die endgültige Parkposition erreicht hat und die entsprechenden Zeichen erloschen sind.“ Schallte es über die Lautsprecher, als sich die ersten Passagiere von ihrem Sicherheitsgurt befreiten, aufstanden und in der Gepäckablage zu wühlen begannen. Ich verdrehte die Augen und sammelte meine, während der Nacht wild verstreuten Habseligkeiten unter dem Vordersitz zusammen. Wieder war ich erstaunt darüber, dass ich für viel Geld so wenig Platz bekam.
Beine ausstrecken? Fehlanzeige.
„Was mache ich damit?“, wollte ich von meinen Mitreisenden wissen, als ich ihnen meine gebrauchte Abfalltüte zeigte. Ihre ratslosen Gesichter halfen wenig. „Hallo, entschuldigen Sie bitte“, sprach ich eine vorbeieilende Stewardess an, die die Passagiere zum Sitzenbleiben anhalten wollte. „Darf ich Ihnen das geben?“, fragte ich die Frau mit der schicken Uniform auf Englisch. Sie rümpfte kurz und beinahe unmerklich die Nase, nickte dann aber und streckte die Hand nach der Tüte aus. Ich reichte sie ihr über die Sitze hinweg und war froh, sie los zu sein.
Mit festem Boden unter den Füßen, stellte sich nun auch bei mir langsam Urlaubsstimmung ein. Wir standen am Anfang unserer allerersten Kreuzfahrt und ich freute mich riesig. Wir nahmen unsere Taschen und das Handgepäck aus den Fächern und dackelten im Schritttempo hinter den anderen Passagieren zum Ausgang. Nach dem langen Flug fühlte ich mich wie gerädert, denn wirklich schlafen, konnte ich nicht und meine unfreiwillige Magenentleerung hatte mir den Rest gegeben. Ich streckte mich und das Knacken meiner Gelenke hallte durch die Sitzreihen. „Hör bloß auf damit“, entrüstete sich Branko, der dieses Geräusch nicht ausstehen konnte. Ich kicherte und knuffte ihm in seinen wohlgeformten Hintern. Sven, der uns schweigend beobachtete, prustete los.
Schon beim Betreten des Flughafengebäudes des Dubai International wurde klar, dass wir tatsächlich im Land der Superlative gelandet waren. Die Hallen wirkten gigantisch sowohl in Höhe als auch Weite. Der Boden war mit teurem, poliertem Marmor belegt und ein künstlicher, mehrere Stockwerke hoher Wasserfall verbreitete einen feinen Chlorgeruch. Das angenehme Plätschern durchbrach die Hektik und wirkte beruhigend. Branko, Sven und ich wurden von den nachkommenden Passagieren in einen riesigen Aufzug gedrängt. Immer mehr Leute kamen nach. Vollautomatisch schlossen die Glastüren und der Aufzug setzte sich in Bewegung.
Als Nächstes erwartete uns die Zollkontrolle.
Hier erblickte ich die Araber in ihren weißen Gewändern und den rotweiß karierten Kopftüchern das erste Mal. Im ersten Augenblick war ich irritiert, wahrscheinlich, weil wir Europäer diesen Anblick nicht gewohnt waren. Wir reihten uns in die unendlich scheinende Schlange einreisewilliger Menschen und warteten.
Ich war nervös.
Schließlich war Homosexualität in diesem Land per Gesetz verboten und wurde im schlimmsten Fall mit dem Tod bestraft. Andererseits hatte man uns im Reisebüro versichert, dass wir als Touristen nichts zu befürchten hätten, sofern wir uns an die Gepflogenheiten hielten. Ich würde mich hüten, Händchen haltend mit Branko durch die Straßen Dubais zu spazieren – ganz zu schweigen davon, dass er kein Schmusetiger war. Das Einreiseprozedere gestaltete sich äußerst nervig. Nachdem wir fünfundzwanzig Minuten gewartet hatten, wurde ich an einen Schalter gebeten. Vor mir saß ein schlecht gelaunter Araber und musterte mich kritisch. „Brille ablegen und hier gucken“, wies er mich in gebrochenem Englisch an.
