Darkest Reign – Im Schatten des Jägers - Laura Labas - E-Book

Darkest Reign – Im Schatten des Jägers E-Book

Laura Labas

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Beschreibung

Sie ist seine dunkelste Sünde. Er ist ihr tragischstes Versagen. Sie ist seine dunkelste Sünde. Er ist ihr tragischstes Versagen. Die Hexe Sophia ist auf der Flucht vor den unbarmherzigen Huntern. Doch obwohl ihre geheime Identität als Strega enttarnt wurde, ist Sophia entschlossen, den wahnsinnigen General der Hexenjäger zu stoppen. Ihr Plan, eine Allianz mit dem attraktiven Hunter Benson zu schmieden, ist allerdings in Gefahr, denn er fühlt sich von ihr hintergangen und zweifelt an ihrer Aufrichtigkeit. Während sich die beiden nur langsam wieder näherkommen, werden ihre Differenzen immer wieder zum Hindernis. Kann Sophia ihrer eigenen Vergangenheit entkommen, um sich und den Strega eine Zukunft zu ermöglichen? Tropes: X yearning X found family  X dark military setting X enemies to lust to enemies X only one bed Die »Darkest Reign«-Reihe: Band 1: Darkest Reign – Im Bann der Hexe Band 2: Darkest Reign – Im Schatten des Jägers

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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»Darkest Reign – Im Schatten des Jägers« enthält Themen, die belasten können. Deshalb findest du am Ende dieses Buchs eine Inhaltswarnung. Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.

© Piper Verlag GmbH, München 2026

Redaktion: Wiebke Bach

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Illustration: @jacqueillustrates / [email protected] / Jacqueline Brianne

Kapitelvignette: Freepik

Covergestaltung: Guter Punkt, München

Coverabbildung: Stephanie Gauger, Guter Punkt, München unter Verwendung von Motiven von iStock / Getty Images Plus und Adobe Stock

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Abbildung

Widmung

Motto

Feind, Feind, Feind

BENSON

Vor einem Jahr

1

Der letzte Nagel

SOPHIA

2

Chaos

SOPHIA

3

Durch den Regen

SOPHIA

4

Ihrer Grausamkeit entsprungen

BENSON

5

In der Dunkelheit der Nacht

SOPHIA

6

Dunkle Magie

SOPHIA

7

Hab ich dich

SOPHIA

8

Lippen voller Grausamkeit

SOPHIA

9

Ikarus

BENSON

10

Königinnen und Könige

SOPHIA

11

Ich hasse dich so sehr

SOPHIA

12

Eigenes Schicksal

SOPHIA

13

Der Fluch meines Daseins

BENSON

14

Lichterloh in Flammen

SOPHIA

15

Ekpathin

SOPHIA

16

Um ihr Herz

BENSON

17

Der heißesten Nacht

BENSON

18

Ein bösartiger Geist

SOPHIA

19

Freiheit und Verderben

SOPHIA

20

Nicht das letzte Mal

SOPHIA

21

Ihr aller Untergang

SOPHIA

22

Alles egal

BENSON

23

Unsere Geschichte

SOPHIA

24

Danke, Priory

BENSON

25

Den Schwur

BENSON

26

Sämtliche Ungerechtigkeiten

SOPHIA

27

In meine Seele geritzt

BENSON

28

Schatten wie Nebel

SOPHIA

29

Das Licht erlosch

SOPHIA

30

Meine kostbarste Sünde

BENSON

31

Zerstörung

SOPHIA

32

In den Wald

SOPHIA

33

Ins Verderben

SOPHIA

34

Grausame Finsternis

SOPHIA

35

Absolute Leere

BENSON

36

In der Falle

BENSON

37

Dem Flehen einer Strega

BENSON

38

Mit Vergnügen

SOPHIA

39

Die Wurzel allen Übels

BENSON

40

Regen und Blut und Rache

SOPHIA

41

Mein Fluch und meine Sünde

BENSON

42

Im Namen der Herrschaft

SOPHIA

43

Dorn meiner Existenz

SOPHIA

44

Letztlich und für immer

SOPHIA

Hindernisse

BENSON

Drei Monate später

Sechs Monate später

DANKSAGUNG

Inhaltswarnung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Abbildung

Widmung

Für diejenigen, die beim Lesen vor Freude mit den Beinen strampeln und auch mal eine Träne verdrücken.

