Dann mach doch die Bluse zu! - Birgit Kelle - E-Book

Dann mach doch die Bluse zu! E-Book

Birgit Kelle

4,5

Beschreibung

In Deutschland wird heftig diskutiert: über Frauenquote, Krippenplätze, Sexismus, über die Gleichstellung von Mann und Frau. Der eigentliche Skandal ist aber, dass diejenigen, die zu Hause bleiben und unsere Kinder erziehen, die Dummen sind. Warum eigentlich? Es ist doch das gute Recht jeder Frau, ihr Leben so zu leben, wie sie es glücklich macht. War der Feminismus nicht einst genau dafür eingetreten? Auf dem Weg der gleichen Rechte ist etwas verlorengegangen. Nämlich die Freude, einfach Frau zu sein. Dieses Buch ist eine Ermutigung für alle Frauen, die es gerne sind, es zeigen und das auch nicht ständig rechtfertigen müssen. Für Mütter, die gerne Mütter sind und die berufliche Laufbahn hinten anstellen. Sie alle haben in Deutschland keine echte Lobby. Es ist höchste Zeit, gegen den Gleichheitswahn aufzustehen. "Es gibt hunderttausende Frauen wie mich in diesem Land. Frauen, die gerne Frauen sind, es gerne zeigen und das auch nicht ständig diskutieren müssen. Und Mütter, die gerne Mütter sind. Sie alle haben in Deutschland keine Lobby. Für sie ist dieses Buch. Als Bestätigung: Lasst euch nicht von eurem Weg abbringen, es ist gut und richtig, was ihr tut. Ihr dürft das! Und hört endlich auf, euch ständig zu rechtfertigen." Birgit Kelle

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 279

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,5 (70 Bewertungen)
45
14
11
0
0



Inhalt

Vorwort

1. Dann mach doch die Bluse zu!

2. „Sie sprechen mir aus der Seele!“

3. Diktatur des Feminismus

4. Ich bin kein Brutkasten

5. Der Genderwahn

6. Quoten-Zwangsbeglückung

7. Von Eltern und anderen Erziehungs-Dilettanten

8. Auf die Barrikaden!

9. Echte Männer braucht das Land

Epilog

Stichwortverzeichnis

Quellenverzeichnis

Vita

Dieses Buch ist nicht in gendersensibler Sprache geschrieben. Ich vertraue in der Sache auf Ihren gesunden Menschenverstand.

Vorwort

Während Roman Herzog einst den „Ruck“ forderte, der durch unser Land gehen möge, haben wir stattdessen den „Aufschrei“ bekommen. Mein Gott, was war das für eine Aufregung zu Beginn des Jahres. Sexismus in Deutschland! Wer hätte das geahnt? Anscheinend ein unerkanntes, gedeckeltes, dafür aber flächendeckendes Problem, unter dem eine ganze Frauengeneration leidet.

Plötzlich fanden sich überall Opfer unter den Frauen und schnell bildeten sich die Fronten: Auf der einen Seite die tatsächlich betroffenen Frauen und diejenigen, die sich vermeintlich als Opfer fühlten. Flankiert von verständnisvollen Männern, die sich kollektiv für ihr Mannsein in den Staub warfen. Mea culpa! Wussten wir nicht schon immer, dass doch alle Männer irgendwie Schweine sind? Gut, wenn wenigstens manche von ihnen das einsehen!

Auf der anderen Seite die Frauen, die die Aufregung nicht verstanden, so wie ich selbst auch nicht. Frauen, die sich nicht betroffen fühlten und das Thema aufgebauscht fanden. Flankiert von einer wachsenden Männerschar, die sich zu Unrecht in eine Art Sippenhaft genommen sah, allein ob ihrer männlichen Daseinsform. Und fleißig wurde der Geschlechtergraben noch ein paar Meter tiefer geschaufelt. Nur dass Männer und Frauen nicht zwangsläufig auf gegenüberliegenden Seiten stehen.

Nein, es ist auch nach 100 Jahren Feminismus noch vieles nicht in Ordnung zwischen Mann und Frau. Es hat sogar den Anschein: Manches wird schlimmer. Als bestehe eine Kluft zwischen der Erwartungshaltung an das jeweils andere Geschlecht und der Realität. Während der Sexismus-Debatte war der Graben besonders tief, obwohl diese doch nur an der Oberfläche des eigentlichen Problems kratzte. Oder war es nur einer der seltenen ehrlichen Momente?

Wir nähern uns nicht an in der Geschlechterfrage, wir sitzen immer noch ratlos zwischen den Stühlen. Männer sind anders, Frauen auch. Selbst mehrere Jahrzehnte Gender-Mainstreaming können an dieser Binsenweisheit nichts ändern und haben, im Gegenteil, das Problem sogar verstärkt. Ein Konzept, oder sagen wir besser, eine Ideologie, die angetreten ist, uns alle gleicher zu machen, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen aufzuheben, hat Verwirrung hinterlassen, aber keine Erfolge. Wir schreiten nicht gemeinsam harmonisch in den Sonnenuntergang, sondern reden und denken nach wie vor aneinander vorbei. Denn Männer und Frauen sind immer noch unterschiedlich und sie werden es immer bleiben. Im Gegensatz zu früher müssen wir aber heute politisch korrekt so tun, als ob es anders sei. Als gäbe es keine Unterschiede. Das macht die Dinge kompliziert. Wirft neue Probleme auf. Alte Rollenmuster wurden zwar verworfen, aber die neuen noch nicht gefunden. Wir sind angetreten, die Rollenklischees zu durchbrechen, und müssen feststellen, dass sie viel häufiger Realität sind, als dass man noch von Klischees sprechen könnte. Und nicht selten lebt es sich auch noch glücklich in denselben.

