Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Kenjo verliert als kleiner Junge durch ein Intrigenspiel habgieriger Adeliger seine Eltern. In den Nordbergen wird er von einer Berglöwenfamilie adoptiert und groß gezogen. Nach einer harten Ausbildung wird er von dem Berglöwenvolk als Junglöwe und Jäger anerkannt, und somit ein vollwertiges Mitglied des Löwenvolks. Das Zusammentreffen mit einem Menschen veranlaßt den Jungen, sich auf die Suche nach seiner Herkunft zu machen. Er findet tatsächlich einen alten Diener seines Vaters, der ihm von seiner Familie und den traurigen Geschehnissen erzählt. Zusammen mit seinem Löwenbruder Nuur macht er sich auf die Jagd nach den Mördern seiner Eltern.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Antje Marschinke
Katzenjunge
Ruan: Aus dem Zeitalter des Chydors, 3. Buch
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Katzenjunge
Ein Mord
Flucht
Ein Wurfling mehr
Der Berglöwenrat
Junglöwe
Ruinen
Die Menschenwelt
Ein bekanntes Gesicht
Der Steppenläufer
Eine Wette
Ein Kampf
Burg Podon
Das Gericht
Neue Bündnisse
Der Gutshof
Ein Überfall
Ein Abschied und ein Anfang
Historie von Ruan
Namen von Personen, Völkern und Städten
Vorschau 4. Buch: Drachenkind
Impressum
Katzenjunge
Ein Mord
Vitrea, Fürstentum im Norden des Königreiches Candona. Ein Land der endlosen grünen Steppe, geprägt von sanft geschwungenen Hügeln, begrenzt von den hohen Nordbergen.
Seit Jahrhunderten betrieb das Volk von Vitrea Viehzucht, aber nur wenige besiedelten die weiten Steppen. Es war ein hartes Leben voller Entbehrungen und fern von Völlerei und Müßiggang. Das Volk von Vitrea war klein, aber es war stolz. Stolz auf seine Arbeit und stolz auf seine Geschichte. Doch auch Vitrea war nicht frei von dem Begehren nach Macht. Es waren nur wenige, aber sie herrschten über das Leben anderer - und sie missachteten die Ehre.
Orant war ein angesehener Gutsbesitzer im äußersten Norden von Vitrea. Er besaß ein ansehnliches Stück Land im Schatten der Berge, eine große gesunde Schafherde und einige viel versprechende Pferde. Harte Arbeit hatte ihn zu einem wohlhabenden Mann gemacht, und als er dann auch noch die junge und hübsche Alsine heiratete, waren sich die meisten darüber einig, dass er eigentlich alles erreicht hatte, was ein Mann seines Standes sich erhoffen konnte. Bereits ein Jahr später vermehrte sich die glückliche Familie um einen gesunden, kräftigen Jungen. Die Erbfolge war damit gesichert und der kleine Kenjo wurde von allen geliebt und verhätschelt. Das Glück schien vollkommen.
Orants Sohn wuchs rasch heran und entpuppte sich als ein flinkes und intelligentes Kerlchen. Normalerweise wäre aus ihm wohl ein hervorragender Tierzüchter geworden, der seinem Vater in nichts nachgestanden hätte. Aber das Schicksal wollte es anders.
Als Kenjo fünf Jahre alt war, fiel ein dunkler Schatten über den Gutsbesitz von Orant.
Es war an einem ganz normalen Tag, die Sonne berührte schon den Horizont, als ein größerer Trupp Berittener herankam und vor dem großen Gutshaus hielt.
Orant trat heraus, um die Reisenden zu begrüßen. Er erkannte sofort das Wappen des Hauses Pherusa, dem Fürstengeschlecht von Vitrea. Erstaunt verneigte er sich.
Es waren zwölf Männer, alle schwer bewaffnet und gekleidet wie Krieger. Der vorderste Reiter, ein schlanker junger Mann mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen, musterte ihn mit arroganten Blicken.
„Ich bin Andel aus dem Hause Pherusa und Erstgeborener des Fürsten Podon. Bist du Orant?”
Orant nickte zustimmend.
„Ja, der bin ich, Herr. Was kann ich für Euch tun?”
„Nun, zum einen könntest du uns deine Gastfreundschaft anbieten, aber ich bin sicher, das lag dir bereits auf der Zunge, nicht wahr?” spottete Andel.
Orant ließ sich durch den Spott nicht aus der Ruhe bringen.
