Träumerin - Antje Marschinke - E-Book

Träumerin E-Book

Antje Marschinke

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Beschreibung

Die siebenjährige Dai-Dai gerät in die Hände des Schwarzmagiers Tmarus. Er erkennt ihr Talent als Medium und nutzt es für seine schwarzmagischen Experimente. Dai-Dai gelingt die Flucht mit Hilfe des Meistermagier Sorbus. Auf dem gefahrvollen Weg nach Thlandian, der Hauptstadt des Königreichs Candona, wird eine weitere Gabe Dai-Dai's offenbar: Ihre Träume weisen auf eine tödliche Gefahr aus dem Norden. Doch schon bald treffen sie auf Menschen, die ebenso ungewöhnliche Fähigkeiten besitzen wie die Träumerin. Und diese spielen eine wichtige Rolle in ihren Visionen. Dieses Buch knüpft an die Geschichten der Bücher "Felsentochter", "Zweigesicht", Katzenjunge" und "Drachenkind" und lässt die Hauptprotagonisten aufeinander treffen.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Antje Marschinke

Träumerin

Ruan: Aus dem Zeitalter des Chydors, 5. Buch

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Geraubt

Hexenmagie

Eine Magierschule

Ein Unfall

Reisevorbereitungen

Angriff

Die Waldheilerin

Der Traum

Ein Hinterhalt

Fluchtgedanken

Der Magierturm

Der Magierrat

Visionen

Flucht

Ein verhängnisvoller Versuch

Neue Bündnisse

Spurensuche

Heilmagie

Eine Falle

Eine Beratung

Weise Frauen

Noch mehr Fragen

Verlorene Liebe

Aufgaben im Norden

Zweifel

Eine weitere Flucht

Historie von Ruan

Namen von Personen, Völkern und Städten

Impressum neobooks

Geraubt

Träume zeigen Wege

Magie bahnt Wege

Liebe vereint Wege

Yrth: Eine Stadt im Fürstentum Idul. Nicht groß, aber die Größte im westlichen Bereich. Nicht bedeutend, aber ein Treffpunkt für alle aus dem weiteren Umkreis.

Auf den Markt der Stadt Yrth kamen alle, die etwas zu verkaufen oder zu kaufen hatten. Bauern und Händler, Arme und Reiche waren hier zu finden, und es herrschte ein buntes und lautes Treiben auf den Straßen. Nur wenige der Handeltreibenden erschienen wohlhabend. Viele boten nur das an, was sie in harter Arbeit der Erde abgerungen hatten, und das fiel oft genug nur kärglich aus.

Auch Dai-Dais Familie war arm. Ihre Mutter Seline hockte mit der kleinen Myrthe, dem jüngsten Spross der Familie, im Arm hinter einem eher unbedeutenden Häuflein Äpfel und Rüben und wartete mit hoffnungslosem Gesicht auf Kundschaft. Ihre verhärmten Züge verrieten den vorbeigehenden Leuten, dass sie ein hartes und entbehrungsreiches Leben führte, doch das interessierte niemanden. Viele traf das gleiche Schicksal, und Armut war in diesem Teil des Landes so weit verbreitet, dass sie nicht weiter auffiel.

Die kleine Dai-Dai saß neben ihrer Mutter und ihre grünen Augen funkelten neugierig unter einer wilden Haarmähne. Gespannt beobachtete sie das aufregende Treiben auf dem Markt. Sie war etwa sieben Jahre alt und wirkte ungepflegt und verwahrlost. Es war nicht zu erkennen, dass hinter dem ganzen Schmutz ein hübsches Gesicht versteckt war.

Sie wirkte wie ein normales kleines Mädchen, das vielleicht etwas zu dünn war. Doch eine Eigenschaft unterschied sie deutlich von allen anderen Menschen in Yrth: Sie besaß rote Haare.

Das war äußerst selten auf ganz Ruan zu finden.

Oft genug wurde Dai-Dai deswegen von den anderen Kindern ihres Dorfes gehänselt, und das Einzige, was ihr anfangs dazu eingefallen war, war ihnen von ihrer Vorfahrin, der Hexe Daily, zu erzählen, die ebenso rotes Haar und mächtige Zauberkräfte besessen hatte. Aber das nutzte Dai-Dai wenig, nachdem der Dorf-Schamane ihre magischen Fähigkeiten getestet und für weniger als unerheblich befunden hatte. Dai-Dai sah zwar aus wie ihre Vorfahrin, besaß aber keinen Funken ihres Talents. Das wurmte das Mädchen sehr. Nur zu gerne hätte sie die Spötter in Kröten verwandelt, wie das anständige Hexen ihrer Meinung nach taten. Zumindest kannte sie es so aus Geschichten. Doch so war sie gezwungen, den Spott weiter zu ertragen und konnte nur hoffen, dass es den anderen Kindern irgendwann zu langweilig werden würde. Bisher war dies leider noch nicht eingetroffen, doch Dai-Dai ertrug es mit ungewöhnlichem Gleichmut.

An diesem Tag in Yrth war es ihr jedenfalls nicht langweilig.

Zum ersten Mal hatte sie ihre Mutter in die Stadt begleiten dürfen, und nachdem sie sich an den einschüchternden Lärm und die vielen Menschen gewöhnt hatte, beobachtete sie mit großen Augen die Leute und lauschte dem Geschrei und Geplapper.

Nur wenige Menschen interessierten sich für die Ware von Dai-Dai’s Mutter, und bis zum Nachmittag hatten sie nur wenige Kupferstücke verdient. Gerade als Seline überlegte, ob sie ihre Sachen zusammenpacken sollte, blieb ein großgewachsener Mann vor ihnen stehen. Neugierig betrachtete Dai-Dai die dunkelblaue Robe und den silbernen, kunstvoll gehämmerten Gliedergürtel, bevor sie es wagte ihm ins Gesicht zu sehen.

Er war ein Mann in den reiferen Jahren, wirkte aber noch voller Energie und Tatkraft. Sein Gesicht war kantig und mit einem prägnanten Kinn ausgestattet. Die dunkelbraunen Haare, durchzogen von grauen Strähnen, waren glatt und kurz geschnitten. Hellblaue Augen durchbohrten die kleine Dai-Dai mit einer Schärfe, die sie einschüchterte. Ängstlich schlug sie die Augen nieder.

