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Von Schildkröten, Sesambällchen und dem Sinn des Lebens Manchmal verliert man erst alles, um sich selbst wiederzufinden. Davin hat es geschafft. Karriere in der Finanzwelt, Status, Sicherheit. Und trotzdem fühlt sich der Mittdreißiger leer, ausgebrannt und erschreckend allein. Als der Druck zu groß wird, zieht er die Reißleine, kündigt seinen Job und lässt sein altes Leben hinter sich. Seine Reise führt ihn nach Vietnam. In ein Land voller Farben, Gerüche und Gegensätze. Zwischen Garküchen, Straßenverkehr und Schildkröten begegnet er Thian, einem warmherzigen Rikscha-Fahrer, der mit seiner Gelassenheit und Lebensfreude Davins Weltbild gehörig ins Wanken bringt. Was als Flucht beginnt, wird zu einer leisen, intensiven Annäherung. Schritt für Schritt lernt Davin loszulassen, neu zu fühlen und sich auf eine Liebe einzulassen, die nichts verspricht und doch alles verändert. Eine berührende MM Romance über Neuanfänge, kulturelle Begegnungen und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Umfang ca. 92’300 Worte. Tropes Midlife Reset Opposites Attract Slow Burn Romance Culture Clash Self Discovery Travel Romance Emotional Healing
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhalt
ღ Prolog
Kapitel eins ღ
ღ Kapitel zwei
Kapitel drei ღ
ღ Kapitel vier
Kapitel fünf ღ
ღ Kapitel sechs
Kapitel sieben ღ
ღ Kapitel acht
Kapitel neun ღ
ღ Kapitel zehn
Kapitel elf ღ
ღ Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn ღ
ღ Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn ღ
ღ Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn ღ
ღ Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn ღ
ღ Epilog
Marc Weiherhof
Strom der Hoffnung
© 2019 Marc Weiherhof
Hasenbühlstrasse 7, 8910 Affoltern a. A.
(SCHWEIZ)
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Wir sehen uns:
marc-weiherhof.ch
facebook.com/marc.weiherhof
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Coverdesign: Marc Weiherhof mit
Bildmaterial von http://de.123rf.com
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Das Werk ist urheberrechtlich geschützt!
Bleibe fair. Buchpiraterie? Nein!
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Alle Figuren sind freie Erfindungen des Autors.
Die Models auf dem Cover stehen in
keinem Zusammenhang mit dem
Inhalt des Buches.
Über das Buch
Von Schildkröten, Sesambällchen und dem Sinn des Lebens.
Anlageberater Davin hat die Spitze der Finanzindustrie erreicht, dennoch fühlt er sich einsam und droht, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kurzentschlossen zieht der attraktive Mittdreißiger die Reißleine, kündigt seinen Job und begibt sich auf die Suche nach neuen Lebensinhalten. Im kunterbunten Vietnam begegnet er dem liebenswerten Rikscha-Fahrer Thian, der ihm die Augen für die wirklich wichtigen Dinge öffnet und ihm den Kopf verdreht. Ihre gemeinsame Reise führt sie durch ein Land voller Gegensätze, in dem Reis auf den Straßen getrocknet wird und Motorroller immer Vorfahrt haben.
Spannend, emotional und liebenswert.
Der Autor
Marc Weiherhof ist ein schwuler, katzenvernarrter, schweizerischer Lesemuffel mit Weltenbummler-Ambitionen, der für sein Leben gerne Geschichten erzählt.
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Danke
Ohne meine genialen Betas wäre dieser Roman niemals entstanden. Ein Riesendankeschön an: Ann Sophie, Astrid, Franziska, Mana und Mimi.
Die verängstigten Männer jagen geduckt und keuchend durch das knöchelhohe Gras in Richtung ihrer Rettung, die in Form eines Motorboots am nahegelegenen Flussufer ankert. Das in den Körpern der Flüchtenden ausgeschüttete Adrenalin verhindert, dass sie die haarfeinen Schnitte wahrnehmen, die ihnen messerscharfe Grashalme an den Beinen zufügen.
Flucht, ihr einziges Ziel.
Hektisch wandern ihre Blicke immer wieder nach hinten, um abzuschätzen, wie groß ihr Vorsprung noch ist. Denn ihre Verfolger sind ihnen dicht auf den Fersen, ihre lauten Stimmen übertönen sogar das Geräusch des reißenden Mekongs und verdeutlichen, wie ausweglos sich die Lage der jungen Männer darstellt. Gefangen im Zustand nackter Panik versuchen sie, schnellstmöglich zu ihrem Boot zu kommen.
In regelmäßigen Abständen durchzucken die Taschenlampen-Lichtkegel ihrer Jäger den sternenklaren Nachthimmel und unterstreichen ihr Dilemma. Sie sind einfach überall! Die Männer eilen direkt auf ein bewässertes Reisfeld zu, welches ihre Flucht zusätzlich erschweren wird. Keine Zeit für lange Umwege. Mit einem Keuchen landet Davin, gefolgt von Thian, im lauwarmen Wasser, in dem sie schlagartig bis zu den Waden versinken. An ein schnelles Vorankommen ist nun nicht mehr zu denken.
„Das schaffen wir nie!“
Thians Stimme bebt vor Angst, was Davin nicht verborgen bleibt. Mit so viel Zuversicht, wie er in diesem Moment aufbringen kann, antwortet er: „Nur noch ein paar Meter, dann haben wir es geschafft.“ Mit einem beherzten Griff umfasst er Thians zitternde Hand, sieht ihm kurz in die Augen und spendet ihm Hoffnung, bevor er ihn mit sich zieht.
Es kann nicht mehr weit sein. Wir müssen einfach nur das Boot erreichen, gemeinsam. Nur noch ein paar Schritte.
In unmittelbarer Nähe wird das Rauschen des Flusses erneut hörbar, ein verlockender Ruf, der Freiheit verspricht.
„Ich kann nicht mehr“, keucht Thian, dessen Beine immer tiefer in dem Morast, einem Gemisch aus Wasser, Schlick und Erde versinken. Unvermittelt bleibt er stehen, als hätte ihm eine unsichtbare Macht den Stecker gezogen.
Davin hält ebenfalls inne und dreht sich um. „Wir schaffen es, gemeinsam. Hörst du? Du und ich.“ Mit einem sanften Lächeln legt er sich die ausgemergelte Gestalt des Vietnamesen auf die Schulter.
Immer weiter.
Der aufgeschwemmte Boden behindert ihn und das zusätzliche Gewicht droht, ihn tiefer versinken zu lassen. Davin wirft einen angstvollen Blick zurück. Die Lichtkegel tanzen durch die Dunkelheit, doch die Verfolger selbst sind nirgends auszumachen. Noch nicht. Also setzt er einen Fuß vor den anderen und mobilisiert seine letzten Kraftreserven.
Schritt für Schritt vorwärts.
Immer weiter, nur nicht innehalten. Die hohen Temperaturen, die selbst nachts nicht merklich abkühlen, verwandeln die Luft in eine schwüle Suppe, die jede Bewegung zur Qual werden lässt. Dennoch gibt Davin nicht auf. Zu viel Verantwortung lastet wortwörtlich auf seinen Schultern. Im nächsten Moment erreicht er das Ende des Feldes, stolpert und taumelt aus dem sumpfigen Schlick. „Alles in Ordnung?“, will er von seinem Partner wissen, als er ihn auf dem festen Boden außerhalb des Ackers absetzt.
„Es geht mir gut.“
„Komm, das Boot liegt hinter den Bäumen dort im Bewässerungsgraben.“ Auf Davin gestützt, kann sich Thian langsam weiterkämpfen, während das stete Tosen des Flusses nach ihnen ruft und die langersehnte Erlösung verspricht. Einen achtlosen Tritt später stürzen sie nacheinander über eine mit Gestrüpp bewachsene Böschung in die Tiefe. Davin landet hart auf seinem Arm. Ein stechender Schmerz schießt durch seinen Körper, verblasst jedoch rasch, als er den auf dem Rücken liegenden, nach Luft schnappenden Thian entdeckt. Stöhnend rappelt er sich auf und kriecht zu seinem Freund. Der heftige Aufprall scheint einen kurzzeitigen Atemstillstand ausgelöst zu haben, der sich im nächsten Moment löst. „Geht’s?“
Thian nickt und Davin schließt ihn für einen kurzen Moment in seine Arme, streicht ihm über die Wange und sucht dann blitzschnell mit den Augen die Umgebung ab: Wasser, endlich haben sie den Fluss erreicht.
Schritte kommen hastig näher.