Für alle, die Tragik und Romantik und Fantasy lieben.

Motto

»Sie hatte mich gebrochen.«

Feind, Feind, Feind

BENSON

Vor einem Jahr

Lügen waren wie Geschwüre. Einmal da, breiteten sie sich unaufhaltsam aus. Nichts konnte ihren Vormarsch stoppen. Weder Ignoranz noch weitere Lügen. Nein. Das Einzige, das half, war, sie herauszuschneiden. Ohne Gnade. Ohne Rücksicht.

Nateesha checkte neben mir auf dem Beifahrersitz den Zustand ihrer Waffen, wie sie es immer tat, bevor wir unseren nächsten Einsatzort erreichten.

Wir trugen leichte, taktische Kleidung, die etliche Taschen besaß, um alles an Ausrüstung zu verstauen. Im Gegensatz zu mir hielt sie nichts von fingerlosen Handschuhen, aber ich fühlte mich dadurch gewappneter. Sie boten nicht nur besseren Halt in heiklen Situationen, sondern dienten auch als Schutz vor Verletzungen, wenn ich meine Klingen benutzte.

Nateeshas Finger bewegten sich von ihrer SIG Sauer über ihren Teleskopschlagstock in der Rückenscheide, den Taser, die Karbonfasermesser, die scharf und leicht waren und sich in unseren Schulter- und Oberschenkelholstern befanden, bis zu den Shuriken und dem Wurfmesser. Immer in der gleichen Reihenfolge.

Abgesehen von dem Waffenarsenal ähnelten sich auch unsere weitere Ausrüstung und Tools: schalldämpfendes Tape, das wir meistens zum Fixieren des Magie nullifizierenden Netzes nutzten, dünnes Paracord, Multitool, Signalunterdrücker, Rauchgranaten und standardmäßig ein Ohrstecker-Funkgerät.

Vor wenigen Minuten erst hatten wir den Notruf erhalten. Unsere Anwesenheit war sofort erforderlich. Keine Zeit, um die Routine vor Beginn der Fahrt zu erledigen.

Wir waren förmlich aus dem vorübergehenden Quartier in South Waterfront gerannt. Die Aufregung hatte uns fest im Griff, da uns der General kurz davor noch einen Besuch abgestattet hatte, was unüblich war. Normalerweise machte er sich nicht die Mühe, den Stützpunkt für eine einfache Besprechung zu verlassen. Doch ich war sein Enkel, und darum lief nicht immer alles in geordneten Bahnen.

»Lauft«, hatte er gesagt, nachdem wir und die anderen Anwesenden die Grippeimpfung, die zeitgleich erfolgt war, hinter uns gebracht hatten. Seither fühlte ich mich schwindelig und seltsam rastlos. »Ihr werdet gebraucht.«

Es hatte mich schon gewundert, dass er es trotz des Notrufs nicht für notwendig erachtet hatte, selbst einzugreifen, doch ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, ihm keine Fragen zu stellen. Sie brachten mich ausnahmslos in Schwierigkeiten und lieferten mir keine einzige Antwort.

Der Regen hatte nachgelassen, doch Nebel hing schwer und geisterhaft in den Häuserschluchten. Ich musste die perfekte Mischung aus Vorsicht und Eile finden. Einen Unfall zu bauen, würde den anderen Huntern schaden, doch wenn wir uns zu langsam fortbewegten, kamen wir möglicherweise nicht rechtzeitig an.

Meine Gedanken rasten.

Es war das erste Mal, dass sich jemand auf meine Partnerin und mich verließ. Dass die Situation heikel genug war, um Verstärkung anzufordern. Seit ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte, war erst ein Jahr vergangen, doch währenddessen war kaum etwas Nennenswertes geschehen. Ja, ich hatte viele Strega überwältigt und festgenommen, aber immer hatten wir sie dank Struktur und Plan gefasst. Wir erwischten sie, noch bevor sie den Schlag kommen sahen.

Das hier war anders.

Das hier machte mich nervös.

»Entspann dich, Benson«, sagte Nateesha, die ihre Schusswaffe zurück in das Holster steckte. Wir hatten erst vor Kurzem unsere Handfeuerwaffen erhalten, nachdem wir uns in mehreren kleinen Außeneinsätzen bewiesen hatten.