„Was kann ich für Euch tun, Herr Magier“, fragte Seline, und die Hoffnung auf ein gutes Geschäft war ihr anzusehen.

Dai-Dai schluckte. Natürlich, das musste ein Magier sein, schoss es ihr durch den Kopf, schließlich trug er eine blaue Robe. Neugierig schielte sie wieder zu ihm hoch. Sie hatte noch nie einen Magier gesehen.

„Ist das deine Tochter?“

„Ja, Herr.“ Die Antwort kam zögernd.

„Woher hat sie diese Haare?“

„Herr, das ist ein unbedeutendes Erbe ihrer Vorfahrin.“

„Und wer war diese Vorfahrin?“

Besorgnis stahl sich in das Gesicht der Frau.

„Herr, glaubt mir, es ist ein unbedeutendes Erbe.“

„Beantworte gefälligst meine Frage“, herrschte der Magier sie an.

„Herr, es war Daily.“

Der Magier beugte sich interessiert vor. „Die Hexe Daily?“

„Ja Herr, aber glaubt mir, die Haare sind ihr einziges Erbe.“

„Woher willst du das so genau wissen?“

„Der Schamane hat sie geprüft. Sie besitzt keine magischen Fähigkeiten.“

„Soso.“

Dai-Dai fühlte sich unter seinem Blick mehr als unwohl. Dieser Magier wirkte alles andere als freundlich.

„Sieh mich an!“

Ängstlich gehorchte das Mädchen seinem Befehl. Der Magier schien sie mit seinem Blick durchbohren zu wollen.

„Wie heißt du?“

„Dai-Dai“, hauchte das Mädchen. Der Magier lachte kurz auf.

„Wie passend, eine kleine Ausgabe von Daily. – Wieviel willst du für sie?“ wandte er sich an Dai-Dais Mutter.

Diese schüttelte heftig den Kopf.

„Herr, sie ist meine Tochter! Ich werde sie nicht verkaufen.“

„Umso besser, dann kommt sie eben so mit mir.“

„Aber, Herr...“

„Sei still, Weib“, herrschte er sie an. „Sei froh, dass du einen Esser los bist. Außerdem solltest du stolz darauf sein, dass deine Tochter ab jetzt für einen Meistermagier arbeitet. Los komm!“

Er winkte Dai-Dai ungeduldig zu. Das Mädchen drückte sich ängstlich an seine Mutter.

Diese war hin- und hergerissen zwischen Furcht und Zorn.

„Was ist, Weib?“ Der Magier beugte sich vor und schenkte ihr ein bösartiges Lächeln. „Möchtest du mit mir streiten?“

Seline wurde bleich. Sie war eine einfache Frau und sicherlich nicht in der Lage einem Meister der Magie entgegenzutreten.

„Nein, Herr“, flüsterte sie und umarmte ihre Tochter. „Geh Kind. Und pass gut auf dich auf. Die Götter mögen dich beschützen.“

Verzweifelt sah sie ihrer Tochter nach, doch sie wagte es nicht, jemanden um Hilfe zu bitten. Niemand würde sich wegen eines kleinen Bauernmädchens mit einem Meistermagier anlegen.

Sie konnte nur hoffen und beten, dass dieser arrogante Zauberer ihrer Tochter kein Leid zufügte.

Dai-Dai folgte dem Magier in ein großes Gebäude am Rand der Stadt. Neben dem Magier wohnten noch fünf weitere Menschen in diesem Haus. Da waren ein alter griesgrämiger Türwächter, eine noch griesgrämigere dicke Köchin, zwei finster dreinblickende Kerle, denen man ansah, dass sie für Geld wirklich alles tun würden, und ein junger Mann namens Palio, den seine himmelblaue Robe als Meisterlehrling auswies. Palio war ein hübscher, gut gebauter Kerl mit langen blonden Haaren, der unter normalen Umständen der Schwarm aller Mädchen gewesen wäre. Doch seine grauen Augen blickten kalt und seine Züge zeigten kein Lächeln. Er beäugte Dai-Dai misstrauisch und begrüßte sie unfreundlich. Dai-Dai war sofort klar, dass sie ihm besser aus dem Weg gehen sollte.

Alles in allem war dieses Haus kein Ort, an dem sich ein kleines Mädchen wohl fühlen konnte. Und sehr schnell musste Dai-Dai erfahren, dass der Magier kein kinderlieber Mensch war.

Ihr neuer Herr hieß Tmarus und hatte weder Sinn für Spielereien noch für die Bedürfnisse eines kleinen Mädchens.

Dai-Dai wurde vom Schmutz befreit und in einen sauberen Kittel gesteckt. Dann begann der unerfreulichste Abschnitt ihres Lebens.

Hexenmagie

Tmarus sperrte Dai-Dai in ein großes Zimmer und begann sie zu studieren, als wäre sie ein interessantes Tier. Nach und nach erfuhr das Mädchen, dass er davon überzeugt war, dass sie magische Kräfte besitzen musste, diese aber irgendwie versteckt waren.

„Rote Haare sind immer ein Zeichen von Magie“, belehrte er sie. „Deine Vorfahrin Daily war eine große Hexe, und alle ihre rothaarigen Vorfahren ebenfalls, egal ob Mann oder Frau. Daily ist nur leider in der falschen Zeit geboren worden. Sie hatte keinen passenden Partner, der ihre Fähigkeiten nutzen und ausbauen konnte.“

Seine Augen glänzten, als er daran dachte, was er mit Daily alles hätte anfangen können. Stattdessen saß vor ihm ein verschüchtertes rothaariges Kind, dessen Magie so versteckt war, dass es zum Haare ausraufen war.

Tage- und wochenlang unterzog er Dai-Dai allen möglichen Tests. Diese waren häufig genug alles andere als angenehm und manches Mal auch schmerzhaft. Tmarus war kein geduldiger Mensch und ließ seinen Zorn nur allzu oft an Dai-Dai aus. Aus dem lebhaften Mädchen wurde ein ängstliches und blasses Geschöpf, das sich kaum traute irgendetwas zu tun oder zu sagen, immer in Erwartung von Schlägen und harten Worten.

