Dämonenherr - Antje Marschinke - E-Book

Dämonenherr E-Book

Antje Marschinke

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Beschreibung

Nachdem die Zauberstadt Molgula durch das Dämonenschwert Krás zerstört wurde, scheint nichts mehr den Dämonenherrn Chydor aufhalten zu können. Seine Dämonen fallen über die Menschen der nördlichen Länder her und verbreiten Tod und Schrecken. Eine verzweifelte Suche nach der Letzten der Adruan beginnt, denn ihre Felsenmagie scheint die einzige Macht zu sein, die gegenüber dem Dämonenherrn bestehen kann. Doch auch Chydor weiß um diese verschollenen Kräfte und setzt alles daran, die Ardruan endgültig zu vernichten.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Antje Marschinke

Dämonenherr

Ruan: Aus dem Zeitalter des Chydors, 6. Buch

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Dämonenherr

Ein Dämon

Schwere Gedanken

Dunkle Spiele

Warnungen

Milax

Ein Attentat

Beratungen

Viele Fragen

Die Suche nach Verbündeten

Zwei lange Suchen

Draba

Ardruan

Verfolgung

Dämonenkämpfe

Nach Norden

Podon’s Kampf

Tmarus

Die Kaarst

Königliche Truppen

Der Berg

Schicksalswege

Historie von Ruan

Namen von Personen, Völkern und Städten

Impressum neobooks

Dämonenherr

Sieben Geister geeint

Schwarz und begierig

Voll tödlichem Hass

Hört meine Geschichte aus dem Zeitalter, in dem das Böse Chydor heißt.

Hört, dass sein Versuch scheiterte an den Felsen von Vitrea.

Hört, dass sein Versuch scheiterte an dem schwarzen Schwert.

Hört, dass sein Versuch scheiterte durch die Zauberkundigen Molgulas.

Er floh wieder nach Norden,

versteckte sich,

nährte seinen Zorn.

Er hatte Geduld, denn Molgula war vergänglich und er nicht.

Und als Molgula verging, da erhob er sich ein zweites Mal,

und seine Wut und seine Macht waren größer als zuvor.

Ein Dämon

Auf, Chydors Kinder, auf zum Spielen.

Auf zum Töten.

Der Wind strich warm über die grauen Felsen hinweg. Er gewährte keine Kühlung in der flirrenden Hitze. Das Gestein war heiß und lud nicht zum Verweilen ein. Dieser Sommer brachte den Nordbergen eine ungewöhnliche Hitze, und alles was in ihren Schatten lebte, verkroch sich tagsüber unter Felsen und in Höhlen um der Sonne zu entgehen.

In einer Nische hockten zwei reglose Gestalten und warteten auf die Abkühlung in der Abenddämmerung. Es waren ein lang aufgeschossener dunkelhaariger junger Mann und ein Berglöwe.

Kenjo lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand und lauschte in die Mittagsstille hinein. Ab und zu blinzelte er zu seinem Löwenbruder, welcher träge auf der Seite lag und alle Viere von sich streckte.

Der riesige Berglöwe wirkte wie tot. Nur das Zucken seiner Ohren verriet, dass Leben in ihm war. Kenjo wusste, dass die empfindlichen Sinne Nuurs selbst im Halbschlaf wachsam waren. Er machte sich daher keine Sorgen, dass sie von irgendjemandem überrascht werden konnten.

Gähnend streckte er seine Glieder und begann sein Messer an einem Stein zu schleifen. Nuurs Ohren zuckten erst in seine Richtung, erkannten dann aber das Geräusch. Der Löwe entspannte sich wieder.

Mach nicht so einen Lärm. -

Entschuldige Nuur. Es ist langweilig. -

Dann schlafe. Heute Nacht gehen wir auf die Jagd. -

Gut. Mein Bauch knurrt bereits. Wir haben lange nichts erbeutet. -

Ja, diese Gegend hier ist ungewöhnlich leer. -

Vielleicht, weil wir weit im Norden sind. -

Nuur brummte zweifelnd.

Der Norden war immer wildreich. Das sagen jedenfalls die Alten. -

Dann ist es die Hitze, vermutete Kenjo, doch Nuur wusste, dass sein Menschenbruder selbst daran zweifelte. Auch wenn die Hitze tagsüber groß war, so waren die Nächte doch angenehm kühl. Normalerweise müsste dann viel jagdbares Getier unterwegs sein, aber dem war nicht so.

Seit einigen Tagen waren sie keinem Felsenspringer, keinem Löffler und selbst keiner Graumaus begegnet. Zumindest diese hundegroßen Nagetiere waren normalerweise so zahlreich wie die kleinen Schattenmäuse.

Auch kein Bergadler und keine Geier waren am Himmel zu sehen. Die Gegend wirkte wie ausgestorben. Es war totenstill, und nur der Wind war zu hören, wenn er pfeifend durch die Nischen und Ritzen streifte.

Kenjo gähnte erneut und betrachtete schläfrig die Umgebung. Von ihrer Nische aus hatten sie einen guten Blick den Hang hinunter und auf den gegenüberliegenden Steilhang. Die bizarren Felsformationen luden geradezu dazu ein der Phantasie freien Lauf zu lassen.

Kenjo blinzelte irritiert und kniff die Augen mehr zusammen um besser sehen zu können. Von Hitze flirrende Luft, dieses Phänomen kannte er. Aber dass solche Luft sich auf einen zu bewegte und seltsame Formen annahm, dies war ihm neu. Kenjo verstärkte unwillkürlich den Griff um sein Messerheft.

Nuur hob alarmiert seinen breiten Kopf. Kenjos Misstrauen floss sofort auf ihn über und er starrte wie der junge Mann der seltsamen Erscheinung entgegen. Auch ihm war so etwas noch nie begegnet. Was sagten die Erfahrungen der Alten? Nuur erinnerte sich schneller als Kenjo.

Dämonen!