Zu meiner Überraschung war es jedoch nicht so, als würde ich mich damit sicherer fühlen. Im Gegenteil. Ich hatte nun Zugang zu einer Waffe, die viel schneller über Leben und Tod entscheiden konnte als beispielsweise mein Messer. Ich konnte aus der Distanz großen Schaden anrichten, ohne die Situation richtig eingeschätzt zu haben. Gedanken dieser Art hielt ich geheim, aber sie lasteten schwer auf mir. Es gab leider niemanden, mit dem ich über meine Zweifel reden konnte, was unser Vorgehen betraf, erwachsene Strega eiskalt zu ermorden, statt sie festzunehmen. Diese Order war erst vor wenigen Wochen erteilt worden, und seitdem hatte ich bei der Jagd auf Strega keinen Erfolg mehr verbuchen können.

Der General und die Kommandantin saßen mir regelrecht im Nacken, doch es war, als würden mir zwei Prozent Durchschlagskraft fehlen, seit ich die neuen Befehle bekommen hatte.

»Das sagst du mir? Du prüfst seit zwölf Minuten ununterbrochen deine Ausrüstung«, gab ich zurück und rang mir dabei sogar ein schmales Lächeln ab.

»Vorsicht ist besser als Nachsicht«, murmelte sie verlegen. Nateesha aber würde sich nie von einem ihrer Vorhaben oder Rituale abbringen lassen. Selbst wenn sie sie nicht laut verteidigte oder öffentlich darauf pochte. Sie wusste, was sie konnte, was sie wollte und was sie tun musste, um ihre Ziele zu erreichen. Das bewunderte ich am allermeisten an ihr.

Insbesondere weil ich mich selbst in einer ständigen Schwebe aufzuhalten schien. Einer Schwebe, der ich nicht entkommen konnte. Ganz gleich, wie oft ich mein eigenes Handeln infrage stellte. Vielleicht war das auch der Grund.

Kopfschüttelnd bog ich mit rasender Geschwindigkeit nach Old Town ein, bevor mich der dichte Nebel einen Moment später erneut dazu zwang, aufs Bremspedal zu treten. Dennoch erreichten wir die klapprige Schuhmanufaktur am Rand der Altstadt. Sie stand schon seit geraumer Zeit leer, und nach meinem Intel hatten sich hier Strega eingenistet. Hunter hatten ihnen auflauern und sie ergreifen wollen, doch scheinbar waren mehr Strega dort gewesen als erwartet.

Sobald wir in Reichweite kamen, switchten wir auf unseren Walkie-Talkies auf den richtigen Kanal. Sofort vernahm ich durch mein In-Ear die Stimmen meiner Vorgesetzten und Kameraden. Männer und Frauen, die sich gegenseitig Befehle zuriefen. Es klang chaotisch.

»Mach dich bereit«, sagte Nateesha und sprang aus dem Wagen, noch bevor die Reifen still standen. Sie hatte sich ihren schwarzen Schutzhelm bereits angezogen, ich musste das im Laufen tun. Sicher war sicher.

Ich folgte ihr trotz meines Schwindels unverzüglich, zog meinen Taser statt meiner Schusswaffe und hoffte, dass ich die Entscheidung nicht allzu bald bereuen würde. Meine Partnerin warf mir einen kurzen, irritierten Blick zu. Immerhin enthielt sie sich eines Kommentars. Wir hatten die Diskussion oft genug geführt, waren jedoch nie zu einer Einigung gekommen, außer dass jeder das tat, was er für richtig hielt. Sie nahm die schwarze SIG Sauer aus ihrem Holster, und wir sprinteten zum Eingang.

Da der Kampf bereits in vollem Gang war, bestand kein Grund, sich anzuschleichen. Die schwere, eisenbeschlagene Tür dämpfte die Kampfgeräusche, sodass jemand, der vorbeikam, nicht unbedingt hörte, was dahinter vor sich ging. Die Location schien aber ohnehin sehr isoliert zu sein, und Passanten verirrten sich sicher nicht oft hierher. Ganz bestimmt ein Grund dafür, dass sich die Strega hier wie Ungeziefer ausgebreitet hatten.