Eines Tages rief Tmarus Dai-Dai zu sich und befahl ihr sich in einen Beschwörungskreis zu setzen. Ängstlich hockte Dai-Dai sich nieder.

Tmarus ging mit großen Schritten vor ihr auf und ab.

„Nun gut, ich muss zugeben, dass ich mit meinem Wissen am Ende bin. Dein Dorfschamane scheint recht zu behalten. Aber ganz überzeugt bin ich noch nicht. Du hast zwar eine mindere Begabung für Magie, aber vielleicht fehlt dir einfach noch der richtige Anstoß. Selbst ein talentloses Wesen ist unter der richtigen Anleitung imstande, kleine Magie zu bewirken. – Sieh her!“

Er schnippte mit den Fingern und eine kleine Flamme erschien über seiner Hand.

„Das ist einer der geringsten Zauber und ich möchte, dass du ihn lernst. Schließe deine Augen und stell dir diese Flamme vor.“

Dai-Dai gehorchte und kniff die Augen zusammen. Sie musste es einfach schaffen. Vielleicht wurde der Magier dann freundlicher zu ihr. Entschlossen folgte sie seiner Anleitung, aber all ihre Mühe war umsonst. Nicht der kleinste Funke wollte ihren Fingern entspringen.

Wutentbrannt schüttelte Tmarus das Mädchen.

„Du sollst dich anstrengen, du kleines Miststück.“

Dai-Dai weinte lautlos und voller Entsetzen über seine Wut. Mit eisenhartem Griff umklammerte der Magier ihre Schulter.

„Ein letztes Mal“, fauchte er. „Sieh her!“

Doch als er wieder mit den Fingern schnippte, loderte eine Stichflamme hoch unter die Decke und schwärzte sie. Tmarus sackte vor Verblüffung der Kiefer nach unten.

„Bei allen Göttern, was war das?“

Sein Blick fiel auf das erstarrte Mädchen, das völlig verstört zur Decke empor sah. Langsam ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. Als er wieder schnippte, entstand die gewohnte kleine Flamme. Tmarus stieß langsam den Atem aus. Dann griff er entschlossen nach Dai-Dai.

Kaum hatte er sie berührt, da loderte die Flamme wieder empor.

Tmarus fing an zu lachen.

„Ein Medium! Du bist ein Medium!“

Das war mehr als er erwartet hatte. Viel mehr!

Tmarus war ein Meister seines Faches, insbesondere was Beschwörungen anging, und viele seiner Kollegen sprachen ihm sogar zu, dass er der Beste in diesem Bereich war. Das hieß allerdings nicht, dass sie auch gut hießen was er tat.

Es war ein unausgesprochenes, aber offenes Geheimnis, dass Tmarus sich auch mit finsteren Kräften beschäftigte, die besser in Ruhe gelassen werden sollten. Bisher hatte er sich auch wohlweislich zurückgehalten, erforderte der Umgang mit schwarzer Magie doch sehr viel Kraft und Vorsicht. Aber jetzt ...

Mit glänzenden Augen betrachtete er das dürre Geschöpf zu seinen Füßen.

Ein Medium bedeutete, dass er seine Kräfte in ihr bündeln und um ein Vielfaches steigern konnte. Er hatte viel über Medien gelesen, aber die Hoffnung auf ihre Existenz schnell aufgegeben.

Nicht, dass es solche Menschen nicht gab, doch es waren nur wenige und ihre Kräfte waren normalerweise nicht sehr stark. Viele wussten zudem nicht einmal von ihrem eigenen Talent.

Doch dieses rothaarige Mädchen war kein gewöhnliches Medium, da war sich Tmarus sicher. Wenn schon eine normale Berührung genügte, um eine lodernde Flamme zu erzeugen, was mochte er dann zustande bringen, wenn er sich auf sie konzentrierte?

Dai-Dai verstand nicht gleich, was er mit dem Begriff Medium meinte, aber sie sollte es schnell genug erfahren. Jetzt wo Tmarus wusste, was sie war, wusste er auch, was er an ihr ausprobieren konnte.

Sehr schnell fand er heraus, dass ein körperlicher Kontakt zu Dai-Dai nicht zwingend war. Es reichte, wenn er eine geistige Verbindung zu ihr aufnahm, um ihre Kräfte zu nutzen. Da Dai-Dai nicht wusste, wie man eine solche Verbindung verhindern konnte, hatte sie ihm nichts entgegenzusetzen.

Zunächst war sie erleichtert, dass Tmarus etwas in ihr gefunden hatte, denn es verbesserte seine Laune erheblich. Doch was er mit ihr tat, das versetzte sie in Angst und Schrecken.

Dai-Dai, die bisher lediglich die kleinen Zaubereien des Dorfschamanen kennen gelernt hatte, wurde jetzt mit einer Magie konfrontiert, die ihre Vorstellungskraft bei weitem überstieg.

Erst erprobte der Magier nur kleine Beschwörungen. Nach und nach steigerte er jedoch seine Magie, und Dai-Dai bekam Wesen zu sehen, die ihr noch in ihre Träume folgten und tiefe Angst einjagten.

Immer hockte sie in einem Schutzkreis und fühlte sich wie eine unbeteiligte Zuschauerin eines Alptraums. Sie spürte nichts von seiner Magie, aber sie begriff, dass sie ihm dabei half, diese finsteren Geschöpfe zu beschwören, und das gefiel ihr überhaupt nicht.

Ihre Hoffnung auf eine freundlichere Behandlung löste sich ebenfalls schnell im Nichts auf.

Eher das Gegenteil trat ein. Tmarus änderte sein Verhalten nicht, aber Palio wurde für Dai-Dai nun ebenso unerträglich wie sein Meister.

Der Meisterschüler hatte mit wachsendem Neid Tmarus Bemühungen an dem Mädchen verfolgt und immer gehofft, dass er diese Göre wieder auf die Straße werfen würde. Dass der Magier dann tatsächlich auf ein magisches Talent gestoßen war, war für Palio mehr als ein unangenehmer Schlag. Der Meistermagier wendete nun seine gesamte Aufmerksamkeit diesem Mädchen zu, und Palio ließ seinen Zorn darüber so oft er konnte an Dai-Dai aus.

Eine Magierschule

Es war ein trüber Tag und bedrückende Schwüle senkte sich auf die Straßen von Yrth.

