Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Leben von Constanze Holm wird mächtig durcheinandergewirbelt, als ihr Mann Klaus die Familie verlässt und bei einer Unkomplizierteren einzieht. Constanze ist somit alleine für die Kinderbetreuung, den Unterhalt, ihre Job- und Wohnungssuche zuständig. Mit wachsendem Selbstvertrauen findet sie beides: einen neuen Job, der sie finanziell unabhängig macht und eine neue Wohnung auf einem Bauernhof - sehr zum Gefallen der Kinder und ihrem Hund Robert. Doch dann wird Robert krank und Constanze, die sich eigentlich nie wieder verlieben wollte, blickt in die Augen eines unglaublich attraktiven Tierarztes ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Sigrid Ellenberger
Dame ohne König
for women only
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dame ohne König
Für meine beiden Töchter -die Wundervollsten der Welt
6 Uhr 30 (mitten im Traum)
16:00 Uhr (Schmerzende Füße, pochender Kopf, Laune auf dem Nullpunkt)
Eine halbe Stunde später (Laune noch immer auf dem Nullpunkt)
09:00 Uhr (noch ohne Frühstück und mit ungekämmten Haaren)
Zehn vor acht (Mund am Tee verbrüht, da mich das Telefon erschreckt hatte)
16:00 Uhr (Lippe dick angeschwollen)
18:00 Uhr (Schweißperlen auf der Stirn und Schweißflecken unterm Arm)
18 Uhr 30 (wieder zwischen Kisten und Kästen)
19:20 Uhr (Adrenalinstoß nach Hausklingel)
21:00 Uhr (Kinder im Traumland angekommen)
21:30 Uhr (ziemlich aufgekratzt für diese Uhrzeit)
7 Uhr 30 (ausgeruht und mit meinem Aussehen immer noch zufrieden)
11:00 Uhr (vor leeren Kisten)
14:00 Uhr (Puls kurz vor dem Exodus)
Am nächsten Mittwoch …
14 Minuten später...
18:00 Uhr (nur das Lexikon hört mein Seufzen)
19:30 Uhr (Wasserdampf mit Lotusduft)
21 Uhr 0 Minuten 0 Sekunden (etwas zappelig)
30 Sekunden Schweigen später …
23:00 Uhr (trotz fortgeschrittener Uhrzeit noch ohne Gähnattacken)
Nach nur 6 Stunden Schlaf
15:00 Uhr (an Mittagsschlaf war sowieso nicht zu denken)
24 Stunden später
Nach einer Autofahrt in meiner Rostlaube wieder zu Hause…
7 Uhr und 10 Minuten (Telefongeklingel)
Samstags mit Frühsommergefühlen
Minuten später – ohne Gurken im Gesicht...
Montag Morgen, trotz Gurkenmaske ernste Ansätze von Falten …
Mein erstes Date nach einer gefühlten Ewigkeit...
Kurz vor 19 Uhr und einer Ohnmacht nahe...
Nach einer Flasche 2009er Chablis ...
Der Morgen danach …
Kuchenduft im ganzen Haus
Kurz vor Mittag – mein Bauch winselte vor Hunger
24 Stunden später, Chaos im Anmarsch ...
Nach 60 langen Minuten...
Eine Nicht-von-Klaus-Traum-Nacht später …
Wieder zu Hause...
Halb acht am Abend - auf Zehenspitzen zwischen Kinderzimmer und Küche...
20:05 Uhr (Schweißperlen auf der Stirn …)
Nach einer 10 Minuten-Fahrt in meinem Rostschüsselchen ...
Umzugstag
Endlich Samstag
Nach 63 Edelkarossen in schwarz, rot und kackbraun
42 Minuten oder 5040 Herzschläge später …
18 Uhr – Regenpause
15 Minuten später bei Chinalöllchen und Bami Goleng
2 ereignislose Wochen später …
Drei Tage später – endlich wieder schmerzfrei
Eineinhalb Stunden später
Abends – nach einigem Stress
Bewegungslos auf dem Sofa...
Nach einem Tiefschlaf wie im Koma …
Pasta – Pizza – Chianti – dolce vita
In dieser Nacht ...
„Mama, aufwachen! Robert ist weg.“
Fiese Fliesen
Nach nur 15 Minuten direkt ins Möbel-Chaos
Vierzehntausendvierhundert Herzschläge später …
Acht Stunden Schlaf später …
Eine Woche später und zwei Kilo leichter …
Sonntag Morgen …
Nachmittags im Business-Look
Gedanklich bei nächtlichen Wadenkrämpfen und Presswehen …
Einzugstag
Glücklich, dass es nur ein Traum war...
Bewaffnet mit Schraubendreher und Hammer
So ein Sonntag im Bett...
Zurück im Alltag
Kaum zu glauben: Muskelkater nach der Seniorengymnastik …
Punkt acht Uhr im Hof
Alle einsteigen, bitte ...
Nacht ohne Erinnerung
Gefühlte Lichtjahre später
E n d e ???
Die Autorin
Impressum neobooks
For women only
Ich liebe euch.
„Es ist sechs Uhr dreißig – guten Morgen liebe Hörer. Hier ist Bobby Schumacher und das ist Ihre Musik...“
Ein Schleier aus undurchsichtigem Nebel wehte aus meinem Traum direkt in mein Bewusstsein. Puh! Wer behauptete eigentlich „ich höre Radio Sonnenschein, weil ich es toll finde, von Bobby Schumacher geweckt zu werden“?
Aber um sechs Uhr dreißig? MUSSTE das sein? Und: waren das nicht die „Toten Hosen“, die mitten in der Nacht in meinen Traum vordrangen?
Au Backe, da fiel es mir wieder ein und ich war blitzartig hellwach: der Notartermin.