Sie sprangen gleichzeitig auf die Beine. Sofort reagierte die flirrende Gestalt. Rasend schnell schoss sie auf Kenjo zu. Nuur stieß ein warnendes Gebrüll aus, doch sein Bruder kannte ebenso wie er die dunklen Geschichten um die Dämonenwesen. Er durfte den Mund nicht öffnen, am besten gar nicht atmen. Aber wie sollten sie einen Dämonen besiegen? Diese Ungeheuer bestanden aus Magie und waren unverletzbar.

Kenjo hatte keine Zeit darüber weiter nachzudenken. Kurz bevor der Dämon ihn erreichte, warf sich der massige Körper Nuurs auf das magische Wesen. Doch die riesigen Krallen durchschnitten den Dämon wie Luft, ohne eine Wirkung zu zeigen.

Der Dämon zischte, was fast wie ein Lachen klang und verlagerte seine Aufmerksamkeit auf den Löwen, der jetzt platt und etwas benommen auf dem Boden lag.

Kenjo stieß einen Schrei aus und sprang voller Wut seinem Bruder zu Hilfe. Sein Messer beschrieb einen großen Bogen und stieß in den Dämon hinein. Dieser kreischte und drehte sich wieder ihm zu. Kenjo sprang überrascht zurück. Hatte dieses Biest tatsächlich etwas gespürt?

Grimmig packte er das Messer fester und griff erneut an. Wieder kreischte der Dämon, als ihn das Messer durchdrang, doch diesmal wich Kenjo nicht zurück, sondern wiederholte seine Attacke. Der Dämon schrie von Schmerz gepeinigt und versuchte auszuweichen, doch Kenjo ließ nicht ab. Mit zusammengepressten Lippen stach er auf seinen Gegner ein. Nuur hockte angespannt am Boden und beobachtete zufrieden, dass der Dämon bei jedem Treffer an Masse und Intensität abnahm. Schließlich verschwand er ganz, und Kenjo ließ das Messer sinken.

Er war völlig außer Atem, konnte sich ein triumphierendes Grinsen jedoch nicht verkneifen.

Ein guter Kampf! -

Du hättest ihn eigentlich nicht gewinnen dürfen – so wie ich.

Kenjo nickte zustimmend und sah nachdenklich auf die Waffe. Sie war ein Geschenk seines Gönners Fürst Podon.

Vielleicht ist es das Messer. Fürst Podon sagte, es sei eine besondere Waffe. -

Möglich, stimmte Nuur zu und beäugte wieder die Gegend. Ob er alleine war? -

Ich glaube, das möchte ich nicht herausfinden. Wenn es mehrere sind, haben wir keine Chance. -

Dann lass uns gehen. Im Süden jagt es sich besser.

Also machten sie sich wieder nach Süden auf.

Es dauerte lange bis sie auf ein Lebewesen trafen, und es waren alles andere als erfreuliche Umstände.

Nuur entdeckte den leblosen Körper eines Berglöwen als erster und rief seinen Bruder herbei. Kenjo hockte sich neben den Löwen und legte die Hand auf den mächtigen Brustkorb. Dieser hob und senkte sich langsam, aber regelmäßig. Die Augen blickten starr und blicklos.

Sein Körper lebt, aber sein Geist ist verschwunden.

Nuurs Gedanken drangen traurig in Kenjos Geist.

War das einer der Dämonen? -

Ich glaube schon. Die Geschichten erzählen von solchen lebenden Toten. -

Dann sollten wir ihn erlösen!

Kenjo nickte zustimmend.

Nimm das Messer dafür, forderte Nuur.

Kenjo las die Trauer in seinem Löwenbruder und das tiefe Entsetzen. Kein Löwe tötete freiwillig einen anderen. Das Volk war klein und jedes Leben kostbar.

Kenjo biss die Zähne zusammen. Auch in ihm war dieses Verhalten tief verankert, doch er war auch ein Mensch, und er wollte nicht, dass sein Bruder gezwungen war, einen Verwandten zu töten. Das Messer war wohl wirklich die beste Lösung. Möglicherweise wurde damit auch der Dämon vernichtet, der in dem Löwen lauerte.

Sie ließen den Toten liegen. Die Beseitigung seines Körpers war jetzt Aufgabe der Geier, so lautete das Gesetz der Nordberge – auch wenn das noch dauern konnte.

Immer noch waren keine Vögel zu sehen.

Langsam wunderten sich die Gefährten nicht mehr, dass kaum Getier zu sehen war. Wenn noch mehr von diesen Dämonen durch die Berge streiften, dann war höchste Vorsicht geboten.

Noch zweimal trafen sie auf Opfer der Dämonen: Einen weiteren Berglöwen und einen Felsenspringer.

Beide Male übernahm Kenjo die traurige Aufgabe der Erlösung und die Stimmung der beiden Wanderer wurde jedes Mal niedergedrückter.

Auch ein zweites Zusammentreffen mit einem Dämon konnten sie nicht vermeiden.

Dieses Mal war es jedoch kein Luftdämon, sondern eine breite dunkle Gestalt mit vier riesigen Klauen, die anstelle von Händen an vier Armen saßen. Die beiden Beine endeten in scharfkantigen Hufen und waren breit und muskulös. Der Kopf war gesichtslos. Nur zwei rote Augen glühten ihnen hasserfüllt entgegen.

Das Ungetüm hockte auf einem Felsen, als hätte es auf sie gewartet. Sein Angriff kam schnell und war begleitet von gellendem Kreischen.

Nuur warf sich vor, um Kenjo Zeit zu geben das Messer zu ziehen. Immerhin war dieser Dämon von fester Konsistenz, so dass seine Pranken nicht ins Leere fuhren. Doch wieder blieben die Löwenkrallen wirkungslos. Dafür bohrten sich die Dämonenklauen tief in sein Fleisch. Nuur brüllte vor Schmerz und frustriertem Zorn. Bevor der Dämon ihn noch weiter verletzen konnte, warf sich Kenjo auf die schwarze Gestalt.