Bunias und Hyas schlenderten entspannt, aber aufmerksam über den Markt. Ihre himmelblauen Roben zeigten jedem, dass sie Meisterschüler eines Magiers waren, und entsprechend achtungsvoll machten die Marktbesucher ihnen Platz. Heute hatten die beiden ihren freien Tag. Das hieß einen Tag ohne Lehrlinge, Unterricht und ihren griesgrämigen Meister, und sie waren fest entschlossen das Beste daraus zu machen. Noch waren sie sich nicht einig, welche Schenke sie aufsuchen sollten, und diskutierten ausgiebig, wo sie das billigste Bier erhalten würden.

Als eine kleine Gestalt sich aus der Menge quetschte und gegen sie stieß, ahnten sie nicht, was das für Turbulenzen zur Folge haben würde.

Bunias hielt die kleine Gestalt automatisch fest und betrachtete sie. Er sah in ein angstvolles Gesicht in dem grüne Augen saßen und das von einer roten Lockenpracht umhüllt wurde. Doch noch mehr als die roten Haare fielen ihm die geschwollenen Augen und ein großer dunkler Fleck im Gesicht auf, sichere Zeichen einer heftigen Tracht Prügel.

„Hehe, nun mal langsam“, brummte er. Das Mädchen versuchte panisch sich aus seinem Griff zu befreien und warf dabei immer wieder einen Blick in die Richtung aus der es gekommen war. Die beiden Meisterschüler erfuhren auch schnell warum. Aus der Menge schälten sich bald darauf drei Gestalten. Verblüfft erkannten die Meisterschüler Palio, den Schüler von Tmarus und dessen Söldner.

Palio wirkte zornig und aufgeregt. Kurz vor Bunias blieb er stehen.

„Gib sie her“, fuhr er den Meisterschüler an. Der sah unentschlossen von dem Mädchen zu ihm. Die Kleine hatte inzwischen ihren Widerstand aufgegeben und klammerte sich jetzt zitternd an ihn.

„Warum“, fragte er. „Gehört sie dir?“

„Nein, sie gehört Tmarus“, fauchte Palio und warf einen hasserfüllten Blick auf das Mädchen. Bunias legte beruhigend die Hand auf den Kopf der Kleinen und beäugte die Söldner, die hinter Palio standen und seinen Blick gleichmütig erwiderten.

Bunias wusste, dass dieser Schein trog. Tmarus Söldner waren für ihre Brutalität stadtbekannt. Als er dann auch noch Palios Hass sah, war er sich gar nicht so sicher, ob er das Mädchen diesen Kerlen wirklich ausliefern sollte.

„Und was ist, wenn ich sie nicht herausgebe?“ fragte er ruhig. Sein Freund Hyas hielt unwillkürlich die Luft an. Ihm waren ähnliche Gedanken durch den Kopf geschossen, aber er hegte einen gesunden Respekt gegenüber Söldnern – und Meistermagiern.

Tmarus war mit Sicherheit ein unangenehmer Gegner. Bis jetzt hatte er sich ihrem Meister Sorbus gegenüber zwar immer korrekt verhalten, aber alle wussten, dass die beiden Magier lediglich in einer Art Waffenstillstand verharrten.

Palio starrte Bunias ungläubig an.

„Das wagst du nicht“, zischte er. „Dieses Miststück gehört Tmarus. Willst du dich etwa mit ihm anlegen?“

Das Mädchen sah zu Bunias hoch. Der Anblick ihrer panischen Augen zerriss ihm fast das Herz.

„Stimmt das“, frage er. „Gehörst du Tmarus? Hat er dich gekauft?“

Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf. Bunias sah wieder zu Palio.

„Sie scheint anderer Meinung zu sein.“

Palio biss wütend die Zähne zusammen.

„Na gut“, fauchte er. „Wie du willst. Aber du wirst es bereuen.“

Verblüfft sahen die beiden Meisterschüler ihm und den Söldnern hinterher.

„Bei allen Göttern“, staunte Hyas. „Er hat noch nicht einmal richtig versucht sie uns wegzunehmen. Dabei hatte er diese verdammten Söldner hinter sich.“

„Vielleicht haben wir einen zu guten Ruf“, grinste Bunias. Hyas schüttelte den Kopf.

„Das glaubst du doch selbst nicht. Palio soll ein sehr guter Schüler sein. Und diese finsteren Kerle hätten uns durchaus in den Boden stampfen können. Warum also haben die es nicht versucht? Sie waren doch hinter der Kleinen her.“

Bunias löste den Klammergriff des Mädchens und hockte sich vor ihr nieder.

„Wie heißt du“, fragte er.

„Dai-Dai“, flüsterte das Mädchen.

„Und was will Tmarus von dir?“

Das Mädchen zögerte und sah ängstlich von einem zum andern.

„Ihr seid auch – Magier?“

Bunias lächelte. „Nun, noch nicht ganz. Wir sind erst Schüler, aber unser Meister Sorbus ist ein Meistermagier.“

Furcht verdunkelte den Blick des Mädchens. Bunias strich ihr sanft über den Kopf.

„Keine Sorge. Meister Sorbus ist zwar ein alter Griesgram, aber eigentlich ist er ein freundlicher alter Mann.“

Er verzog das Gesicht. „Ich fürchte nur, dass er ziemlich wütend sein wird, wenn er von dieser Geschichte hört. Bis jetzt hat Tmarus stillgehalten. Aber wenn er wirklich hinter dir her ist, ... Du willst mir wohl nicht sagen weshalb, hm?“

Dai-Dai schüttelte ängstlich den Kopf.

Hyas zupfte Bunias am Ärmel. „Bunias, ich glaube es ist besser, wenn wir von hier verschwinden.“ Bunias nickte und erhob sich.

„Komm Kleines. Wir gehen jetzt besser zu Meister Sorbus.“

Dai-Dai ließ sich widerstandslos von ihm fortführen. Zwar hegte sie immer noch Misstrauen gegenüber allen, die Magie betrieben, aber zumindest schienen dieser Bunias und sein Freund viel netter zu sein als Palio. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wo sie sonst hätte Schutz finden können.