Die Flüchtenden erstarren, versuchen flach zu atmen und keinen Mucks von sich zu geben. Ihre Blicke treffen sich erneut, versinken ineinander. Davin zerreißt es das Herz, die Furcht in Thians Augen sehen zu müssen und dabei so hilflos zu sein. Diese Machtlosigkeit, in der sie gemeinsam gefangen sind, ist das schlimmste Gefühl für ihn. Während sie mit laut schlagenden Herzen verharren und auf ihr Schicksal warten, verwandeln sich Sekunden in Minuten. Nur die dichte Vegetation verhindert, dass sie gesehen werden und so atmen beide Männer dankbar auf, als die Verfolger außer Hörweite sind. Davins Blick gleitet am Flussufer entlang, bis er den nur wenige Schritte entfernten Bewässerungskanal entdeckt. Andeutungsweise schnippt er mit den Fingern, um Thians Aufmerksamkeit zu erlangen. Geduckt rennen die Männer los. Sie überwinden die Distanz mit wenigen Schritten, bleiben dann aber unvermittelt stehen. Einer von Thians Cousins hat sich breitbeinig direkt neben dem Boot aufgebaut.
„Wohin wollt ihr denn?“ Seine Stimme ist bedrohlich und alles an ihm wirkt einschüchternd, besonders die Spitzhacke in seiner Hand.
„Lass uns vorbei!“, verlangt Davin mit autoritärem Tonfall, während er sich vor Thian stellt und so den Vietnamesen mit seinem Körper vor einem etwaigen Hieb zu schützen versucht.
Die Reaktion ihres Widersachers ist grotesk, etwas zwischen Kichern und manischem Prusten. „Denkst du wirklich, dass wir euch einfach gehen lassen? Er kann hier nicht weg, er muss arbeiten und Geld verdienen.“
„Das ist keine Arbeit, das ist Sklaventreiberei.“
„Er hat es nicht anders verdient.“ Thians Cousin spuckt angewidert auf den Boden, bevor er erneut seine Waffe schwingt.
Davin muss einen Schritt zurückweichen, um nicht getroffen zu werden. „Letzte Warnung, lass uns durch!“ Das hämische Lachen ihres Gegenübers ist für Davin Antwort genug. Beherzt greift er in den Hosenbund und zieht eine kleinkalibrige Pistole hervor, die er auf ihren erschrocken keuchenden Angreifer richtet. „Tritt vom Boot zurück und lass uns durch. Sonst knalle ich dich ab. Ich zähle bis drei.“
„Davin, sie kommen“, murmelt Thian gehetzt und nervös, während sein Blick immer wieder nach hinten schweift.
Unbeeindruckt lädt Davin die Waffe durch, richtet sie auf den Kopf des Mannes und beginnt zu zählen. „Eins. Zwei …“ Sein Finger wandert mit einer Ruhe zum Abzug, die sogar ihn selbst überrascht.
„Bitte, töte mich nicht“, beginnt der Cousin zu wimmern, bevor er die Hacke ins Wasser wirft und mehrere Schritte vom Motorboot zurücktritt. Der Schock ist ihm deutlich vom Gesicht abzulesen.
„Los, steig ein.“ Davin hilft Thian beim Hineinsteigen und beginnt das Tau zu lösen, mit dem er das Boot an einem Baum befestigt hat. Doch das gestaltet sich mit einer Feuerwaffe in der Hand gar nicht so einfach.
„Beeil dich!“ Thian steht mit zittrigen Knien da und sieht zwischen Davin und seinem Cousin hin und her.
Als das Seil endlich gelöst ist, klettert Davin mit erhobener Pistole ins Boot, bevor er sie seinem verschreckten Freund in die Hand drückt. „Zielen und abdrücken, wenn er Dummheiten macht.“ Unbeholfen zieht Davin den Schlüssel aus seiner Hose und versucht, das Boot zu starten. Stotternd erwachen die Motoren für eine Millisekunde zum Leben, bevor sie wieder ersterben. „Verdammt, warum geht das nicht?“ Von der Strömung erfasst, beginnt sich das Boot langsam in Bewegung zu setzen und abzudriften.
„Mach schon, Davin! Sie sind bald hier.“
„Nicht hilfreich“, faucht dieser entnervt, während er immer wieder den Zündschlüssel im Schloss dreht und den Start-Knopf drückt. Aus der Dunkelheit hetzen nun auch die anderen Verwandten auf sie zu, sammeln sich am Flussufer und erfassen die Situation sofort. Während einige von ihnen am Ufer warten und ihre Waffen schwingen, waten andere beherzt ins Wasser und schwimmen Richtung Boot.
Nur noch ein paar Meter und alles ist verloren.
„Gut, ich bin damit einverstanden, Dave. Setz deinen Plan mit meinen frei gewordenen Assets in die Tat um und investiere die 20 Millionen wie besprochen.“ Mit diesen wenigen Worten, die in den Ohren des Asset Managers wie Musik klingen, segnet der VIP-Kunde den Megadeal ab, bevor sein Blick zum wiederholten Mal auf sein auf dem Tisch liegendes Smartphone fällt. Sie sitzen sich in einem, mit edlen Materialien ausgestatteten, großzügig bemessenen Besprechungszimmer gegenüber – die überwältigende Aussicht auf den nahen Stadtpark bleibt unbeachtet.
Davin, der meist nur Dave genannt wird, frohlockt insgeheim, bleibt äußerlich aber gelassen distanziert. Das Auftreten des sportlich trainierten Kunden und dessen falsches Lächeln verdeutlichen, für wie belanglos er diese Art von Unterredung hält. Er reicht Davin die Hand über den Tisch und besiegelt mit festem Handschlag den Millionenvertrag – die Formalitäten wird die Assistentin im Nachgang erledigen. „Fantastisch. Ich freue mich auf eine angenehme Zusammenarbeit mit dir, Paul. Damit du schnellstmöglich vom außergewöhnlichen Leverage-Effekt profitieren kannst, investiere ich noch heute die erste Tranche in das Derivat. Die Performance der Vermögensverwaltungsmandate ist …“
Dem Kunden entweicht das blasierte Lachen eines Mannes, der sich nimmt, was er will und sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält. „Ich habe doch schon eingeschlagen, Dave. Spare dir die abgedroschenen Marketingplattitüden.“
An die unverblümte Art mancher Menschen in seinem beruflichen Umfeld musste sich Davin erst gewöhnen. Doch mittlerweile stört es ihn nicht mehr oder nur noch selten. Der Kunde steht unvermittelt auf, strafft seine Schultern und streicht seinen Maßanzug glatt.
Das Gespräch ist beendet.
Eindringlich sieht er Davin an, der sich in der Zwischenzeit ebenfalls erhoben hat – die eisige Kälte in seinen Augen, ist beängstigend. „Aber eines möchte ich dir sagen, Dave“, beginnt der Kunde derart emotionslos, dass sich eine Gänsehaut über Davins Unterarmen ausbreitet, „wenn dieses Produkt nicht hält, was es verspricht, mache ich dich persönlich dafür verantwortlich.“ Der harte Gesichtsausdruck und die Kälte in seiner Stimme machen klar, dass es sich um eine ernstzunehmende Drohung handelt.
Davin schenkt Paul sein charmantestes Lächeln, während sein Gesicht die antrainierte stoische Überzeugungskraft ausstrahlt, die jeden Zweifel im Keim zu ersticken vermag. „Keine Sorge, du wirst mit unseren Anlagelösungen zufrieden sein. Das garantiere ich dir.“ Davins Stimme ist fest und klar. Eigentlich erstaunlich, denn überzeugt ist er von dem, was er hier tut, schon lange nicht mehr. Als er noch im Studium war, hatte es sich so gut angehört, Asset Manager, also Finanzjongleur, für wohlhabende Menschen zu werden und in ihrem Kielwasser ebenfalls aufzusteigen. Stets hatte er sein ganzes Herzblut in das Erreichen dieses Ziels gesteckt. Doch jetzt, da er an der Spitze seines Berufsstandes angekommen ist, wird ihm immer klarer, wie leer, unbefriedigend und sinnfrei sein Leben doch ist. Mit den Millionen anderer zu spielen, als wäre es nichts, was kann daran schon erfüllend sein?
„Das will ich hoffen. Ihr knöpft mir schließlich genug für die Verwaltung meines Vermögens ab“, entgegnet Paul jovial. Nachdem alles geklärt ist, nimmt er seine aus Krokodilleder gefertigte Aktentasche vom Stuhl und dreht sich zur Tür.
Davin begleitet ihn zum Fahrstuhl und mustert den großgewachsenen Mann unauffällig von der Seite: Die grau melierten Schläfen, das kantige Kinn und seine vor Kraft strotzende Figur machen ihn zu einer eindrucksvollen Erscheinung. Doch Davin kann ihm trotzdem nichts abgewinnen. Trotz seiner Aversion verabschiedet sich der Asset Manager überschwänglich von seinem Kunden und wartet, bis sich die schweren Türen des Aufzugs schließen. Erst dann entspannt er seine Gesichtsmuskulatur und legt das festgefrorene Verkäuferlächeln ab.
Ein tiefer, müder Seufzer entweicht ihm.