Auch diesmal zeigte das Messer Wirkung. Der Dämon brüllte und seine Arme schlugen nach dem jungen Jäger. Wieselflink sprang Kenjo zur Seite und wiederholte seine Attacke. Nuur unterstützte ihn nach Kräften. Zwar konnte er den Dämon nicht verletzen, aber zumindest konnte er ihn ablenken und mit Hilfe seiner Kraft und Masse aus dem Gleichgewicht bringen.

Trotzdem war dieser Kampf anstrengend, und sowohl Nuur als auch Kenjo blieben nicht ohne Verletzungen. Die Klauen ihres Gegners waren scharf und schnell.

Doch auch in diesem Kampf blieben sie siegreich, und der Dämon verblasste mit einem klagenden Laut.

Kenjo wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und hockte sich nieder. Nuur begann sofort ihre Wunden zu lecken.

Das gefällt mir alles nicht, Nuur. Woher kommen diese Ungeheuer? Und warum sind es so viele? -

Vielleicht weiß der Rat mehr darüber. -

Bis zum Rat sind es noch einige Monate und wer weiß, wie viele von unserem Volk bis dahin sterben müssen. -

Wir müssen sie warnen. -

Aber wie? Sie sind zu weit verstreut. Und unsere Gedankenkraft reicht nicht über diese Entfernungen.

Lange zerbrachen sie sich die Köpfe, was zu tun war. Schließlich meinte Nuur:

Vielleicht erreichen wir Moon und Miam. Ihre Gedanken sind den unseren gleich und sie sind nicht allzu weit weg. Sie wissen vielleicht Rat.

Also versuchten sie es. Sie verwoben ihre Gedanken und sandten sie weit nach Süden, suchend, fordernd.

Es war Miam, die sie fanden und gleich darauf auch Moon. Der Kontakt war schlecht, aber es reichte um ihren Löweneltern die schlechten Nachrichten zu zeigen.

Moon und Miam waren ehrlich entsetzt. Getötete Berglöwen und Dämonen, das hatten auch sie noch nicht erlebt.

Moon dachte ebenfalls, was Kenjo und Nuur schon befürchtet hatten.

Gegen Dämonen können Berglöwen nicht kämpfen. Wir müssen ihnen ausweichen. -

Aber wohin? fragte Miam.

Nach Süden. -

Dort sind Menschen! Sie werden uns nicht dulden. -

Kenjo wird es ihnen erklären!

Kenjo war es alles andere als wohl bei diesem Gedanken, aber wie konnte er seinem Vater widersprechen? Zumal dieser wahrscheinlich recht hatte.

Doch würden die Menschen auf ihn hören? Salde und Fürst Podon vielleicht. Auch Borago der Steppenläufer und der alte Timor. Doch wer sonst?

Du wirst es herausfinden, dachte Miam sanft. Doch eile dich. Vielleicht ist nicht mehr viel Zeit. -

Wie sollen wir unser Volk warnen? fragte Nuur.

Das übernehmen wir, antwortete Moon. Wir wissen, wo manche zu finden sind und unsere Gedanken werden sie aufspüren. Jeder der Bescheid weiß, wird andere informieren. -

Macht euch keine Sorgen, beruhigte Miam. Selten war es bisher nötig, doch es hat schon immer funktioniert. -

Gut, dann gehen wir zu den Menschen. Vielleicht wissen die, woher die Dämonen kommen, stimmte Kenjo zu.

Auch Nuur war einverstanden. Er hatte nichts dagegen, die Berge zu verlassen. Der letzte Kampf hatte ihm die Lust an einem weiteren Zusammentreffen mit Dämonen genommen.

Wenige Tage später, kurz bevor sie die Nordberge verließen, erreichte sie der Ruf Moons.

Unser Volk ist gewarnt und die Ältesten haben sich bereits beraten. Auch sie glauben, dass wir nach Süden müssen und dass du das Menschenvolk warnen musst. Die Gefahr ist groß, auch für die Menschen. Außerdem müssen sie erfahren, dass wir nicht in Feindschaft kommen. Kein Mensch soll durch uns zu Schaden kommen, es sei denn, er nähert sich uns in Feindschaft.

Schwere Gedanken

Eine freundliche Morgensonne schien auf Thlandian, die Hauptstadt des vereinten Königreichs Candona. Warm strichen ihre Strahlen durch die noch ruhigen Gassen und kitzelten die ersten Bewohner wach. Ihre Wärme erreichte auch die beiden hohen Türme, die wie eherne Wächter östlich und westlich der Königsburg emporragten. Die Türme selbst ähnelten sich vom Aufbau her sehr. Es gab den weithin sichtbaren zentralen Turm und rechts und links jeweils einen kleineren. Umgeben waren diese Bauwerke von einer gewaltigen Mauer, die auch Raum für Wohnungen und Stallungen bot. Doch die Bewohner der beiden Turmanlagen waren recht unterschiedlich. Der westliche Turm war Sitz des Magierrates und hatte mehrheitlich männliche Bewohner. Der Ostturm wurde ausschließlich von Frauen bewohnt. Hier lebten, lernten und arbeiteten die Weisen Frauen: Heilerinnen mit magischen Kräften und Bewahrerinnen des Wissens um die Heilkunde.

Als die Sonnenstrahlen die Spitze des östlichen Turms beleuchteten, schloss eine ältere Frau, welche im obersten Turmfenster saß, mit einem leisen Seufzer die Augen und genoss die Morgenwärme auf den Augenlidern. Ihre langen silbergrauen Haare schienen im zunehmenden Licht wie echtes Silber zu glänzen.

Janira, Erste unter den Weisen Frauen, ließ wie jeden Morgen nicht nur den Blick über Thlandian schweifen, sondern sammelte auch ihre Gedanken, um auf den kommenden Tag vorbereitet zu sein. Doch in der letzten Zeit wurden diese Gedanken von vielen Zweifeln und auch von Furcht durcheinander gewirbelt.

Die Weise Frau versuchte wie so oft ihre Überlegungen zu ordnen. Was war heute Morgen der Auslöser für ihre Furcht gewesen?

Ihr Träume!