Die Meisterschüler führten Dai-Dai durch die engen Straßen in eines der vornehmeren Viertel. Vor einem großen Haus hielten sie. Es stand frei zwischen den Nachbarhäusern und war schlicht gehalten mit seinen weißgekalkten Mauern. Nur die große eiserne Eingangstür war reich verziert mit seltsamen Symbolen.

Auf ihr Klopfen öffnete sich eine kleine Luke in der Mitte der Tür und ein alter Mann sah hinaus.

„Was wollt ihr denn schon hier“, brummelte er. „Ihr habt doch Ausgang.“

„Lass uns rein, Phaxas“, drängte Bunias.

„Jaja, schon gut.“

Die Tür öffnete sich, und Bunias schob Dai-Dai unverzüglich in den dunklen Flur.

Dai-Dai versuchte angestrengt in dem Zwielicht das Gesicht des alten Phaxas zu sehen, aber alles was sie erkannte waren eine Menge Falten aus denen zwei hellwache Augen herausschauten. Phaxas sah verblüfft auf sie hinab.

„Was ist das?“ krächzte er.

„Das ist Dai-Dai“, erklärte Bunias. „Sie ist in Schwierigkeiten, und wir müssen sie zu Meister Sorbus bringen.“

Phaxas betrachtete skeptisch die dürre kleine Gestalt. In seinen Augen glitzerte Mitleid.

„Auf eure Verantwortung“, knurrte er schließlich und ließ sie vorbei.

Dai-Dai wurde eine Treppe hochgeschoben und durch einen langen Korridor bis vor eine Tür geführt. Dort sahen sich die beiden Meisterschüler unschlüssig an. Jetzt stand ihnen der unangenehmste Teil bevor.

Bunias atmete tief durch und klopfte. Ein ärgerliches Brummen ertönte. Hyas biss sich auf die Lippen. Ohje, sie schienen den Meister wirklich zu stören. Doch jetzt war es zu spät um einen Rückzieher zu machen.

Bunias schien zu dem gleichen Schluss gelangt zu sein und öffnete behutsam die Tür. Die drei traten ein.

Auf einem großen runden Tisch saß ein älterer Mann mit gekreuzten Beinen und musterte die Eintretenden mit bösem Blick. Sein Gesicht war faltiger als das von Tmarus und er wirkte insgesamt älter. Das kam wohl auch durch den grauen, gepflegten Bart, der ihm bis zur Brust reichte. Auch die knollige Nase machte ihn nicht unbedingt jünger, doch seine Augen funkelten hell und wachsam. Schließlich ruhte sein Blick auf Dai-Dai, die sich wieder ängstlich an Bunias klammerte und nicht wagte aufzusehen.

„Was soll das“, knurrte der Magier. „Warum schleppt ihr dieses zerrupfte Etwas hierher?“

Bunias räusperte sich.

„Nun, Meister, das ist ... hm etwas kompliziert. Die Kleine hier heißt Dai-Dai und ... hm ... Meister Tmarus ist hinter ihr her.“

In kurzen Worten berichtete er von ihrem Zusammentreffen mit Palio. Zum Schluss meinte er: „Meister ... was, … ich meine wie ... ach Mist. Wir konnten ihm die Kleine doch nicht ausliefern. Sie sieht aus, als hätte er mit einem Dreschflegel auf sie eingeschlagen.“

Meister Sorbus runzelte die Stirn und fixierte das Mädchen mit durchdringendem Blick.

„Und du bist dir sicher, dass du ihm nicht gehörst?“

„Ich ... ich weiß nicht“, stotterte Dai-Dai. „Er hat mich einfach mitgenommen. Mutter wollte das nicht, aber ... er war so böse.“

„Und was will er von dir?“

„Ich weiß nicht“, piepste Dai-Dai wieder und hoffte, dass man ihr diese Lüge nicht ansehen konnte. Dieser Magier wirkte nicht so freundlich wie seine Schüler, und wer wusste schon, was er mit ihr anstellen würde.

Meister Sorbus rieb sich nachdenklich den grauen Bart. Das schlechte Gewissen stand der Kleinen buchstäblich im Gesicht geschrieben, und er fragte sich, was sie ihm verheimlichte. Ob es mit den roten Haaren zusammenhing? Er wusste von den Gerüchten um diese Haarfarbe, aber er hatte sich nie intensiv damit beschäftigt. Was zum Dämon wollte Tmarus von ihr? Sorbus kannte den Magier gut genug um zu wissen, dass dieser sich nicht mit Nichtigkeiten aufhielt. Dazu war er zu ehrgeizig und machtbesessen. Ein Faktum, das Sorbus schon immer Sorgen gemacht hatte. Aber dieses Mädchen wirkte harmlos, allenfalls verängstigt, und das konnte man sicherlich auf die Schläge zurückführen, die es erhalten hatte.

Bevor Sorbus eine Entscheidung fällen konnte, stürzte Phaxas ins Zimmer.

„Meister“, keuchte er. „Tmarus steht vor der Tür und verlangt Euch zu sprechen.“

„Tmarus persönlich?“ Meister Sorbus war sichtlich überrascht. „Das ist ja allerhand!“

Nachdenklich blickte er auf Dai-Dai, die alle Farbe aus ihrem Gesicht verloren hatte und sich panisch nach einem Versteck umsah.

Meister Sorbus winkte seine Meisterschüler heran.

„Ihr bleibt mit dem Mädchen hier und schirmt ihren Geist ab. Ich werde mit Tmarus reden.“

Langsam stieg Sorbus hinter Phaxas die Treppe hinunter. Er war neugierig, was Tmarus von sich geben würde – und wie groß sein Interesse an dem Mädchen war.

In dem kleinen Empfangsraum wartete er darauf, dass Phaxas den Magier Tmarus herein führte.

Tmarus trat energischen Schrittes in den Raum und blieb in gebührender Entfernung vor seinem Kollegen stehen. Sorbus wirkte neben ihm wie ein schwacher alter Mann, aber der Eindruck täuschte. Beide wussten voneinander, dass sie sich ebenbürtig waren, und sie waren auf der Hut.

