Felsentochter - Antje Marschinke - E-Book

Felsentochter E-Book

Antje Marschinke

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Beschreibung

Die folgende Geschichte spielt in einem Zeitalter, in dem das Volk der Ardruan schon von der Erdoberfläche verschwunden ist und nur noch als kleine Gruppe tief im Gestein der Nordberge lebt. Noch weiter im Norden erstarkt eine dunkle Macht namens Chydor und bedroht die Welt der Menschen mit einem gewaltigen Dämonenheer. Dies ist der Zeitpunkt, an dem zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten eine Ardruan namens Ari wieder die Erdoberfläche betritt und eine wichtige Rolle im Kampf zwischen schwarzer und weißer Magie übernimmt. Ari lernt den Menschen Cyrill kennen, welcher seinem Fürsten die Warnung vor den Dämonen überbringen soll. Da er verletzt ist, begleitet sie ihn auf seiner gefahrvollen Wanderung durch die Nordberge. Aris Erscheinen weckt nicht nur in der Tierwelt Interesse, sondern lockt auch magische Wesen an, die kaum ein Mensch zu sehen bekommt, und sie erfährt, dass ihre Fähigkeiten in der Felsenmagie weitaus größer sind, als sie je vermutet hätte. Schon bald muss sie ihre Magie auf die Probe stellen.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Antje Marschinke

Felsentochter

Ruan: Aus dem Zeitalter des Chydors, 1. Buch

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ruan

Felsentochter

Der Geschichtenerzähler

Die Sucherin

Sonnenfinderin

Eine Helferin

Die Gedankenleserin

Ein Führer

Eine Reiterin

Bergier

Eine Freundin

Eine Verdächtige

Eine Retterin

Ein Intrigant

Feueratem

Drachenflug

Molgula

Die Beratung

Kràs

Der Schwertwächter

Eine Kämpferin

Schicksalswege

Vorschau 2. Buch: Zweigesicht

Historie von Ruan

Namen von Personen, Völkern und Städten

Mein Dank

Impressum

Ruan

Am Anfang erschufen die Götter das Wasser, die Felsen, die Erde, Pflanzen und Tiere

Dann vergaben sie Intelligenz.

Aus dem Wasser den Nyrphiden, zart und schwebend, voll Eleganz und Magie.

Aus dem Felsen den Ardruan, grau und stark, verwurzelt im Gestein.

Aus der Erde den Menschen, vielfältig, veränderlich, voller Neugier.

Und damit begann Geschichte. Die Geschichte von Ruan

Hört meine Worte, denn sie erzählen von Ruan.

Ruan, dem Land der vielen Zeitalter

Ruan, dem Land unzähliger Völker

Ruan, dem Land voller Geschichten

Ruan, bestehend aus gut und böse, aus schwarz und weiß, beständig im Wechsel, doch immer dasselbe

Hört meine Worte, denn sie erzählen von dem Zeitalter in dem das Böse erwachte, das Böse wuchs und das Böse geschlagen wurde; doch nicht für immer, so wie in jedem Zeitalter. Denn das Böse gehört zu dem Guten, bildet mit ihm das Gleichgewicht, doch ist ständig bemüht zu siegen.

Hört die Geschichte von dem Zeitalter in dem das Böse Chydor hieß.

Hört, dass er nicht geboren wurde wie ein sterbliches Lebewesen.

Er entstand durch Magie, gewirkt aus den unendlichen Tiefen Ruans durch Menschenhände.

Es waren ihrer sieben, ein jeder mächtig in seinem Volk und kundig der Magie.

Ihre Namen waren verloren, als Chydor entstand. Ihre Körper vergingen, als Chydor geboren wurde. Ihr Geist verschmolz, als Chydor zum Leben erwachte. Ihre Macht war vereint in Chydor.

Chydor, der Körperlose, geboren durch Magie, gefangen in Magie, unsterblich durch Magie.