Wieder hatte sie von dem kleinen, rothaarigen Mädchen mit diesen finsteren Visionen geträumt. Visionen und Bilder von Dämonen, schwarzer Magie und furchtbaren Morden. Bilder, die sie immer wieder durch die Nächte begleiteten und sie daran erinnerten, dass die Sonnenstrahlen trügerisch waren. Sie vermittelten Wärme, obwohl sich Kälte in ihr Herz schlich und sie spendeten Licht, obwohl dunkle Mächte aus dem Norden langsam ihre Schatten nach Süden schickten. Schatten in denen Dämonen lauerten und schreckliche Dinge geschahen.

Janira hatte nicht alle diese Träume des Mädchens Dai-Dai mit eigenen Augen gesehen. Die meisten Bilder kannte sie durch die geistige Verbindung mit Shendja Zweigesicht, einer jungen Heilerin aus den südlichen Wäldern.

Bei der Erinnerung an diese faszinierende Frau krochen erneut Sorge und Furcht in Janira hoch.

Shendja Zweigesicht war ein Mysterium, das keine Weise Frau wirklich begreifen konnte. Ihr Gesicht war in ihrer Kindheit von Halbdämonen grausig entstellt worden, so dass sie es unter einer Kapuze vor allen versteckte. Doch waren es vor allem ihre magischen Kräfte, die unter den Weisen Frauen für Unruhe sorgten. Diese Magie war mit dem normalen Wissen, das im Turm der Heilerinnen seit Jahrhunderten weiter gegeben wurde, nicht zu erfassen.

Shendja hatte Wunder bewirkt: Sie befreite eine Harpyie von einem Dämon und nahm diesen in sich auf ohne Schaden zu nehmen; sie schloss Freundschaft mit dem geflügelten Volk und heilte deren noch ungeborenen Kinder; sie besiegte Krankheiten und Verletzungen, die jede andere Heilerin überfordert hätten – und sie hatte eine tiefe Verbindung zu der kleinen Dai-Dai, die weit über das hinaus ging, was eine normale geistige Beziehung unter Magiern und Heilerinnen war.

Von solchen Kräften hatte Janira noch nie gehört und eigentlich müsste sie sich über eine solch mächtige Magie freuen. Doch Shendja’s Gabe erfüllte Janira mehr mit Besorgnis. Sie fürchtete um die junge Heilerin, denn eines wusste die oberste Weise Frau gewiss: Ruan gab seine Magie niemals umsonst. Jeder bezahlte für seine Magie auf die eine oder andere Weise, und je stärker die Gabe, umso höher der Preis.

Und auch um die kleine Dai-Dai sorgte sie sich. Dieses von fürchterlichen Visionen geplagte Kind war auch aus einem anderen Grund zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller Magier geworden: Dai-Dai war ein Medium, und wer Zugang zu ihrem Geist fand, oder sie gar berührte, konnte seine magischen Kräfte gewaltig steigern. Somit war sie der Auslöser für unschöne Machtkämpfe im Magierturm geworden.

Begonnen hatte es mit dem Schwarzmagier Tmarus, der ihr Talent entdeckt und für seine schwarzen Künste missbraucht hatte. Janira war froh, dass diese Machenschaften von dem alten Magiermeister Sorbus durchkreuzt worden waren, der das Kind in die vermeintliche Sicherheit des Magierturms gebracht hatte. Doch ihr Erscheinen weckte die Gier nach Macht und Dai-Dai’s Kräften auch in anderen Magiermeistern, und nun war Tmarus auf der Flucht, Dai-Dai plötzlich verschwunden und der ganze Magierturm in Aufregung.

Janira hoffte sehr, dass Dai-Dai in Sicherheit war. Aufgrund einer leisen und etwas rätselhaften Bemerkung der Königin vermutete sie, dass das Mädchen Schutz bei Shendja Zweigesicht gesucht hatte. Da auch eine Kriegerin namens Iva aus dem Hause Uncinais verschwunden war, hielt Janira es für sehr wahrscheinlich, dass die Kriegerin das kleine Mädchen auf der Flucht begleitete, und dies erleichterte sie sehr. Sie kannte diese Frau als sehr zuverlässig und zielstrebig.

Zumindest musste Dai-Dai keine Furcht mehr vor diesem flüchtigen Tmarus haben. Der Schwarzmagier war auf dem direkten Weg nach Norden, zumindest berichtete das Magiermeister Sorbus, der sich mit seinen beiden Magierschülern Bunias und Palio an seine Fersen geheftet hatte. Der Magierrat hatte Sorbus beauftragt, Tmarus zu folgen und möglichst auszuschalten. Janira kannte Magiermeister Sorbus erst seit kurzem und wusste nicht viel um seine Fähigkeiten. Sie konnte nur hoffen, dass er und seine Schüler dem Schwarzmagier gewachsen waren. Doch eigentlich spielte Tmarus nur eine kleine Nebenrolle in einem weitaus größeren Spiel.

Ihre Gedanken glitten wieder zu Shendja und deren Aufgabe. Janira selbst hatte zugestimmt, dass die junge Frau nach Norden geschickt wurde, um mehr Informationen über diese drohende Gefahr aus dem Norden zu sammeln. Begleitet wurde sie von einer bunt zusammengewürfelten Schar ungewöhnlicher Menschen.

Janira schauderte es unwillkürlich, wenn sie an die Schwertträgerin Delia dachte. Die Kriegerin selbst war ehrlich und geradlinig, doch das Schwert Krás, welches sie bei sich trug, war das pure Böse: Getränkt und erschaffen von schwarzer Magie nur für einen einzigen Zweck, der Vernichtung von Dämonen. Jeder, der diese Waffe berührte, verlor seine Seele und war verdammt auf ewig.