Ein rotes Licht erschien oberhalb der Kamera.
„Bitte in Kamera sehen“, wiederholte er. Ich nickte und spürte, wie Panik in mir hochkroch. Verdammt, verdammt, verdammt. Ich hätte mir doch einen neuen Pass organisieren sollen. Das Foto in meinem Ausweis war schon fünf Jahre alt. In der Zwischenzeit hatte ich mich verändert, war nicht mehr der pickelgesichtige Teenager, hatte eine Brille und auch die Frisur stimmte nicht mehr. Ich schaute intensiver in die Linse, versuchte nicht mehr zu blinzeln.
Erneut erschien das rote Licht.
Schweiß brach mir aus. „Sind Sie in Pass? Sehen anders aus“, stellte der Grenzbeamte fest, als er meinen Ausweis musterte und das Bild mit der Person an seinem Schalter abglich.
„Ja, äh, ich habe jetzt längere Haare und eine Brille“, stammelte ich wie ein Vollidiot und schenkte dem Mann ein unsicheres Lächeln. Seine Miene blieb undurchdringlich.
„Schauen in Kamera, nicht bewegen“, brummte er und deutete auf die Linse. Wenn der mich nicht einreisen lässt, ist unsere ganze Kreuzfahrt im Arsch. Dann muss ich hier am Flughafen hausen und komme womöglich nie wieder nach Hause. Was mach ich dann? Allein am Flughafen. Für immer? Das Blitzen der Kamera riss mich aus meinen sich aufschaukelnden Gedanken. Grün. Der Grenzbeamte musterte mich kritisch, griff nach dem Stempel und donnerte ihn in meinen Pass. Ich schloss dankbar die Augen. „Schönen Tag“, murmelte er und wandte sich dem nächsten Einreisenden zu.
Ein kleiner Freudenschrei entwich mir.
Die Hände der patrouillierenden Sicherheitsbeamten wanderten sofort an ihre im Halfter verstauten Pistolen, was mich verstummen ließ. Ich zog den Kopf ein und wartete in einigem Abstand auf Branko und Sven. Meine Reisebegleiter hatten weitaus weniger Probleme als ich. Somit stand unserem Urlaub nichts mehr im Weg.
Das Terminalgebäude war atemberaubend.
Ausladende Palmen in übergroßen Töpfen vermittelten tropischen Charme. Doch die Strecke durch die Flure schienen unendlich lang. Werbeflächen in arabischen Schriftzeichen, mit englischen Übersetzungen prangten an jeder freien Fläche. Teure Uhren, Luxuskugelschreiber und italienische Sportwagen wurden beworben. Rumpelnd plumpsten die ersten Koffer auf das Gepäckband, als wir endlich davor ankamen. Von unseren Gepäckstücken war noch nichts zu sehen. „Ich freue mich riesig“, sagte ich zu meinen Reisebegleitern. Obwohl ich mich noch mehr freuen würde, wenn Sven nicht dabei wäre. Warum muss er ihn auch mitschleppen?
„Das wird genial“, pflichtete Branko mir bei und Sven nickte aufgeregt. Ich mochte Sven nicht. Wahrscheinlich, weil er viel zu groß, schlank und attraktiv war. Tja, damit musste mein Ego klarkommen. Mich fröstelte. Die übergroßen Klimaanlagen, die aus den Deckenverkleidungen blitzten, bliesen derart kalte Luft in die Halle, dass ich meine Jacke überziehen musste. Endlich tauchten unsere Koffer auf. Wir schnappten sie und machen uns auf den Weg zum Ausgang. Die Empfangshalle war proppenvoll. Auf einem Schild entdeckten wir den Schriftzug von Kionyx Cruises. Wir eilten zu dem gelangweilt wirkenden Mann. „Guten Tag, wir sind …“, begann ich, bevor er mich unwirsch unterbrach.
„Gehen zu meine Kollege, da drüben. Dann immer geradeaus zum Bus“, entgegnete er in schlechtem Deutsch. Wir sahen uns um und entdeckten das nächste Schild von Kionyx. Wir taten, was er sagte, und folgten dem türkisen Schilderwald bis vor das Terminalgebäude. Als die Schiebetüren aufgingen, schlug uns eine regelrechte Wand aus Hitze entgegen. Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass es acht Uhr morgens war.