Um acht Uhr musste Swenja im Kindergarten, Julia bei meiner Mutter und ich, möglichst angezogen und frisch gestylt, beim Notar sein. Unsere Angelegenheit hieß ja offiziell „Aktensache: Holm – Schneider“. Inoffiziell nannte ich sie „das Scheitern einer großen Liebe“. Na ja, sooo groß kann sie eigentlich gar nicht gewesen sein, nach dem abrupten Ende! Zur Erklärung: Schneiders waren die Käufer unseres Hauses, früher das Traumhaus von Klaus und mir, dann das Zuhause von Klaus, Swenja, Julia und mir. Und unserem Hund Robert. Zuletzt dann nur noch das Zuhause von Swenja, Julia, Robert und mir. Ohne Klaus. Der nämlich, mein Noch-bald-Ex-Mann, hatte eine Unkompliziertere gefunden und war mir nichts, dir nichts, bei uns aus- und bei ihr eingezogen.
Als ob ich besonders kompliziert war! Da musste ich ja lachen...
Meine Probleme oder gar die der Mädchen, interessierten ihn dabei nicht die Bohne. Scheißkerl!
Für Klaus spielte es absolut keine Rolle, dass Julia, unser fast dreijähriger Wonneproppen, jede Nacht schlecht träumte, ständig aufwachte und mir den Schlaf raubte und Swenja trotz ihrer fünf Jahre wieder jede Nacht in meinem Bett schlief und mir ebenfalls den Schlaf raubte. Sogar Robert – ganz treuer Hütehund – verweigerte sein Körbchen und schlief vor meinem Bett, ständig in der Hoffnung, Herrchen würde wieder in eben dieses zurückkehren. Auch das raubte mir den Schlaf! Ich beruhigte also Kinder, ertrug Tritte in meine Lendengegend und kraulte den Hund während Klaus bei seiner Unkomplizierten tief und fest schlief. Wenn er nicht gerade …
Nun, die Ringe unter meinen Augen leuchteten jedenfalls frei nach dem Motto „black is beautiful“.
Um dennoch nicht ganz so abgewrackt auszusehen, hatte ich extra eine sündhaft teure Liposome-Komplex-F-Creme erworben, die ich selbstverständlich mit Klaus' Kreditkarte bezahlt hatte. Schließlich sah ich ja wegen ihm so mies aus!
Durfte man der Werbung Glauben schenken, würde diese Creme meinen Teint innerhalb weniger Stunden um siebenunddreißig Prozent straffen und meiner Stirn das Botox ersparen. Bei genauerem Hinsehen jedoch, konnte jeder Idiot erkennen, dass, um mein Gesicht wieder in Schwung zu bekommen, eine mindestens zweihundert prozentige Straffung und ein Wellnesswochenende in Davos nötig gewesen wäre. Allerdings: erstens hatte ich nicht so viel Zeit und zweitens hatte noch niemand diese Creme erfunden. Und außerdem: wer konnte sich schon ein Wellness-Wochenende in Davos leisten?
Den einzig verbliebenen Mann in unserem Haushalt, Robert, interessierte mein Teint natürlich nicht im Geringsten. Dieses Kerlchen war ja mit so wenig zufrieden!
Hätte ich doch nur einen Mann wie meinen Hund!
Kaum hatte ich die Haustür aufgeschlossen, klingelte auch schon das Telefon. Auf dem Display konnte ich sehen, dass ich bereits sieben Anrufe verpasst hatte: Susi, meine beste Freundin.
„Na, wie war's?“, platzte sie ohne Begrüßung heraus.
„Also … die Veraktung ging glatt über die Bühne. Schneiders sind echt nett aber...“
„Quatsch. Du weißt genau, was ich meine. Was hast du empfunden, als du IHN wiedergesehen hast?“, fiel sie mir ins Wort.
„Du meinst Klaus?“
„Nein, den heiligen Sankt Nikolaus! Natürlich meine ich Klaus.“
„Ich … also … ich...“ Ich stammelte wie ein Stotterer vor seiner ersten Sitzung beim Logopäden. Was sollte ich antworten? Die Wahrheit? Es tat weh. Sehr weh sogar. Ich konnte ihn kaum ansehen. Was unter anderem auch daran lag, dass Schneiders zwischen uns saßen. Mein sonst nahe der Ohnmacht liegende Blutdruck stieg auf Normalwerte während der Notar unser Haus übereignete. Ich war nahe daran, zu hyperventilieren und komplett die Nerven zu verlieren. Und ich war stinksauer auf Klaus. Am liebsten hätte ich ihm den Hals umgedreht, ihn einmal kräftig durchgeschüttelt oder gleich umgebracht.
„Oh, Susi, dieses Scheusal! Aber er sah einfach umwerfend aus! Wie macht dieser Dreckskerl das?“
Susi unterbrach mich.
„Koch schon mal einen Tee, ich bin gleich bei dir.“
Ich wusste: nach einem langen Gespräch mit Susi würde es mir viel besser gehen. Sie war immer, zu jeder Tages- und Nachtzeit für mich da.
Wir beide unterschieden uns wie Feuer und Wasser. Vielleicht waren wir genau deshalb die besten Freundinnen. Susi war Single. Und zwar der überzeugteste Single nördlich der Alpen. Sie hatte keinen Mann länger als zwei Monate; Überhaupt, was sich in Monaten ausdrücken ließ, war bei Susi schon rekordverdächtig. Sie sah umwerfend aus: lange, schlanke Beine, lange blonde Haare, irrsinnig lange pechschwarze Wimpern. Kurz, Heidi Klum hätte Susi unter die drei Topfavoriten ihrer Modelshow gewählt. Susi hätte mit der Bilderkollektion aus der Sendung locker ihren Flur tapezieren können.
