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Bei einem grausamen Überfall auf ein Walddorf überlebt nur die kleine Shendja, schwerverletzt und mit grausig entstelltem Gesicht. Da ihr Anblick die Menschen in Angst und Schrecken versetzt, flieht sie in die Wälder. Hier findet sie zunächst Zuflucht bei einer alten Waldheilerin und erfährt von ihren eigenen heilerischen Fähigkeiten. Doch erst als sie auf die gefürchteten Harpyien und auf einen Luftdämon trifft, wird offenbar, dass Shendjas Heilmagie etwas Besonderes ist.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Antje Marschinke
Zweigesicht
Ruan: Aus dem Zeitalter des Chydors, 2. Buch
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ruan
Rhusen
Zwei Gesichter
Die Alte
Die Ausbildung
Ein Versteck
Die Harpyie
Eine Freundin
Der Rat
Der Clan
Ein Mensch
Die Kriegerin
Ohm dal Baqc
Ein Sprung
Das Haus Uncinais
Die Waldheilerin
Historie von Ruan
Namen von Personen, Völkern und Städten
Vorschau 3. Buch: Katzenjunge
Impressum
Ruan
Ruan,
eine Welt der Magie,
eine Welt des Leides,
eine Welt der Liebe.
Ruan,
eine Welt vieler Völker,
eine Welt vieler Prophezeiungen
und
eine Welt vieler Schicksale:
Rhusen
Die Sonne stieg langsam über die Baumwipfel und erhellte einen strahlendblauen, klaren Himmel. Noch war es früh und das kleine Palisadendorf lag in tiefem Schlummer. Einige Vögel stimmten zaghaft ihr erstes Lied an, um den Tag zu begrüßen. Über dem Wald lag eine friedliche Stille - trügerisch.
Nur zwei Einwohner des Dorfes waren zu diesen frühen Morgenstunden auf den Beinen. Ein alter Mann mit runzligem Gesicht und kleinen Lachfältchen in den Augenwinkeln, die von einem heiteren, wenn auch nicht sorgenfreiem Leben zeugten und ein junger Mann. Er war keine zwanzig und sein Gesicht war glatt. Keine Runzeln, Falten oder Narben hatten eine Geschichte zu erzählen, doch seine Augen funkelten normalerweise hellwach und voller Abenteuerlust. Nur heute Morgen nicht. Beide Männer hatten eine lange Nacht hinter sich, da ihre Aufgabe die Bewachung des Dorfes gewesen war. Die Nachtstunden waren ruhig dahingeflossen, doch das hatte beide nur noch müder werden lassen. Die zwei Wächter auf dem schmalen Palisadengang gähnten und rieben sich die Augen. Es war Zeit für sie schlafen zu gehen. Der Junge lag in seinen Gedanken schon im Bett. Er hielt dieses Wacheschieben für eine lästige und eigentlich überflüssige Pflicht. Was sollte schon passieren? Wölfe und anderes Getier kamen nicht über die Palisaden, und Räuber hatte es in dieser Gegend schon lange nicht mehr gegeben.
Der Alte war auch müde, aber er war nicht ganz so sorglos wie sein junger Mitwächter. Sicher, schon lange war nichts mehr passiert, doch er erinnerte sich an Zeiten, in denen die Straßen unsicher gewesen waren und kleine Dörfer von seltsamen und unheimlichen Wesen bedroht wurden. Und in letzter Zeit sollten wieder fremdartige Geschöpfe umgegangen sein. Ein alter Bänkelsänger, der vor einer Woche vorbeigezogen war, hatte flüsternd von Rhusen gesprochen. Die Kinder hatten sich gegruselt, die Alten wurden an frühere Zeiten erinnert und die Jungen hatten laut über die Ammenmärchen gelacht.
Der alte Wächter wusste, dass es töricht war solchen Gedanken nachzuhängen. Sicherlich waren vor langer Zeit entsetzliche Dinge passiert, aber das hieß noch lange nicht, dass so etwas noch einmal geschah - hoffentlich nicht. Aber Rhusen! Das wäre allerdings ein starkes Stück. Der Alte kannte Rhusen nur aus alten Legenden und seines Wissens hatte kaum ein Mensch über sie berichten können - einfach deshalb, weil so gut wie niemand ein Zusammentreffen mit diesen Wesen überlebte. Man musste schon stark und mit Waffen geschickt sein und zusätzlich eine gehörige Portion Glück haben, um den Klauen der Rhusen zu entgehen. Es hieß, dass die Rhusen ein grausames und gefährliches Volk tief im Süden des Waldes waren. Alles Lebende, was in ihre krallenbestückten Hände geriet, erlitt einen grauenhaften Tod. Rhusen hatten ihren Spaß daran, andere zu Tode zu quälen.