Es war schon merkwürdig, vielleicht sogar schicksalhaft, dass ausgerechnet Delia dieses Schwert gefunden hatte, denn sie war wohl der einzige Mensch auf Ruan, der es berühren konnte, ohne Schaden zu nehmen. Auch sie trug eine seltsame Gabe in sich, - wenn man es denn eine Gabe nennen konnte. Denn eigentlich fehlte ihr etwas: Keine Magie war in ihr, keine Magie konnte bei ihr etwas bewirken. Auch Janira, die es gewohnt war Menschen um sich herum mit ihren magischen Sinnen zu erfassen, fühlte sich in der Nähe von Delia beinahe unwohl. Doch die Absichten der Schwertträgerin waren lauter, davon war die Heilerin überzeugt. Was die Beweggründe ihrer Weggefährten anging, vor allem die Ziele des Dariers Mibor, darüber war sich Janira nicht ganz so klar. Sicher, der Darier wurde getrieben von Rache, denn immerhin war sein Mentor, der Magiermeister Zharg, von dieser unheimlichen Macht getötet worden. Doch das Volk der Darier war schon immer bekannt für seine Intrigen und Machtspiele. Zumindest schienen Delias Freunde, die beiden Krieger Siler und Mohar, vernünftige Männer zu sein. Janira wusste, dass sie sich auf ihre Menschenkenntnisse verlassen konnte, und gerade dieser Mohar wirkte intelligent genug, um mäßigend auf diese ungewöhnliche Reisegruppe zu wirken. Und das würde sicher nötig sein!

Janira musste unwillkürlich lächeln, als vor ihrem geistigen Auge das Gesicht des letzten Reisemitglieds erschien. Magiermeister Duwock war jung, ehrgeizig und nicht unbedingt der diplomatischste Mensch. Sie kannte ihn schon seit einigen Jahren und hatte seinen Werdegang im Turm der Magier mit Interesse verfolgt. Sie mochte diesen jungen Zauberer, aber sie wusste auch um seine Schwächen. Eine davon war eine gewisse Arroganz, und diese würde mit Sicherheit für Spannungen zwischen ihm und Mibor sorgen. Janira hoffte, dass dadurch das Ziel der Reisegruppe nicht gefährdet wurde, nämlich das Auffinden von Informationen über die Ardruan, dem Felsenvolk aus den Nordbergen.

Wie die meisten Menschen wusste die Heilerin nicht viel über das verschollene Volk, nur dass es über Felsenmagie verfügte, mit der es unter anderem auch menschliche Städte geformt hatte, und dass die Ardruan als die Bewahrer der Geschichte Ruan’s galten. Doch seit vielen Jahrhunderten war dieses Volk von der Erdoberfläche verschwunden und niemand wusste um sein Schicksal.

Erst die jüngsten Weissagungen der Drachen und auch die Visionen Dai-Dai’s wiesen auf die Existenz von noch einer Ardruan hin, und diese Prophezeiung sagte deutlich, dass die Letzte der Ardruan wichtig war, wichtig im Kampf gegen das Böse.

Doch wo sollten sie die Letzte der Ardruan finden? In Thlandian gab es keine Aufzeichnungen darüber. Daher hatten der Magierrat, der König und sie selbst beschlossen, die Informationen dazu im Norden zu suchen, also dort, wo die Ardruan in der Vergangenheit den engsten Kontakt zu den Menschen gehabt hatten.

Janira seufzte wieder und öffnete die Augen. Ihr Blick glitt über die Straßen Thlandians, in denen sich immer mehr Bewegung zeigte. Die ersten Stimmen wehten hinauf zum Turm und schienen einen ganz normalen Tag zu verkünden.

Ihr Blick wanderte unwillkürlich nach Norden und tastete die Ferne ab nach einem unsichtbaren Feind. Einem Feind, den noch keiner gesehen hatte, aber der durch den Mund des sterbenden Zharg zu ihnen gesprochen hatte. Er hatte sie verhöhnt und sein Kommen sowie seinen Sieg angekündigt. Und als Zharg starb, zweifelte niemand der Anwesenden mehr an seiner Existenz und seiner Macht.

Die Weise Frau erschauerte bei der Erinnerung an diese furchterregende Stimme, doch dann breitete sich Entschlossenheit in ihrem Gesicht aus. Sie stand auf, den Blick immer noch nach Norden gerichtet.

„Wer auch immer du bist und wie viele Dämonen oder andere Kreaturen der Finsternis du schicken magst: Wir werden nicht verzagen. Unser Volk hat schon vielen Tyrannen und Schwarzmagiern die Stirn geboten und wir existieren immer noch.“

Janira’s Stimme klang leise doch entschlossen, beinahe trotzig, durch die Morgenluft und verwehte in Richtung Norden.

Ermutigt durch ihre eigenen Worte trat die Heilerin vom Fenster zurück und wandte sich ihrem Tagesgeschäft zu. Erst am Abend würde sie wieder ins Grübeln kommen, doch dann würde sie eine ebenso besorgte wie intelligente Gesprächspartnerin haben, nämlich Königin Pallasea.

Dunkle Spiele

Im Magierturm der Hauptstadt Thlandian herrschte helle Aufregung.

Erst waren die üblen Machenschaften des Magiermeister Tmarus aufgedeckt worden. Dann hatte dieser auf seiner Flucht einen Magierschüler getötet. Die Visionen des Mediums Dai-Dai und kurz darauf der Tod des darischen Magiers Zharg hatten ebenfalls zur Beunruhigung vieler beigetragen. Dass kurz danach das Medium Dai-Dai auf rätselhafte Weise verschwunden war, steigerte die Aufregung noch mehr.

Doch als Rumex, der Erste unter den Magiern, in einer kurzen öffentlichen Versammlung bekanntgab, dass der Rat entschlossen war, dieses Rätsel sowie eventuell dunkle Strömungen innerhalb des Turmes durch eine intensive Geistesbefragung jedes einzelnen Bewohners des Turms aufzudecken, da brandete Protest auf.

Das war noch nie dagewesen.