Lautstark lässt er seine Nackenwirbel knacken, während er ins Besprechungszimmer zurückkehrt, um seine Unterlagen einzusammeln. 20 Millionen: Ein lukratives Geschäft, sowohl für den Auftraggeber, als auch für Davin und seine Firma. Der Kundenberater öffnet das Fenster, lässt frische Luft in den Raum strömen und nimmt sich einen Moment, um die spätwinterliche Landschaft zu genießen. Schnee gibt es an der kalifornischen Pazifikküste eigentlich nie, dafür ist es viel zu mild, und dennoch hält die Natur gebannt den Atem an, bis die ersten warmen Sonnenstrahlen auf die Erde treffen. Davin mag alle Jahreszeiten, aber am liebsten hat er Wärme, Sonne und das Wasser, mit ein Grund, weshalb es ihn nach San Francisco verschlagen hat. Milde Winter, heiße Sommer und Strände in unmittelbarer Nähe.
Revitalisiert schließt er das Fenster.
Die Verkaufsdokumentation mit den eindrucksvollen Grafiken, den Schlüsselinformationen sowie den wichtigsten Zahlen befördert er in seine, im Vergleich zu der des Kunden minderwertig wirkende, Ledermappe. Kurzerhand klemmt er sie sich unter den Arm und verlässt den Raum in Richtung seines Arbeitsplatzes. Auf dem Weg durch die lichtdurchfluteten Flure begegnet er diversen Kollegen. Die Männer wirken ausgebrannt und durch die vielen Jahre in dieser harten Branche abgestumpft. Ihr schütteres Haupthaar und ihre drahtigen Silhouetten sind bezeichnend für die Finanzindustrie.
Davin hat sich stets geschworen, nie so zu werden.
Dennoch ist er auf dem besten Weg dahin, denn der Druck, der auf ihm lastet, ist immens. Jeder nicht getätigte Geschäftsabschluss kann die Konkurrenz derart beflügeln, dass der eigene Arbeitgeber im Strudel der Finanzmärkte untergeht. Jede Sekunde eines jeden Arbeitstages ist pure Hektik.
Zeit zur Erholung? Fehlanzeige.
Zahlen und der stetige Druck begleiten die Berater ins Privatleben, ja sogar bis in die Träume. Das setzt jedem Menschen auf Dauer zu, egal wie stark er ist.
Als Davin an den Toilettenanlagen vorbeikommt, hält er kurz inne, bevor er das Männerklo betritt, in dem es nie wirklich frisch riecht. Gedankenverloren legt er die Mappe auf die Ablage oberhalb des Waschtisches und schließt sich in einer Kabine ein. Mit dem Rücken gegen die Kabinenwand stehend, schlägt er seinen Kopf mehrmals sacht gegen die Plastikkonstruktion und hält seine Augen geschlossen. Einige Male atmet er tief durch, ohne Erleichterung zu verspüren oder seinen Stresslevel minimieren zu können. Also fischt er eine kleine Plastiktüte mit weißlichem Pulver, eine Rasierklinge und eine Banknote aus seinem anthrazitfarbenen Jackett. Er wollte der Kahlköpfigkeit und der Emotionslosigkeit trotzen, sich schlicht seine Menschlichkeit bewahren.
Und was ist daraus geworden? Nichts.
Vorsichtig hockt er sich auf den Boden vor die Toilette, gibt einen Teil des Pulvers auf den Deckel, zerkleinert es mit der Rasierklinge zu feinem Staub und zieht zwei Linien. Gierig beugt er sich hinunter und zieht die erste Line durch die zusammengerollte 1-Dollar-Note in seine Nase, bevor er das Prozedere auf der anderen Seite wiederholt. Dann legt er den Kopf in den Nacken und schließt die Augen. Das leichte Kitzeln auf der Nasenschleimhaut, nimmt er nicht mehr wahr. Sein Körper hat sich bereits zu sehr an die Droge gewöhnt.
Davin setzt sich auf den Boden, lehnt sich mit geschlossenen Augen gegen die Wand und wartet auf den Rausch. Immer wieder zieht er die Nase hoch, damit sich das Pulver an den richtigen Stellen verteilt. Nach ein paar Minuten beginnen seine Gedanken zu rasen. Die auf ihn einstürzenden Sinneseindrücke fühlen sich unheimlich gut an und er spürt, wie unbändiger Lebensmut die Dunkelheit in seinem Innern hinwegfegt.
Aber wie lange wird dieses Hochgefühl andauern?
Beschwingt und voller Tatendrang steht Davin auf, wischt die Überreste des Kokains auf den Boden, verstaut die Banknote, die Tüte und die Klinge wieder in seiner Jacketttasche, bevor er die Kabine verlässt. Am Waschbecken wäscht er sich die Hände und kontrolliert seine Nase auf Pulverreste. Eine Weile betrachtet er sich im Spiegel.
Meine Güte, wie konnte ich nur zu so einem Menschen werden? Ich bin auf dem besten Weg ebenso zu werden wie alle anderen herzlosen Banker. Schlimm.
Mit einem Schwung kalten Wassers erfrischt er sich, schnappt sich seine Unterlagen und verlässt mit dem drogenindizierten Gefühl, einfach alles zu schaffen die Toiletten. Auf dem Flur grüßt er die vorbeieilende Assistentin seines schärfsten Rivalen und geht weiter.
Mach mir diese zwanzig Millionen erst mal nach!
„Davin, kann ich dich bitte kurz in meinem Büro sprechen?“
Die charismatische Stimme seines Vorgesetzten lässt ihn abrupt innehalten. „Ja, natürlich, Peter.“ Nach höflichem Klopfen an der bereits geöffneten Tür, betritt er den weiten Raum. Die Aussicht seines Chefs ist noch exklusiver als jene aus dem Besprechungszimmer, denn sein Büro verfügt über einen Meerblick.
„Nimm Platz, Davin.“ Peter Stockman raunt die Worte in Davins Richtung, während er weiter ungerührt die Akten auf seinem Schreibtisch durchstöbert. Leise fluchend nimmt er den Telefonhörer in die Hand und drückt hastig eine Taste. „Stefanie, wo sind die Zahlen von Davins Abschlüssen?“
Noch vor einem Jahr hätte ihn diese Situation belastet, doch dank der schnellen Wirkung des Kokains sieht er der spontanen Unterredung gelassen entgegen. Seine geweiteten Pupillen scheinen noch niemandem aufgefallen zu sein.
Sein Gegenüber horcht, nickt, dreht sich zur Fensterfront um und findet schließlich die gesuchten Papiere, die fein säuberlich in einer Mappe zusammengefasst sind. „Gefunden, danke, Stefanie.“ Stockman beendet das Gespräch mit seiner vor der Tür sitzenden Sekretärin, überfliegt kurz das vorhandene Zahlenmaterial und sieht zu seinem Angestellten auf. „Davin, du hast in diesem Jahr einen sehr guten Job gemacht.“
„Vielen Dank, Paul.“
„Konntest du Mendosa gewinnen?“
Davin sieht kurz betreten auf seine Hände, steigert damit die Spannung, bevor er zufrieden lächelt und nickt. „Zwanzig Millionen in unsere Vermögensverwaltung mit Derivat-Schwerpunkt“, lässt er stolz verlauten.
Sein Vorgesetzter steht auf, neigt sich leicht über den Tisch und klopft Davin auf die Schulter. „Fantastisch. Du hast es echt drauf. Glückwunsch.“ Stockman reibt sich die Hände. „Ich bin angetan von deinen Leistungen, Davin.“ Lächelnd entnimmt er der Aktenmappe einen Scheck und reicht ihn seinem Angestellten über den Tisch.
Dieser nimmt das Papier entgegen, wirft einen flüchtigen Blick darauf, schluckt trocken und schaut genauer hin. Die vielen Nullen wirken surreal und dennoch beschleunigt sich Davins Puls beinahe augenblicklich.
„Setz es gut ein, Junge.“
„Vielen Dank, Peter, das ist wirklich eine Überraschung.“
„Keine falsche Bescheidenheit, Dave. Du hast es dir verdient. Und jetzt geh und leg Mendosas Kohle an.“
Davin steht nickend auf, verabschiedet sich von seinem Boss und verlässt dessen Büro – den Scheck hat er sich in die Brusttasche gesteckt. Beschwingt, sowohl von dem hohen Betrag auf dem Wertpapier, als auch von der anhaltenden Wirkung der Drogen, setzt er sich an seinen Schreibtisch. Kurz atmet er tief durch, bevor er seine Mappe aufschlägt und seiner Assistentin die Dokumente über die Tische hinweg reicht. „Daniela, könntest du mir hierzu bitte den Vertrag ausarbeiten und ihn von Mendosa unterzeichnen lassen?“
„Hast du ihn an Land gezogen?“ Die zierliche Frau, die seit zwei Jahren Davins rechte Hand ist und ihn in dieser Zeit tatkräftig unterstützt hat, sieht ihn interessiert an, während sie ihren Blick über die Papiere gleiten lässt.