Sobald Nateesha und ich durch die Tür schlüpften, gingen wir in Deckung. Wir wurden getrennt, weil ich mich auf der einen Seite abrollte und sie hinter einen Haufen angekokelter Holzkisten sprang. Die Feuerwand, die auf uns zu gewalzt gekommen war, hinterließ einen schwarzen Film auf der Tür. Diese war zum Glück hinter uns zugefallen, sodass das Feuer nicht nach draußen dringen konnte.

Es roch nach Kerosin und nach muffigem Mobiliar. Ich hatte vergessen, dass Feuermagie diesen eigentümlichen Geruch mit sich brachte, da ich Feuerstrega noch nicht sehr oft begegnet war. Überall glitzerten goldene Magiespuren.

Nach einem Moment des Durchatmens sprang ich wieder auf die Beine und umfasste den Taser fester. Versuchte, mich zu orientieren, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte.

Offizierin Bethal drückte mich in die Knie. Sie wirkte mitgenommen. Eine Platzwunde blutete auf ihrer Stirn, und ihr blondes Haar hing zerzaust in ihr Gesicht. Ein Teil ihrer Uniform war verkohlt, der linke Ärmel fehlte. Es wirkte, als wäre sie damit irgendwo hängen geblieben und hätte ihn dann abgerissen.

»Schön, dass wir endlich Verstärkung bekommen«, grunzte sie über das Geschrei und den Krach hinweg, als das Materiallager im hinteren Bereich in Flammen aufging. Ich hatte zum Notruf ein paar wenige Bilder von der Fabrik gesehen und was uns im Innern erwarten würde. Das Lager war als Schwachstelle markiert worden. Regale mit Leder, Stoffen, Gummi und anderen zur Schuhherstellung benötigten Materialien waren am leichtesten entflammbar.

»Ma’am«, begrüßte ich sie gepresst, sparte mir aber das Salutieren. Wir befanden uns mitten in einer physischen Konfrontation. »Wie sieht es aus?«

Ich erhaschte einen Blick auf die Flammenwand im hinteren Abschnitt. Davor zeichneten sich riesige Maschinen für das Formen und Befestigen der Sohlen ab. Diese und die Nähmaschinen waren längst veraltet. Dazwischen tauchten immer wieder Strega auf, die Magie in unsere Richtung schossen. Feuer. Wasser. Metallteile, die sie zu spitzen Gegenständen formten und die problemlos in unser Fleisch dringen konnten. Rudy, ein Hunter in meinem Alter, wurde davon durchbohrt, als er auf unsere Seite laufen wollte. Er schrie auf und fiel zu Boden. Hielt sich stöhnend die Seite, während Blut durch seine Hände hindurch sickerte.

Die Magiespuren, golden und glitzernd, klebten an jeder Oberfläche, und ich musste mich darauf konzentrieren, sie zu übersehen, sonst würde ich nichts mehr erkennen.

Zwei andere Hunter versuchten, zu Rudy zu kommen, doch immer wieder wurden in den Gang Magiesalven entlassen. Die Erde bebte, und Putz bröckelte von den hohen Wänden. Schüsse erklangen rasch aufeinanderfolgend. Ich erblickte Nateesha, die sich auf einer Kiste aufstützte, um genauer zu zielen.

»Wir haben mit einem halben Dutzend Strega gerechnet, aber es sind deutlich mehr als ein Dutzend. Kinder sind auch dabei, und sie kämpfen gegen uns«, sagte Bethal grimmig.

Mein Magen zog sich zusammen. »Fuck.« Kinder? Was bedeutete das? Fünfjährige? Zehnjährige? Machte das überhaupt einen Unterschied? »Wie sollen wir sie rausbringen?«

Bethal duckte sich und zog mich ebenfalls tiefer, als sie mir einen verwirrten Blick zuwarf. »Wen rausbringen?«

»Die Kinder. Es ist zu gefährlich. Wir könnten sie im Kreuzfeuer …«

Bethal holte aus, aber mein Verstand hatte Probleme damit, zu verarbeiten, was hier vor sich ging. Im nächsten Moment grub sich ihre Faust in mein Gesicht. Mein Helm wackelte.

Es knackte. Ich spuckte Blut, als das schwummrige Gefühl in mir zunahm. Es war, als würde sich ein roter Filter vor mein Sichtfeld schieben. Ich blinzelte, doch meine Sicht wollte sich verdammt noch mal nicht klären.