„Gastfreundschaft braucht man nicht anzubieten, sie ist selbstverständlich”, sagte er nur. „Ihr könnt eure Pferde dort drüben im Stall unterbringen. Die Knechte werden sich um sie kümmern.”
Andel schwang sich vom Pferd und seine Begleiter folgten seinem Beispiel. Orants geübtes Auge ruhte bewundernd auf den Tieren. Sie waren zweifellos von edlem Geblüt. Aber der Gutsbesitzer verkniff sich eine lobende Bemerkung. Noch wusste er nicht, was Andel von ihm wollte, doch dass es nichts Erfreuliches war, davon musste er ausgehen. Selten kamen Hochgeborene wie Andel hinaus auf die Steppe. Und wenn, dann hatten sie ihre Gründe. Dass diese Gründe selten zum Wohl der Untergebenen beitrugen, war Orant schon oft genug zu Ohren gekommen, und der Tonfall des Fürstensohns, sowie die schwere Bewaffnung seines Gefolges schienen Orants Befürchtungen nur zu bestätigen.
Trotzdem bat er seine Gäste zu sich ins Haus. Es blieb ihm nichts anderes übrig.
Andel brauchte nicht lange, um auf den Grund seines Besuches zu kommen. Nur kurz sah er sich in der Wohnstube mit einem abschätzigen Lächeln um. Dann erklärte er kurz und bündig: „Die Zeiten sind unsicher geworden, und es kostet den Fürsten von Vitrea viel Geld, die Straßen, Dörfer und Gutshöfe zu schützen. Deshalb ist es nur recht und billig, wenn die Steuern erhöht werden. Damit es zu einer gerechten Verteilung kommt, überprüfe ich persönlich das Steuervermögen der getreuen Untertanen.”
Er nahm einen großzügigen Schluck aus der Weinschale, die Orant vor ihm hingestellt hatte und sah sich noch einmal um.
„Du bist ein vermögender Mann, Orant”, stellte er fest. „Ich habe mir bereits deine Herden angesehen und muss sagen, dass du bisher billig davongekommen bist.”
Orant biss die Zähne zusammen. „Ich habe mir bis jetzt nichts zu schulden kommen lassen und regelmäßig den verlangten Tribut entrichtet”, sagte er steif. Er ahnte bereits, dass Andel ihm viel Ärger bereiten würde, und er fragte sich, wie er am besten mit dieser Situation fertig werden konnte.
„Das ist wahr”, bestätigte Andel und grinste wieder spöttisch. „Aber wie gesagt, die Steuern haben sich erhöht. Und ich bin sicher, dass du genauso gehorsam wie sonst auch weitere 20 Pferde und 100 Schafe entrichten wirst.”
Orant wurde totenblass. 20 Pferde - und 100 Schafe zusätzlich! Das war doppelt soviel wie sonst und konnte seinen Ruin bedeuten.
„Das ... das ist zuviel”, brach es aus ihm heraus. „Dieses Jahr haben die Tiere kaum geworfen, und...”
„Willst du dich etwa verweigern?” fragte Andel sanft. „Du solltest doch wissen, dass mein Vater darauf sehr ärgerlich reagieren wird.”
„Aber es ist zuviel”, beharrte Orant. „Wenn ich so viele Tiere hergebe, habe ich nächstes Jahr nicht mehr genug zur Zucht. – Ich ... ich kann 10 Pferde und 50 Schafe dazugeben, aber das ist das äußerste.”
„Das Haus Pherusa handelt nicht”, erklärte Andel. „Entweder du zahlst, oder du stellst dich gegen den Fürsten.”
Er warf einen bedeutsamen Blick auf seine Krieger, die Orant frech angrinsten.
Orant war klar, dass er zahlen musste. Eine Verweigerung würde seinen Tod bedeuten. Wäre er allein, so hätte er sich vielleicht getraut gegen diese Ungerechtigkeit anzugehen, aber er hatte eine Familie.
In diesem Moment betrat Alsine den Raum, in den Armen einen großen Korb Brot und hinter sich den kleinen Kenjo. Sie war wie ein Sonnenstrahl in dem dämmrigen Raum, jung und schön und mit einem strahlenden Lächeln.
Andel war sofort von ihr angetan und starrte sie hemmungslos an. Alsine lächelte ihm arglos zu, doch Orant witterte gleich Gefahr und sagte schnell: „Das ist meine Frau Alsine und Mutter meines Erstgeborenen Kenjo.”