Nun zu mir: Ich war das krasse Gegenteil von Susi: bodenständig, treu, solide, Mutter und Nur-Hausfrau. Meine Beine waren eher ein wenig kräftig geraten, meine Haare hatten wirklich gar keine klar zu definierende Farbe – irgendwo zwischen Nuss und Wal aber nicht Walnuss. Glatt und seidig waren Begriffe, die nie, niemals für meine Haare galten. Sie waren immer struppig, kraus und kein Haarschnitt dieser Welt konnte das ändern. Brauchte es auch nicht, ich trug eh immer nur einen Pferdeschwanz. Kurz: Ich war langweiliger Standard.
Es klingelte an der Haustür.
„Hallo Robert, hallo Süße!“ Susi kraulte Robert die Ohren und drückte mir ein Küsschen auf die Wange.
„So tief bin ich schon gesunken, du begrüßt zuerst den Hund.“
„Oha, da geht es jemandem aber schlecht!“ diagnostizierte Susi richtig.
Sie ließ sich mit einem grazilen Schwung auf die Couch fallen und schaute mich erwartungsvoll an.
„Also“, setzte ich vorsichtig an.
„Jetzt rück' schon raus mit der Sprache. Du findest ihn immer noch toll, stimmt's?“
„Ja.“
Sie schwieg.
„Weißt du, einerseits bin ich echt sauer auf ihn. Dass er uns so hängen lässt und so. Aber...“
„Aber?“
„Diese Augen. Wenn er mich anschaut, werden meine Beine zu Pudding. Ich habe keine Ahnung, wieso. Eigentlich sollte ich ihn hassen, aber das tu ich nicht.“
„Na, das kann ja heiter werden! Hast du schon Tee gekocht? Ich brauche auf diesen Schock einen richtig starken Earl Grey. Und du?“
„Ich koche dir einen.“
Bei einer Tasse Tee ließ es sich herrlich entspannen und reden. Ich war mir sicher, dass ich nach einem langen, ausführlichen Gespräch mit Susi die Welt wieder mit anderen Augen sehen konnte. Und hoffentlich die blauen Augen von Klaus bald vergessen würde.
Am nächsten Morgen lag ein amtlich aussehender Brief in meinem Briefkasten: Absender Dr. May, Rechtsanwalt. Mir zitterten schon die Finger beim Öffnen – irgendwie war ich wahnsinnig sensibel geworden.
Nein!
Ich konnte kaum glauben, was ich da las. Klaus ließ mir mitteilen – hätte er es mir selbst gesagt, wäre ich ihm ins Gesicht gesprungen – dass er nicht länger bereit war, die, ich gebe zu, nur mündlich vereinbarte Summe, weiterhin an mich zu zahlen. Außerdem bestand er darauf, dass ich ihm die Kreditkarte von unserem Gemeinschaftskonto zurückgab.
So eine Unverschämtheit! Was fiel diesem knauserigen Typen überhaupt ein? Ich war wütend. Ich war empört. Ich kochte vor Wut.
Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: ich war pleite!
Ohne dieses Geld konnte ich mir mit den einfachsten mathematischen Grundkenntnissen ausrechnen, wann mein Erspartes aufgebraucht war und ich im wahrsten Sinne bei den fünfzehn Prozent von Armut betroffenen Deutschen mitgezählt würde. Soviel zur Statistik.
Ich rief, wie immer, wenn es mir mies ging, Susi an. Ihr Wortschatz an Schimpfwörtern übertraf meinen um Welten. Kurz: sie war ebenso empört wie ich.
„Dieser knauserige Dreckskerl! Lässt dich sitzen und weigert sich dann auch noch zu zahlen. Wahrscheinlich bekommt er sogar noch Recht! Hast du eigentlich einen Anwalt? Sonst bist du hoffnungslos verloren!“
Ja, das klang richtig aufbauend.
„Constanze, denk' positiv!“, mischte sich Klein-Ego, mein kleiner, vorlauter Schweinehund, der es sich in meinem Kopf gemütlich gemacht hatte, ein.
Positiv? Bitte, was soll daran positiv sein, wenn dir dein Ex-Traummann zum Albtraum wird, den Geldhahn abdreht, du gezwungen wirst, aus deinem Traumhaus auszuziehen und du nur von seinen blauen Augen träumst? Scheiße!
„Oh, tun wir uns heute aber wieder leid!“ faselte er mir schon wieder in meine Gedanken rein.
„Halts Maul, kleiner Mistkerl!“
„Wie bitte?“ Susi war immer noch am anderen Ende der Leitung.
Oh, ich hatte laut gesprochen. So weit war es schon. Waren das schon erste Anzeichen für Alzheimer? Oh mein Gott.
„Ich meine, ich könnte mir einen Job suchen“, sagte ich zu Susi. „Ich muss ja sowieso in spätestens vier Wochen hier ausziehen, vielleicht mache ich dann einfach einen ganzen Schritt und verändere mich. Neuer Job, neue Wohnung, neue Gegend.“ Hatte ich wirklich „einfach“ gesagt?
Ich hörte Susi grinsen.
„Was ist?“ fragte ich „meinst du, ich könnte das schaffen?“
„Verdammt, Constanze, hat der Kerl dir eigentlich deine ganze Selbstachtung gestohlen? Sieh dich an: du hast schon viel mehr geschafft: dein Studium, deine Kinder und diesen – das Wort betonte sie ganz besonders – Mann. Dich kann wirklich nichts mehr umhauen, glaub mir.“
Susi schaffte es, mein Selbstbewusstsein auf das Niveau einer Hundehütte zu heben.
„Nun, dann packen wir es mal an!“ Ich fühlte mich so tapfer, wie das kleine Schneiderlein.