Was also tun? Wie soll die moderne Frau von heute sein und wie ihr männliches Pendant? Bei beiden Definitionen halten übrigens ausschließlich Frauen die Deutungshoheit. Wo kämen wir schließlich hin, wenn Mann immer noch selbst entscheidet, wie er zu sein hat, wo er doch bewiesen hat, dass er mit dieser Methode jahrtausendelang Frauen unterdrückt hat? Verloren gegangen ist bei alldem die Freude daran, einfach Frau zu sein. Oder auch einfach Mann.

Und so wird gerungen um den Fortschritt, vor allem an der Frauenfront. Die Kriegsrhetorik ist bewusst gewählt, denn zu spaßen ist nicht mit dieser Sache. Wenn es um die Emanzipation der Frau geht, ist Schluss mit lustig. Tonangebend ist dabei die „Es ist noch immer nicht genug“-Fraktion unter den Damen. Wenn von den Entwicklungen in Sachen „Gleichstellung der Frau“ geredet und berichtet wird, sprechen wir gerne über Defizite. Erfolgsmeldungen würden sich mit dem lieb gewonnenen Opferstatus der Frau auch wirklich ganz schlecht vertragen. Stattdessen also immer noch nicht genug Frauen, die berufstätig sind. Immer noch zu wenige Frauen in Vollzeitarbeit. Immer noch zu wenige Frauen in klassischen Männerberufen. Immer noch zu wenige Frauen in Führungspositionen. Immer noch zu wenig Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Immer noch zu wenig Lohn. Immer noch zu wenig Teilhabe an der Gesellschaft durch immer noch zu wenige Krippenplätze.

Teilzeitfalle, Gender-Pay-Gap, Frauenquote. Heimchen am Herd, Rabenmütter versus Glucken, Sexismus, so weit das Auge reicht. Nein, wahrlich, ich kann es Kanzler a.D. Gerhard Schröder nicht verdenken, dass er einst in Bezug auf das Frauenressort vom „Ministerium für Frauen und Gedöns“ sprach – und damit einen handfesten „Aufschrei“ provozierte, obwohl es damals diesen Fachbegriff für spezifisch weibliche Empörung noch gar nicht gab. Frauenthemen haben ein wirklich schlechtes Image: langwierig, zäh, spaßfrei. Das Gesicht zur Faust geballt, kommen die Kriegerinnen an der Feminismus-Front daher und strafen jeden ab, der nicht mitzieht bei der Befreiung der Frau oder jedenfalls bei dem, was sie dafür halten. Im Zweifel gilt das auch für Geschlechtsgenossinnen, wenn sie einfach unbelehrbar sind.

Warum dieses Buch? Ich bin es leid, mich zu entschuldigen. Denn sich zumindest ein bisschen schlecht zu fühlen, ist Mindestmaß für eine Hausfrau und Mutter in Deutschland. Sich schlecht zu fühlen, weil man kein Problem mit Männern im Allgemeinen und dem Ehemann im Speziellen hat, der die Familie ernährt. Sich schlecht zu fühlen, weil man „nur“ Hausfrau und Mutter ist, statt sich in die höheren Weihen einer Karriere zu begeben, und das, obwohl man doch bestens dafür ausgebildet wäre. Sich schlecht zu fühlen, weil man darauf beharrt, die Kinder selbst großzuziehen, anstatt sie in einer staatlichen Betreuungsstelle abzugeben. Sich schlecht zu fühlen, weil man durch sein Handeln das große Frauenkollektiv mit einer altmodischen Daseinsform als Ehefrau und Mutter behindert.

Ich bin gern Frau, und ich bin gern Mutter, aber ich habe mein Leben nie so geplant. Vier Kinder überstiegen in der Tat meine Vorstellungskraft als 21-Jährige und waren in meiner gedachten Zukunft niemals vorgesehen. Nun ist es anders gekommen, und das ist auch gut so. Heute bin ich 38 und habe turbulente, aber auch unfassbar schöne 14 Jahre hinter mir, in denen ich Mutter von inzwischen vier Kindern bin. Niemand hätte mir dieses Glück vorher beschreiben oder gar anpreisen können; man muss es selbst erfahren.

Vor der Geburt meiner Kinder hatte ich mich noch nie mit Fragen des Feminismus oder gar mit Frauenrollen auseinandergesetzt, gehörte ich doch zu der glücklichen Generation junger Frauen, die sehr selbstverständlich mit dem Gedanken groß wurde, dass wir alles können, was wir wollen. Bad girls go everywhere! Was ich nicht wusste: Muttersein stand nicht auf dieser Liste. Erst von anderen Frauen habe ich erfahren müssen, dass ich mit meinem Lebensentwurf eine gescheiterte Existenz darstelle.

Aus feministischer Sicht bin ich eine wirklich traurige Gestalt, die über ihren Kindern gluckt, ihnen selbst gekochtes Essen aufzwingt, und das auch noch zu Hause!

Ich bin es leid, das immer wieder zu erklären, zu entschuldigen, zu rechtfertigen. Es ist mein gutes Recht, mein Leben so zu leben, wie es mich glücklich macht. Ich habe nur dieses eine. War der Feminismus nicht einst dafür eingetreten, dass ich genau das machen darf? Leben, wie ich es will? Was ist passiert auf dem Weg der gleichen Rechte für alle? Denn, voilà, liebe FrauenrechtlerInnen, hier bin ich, auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt und ich in euren Augen alles falsch mache. Und das Beste ist: Es gibt Hunderttausende Frauen wie mich in diesem Land. Frauen, die gern Frauen sind, es gern zeigen und das auch nicht ständig diskutieren müssen. Mütter, die gern Mütter sind und wegen der Mutterschaft auch gern mal lange aus dem Beruf aussteigen.