Andel warf einen geringschätzigen Blick auf den dunkelhaarigen Knaben, der neugierig hinter Alsines Kleid hervorlugte.
„Soso, deine Familie also. Ich muss sagen, du hast einen guten Geschmack, was Frauen angeht”, meinte er dann und ergriff mit einer schnellen Bewegung Alsines Hand. Die junge Frau hatte inzwischen an der gespannten Haltung ihres Mannes erkannt, dass etwas nicht stimmte und versuchte erschrocken, sich zu lösen. Aber Andel zog sie mit einem Ruck auf seinen Schoß.
„Schöne Alsine”, lächelte er. „Du bist wahrlich eine Freude fürs Auge in dieser trostlosen Gegend. Was kann ein Schaf- und Pferdehirte dir bieten, dass du freiwillig hier ausharrst? Ich bin mir sicher, du wärst eine Zierde am Hofe des Hauses Pherusa.”
Orant stand langsam auf. Sein Gesicht war immer noch blass, aber in seinen Augen stand berechtigter Zorn.
„Andel aus dem Haus Pherusa”, sagte er leise. „Ihr habt sicherlich ein berechtigtes Anliegen hier aufzutauchen und meine Gastfreundschaft zu nutzen. Aber ihr vergeltet eine solche Gastfreundschaft mit Beleidigungen. Hat das Haus Pherusa keine Höflichkeit und Achtung mehr? Lasst mein Weib in Ruhe seine Arbeit tun.”
Andel lachte nur.
„Willst du mir etwa befehlen - Bauer? Und mein Haus beleidigen? Damit beleidigst du deinen Fürsten, hast du das vergessen?”
„Nein”, sagte Orant fest. „Das habe ich nicht getan. Und ich habe Euch nicht beleidigt, sondern nur eine Frage gestellt. Ich bitte Euch lediglich, den Frieden dieses Hauses zu achten.”
„Ahaa”, meinte Andel gedehnt. „Jetzt bittet er ja doch. Nun - Orant - sieh her. Ich gebe deine Frau frei und dann werden wir weiter verhandeln.”
Alsine entfernte sich hastig, als er sie losließ und warf Orant einen ängstlichen Blick zu.
„Nimm Kenjo und geh”, befahl Orant mit einem ungewohnt ernsten Blick. Alsine lief es kalt den Rücken hinunter. In seinen Augen stand Trauer und Liebe, aber auch ein tiefer Zorn geschrieben. Sie ergriff die Hand des kleinen Kenjo und zog ihn schnell nach draußen. Kenjo warf einen letzten Blick auf Orant, der aufrecht vor den bewaffneten Soldaten stand. Er sollte seinen Vater niemals wieder sehen.
Alsine führte den Jungen in die Küche und schärfte ihm ein, hier auf sie zu warten. Dann huschte sie leise zurück und lauschte atemlos an der Tür. Die Stimmen drangen nur gedämpft durch das dicke Holz, aber sie waren laut genug, so dass sie jedes Wort verstehen konnte.
„Nun Orant”, erklang Andels arrogante Stimme. „Da dir die Steuern zu hoch sind, mache ich dir einen anderen Vorschlag. Ich erlasse dir die Hälfte der zusätzlichen Abgaben für dieses Jahr - und dafür begleitet mich die reizende Alsine an den Hof des Fürsten. Ich bin mir sicher, sie wird den Aufenthalt dort genießen. Das Balg kannst du natürlich behalten.”
Seine Männer fielen in sein Gelächter mit ein.
„Ihr treibt schlechte Scherze.” Orants Stimme war leise und voll unterdrücktem Zorn.
„Nein Orant - das war kein Scherz. Aber vielleicht sollte ich vorher testen, ob dein Weib auch zu was taugt.”
Alsine schloss entsetzt die Augen. Als sie sie wieder öffnete, stand vor ihr Timor, der alte und treue Knecht und sah sie fragend an. Hastig legte sie die Finger auf die Lippen. Der Alte begriff und schwieg. Gemeinsam lauschten sie auf das Geschehen.
„Meine Frau ist kein Gegenstand mit dem gehandelt werden kann”, sagte Orant. „Und ich bezweifle, dass sie sich bei Euch wohl fühlen wird. Das wisst auch Ihr.”
„Orant, Orant”, tadelte Andel. „Erst verweigerst du die Steuern, dann beleidigst du mein Haus und jetzt auch noch mich persönlich. Glaubst du wirklich, dass ich das durchgehen lasse?”