„Selbstverständlich, was denkst du denn?“ Sie springt auf und umrundet sowohl ihren als auch Davins Schreibtisch, um ihn zu umarmen. Mittlerweile hat er sich an ihre Überschwänglichkeit gewöhnt, auch wenn es eine Weile gedauert hat.
„Das freut mich so sehr für dich.“
„Danke dir, Daniela. Einfach war es nicht, aber hey, am Schluss habe ich den Typen derart um den Finger gewickelt, dass er eingewilligt hat. Gut, diesem Kerl bedeutet Geld sowieso nichts.“
„Das ist doch bei den meisten unserer Kunden so, oder? Aber sag mal Davin, du wirkst seltsam aufgekratzt und dennoch habe ich das Gefühl, dass du damit etwas überspielst. Was ist los?“
„Bei mir ist alles in Ordnung“, tut er ganz erstaunt und deutet auf die Papiere auf ihrem Tisch. „Würdest du mir den Gefallen tun und dich einfach um die Verträge kümmern? Das ist wichtig. Ganz im Gegensatz zu meiner Gefühlswelt, die dich eigentlich nichts angeht.“
„Jawohl, Chef.“ Mit einem traurigen Lächeln setzt sie sich zurück an ihren Schreibtisch und starrt auf den Bildschirm.
Auch Davin setzt sich wieder und beginnt über das online basierte Programm, das die Firma seit Jahren verwendet, Börsenkäufe zu tätigen und befristete Trades zu erfassen. Seine Gedanken wandern immer wieder zu Danielas Worten.
Natürlich hat sie recht, aber mein Gott, das will ich jetzt nicht wirklich mit ihr diskutieren.
Der ganz normale Arbeitswahnsinn nimmt seinen Lauf: Danielas Telefon klingelt beinahe ununterbrochen und im Minutentakt landen von ihr geschriebene Mails mit Kundenwünschen in Davins Postfach. Gewissenhaft arbeitet er einen nach dem anderen ab, telefoniert mit Händlern und Kunden, holt Informationen ein und setzt Börsentrades im Wert von mehreren Millionen Dollar um.
Stress pur, keine Zeit, um zu verschnaufen.
Davin merkt, wie ihm dieses enorme Arbeitspensum immer stärker zusetzt und die Wirkung des Kokains bereits wieder nachlässt. Mit Mitte Dreißig fällt es ihm nicht mehr so leicht, mit dem Stress seines Jobs umzugehen. Noch einmal an diesem Nachmittag zieht er sich in die Toiletten zurück, um sich mit dem weißlichen Pulver wieder aufzuputschen. Nur so schafft er es überhaupt, den Tag einigermaßen unbeschadet und motiviert zu überstehen. In seinem Innern herrscht eine Anspannung und Rastlosigkeit, die ihn zu zerreißen droht, immer mehr von seinem Geist einnimmt und das letzte Fünkchen Freude aus seinem Körper presst. Zurück bleibt nur der Druck. Die vielen Kundenanfragen und sein Chef, der sich dauernd nach dem Stand der Investition des neuen Vermögens erkundigt, das alles belastet ihn. Als er das nächste Mal von seinem Computerbildschirm aufsieht, ist das Büro leer und draußen ist es dunkel.
„Scheiße.“
Davin hat nicht mitbekommen, wie die anderen gegangen sind, nur von Daniela hat er sich verabschiedet. Er fährt den Rechner herunter und steht müde auf. Als er sich die Jacke überzieht und Richtung Ausgang schlendert, überschlagen sich in seinem Kopf die Gedanken. Das hier, das war mal sein Traum, der Ort, an dem er unbedingt arbeiten wollte. Gelder anlegen, immer neue Rekordinvestitionssummen an Land ziehen und zu einem der besten Asset Manager aufsteigen, die es gibt. Das war lange Jahre sein Ziel. Jetzt, da er seine Träume verwirklicht hat, wird ihm klar, wie hohl dieses Streben doch war.
Außer seiner Arbeit hat er nichts. Keinen Partner, kein schönes Zuhause, kaum noch Kontakt zu Freunden und Familie. Faktisch hat sich sein Leben in den letzten fünf Jahren in ein einsames, trauriges Loch verwandelt. Hohl, leer und freudlos. Weder die Vermögenswerte seiner Kunden, noch die hohen Boni, die er einstreicht, wärmen ihn nachts. Eine Gewissheit, die Davin in den letzten Wochen und Monaten erst so richtig klar geworden ist und ihn seither beinahe erdrückt.
Kopfschüttelnd lässt er die gläserne Tür hinter sich ins Schloss fallen und macht sich auf den Weg in eine nahegelegene Bar, in der er sich in den vergangenen Monaten schon ein paar Mal auf andere Gedanken bringen ließ. Sex ist in der schwulen Community nie wirklich weit, sofern man einigermaßen gut aussieht und den Normen entspricht. Denn obwohl die LGBT-Gemeinde Toleranz und Akzeptanz für sich einfordert, sind gewisse Vertreter ziemlich kleinkariert. Wer nicht schlank und trainiert ist, eine Brille trägt oder zu feminin auftritt, hat oft kaum Chancen auf eine schnelle Nummer. Mit dem Aufzug fährt er in die großzügige Lobby, verabschiedet sich vom Nacht-Portier, bevor er auf die Straße tritt. Die Kälte kriecht ihm unter seine Designer-Klamotten und lässt ihn frösteln. Mit den Händen in den Jackentaschen und aufgestelltem Kragen, macht er sich auf den Weg. Als er die Kneipe betritt, verstummen einige Gespräche und unzählige Augenpaare wandern in seine Richtung. Davins Äußeres – groß, trainiert, definierte Muskelpartien, kantiges Gesicht – entspricht genau dem gängigen schwulen Beuteschema. Die gierigen Blicke ignorierend, setzt er sich an den Tresen, nickt dem Barkeeper zu und bestellt. „Whiskey, pur.“
„Kommt sofort.“
Als der Barmann das mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllte Glas vor ihm abstellt, kippt er den Inhalt in einem einzigen Zug hinunter. Der Alkohol brennt in seiner Kehle und beinahe augenblicklich stellt sich dieses wohlige Gefühl im Innern seines Körpers ein, das ihn für ein paar Stunden vergessen lässt, in was für einem Leben er gefangen ist. Es ist Segen und Fluch zugleich. Ein Teufelskreis. Nachdem er sich vier weitere hochprozentige Drinks genehmigt hat, spürt er eine Hand auf seinem Knie. Langsam dreht er sich in die Richtung des Flirtwilligen, sieht ihm tief in die Augen, bevor er seinen Blick über dessen Körper gleiten lässt. Ob der junge Mann wirklich derart attraktiv ist oder ob diese Sinneswahrnehmung auf den Alkohol zurückzuführen ist, vermag Davin nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Auf jeden Fall ist der Typ groß, schlank und das verschmitzte Lächeln auf seinen Lippen wirkt anziehend.
„Na, alles klar?“, schnurrt ihm der junge Mann entgegen, während er so nah an Davin heranrückt, dass sich ihre Knie berühren. Seine Hand legt sich auf Davins Oberschenkel.
„Hi“, antwortet Davin mit einem unverbindlichen Lächeln. „Geht so, und bei dir?“ Die Hand des Mannes wandert höher und somit in die Region von Davins Schritt. „Was wird das?“
„Das weißt du ganz genau. Du gefällst mir und da dachte ich, dass ich aufs Ganze gehen muss“, flüstert der Blonde, während er noch einmal näher rückt und Davin einen Kuss auf die Wange haucht.
„Verbrenn dir nicht die Finger, Junge. Ich bin kein Spielzeug und du bist mir offensichtlich nicht gewachsen.“ Seine Stimme trieft vor Selbstüberschätzung und Arroganz. Dem jungen Kerl entweicht ein heiseres Lachen, bevor er Davins Schwanz durch die Hose hindurch massiert.
„Oh, ich denke, damit kann ich umgehen. Ich will dich mit meiner Zunge so lange verwöhnen bis du darum bettelst, mich ficken zu dürfen.“ Unvermittelt küsst er Davin auf den Mund. Die Zärtlichkeit ist flüchtig, hat nichts zu bedeuten und dennoch kocht die Lust in Davins Lenden schlagartig hoch. „Na, was sagst du dazu?“
Ein breites Grinsen zieht sich über Davins Gesicht. Eigentlich ist der junge Mann überhaupt nicht sein Typ, aber das ist ihm im Moment auch egal. Seine Selbstsicherheit kennt keine Grenzen. Er könnte jeden haben. Und mit diesem Typen hier würde er anfangen. Sein Verlangen nach körperlicher Nähe ist schier unendlich.