»Reiß dich zusammen, Gray! Wir töten sie alle. Das ist unser Job. Es sind keine Kinder. Es sind Strega!«, brüllte sie über den Lärm hinweg, als irgendwo ein Fenster zerbrach. Das Wüten des unbarmherzigen Feuers mischte sich zu dem Crescendo.

Sie ließ mich allein zurück. Hielt sie mich für unfähig? Sollte ich ihr widersprechen?

Sprachlos und mit blutiger Nase beobachtete ich, wie sie nach vorne preschte. Andere folgten ihr. Ich zögerte nur eine Sekunde. Der Schwindel in mir ebbte ab, stattdessen raste das Blut durch meine Adern wie ein reißender Strom. Es drängte mich dazu, etwas zu tun. Zu kämpfen. Zu verletzen.

Den Handrücken drückte ich mir gegen die pochende Nase. Blut quoll darüber, aber ich spürte den Schmerz kaum.

Tu es. Tu es. Tu es.

Es war nicht meine innere Stimme, und gleichzeitig kam sie mir nicht unbekannt vor. Als wäre sie immer schon ein Teil von mir gewesen.

Verzweifelt riss ich mir den Helm vom Kopf, in der Hoffnung, der Hitze entgehen zu können. Doch es brachte kaum Besserung.

Ich verlor den Taser. Ersetzte ihn unwillkürlich durch zwei geschärfte, schwarze Messer, die sich in meine Handflächen fügten, als wären sie ein Teil von mir.

Es fühlte sich an, als würde ich in einem See aus Öl ertrinken. Meine Augen waren wie zugeklebt, meine Atmung ging nur noch flach. Es mangelte mir an Sauerstoff. Ich konnte keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen.

Mehr als dass ich sah, spürte ich, wie meine beiden Messer durch Fleisch und Sehnen Schnitten. Durch Muskeln und Haut. Wie Blut auf mein Gesicht spritzte und meine behandschuhten Hände glitschig werden ließ. Ich fügte mir selbst Schnitte zu, doch ich fühlte den Schmerz nicht. Er existierte fern von mir.

Feind, Feind, Feind, hallte es in mir nach, ohne dass ich sehen konnte.

Ich tötete, was mir in die Quere kam. Jeder, der atmete, war mein Feind. Ich wollte alles zerstören. Mir alles einverleiben. Ich war das Gesetz, der Richter und der Henker. Sie alle hatten das Recht auf ihre Existenz verwirkt.

Meine Messer schnitten mit Leichtigkeit durch Kehlen und Haut. Mit dem Unterarm vor dem Gesicht schützte ich mich vor der Magie. Ich hörte das Flehen, aber es löste nichts in mir aus. Allein das Rauschen meines Blutes in meinen Ohren trieb mich an. Je schneller ich mich bewegte, je mehr Leid ich verursachte, desto eher würde ich wieder zu mir zurückfinden. Desto eher würde ich Gnade erlangen.

Frieden.

Irgendwann holte mich die Erschöpfung meines Körpers jedoch ein, selbst wenn ich immer noch fernab meiner Selbst existierte.

Ich wankte und fiel hin. Meine Knie schlugen hart auf dem Boden der Fabrikhalle auf, während ich heftig gegen den roten Nebel anblinzelte. Endlich schien ich wieder etwas wahrnehmen zu können.

Meine Umgebung.

Einzelne Leuchtstoffröhren, die nicht zerstört worden waren, flackerten und zischten.

Ein Hunter lag zusammengekrümmt neben mir. Seine Brust bewegte sich nicht mehr, und sein Hals war bloß ein klaffendes Loch.

Übelkeit stieg in mir hoch, als sich mein Magen verkrampfte. Die Messer fielen aus meinen Händen, bevor ich mich nach vorne beugte. Schweiß und Blut tropften mir von Stirn und Wangen.

Ich habe das getan, war der erste klare Gedanke, der sich durch den dichten Dschungel in meinem Kopf drängte.

Die Stille drückte schmerzhaft auf meine Ohren. Niemand atmete. Niemand sagte etwas. Einzig das Knistern und Knacken des tosenden Feuers blieb. Der Qualm brannte in meiner Lunge, bewegen konnte ich mich aber nicht.

Dann hörte ich das Quietschen der Eingangstür, und für einen Moment fiel ein Schatten auf mich. Ich blinzelte und erkannte meinen Großvater.

General Blackburn, der in der offenen Tür stehen blieb.