Sie alle haben in Deutschland keine echte Lobby. Der gängige Feminismus à la Alice Schwarzer, Bascha Mika, Elisabeth Badinter bis hin zu Simone de Beauvoir hat gerade die Mütter auf der Strecke gelassen. Eine Frau, die sich als Mutter begreift oder, Gott behüte, als Hausfrau, kann abdanken. Die einen werfen ihr vor, sie sei nicht emanzipiert, die anderen, sie sei faul, die Dritten, sie würde sich aus ihrer Eigenverantwortung als Frau stehlen und von einem Mann aushalten lassen. Nicht zuletzt bleibt sogar der Vorwurf, sie würde durch ihr rückständiges Verhalten die Emanzipation ihrer Geschlechtsgenossinnen verhindern. Ein „Backlash“ droht: zurück ins Mittelalter oder zumindest bis an den Herd. Einfach nur, weil die jungen, undankbaren Dinger bei den Errungenschaften, die man für sie erkämpft hat, nicht mitziehen! Mehr noch: sie mit Füßen treten!

In den klassischen Medien finden Mütter als überforderte Wesen statt, deren Lebensstil überwunden werden muss, hin zu einem befreiten Leben als Frau. Das Kind ist dabei logischerweise ein Klotz am Bein, wird aber dennoch händeringend gesellschaftlich gebraucht. Ein Dilemma. Aber als Lösung für das Problem bauen wir ja jetzt Krippen.

Sowohl in den Medien als auch in der Politik dominieren Frauen, die oftmals kinderlos sind oder, wenn sie Kinder haben, diese der Karriere wegen früh in fremde Hände geben. Dieses Frauenbild wird als modern und fortschrittlich betrachtet. Die Generation von der Leyen gibt nannyhaft den Ton an und beschwört damit ein Frauenkollektiv, das gar nicht existiert. Dennoch hat sich die Frauen- und Familienpolitik in Deutschland in den letzten Jahrzehnten allein darauf fokussiert, die Frau nach der Geburt möglichst schnell wieder in den Beruf einzugliedern. Man fragt nicht, was Frauen und Mütter wollen, man sagt ihnen, was sie bitte schön zu wollen haben. Frauenförderung, Quotenforderungen, Gleichstellungsbeauftragte – alle arbeiten daran, die traditionelle Familie aufzulösen, das Muttersein auf ein Minimum an Zeitaufwand zu reduzieren und die Lebensläufe von Frauen denen ihrer Männer anzugleichen. Frauen in die Produktion, Kinder in die Krippe.

Ist es wirklich das, wo uns der Feminismus hinbringen wollte? Ich finde keine überzeugende Antwort darauf, was denn Feminismus für „die Frau“ sein soll, wenn mein eigener Lebensentwurf und der von Hunderttausenden anderer Frauen schon von vornherein ausgeklammert wird. Es wird Zeit, zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch einmal ganz neu und vor allem anders darüber zu debattieren. Nachdem wir ein Jahrhundert lang den Männern nachgeeifert und sie an manchen Stellen sogar überholt haben, ist die Zeit reif, über die Weiblichkeit als eigenständigen Weg nachzudenken. Weiblichkeit. Allein das Wort ist für manche schon ein Affront.

Wenn ich über Weiblichkeit und Muttersein spreche, ist meine Erfahrung nach Vorträgen, Auftritten und Veröffentlichungen immer die gleiche: Anfeindung von feministischer Seite und von Mütterseite der Satz: „Sie sprechen mir aus der Seele.“ Diese Frauen sagen das aber nur noch hinter vorgehaltener Hand. 100 Jahre Feminismus haben Spuren hinterlassen, die Schweigespirale hat längst eingesetzt. Aber sie schreiben mir ihre Lebensgeschichten, es sprudelt aus ihnen heraus, sie danken mir für die Bestätigung, dass sie nicht die Einzigen sind, obwohl es in der öffentlichen Wahrnehmung so zu sein scheint. Sie hungern nach Anerkennung, viel mehr als nach finanzieller Unterstützung.

Für sie alle ist dieses Buch. Als Ermutigung: Lasst euch nicht von eurem Weg abbringen, es ist gut und richtig, was ihr tut. Ihr dürft das! Und hört endlich auf, euch ständig zu rechtfertigen.

Birgit Kelle

1. Dann mach doch die Bluse zu!

In meiner Zeit als Praktikantin bei einer Lokalzeitung in Freiburg musste ich einst zwecks Berichterstattung zur „Frauenvollversammlung“ der Uni Freiburg. Praktikantinnen können es sich nicht aussuchen, sie bekommen immer die blöden Jobs, die keiner machen will, wie zum Beispiel Straßenumfragen. Als Jurastudentin musste ich auch die drögen Gerichtsverhandlungen übernehmen, und dieses Mal hatte ich unfreiwillige Doppelkompetenz vorzuweisen: Studentin und Frau, also bekam ich die Uni-Vollversammlung aufgehalst. Vollversammlung, das klang groß. Freiburg hatte damals bereits über 20000 Studenten, die Hälfte davon Frauen, also gut, auf ins Gefecht.