Zum Nachdenken und Grübeln blieb zum Glück nur wenig Zeit. Ich gewöhnte mir an, jeden Montag die Stellenanzeigen zu studieren, jeden Mittwoch und jeden Freitag die Immobilienangebote mit Textmarker zu versehen und dazwischen mit den Zeitungen aus der Vorwoche das ganze Geschirr einzupacken. Swenja konnte ich in der Ganztagsgruppe des Kindergartens anmelden – es gab tatsächlich eine ganze Gruppe mit Kindern, deren Eltern getrennt waren. Julia durfte jeden zweiten Tag meine Mutter besuchen. Hoch leben Omas, die im gleichen Ort wohnten.
Mir blieb nur die Hoffnung – die stirbt ja bekanntlich zuletzt – dass sehr bald wieder ein geregeltes Familienleben stattfinden würde. Ganz sicher war ich mir nur in einem Punkt: unser Leben würde definitiv ohne Klaus weitergehen. Auf diese Einsicht war ich sehr stolz! Seine Kinder interessierten ihn nicht mehr, ich interessierte ihn nicht mehr und die Reste unseres gemeinsamen Lebens verpackte ich gerade in Altpapier.
„Constanze, halt dich fest!“
Es war wieder einmal Susi. Sie war einfach immer und zu den unmöglichsten Zeiten präsent. Und schon so wach!
„Umberto sucht eine selbständig arbeitende Übersetzerin bei freier Zeiteinteilung. Na ja, zumindest ein bisschen frei! Das bist DU!“
Ja. Und tausend andere.
„Susi, ich habe seit Jahren nicht mehr in meinem Beruf gearbeitet. Ich weiß gar nicht, ob ich da die allergeringste Chance hätte.“
Umberto war meines Wissens ein großer italienischer Konzern, der Großgeräte in Großküchen einbaute. Wahrscheinlich suchten sie auch eine „große“ Übersetzerin. Also: nicht mich.
„Quatsch. Ich habe schon mit Sandra gesprochen, du kennst doch Sandra aus meinem Zumba-Kurs? Egal. Sie ist dort Assistentin des Personalchefs. Der restlichen Welt ist noch gar nicht bekannt, dass dieser Job frei ist.“
Das war wieder einmal typisch Susi: ich wunderte mich, dass sie noch nicht meinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte.
„Hier ist die Telefonnummer: 8744300. Sandra wartet auf deinen Anruf. Du kannst dir direkt einen Vorstellungstermin vereinbaren. Und mach' schnell, denen brennt es unter den Nägeln. Ihre einzige Übersetzerin ist nämlich letzte Woche Hals über Kopf nach Italien abgereist, weil sie einen italienischen Starkoch kennengelernt hat. Irgendein reicher Macker mit wenig Zeit und viel Geld. Das müsste uns mal passieren, was?“
Es war unglaublich, wie schnell und ohne Luft zu holen Susi reden konnte. So schnell konnte ich nicht mal denken.
Nachdem Susis Worte meine Gehirnwindungen erreicht hatten und die Synapsen sich zur Teamarbeit zusammengefunden hatten, wurde ich ganz zappelig. Das war ja fast zu schön, um wahr zu sein. Selbständig arbeiten war überhaupt die Lösung meines Problems. Mutter sein und bei freier Zeiteinteilung gleichzeitig einen Job erfüllen war die optimale Kombination für mich. Sollten die bei Umberto mich wirklich einstellen, musste ich nicht einmal in eine andere Region umziehen. Swenja musste nicht den Kindergarten wechseln, Julia konnte weiterhin ihre Freunde aus der Krabbelgruppe besuchen und vor allen Dingen blieb mir Susi auf eine kurze Tasse Tee erhalten.
In meinen Gedanken malte ich mir schon unsere Zukunft aus.
„Na, was sagst du?“, riss Susi mich wieder in die Gegenwart zurück.
„Nun, versuchen kann ich es ja einmal. Mehr als eine Absage werde ich schon nicht kassieren, oder?“
Ich hörte Susi am anderen Ende der Leitung jubilieren.
„Constanze, so gefällst du mir. Hurra, ich habe meine alte Freundin zurück!“
Meine Güte, war ich aufgeregt! Zwischen herumstehenden Kisten, ungebügelter Wäsche und Memory spielenden Kindern suchte ich verzweifelt nach meinen Schminksachen und meinem Lieblingsparfüm. Irgendwie hatte ich diesen Accessoires in letzter Zeit keinerlei Bedeutung mehr beigemessen. Ich hatte fast schon vergessen, wie gut ich mich frisch geschminkt fühlte. Wieso hatte ich mich eigentlich in all den Jahren für Klaus geschminkt und nicht für mich selbst? Ich war gerade dabei, eine völlig unbekannte, aber spannende Seite an mir zu entdecken. Würde ich die durch die Trennung gewonnenen Erkenntnisse in einem Buch zusammenfassen, würde ich vermutlich auf irgendeiner Bestsellerliste landen. Constanze Holm – die Retterin der Single-mit-Kindern-Frauen. Ich strotzte vor Stolz!
„Schau mal, Julia, Mama macht sich hübsch“, flötete Swenja.
Mama macht sich nicht hübsch, sie ist es. Mal abgesehen von der dicken Lippe. Manchmal musste es nur ein bisschen betont werden.
Meine beiden Mädchen schauten begeistert zu, wie ich meine Nägel lackierte, Make-up auftrug und meine Augen mit einem passenden Kajalstift ummalte.
Es war vier Uhr am Nachmittag aber ich fühlte mich wie nach einem langen, erholsamen Zwölfstundenschlaf.
„Kinder, Susi holt euch gleich ab und geht mit euch in den Zoo.“
Und Mama pinkelt sich vor Aufregung gleich in die Hose.
Ich hoffte inständig, diese Stelle zu bekommen! Etwas bange wagte ich einen Blick in den Spiegel, ob sich meine Hektikflecken am Hals schon einfanden. In kluger Voraussicht hätte ich besser einen Rollkragenpullover angezogen, aber das käme sicherlich sehr sonderbar, angesichts der Temperaturen um die achtundzwanzig Grad. Celsius, versteht sich.