Die meisten Magier waren einfach nur empört, dass man ihnen finstere Machenschaften unterstellte, und fühlten sich in ihrer Magierehre zutiefst gekränkt. Aber es gab auch Magier, die ebenso protestierten und gleichzeitig fieberhaft überlegten, wie sie einem solchen Verhör entgehen konnten. Zwar hatten sie nicht direkten Verrat geübt, wie es Meister Fusculus und Meister Zelotes getan hatten, indem sie Tmarus zur Flucht verhalfen. Doch ihre Sympathie gegenüber dem verstoßenen Magier Tmarus würde nicht verborgen bleiben. Genauso wenig, wie bisher heimlich verübte Praktiken der schwarzen Magie. Alles in allem fürchteten sie sich um ihre Titel und vor etwaiger Bestrafung.

Es war Meistermagier Sicyos, der um mehr fürchtete, als nur um Bestrafung. Seine Gedanken grenzten an Hochverrat, dies war ihm klar.

Dass er von Dai-Dais Verschwinden ebenso überrascht worden war wie alle anderen, wäre mit Sicherheit kein Grund, den obersten Rat milder zu stimmen. Dazu waren seine Absichten gegenüber dem Medium zu eindeutig. Wie gern hätte er an Tmarus Stelle mit dem Mädchen experimentiert. Er war außer sich gewesen, als er von ihrem Verschwinden erfuhr. Gerade jetzt hätte er sie gut gebrauchen können. Könnte er seine Kräfte mit denen von Dai-Dai bündeln, hätten die Ratsmitglieder keine Chance gehabt, ihn zu befragen. Wahrscheinlich könnte er die Ratsmagier sogar besiegen. Davon war er fest überzeugt.

Doch da das Medium nun nicht mehr in seiner Reichweite war, musste er sich eine andere Möglichkeit ausdenken, den obersten Rat auszuschalten. Und das beste Mittel schien im Moment Ablenkung zu sein.

Ablenkung von der Geistbefragung und damit auch von ihm.

Schreie, Verzweiflung. Tod, Entsetzen.

Gnadenlos brannte die Sonne auf die Erde nieder, unberührt von dem Blut, das den Boden tränkte.

Sie waren in der Mittagshitze gekommen. Leise und kaum zu sehen. Ihre schwarzgrünen Leiber verschmolzen mit dem Schattengrün des Waldes.

Die Wächter sahen sie erst, als sie schon die Palisaden empor kletterten. Der Warnruf schreckte die Dorfbewohner aus ihrer Lethargie.

„Rhusen – habt Acht – die Rhusen sind da!“

Niemand entkam.

Als die Sonne den Horizont berührte, tauchte ihr letztes Licht das Dorf in blutrote Schatten.

Eine dunkle Gestalt flatterte nieder und landete auf einem der Häusergiebel.

Gelbe Raubvogelaugen wanderten über die zerfetzten Leiber, über Blut und Gedärm.

Mit einem schrillen Kreischen schwang sie sich wieder empor und flog eilig nach Süden.

Die Stimmung im Ratssaal des Magierturms war alles andere als friedlich.

Die acht Magier des großen Rates saßen einer erregten Menge an Magiern und Magierschülern gegenüber und stellten sich den Fragen und Vorwürfen, die erhoben wurden.

Der Tenor war einhellig: Eine allgemeine Geistbefragung wurde abgelehnt.

Die acht Meistermagier lauschten geduldig und mit gebührendem Ernst, ließen sich aber nicht von ihrem Entschluss abbringen.

Ruhig erklärte Meister Rumex die Beweggründe und Sorgen des Rates.

Er wählte seine Worte mit Bedacht. Niemand sollte sich unschuldig angegriffen fühlen, oder in seiner Ehre gekränkt werden. Nachdrücklich betonte er ihre Befürchtungen, dass dunkle Strömungen nach Macht und schwarzer Magie in diesen Turm Einzug gehalten hatten, und dass Meister Tmarus kein Einzelfall war.

„Seit Jahrhunderten ist der Magierrat bestrebt, die Macht, die sich aus dem Wissen und der Beherrschung der Magie ergibt, in die richtigen Bahnen zu leiten – zum Wohle Ruans und all ihrer Geschöpfe. Wir haben uns dem Ziel verpflichtet, dass kein Geschöpf Ruans durch Meistermagie zu Schaden kommen soll und die Macht der Magie nicht nur dem Wohle Einzelner dienen darf. Diesem Ziel haben sich alle verpflichtet, die von diesem Rat geprüft und in den Magierzirkel aufgenommen wurden. Also auch alle, die hier in diesem Saal sitzen. Es ist nicht immer einfach und manchmal mit Opfern verbunden, ein solches Ziel anzustreben. Manches Opfer mag dem einen oder anderen zu hoch erscheinen. In diesem Fall muss gesagt sein, dass das Recht des Einzelnen hinter dem Wohl der Gemeinschaft zu stehen hat. Wer sich diesen Grundsätzen nicht gewachsen fühlt, der mag es sagen. Doch er muss sich auch den Konsequenzen stellen.

Die Zeiten haben sich geändert und es scheint, als wäre ganz Ruan einer Gefahr ausgesetzt, die wir noch nicht konkretisieren können. Wenn wir uns dieser Gefahr stellen wollen, so können wir dies nur als Gemeinschaft tun. Als Einheit in vollem Vertrauen auf jeden Einzelnen. Denkt darüber nach und entscheidet euch.“

Nach diesen Worten erhob sich wildes Getuschel in dem Raum.

Meister Rumex sank auf seinen Sitz zurück und tauschte angespannt Blicke mit seinen sieben Kollegen aus. Sie nickten ihm zustimmend zu.

Der oberste Magiermeister hatte in ihrem Sinne gesprochen. Nun mussten die anderen Mitglieder des Turms selbst entscheiden.

Die Diskussionen waren lang und mitunter recht heftig.

Die obersten Magier saßen scheinbar unbeteiligt auf ihren Plätzen, doch dieser Anschein trog. Ihre Sinne waren aufs Höchste gespannt und durchforsteten den Raum nach Strömungen, Meinungen und Tendenzen. So manch getuscheltes Wort erreichte unbeabsichtigt ihr Ohr.