Vielleicht hätte ich mich stattdessen doch lieber freiwillig für die Straßenumfragen der nächsten sechs Monate melden sollen, denn was soll ich sagen, es waren keine 30 Frauen anwesend. Hauptthema des Abends: die ständige sexuelle Belästigung der Studentinnen durch männliche Kommilitonen und dass Frau deswegen endlich einen eigenen Frauenraum an der Uni brauche. Wo sie geschützt sei vor den ständigen männlichen Übergriffen, die überall auf dem Campus drohten. Eine männerfreie Ruhezone, in die man sich quasi gerade noch schnell mit zerfetzter Bluse retten kann. Mein erster Gedanke war: Wovon reden die eigentlich? Besuchen diese Frauen die gleiche Uni wie ich oder existieren wir in einer Art Parallelwelt?

Die Uni, die ich kannte, war der größte Heiratsmarkt weit und breit. Wo sonst kommen auf so engem Raum derart viele paarungswillige junge Menschen zusammen? Ich hatte selbst noch nie Übergriffe von männlichen Studenten erlebt und auch keine meiner Freundinnen hatte je davon berichtet. Wir wollten uns nicht von den jungen Männern absetzen, wir taten im Gegenteil, mehr oder weniger erfolgreich, eine ganze Menge, um die Aufmerksamkeit des einen oder anderen zu erregen.

Der Bericht für die Lokalzeitung fiel nüchtern aus, ich hatte die Episode, die sehr viele Jahre zurückliegt, schon lange vergessen, doch dann kam Rainer Brüderle mit seiner Tanzkarte. Mit ihm eine noch nie da gewesene Sexismus-Debatte in Deutschland und für mich ein Déjà-vu. Da war es wieder, dieses Gefühl, in einer anderen Welt zu leben.

Vor dem Dreikönigstreffen der FDP 2012 in Stuttgart hatte Herr Brüderle sich anscheinend spät am Abend in der Hotelbar, wenn auch nur verbal, der Stern-Journalistin Laura Himmelreich unsittlich genähert. Während sie auch nachts an der Bar immer noch für ihr Brüderle-Porträt auf Recherche war, zeigte er nach einem langen Tag mehr Interesse an ihrem Dekolleté als an einem ernsthaften Gespräch. Sie könne ein „Dirndl ausfüllen“, soll er gesagt haben. Später bot er ihr „eine Tanzkarte“ an.

Ein Jahr lang hielt die Journalistin diese Begegnung nicht für erwähnenswert, dann jedoch zeigte der investigative Journalismus seine ganze Wucht, als Brüderle zum neuen Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl 2013 auserkoren wurde. Der Zeitpunkt schien wohl günstig, Der Stern druckte ein Porträt des Politikers mit der Überschrift „Der Herrenwitz“ und kostete die alte Geschichte in vollen Zügen aus. Rainer Brüderle war als Sexist entlarvt. Was folgte, war der berühmte „ Aufschrei“. Tausende von Frauen berichteten im Internet über unangenehme Begegnungen mit Männern.

Den Medien konnte man daraufhin entnehmen, dass Deutschland ein massives, flächendeckendes Sexismus-Problem habe. Zehntausende von Frauen waren angeblich betroffen, hatten aber bisher anscheinend nicht gewagt, darüber zu reden. Wieso eigentlich? An jeder Ecke sitzt heute eine Frauenbeauftragte, die für so etwas ansprechbar wäre. Aber die Empörungsmaschinerie war schnell in vollem Gange. Einhellig war man sehr betroffen ob des Verhaltens von Herrn Brüderle im Speziellen und der Männer im Allgemeinen. Rainer Brüderle, der mit seinem Wortwitz ganz offensichtlich irgendwo in der Heinz-Erhardt-Zeit hängen geblieben ist und dem man offenbar mitzuteilen versäumt hat, dass Tanzkarten seit einem halben Jahrhundert nicht mehr in Mode sind.

Eine Woche lang hörte und sah ich mir dieses Schauspiel, das mit dem besagten Bericht des Magazins Der Stern begann und sich innerhalb weniger Tage über Twitter zu einem #aufschrei hochschaukelte, eher amüsiert an. Ich verstand die Aufregung nicht und blickte mit Unverständnis auf diese Parallelwelt, die mit meinem Leben und meinen Erfahrungen mit Männern nichts zu tun hatte. Diesen nichtigen Anlass mit den Hauptdarstellern Laura Himmelreich, Stern-Reporterin, und Rainer Brüderle, Herrenwitz, im Zweitberuf FDP-Politiker.

Unzählige Tweets bei Twitter, die sich hart am Rand zu Nichtigkeiten bewegten und diejenigen verdeckten, die ernsthaft Gegenstand einer solchen Debatte hätten sein sollen. Doch wo jeder falsche Blick auf das falsche Körperteil zur falschen Zeit und, Gott behüte, auch noch vom falschen Mann sofort zum Sexismus hochstilisiert wird, da ist kein Platz mehr für die echten Nöte von Frauen, die tatsächlich bedrängt wurden. Da gehen sie unter in einem Meer von Banalitäten. Gleichzeitig war festzustellen, dass sich ein Großteil der anständigen Männer, die sich immer bemühen, korrekt mit Frauen umzugehen, langsam in Stellung brachten und Unverständnis zeigten ob der Sippenhaft, in die sie wegen einiger Geschlechtsgenossen genommen wurden, die offensichtlich keine gute Kinderstube genossen hatten.