Mein Italienisch und mein Englisch waren gut, zugegeben. Aber schließlich hatte ich seit mehr als fünf Jahren nicht mehr als Übersetzerin gearbeitet. Meine Sprachkenntnisse hielt ich nur durch gelegentliche Lektüren auf dem Laufenden. Allerdings ging es in diesen Lektüren selten um Großküchengeräte. Was hieß eigentlich Gefriertruhe auf italienisch?
Ich fummelte nervös an meinen unbezähmbaren Locken herum, als Susi klingelte und die Mädchen gefolgt von einem winselnden Robert wie Furien zur Haustür rannten.
„Hallo meine Lieben, seid ihr fertig?“
Susi wuschelte Swenja durch die Locken und nahm Julia auf den Arm.
Robert nahm sabbernd vor ihr Platz und hoffte auf einen Hundekeks.
Ich drückte Susi alle zusammengesammelten Kinderutensilien in die freie Hand.
„Und vergiss nicht, Julia ihre Nachmittagsmilch zu geben … und Swenja soll nicht so viele Süßigkeiten essen, sonst bekommt sie wieder Bauchschmerzen. Und pass auf, dass die beiden nicht ins Affengehege greifen, die Kapuzineräffchen werden leicht aggressiv … und schau ...“
Susi lachte und winkte ab.
„Mensch, Constanze, so aufgeregt habe ich dich ja noch nie erlebt! Es wird schon schiefgehen. Die bei Umberto sollen froh sein, wenn sie dich kriegen.“
Ich wünschte mir etwas von Susis Optimismus.
„Grüß bitte Sandra von mir, ja?“
Sandra? Ach so, Susis Sportkollegin. Alles klar.
Und jetzt fiel es mir auch wieder ein: congelatore, das italienische Wort für Gefriertruhe.
„Dann wären wir uns also einig?“
Und W I E einig wir uns waren. Ich konnte es kaum fassen: ICH hatte die Stelle. Signore Castello - „nennen Sie mich doch bitte Tonio“ - war mir auf der Stelle sympathisch. Ich schätzte ihn auf Ende vierzig, schwarzhaarig mit leicht angegrauten Koteletten, einem unsagbar netten Lächeln, bei dem sich kleine Grübchen in seinen Wangen zeigten und einem kleinen, aber unübersehbaren Bäuchlein. Vermutlich kochte Signora zu gut.
Ganz offensichtlich mochte er mich auch.
Tonio beschrieb mir meinen neuen Job: geplant waren ungefähr fünfundzwanzig Wochenarbeitsstunden für Übersetzungen und etwa zwei Stunden jeden Montag im Hause Umberto zur Besprechung im Team. Die Bezahlung war absolut zufriedenstellend. Meine Arbeiten konnte ich mir je nach Bedarf abholen und nach der Übersetzung wieder abliefern. Die Fahrtkosten würde Umberto übernehmen. Handbücher sollten mir online zugehen. Online? Das hieß, ich brauchte einen eigenen PC. Klaus hatte unser Laptop nämlich eingepackt noch bevor ich es vermissen konnte. Wohlgemerkt: er hatte nicht alle Unterhosen eingepackt, aber sein Laptop!
Als ich Tonio zum Abschied die Hand schüttelte, fühlte ich einen kleinen Anflug von Stolz. Und Glück.
Ja, nach sehr langer Zeit war ich wieder glücklich. Und das hatte nichts mit einem Mann zu tun. Na ja, nicht direkt!
Ich machte mich, zu Hause angekommen, sofort daran, den „Müllberg“ zu studieren, eine Zeitung, in der man vom Partner bis zum Trödel alles fand. Ich beschloss, mir einen eigenen PC und die dazugehörigen Übersetzungsprogramme zu kaufen, möglichst gebraucht.
Im „Müllberg“ gab es allerhand Auswahl an Computern und Zubehör. Für mich hörten sich die meisten davon an, als wären es spanische, nein, chinesische Dörfer. Ich war zwar seit ein paar Jahren nicht mehr in der Arbeitswelt zuhause, hatte aber den Eindruck, man hätte mich direkt in ein neues Jahrtausend gebeamt. Wie in „zurück in die Zukunft“.
Da bot doch jemand einen „AMD 64x2 Dual core Prozessor 4600 2x2, 2 GB Arbeitsspeicher, 1 Terra Festplatte (konnte man die verspeisen wie eine Schlachtplatte?), CD und Key (wer war das?) sind auch dabei. Wer möchte bekommt AS Rockboard dazu (macht der auch Pop-Musik?) mit ner 257 MB Geforce Grafickarte (Druckfehler?) 2x2 GB Arbeitzspeicher.
Oh Mann, da hätte Deutschunterricht auch nicht geschadet! Gab es beim „Müllberg“ keine Lektoren? Ich fragte mich, ob das nicht eine falsche Sparmaßnahme war!
Oder hier: da gab es ein Nichtrauchergerät! War es denn wichtig, dass der PC nicht an Lungenkrebs verendete?
Vielleicht sollte ich mich doch an einen Fachmarkt meines Vertrauens wenden, um mich ausführlich beraten zu lassen.
Mir graute heute schon davor, diese komplizierten Geräte auch noch bedienen zu müssen. Ich beschloss, eine Nacht über dieses Problem zu schlafen und meine Aufmerksamkeit zunächst auf die Immobilienangebote zu lenken.
Entweder war ich bis zu diesem Zeitpunkt etwas weltfremd oder aber die Welt hatte sich um mich herum in den klausbegleiteten Jahren wirklich um Jahrtausende verändert.