„Was führt dich zu mir, Tmarus“, fragte Sorbus ohne Umschweife. „Es muss etwas Wichtiges sein, dass du freiwillig mein Haus betrittst.“

Tmarus lächelte schief. „Nun werter Kollege, tatsächlich handelt es sich nur um eine Lappalie. Ein Mädchen aus meiner Dienerschaft ist mir entlaufen und deine Schüler haben sie mit sich genommen. Ich weiß nicht, was das dumme Ding für Schauermärchen erzählt hat, aber sie hatte schon immer eine lebhafte Phantasie. Da sie mir gehört, hast du sicher nichts dagegen, wenn ich sie wieder mit mir nehme.“

„Warum ist sie denn fortgelaufen“, fragte Sorbus harmlos. Tmarus winkte ab.

„Sie hat etwas angestellt und dafür Prügel bezogen. Sie ist noch jung und hat noch keinen Sinn für gerechte Strafen.“

„Hm, mir hat sie erzählt, dass du sie gegen den Willen ihrer Mutter mit dir genommen hast. – Ich kann mir nicht helfen, aber das hört sich eher nach Kindesentführung als nach rechtmäßigem Eigentum an.“

Tmarus hielt seinen Zorn nur mühsam unter Kontrolle.

„Sie gehört mir“, beharrte er. „Wenn sie etwas anderes behauptet, dann lügt sie.“

„Nun, selbst wenn das stimmen würde, warum sollte ich sie dir ausliefern? Du bist bekannt dafür, dass du deine Dienerschaft nicht gerade anständig behandelst und das hat noch nie mein Wohlgefallen gefunden. Doch vielleicht sollte ich die Kleine einer Geistesbefragung unterziehen, um die Wahrheit herauszubekommen.“

Das Zucken in Tmarus‘ Gesicht entging ihm nicht. Zu seinem Erstaunen wirkte es eher erschreckt als wütend. Doch wovor fürchtete sich Tmarus? Doch nicht vor ihm?

In Sorbus verdichtete sich immer mehr das Gefühl, dass es besser war Dai-Dai nicht auszuliefern, und das nicht nur aus Mitleid. Er rieb sich den Bart und ließ Tmarus nicht aus den Augen, als er sagte: „Vielleicht ist es sogar angebracht, den großen Magierrat einzuschalten, der ohnehin bald tagt, und ...“

„Ich glaube kaum, dass der große Rat sich für dieses kleine Miststück interessiert“, unterbrach ihn Tmarus. Nun war ihm der Zorn deutlich anzusehen.

„Für das Mädchen vielleicht nicht“, meinte Sorbus nachdenklich, „aber vielleicht für die Behandlung, die du ihr zukommen lässt. Zumindest die Weisen Frauen werden sich sehr dafür interessieren.“

Tmarus wurde um eine Schattierung bleicher. Er begriff, dass es ein Fehler gewesen war, hier persönlich aufzutauchen. Er hätte niemals zeigen dürfen, wie wichtig ihm Dai-Dai war. Wenn er wenigstens ihren Geist hätte aufspüren können, aber obwohl er intensiv danach spürte, konnte er sie nicht fassen. Nur männliche Präsenzen nahm er wahr, und diese waren zum Teil sehr stark und nicht so leicht zu beeinflussen. Sorbus‘ Schüler genossen einen guten Ruf und waren mit Sicherheit in der Lage, Dai-Dai’s Geist abzuschirmen. Somit konnte er nicht auf ihre medialen Kräfte zurückgreifen, und ein Kräftemessen mit Sorbus war ihm ohne diese Hilfe zu riskant.

Wütend über seine Niederlage drehte er sich um und stapfte wortlos aus dem Haus. Er würde Dai-Dai wiederbekommen, das schwor er sich. Jedes Mittel würde ihm dazu recht sein.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, atmete Sorbus erleichtert auf.

Die erste Gefahr war abgewendet. Die magischen Bannkreise um diese Magierschule würden jegliche Art magischer Angriffe seitens Tmarus abwehren, da war er sich sicher. Jetzt stellte sich nur die Frage, was an Dai-Dai so wichtig war, dass Tmarus sich persönlich um sie bemühte.

Ein Unfall

Dai-Dai hockte zwischen den beiden Meisterschülern auf dem Boden und sah Meister Sorbus ängstlich entgegen.

„Ihr könnt ihren Geist freigeben“, forderte dieser die jungen Männer auf. Dann setzte er sich auf seinen Tisch und betrachtete das Mädchen nachdenklich.

„Tmarus ist wirklich außergewöhnlich stark an dir interessiert, Kind. Ich fürchte, dass er es nicht bei diesem Besuch bewenden lassen wird. Wenn ich dir helfen soll, dann musst du ehrlich sein. Also sage mir, warum er hinter dir her ist!“

Dai-Dai schlug die Augen nieder und schwieg.

Sorbus seufzte.

„Nun, ich möchte dich nur ungern zu etwas zwingen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Tmarus ein gefährlicher Gegner ist, sage ich dir gleich, dass ich dich notfalls einer Geistesbefragung unterziehen muss. Aber wir wollen nichts überstürzen. Bunias, führe sie in die Küche und sorge dafür, dass sie zu Essen bekommt. Sie besteht ja nur aus Haut und Knochen. Heute Abend bringe sie wieder zu mir. Dann wird sie mir Rede und Antwort stehen.“

Eine Küche war eine ganz neue Erfahrung für Dai-Dai. Bei Tmarus hatte die dickleibige Köchin ihr jeden Zutritt zur Küche untersagt. Nicht dass das Mädchen darüber traurig gewesen wäre. Die Kochstube war klein, dreckig und ständig entströmte ihr ein unangenehmer Geruch.

Auch Opilio, der Koch von Meister Sorbus, war fettleibig, aber er war nicht so mürrisch und auch nicht so schmierig wie seine Kollegin. Sein Arbeitsbereich war angenehm groß und aufgeräumt, und einem riesigen Kessel auf der Feuerstelle entstieg ein appetitanregender Geruch.

Dai-Dai stopfte folgsam alles Essbare in sich hinein, das Opilio ihr vorsetzte. Zwar war ihre Angst noch nicht abgeklungen, aber der Hunger war stärker.