Chydor, der Unersättliche, getrieben von seiner Gier nach Macht, getrieben von seiner Gier zu herrschen, getrieben von seiner Gier zu besitzen. Er verbreitete Furcht und Schrecken, bis man ihn vertrieb. Nach Norden floh er, über das Gebirge hinweg, wo niemand ihn fand, wo niemand ihn störte. Sein Name war bald vergessen, aber seine Gier war wie ein brennendes Feuer.

Felsentochter

Hart wie Stein im Felsgebein,

fröhlichen Herzens im Sonnenschein.

Zeit, Zeit verrinnt. So endlos langsam. Sie vergeht, und vergeht doch nie. Tage des Wartens, wie Sandkörner aneinander gereiht. Scheinbar unendlich vorbei geronnen. Tage so zäh und doch voll steigender Spannung.

Tag für Tag. Jahr um Jahr. Die Tage vergangen, aber der Hass gewachsen. Ein brodelndes Meer voller Zorn und Verachtung. Ungeduld. Ist die Zeit gekommen?

Wer soll sich entgegenstellen? Alle Späher berichten dasselbe. Die weißhäutigen Zauberer: Ein aussterbendes Volk; die Ardruan: Verschwunden; und die Menschen: Zerstritten, unwissend und voller Misstrauen gegenüber Magie.

Nein, niemand würde sich entgegenstellen. Dies ist die Zeit Chydors!

Magische Sinne richten sich nach Süden, aus der Kälte der Kaarst, der nördlichen Wüste. Sie tasten sich durch das Nordgebirge, langsam, aber zielstrebig. Sie bündeln, sammeln und rufen Diener des Schreckens, geboren aus Alptraum und Magie, Chydors Kinder: Dies ist die Zeit Chydors, eure Zeit.

Horcht und seht!

Der Geschichtenerzähler

Das Nordgebirge war kalt. Kalt und unberechenbar für seine Bewohner. Karst und grausam zu jedwedem Leben. Kaum etwas vermochte zu wachsen, denn das Gebirge bestand aus hartem Gestein: Hart, undurchdringlich, grau. Sein Fundament lag in den tiefsten Tiefen Ruans, seine Spitzen ragten unüberwindlich hoch in den Himmel, die Berggipfel ganzjährig mit Schnee bedeckt. Es erstreckte sich von der West- zur Ostküste, durchzogen von tiefen Schluchten, Gletschern und eisigen Gebirgsbächen. Aber auch durchzogen von Höhlen, Gängen und Räumen, die kein Mensch jemals zu Gesicht bekommen hatte: Dunkle Kammern, tief unten im Gestein, Heimat eines verlorenen und sterbenden Volkes: Die Heimat der Ardruan. Sie waren nur noch wenige, graue Gestalten, die ihre Heimat im Licht kleiner Flammen erblickten. Denn es gab keinen Weg nach oben. Er war ihnen versperrt. Nur noch wenige Kammern waren bewohnt und sie wussten, es würden immer weniger werden. Denn die Zeit der Ardruan war schon lange vorbei, und sie waren vergessen.

Der alte Weise saß in der ewigen Dämmerung an seinem Heimfeuer und erzählte Geschichten. Seine graue Haut war durchzogen von unzähligen Falten, die sein Gesicht wie einen verwitterten Stein erscheinen ließen. Kantig und starr wirkte es und kaum eine Regung war ihm zu entnehmen. Doch die grauen Augen funkelten und strahlten eine Weisheit aus, die von vielen Lebensjahren zeugten. Um ihn herum hockten acht Kinder und lauschten. Sie waren barfüßig und in wenige Kaninchenfelle gekleidet. Graue Haarsträhnen fielen über große graue Kinderaugen. Auch ihre Haut war grau, doch heller und nicht verwittert. Ihr Mienenspiel zeigte Neugier und Lebendigkeit. Aufmerksam horchten sie auf die Erzählung des alten Mannes, der mehr von einem Stein in sich trug als alle anderen seines Volkes. Er war der Lehrer und Geschichtenbewahrer seines Volkes, und alle noch lebenden Ardruan kannten seine sanfte, aber eindringliche Stimme.