Im „Müllberg“ fand ich unter der Rubrik „Vermietung 4 und mehr Zimmer“ - zwei Kinderzimmer, ein Arbeitszimmer, mein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer – wir brauchten also mehr als vier Zimmer:
„Jugendstil-Beletage, 190 m², 5 Zi., Balkon, Parkettböden, Fahrräder können im Hof abgestellt werden. € 2.500,- + NK € 300,--, Prov.: € 5950,--, Kaution: 2MM.“
Nicht Jahresmiete, nein, Monatsmiete. Bei diesen Preisen konnte man sich selbstverständlich kein Auto mehr leisten und fuhr Rad.
Nein, wollte ich nicht innerhalb des nächsten halben Jahres in die Privatinsolvenz schlittern, musste ich wohl oder übel weiter suchen.
„Für den besonderen Anspruch: 7 Zi., Küche, Bad, Gäste-WC, 200 m², Terrasse, Garten, Garage, Buchenparkett. € 2.490,--“. Preise in Euro, nicht etwa in chinesischen Yen und das alles pro Monat!
Wieso blieb ich immer an solchen Anzeigen hängen, wo doch Parkett gar nicht gut für Robert war. Beziehungsweise: Robert gar nicht gut für Parkettböden.
Ich schickte einen Seufzer gen Himmel. Durfte das denn wahr sein? Meine aktuelle Hochrechnung, darin war ich schneller als ARD und ZDF, besagte, dass mein Erspartes maximal sechs Monate reichen würde. Über diese Tatsache musste ich auch erst eine Nacht schlafen. Wer, um alles in der Welt, konnte bei diesen Aussichten auch nur ein Auge zu tun?
Beim Zuschlagen der Zeitung fiel mein Blick auf die Rubrik „Vermietung Wohngemeinschaften“.
Hier: „wohnen auf dem Land, studieren/arbeiten in der Stadt. Verkehrsgünstige Lage. Ich, weibl., 30 J., suche Mitbewohnerin für 4 Zi. Küche und Bad. Großer Parkplatz im Hof vorhanden. Interessiert? Ruf mich an. Tel.: 7735807 (AB beißt nicht).“
Wer oder was war AB? Nahm dort der Hund das Telefon ab?
Die Anzeige klang irgendwie nett. Die Formulierung erinnerte mich an Susi. So würde sie eine Anzeige aufgeben. Offen, klar, freundlich. Nett eben.
Wohngemeinschaft mit einer Frau? Warum eigentlich nicht, auf Männer konnte ich sowieso in Zukunft verzichten. Zumindest auf eine Wohngemeinschaft mit ihnen. Und „wohnen auf dem Land“ klang sehr verlockend. In meiner Fantasie tobten schon die Mädchen mit Robert in einem schönen großen Garten und ich saß auf einer ruhigen Terrasse, trank eine Tasse Tee und ließ meinen Computer für mich übersetzen.
Die Hausklingel holte mich aus meinen Tagträumen. Susi und die Kinder waren von ihrem Zoobesuch mit Ausklang im Eiscafé zurück. Kein Wunder, dass die beiden beim Abendessen streikten. Susi half mir noch, die Mädchen zu baden und ins Bett zu bringen. Sie war eine wahre Weltmeisterin im Erzählen von Gute-Nacht-Geschichten.
Als die zwei friedlich schlummerten, erzählte ich Susi von meinem Vorhaben, mir eine Wohngemeinschaft mit 30 Jahre, weiblich, anzuschauen. Sie war total begeistert.
„Mensch, Constanze, ich erkenne dich kaum wieder. Das klingt super.“
„Nun, eigentlich waren mir die anderen Objekte einfach zu teuer. Die konnte ich mir schlichtweg nicht leisten. Du glaubst gar nicht, wie teuer Wohnungen hier sind. Ganz zu schweigen davon, dass kein Vermieter Robert akzeptieren würde.“
„Na, Not macht eben erfinderisch.“
„Das Original ist leider nicht hier, Sie müssen schon mit der vollautomatischen Sekretärin Vorlieb nehmen. Meine Chefin ist wieder einmal auf einer Baustelle unterwegs. Vielleicht hat sie auch nur vergessen, mich auszuschalten. Sagen Sie einfach, wer was von ihr möchte. Wenn Sie Glück haben, ruft sie sogar zurück.“ Piep.
AB. Das war der Anrufbeantworter. Hätte ich ja auch gleich drauf kommen können. Diese Frau war ja wirklich eine originelle Nummer. Ich hinterließ also das WER und das WAS und meine Telefonnummer und hoffte auf Rückruf.
Ich hatte mich gerade mit meinem Schmöker-Roman auf unsere, pardon, MEINE Couch gekuschelt, als das Telefon klingelte.
„Spreche ich mit Constanze Holm?“
Die Stimme machte sich nicht die Mühe, meine Antwort abzuwarten.
„Hier ist Inge. Wiedebrecht. Aber Inge reicht. Ich denke, wir sollten „du“ sagen.“
Aha.
Das war sie also, die Stimme zu weibl., 30.
„Ich bin gerade erst nach Hause gekommen, hoffentlich störe ich dich nicht. Du hast also Interesse an der Wohnung?“
Ich öffnete gerade meinen Mund, um zu antworten, da redete sie schon weiter.
„Am Besten kommst du einfach vorbei und schaust dir meinen Bauernhof mal an. Ist echt schön hier.“
Bisher hatte ich zu dieser Konversation noch keine Silbe beigetragen.
Inge redete wie ein Wasserfall!
„Morgen bin ich den ganzen Tag zu Hause. Wenn du kommen magst, Hintere Straße 60. Du kannst es eigentlich nicht verfehlen. Was sagst du?“
Hoppla. Ich war dran.
„Äh – ja, gerne.“ Mehr fiel mir im Augenblick nicht ein.