„Das hört sich nach einem guten Plan an. Lass uns gehen.“ Schwerfällig erhebt sich der Asset Manager und fällt dabei beinahe über seine eigenen Füße. Der Blonde steht ebenfalls auf, legt sich Davins Arm über die Schulter und hilft ihm dabei, die Bar zu verlassen. Draußen beginnt Davin sofort, den Hals des jungen Mannes zu küssen, sich dicht an ihn zu schmiegen und die Hände auf Wanderschaft zu schicken. Auf dem Weg zum Taxi prallen sie mit einem vorbeieilenden Mann zusammen, der lautstark zu fluchen beginnt.
Ich kenne diese Stimme, aber im Moment habe ich keine Ahnung, wo ich sie einordnen muss. Aber irgendwie kommt es mir so vor, als ob ich heute … oh, nein!
Blitzschnell sieht er auf und starrt in das entsetzte Gesicht von Paul Mendosa, seinem neuen, superreichen Kunden mit der Krokodilledermappe und dem teuren Anzug, mit dem er heute einen Millionen-Deal abgeschlossen hat. „Paul, äh, schön zu sehen dich“, lallt Davin, bevor er das Gleichgewicht verliert und beinahe zu Boden stürzt.
In letzter Sekunde fängt ihn sein Begleiter jedoch auf, stützt ihn und lacht verlegen. „Hoppla. Keine Angst, dich legen wir nachher schön aufs Bett, dann musst du dich nicht mehr bewegen, sondern nur noch genießen.“
Davin beginnt zu kichern, bevor er seine Hände Richtung Schritt seines Dates wandern lässt, ihm über die beachtliche Beule streicht, die sich unter dessen Jeans abzeichnet. „Das wird nichts, mein Süßer. Du bist der einzige, der sich stöhnend vor Lust winden wird. Darauf freue ich mich. Na, Mendosa, auch Bock auf ein bisschen Spaß? Ich bin sicher, dass es dir auch gefallen wird, mit meinem Freund hier … wie ist eigentlich dein Name?“
„Nils.“
„Davin“, erwidert dieser, bevor er fortfährt. „Ich bin sicher, dass Nils es sich von uns beiden besorgen lässt.“
Mit schockgeweiteten Augen und voller Abscheu sieht ihn Paul an, strafft seine Schultern und nimmt Haltung an. „Das ist eine bodenlose Frechheit. Was fällt dir ein, Dave?“
„Wer ist der Alte?“, grummelt Nils, während er Davin ins Innere des Taxis folgt. „Der ist ne totale Spaßbremse, den kannst du selbst blasen.“
„Geld, er hat Geld, aber blasen würde ich ihn nicht mal für 20 Millionen“, lacht Davin, bevor er die Tür zuzieht und den Taxifahrer anweist, loszufahren. Das Ruckeln des Fahrzeugs lässt ihn nur noch aufgekratzter werden. Er will endlich loslegen und nicht mehr warten. Die Lichter der Stadt wirken greller und der warme Körper, auf dem er halb liegt und die feuchten Lippen, die er küsst versetzen ihn in einen Rausch, wie er ihn schon lange nicht mehr verspürt hat. Eng umschlungen taumeln die Männer über den Gehweg Richtung Haus, in dem Nils eine Wohnung gemietet hat.
„Willst du auch?“. Davin hält Nils die Tüte mit dem Kokain unter die Nase.
„Für mich nicht, danke. Willst du ein Bier?“
„Ja, hol mir Bier, ich mache bereit alles.“ Davins Sprachzentrum ist aufgrund des Alkoholkonsums derart in Mitleidenschaft gezogen, dass er kaum noch einen Satz formulieren kann, ohne sich mehrfach zu unterbrechen. Schwerfällig lässt er sich auf die Couch fallen und versucht, auf dem Beistelltisch zwei gerade Lines mit Kokain zu formen, scheitert jedoch kläglich. Wiederholt und ohne erkennbaren Grund kichert er vor sich hin, bevor er flucht und schließlich aufgibt.
„Warte, ich helfe dir.“ Nils reicht ihm das Bier und macht sich daran, das weiße Pulver vorzubereiten, damit Davin es sich durch die Nase ziehen kann. Nachdem die Droge ihre wohltuende Wirkung im Körper des Mittdreißigers entfaltet hat, ergreift ein weiterer rasender Bewegungsdrang seinen Körper. Wie paralysiert fällt er über Nils her. Sein Körper funktioniert stoisch wie eine Maschine. Alle Gefühle sind ausgeschaltet und er bekommt nichts mehr mit. Alles verschwimmt vor seinen Augen, sein Geist hat sich längst abgekapselt.
Eine Kakophonie voller Einsamkeit, sexuellen Hochgefühlen, Angst und dem Wunsch, einfach alles zu beenden, umfängt ihn.
Als Davin am nächsten Morgen die Augen aufschlägt, durchzuckt ein dumpfer Schmerz seinen Kopf, der sich in Windeseile in seinem gesamten Körper ausbreitet. Keuchend schlägt er die Hände vor die Augen, um sich vor dem Licht der winterlichen Sonne zu schützen, das durch das Fenster fällt. „Aaaah!“ Sofort verkriecht er sich tiefer in der Decke und stößt dabei mit einem anderen Körper zusammen.
„Ich wünsche dir auch einen guten Morgen.“
Die ihm unbekannte Stimme klingt aufgeweckt, also schlägt Davin erneut die Augen auf und sieht sich den blonden Kerl, der neben ihm im Bett liegt, genauer an. „Wer … aua“, murrt Davin und bricht ab. Egal wie tief er in seinem Gedächtnis nach dem Namen dieses Mannes sucht, er kommt nicht darauf. „Wie war nochmal dein Name?“
„Nils.“
„Stimmt. Entschuldige bitte.“
„Kein Problem. Du warst ziemlich fertig gestern Abend. Geht es dir besser?“
Davin dreht sich auf den Rücken, reibt sich die Augen und versucht dann erneut, sie zu öffnen ohne vor der Helligkeit zurückzuschrecken. „Alles wieder gut.“ Niemand würde ihm diese Lüge abkaufen, aber das ist Davin in diesem Moment egal. Mit Schwung setzt er sich an den Bettrand und sucht nach seinem Smartphone. „Wie spät ist es?“
„Fast zehn Uhr.“
„Was?!“ Davin schießt hoch und fällt dabei beinahe vorne über. „Ich habe verschlafen. Verdammt nochmal. Ich müsste schon längst im Büro sein.“
„Das tut mir leid, ich habe heute frei und du hast nicht gesagt, wann du geweckt werden willst, daher habe ich dich einfach schlafen lassen.“
Davin unterbricht sein Gegenüber, als er ins Badezimmer stolpert. „Schlechte Entscheidung.“ Nils bleibt im Bett liegen und hört dabei zu, wie sich Davin erleichtert, sich kurz wäscht und dann zurück ins Zimmer kommt. „Ich muss los. Wo sind meine Klamotten?“
„Warte, ich helfe dir suchen.“ Zusammen finden sie Davins Anzug, seine Unterwäsche und das Hemd in Windeseile. Als er einigermaßen wiederhergestellt ist, küsst er Nils auf die Wange und drängt zum Ausgang. „Werde ich dich wiedersehen?“
Davin dreht sich um und sieht Nils für eine Weile einfach nur an. „Nein. Aber ich entschuldige mich einfach mal für gestern und wünsche dir eine gute Zeit.“
„Für was genau entschuldigst du dich jetzt?“ Nils sieht Davin mit einem kecken Grinsen an und zieht die Augenbrauen hoch.
„Für den sicherlich grottenschlechten Sex, den wir hatten. Konnte ich überhaupt?“
„Du erinnerst dich an nichts mehr? Nicht mal mehr an unseren Sex?“
„Nein, tut mir leid.“
Nils lacht, bevor er Davin auf die Wange küsst. „Es war nicht schlecht, sondern geil. Aber verschwinde jetzt.“
„Tschüss.“
„Bye.“
Damit verlässt Davin die Wohnung, steigt in den Aufzug und fährt ins Erdgeschoss. Die Erinnerung an die gestrige Nacht blitzt bruchstückhaft vor ihm auf, aber das meiste liegt noch unter einer dicken Nebelschicht begraben.
Ich war in einer Bar, hab zu viel getrunken und bin dann mit Nils nach Hause gegangen. Da war ein Zusammenstoß. Aber mit wem? Ich kannte die Person, aber jetzt, verflucht, jetzt kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Wer war es? Und dann? Sex. Wie oft? Geschützt? Ungeschützt?
Als das Taxi vor dem Bürogebäude hält, wirft Davin einen Kaugummi ein, richtet ein letztes Mal seine Frisur und steigt aus. Der Restalkohol in seinem Kreislauf sorgt dafür, dass ihm leicht übel ist, während sich sein Körper anfühlt, als wäre er von einer Dampfwalze überrollt worden. Seine Augen sind empfindlich, während in seinem Schädel eine Hardrock Band spielt.