„Nun, damals, als unser Volk noch groß und mächtig war, da tanzten sie auf der Oberfläche Ruans wie das Menschengeschlecht auch und badeten sich im Licht der strahlenden Sonne. Natürlich kannten sie auch die Dunkelheit, welche sich im regen Wechsel mit der Sonne befindet.“

„Was ist die Sonne?“ piepste ein dünnes Stimmchen. Das Mädchen, zu dem diese Stimme gehörte, war mit seinen fünf Jahren die Jüngste unter den kleinen Zuhörern. Zum ersten Mal durfte es dabei sitzen und Fragen stellen. Bisher hatte es die Stimme des weisen Lehrers nur wie ein stetes Hintergrundgemurmel vernommen, ab und zu etwas aufgeschnappt, was es nicht verstand. Doch nun war es alt genug, um den weisen Worten zu lauschen und zu lernen.

Der Weise nickte bedächtig. Sie sahen ihm an, wie er in tiefe Erinnerungen versank.

„Die Sonne,... ah, sie muss wundervoll sein. Groß. Warm. Hell. Ein Segen für alle Geschöpfe und alles Leben auf Ruan.“

„Können wir sie nicht auch mal sehen?“

Der Weise schüttelte traurig den Kopf.

„Nein, kleine Ari. Dieser Weg ist unserem Geschlecht für immer versperrt.“

„Aber warum...“

„Lass ihn doch weiter erzählen“, zischte ein älterer Junge und knuffte sie in die Seite. Ari verstummte sofort.

Der Weise hatte davon nichts mitbekommen, er war noch immer tief in seine Gedanken verstrickt. Schließlich fuhr er fort.

„Ja, wir waren stark und mächtig. Wir verstanden die Tiere und die Menschen, und wir waren berühmt für unsere Geschichten. Aber vor allem liebten und verstanden wir uns mit unserer großen Mutter, dem ewigen Gestein.“ Seine Hand strich liebevoll über den felsigen Boden. „Wir wussten ihre Kräfte zu nutzen und zu formen, und wir waren eins mit ihr.“

„Das sind wir aber immer noch“, warf ein Mädchen ein.

Der Weise lächelte milde.

„Nein, mein Kind. Jetzt ist es anders. Früher sagten wir dem Gestein, was es tun sollte, aber nun .... , nun bekommt es seinen Willen.“

„Und warum?“ Ari erhielt wieder einen Rippenstoß. Auch diesmal hatte der Alte sie überhört und fuhr fort.

„Wir waren so mächtig und glaubten so gütig zu sein. Wir merkten nicht, wie uns der Hochmut packte und unser Volk immer mehr nahm, als es gab. Auch die Felsen verschonten wir nicht in unserer Vermessenheit und versuchten ihnen unseren Willen aufzuzwingen. Unser Volk lebte in riesigen Höhlen, weit größere, als wir uns heute vorstellen können, die zu prächtigen Sälen geformt wurden. Durch große Korridore und Spiegel war alles in taghelles Sonnenlicht getaucht und die Ardruan lebten wie die Menschen im Tag- und Nachtwechsel.“

Ari sah sich nachdenklich um. „Ihre“ Höhle war riesig, das wusste sie, obwohl die spärlichen Feuer die Umgebung kaum erhellten. Die Höhlendecke war nie zu sehen und für niemanden zu erreichen. Nur die geraden Rauchsäulen der etwa zwanzig Heimfeuer, die sich stetig in dünnen, nahezu unbeweglichen Fäden nach oben zogen, verrieten, dass sich dort Ritzen und Spalten befanden. Sie ermöglichten auf unerklärliche Weise die Benutzung des Feuers, ohne dass die Höhlenbewohner am Rauch ersticken mussten. Kein Ardruan zweifelte daran, dass Mutter Gestein ihnen dadurch ein Weiterleben ermöglichte. Doch Ari konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass es noch größere und vor allem hellere Orte gegeben hatte. Zeitlebens war sie Dämmerlicht gewohnt und nur der direkte Blick ins Feuer gab ihr eine Ahnung von Helligkeit.