„Schön, dann also bis morgen.“
Sie beschrieb mir den Weg und wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Anschauen kostete ja nun wirklich nur ein halbes Stündchen. Und in Anbetracht, dass ich dringend eine neue Bleibe brauchte, die ich auch bezahlen konnte, war das ein geringer Aufwand.
Ich zog mich, ein Problem weniger im Kopf, aus und musterte mich im Badezimmerspiegel. Eigentlich sah ich noch recht passabel aus. Das kastanienbraune Haar war gelockt, graue Haare hatten sich noch nicht eingeschlichen, meine Haut war – dank der täglichen Spielplatzbesuche – leicht gebräunt, die schwarzen Ringe unter meinen Augen hatten sich angesichts der letzten, friedlichen Nächte, verabschiedet. Die „Brillenschlange“ hatte wieder rosige, faltenfreie Haut in ihrem Gesicht. Oder lag es doch an der mega teuren Creme? Egal.
Zugegeben, mein Busen war nicht mehr so straff wie vor den Schwangerschaften aber dafür wurde ja der Push-up erfunden.
Ich war zwar nicht Heidi Klum – obgleich ich bezweifelte, dass an diesen Top-Models alles echt war – aber was ich sah, fand ich ganz in Ordnung.
Am nächsten Morgen bereitete ich Julia und Swenja auf unsere gemeinsame Wohnungsbesichtigung vor.
„Hört mal, ihr beiden, ich habe euch doch schon erklärt, dass wir hier ausziehen müssen. Unser Haus gehört ja nun den Schneiders. Und Papa ist ja auch nicht mehr hier. Und wir drei und Robert brauchen ja ein neues Haus. Und ...“
Hörten die überhaupt zu? Wem stotterte ich denn diesen Monolog vor? Meine beiden Töchter waren absolut desinteressiert. War Kindern egal, wo sie wohnten? Oder mit wem? Nein, das konnte nicht sein!
„Heute Nachmittag jedenfalls besuchen wir Inge auf ihrem Bauernhof.“
Plötzlich kam Leben in Swenjas Augen.
„Gibt es da Tiere?“
Inge hatte zwar ununterbrochen geredet, aber von Tieren hatte sie nichts gesagt.
„Ich weiß es nicht, lasst uns einfach mal nachschauen, ja?“
„Au ja“, kam es nun auch von Julia einigermaßen begeistert.
„Aber Robert kommt mit!“ beharrte Swenja.
„Aber sicher. Schließlich muss es ihm dort auch gefallen, nicht wahr?“
Ja, bei uns hatte sogar der Hund ein Mitbestimmungsrecht.
Swenja nickte und Julia strahlte über das ganze Gesichtchen.
„Schön, nach dem Mittagessen fahren wir los. Jetzt wird gefrühstückt und dann darf Swenja in den Kindergarten. Und wir Julia“, wandte ich mich an die Kleinste, „gehen mal einen Computer kaufen.“
Nachdem ich Swenja mit nicht weniger als fünf Küsschen vor ihrem Kindergarten verabschiedet hatte, fuhr ich mit Julia beim Computerfachmarkt vor. Dort erklärte man mir, zwar immer noch in Fachchinesisch, dass mein Problem eigentlich gar kein Problem sei. Ein entsprechendes Gerät sei durchaus erschwinglich und Übersetzungsprogramme seien schon Standardsoftware. Der Verkäufer kicherte: „wenn Se nich grade chinesisch übersetzen wollen.“
Nein, fürs Chinesische sorgte er ja schon.
Nun, damit konnte ich leben. Wenigstens brachte mich diese Information nicht um eine erholsame Nacht.
Mit Julia wieder zuhause angekommen, spielte ich mit ihr Kisteneinräumen. Das spielten wir seit einer Woche jeden Tag und langsam kam mir das Spiel schon zu den Ohren heraus. Aber Julia machte es Spaß und meine Umzugskisten füllten sich unaufhörlich mit Geschirr, Gläsern, Töpfen, Krimskrams, Bildern, alten Erinnerungsstücken und eben allem, was vor einem Umzug zu packen war.
Ich schaute mich in unserem, pardon, unserem ehemaligen Heim um und die Wehmut packte mich. Zuviel erinnerte mich an Klaus und unsere doch meist glückliche Zeit. Für die Kinder war es sicher ebenso belastend, mit Möbeln zu leben, die ständig an Papa erinnerten. Da fasste ich einen Entschluss. Unsere gemeinsamen Möbel würde ich verkaufen, notfalls sogar verschenken. Wo immer wir hinziehen würden, wollte ich mir ein neues Leben - mit neuen Möbeln – einrichten. Koste es, was es wolle!
„Ich pfeif' auf das Geld!“
Julia schaute mich verwirrt an.
„Mama denkt nur mal wieder laut, Schatz. Pack nur schön weiter!“
Oh mein Gott, ich redete schon wieder laut. Ganz sicher ein Vorbote von Alzheimer.
Fakt war, ich war wild entschlossen, mich von gemeinsamen Erinnerungen zu lösen, sonst würde ich mich innerlich nie einem neuen Leben zuwenden können.
Mit diesem Entschluss im Kopf, machte sogar das Einpacken wieder Spaß.
Nach einem schnellen Mittagessen aus der Mikrowelle – hoffentlich verpetzte mich keiner beim Kinderschutzbund – ging es los. Wir kletterten in meine alte Rostlaube und fuhren Richtung Hintere Straße. Die Wegbeschreibung, die Inge mir am Telefon durchgegeben hatte, war präzise, so dass ich keine Schwierigkeiten hatte, den alten – und alt war hier wirklich wörtlich zu nehmen - Bauernhof zu finden.
„Mama, daaaaa.“ Julia zeigte begeistert auf die hintere Hofecke.