Der Alte schüttelte sich innerlich und warf einen unruhigen Blick in den Wald. Er wollte schon wieder wegschauen, als er meinte eine Bewegung zu sehen. Aufmerksam spähte er ins Gebüsch, konnte aber nichts erkennen.
„Ich werde alt und ängstlich“, murmelte er schließlich und setzte seinen Rundgang fort. Der Junge hatte sich an die Palisade gelehnt und starrte sehnsüchtig auf seine Hütte. Wie gerne läge er jetzt auf seinem Schlafplatz, oben im Heuschober, um sich dort ganz seinen Träumen hinzugeben.
Kein Geräusch verriet die drei dunklen Gestalten, die sich aus dem dämmrigen Wald lösten und hinter seinem Rücken die Palisaden erklommen. Als der Bursche ein kratzendes Geräusch wahrnahm und sich umdrehte, war es schon zu spät. Für den Bruchteil einer Sekunde starrte er in ein furchterregendes, schwarzgrün geflecktes Gesicht und sah spitze, raubtierähnliche Zähne. Sein Schrei wurde durch eine Krallenhand erstickt, die sich um seinen Hals legte und zudrückte. Der Junge röchelte und versuchte sich zu wehren, aber er hatte keine Chance gegen die entsetzliche Stärke, die seinen Hals umklammert hielt. Eine zweite Hand erschien vor seinen Augen und schlug die Krallen in sein Gesicht. Der Griff um seinen Hals erstickte die Schmerzensschreie des Opfers. Sein Gesicht wurde systematisch zerfetzt. Schließlich sank der Junge reglos zu Boden. Die drei Gestalten huschten nun weiter. Eine schlich sich von hinten an den alten Mann, während die anderen zum Tor eilten.
Der Wächter brummte immer noch ärgerlich vor sich hin. Er schalt sich einen Narren und schimpfte auf den Bänkelsänger, der diese alten Geschichten wieder in ihm wachgerufen hatte.
War es nun Instinkt, ein leises zischendes Atmen oder einfach Zufall? Plötzlich drehte er sich um und starrte auf die dunkle Gestalt, die sich nur noch wenige Meter von ihm entfernt befand. Sie war etwa zweieinhalb Meter groß, besaß eine schwarzgrün-gefleckte, lederartige Haut und in dem hässlichen Gesicht lagen zwei gelbe leuchtende Augen.
Der Alte war starr vor Schreck. Instinktiv wusste er wen er vor sich hatte, und dass er so gut wie tot war. Aber die anderen Dorfbewohner...
Die Gestalt sprang auf ihn zu, da öffnete der Alte den Mund und brüllte so laut er konnte: „Gefahr, Alarm, Alarm, -....die Rhusen - Gefahr - Alarm ..“
Als der Rhuse ihn fast erreicht hatte, warf der Alte sich kopfüber zur Seite von dem Rundgang. Mit einem gellenden Schrei stürzte er in die Tiefe und war auf der Stelle tot... was er damit auch bezweckt hatte.
Das Ganze verlief alles sehr schnell, aber es hatte gereicht, um die weniger schläfrigen Dorfbewohner aus dem Schlummer zu reißen. Die meisten wussten nicht viel mit der Warnung anzufangen. Viele hatten auch nur den Schrei des Alten gehört. Es gab nur zwei Leute im Dorf, die den gesamten Alarmschrei verstanden hatten - und auch glaubten.
Die eine Person war der alte Dorfschamane, welcher meistens schon vor Sonnenaufgang wach war und Rituale vorbereitete. Die zweite war die alte Kara. Sie hatte in der kleinen Wohnküche gesessen und über den Schlaf ihrer kleinen Enkelin gewacht, die zusammengerollt neben dem Herdfeuer schlummerte. Die alte Kara schlief schon seit langer Zeit schlecht und auch diese Nacht hatte sie kaum ein Auge zugetan. Als sie den Wächterruf hörte, schloss sie kurz die Augen. Ein Zittern durchlief sie.