„Wir vergaßen, dass das Gestein unsere Mutter war und machten sie zu unserem Sklaven.“ Fuhr der alte Weise fort. „Wir verkauften unsere Fähigkeiten an die Menschen und schufen mächtige Burgen und Schlösser; Bauwerke, die Staunen unter allen Völkern Ruans hervorriefen, was uns nur noch stolzer und maßloser werden ließ. - Natürlich konnte das nicht gut gehen, und als wir es gar zu böse trieben, da nahm uns Mutter Gestein in ihren Schoß zurück. Sie verschlang unser gesamtes Volk bis auf den letzten Ardruan und verbot uns, wieder ans Tageslicht zu steigen. Aber in ihrer Güte brachte sie unser Volk nicht um, sondern gestattete ihm ein Weiterleben. Sie versorgt uns mit Getier, das sich in Höhlen verirrt, indem sie dieses zu den Suchern leitet, und sie lässt Quellen entspringen, an denen wir unseren Durst stillen können. Im Laufe der Zeit vergaßen wir viele unserer Fähigkeiten, denn sie nutzten uns nichts mehr. Wir vergaßen viele Geschichten und wir vergaßen, wie man mit den Geschöpfen Ruans redet.“

„Können wir richtig mit ihnen sprechen?“ fragte Ari aufgeregt.

„Blödsinn“, knurrte der ältere Junge. „Oder hat dir schon mal ein Löffler guten Tag gesagt, hä?“

„Nein, aber ich habe auch noch keinen lebenden gesehen“, antwortete Ari patzig. „Ich bin schließlich keine Sucherin.“

„Du wirst auch nie eine werden“ höhnte das andere Mädchen. „Du träumst sowieso nur rum.“

Ari streckte ihr die Zunge raus. „Das ist nicht wahr. Ich... “

Der Weise unterbrach den Streit. „Friede, Kinder .... Friede.“ Er wandte sich an Ari. „Nun, kleine Ari, wir konnten nicht mit ihnen sprechen, aber viele von uns verstanden ihre Gedanken und die Tiere konnten die unseren erkennen. Doch nun gibt es niemanden mehr unter uns, der dies vermag. Der Geist der Ardruan ist verstummt. - Wehe unserem Volk. Es wird vergehen, ohne sein Wissen weitergeben zu können. Denn wir sind ein sterbendes Volk, das Volk der Ardruan.“

Der Weise schwieg wieder und die Kinder erhoben sich leise, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Nur die kleine Ari blieb sitzen. Schüchtern legte sie ihre kleine Hand auf sein kantiges Knie.

„Welche Geschichten konnten wir denn erzählen?“ fragte sie neugierig. Der Weise schwieg lange, doch schließlich begann er wieder zu reden. Über das Gras, den Himmel und die Erde. Über die Tiere und ihre Gefahren, ihre Leiden und ihre Freuden. Von Menschen und ihrem Leben, ihren Kämpfen, ihrer Magie. Ari lauschte mit aufgerissenen Augen und völlig fasziniert. Unter den meisten Dingen konnte sie sich nichts vorstellen. Was zum Beispiel war Gras und was war ein Himmel? Wie sahen Löwen aus und wie Pferde? Was war eine A-Meise?

Aber immer, wenn sie nachfragte, bekam sie nur ein trauriges Kopfschütteln als Antwort. Der Weise war zwar sehr alt, aber selbst sein Urgroßvater und dessen Urgroßvater hatten die Sonne nicht mehr gesehen, und im Laufe der Zeit hatten sich nur noch die Worte erhalten. Nicht mehr die Bilder. Denn die Geistsprechenden waren längst vergangen.