Obwohl ich wusste, dass er es war, fiel es mir schwer, mich auf sein Gesicht zu fokussieren. In ihm zu lesen. Herauszufinden, was mit mir los war.

»Das hast du gut gemacht, Junge«, sagte er wie mit verzerrter Stimme. Worte bekamen erst nach und nach wieder eine Bedeutung für mich. »Du hast mir sehr geholfen.« Langsam trat er näher, und die Tür fiel lautstark zu. Schloss mich erneut – aber dieses Mal in seinem Beisein – mit den Flammen ein. Beinahe sanft legte er eine Hand auf mein Haupt. »Jetzt ruh dich aus und vergiss, was passiert ist.«

Stirnrunzelnd blickte ich an ihm vorbei und sah die Leichen meiner Kameradinnen und Kameraden. Wie sollte ich das jemals vergessen? Ich hatte das getan.

Und trotzdem … irgendwie … irgendwann vergaß ich mehr, als ich hätte tun sollen.

1

Der letzte Nagel

SOPHIA

Verletzt und niedergerungen kämpfte ich mich vorwärts. Der Regen prasselte erbarmungslos auf mich ein, während ich mich von dem Schauplatz meines eigenen Verbrechens entfernte. Ich konnte bloß hoffen, dass keine Strega getötet worden waren, auch wenn ich nicht daran glaubte.

Alles nur, weil ich Benson vertraut hatte. Weil ich nicht gedacht hätte, dass er mich betrügen würde, noch während ich am Boden lag. Ich hatte an das Gute in ihm geglaubt. An seine Moralvorstellungen, die mir trotz meiner Gegenwehr imponiert hatten.

Diese Sentimentalität war mir teuer zu stehen gekommen.

Letztlich war er ein Hunter und würde immer einer sein.

Meine nackten Fußsohlen schmerzten, als sich die Steinchen auf dem groben Asphalt in sie hineinbohrten. Ich strauchelte. Musste mich mit einer Hand an einer Hauswand abstützen, um nicht hinzufallen. Meine Knie waren butterweich. Die Verletzungen von der Folter pochten unangenehm und öffneten sich mit jeder Bewegung mehr. Das Projektil in meinem Arm schien sich tiefer und tiefer zu graben.

Ich war am Ende meiner Kräfte angelangt, und wenn ich so weitermachte, würde mich jemand entdecken und die Cops rufen. Sie würden mich mitnehmen, befragen, die Kugel sicherstellen und mich nicht so schnell wieder gehen lassen. Nein. Das konnte ich nicht riskieren. Freiheit war kurzfristig zu meinem höchsten Gut geworden.

Erst mal aus dem Regenguss raus. Das war mein neues Mantra. Schritt für Schritt kämpfte ich mich vorwärts. Bog in eine Gasse ein, die mich dann in einer unscheinbaren Straße ausspuckte. Einfamilienhäuser reihten sich wie Dominosteine nebeneinander. Die meisten waren erleuchtet. Es war nicht sehr spät, weshalb vermutlich viele der Bewohner noch wach waren.

Ich verharrte für einen Moment an einer Straßenlaterne.

Den Blick ließ ich an den riesigen Ahornbäumen vorbei über sämtliche Gebäude schweifen, bis ich eines fand, das nicht beleuchtet war. Es war ein Risiko, doch eine andere Möglichkeit blieb mir nicht. Meine Magie stob wie ein Schwarm Insekten unkontrolliert in meinen Adern herum. Das hatte sie noch nie gemacht, und ich fürchtete schon, dass mein Ende nahte. Dass der General mit der Magieessenz, die er mir gespritzt hatte, tatsächlich meinen Tod besiegelt hatte. Dass meine Atemzüge gezählt waren, ich bloß die verbleibende Zahl nicht kannte.

Aber er hatte es mir vorausgesagt, nicht wahr? Es würde mich quälen; mich die Kontrolle verlieren lassen und mich dazu bringen, vor ihm auf Knien zu rutschen, während ich um Gnade winselte.

Nicht daran denken. Noch geht es. Noch bin ich ich selbst.