„Rhusen“, flüsterte sie. „Oh ihr Götter, steht uns bei.“
Sie bezweifelte den Alarmruf keine Sekunde lang. Dafür kannte sie den alten Wächter zu gut - er war ihr Bruder.
Schließlich raffte sie sich hoch und humpelte zu ihrer Enkelin. Hastig schüttelte sie das Kind.
„Shendja“, rief sie. „Wach auf, sofort!“
Verschlafen richtete Shendja sich auf. Sie war ein kleines mageres Mädchen von zehn Jahren, mit dunkelblonden Locken und grauen Augen.
„Du musst dich sofort verstecken. Komm mit.“
Die alte Kara zerrte Shendja durch den Raum und lugte nach draußen. Noch war nicht viel los. Einige Lichter waren angegangen und schläfrige Stimmen riefen sich verwirrt Fragen zu. Kara zog Shendja um das Haus zu einem alten Holzstapel, um den viel Gestrüpp und Gezweig aufgetürmt war. Schnell schob sie die verwirrte Shendja in den sperrigen Haufen.
„Aber Großmutter...“ piepste das Mädchen ängstlich.
„Schscht Kind“, flüsterte Kara. „Du darfst keinen Laut von dir geben. Egal was passiert. Hörst du? Egal was du hörst und siehst, egal wie viel Angst du hast. Du bist still und rührst dich nicht. Versprochen?“
„Ja, Großmutter“, flüsterte Shendja. Kara türmte noch etwas Geäst um das Kind auf und eilte dann ins Haus zurück. Inzwischen war der Dorfschamane auf den kleinen Dorfplatz geeilt und begann den Alarmgong zu schlagen.
„Rhusen, Alarm - die Rhusen sind da. Rettet euch und eure Kinder. Die Dämonen sind unter uns“, brüllte er.
„Alter Trottel“, zischte Kara. „So was glauben die Dummköpfe dir nie.“
Und sie sollte Recht behalten. Die Dörfler waren erst verwirrt, aber dann lachten sie unsicher. Was sollte das Geschwätz von Dämonen? Als der alte Wächter tot gefunden wurde, war die Erleichterung groß. Offensichtlich war der alte Mann ausgerutscht oder gestolpert und hatte sich zu Tode gestürzt.
Kara betrat wieder das Haus. Ihr Sohn kam aus der Schlafstube, hinter ihm taumelte schläfrig seine Frau. „Was ist los, Mutter?“ fragte er. Kara atmete tief durch.
„Mein Sohn, ich glaube wir werden den Tag nicht überleben. Die Rhusen sind da. Mein Bruder hat sie gesehen und versuchte uns zu warnen.“
Ihr Sohn lachte ungläubig. „Rhusen? Aber das sind wilde Geschichten.“
„Nein“, sagte Kara fest. „Es sind keine Geschichten. Diese Wesen existieren und...“
In diesem Moment tönte ein Entsetzensschrei durch das Dorf und pflanzte sich fort. - Der junge Wächter war gefunden worden - besser gesagt das, was von ihm noch übrig war.
Und dann brach das Grauen los.
Die Rhusen schienen plötzlich aus dem Boden zu wachsen und waren mitten unter den Dörflern. Panik brach aus, als das Gemetzel begann.
Die riesigen Gestalten fielen gierig und voller Grausamkeit über ihre nahezu wehrlosen Opfer her. Niemand hatte auch nur die Spur einer Chance. Die meisten der Dorfbewohner starben einen qualvollen Tod. Nur wenigen war ein schnelles Sterben vergönnt.
Grauenhafte Schreie klangen zum Himmel und der Boden wurde mit Blut durchtränkt.
Die kleine Shendja hockte zitternd unter dem Holzgestrüpp und biss sich vor lauter Entsetzen die Knöchel blutig. Von ihrem Versteck aus konnte sie nicht viel sehen, aber das wenige was sie sah, reichte völlig aus, sie starr vor Angst hocken zu lassen. Sie schloss die Augen und hielt den Atem an solange sie konnte.
Nach weniger als einer Stunde war die fürchterliche Metzelei vorbei. Die Sonne tauchte das Dorf in seine Strahlen und beleuchtete ein Bild des Grauens.