Fasziniert lauschte das Mädchen den Erzählungen über ein Volk, welches ihr eigenes war und doch so fremd schien. Kaum vorstellbar war für sie, dass die damaligen Ardruan durch das Nordgebirge streiften und Handel mit den Menschen trieben. Fremd klangen Nahrungsmittel wie Brot, Käse, Wurst, Gemüse und Obst. Es gab hier in den Tiefen des Nordgebirges nur noch das, was die Auserwählten, die Sucher, bei ihren Streifzügen durch die nahe liegenden Gänge und unzähligen Korridore fanden, nämlich Tiere. Tiere, die Mutter Gestein ihnen schenkte, die in den Tiefen des Nordgebirges herumirrten, um den Ardruan als Nahrung zu dienen. Geschöpfe wie Löffler, Ratten, Mäuse, selten ein Vogel. Alles wurde verwertet bis auf das letzte Knöchelchen. Das wenige, was beim besten Willen nicht verzehrt werden konnte, diente der Herstellung von Werkzeug und Kleidung. Selbst der Mageninhalt der Tiere wurde für wertvoll erachtet und galt als Delikatesse. Doch, was war ein Apfel, eine Gurke, was Trauben? Der Alte beschrieb so viele Dinge, dass es in Aris Kopf schwirrte, und doch, ihre Neugierde wuchs, je länger sie zu hörte.

„Ich möchte auch Geschichten erzählen“, sagte Ari entschlossen. „Vielleicht kann ich einem Löffler doch guten Tag sagen. - Und ich will die Sonne sehen, sie muss so wunderschön sein. Glaubst du nicht, dass Mutter Gestein mich vielleicht doch nach oben lässt?“

Der Weise schüttelte über ihre kindliche Entschlossenheit lächelnd den Kopf. „Nein kleine Ari, das wird sie bestimmt nicht. Erstens bist du noch viel zu klein, um eine Sucherin zu werden und außerdem hat niemand jemals mehr die Erdoberfläche betreten. Aber vielleicht kannst du einem Löffler guten Tag sagen, wer weiß. Du musst es vielleicht nur fest wollen.“

Ari sah sehnsüchtig auf die Felsen, die sie umragten. Sie konnte es kaum erwarten groß zu werden. Vielleicht würden die Felsen sie doch durchlassen und sie damit zur Sucherin machen. Schließlich sah sie den Weisen ernst an.

„Du musst mir alle Geschichten beibringen. Sonst kann ich sie dem Löffler nicht sagen. Bitte, kannst du sie mir nicht alle erzählen?“

Der Weise lächelte wieder, ein klein wenig erfreut. Es kam nur noch selten vor, dass ein Kind mehrere Geschichten hören wollte. Aber alle? Nun, wahrscheinlich würde dieses Interesse nicht lange anhalten.

„Es wird aber sehr lange dauern, bis du alle kennst“, warnte er sie. Ari nickte.

„Gut, aber dann musst du jetzt anfangen.“

Der Weise gehorchte und begann mit seinen Geschichten. Bald schon merkte er, dass Aris Interesse nicht nur beiläufig war. Geduldig und hochkonzentriert saß das Kind vor ihm und stellte eine Frage nach der anderen. Wie ein Schwamm sog Ari jedes seiner Worte in sich hinein. Schon lange hatte ihm niemand mehr so intensiv zugehört und der alte Mann nutzte die letzte Gelegenheit, sein Wissen weiterzugeben. Das Volk der Ardruan zählte keine hundert Personen mehr und bestand überwiegend aus alten Männern und Frauen. Nur noch acht Kinder sprangen durch die Heimhöhle und die Abstände, in denen neue Kinder geboren wurden, waren immer länger geworden. Ari war das jüngste Kind und der Weise selbst spürte, dass ihm nur noch wenige Jahre vergönnt waren. Schon immer war es seine Aufgabe gewesen, sein ungeheures Wissen an sein Volk weiterzugeben, doch mittlerweile verloren alle Ardruan schnell das Interesse an Erzählungen, die sich ihrer Vorstellungskraft entzogen. Ihnen fehlten die Bilder, die ihre Fantasie hätten beflügeln können. Sie konzentrierten sich eher auf die alltäglichen Dinge der Nahrungszubereitung, der Werkzeug- und der Kleidungsherstellung.