Am Thema vorbei

Dann kam Günther Jauch. Es war die erste der unzähligen Talksendungen zum Thema und sie gab mir gleich den Rest. Da saßen sie also versammelt: Alice Schwarzer, mit klammheimlicher Freude: Seht her, ich hatte schon immer recht. So sind die Männer, so waren sie schon immer und so werden sie immer sein, ihr wolltet es bloß nicht wahrhaben. Was für ein Triumph. Dazu die Initiatorin der #aufschrei-Kampagne bei Twitter, Anne Wizorek, ganz mädchenhaft und sehr, sehr betroffen. Hellmuth Karasek als völlige Fehlbesetzung aus der Generation Erhardt-Brüderle-Herrenwitz. Wieso hat man keinen jungen Mann gefunden für diese Sendung?

Ah, vielleicht sollte Thomas Osterkorn diesen Typus verkörpern, damals Chefredakteur des Stern. Für die Unwissenden, das ist das Magazin der neuen Frauenversteher, das den Sexismus auch immer wieder dadurch bekämpft, dass es in Frontaltherapie mit nackter Frauenhaut auf dem Cover wirbt: Seht her, wie abstoßend, wir haben es extra auf die Titelseite gestellt, damit jeder sehen kann, was wir nicht mehr weiter haben wollen. Auch mit dabei war Silvana Koch-Mehrin, die zwar einst gern ihren Schwangerenbauch in demselben Magazin nackt zur Schau stellte, um die Blicke auf ihre inneren Werte zu lenken, die aber jetzt ebenfalls gegen Sexismus kämpft. Blieb nur noch Wiebke Bruhns als Lichtblick. Journalistin in herrlich-kotziger „Was regt ihr euch alle so auf“-Stimmung: Das ist doch alles normal, Mädels. Ja, man hätte vieles diskutieren können in dieser Runde. Die Frage, ob Sexismus zwangsläufig ein Männerproblem ist oder ob Frauen das Instrument nicht auch beherrschen, zum Beispiel. Oder die Frage, warum blöde Männerwitze lustig, blöde Frauenwitze aber sexistisch sind. Oder warum nackte Frauen in der Werbung per se immer eine Herabwürdigung als Sexualobjekt darstellen, wir aber nichts gegen David Beckham in Unterwäsche haben, wenn H&M ihn an allen Bushaltestellen plakatiert. Oder die Frage, warum es Sexismus ist, eine Frau als „Schlampe“ zu bezeichnen, aber völlig legitim, sie als „ Heimchen am Herd“ zu titulieren. Oder die Frage, warum der Stern eigentlich eine junge Mitarbeiterin noch ein ganzes Jahr auf weitere Termine schickt zu einem Mann, von dem sie sich angeblich sexuell belästigt fühlt.

Es sollte nicht dazu kommen, aber mein Geduldsfaden riss und ich griff spontan zum Stift. Zu viele Aspekte blieben ungesagt in dieser Debatte, zu viel brodelte im Untergrund, was in den Medien aber nicht aufgenommen wurde.

Stattdessen verschwamm die Definition von Sexismus zwischen den feindlichen Linien und ist auch durch die folgende Debatte bis heute nicht gefunden worden. Denn wo persönliche Befindlichkeiten als Gradmesser schon ausreichen, ist Sexismus als Begriff schnell zur Hand. Jede blöde Anmache und jeder jämmerlich missglückte, aber vielleicht nett gemeinte Anmachversuch, jedes männliche Pfeifen vom Baugerüst und jeder dumme Spruch waren plötzlich Sexismus. Dazu gesellten sich körperliche Übergriffe, die doch schon längst und zu Recht unter Strafe stehen und somit schon qua Definition nicht hierher gehörten. Denn man darf es nicht kleinreden: Sexismus existiert. Sehr viel davon ist gegen Frauen gerichtet. Diesen Frauen muss geholfen werden, hier ist eine Debatte bitter nötig. Doch wie unterscheidet man noch die ernsten von den gefühlten Fällen, wenn jede Diskussion mit dem Hinweis beendet wird, hier wolle wohl jemand die Sache verharmlosen? Ein Totschlag-Argument.

Alles zusammen ergab ein undefiniertes Bild, demzufolge Frauen, egal, wo und wann, immer Opfer von Sexismus sind.

Nun, ich fühle mich nicht als Opfer. Als Frau nicht und auch nicht als Mensch. Der Mann ist auch nicht mein Feind. Ich mag Männer. Ja, sicher, wie vermutlich jede Frau habe ich schon Männer erlebt, die sich nicht zu benehmen wussten, und habe sie in ihre Schranken verweisen müssen. Dem stehen jedoch Tausende von täglichen Begegnungen mit Männern gegenüber, die völlig korrekt verliefen. Andererseits kenne ich auch Frauen, die sich nach ein paar Gläsern Alkohol absolut zum Fremdschämen aufführen, vor allem in ihrem Umgang mit Männern.

Es waren übrigens immer meine männlichen Kollegen, die mir ungefragt zur Seite sprangen, wenn sich bei meinem Studentenjob als Kellnerin ein Gast nicht zu benehmen wusste. Das Trinkgeld hab ich damals trotzdem genommen. Bin ich deswegen Opfer? Oder habe ich es auch ein Stück weit selbst in der Hand? Sind deswegen alle Männer Täter, oder sind manche auch einfach nur unbeholfen, taktlos oder übermütig?

Nachdem ich mir das alles eine Weile angesehen hatte, schrieb ich für TheEuropean den Artikel „Dann mach doch die Bluse zu“, der auch diesem Buch den Titel gab. Und ganz offensichtlich war ich mit meinem Bauchgefühl nicht allein. Explosionsartig verbreitete sich dieser Text, den ich in Rage geschrieben hatte, über das Internet. Über 170000 Mal ist er in sozialen Netzwerken inzwischen geteilt worden und in der Folge erreichten mich Hunderte von Zuschriften von Männern und Frauen. Dabei hatte ich nur aufgeschrieben, was offensichtlich viele dachten. Frauen meldeten mir zurück, dass sie meine Ansichten teilen. Selbstbewusste Frauen aller Altersklassen, die es leid sind, als wehrlose Mäuschen betrachtet zu werden.