Memo an mich: Viel weniger trinken und das verdammte Koks weglassen.
Die miese Stimmung, die ihm beim Betreten des Großraumbüros entgegenschlägt, ist bezeichnend. Jeder, dem er begegnet, ist gestresst. Niemand lächelt, keiner nimmt sich Zeit für eine auch noch so kurze Unterhaltung. Eigentlich nichts Besonderes, so ist es beinahe jeden Tag in der hektischen Welt des Börsenkapitalismus. Doch heute kommt ihm etwas seltsam vor. Die Blicke seiner Kollegen verweilen etwas zu lange auf ihm. Wie jeden Morgen türmt sich auf seinem Schreibtisch ein riesiger Stapel mit Post, der auf Bearbeitung wartet.
Seufzend lässt er sich auf seinen Bürostuhl fallen.
„Da bist du ja endlich. Ich habe zig Mal versucht, dich zu erreichen. Wo warst du bloß?“ Danielas Stimme verrät, wie ungehalten sie ist, die Sorgenfalten auf ihrer Stirn verdeutlichen es noch.
„Ich habe verschlafen.“
„Und das ausgerechnet heute? Hier ist die Hölle los, der Chef will dich …“ Weiter kommt sie nicht, bevor Peter Stockmans Stimme die angespannte Hektik im Büro durchschneidet und für eine Stille sorgt, in der man eine Stecknadel fallen hören könnte.
„Davin, in mein Büro!“
Peters Stimme lässt keine Widerrede zu und Davin ertappt sich dabei, wie er ein wenig zusammenzuckt. Ohne zu wissen, was auf ihn zukommt, erhebt er sich und schleppt sich in das Büro seines Vorgesetzten.
Urplötzlich ist er hellwach und alarmiert.
Stockman wartet nicht, bis Davin die Tür geschlossen hat, sondern poltert sofort los. „Was hast du dir dabei gedacht?“ Wie ein Tiger im Käfig geht der Inhaber und CEO von Stockman Trading auf und ab. „Ich weiß ja, dass du schwul bist, aber unseren Kunden müssen wir das nicht unbedingt auf die Nase binden, oder? Du kannst doch nicht einfach einen von ihnen anmachen und dann noch so … so plump und widerlich. Ich bin enttäuscht und stinksauer. Der Deal ist geplatzt, Davin. Hörst du? 20 Millionen futsch. Allein wegen deines Fehlverhaltens.“ Stockman fährt sich über seine Glatze, die Haare sind ihm schon vor Jahren ausgefallen. „Vielleicht haben wir noch eine Chance, aber nur, wenn ich ihm einen neuen Kundenberater zuteile.“ Davins Vorgesetzter stoppt sein hastiges Auf-und-ab-Gehen, setzt sich hin. Mit zusammengekniffenen Augen starrt er Davin an und schüttelt ratlos den Kopf. „Du hast nicht nur deinen Ruf, sondern auch den Ruf dieser Firma ruiniert. Seit heute Morgen um acht Uhr krieche ich ihm in den Arsch, schmiere ihm Honig ums Maul und versuche zu kitten, was es zu …“
„Auszeit, bitte“, brüllt Davin, schüttelt den Kopf und hebt beschwichtigend die Hände. Sein Vorgesetzter verstummt, starrt ihn aber weiter an. „Was genau ist passiert, Peter? Wovon sprichst du? Ich … habe gestern etwas zu viel getrunken und habe einen … Filmriss. Ich kann mich nur noch an Bruchstücke erinnern.“
„Paul Mendosa, davon spreche ich, Davin. Du hast ihn gestern angerempelt. Sturzbetrunken und wild knutschend in den Armen eines anderen Mannes. Er war außer sich vor Wut, vor allem, weil du ihn ziemlich plump angegraben und dann lauthals verkündet hast, dass er Geld hat.“
„Das … oh mein Gott … wie gesagt, ich kann mich nicht mehr erinnern.“
„Herrgott nochmal. Du kannst dich in der Öffentlichkeit doch nicht so aufführen. Das geht nicht. Du hast eine Verantwortung gegenüber dieser Firma und auch deinen Kunden gegenüber.“
„Ich war völlig betrunken und das tut mir leid. Aber was ist eigentlich sein Problem?“
„Die Kurzfassung? Er will nicht von einer Schwuchtel betreut werden. Nachdem ich ihn eine halbe Stunde bekniet habe bei uns zu bleiben, meinte er, dass dies nur unter einer Bedingung möglich ist. Er will einen neuen Berater, der ausdrücklich keine Tucke ist.“
„Wie bitte?“
„Außerdem verlangt er, dass wir die bisher getätigten Käufe rückgängig machen, denn er möchte nicht in ein Produkt investieren, das ihm von einem Hinterlader verkauft wurde. Seine Worte, nicht meine.“
Davin schüttelt den Kopf, kann nicht verstehen, was sich hier gerade abspielt. „Du hast ihm doch sicher gesagt, dass ich der Beste bin und dass …“
„Ja, alles habe ich ihm gesagt. Ich habe mich tausend Mal entschuldigt und ihm versichert, dass du der Beste bist.“
„Aber?“
„Er hat damit gedroht, seinen Geschäftspartnern von dem Vorfall zu erzählen und sein gesamtes Vermögen abzuziehen. Ich konnte das in allerletzter Sekunde noch verhindern.“
Es ist klar, in welche Richtung dieses Gespräch geht. „Spuck es schon aus, Peter. Was hast du ihm versprochen.“
„Einen neuen Ansprechpartner, also habe ich ihm Kevin zugeteilt. Damit konnte ich Mendosa ein wenig beruhigen. Außerdem will er, dass ich dich feuere.“
„Ich wusste es! Feuern, weswegen? Weil ich betrunken war oder weil ich schwul bin? Beides kein Grund.“
„Weil du aller Welt verkündet hast, dass er Kohle hat, Davin, und weil du ihn öffentlich angemacht hast und ja, weil du schwul bist.“
„Und was hast du ihm darauf erwidert? Warte mal, du hast Kevin diesen Account übertragen? Dem Frauenschwarm, der alle Weiber des Büros schon mindestens zweimal flachgelegt hat? Diesem Arschloch, das mir meine Kunden schon seit Monaten streitig machen will?“
„Dieses Arschloch, Davin, ist der einzige, der dir deinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Wenn Mendosa abspringt und herumerzählt, was geschehen ist, dann wäre das ein massiver Schlag, den wir nicht so leicht verkraften können. In dieser Branche ist bereits das kleinste Gerücht tödlich, denk an unsere Konkurrenz BlueInvest. Die mussten Konkurs anmelden und das wegen einer Lappalie.“
„Du feuerst mich also tatsächlich? Weil ich einmal abgestürzt bin? Das kann ich nicht glauben.“
„Nein, ich feuere dich nicht. Ich entziehe dir lediglich den Mendosa-Account. Und dann möchte ich, dass du dir ein paar Tage frei nimmst, bis sich die Wogen geglättet haben.“
„Du suspendierst mich?!“
„Ja, so könnte man das auch nennen. Sei froh, dass ich dich nur für ein paar Tage freistelle. Wenn du nicht schon so viele Jahre gute Arbeit in meiner Firma geleistet hättest, würde ich dir kündigen und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Du kennst dieses Business, da reicht ein grober Fehler. Und was du dir geleistet hast, ist keine Lappalie, Davin.“
„Schon gut, Peter, ich habe verstanden.“ Davin steht auf, kramt aus seiner Jacketttasche den Scheck hervor, den er gestern entgegengenommen hat, und knallt ihn seinem Vorgesetzten auf den Tisch. „Den willst du sicher zurückhaben.“
Stockman nickt anerkennend, bevor er das Papier zerreißt und im Abfalleimer entsorgt. „Danke, Davin, diese Geste spricht für dich. Wenn sich alles beruhigt hat, sprechen wir noch einmal über einen Bonus.“
„So viel zu Dankbarkeit und Loyalität“, murrt Davin leise und dennoch laut genug, damit es bei seinem Gegenüber ankommt.
Unvermittelt steht Stockman auf und knallt seine Fäuste derart brutal auf den Tisch, dass die Stifte im Köcher zittern. „Pass auf, was du sagst, Davin. Meine Geduld ist nicht unerschöpflich. Jetzt geh, übergib deine Kunden an Kevin und nimm dir ein paar Tage frei. Ich will dich hier zwei Wochen lang nicht mehr sehen.“
Mit einem letzten bösen Blick in die Richtung seines Vorgesetzten steht Davin auf und zieht sich zurück. Als er das Großraumbüro betritt, heften sich sämtliche Blicke auf ihn. Anscheinend hat es sich bereits herumgesprochen und wahrscheinlich dürfte auch das ein oder andere zu hören gewesen sein. Davin strafft seine Schultern, ignoriert die Blicke, geht zu seinem Schreibtisch und setzt sich seufzend hin.