Bunias und Hyas sahen vergnügt zu. Sie waren froh, dass Meister Sorbus ihr Verhalten nicht weiter getadelt hatte. Inzwischen waren auch die anderen Bewohner des Hauses auf den ungewöhnlichen Besuch aufmerksam geworden. Nach und nach füllte sich der Raum mit neugierigen Jungen. Schließlich wurde es Opilio zu viel und er jagte alle nach draußen. Sie verzogen sich in den großen Schlafsaal und hockten sich in die Mitte des Raumes.

Dai-Dai wurde von allen bestaunt. Neben Bunias und Hyas waren es sechs Lehrlinge im Alter zwischen zehn und achtzehn Jahren. Alle trugen einfache Kutten. Nur ein blauer Stein auf ihrer Schulter zeigte an, dass sie Lehrlinge eines Meistermagiers waren. Atemlos lauschten sie Hyas Erzählung. Zum Schluss waren alle begeistert, dass die beiden Meisterlehrlinge diesem Palio und seinen Söldnern getrotzt hatten.

„Aber was will Tmarus von ihr?“ Diese Frage stand ihm Raum.

Hyas zuckte bei dieser Frage die Schultern. „Das hat sie uns noch nicht verraten.“

Dai-Dai betrachtete angestrengt ihre Fußspitzen. Die Lehrlinge schienen alle sehr nett und freundlich zu sein, aber immerhin beschäftigten sich alle mit dieser unheimlichen Magie.

Bunias ahnte ungefähr, was unter den roten Locken vor sich ging. Beruhigend legte er seinen Arm um sie.

„Habe keine Furcht, Dai-Dai. Meister Sorbus ist wirklich freundlicher, als er wirkt. Er wird dir nichts zu leide tun, aber du musst verstehen, dass er alles wissen muss. Meister Tmarus ist ein gefährlicher Gegner, und dadurch dass Meister Sorbus dich nicht ausgeliefert hat, wird er sehr wütend sein und entsprechende Maßnahmen planen, gegen die wir uns wappnen müssen. – Dai-Dai, warum willst du uns nicht erzählen, weshalb Tmarus so hinter dir her ist? Fürchtest du seinen Zorn?“

Dai-Dai nickte.

„Aber Dai-Dai, Meister Sorbus wird dich vor Tmarus schützen.“

„Das kann er nicht“, flüsterte Dai-Dai.

„Warum glaubst du das?“

„Er ... er findet mich immer, und ... und dann ist er in meinem Kopf und ... und tut schreckliche Dinge“, flüsterte Dai-Dai.

„Was für schreckliche Dinge“, hakte Bunias vorsichtig nach. Aber Dai-Dai senkte den Kopf. Sie wollte nicht über diese schaurigen Gestalten reden. Vielleicht würden sie dann wieder auftauchen und diesmal nicht verschwinden.

„Dai-Dai, glaube mir, wir können verhindern, dass Tmarus deinen Geist findet“, versuchte Bunias zu beruhigen. „Das haben wir gerade auch getan, als Tmarus das Haus betreten hat. Solange er draußen ist und du hier drin bist, kann er dich sowieso nicht spüren. Das Haus ist durch mehrere Bannkreise geschützt und auch ein Magier wie Tmarus wird sie nicht durchbrechen können, ohne dass wir es merken. Doch auch wenn er noch einmal hier hereinkommen sollte, so können wir deinen Geist wieder vor ihm abschirmen. Das ist nicht allzu schwer. Selbst du könntest ihn wahrscheinlich von dir abhalten. Im Moment ist dein Geist offen und frei von jeglichem Widerstand. Jeder von uns hier könnte dich manipulieren. Selbst Ero hier.“ Er zeigte auf den jüngsten Lehrling, der Dai-Dai freundlich angrinste und dabei mehrere Zahnlücken zeigte.

„Aber wir könnten dir beibringen, wie du dich davor schützen kannst.“

„Ich ... ich kann nicht zaubern“, stotterte Dai-Dai. Bunias lächelte nur.

„Das ist keine Zauberei, keine große jedenfalls. Es ist eine Frage von Konzentration und Vorstellungskraft. Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der das nicht kann.“

„Tut es weh?“ Dai-Dai war immer noch misstrauisch.

Die Jungen kicherten, bis Bunias ihnen befahl zu schweigen.

„Nein, Kleines, das tut nicht weh. Wenn Meister Sorbus es erlaubt, werde ich es dir morgen beibringen.“

Dai-Dai sagte nichts weiter dazu. Warum sollte Meister Sorbus das erlauben? Aber vielleicht hatte Bunias ja doch recht. Sie hoffte es jedenfalls.

Heimlich beobachtete sie den Meisterschüler, wie er munter mit den anderen Lehrlingen plauderte. Sie fand ihn gut aussehend mit seinen schwarzen, wuscheligen Locken und den rehbraunen Augen, die warm und freundlich jedem entgegenstrahlten. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Bunias bei allen sehr beliebt war. Er wirkte ruhig und besonnen und war freundlich zu jedem.

Selbst Hyas schien ihm große Achtung entgegenzubringen, obwohl er ihm im Rang gleichgestellt war.

Ero, der jüngste unter den Lehrlingen, näherte sich Dai-Dai und die beiden beschnupperten sich ausgiebig. Der Altersunterschied war gering und so fanden sie schnell die richtigen Gesprächsthemen.

Dai-Dai fasste schnell Zutrauen, da der Junge sie sehr an einen ihrer älteren Brüder erinnerte, außerdem hatte sie sich schon lange nach gleichaltrigen Spielkameraden gesehnt. So hockten sie eng nebeneinander auf dem Fußboden und tuschelten leise.

Dai-Dai war so auf ihren neuen Freund konzentriert, dass sie erst gar nicht mitbekam, wie die Lehrlinge nach und nach in einen kleinen Wettkampf abglitten. Solche Wettstreite kamen häufig vor und wurden gerne als Lehrmittel eingesetzt. Wie so oft hatte auch dieses Mal Bunias den Anstoß dazu gegeben. Spielerisch übten alle das Geistumfassen und Geistabwehren.

Wenn Dai-Dai ihre Umgebung mehr beobachtet hätte, wäre das Folgende vielleicht nie passiert, doch so nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Plötzlich erstarrte Ero und blickte auf Bunias, der ihm lächelnd zunickte. „Nun Ero, ich habe dich im Griff. Jetzt löse dich.“

Ero schluckte. „Ich ... ich kann das noch nicht.“

Sein Gesichtsausdruck zeigte Verwirrung und Scham.