Mit gesenktem Kopf stolperte ich die mit Schlaglöchern übersäte Straße entlang, bis ich das in Dunkelheit getauchte Haus erreichte. Es gab keine Garage, und in der Einfahrt stand kein Auto. Ich beschloss, dieses eine Mal mein Glück herauszufordern, als ich über einen Zaun an der Seite in den Garten kletterte. Dort angekommen, verließ mich jedoch jäh die Kraft, und ich fiel unelegant auf meinen Hintern. Mein Steißbein pochte, aber der Schmerz verging im Orchester der gesamten Pein.

Mit brennenden Augen und einem Kloß im Hals kroch ich auf allen vieren bis zur Veranda. Schmutz sammelte sich unter meinen Fingernägeln und drückte unangenehm. Ein frustriertes Schluchzen drohte aus mir herauszubrechen, doch ich ließ es nicht zu.

Nur ein paar Sekunden verschwendete ich damit, unter der Dekoration auf der hinteren Veranda nach einem Schlüssel zu tasten. Dann siegte meine Ungeduld, und ich zerstörte mit einem Zierstein, in den ein Solarlicht eingebettet war, das Glas der Hintertür.

Ich blieb wie festgefroren auf der Stelle stehen und lauschte nach Stimmen oder Schritten. Nichts. Der prasselnde Regen hatte das Klirren der Scherben sicher vor den Nachbarn verhüllt, und das Haus selbst war leer.

Ich streckte eine Hand durch das Loch und schnitt mich natürlich an einer scharfen Kante, ehe ich den Türknauf betätigen konnte. Einen Moment später tapste ich ins vergleichsweise warme Innere. Ich zitterte mittlerweile so heftig, dass ich mir die Innenseite der Wangen blutig gebissen hatte.

Weil ich schnellstmöglich wieder abhauen wollte, wagte ich es, ein Licht im Wohnzimmer einzuschalten. Sofort wurde die gemütliche, zusammengewürfelte Einrichtung erhellt, die mir ein schlechtes Gewissen machte. Jemand lebte hier. Hatte die Möbel sorgsam ausgesucht und zusammengestellt. Ich drang in diese friedliche Atmosphäre ein wie eine gemeine Diebin. Das bedauerte ich.

Doch ich würde nur das Nötigste nehmen und dann verschwinden. Bevor mich Benson fand oder andere Hunter, die auf der Suche nach mir waren.

Nicht an ihn denken.

Im Badezimmer streifte ich die geliehene Kleidung ab, die Benson gehört hatte. Froh, ihn mir endlich von der klammen Haut waschen zu können. Nur für wenige Minuten erlaubte ich mir, mich unter den heißen Duschstrahl zu stellen. Sämtliche meiner Verletzungen öffneten sich, und Blut strömte in den Abfluss. Mein Zittern wollte nicht nachlassen. Sicher lag das nur an meiner Erschöpfung und nicht an dem Zeug, das durch meine Adern raste.

Schließlich versorgte ich erneut die Schusswunde an meinem Arm und zwang mich, mir die Zeit zu nehmen, das Projektil mit einer Pinzette rauszuziehen. Dabei stellte ich mich nicht sonderlich geschickt an, und ich war mir sicher, dass ich weiteren Schaden in meinem Fleisch anrichtete. Trotzdem gelang es mir irgendwann.

Ich betrachtete das blutige, kupferfarbene Projektil. Unscheinbar lag es auf dem Stück Klopapier neben dem Waschbecken. Weder Benson noch Reven oder Destry hatten auf mich geschossen. Auch nicht Lys. Doch sie hätten es genauso gut getan haben können.

Endlich wussten sie, was ich schon seit dem Beginn meiner Mission gewusst hatte: Wir waren Feinde. Es gab kein Happy End. Keine Freundschaften. Keine Nachsicht und kein Lächeln.

Mit zusammengebissenen Zähnen kümmerte ich mich schließlich auch um die Wunde an meinem Schlüsselbein, in der sich der Tracker der Strega befunden hatte, sowie um die restlichen Verletzungen.

Im begehbaren Kleiderschrank neben dem Badezimmer fand ich die Kleidung einer Frau vor, die zum Glück ähnliche Maße hatte wie ich. Eilig zog ich mich warm an: blaue Jeans, Baumwollsocken, ein Unterhemd und einen Hoodie. Das nasse Haar nahm ich zu einem Pferdeschwanz zusammen, bevor ich nach Schuhen Ausschau hielt. Tatsächlich fand ich ein robustes Paar Boots, das mit den dicken Socken auch bestens saß.