„So schlimm?“ Daniela ist aufgestanden und baut sich neben ihm auf, legt ihm ihre Hand auf die Schulter.
„Schlimmer. Stockman hat mich vorübergehend suspendiert und für zwei Wochen in den Zwangsurlaub geschickt.“
„Was? Das kann er doch nicht tun. Was für ein Idiot. Aber sag, was ist denn überhaupt passiert?“
Seufzend fährt sich Davin durchs Haar. „Die Kurzfassung? Ich bin gestern total abgestürzt, habe Mendosa auf der Straße angerempelt und ziemlich vulgär angemacht.“
„Oh, scheiße. Und jetzt hat das bigotte Arschloch Zeter und Mordio geschrien und Stockman hat ihm gegeben, was er verlangt?“
„Du hast es erfasst und dreimal darfst du raten wer diesen Account übernimmt.“
„Aber nicht Kevin?“ Entsetzt runzelt Daniela die Stirn und verdreht die Augen.
„Die Kandidatin hat 100 Punkte.“
„Boah, nein, ausgerechnet dieser schleimige, widerliche Kerl, der alles anmacht, was einen Busen hat und nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dieser Typ ist ein …“ Daniela unterbricht sich, weil jemand neben sie an den Schreibtisch tritt. Als sie entdeckt, wer neben ihr steht, läuft sie rot an und verstummt.
„Hey, Leute.“ Kevins Stimme trieft förmlich vor Überheblichkeit, während sein Lächeln berechnend ist wie das eines Hais. „Danke für den Mendosa-Account, Dave.“ Obwohl ihm die Hintergründe wohl bekannt sein dürften, formuliert er seinen Satz so, als ob Davin ihm den Millionär aus reiner Nächstenliebe übergeben hätte. „Peter hat mich darüber informiert, dass ich auch deine anderen Kunden während deines Urlaubs übernehmen soll und Daniela mich unterstützen wird. Wäre ich nicht der beste Anlageberater, den diese Firma zu bieten hat, würde mich diese Herausforderung in die Knie zwingen, aber so sollte das kein Problem sein.“
„Ich soll für dich arbeiten?“ Daniela wirkt über diese Neuigkeit fast noch geschockter, als darüber, dass Kevin alle von Davins Kunden zugesprochen bekommen hat.
„Genau, Süße. Für einen richtigen Mann mit einem harten Schwanz und dicken Eiern. Du bist sicher froh, wenn du mal in den Genuss eines richtigen Kerls kommst.“
Davin steht unvermittelt auf und baut sich dicht vor Kevin auf. „Hast du etwas gesagt, Arschloch?“ Die zwei stehen sich wie Kampfhähne gegenüber und funkeln sich an.
„Dass du ein kleiner, schwuler Verlierer bist, der es einfach nicht packt und es nie zu etwas bringen wird. So jemand wie du, Dave, ist einfach nicht für den Druck und den Stress gemacht, den dieser Job mit sich bringt. Darum säufst du dir das Hirn weg und machst deinen besten Kunden an, weil du ein Nichts bist.“
Davin schlägt zu.
Den umstehenden Kollegen entweicht ein erschrockenes Keuchen, während sich Davin, selbst erstaunt über seinen plötzlichen Gewaltausbruch, die schmerzenden Knöchel reibt.
Überrascht von der Heftigkeit des Schlages, kippt Kevin nach hinten und landet ziemlich unsanft auf Davins Schreibtisch – einige Stifte fallen zu Boden. Mit entsetztem Gesichtsausdruck hält er sich die blutende Nase und sieht sein Gegenüber mit großen Augen an. „Das wird dir noch leidtun, hast du gehört?“ Kochend vor Wut stemmt sich Kevin hoch und versucht auf Davin loszugehen, doch einige seiner Arbeitskollegen halten ihn zurück. „Dich mache ich fertig, du kleiner Feigling“, droht er, die Faust in Davins Richtung erhoben.
„Genug!“ Peter Stockmans Stimme erstickt den Tumult im Keim. „Davin, Kevin, in mein Büro. Sofort!“ Die beiden Streithähne folgen dem Firmeninhaber aus dem Großraumbüro, in dem beinahe augenblicklich eine aufgeregte Diskussion losbricht, die sie aber nicht mehr mitbekommen. „Ich bin schlicht fassungslos, dass sich zwei meiner besten Kundenberater prügeln. Was habt ihr euch dabei gedacht?“
„Diese schwule Sau hat mich angegriffen.“ Kevin schnaubt vor Wut und Entrüstung, während er mit seinem Zeigefinger auf Davin deutet und sich gleichzeitig ein Taschentuch gegen seine Nase hält.
„Davin, was hast du dazu zu sagen?“
„Ich bin ausgetickt, nachdem mich Kevin aufs gröbste beleidigt und beschimpft hat.“
„Ich zeige dich wegen Körperverletzung an, du Schwuchtel.“
„Und ich dich wegen homophoben Äußerungen, Verleumdung und Rufschädigung.“
„Das will ich sehen, du …“
„Schluss jetzt!“ Stockman ist nicht gerade für seine Geduld bekannt, und der letzte Rest davon scheint sich in diesem Moment zu verflüchtigen. „Ich habe genug von eurem kindischen Benehmen. Davin, schaffst du es, Kevin deine Kunden zu übergeben, oder nicht?“
„Ja, natürlich!“
„Und Kevin, denkst du, dass du von Davin die Accounts übernehmen kannst, ohne ihn zu beleidigen?“
„Irgendwie geht das sicher!“
„Ich dulde keine Gewalt und keine Beschimpfungen in meinem Unternehmen. Darum bekommt ihr beide eine schriftliche Abmahnung, die auch im Personaldossier abgelegt wird.“
Ruhe kehrt ein.
„Also, Davin, du überträgst deine Kunden und dann bist du hier weg. Zwei Wochen.“
„Verstanden, Peter.“
„Gut, dann verschwindet jetzt und wenn ich höre, dass ihr euch heute noch einmal in die Haare kriegt, seid ihr beide raus. Kapiert?“
„Ja“, echoen beide Männer im Chor.
Nachdem zwei Stunden später alle Kunden übergeben worden sind, verabschiedet sich Davin von Daniela und verlässt das Hochhaus, in dem sein Arbeitgeber eine gesamte Etage gemietet hat. Als er unten auf der Straße in der Kälte steht und sich das aus Glas und Stahl gefertigte Gebäude ansieht, wird ihm klar, dass er hier nichts mehr zu erwarten hat.
Beim nächsten Liquor Store deckt er sich mit Hochprozentigem ein, bevor er den kleinen Dealer besucht, der ihn seit ein paar Jahren mit qualitativ hochwertigem Kokain versorgt, das er sich regelmäßig in die Nasenhöhlen zieht. Der Latino verkehrt stets im gleichen Lokal und ist einfach zu finden. Das Verkaufsgespräch wird ohne ein einziges Wort zum Abschluss gebracht: Nachdem der Augenkontakt hergestellt ist, erfolgt von beiden Seiten ein Nicken, das Geld sowie die Drogen wechseln die Hände und schon ist die Transaktion beendet.
Einfach und simpel.
Nach dem zweiten Drink, den er sich in einem Zug in die Kehle schüttet, zahlt Davin beim Barkeeper und verlässt die Spelunke in Richtung seines Zuhauses. San Francisco ist zu jeder Jahreszeit schön, doch im Moment wirkt hier alles ein wenig trostlos. Viel Beton, Metall und Glas. Kalt und abstoßend. Mit dem Aufzug fährt Davin in die achte Etage des Wohnkomplexes und schließt die Wohnungstür auf. Für ein paar Minuten steht er einfach nur im Flur, lässt seinen Blick durch die geräumige, ansprechend ausgestattete Wohnung gleiten, während die Tür hinter ihm noch immer offensteht. Die Melancholie droht sein alkoholgeschwängertes Gehirn zu überfluten und ihn an einen Ort zu ziehen, von dem es kein Entrinnen mehr gibt.
Niemand hier, der auf mich wartet oder sich freut, dass ich zu Hause bin. Nicht mal eine verdammte Katze. Was bringt mir eine 150 qm Wohnung, wenn ich niemanden habe, mit dem ich den Ausblick genießen könnte?
Voll bekleidet lässt er sich in die Couch fallen, bevor er aus der Plastiktüte den Fusel hervorkramt. Während er auf dem Beistelltisch ein einigermaßen sauberes Glas zur erneuten Benutzung sucht, schraubt er den Deckel von der Flasche und entscheidet sich dann, dass es schneller geht, wenn er sich nicht die Mühe macht, den Scotch in ein Glas zu schütten. Der Alkohol rast durch seine Blutbahn und löst das wunderschöne, warme Gefühl aus, das er so sehr schätzt. In einer ziemlich ungelenken Bewegung schwingt er seine Füße auf den mit Gläsern und Fastfood-Resten vollgestellten Tisch. „Mein Leben ist ein einziges Scheißloch“, grummelt er, bevor er einen weiteren tiefen Zug nimmt.