„Mensch, Mama, guck' mal, Minischweinchen.“ Swenja war ganz aus dem Häuschen. Robert bellte die schwanzwedelnden Wesen an, in der Erwartung, sie würden dann mit ihm spielen.
Inge hatte zwar in ihrem Inserat keinen Preis genannt, aber eines war klar: um in diese Baracke einzuziehen, müsste sie eigentlich noch was draufzahlen.
Der Hof war groß und sauber, Enten und Hühner waren durch einen engmaschigen Verschlag vom Hof abgetrennt. Die Schweine – sie waren wirklich schnuckelig klein – suhlten sich in einem Schlammloch.
Das Hauptgebäude war bis auf das Fachwerk abgerissen, lediglich im Erdgeschoss gab es schon wieder Zwischenwände und die Ausmauerarbeiten hatten begonnen. Dann gab es ein noch renovierungsbedürftiger aussehendes Nebengebäude und einen Holzstall.
Ich fragte mich insgeheim, wo, um alles in der Welt, hier eine Wohnung zu vermieten war.
„Hallo, ich bin Inge“, rief mir eine offensichtlich gut gelaunte, blondgelockte Frau zu. „Und ihr seid bestimmt die Holms.“
„Ja. Das sind Swenja und Julia. Ich bin Constanze.“ Aber das wusste sie ja bereits. Ich streckte ihr meine Hand entgegen, aber Inge umarmte mich warmherzig.
„Der ist ja schön“, deutete sie auf Robert.
„Darf ich vorstellen: Robert.“
Sie kuschelte ihm das Fell: „Hallo Robert.“
An uns gewandt, fragte sie: „Soll ich euch erst einmal alles zeigen?“
Hatten wir etwa doch noch nicht alles gesehen? In mir keimte ein Funken Hoffnung auf, irgendwo hinter einer dieser grünen Hecken noch ein schnuckeliges Einfamilienhäuschen für fünfhundert Euro Miete zu entdecken.
Weit gefehlt!
Was wir gesehen hatten, war alles! Und das war nicht sonderlich Erfolg versprechend.
„Ich wohne momentan im Dienstbotenhaus. Das war es früher nämlich einmal“, erklärte Inge. „Aber in vier Wochen soll das Erdgeschoss des Haupthauses fertig sein und in ungefähr drei Monaten der Rest.“
„Oh, das ist echt schade, weil wir in spätestens drei Wochen aus unserem Haus ausgezogen sein müssen“ , setzte ich Inge unsere Lage auseinander. Insgeheim war ich erleichtert, nicht in dieses Chaos einziehen zu müssen.
Inge überlegte kurz.
„Da könnte ich euch nur anbieten, dass ihr drei in drei Wochen hier unten einzieht und ich noch bis zur Fertigstellung des Obergeschosses im Dienstbotenhaus wohnen bleibe. In drei Wochen ist hier außer der Tapete bestimmt alles drin.“
Ich fand das unglaublich nett von Inge, dass sie das auf sich nahm. Nur uns zuliebe. Ich konnte mir zwar kaum vorstellen, dass sich dieser Rohbau in nur drei Wochen zu einem Chalet verändern sollte, aber Inge wusste sicher, wovon sie sprach. Auf dem Schild in der Hofeinfahrt hatte ich „Architekturbüro Wiedebrecht“ gelesen. Inge war also vom Fach. Sie würde allen Ernstes in dem heruntergekommenen Nebengebäude wohnen bleiben, nur damit wir hier einziehen konnten. Das machte sie sehr sympathisch. Inge war warmherzig und offen und sie erinnerte mich irgendwie an meine Freundin Susi. Ja, ich konnte sie mir gut als meine neue Freundin vorstellen.
„Ich weiß, es sieht auf den ersten Blick nicht so aus, aber die Substanz des Gebäudes ist echt gut. Wenn erst einmal alles fertig ist, werdet ihr sehen, was hier drinsteckt.“
Inge kam richtig ins Schwärmen.
Nun, vielleicht fehlte mir nur ein bisschen Fantasie.
Den Erläuterungen von Inge folgend, sah ich das wunderschön renovierte Fachwerkhaus vor meinem inneren Auge erscheinen. Im Hof sollte es einen Springbrunnen geben, um den eine rustikale Holzbank nebst Tisch geplant waren.
„Ich zeige euch jetzt den Stall“, wandte sich Inge an die Mädchen.
Spätestens in diesem Moment hatte ich verloren. Hier gab es zwei Ponys, vier Zeigen und einen kleinen Hasenstall mit Widder-Kaninchen. Die Kinder waren hellauf begeistert. Auch ich bekam langsam Lust, hier zu leben. Und Robert gefiel es hier auch, er wedelte den Ziegen mit seinem Schwanz durch die Augen, die sich mit lautstarkem Gemeckere beschwerten.
Ich hoffte inständig, mich mit Inge auf einen einigermaßen vernünftigen Mietpreis zu einigen.
Die Mädchen durften mit Robert im Hof bleiben und spielen. Inge versicherte mir, dass nichts, aber auch rein gar nichts passieren konnte. Und wir beide besprachen die Einzelheiten bei einer gemütlichen Tasse Tee.
Wir würden in drei Wochen hier einziehen, an der geplanten Hofgestaltung würde ich mich finanziell beteiligen, dafür war die Wohnung eine wahres Schnäppchen. Wir würden vier Zimmer, ein eigenes Badezimmer und eine geräumige Wohnküche haben.
Ich vertraute Inges Vorstellungen und schlug ein.
HURRA! Wir hatten ein neues Heim. Und ich hatte mir fest vorgenommen, diese Bruchbude, bald Traumhaus, zu einem wirklichen Heim für meine Kinder, unseren Hund und mich zu machen.
Adieu altes Leben, adieu alte Möbel, adieu alter Klaus.