„Ich war bisher ein treuer und redlicher Untertan.” Orant bemühte sich noch immer um eine ruhige und leise Stimme. Aber die blitzenden Augen von Andel verrieten ihm bereits, dass sein Schicksal besiegelt war. Doch Orant war ein Mann der Ehre und er würde sich keine Blöße geben. „Ich habe geglaubt, dass einem solchen Untertanen auch entsprechende Achtung entgegengebracht wird. Aber Ihr Andel, Ihr nutzt meine Gastfreundschaft aus, beleidigt mich und meine Frau und provoziert mich. Warum tut Ihr das? Wegen ein paar Schafe und Pferde? Ist das alles? Dann nehmt sie, bei allen Göttern. Nehmt sie und verschwindet. - Und setzt nie wieder einen Fuß auf diesen Hof.”
Andel lachte hellauf. „Du bist mutig, Orant. Mutig, aber dumm. Glaubst du wirklich, ich lasse mich von einem Bauern fortschicken? Nein, ich werde dir sagen, was ich tun werde. Ich nehme deine Pferde und deine Schafe. Und deine Frau wird mir ihre Freundlichkeiten zeigen. Das ist mein letztes Wort.”
„Aber nicht meines.” Orants Stimme war fest.
Alsine schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. Der alte Timor war ebenfalls blass geworden.
„Mögen die Götter seiner Seele gnädig sein”, murmelte er. Dann fasste er die junge Frau am Arm und zog sie schnell zur Küche.
„Herrin, Ihr müsst fliehen”, drängte er leise. „Sonst werdet Ihr und Euer Sohn den nächsten Tag nicht mehr erleben.”
Aus der Stube drang ein qualvoller Schrei zu ihnen und lautes Gelächter. Alsine schluchzte auf.
„Orant”, weinte sie. Timor zog sie durch die Küche und griff sich dabei auch den kleinen Kenjo.
„Mama, was ist denn los, Mama”, quäkte der Junge.
„Still, mein Junge”, mahnte Timor. Die drei hasteten über den Hof zum Stall. In Windeseile sattelte Timor ein Pferd und hob die junge Frau in den Sattel. Dann reichte er ihr den Kleinen.
„Reitet junge Herrin, reitet nach Norden und versteckt euch.”
Er versetzte dem Pferd einen Schlag, so dass es aufwieherte und los gallopierte.
Wenige Sekunden später erschien Andel mit seinen Männern auf dem Hof. Als er die fliehende Alsine sah, stieß er einen zornigen Ruf aus und eilte zum Stall.
Timor war nicht so dumm, in sein Sichtfeld zu geraten. Er duckte sich ins Heu und hielt den Atem an. So bekam er mit, wie Andel seinen Männern zurief: „Die Frau will ich lebend, aber dieses Balg muss sterben. Herzog Nardus kann keinen Erbfolger gebrauchen. - Na los.”
Die Männer galoppierten in die Dunkelheit hinaus.
Timor schlich sich ins Haus zurück und blickte erschüttert auf die blutüberströmte Leiche seines Herrn. Dies war kein fairer Kampf gewesen. Es war schlichter und feiger Mord.
Inzwischen waren auch die anderen Hofbewohner hinzugekommen. Timor erklärte ihnen schnell die Situation.
„Wir müssen fort von hier. Sie werden zurückkehren, und wer weiß, was sie dann uns antun. Packt eure Sachen. Aber schnell und nur das Nötigste. Am besten trennen wir uns, so dass sie uns schlecht verfolgen können.”
Während die anderen hastig ihre Habseligkeiten zusammenrafften, kümmerte Timor sich um den Toten.
Im Stillen beschwor er die Götter, sie mögen soviel Ungerechtigkeit nicht ungesühnt lassen und Alsine eine glückliche Flucht gewähren.
Flucht
Alsine jagte durch die dunkle Nacht nach Norden und hielt das Kind fest an sich gedrückt. In ihr war eine große Leere. Sie hatte Orant wahrhaftig geliebt. Er war ein meist ernster und zielstrebiger Mann gewesen, aber voller Sanftmut und Liebe für seine Familie. Wie sollte sie nun ohne ihn weiterleben? Und was sollte aus Kenjo werden? Wohin sollten sie sich wenden, falls ihre Flucht glückte? Sie würden immer Gejagte sein. Gejagt von den Mördern ihres Mannes.