Nachdem er sich erneut zwei Lines mit Koks in die Nase gezogen hat, verliert er für ein paar Sekunden das Bewusstsein und findet sich in einem fußballstadiongroßen Raum wieder, in dem es absolut nichts gibt, außer ihm. Keine anderen Menschen, keine Tiere, kein Leben. Da ist nur er und sonst nichts. Schreiend, weinend und fluchend, beginnt der junge Mann durch den einsamen Raum zu laufen, auf der Suche nach einem auch noch so klein gearteten Zeichen von Leben. Doch er findet nicht einmal ein verdammtes Insekt. „Hilfe, warum hilft mir denn niemand? Ich will nicht allein bleiben! Ich will Liebe, einen Mann an meiner Seite! Hey, hallo?“
Nichts.
Außer seiner Stimme, die von der unendlich scheinenden Leere widerhallt, ist es mucksmäuschenstill. Die skurrile Umgebung, in der er sich befindet, verändert sich erneut. Nun steht Davin auf einem mehrere Stockwerke hohen Gebäude und starrt ins Nichts. Die Großstadt, in der dieses Hochhaus steht, wirkt verlassen. Auf den Straßen gibt es kein einziges Auto, kein Fahrrad und kein Anzeichen von Leben.
Leere.
In Davins Hand befindet sich eine Flasche mit Hochprozentigem, von dem er immer mal wieder einen Schluck nimmt, um die Unwirklichkeit, die ihn umgibt, besser ertragen zu können. „Was soll das hier?“, brüllt er so laut er kann in die Stille. „Soll das eine Art Zeichen oder eine Bestrafung sein?“
Plötzlich taucht neben ihm ein anderer Mensch auf. Als Davin ihn sich genauer ansieht, durchzuckt ihn eine bedrückende Erkenntnis: Er selbst steht dort. Ein ferngesteuerter, ziemlich abgemagerter Davin, der sich mit unendlich traurigen Augen umsieht und dann einen beherzten Schritt macht. Die dunklen Augenringe, das ausgemergelte Gesicht und die dünnen Arme sprechen eine sehr deutliche Sprache: So wirst du aussehen, wenn du nicht endlich mit den Drogen und dem Alkohol aufhörst.
Davin sieht seinem ausgezehrten Ich dabei zu, wie es langsam auf den Abgrund zugeht. Schritt für Schritt an den Rand des Daches, immer weiter und weiter. Der drogenabhängige Davin lehnt sich über den Rand, um sich anzusehen, wie viele Meter ihn vom sicheren Tod auf dem harten Asphalt der Straße trennen. Mit einem zufriedenen Lächeln sieht er erneut in Davins Richtung, bevor er die Augen schließt und den letzten Schritt macht. Innerhalb von Sekundenbruchteilen verschwindet die erschöpfte Gestalt aus Davins Sichtfeld. „Nein!“, brüllt er aus Leibeskräften, während er selbst einen Schritt auf den Abgrund zu macht, um den Drogen-Davin festzuhalten.
Doch er kommt zu spät.
Vorsichtig und ängstlich schiebt sich Davin immer dichter an den Rand des Dachs, um einen Blick zu wagen. Als er endlich genug Mut gefasst hat, um die 20 Meter in die Tiefe zu blicken, verschlägt es ihm beinahe die Sprache. In einer massiven Blutlache, mit zertrümmerten Knochen, liegt er selbst dort. Die Augen des Toten sind offen und starren Davin direkt an. Einsamkeit und Ausweglosigkeit stehen überdeutlich in ihnen geschrieben.
„Nein! Nein!“
In diesem Moment wacht Davin auf und sieht sich irritiert in seiner Wohnung um. Mit einem beherzten Griff an seinen Kopf versichert er sich, dass er noch lebt, bevor er bemerkt, dass sich etwas Feuchtes an seinem Bein ausbreitet. Ein Blick auf die Couch offenbart, dass ausgelaufener Scotch seine Anzughose tränkt und über das Leder seines Sofas rinnt. „Ach, verdammt noch mal.“ Davin steht auf und beginnt, die Sauerei mit einer Serviette zu beseitigen.
Da fällt sein Blick auf die offene Eingangstür.
Fremdgesteuert bewegt er sich auf die Tür zu, die Scotch-Flasche fest mit der linken Hand umklammert. Der Aufgang zum Dach steht offen, ist nicht mit einem Schloss verriegelt, wie sonst immer.
Ein Zeichen?
Langsam und schwankend schleppt er sich die wenigen Stufen hoch, bevor er einen Ort betritt, der gleichzeitig surreal und trostlos wirkt. Beton, Kies, Schornsteine und quadratische Außenstationen von Klimaanlagen. Vorsichtig bewegt er sich Richtung Dachkante und hört schon von weitem den Lärm der brodelnden Stadt zu seinen Füßen. Eisiger Wind zischt ihm um die Ohren, lässt ihn erbeben und zurückweichen.
Die schiere Höhe ist überwältigend.
Panik schießt ihm in die Glieder. Doch er fängt sich und streckt die Arme aus. Fünfzehn Stockwerke trennen ihn von der Straße. In diesem Moment fühlt er sich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Noch einen Schritt weiter. Die Spitzen seiner Schuhe ragen bereits einige Zentimeter über die Kante des Dachs. Ein kräftiger Windstoß würde genügen, um ihn abstürzen zu lassen. Davin sieht sich um und starrt in die Ferne. Von hier oben sieht die Welt so unheimlich klein aus und sämtliche Probleme erscheinen nichtig. Die Sicht ist großartig und die Vorstellung einfach loszulassen und zu fliegen, lockt ihn.
Erneut fällt sein Blick auf die Straße, bevor er die Lider schließt. Auf einmal beginnt sein bisheriges Leben wie ein Film vor seinem geistigen Auge abzulaufen. Er sieht sich als glückliches Kind in seinem Elternhaus, erlebt erneut den schrecklichen Unfall, bei dem seine Schwester gestorben ist, sieht sich trauern, weinen und verzweifeln. Dann ein Zeitsprung. Davin studiert an der Universität Finanzwissenschaften und Banking, hat einen neuen Plan für sein Leben, ein Ziel. Asset Manager. Immer wieder verschwimmen die Zeiten und Epochen miteinander, sprunghafte Rückblenden vermischen sich mit neueren Eindrücken. Davin allein in seiner Wohnung, Mendosas und Peters Worte prasseln wie Ohrfeigen auf ihn ein. Die Einsamkeit, in der er gefangen ist, schnürt ihm die Kehle zu.
Tränen steigen in seinen Augen auf.
Ich will nicht mehr allein sein. Ich will geliebt werden und lieben. So, wie es jetzt ist, kann und will ich nicht mehr weitermachen. So geht es einfach nicht.
In diesem Moment erfasst ihn ein derart starker Windzug, dass er das Gleichgewicht verliert und vornüber vom Gebäude zu stürzen droht. Mit aller Kraft versucht er, das zu verhindern und rudert verzweifelt mit den Armen.
Viel hätte nicht mehr gefehlt und es wäre vorbei gewesen.
Erneut rauschen vor seinem geistigen Auge die Erfahrungen seines bisherigen Lebens an ihm vorbei, doch dieses Mal deuten sie in eine andere Richtung. Sie verdeutlichen ihm, dass er sein Leben steuern kann, entscheidet, wie er leben will und mit wem er es verbringen möchte. Mit Mühe gelingt es ihm schließlich, sich auf der Dachkante zu stabilisieren.
Entsetzt tritt er einen Schritt zurück.
„Ich will noch nicht sterben!“ Dieser Ausrutscher hat ihm veranschaulicht, dass er noch nicht am Ende ist. Alles, was in seinem Leben nicht stimmt, kann zum Besseren verändert werden.
Ich habe es in der Hand!
Er macht einen weiteren Schritt weg vom bedrohlichen Abgrund. Nur weg von diesem Ort und der Versuchung. Sein Blick fällt auf die Alkoholflasche, die er noch immer umklammert hält. Mit einem Seufzen schleudert er sie in eine Ecke, wo sie zerspringt. Die karamellbraune Flüssigkeit verteilt sich zusammen mit den Scherben des Glases auf dem Dach.
Am nächsten Morgen fährt Davin voller Tatendrang an seinen Arbeitsplatz, um das Gespräch mit dem Firmengründer und Inhaber von Stockman Trading zu suchen.
„Davin, was machst denn du hier?“ Das Erstaunen des Vorgesetzten als er seinen Angestellten in der Tür stehen sieht, ist nicht gespielt. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt: Ich will dich …“