Es war still, als Shendja sich schließlich nach draußen wagte. Zitternd kroch sie aus ihrem Versteck und blickte sich um. Überall lagen vertraute Gestalten, die bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren. Zögernd trat sie ein paar Schritte vor, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. Sie erstarrte und spürte wie in ihr das Entsetzen wieder zunahm. Schließlich drehte sie sich herum und blickte direkt in das grinsende Gesicht eines Rhusen.
Shendja schrie und taumelte zurück - direkt in die Arme eines zweiten Rhusen, der mit einem zischenden Lachen ihre Arme ergriff und sie festhielt.
Shendja strampelte verzweifelt und trat wild um sich. Der erste Rhuse kam näher und hob langsam seine Krallen. Shendja kreischte als er mit einer beinahe sanften Geste die Klauen in ihre linke Gesichtshälfte versenkte. Ihre Tritte trafen ihn zwar, beeindruckten ihn aber überhaupt nicht. Mit bedächtigen Bewegungen zerfleischte er ihre Wange und wendete sich dann ihrem Arm zu.
Shendja schrie vor Schmerzen. Sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, außer dem, dass sie jetzt sterben musste.
Plötzlich hielt der Rhuse inne und lauschte. Er hatte das sich nahende Hufgetrappel völlig überhört und auch sein Freund war überrascht, als plötzlich eine Horde Berittener durch das offene Tor hereintrabte. Die Reiter sahen sich ungläubig und erschüttert um, bis sie auf das Schreien der kleinen Shendja aufmerksam wurden. Als sie die beiden Rhusen erspähten, waren sie erst geschockt, aber die vielen so abscheulich verstümmelten Toten ließen den Zorn in ihnen hochsteigen. Wer auch immer diese hässlichen Geschöpfe auch waren - sie waren böse und für den Tod dieser Leute verantwortlich, daran zweifelten sie nicht. Mit zornigen Rufen sprengten sie vor und rissen ihre Schwerter aus den Gürteln.
Die Rhusen zögerten erst, aber dann wandten sie sich zur Flucht. Sie waren allein gegen zehn bewaffnete Leute und dieses Risiko wollten sie nicht eingehen. Sie rannten flink zu den Palisaden und erklommen diese ohne Schwierigkeit. Lautlos wie sie gekommen waren, verschwanden sie im Wald.
Shendja war einfach fallengelassen worden. Wimmernd wandte sie sich im Sand. Zwei der Männer stiegen ab, um sich um sie zu kümmern. Erschüttert sahen sie, dass ihre linken Gesichtszüge so gut wie nicht mehr existierten. Wie durch ein Wunder war das Auge unversehrt, aber der Rest bestand nur noch aus rohem Fleisch und weißen Knochen.
„Ihr Götter“, krächzte einer schließlich. „Was waren das für Monster?“
Der andere schüttelte ratlos den Kopf und wickelte Shendja vorsichtig in eine Decke.
„Wir müssen sie ins nächste Dorf bringen. Sie braucht dringend eine Heilerin.“
„Du hast Recht, aber erst sollten wir nachsehen, ob nicht noch jemand anderes überlebt hat.“
Die übrigen Männer waren inzwischen hinzugetreten und sahen sich zweifelnd um. Nichts deutete auf andere Lebende hin. Doch sie verteilten sich und durchsuchten vorsichtig das Dorf. Aber sie fanden, wie sie es befürchtet hatten, keine weiteren Überlebenden.
„Wir können die Leichen nicht so liegenlassen“, meinte einer.
„Aber das Kind muss versorgt werden“, drängte der Mann, der Shendja in den Armen hielt. Die Männer berieten sich. Dann beschlossen sie, drei Männer mit Shendja zum nächsten Dorf zu schicken, um dort Hilfe zu holen. Die anderen würden in der Zwischenzeit die Leichen zusammentragen.
Zwei Gesichter
Die Reiter gelangten mit Shendja nach einem Gewaltritt ins nächste Dorf, wo das Kind von einer alten Dorfheilerin notdürftig versorgt wurde. Keiner glaubte, dass sie überleben würde, aber die Kleine erwies sich als zäh. Tagelang wälzte sie sich im Fieber und in Alpträumen und hielt die Dörfler mit ihren Fieberphantasien in Atem. Als sie schließlich wieder klar denken konnte, erzählte sie, was ihr zugestoßen war. Doch erst, als einige der Männer zurückkehrten, die die Toten bestattet und Shendjas Dorf geräumt hatten, wurde ihr Glauben geschenkt. Trotzdem zweifelten einige die Existenz der Rhusen an und wollten eher an wilde Tiere glauben.