Schon bald erreichten sie die Ausläufer des Nordgebirges und Alsine lenkte das Pferd den Berg hinauf. Der Weg wurde immer unwegsamer und der Mond spendete nur wenig Licht. Es war nur eine Frage der Zeit bis das Pferd fehltreten und straucheln würde, und als es dies tat, landeten Alsine und der kleine Kenjo unsanft auf dem Boden. Als sie sich aufgerappelt hatten, stellte die Frau verzweifelt fest, dass das Tier lahmte. Es würde mit Sicherheit nicht mehr in der Lage sein, durch das Geröll zu laufen. Sie mussten es zurücklassen. Ohne weiter zu zögern hob Alsine ihren Sohn auf den Arm und eilte weiter. Sie musste ein Versteck finden.
Langsam zog der Morgen auf und es wurde heller. Alsine sah sich voller Unbehagen um. Noch nie war sie soweit in den Bergen gewesen. Um sie herum türmten sich Felsen und Geröll, grau in grau. Unpassierbare Spalten und steile Hänge zwangen sie immer wieder auszuweichen und verlangsamten ihre Flucht.
Ein lauter Ruf ließ sie herumfahren. Weit entfernt, aber in Sichtweite erblickte sie vier Männer, die zielstrebig auf sie zukletterten. Und sie waren bei weitem schneller als sie.
Mit einem Aufschluchzen hastete sie wieder vorwärts. Kenjo umklammerte still ihren Hals. Er war müde, aber er begriff, dass etwas Entsetzliches vor sich ging, und so verhielt er sich ruhig.
Vollkommen entkräftet floh Alsine durch das Geröll, die Verfolger hart auf den Fersen. Das Zusammentreffen war plötzlich und zumindest für Alsine völlig überraschend. Als sie um einen großen Felsblock bog, stand vor ihr ein riesiges Tier. Grau in grau gefleckt, mit großen Pranken und einer wilden Mähne. Der Berglöwe fixierte die junge Frau aus seinen gelben Augen und gähnte ihr mit beeindruckenden Reißzähnen entgegen.
Alsine sank auf die Knie und drückte Kenjo verzweifelt an sich. Sie hatte von Berglöwen gehört, aber es gab nur sehr wenige Menschen, die ein solches Tier zu Gesicht bekommen hatten. Normalerweise jagten diese Furcht einflößenden Katzen weit oben im Norden des Gebirges.
Die Stimmen der Verfolger kamen näher. Alsine weinte. Vor sich den Tod und hinter sich denselben. Wenn sie wenigstens ihren Sohn retten könnte.
Sie sah der Katze in die Augen. Diese hatte sich immer noch nicht gerührt und schien auf die näher kommenden Stimmen zu lauschen.
Alsine erinnerte sich vage, dass die Berglöwen angeblich eine Seele besaßen. Aber die Geschichten über sie ließen sich nur sehr ungenau darüber aus. In der jungen Frau reifte ein verzweifelter Entschluss und ohne noch lange zu überlegen setzte sie ihn in die Tat um - sie hatte keine Zeit mehr.
Vorsichtig schob sie Kenjo zu dem Löwen hin und sah ihn flehend an.
„Ich bitte dich, Herr der Berge. Verschone mein Kind. Es ist noch klein und ohne Schuld. Ich habe nicht mehr die Kraft es zu schützen. - Ich habe nicht einmal mehr die Kraft zu leben.”
Sie drückte Kenjo einen Kuss auf die Wange.
„Bleibe hier”, befahl sie. „Bleibe bei dem Berglöwen und verstecke dich vor den Männern!”
Dann erhob sie sich und ging langsam und ohne zurückzublicken in die andere Richtung.
Der Berglöwe sah ihr reglos hinterher.
Kenjo hockte verstört auf dem Boden und ließ seinen Blick zwischen dem Löwen und seiner Mutter hin- und herpendeln, bis diese verschwunden war.
Alsine gab sich nun keine Mühe mehr, sich zu verstecken, und bald waren die Verfolger näher gekommen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Flüchtende einholen würden.
Doch Alsine war nicht bereit, sich fangen zu lassen. Sie hatte alles verloren, was sie geliebt hatte. Wovor sollte sie sich also fürchten?
Die Männer standen bald vor einer Schlucht und sahen schweigend in die Tiefe. Dort leuchtete ein Kleid zwischen den Steinen, die Grabstätte von Alsines zerschmettertem Körper.
„Schade”, meinte Andel nur. „Aber wahrscheinlich ist es besser so. Solche Weiber machen einem doch nur Ärger.”