Es ist ja durchaus eine Überlegung wert, mit welchem Recht wir Frauen in die Vorstandsetagen dieser Welt vorgelassen werden wollen, wenn wir uns angeblich ohne Sexismus-Polizei nicht einmal an einer Bar allein behaupten können. Männer dankten mir hauptsächlich dafür, dass sie aus der Sippenhaft entlassen wurden. Und das von einer Frau! „Sie sprechen mir aus der Seele!“ – da war er wieder, dieser Satz.

Viele der männlichen Zuschriften enthielten am Schluss einen Hinweis, ich möge dieses Schreiben aber bitte nicht als wie auch immer gearteten Anmachversuch betrachten. Mann wolle nur seinen Respekt und seine Zustimmung ausdrücken. In vorauseilendem Gehorsam hatten sie sich schon mal vorab für den Fall entschuldigt, dass ich das als Frau falsch verstehen könnte. Man weiß ja nie! Bei einer Frau schon gar nicht. Wo ein unbedachtes Wort schon zum männlichen Verhängnis werden kann, ist es besser, vorzubeugen. Sicher ist sicher.

Ja, dann mach doch die Bluse zu! Dieser Gedanke überfiel mich bei der Lektüre eines Berichtes über die amerikanische Schauspielerin Megan Fox, der Männerwelt besser bekannt als „ Sex-Symbol“. Sie wolle von ihrem sexy Image weg, ließ sie verlauten, und als Schauspielerin ernst genommen werden. Um das zu unterstreichen, ließ sie sich kurz darauf in Unterwäsche mit leichtem Blüschen für das Cover des Magazins Esquire ablichten. Dann mach doch die Bluse zu, wenn du willst, dass man dir in die Augen schaut, war mein erster, spontaner Gedanke.

Diese kleine Randnotiz zeigt das Dilemma der ganzen Debatte. Das Dilemma, dass Frau nicht immer das meint, was ihr Körper oder ihr Outfit sagen. Das Dilemma, dass Mann nicht immer das versteht, was Frau sagen will. Das Dilemma, dass Frau zwar gern ihren Körper in Szene setzt, aber empört ist, wenn der Falsche darauf reagiert. Das Dilemma, dass Frauen zwar ernst genommen werden möchten, dass sie ihren Intellekt gewürdigt wissen wollen, aber sehr viele von uns selbst daran arbeiten, dass man vor allem unser Äußeres ausgiebig und explizit wahrnimmt. Das Dilemma, dass Mann in so einer Welt nie sicher sein kann, ob wir gerade unser Hirn oder unseren Hintern betonen wollen und wie wir was jetzt gerade meinen.

Nein, keine Frage, diese Debatte kratzt nur an der Oberfläche des gesamten Frauen-Männer-Problems. Wir sind bei Weitem noch nicht auf dem Weg, uns besser zu verstehen, vieles ist sogar anstrengender geworden.

Die Sprachpolizei schlägt zu

Bei aller Zustimmung war es zunächst dennoch ein einsames Rufen von mir. Als „ Schweigespirale“ hatte in den 1970er-Jahren Elisabeth Noelle-Neumann, die Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, den Effekt bezeichnet, dass Menschen ihre wahre Meinung lieber für sich behalten, wenn sie nicht der medial verbreiteten Mehrheitsmeinung entspricht. Keine Frage, diese Schweigespirale funktioniert auch heute immer noch einwandfrei. Vielleicht sogar besser denn je. Nie habe ich das deutlicher begriffen als durch diese Debatte. Wer glaubt, mit seiner Einstellung allein zu sein, hält öffentlich erst mal lieber den Mund.

Auch ich fühlte mich eine Woche lang nahezu alleine. Wie ein Geisterfahrer auf der medialen Mainstream-Autobahn, auf der die Richtung schon klar vordefiniert war. Aber vor allem Männer hielten den Mund. Was sollen sie auch sagen, so als Mann, als potenzieller Täter? Wer das flächendeckende Sexismus-Problem als Mann nicht sieht, ist schließlich sofort ein Frauenfeind, auf jeden Fall ein Verharmloser, vielleicht gar selbst ein Sexist! Diese bekommen die Höchststrafe in einem Land, in dem Meinungsfreiheit zwar im Grundgesetz steht, aber erst noch durch den gender-sensiblen Sprach-Check muss.

Das durfte kurze Zeit später auch unser Bundespräsident Joachim Gauck am eigenen Leib erfahren. Für diejenigen, die es noch nicht wussten: Er hat sich schuldig gemacht! Nach dem Abebben der ersten Aufregung äußerte er sich als Staatsoberhaupt zum Thema und tappte dabei selbstredend sofort ins Fettnäpfchen. Vielleicht war auch nur der Zeitpunkt ungünstig. Wenige Tage vor dem Weltfrauentag musste dringend wieder ein medialer Aufreger her, um die Frauenfront in Stellung zu bringen.

Die empörten Reaktionen ließen jedenfalls nicht lange auf sich warten. So schlimm waren seine Äußerungen gewesen, dass sich ganze sieben junge Frauen, darunter auch die #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek, genötigt sahen, einen offenen Brief zu verfassen und diesen dann persönlich im Schloss Bellevue und sicherheitshalber auch in der Redaktion des Spiegel abzugeben. Nicht, dass da noch einer so ein wichtiges Schreiben vertuscht, wenn er schon verharmlost. Die Damen waren nicht nur „erschüttert“, sondern auch „verblüfft“, „irritiert“ und „bestürzt“ ob seiner Äußerungen.