Shendja verbrachte einige lange Wochen in dem Dorf, bis sie wieder geheilt war. Als sie das erste Mal auf die Dorfstraße trat, bemerkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Alle starrten sie erst an und vermieden es dann in ihre Nähe zu kommen, oder sie anzusehen. Zuerst glaubte sie, dies sei, weil sie fremd war. Aber schließlich bekam sie mit, wie hinter ihrem Rücken getuschelt wurde. Worte fielen wie: hässlich, scheußlich, dämonisch.
Sie floh zu der alten Dorfheilerin und weinte sich in deren Armen aus.
„Bin ich so hässlich?“ fragte sie schließlich verzweifelt. Die Heilerin überlegte. Schließlich holte sie einen alten vergilbten Spiegel hervor.
„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, es dir zu zeigen, aber ich glaube du musst wissen wie du aussiehst und auf andere wirkst.“
Zögernd ergriff Shendja den Spiegel und holte tief Luft, bevor sie hineinsah. Fast augenblicklich fuhr sie zurück und ließ den Spiegel fallen. Die Dorfheilerin hatte das vorhergesehen und fing ihn rechtzeitig auf, bevor er am Boden zerschellen konnte.
„Das bin ich nicht“, keuchte Shendja. „Nein, nein!“
Verzweifelt sah sie in die mitleidigen Augen der Frau und begriff, dass es die Wahrheit war, die sie gerade gesehen hatte. Wieder langte sie nach dem Spiegel und sah hinein. Lange starrte sie in das jetzt fremde Gesicht. Die rechte Gesichtshälfte war blass und mager, aber zumindest unversehrt. Aber die linke Seite war kaum mehr menschlich zu nennen. Das rohe Fleisch war verheilt und hatte eine Narbenhaut gebildet, die aus Knoten, Striemen und Wülsten zu bestehen schien. Ein lidloses Auge saß starr und fremd in dem Narbengeflecht. Der linke Mundwinkel wurde von der Narbenhaut gestrafft und nach unten gezogen. Er verlieh dem Gesicht einen bösartigen, ja fast dämonischen Charakter, zumal selbst die Lippen vernarbt waren. Es war niemandem zu verdenken, wenn er Angst vor diesem Gesicht bekam.
Shendja legte schließlich den Spiegel zur Seite und starrte wie blind gegen die Wand. Aber die Tränen blieben aus.
„Was soll ich nur machen?“ fragte sie leise.
Die Dorfheilerin schwieg. Wie sollte sie auch antworten? Sie hatte schon herumgefragt, aber niemand war bereit dieses arme, hässliche Geschöpf aufzunehmen. Und sie selber – nun, eigentlich hatte sie Kinder noch nie gemocht. Abgesehen davon war es mühsam genug, sich selbst zu ernähren.
Shendja verbrachte nur noch einige Tage in dem Dorf. Dann war sie über Nacht verschwunden. Niemand weinte ihr nach. Einige waren erleichtert, andere bedauerten das arme Wesen, aber insgesamt waren alle der Meinung, dass die Kleine wohl nur das Unglück anziehen würde.
Die Alte
Shendja wanderte weit. Sie zog am Wald entlang von Dorf zu Dorf, aber überall wurde sie abgewiesen. Manchmal mit Steinen, manchmal nur mit harten Worten. Ab und zu warf man ihr etwas Essbares vor die Füße. Das reichte gerade so aus, um sie auf den Beinen zu halten. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie, allein und hilflos wie sie war, die Wanderung unbehelligt überstand. Doch es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie vor Hunger und Erschöpfung sterben würde.
An einem grauen Nachmittag suchte Shendja vor dem Nieselregen in einem Busch Schutz. Erschöpft und frierend ruhte sie sich aus. Sie wusste, dass sie dringend etwas zu Essen und Wärme brauchte. Längst war sie schwer erkältet und jederzeit konnte Fieber hinzukommen. Shendja war klar, dass dies ihren Tod bedeutete. Aber mittlerweile war sie so schwach, dass ihr der Gedanke zu Sterben kaum noch Furcht bereitete.