Nach und nach kristallisierten sich zwei Positionen heraus. Es waren allerdings Positionen, die vorhersehbar gewesen waren. Die einen befürworteten die Entscheidung des Rates, und die anderen beharrten auf ihr individuelles Recht auf eigene Gedanken und Meinungen – ohne Geisteskontrolle. Jetzt musste sich nur zeigen, welche Gruppe sich durchsetzen würde.

Es vergingen Stunden, bis es zur Abstimmung kam. Das Ergebnis war nicht ganz so knapp, wie der oberste Rat befürchtet hatte. Von den vierzig anwesenden Magiern stimmten sechsundzwanzig für den Rat. Zwei enthielten sich, womit dann immer noch zwölf gegen den Rat stimmten. Der Rat ließ sich nichts anmerken, aber innerlich waren alle acht Räte entsetzt, hieß dieses Abstimmungsergebnis doch, dass etwa ein Drittel der Magier sich nicht mehr mit den Prinzipien des Magierzirkels identifizierte. Ein wahrhaft niederschmetterndes Ergebnis.

Doch die Mehrheit hatte entschieden und das aufkommende Murren wurde von den Beifallsbekundungen erstickt.

Rumex stand auf. In seinem Gesicht war nichts von seinem Entsetzen zu lesen.

„Ihr habt entschieden und so soll es geschehen. – Morgen werden wir kundgeben, wann die Befragungen beginnen.“

Die Versammlung löste sich langsam auf. Zurück blieben die oberen Räte und suchten die geistige Vereinigung. Es gab noch vieles zu überdenken.

Die Ratsentscheidung hatte genau das erbracht, was Meister Sicyos befürchtet hatte. Die Geistesbefragung würde durchgeführt werden.

Nur zögernd hatte Sicyos selbst dagegen gestimmt, in dem vollen Bewusstsein, dass damit seine Linientreue in Frage gestellt war. Doch er gestand sich von vornherein ein, dass ihm niemand diese Linientreue abnehmen würde. Erst recht nicht die Kollegen mit denen er ab und zu Dispute über Recht und Macht der Magier im Machtgefüge Ruans geführt hatte.

Auf die Mehrheit konnte er also nicht hoffen, doch das hatte er niemals ernsthaft in Erwägung gezogen. Eine offene Konfrontation kam auch nicht in Frage, dazu war der Rat einfach zu stark. Blieb also nur die Möglichkeit der Intrige, etwas worauf er schon jahrelang hingewirkt hatte.

Der Rat hatte beschlossen und damit einen Krieg eröffnet. Und er – Meister Sicyos – war gewillt, diesen Krieg zu gewinnen. Koste es was es wolle.

Warnungen

Fürstin Salde schreckte hoch und lauschte in die Nacht hinein. Irgendetwas hatte sie geweckt, aber was? Nur das Schnarchen Fürst Podons drang an ihr Ohr sowie die üblichen nächtlichen Burggeräusche.

Leise wälzte sie ihren schweren Leib zur Seite und stemmte sich auf die Füße. Ihre Hände ruhten zärtlich auf dem geschwollenen Bauch. Dies würde ihr Zweitgeborenes werden. Vielleicht war es dieses Mal ein Mädchen. Das Ungeborene war jedenfalls quicklebendig, und Salde wurde häufig von plötzlichen Tritten und Stößen überrascht. Vielleicht war dies auch der Grund für ihr Erwachen gewesen.

Auf Zehenspitzen betrat sie den Nebenraum und ging zu dem kleinen Bettchen, das in einer Wandnische stand. Liebevoll betrachtete sie den blonden Schopf ihres kleinen Sohnes, der unter der Bettdecke hervorlugte. Er war erst zwei Jahre alt, zeigte aber schon jetzt die gleiche Dickköpfigkeit wie sein Vater.

Salde brachte ihren Körper wieder in Schwung und trat zum Fenster. Die Luft war lau, aber gegenüber der Tageshitze angenehm kühl. Eine milde Brise zerzauste ihre blonden Locken.

Seufzend erinnerte die junge Fürstin sich an ihre erste Schwangerschaft. Damals hatte sie über ihre Unbeweglichkeit und ihren dicken Bauch gestöhnt, doch gegenüber jetzt war sie damals geschwebt wie eine Elfe. Ihr derzeitiges Format zwang sie zu einem trägen Watschelgang, zumindest hatte sie das so im Gefühl – auch wenn ihr alle das Gegenteil versicherten. Doch wer konnte schon dem Gerede seiner Untertanen Glauben schenken?

Keiner würde es wagen, seine Fürstin als watschelnde und unförmige Ente zu bezeichnen.

Salde kicherte leise bei dieser Vorstellung. Doch das Kichern blieb ihr buchstäblich im Halse stecken, als sich eine dunkle Gestalt über die Fensterbrüstung schwang und in ihr Zimmer sprang. Die Fürstin brauchte einige Sekunden, bis sie den Eindringling erkannte. Erleichterung durchflutete sie.

„Kenjo“, flüsterte sie. Dann fiel sie ihm mit einem leisen Schrei in die Arme.

Kenjo zog sie eng an sich und atmete tief ihren Duft ein. Wie immer, wenn er diese Frau so nahe spürte, regte sich seine Männlichkeit. Doch er bezwang sich, wie schon die letzten Male.

Salde war nicht seine Partnerin – und er achtete Fürst Podons Anspruch.

Er schob sie von sich und betrachtete ihren Leib. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Salde stand kurz vor ihrem zweiten Wurf, das war gut so. Aber dies war nicht der Grund seines Kommens.

„Du hast mich also geweckt“, flüsterte Salde. „Warum kommst du so heimlich?“

„Ich mag es nicht, wenn man mich anstarrt.“

Das war nichts Neues für Salde, und sie musste es wohl akzeptieren.

„Wartet Nuur draußen?“

Kenjo nickte. „Ja, er grüßt dich und findet es gut, dass du einen zweiten Wurf in dir trägst.“

Salde errötete, doch eher vor Stolz, als aufgrund dieser ungewöhnlichen Ausdrucksweise. An diese hatte sie sich mittlerweile gewöhnt.