Er erzählte lange Zeit - viele Jahre. Ari saß geduldig bei ihm und lauschte. Erst wunderten sich alle über die beiden, aber dann gewöhnten sie sich an das Auf und Ab der erzählenden Stimme und Aris Zwischenfragen. Ihre Altersgenossen gaben die anfänglichen Hänseleien bald auf und schenkten ihr kaum mehr Beachtung. Sie verbrachten ihre Zeit lieber mit unzähligen Varianten von Spielen: Bewegungsspiele, Stein- und Wortspiele. Je nach Neigung erlernten sie ein Handwerk oder erhielten verschiedene Pflichten, wie das Beseitigen von Abfall und Notdurft, Botengänge und weniger wichtige Aufgaben.

Eines der älteren Kinder wurde Lehrling des Feuerhüters und stieg damit steil in der Beachtung und Rangordnung innerhalb des klein gewordenen Volkes. Feuer musste brennen und wurde mit heiligem Eifer vom Feuerhüter bewahrt. Gespeist wurde es vom schwarzen Weichstein. Nur wenige Ardruan wussten, dass die Menschen dieses Material Kohle nannten. Das war nicht wichtig. Wichtig war nur, dass die Sucher auch ab und zu Holz fanden, welches ebenfalls unter der Obhut des Feuerhüters stand. Selten war Brennmaterial so knapp, dass die Feuer erloschen. Doch dann bedurfte es der Kunst des Feuerhüters und vor allem des Holzes, um die Flammen neu zu entfachen. Jeder Ardruan beherrschte die Kunst des Feuermachens, aber nur einem war die Aufgabe zuteil, das Volk mit Licht und Wärme zu versorgen. Er teilte jedem Heimfeuer das Brennmaterial zu und achtete auf genügend Nachschub. So war gewährt, dass nichts verschwendet wurde.

Zwanzig Feuer gab es und alle wurden von einer kleinen Gruppe Ardruan genutzt. Die Zusammensetzung der Gruppe wechselte, je nach Familienstand und Neigungen. Selten kam es zu Streitereien. Die Kinder wanderten von jeher nach Belieben von Feuer zu Feuer, und so störte sich auch niemand daran, dass Ari sich dauerhaft am Feuer des Weisen niederließ. Die Erwachsenen waren sich bald einig geworden, was das Mädchen betraf. Die Geschichten mussten erhalten bleiben, das war schon immer so gewesen. Der Weise war alt und bisher ohne Nachkommen geblieben. Warum sollte also nicht die kleine Ari seine Stelle einnehmen? Und so lebte das jüngste und letzte Kind der Ardruan am Feuer des Ältesten und wurde zur letzten Geschichtenbewahrerin ihres Volkes.

Die Sucherin

Als Ari vierzehn Jahre alt wurde, war die Zeit der Sucherprüfung gekommen. Die Felsen sollten entscheiden, ob Ari Sucherin werden sollte oder nicht. Selten wurde eines der Kinder für diese Rolle erwählt. Meistens war es ein besonders starkes oder intelligentes Kind. Beides traf auf Ari augenscheinlich nicht zu. Sie war sehr klein und zierlich, und was ihre Intelligenz betraf, - nun Geschichten konnte sie zweifellos behalten, aber mehr hatte sie bisher nicht bewiesen. Niemand rechnete damit, dass Ari wirklich erwählt wurde.

Am Tag der Prüfung versammelte sich das Volk der Ardruan am Sucherfelsen. Es waren nunmehr sechzig Personen, doch bis auf Ari selbst keine Kinder mehr. Die armseligen Überreste eines einst mächtigen Volkes.

Der Ältestenrat, bestehend aus 11 Männern und Frauen bildete einen Halbkreis um den Sucherfelsen. Dieser war ein riesiger silbergrauer Fels mit blank geschliffener Vorderseite, eingelassen in der Höhlenwand. Sein Durchmesser betrug etwa drei Meter in der Breite und fünf Meter in der Höhe; die obere Kante lag kaum sichtbar im flackernden Dämmerlicht.