Was hatte er getan? Öffentlich zur Gewalt gegen Frauen aufgerufen? Nein, Joachim Gauck hatte lediglich angemerkt, dass er eine „gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen […] hierzulande nicht erkennen“ könne und: „Wenn so ein Tugendfuror herrscht“, sei er weniger moralisch, als man es von ihm als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.

„ Tugendfuror“, das Wort muss beim #aufschrei zur kollektiven Schnappatmung geführt haben. Das musste deutlich im Brief angesprochen werden: Durch die Verwendung des Wortes „ Tugendfuror“ bringe der Bundespräsident die traumatischen Erlebnisse von Frauen in Verbindung mit dem Wort „Furie“. Damit leitete man dann bei #aufschrei gleich zu Begriffen wie „Hysterie“ über – ein Wort, das der Bundespräsident zwar nicht benutzt hatte, das sich aber offensichtlich im Zusammenhang ganz gut machte, um die Ernsthaftigkeit der Lage zu verdeutlichen. Und voilà: Damit bediene Gauck angeblich „jahrhundertealte Stereotype über Frauen – Stereotype, die sexistische Strukturen aufrechterhalten und Geschlechtergerechtigkeit im Weg stehen“.

Der Bundespräsident war als Struktur- Sexist lupenrein überführt. Es fehlte nur noch die Rücktrittsforderung. Oder vielleicht die Einrichtung eines neuen Amts für gendergerechte Sprache, bei dem auch der Bundespräsident seine Reden ab sofort einreichen muss, damit sie im Vorfeld auf tückische Frauendiskriminierung hin vorgeprüft werden. Die Political Correctness hat sich wie Mehltau über den normalen demokratischen Diskurs gelegt. Man muss ja nicht jede Meinung teilen, geschweige denn gutheißen. Aber man muss doch darüber reden dürfen. Wer Toleranz fordert, muss sie auch selbst aufbringen. Im besten Sinne nach Voltaire: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können.“ Was für ein großartiger Satz! Leider gilt er nicht mehr und schon gar nicht unter Frauen, wenn sie nicht mitziehen im großen Kampf.

Die Episode zeigt beispielhaft, warum eine ernsthafte Debatte über Sexismus oder im weiter reichenden Sinne über das Verhältnis von Mann und Frau in unserem Land so schwierig geworden ist. Wo jede Gegenmeinung mit öffentlicher Ächtung beantwortet wird, können Argumente nicht mehr sachlich ausgetauscht werden. Da kann auch nicht mehr differenziert werden. Ob ich denn jetzt hier die „ Männerbeauftragte“ sei, warf mir Alice Schwarzer in einer Sendung an den Kopf, weil ich mich nicht einreihen wollte ins allgemeine Männer-Bashing. Oder ob ich gar für das bezahlt würde, was ich so sage und schreibe?

Nein, Frau Schwarzer, ich betrachte bloß die Männer nicht grundsätzlich als meine Feinde, und damit unterscheiden wir uns wohl wesentlich. Denn ich bin nicht nur Frau, sondern auch Ehefrau, Freundin, Schwester, Tochter und nicht zuletzt Mutter. Mein Ehemann ist nicht der Feind in meinem Bett, mein Bruder kein Sexist, mein Vater kein Patriarch und meine beiden Söhne keine potenziellen Lüstlinge im Wachstum. Sie sind männliche Wesen, mit denen ich mein Leben gern teile und die nicht ständig darum bemüht sind, mich zu unterdrücken.

Nein, Verständnis kann man von den frauenbewegten Geschlechtsgenossinnen nicht erwarten, wenn man sich gegen ihre Meinung stellt. In ihren Augen sind Frauen wie ich fremdgesteuert, gefangen, korrumpiert, machen gemeinsame Sache mit dem Feind. Ja, die muss doch dafür bezahlt werden, anders ist das gar nicht zu erklären!

Ich nehme an, deswegen sehe ich wohl auch nicht all diese „sexistischen Strukturen“, von denen heute so gern fabuliert wird. Sie müssen direkt neben den gläsernen Decken vor den Vorstandsetagen liegen. Das muss mein geistiges Unvermögen sein. Man findet diesen Begriff immer gern und überall, wenn Frau nicht weiterkommt und einen Grund sucht, der abseits ihrer Persönlichkeit und Talente liegt. Damit soll verdeutlicht werden: Frauen, das ist nicht nur euer individuelles Problem, der Fehler liegt in einem ganzen gesellschaftlichen System, das von den Männern am Laufen gehalten wird, um euch auf ewig eine Stufe unter ihnen gefangen zu halten.

Auch Frau Schwarzer betet das mantraartig im Vorwort ihres Buches „Es reicht!“ zur Sexismusdebatte herunter. Das Problem seien nicht individuelle Ausrutscher einzelner Unverbesserlicher, das Problem „ist struktureller Natur“. Denn es ginge hier um Machterhalt.1

Ach so, also doch wieder Sippenhaft. Deswegen kann Frau sich auch nicht allein wehren, nein, man muss gleich das ganze System ändern. Wie darf ich mir das denn vorstellen? Werden schon Jungs irgendwann im Leben beiseitegenommen von ihren Vätern, um sie auf das Unterdrücker-System einzuschwören? „Junge, ich erklär dir jetzt mal, wie wir es mit den Frauen schon seit Jahrtausenden machen!“?