„Du warst schon lange nicht mehr hier“, tadelte sie.

„Wir waren jagen, weit oben im Norden. Und wir bringen schlechte Nachrichten.“

Kenjos Stimme klang beunruhigend ernst.

In Salde streckte sich sofort die Fürstin und sie wartete ruhig auf seine nächsten Worte.

Kurz und knapp berichtete der junge Mann von den Dämonen und dem Beschluss der Berglöwen. Salde konnte seine Ausführungen kaum glauben.

Aber dann fiel ihr die wachsende Anzahl an Meldungen ein, die von grausamen Überfällen und Toten im Norden der Steppe berichteten.

Ob da ein Zusammenhang bestand? Aber Dämonen!

Salde teilte die Abneigung aller Vitreaner gegenüber Magie und somit auch gegenüber allen Geschichten, die damit zusammenhingen. Doch warum hatte noch niemand sonst von Dämonen berichtet?

Als sie Kenjo ihre Bedenken mitteilte, schüttelte er ernst den Kopf.

„Wer sollte davon berichten? Ich glaube nicht, dass viele Menschen Waffen besitzen, die den Dämonen trotzen können. Auch ich habe wohl nur überlebt, weil Fürst Podon mir das Messer überließ. Ohne dieses würde ich nicht mehr vor dir stehen und auch mein Volk wäre nicht gewarnt.“

Das leuchtete Salde ein, aber es versprach düstere Aussichten.

„Wir müssen es dem Fürsten sagen.“

Kenjo nickte zustimmend.

„Was müsst ihr mir sagen?“ knurrte eine unwirsche Stimme von der Tür her.

„Und welcher Kerl wagt es, sich nachts mit meiner Gemahlin zu treffen – und dann auch noch in meinen eigenen Gemächern?“

Kenjo trat näher an Fürst Podon heran, so dass dieser ihn in der Dunkelheit besser erkennen konnte. Der Fürst stand mit in die breiten Hüften gestemmten Fäusten in der Tür und versuchte die dunkle, groß gewachsene Gestalt zu erkennen.

Kenjo musste unwillkürlich lächeln, als er die wuchtige Gestalt des Fürsten betrachtete.

Fürst Podon war in den letzten Jahren deutlich in die Breite gegangen, was auch das weiße, fürstliche Nachthemd nicht verstecken konnte, und er bot in der Dunkelheit ein herrliches Ziel.

„Es ist Kenjo, mein Fürst“, erklärte Salde schnell. „Er bringt uns unheilvolle Nachrichten.“

Auf Fürst Podons Gesicht erschien ein zufriedenes Grinsen.

„Kenjo! Es ist gut, dass du uns besuchst. Ich habe einiges mit dir zu besprechen.“

„Mein Fürst, vielleicht solltet Ihr ihn erst einmal anhören“, eilte sich Salde zu sagen. Sie wusste nur zu gut, was für Ideen Fürst Podon bezüglich Kenjo hatte. Aber diese zielten im Wesentlichen nur darauf ab, wie er mit Hilfe von Kenjo und dessen Beziehung zu den Berglöwen seine Macht weiter ausbauen konnte, und Salde war sich sicher, dass Kenjos Bericht wichtiger war.

Fürst Podon runzelte die Stirn und warf ihr einen ärgerlichen Blick zu.

Er wusste, dass sie ihn damit von seinem Anliegen abbringen wollte. Darin war sie mittlerweile sehr gut geworden. Immerhin besaß sie einen klugen Kopf und wusste zumeist, wie weit sie damit gehen durfte.

Trotzdem, - manchmal waren ihre geschickten Manipulationen überaus lästig.

„Werte Salde“, knurrte Fürst Podon. „Mir ist durchaus klar, dass unheilvolle Nachrichten wichtig sind. Vielleicht sollten wir uns zunächst in ein anderes Zimmer begeben, wo wir auch Licht machen können.“

Salde war froh, dass die Dunkelheit ihre verlegene Röte verbarg. Zwar war sie seine knurrige Art gewöhnt, aber es war immer schwer abzuschätzen, wie wütend er wirklich war. Also eilte sie sich ins Schlafzimmer zu kommen, um dort ein Licht zu entzünden.

Schweigend lauschte Fürst Podon Kenjos Bericht und ihm kamen die gleichen Zweifel wie Salde. Aber auch ihm leuchteten Kenjos Argumente ein. Außerdem, warum sollte dieser Junge lügen? Soweit Fürst Podon wusste, waren Angehörige des Berglöwenvolkes dazu gar nicht fähig.

„Es freut mich natürlich, dass dir der Dolch solch wertvolle Dienste geleistet hat“, meinte er nachdenklich. „Er ist tatsächlich mit Magie behaftet, welcher Art auch immer diese ist. Aber die Umstände, die zu seiner Nützlichkeit führten, sind wahrlich bedrückend. Du glaubst also wirklich, dass Dämonen aus dem Norden in Vitrea ihr Unwesen treiben?“

„Wie weit sie schon gekommen sind, weiß ich nicht. Doch meine Brüder und Schwestern berichten, dass sie schon nahe der Grenze tote Verwandte und anderes Getier gefunden haben.“

„Denkt an die Berichte von den verwüsteten Anwesen und den verstümmelten Toten“, warf Salde ein. „Vielleicht waren auch das Dämonen, und das hieße, dass sie schon in Vitrea sind.“

Fürst Podon schwieg lange Zeit. Es war nicht leicht, diese Nachrichten zu verdauen.

Schließlich meinte er:

„Und wie, bei allen Göttern, sollen wir die Bevölkerung warnen ohne Gelächter oder Panik zu verbreiten? Und wie sollen sich die Leute verteidigen? Ich weiß von keinen magisch bewanderten oder bewaffneten Leuten in Vitrea. Dieses Land kam Jahrhunderte, wenn nicht gar jahrtausendelang ohne Magie aus, und diese scheint nach Kenjo‘s Erzählung das einzig Wirksame zu sein.“