Dieser Felsen war die Ein- und Austrittspforte für die Sucher. Von hier brachen sie zur Jagd auf und kehrten auch immer hierher zurück.

An ihm entschied sich auch, wer zum Sucher bestimmt war.

Rechts und links des Steines hatten sich die vier derzeitigen Sucher postiert: Zwei Männer und zwei Frauen. Hoch gewachsen waren sie und ihre langen, sehnigen Gliedmaßen zeugten von viel Bewegung und Kraft. Zwei von ihnen waren schon alt, wirkten aber noch rüstig und behänder als andere ihres Alters. Die jüngeren Sucher waren noch im besten Lebensalter, doch man sah ihnen bereits an, dass die Hauptlast der Verantwortung auf ihren Schultern lag. Kantig und dünn waren ihre Gesichtszüge und ihre Augen blickten ernst, aber auch ein bisschen hoffnungslos.

Die letzte Erwählung lag schon sehr lange zurück und dieses zarte Kind entsprach so gar nicht den bisherigen Suchern, dass auch sie sich nicht vorstellen konnten, eine neue Sucherin in ihre Reihen aufnehmen zu dürfen.

Ari trat nervös von einem Bein aufs andere, während sie vor dem Sucherstein stand. Diese Prüfung war seit Jahrhunderten eine der wichtigsten im Leben eines Ardruans. Sucher waren überlebenswichtig für das Volk. Nur sie vermochten durch das Gestein zu gehen, um außerhalb der Höhle nach Nahrung, Wasser und Holz zu suchen. Jeder Sucher war daher hoch geachtet und sich seiner Bedeutung mehr als bewusst.

Im Gegensatz zu allen anderen ihres Volkes war Ari insgeheim fest davon überzeugt, dass sie Sucherin werden durfte. Sie musste einfach! Was sollte sie sonst mit ihren Geschichten anfangen? Von ihrem Volk wollte kaum einer zuhören. Aber was tun, wenn sie sich täuschte und abgelehnt würde? Oh, dann wollte sie sterben, ganz bestimmt!

Der Erste des Ältestenrates trat hinter sie. Er war nicht nur Wortführer der Ältesten sondern auch Vermittler zwischen Mutter Gestein und dem Volk der Ardruan. Er und Ari richteten ihre Augen auf den Sucherstein. Der Erste hob die Hände und alle wurden schlagartig still.

„Mutter Gestein, höre mich an. Wir sind dein Volk und deiner Gnade beugen wir uns demütig. Hier steht eines unserer Kinder, welches das Alter erreicht hat, um Sucherin zu werden. Sie möchte dir helfen unser Volk zu ernähren und zu beschützen. Wir bitten dich ihr nun zu zeigen, ob sie deiner Gnade würdig ist.“

Er stieß Ari ungeduldig in den Rücken.

Ari zögerte erst. Doch dann holte sie tief Luft und schloss die Augen. Sie legte die Hände auf die Felsen und fühlte das glatte Gestein an den Handflächen.

Die Zuschauer zuckten die Schultern, als nichts geschah. Sie hatten nichts anderes erwartet.

Ari stand atemlos vor dem Felsen und spürte, wie eine Kraft in sie floss, die sie nie zuvor gespürt hatte. Der Erste stieß sie wieder an.

„Nun komm schon. Was du machst ist ungehörig.“

Aber Ari reagierte nicht. Sie fühlte, wie der Fels unter ihrer Hand kribbelte und sie sanft liebkoste. Ari stieß einen tiefen Seufzer aus und trat einen Schritt vorwärts. Ihre Hände glitten ins Gestein und streichelten es.

Der Erste schrie überrascht auf, worauf sich die Leute ihnen wieder zuwendeten. Ari hatte ihre Arme tief ins Gestein getaucht und schwelgte in ihrem neuen Gefühl.

„Eine Sucherin - sie ist eine Sucherin“, pflanzte sich der Ruf ungläubig fort. „Aber warum gerade sie?“