„Du weißt es doch, Ero. Stelle dir vor, dein Geist ist eine Kugel, die in meiner Hand liegt. Und dann vergrößerst du diese Kugel, bis sie die Hand sprengt. Konzentriere dich!“

Ero kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich gehorsam.

Dai-Dai blickte verwirrt von einem zum anderen. Erst als Eros Hand sich angespannt in ihren Oberschenkel krallte, begriff sie was passierte.

Ihr Schrei vermischte sich dem lauten Schrei von Bunias.

Dann sackte der Meisterschüler mit leerem Blick in sich zusammen.

Alle blickten starr vor Schreck auf ihn.

„D... das wollte ich nicht“, stammelte Ero verstört. „Ich wollte es nicht ... wirklich ...“

Dai-Dai zitterte am ganzen Körper. Was genau passiert war, wusste sie nicht, aber dass es mit ihr zusammenhing, das war ihr nur allzu klar.

Die Tür wurde aufgerissen und Meister Sorbus stürzte herein. Mit einem Blick erfasste er die Lage und kniete neben Bunias nieder, der mit geschlossenen Augen und aschgrauem Gesicht auf der Seite lag.

Besorgt griff der Meister nach Bunias Geist. Erschüttert nahm er die Erinnerungsfetzen wahr, die ihm entgegentrieben. Bunias Geist war zwar präsent, aber völlig strukturlos und zerrüttet. Wirre Gefühle - Schmerz, Furcht und Erstaunen -, Erinnerungen und Gedanken lagen nebeneinander und ohne Zusammenhang.

Meister Sorbus irrte lange in diesem Chaos herum, bis er schließlich erschöpft aufgab.

Um Bunias zu helfen, bedurfte es großer Heilkunst, über die er nicht verfügte. Sein Metier waren Illusionen und Geisteserfassung. Darin war er ein unbestrittener Meister. Es gab viele Formen der Magie, aber das Leben eines Menschen reichte selten aus, um mehr als ein Gebiet umfassend zu erforschen und zu meistern, und das war wohl auch ganz gut so. Es wäre kaum auszudenken, wie gefährlich ein Magier wäre, wenn er alle Bereiche der gesamten Magie in sich vereinigen könnte. Doch nicht zum ersten Mal bedauerte Meister Sorbus es nun, dass die Heilmagie so ganz anders war als jede andere Magieform. Sie verlangte nicht nur eine andere Form der Konzentration, sondern auch die Fähigkeit sich völlig aufzulösen und trotzdem zu geben und zu nehmen. Das war etwas, das normalerweise nur den Frauen gegeben war. Nicht umsonst standen sich der Rat der Weisen Frauen und der große Magierrat gegenüber, wobei in dem Magierrat auch Frauen vertreten sein konnten. Nur wenige, aber doch genug, um herauszustellen, dass bei den Weisen Frauen kein Mann zu finden war.

Meister Sorbus wandte sich seinen Lehrlingen zu. Ero stammelte immer noch, dass er das nicht gewollt hatte. Dai-Dai saß bleich und verstört auf dem Boden und konnte ihre Augen nicht von Bunias abwenden.

Sorbus ließ seinen Blick nachdenklich zwischen ihr und Bunias wandern. Er begriff noch nicht ganz, was sich hier abgespielt hatte, aber eines war sicher: Ero war nicht der Auslöser gewesen. Über so große magische Kräfte verfügte er keinesfalls.

Müde stand Meister Sorbus auf.

„Legt Bunias auf seine Schlafstatt. Morgen werde ich mit ihm nach Thlandian reisen. Einer von euch wird mich begleiten. Ihr könnt das unter euch auslosen. Hyas, du wirst während meiner Abwesenheit hier die Verantwortung tragen.“

Hyas nickte unglücklich. „Meister, was ist mit Bunias passiert?“

„Sein Geist ist zersprengt“, erklärte Sorbus. „Er benötigt dringend magische Heilkunst, sonst wird er wohl bis an sein Lebensende ohne Verstand und Bewusstsein allen eine Last sein. Diese Hilfe findet er am ehesten in der Hauptstadt bei den Weisen Frauen. – Sei jetzt still, Ero. Dich trifft keine Schuld. Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen.“

Er sah auf Dai-Dai, die bei seinen Worten ängstlich zu ihm hochblickte.

„Du kommst jetzt mit mir. Du hast mir einiges zu erklären.“

Zaghaft folgte Dai-Dai dem alten Magier ins Studierzimmer.

Reisevorbereitungen

Sorbus hockte sich auf den Tisch und hieß ihr, sich auf den Boden zu setzen.

Lange Zeit schwieg er, und Dai-Dai wartete unruhig auf seine Worte. Sie war sich sicher, dass er sie schwer bestrafen würde.

Schließlich räusperte der Magier sich.

„Hast du eine Vorstellung von dem, was gerade passiert ist?“

Dai-Dai kaute auf ihrer Unterlippe herum. Sie hatte immer noch Angst vor diesem Magier, aber das Entsetzen über Bunias Unglück war ebenso groß. Sie hatte diesen Meisterschüler doch gerne gehabt.

„Ich ... ich weiß nicht genau ...“ piepste sie schließlich. „Es ist ... weil Ero mich angefasst hat.“

„Weil er dich angefasst hat?“ Sorbus runzelte die Stirn. „Wie hat Tmarus das erklärt?“

„Er sagt, ich sei ein ... ein Medium.“

Meister Sorbus starrte das rotgelockte Geschöpf an, das da vor ihm auf dem Boden kauerte.

Ein Medium?! Mit einem Mal wurde ihm alles klar.

„Erzähl mir genau, wie du gelebt hast, wie Tmarus dich gefunden und was er mit dir getan hat“, forderte er sie auf.

Dai-Dai zuckte bei dem barschen Klang seiner Stimme zusammen und sackte noch mehr in sich zusammen. Erst wurde Sorbus ärgerlich, aber dann sah er, was da vor ihm saß: Ein siebenjähriges, verängstigtes Mädchen, das zum Spielball von Mächten geworden war, die es nicht verstand – und zu Recht fürchtete.

Er seufzte und bemühte sich, seiner Stimme einen beruhigenden Klang zu geben.