Was darf ein Mann noch sagen, ohne als Emanzipationsverweigerer dazustehen? Was darf eine Frau noch sagen, ohne sich sofort als Verräterin an der Frauensache bezeichnen lassen zu müssen? Vor allem aber: Wie wollen wir als Frauen die Männer auf unsere Seite bringen, anstatt sie mit Sippenhaft zu verprellen? Wo müssen wir ihnen eventuell sogar entgegenkommen, damit ein nachhaltig gutes Miteinander gelingt?

Mit Verboten und Anschuldigungen werden wir das nie erreichen. Wir werden damit höchstens diejenigen Männer gegen uns aufbringen, die eigentlich schon längst auf unserer Seite waren. Nein, diese Debatte braucht nicht nur einen Blick auf männliches Verhalten, sondern auch einen Blick auf das, was Frauen so alles tun. Alles andere ist Opfer-Abo in Reinkultur.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Man kann es in der Tat als Vorteil betrachten, als Freiheit, dass wir heute nicht mehr die Erwartungshaltung der Gesellschaft erfüllen müssen mit unserem Frau- oder auch Mannsein. Dass es mehrere Rollen gibt, neue Wege, neue Möglichkeiten für beide Geschlechter. Man kann jedoch sagen, dass man als Frau früher aber noch eher wusste, was ein Mann von einem erwartet. Oder was eine Frau von einem Mann erwartet. Wenn die Rollen klar verteilt sind, wenn das Balzverhalten in Tanzstunden geregelt ist, dann weiß man, woran man ist. Heute weiß man es nicht mehr auf Anhieb. Und vor allem Mann weiß es nicht mehr. Bei facebook würde man als Beziehungsstatus angeben: Es ist kompliziert.

Denn während wir einerseits die herausragenden intellektuellen Leistungen von Frauen betonen, schmeißen sich in der Sendung DerBachelor auf RTL reihenweise junge Damen einem gecasteten Unbekannten an den Hals und buhlen vor laufender Kamera im Zickenkrieg um seine Gunst. Auch Du bist Deutschland. Und während wir über würdelose Werbung mit nackten Frauenkörpern debattieren, ziehen sich vor Millionenpublikum reihenweise junge Frauen freiwillig für Heidi Klum bis auf die Unterwäsche aus, um mit nichts anderem zu punkten als mit ihrem guten Aussehen. Oder nehmen wir diese schizophrene Femen-Invasion – diese jungen Frauen, die neuerdings bei jeder Gelegenheit ihren Busen in der Öffentlichkeit blank ziehen, angeblich, um damit auf die Würde der Frau aufmerksam zu machen, gegen ihre Unterdrückung durch Staat/Kirche/Konventionen, gegen ihre Degradierung als Sexualobjekt. Also mit nackter Haut gegen nackte Haut protestieren. Verstehen muss man das nicht. Das ist so, als würden Vegetarier ein zünftiges Grillfest veranstalten, um gegen den Verzehr von Fleisch zu protestieren. Aber die Männer wird’s sicher freuen, dass sie immer wieder unverhofft und kostenlos nackte Brüste zu sehen bekommen.

Während wir also beklagen, dass Frauen in Miniröcken als leichte Mädchen behandelt werden, ziehen Feministinnen bei sogenannten „Slutwalks“ in Unterwäsche oder weniger durch die Straßen und proklamieren ihr Recht, als „Schlampen“ herumzulaufen. Doch wehe, einer bezeichnet oder behandelt sie als solche. Merke: Wenn Frau sich selbst als Schlampe bezeichnet, ist das ein emanzipatorischer Akt – wenn Mann das tut, ist er Sexist. Während wir beklagen, dass Frauen in der Werbung als reine Sexualobjekte benutzt werden, entblättern sich freiwillig unzählige Frauen für den Playboy, um als nichts anderes als Sexualobjekte betrachtet zu werden. Und sind auch noch stolz darauf. Nicht zuletzt haben immer wieder Frauen auch für das Recht gekämpft, legal ihren Körper als Prostituierte verkaufen zu dürfen, und manifestieren damit täglich die Reduktion der Frau zum Objekt. Das ist nicht logisch, und es muss einem nicht gefallen, aber es sind alles Frauen in Deutschland.

Darf ein Mann einer Frau noch in den Mantel helfen und ihr die Tür aufhalten oder offenbart er dadurch seine rückständige Sichtweise als Traditionalist? Soll er im Restaurant noch die Rechnung bezahlen oder unterminiert er dadurch ihren Status als finanziell eigenständige Frau? Darf ein Mann ihr sagen, dass sie schön aussieht, oder missachtet er damit ihre zweifelsohne ebenfalls vorhandene Intelligenz und reduziert sie unfreiwillig auf ihr Äußeres? Die eine Frau erwartet also noch den Kavalier alter Schule, die nächste ist beleidigt, wenn man ihr sagt, sie sei schön. Woher weiß Mann, an welchen Typ Frau er gerade geraten ist?

Und was tun wir Frauen nicht alles, um die Aufmerksamkeit der Männer durch unser Äußeres zu erregen? Wir rennen ins Fitnessstudio, haben alle Diäten durch, die Frauenzeitschriften anzubieten haben. Wir lassen uns die Brüste und Nasen operieren, wir gehen zur Kosmetikerin. Wir kaufen die Drogerien und Parfümerien leer, wir investieren in High Heels und Kleidung und Frisur. Wir ziehen Push-up-BHs an und Miniröcke, wir knöpfen die Bluse noch ein Stück weiter auf und schnüren die Brüste noch ein Stück weiter hoch.