„Boah, diese Hitze“, jammerte Sven und fächerte sich Luft zu.
„Weißt du, wie geil das auf dem Schiff sein wird? Planschen und Sonnenbaden den ganzen Tag? Cocktails, Sport, Entspannung. Darauf freue ich mich jetzt schon riesig“, verkündete Branko freudig. Ich nickte nur und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass mich diese Hitze richtiggehend fertigmachte. Mein Flüssigkeitshaushalt schien kopfzustehen, also versuchte ich alles, um nicht zusammenzubrechen.
Ein riesiger Bus wartete auf die Kreuzfahrtgäste.
Wir gaben dem Fahrer das Gepäck sowie den Voucher und stiegen ein. Im Bus war es angenehm kühl. Immer mehr Leute quetschten sich hinein, bis der Busfahrer realisierte, dass der Bus voll war. Es warteten noch gefühlt zehn weitere Busse auf die Urlaubshungrigen, also musste niemand Angst haben, nicht mitgenommen zu werden. Dennoch konnten sich einige nicht beherrschen und beschwerten sich lautstark, als sie wieder aussteigen mussten. Nachdem der Fahrer alle Ungeduldigen losgeworden war, konnten wir endlich losfahren. Ich freute mich riesig auf Dubai und unseren Urlaub. Wie lange habe ich darauf gewartet?Gefühlt eine halbe Ewigkeit.
Aber zuerst hieß es: einchecken und Kabinen beziehen.
Der Bus fädelte in den zähflüssigen Stadtverkehr ein. Luxuskarossen japanischer Hersteller drängten sich dicht an dicht. Von der Stadt bekamen wir nicht viel mit, weil wir durch Tunnel und Unterführungen mit gekachelten Wänden jagten. Die Fahrt dauerte ungefähr dreißig Minuten, bevor der Bus hielt und sich die Türen öffneten. Wir stiegen am Maritime Terminal aus und staunten nicht schlecht. In der Ferne ragte der Burj Khalifa – das damals größte Gebäude der Welt – gen Himmel. Ein Mantel aus Smog umrankte seine Spitze. Selbst aus dieser Entfernung strahlte der Wolkenkratzer Macht und Pioniergeist aus. „Guck dir mal dieses Bild an“, sagte ich zu Branko und deutete auf den Turm. Staunend drehten sich alle Touristen danach um. Ein aufgeregtes Schnattern ging los, während alle ihre Fotokameras zückten und Fotos schossen.
Branko tat es ihnen gleich.
„Kommt endlich, wir haben später noch genügend Zeit, das Teil zu fotografieren. Ich will die Kabinen und das Schiff sehen“, drängte Sven und zog uns hastig ins Terminalgebäude.
„Halt, unser Gepäck“, bemerkte ich und wollte zurück.
„Das wird auf die Kabinen gebracht“, entgegnete Sven beschwichtigend und hielt mich am Arm fest. Nimm bloß die Griffel weg.
„Woher willst du das wissen?“
„Na, während ihr den Burj angestarrt habt, habe ich mich halt erkundigt“, feixte er und grinste. Ich verdrehte die Augen und fühlte mich in meinem Gefühl bestätigt: Ich konnte ihn nicht ausstehen. Wenig später, betraten wir gemeinsam das Hafenterminal. Im Gegensatz zum Flughafengebäude wirkte es einfach und provisorisch. Aber hier würden wir uns ja kaum aufhalten, also war es egal. Im Moment trennte uns nur noch eine weitere Sicherheitskontrolle von den Check-in-Schaltern. Die Angestellten des Hafens nahmen es mit der Sicherheit nicht so genau, deshalb mussten wir nicht lange warten.
„Eine kleine Erfrischung für Sie?“, wurden wir freundlich von einem jungen Mann angesprochen. Er trug das türkisfarbene Kionyx-T-Shirt. Ich nahm ihm liebend gern einen Orangensaft ab. Endlich etwas zu trinken.