Plötzlich sah sie durch den Wasserschleier eine leichte Bewegung. Angestrengt starrte sie durch das Blattwerk und sah eine kleine, gebeugte Gestalt aus dem Wald treten. Shendja konnte das Gesicht nicht erkennen, aber irgendwie spürte sie, dass in dieser kleinen Gestalt eine mächtige Kraft ruhte. Ängstlich kauerte sie sich zusammen und versuchte mäuschenstill zu sein. Aber, wie das meistens so ist, genau in diesem Moment spürte sie ein Kitzeln in der Nase und ehe sie es unterdrücken konnte, nieste sie mit voller Lautstärke. Shendja erstarrte vor Angst. Die kleine Gestalt wendete sich augenblicklich in ihre Richtung und kam auf sie zu. Shendja hatte keine Kraft mehr fortzulaufen. Zitternd und voller Entsetzen erwartete sie die Ankunft des Fremden. Schließlich bückte sich das Wesen und starrte durch den Busch in ihr Gesicht. Shendja blickte in zwei lebhafte schwarze Augen, die in einem alten runzligen Gesicht saßen und sie jetzt aufmerksam betrachteten. Shendja schlug die Hände vors Gesicht.
„Geh weg“, wimmerte sie. „Bitte, geh weg!“
Da spürte sie eine Hand sanft über ihr Haar gleiten.
„Kleines Mädchen“, murmelte eine alte, aber weiche Stimme. “Ich glaube, du brauchst etwas Warmes zu essen und eine Menge Schlaf. Meinst du nicht auch?“
Shendja zitterte.
„Hab keine Angst, Kleines. Ich heiße Ara und will dir bestimmt nichts Böses. Wenn du es schaffst aufzustehen und zu laufen, gehen wir beide zu mir, und dort kannst du dich ausruhen. Nun, was meinst du?“
Shendja senkte langsam die Hände und blickte furchtsam in das alte Frauengesicht.
„Aber ich bin hässlich“, flüsterte sie. „Siehst du? Alle haben Angst davor und mögen mich nicht.“
Ara strich sanft über die entstellte Gesichtshälfte.
„Was ist schon ein hässliches Gesicht? Du magst äußerlich entstellt sein, aber innerlich bist du ein hübsches Mädchen - und nur das zählt. Komm Kleines - lass uns nach Hause gehen.“
Sie wendete sich ab und humpelte wieder auf den Wald zu. Shendja zögerte erst, aber dann rappelte sie sich hoch. Dies waren die ersten freundlichen Worte nach langer Zeit gewesen und sie spürte, dass die Alte ihr nichts Böses antun würde. Hastig eilte sie hinter Ara her.
Die alte Frau führte das Kind durch den Wald tief ins Unterholz. Ab und zu blieb sie stehen und wartete auf Shendja, um ihr ermutigende Worte zuzusprechen. Das kleine Mädchen biss tapfer die Zähne zusammen und war fest entschlossen durchzuhalten.
Nach einiger Zeit gelangten sie an eine kleine Holzhütte, die direkt neben einem Waldsee stand. Sie war alt und etwas baufällig, bot aber Schutz vor Wind und Wetter.
Innen zündete Ara sofort ein Feuer an, welches den Raum in ein warmes Licht tauchte.
Shendja war erschöpft zu Boden gesunken und sah zu, wie Ara ein kleines Lager aus Stroh und Decken herrichtete.
„So mein Kind, jetzt leg dich hierhin. Aber vorher zieh dich aus, sonst machst du noch alles schmutzig. An dir scheint der Dreck von halb Ruan zu hängen.“
Ara lächelte ihr freundlich zu. Shendja gehorchte und krabbelte dann unter die Decken, wo sie sich zusammenrollte.
Die alte Frau machte sich an einigen Töpfen und Tiegeln zu schaffen. Das Mädchen versuchte erst ihr zuzusehen, aber bald fielen ihm die Augen zu und es sank in einen leichten Schlummer.