„Was ist mit dem Knaben”, fragte einer der Soldaten. Der Fürstensohn zuckte die Schultern. „Wenn er nicht dort unten ist, so wird er diese Berge wohl kaum überleben. Es gibt genug Geschöpfe hier, die in einem kleinen Jungen eine willkommene Mahlzeit sehen werden.”
Sie machten sich nicht die Mühe hinunterzuklettern. Die Aasfresser würden den Rest besorgen.
Ein Wurfling mehr
Moon war nicht überrascht, als Alsine auf ihn traf. Er hatte sie schon lange vorher gehört und gerochen. Sie verströmte Hast und Angst. Aber auch Sorge. Sorge um den anderen Geruch - den jungen. Und auch die wütenden anderen Menschen lagen in der Luft. Sie stanken nach Blut und Tod. Nach Metall und Gewalt.
Als die Frau vor ihm niedersank, veränderte sich ihr Gestank. Erst war es Todesangst - und dann völlige Ruhe. Moon war erstaunt. Bisher waren die wenigen Menschen, die ihn gesehen hatten, panisch geflüchtet. Aber dann begriff er. Diese Menschin floh bereits. Sie hatte nichts mehr zu verlieren - nur noch ihr Kind.
Moon verstand nicht, was sie zu ihm sagte. Er beherrschte die Menschensprache nicht. Aber ihre Gesten und ihr Geruch verrieten ihm, dass sie ihn um etwas bat. Als sie das Menschenkind zu ihm hinschob und dann fort ging, begriff er auch, was sie wollte. Er warf einen nachdenklichen Blick auf den Knaben. Dieser erwiderte den Blick ohne Furcht. Warum sollte er auch Angst haben? Seine Mutter hatte schließlich mit diesem großen Tier geredet. Also musste es freundlich sein. Moon stieß ein missmutiges Brummen aus. Dann machte er einen großen Satz über den Jungen und folgte der Frau.
Er war ein unsichtbarer Schatten und scharfer Beobachter. Er sah ihre Flucht und ihre Verfolger. Er sah wie sie vor der Schlucht stehen blieb und einen Blick in seine Richtung warf, als wüsste sie, dass er dort stand. Und er sah ihre Verzweiflung und ihre Ruhe - und ihren endgültigen Entschluss.
Als die Männer abzogen, kehrte Moon zu dem Knaben zurück.
Kenjo hockte noch da, wo er ihn verlassen hatte und blickte dem Löwen aus großen dunklen Augen entgegen.
„Wo ist Mama?” fragte er. Der Löwe brummte unwillig, als er die menschlichen Laute hörte. Was sollte er nur mit diesem Menschenkind machen? Es widerstrebte ihm, einem Jungtier ein Leid anzutun, doch würde der Tod nicht das Gnädigste sein? Ihn mitnehmen? Miam würde ihm etwas anderes erzählen. Sie hatte selbst die Höhle voller Wurflinge.
Unentschlossen umkreiste er den Knaben. Schließlich wendete er sich einfach ab und kletterte langsam über das Geröll.
Kenjo sah ihm ratlos hinterher. Wohin ging das Tier jetzt? Als es aus seinem Sichtfeld verschwand, packte ihn doch die Angst. Er war wieder allein - und seine Mutter war fort. Aber sie hatte gesagt, dass er bei dem Tier bleiben sollte. Also musste er das auch tun.
Der Knabe rappelte sich hoch und folgte dem Löwen so schnell er konnte. Nur ab und zu erhaschte er einen Blick auf eine graue Bewegung, doch er war fest entschlossen, seiner Mutter zu gehorchen.
Moon registrierte seinen kleinen Verfolger halb widerwillig, halb bewundernd. Es gehörte eine ganze Portion Mut dazu, ihm durch unbekanntes Gelände zu folgen - ohne zu wissen wohin und mit wem. Er verringerte seine Geschwindigkeit jedoch nicht, so dass der kleine Kenjo alle Kräfte aufbieten musste, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.
Für den Löwen war das Tempo allerdings anstrengend langsam und er musste sich zwischendurch schwer zügeln, um nicht einfach davon zu springen.
Erst gegen Mittag gestattete er eine Rast. Als Kenjo sich keuchend einen kleinen Felsen hochzog, fand er den Berglöwen wartend auf einem kleinen Plateau. Erschöpft krabbelte er auf das pelzige Raubtier zu und kuschelte sich an das warme Fell. Er fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