Ara rührte in ihren Töpfen bis es brodelte und warf ab und zu nachdenkliche Blicke auf das kleine menschliche Bündel. Dieses arme Wesen schien Entsetzliches durchgemacht zu haben. Nach der Art der Verletzungen zu urteilen war sie von einem ausgesprochen bösartigen Wesen so entstellt worden - und es gab nur eine Art von Lebewesen in dieser Gegend, die mit dieser Handschrift arbeitete. Ein Wunder, dass die Kleine noch lebte. Ara beugte sich über das schlafende Kind und legte vorsichtig eine Hand auf dessen Stirn. Verwundert lauschte sie auf die Schwingungen, die ihr entgegenströmten. Kein Zweifel. In der Kleinen schlummerte eine große Kraft, von der sie noch nichts ahnte. Aber war es eine Kraft des Heilens - oder des Zerstörens? Nun, es gab nur eine Möglichkeit, um das herauszufinden. Zumindest hatte Ara nur eine Möglichkeit. Sie musste das Kind bei sich behalten.
Sinnend betrachtete sie noch einige Zeit die zwei Gesichter des Mädchens. Ihr rechtes Gesicht war sanft und entspannt und strahlte eine friedliche Ruhe aus. Es war tatsächlich sehr hübsch. Das linke Gesicht aber war selbst im Schlaf zur Fratze verzerrt und schien zu leben. Zuckungen liefen darüber hinweg und an einigen Stellen nässte es. Das Auge starrte lidlos ins Ungewisse. Irgendwie gelang es dem Kind trotz des Lichteinfalls zu schlafen.
Ara zog sich zurück und kümmerte sich wieder um ihre Töpfe. Später schüttelte sie Shendja wach und reichte ihr eine Schale mit heißer Suppe.
„Trink, Kind! Das wird dich stärken und deine Erkältung lindern.“
Shendja trank schläfrig die Suppe und spürte, wie sich plötzlich ihre Sinne wieder schärften. Neugierig sah sie sich um. Die Hütte bestand aus einem einzigen Raum, der voll gestopft war mit Regalen und Schränken, Töpfen und Tiegeln, Säckchen und Kräutern.
„Du bist eine Heilerin, nicht wahr?“ fragte sie schließlich. Ara nickte.
„Kannst du...“ Shendja zögerte. „Kannst du mich nicht wieder heil machen?“ Sie sah flehend in Aras Augen. Diese schüttelte traurig den Kopf und ergriff ihre Hände.
„Nein mein Kind. Dafür ist es jetzt zu spät. Wenn ich von Anfang an hätte Hand anlegen können - vielleicht. Aber leider sind meine Heilkräfte nicht die besten und ich glaube, selbst die weisen Frauen im Rat hätten mit einer solchen Verletzung Schwierigkeiten. Weißt du, wir Heilerinnen können Wunden heilen und Knochen flicken, Krankheiten vertreiben und den Geist stärken. Aber das können wir nur, indem wir die Selbstheilung unterstützen und vielleicht korrigieren. In deinem Fall ist die Heilung beendet. Ich müsste dich erneut schwer verletzen, aber es ist fraglich, ob du eine solche Behandlung überstehen würdest. Es wäre ein zu großes Risiko.“
Shendja senkte den Kopf.
„Niemand wird mich mehr sehen wollen, und alle haben Angst vor meinem Gesicht. Ich wünschte ich wäre tot.“
Endlich weinte sie. Schluchzend umklammerte sie die Hände der Heilerin und weinte all ihr Leid der letzten Wochen hinaus. Ara spürte ihre Verkrampfung und hielt ruhig die kleinen Hände in ihren runzligen Fingern. Nach einiger Zeit beruhigte Shendja sich wieder.
„So“, meinte Ara. „Genug der Weinerei. Was hältst du davon, wenn du mir deinen Namen verrätst? Meinen kennst du ja schon.“
„Ara“, erinnerte sich Shendja. „Ich ... ich heiße Shendja.“
„Shendja. Ein hübscher Name. Nun Shendja, möchtest du mir deine Geschichte erzählen oder magst du damit noch warten?“
„Ich ... ich möchte lieber nicht“, flüsterte Shendja. Ara nickte verständnisvoll.
„Gut. - Wie wäre es, wenn du dich und deine Kleider jetzt wäschst? Und dann kannst du mir helfen, diese Kräuter dort zuzubereiten.“
Shendja gehorchte eifrig. Die Erkältung nahm sie kaum mehr wahr. Diese alte Heilerin war vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, der sich vor ihrem Gesicht nicht fürchtete. Shendja war bereit alles zu tun, um bleiben zu dürfen.
Die Ausbildung