In der Küche beruhigte ich meinen rebellierenden Magen mit Toast und Wasser. Meine Zeit hier neigte sich dem Ende zu. Ich konnte es nicht riskieren, entdeckt zu werden.

Aber wo sollte ich hin?

Es gab nur eine Möglichkeit. Nur noch einen Ort, der mir wichtig war. Den ich beschützen konnte. Vorausgesetzt, mein Großvater und Luca waren mir nicht zuvorgekommen. Doch sie hätten mir gesagt, wenn sie Marina gefunden hätten. Allein, um zu zeigen, dass ich ohne sie nichts war.

Neben der Eingangstür fand ich eine dunkelblaue Regenjacke, die ich mir genauso wie den gelben Schirm stibitzte. Nicht dass ich vorhatte, mit einem offenen Schirm durch die Gegend zu laufen, aber er war die einzige Waffe, die ich hatte finden können. Natürlich neben dem Küchenmesser, das in ein Küchentuch gewickelt in meinem Hosenbund steckte.

Dann ging ich wieder durch die Hintertür nach draußen. Die Kapuzen des Hoodies und der Regenjacke zog ich mir tief ins Gesicht. Obwohl ich noch immer zitterte und schrecklich erschöpft war, hatte die Wärme vom Duschen geholfen. Außerdem schien die tödliche Magieessenz Kräfte in mir freizusetzen, von denen ich nicht geglaubt hatte, dass sie noch existierten. War es vielleicht doch nicht der Tod, der auf mich lauerte?

Ich brachte Abstand zwischen mich und das Haus. Ein Block. Zwei. Dann fand ich ein Auto, das nicht abgeschlossen war. Ein unauffälliger Renault, den ich problemlos mit dem Werkzeug aus dem Kofferraum kurzschließen konnte. Bevor ich entdeckt wurde, fuhr ich davon.

Die Heizung stellte ich auf volle Leistung, und nach ein paar Minuten merkte ich, wie das Beben meines Körpers endlich nachließ. Das Essen dämmte den Schock ein, der mich seit Stunden fest im Griff gehabt hatte. Ich konnte nicht fassen, was geschehen war, und ich war unfähig, meine Gedanken zu sortieren.

Nur eine Sache war klar: Ich musste sehen, dass es Marina gut ging. Obwohl ich ihr bisher nicht hatte verzeihen können, war sie meine Schwester, und ich liebte sie mehr als alles andere. Für sie hatte ich überlebt. Für sie hatte ich jeden Tag voller Verzweiflung und Qualen ertragen.

Blackburn hatte mich stunden-, vielleicht auch tagelang gefoltert. Das machte mich nervös. Nicht um meinetwillen, sondern wegen Micah und Marina. Hatten sie von meiner Festnahme gehört? Bestimmt. Ich konnte bloß hoffen, dass keiner von ihnen den Helden hatte spielen wollen und sich damit verraten hatte. Ich würde es nicht ertragen, meine Schwester ein weiteres Mal zu verlieren.

Mit felsenfester Überzeugung konnte ich sagen, dass es der letzte Nagel wäre, der meinen Sarg verschließen würde. Für immer.

Ein paarmal fuhr ich in die falsche Richtung, weil ich mich nicht vollkommen fokussieren konnte. Es ging sogar so weit, dass ich an meiner Erinnerung zweifelte. Stand Micahs Haus wirklich in dieser Gegend?

Ich büßte einen Teil meiner Geschwindigkeit ein, als ich durch den Regen blinzelte, um jedes Haus am Straßenrand genau zu betrachten. Die quietschenden Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren, doch sie konnten sich gegen den unheilvollen Regen kaum durchsetzen.

»Da ist es«, murmelte ich stirnrunzelnd. Das Haus war in Dunkelheit getaucht, und es bewegte sich nichts. Auch die Kameras schienen nicht zu laufen, was mir sofort den Atem raubte. Die roten Kontrolllämpchen drangen nicht wie letztes Mal durch die Dunkelheit. Mein Magen drehte sich um. »Bitte nicht.«

Ich parkte den Wagen ein Stück weit vom Haus entfernt, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Draußen verschleierte der Regen hoffentlich mein Näherkommen, falls sich Hunter in der Nähe auf die Lauer gelegt hatten.

Hatten sie herausgefunden, dass Micah meine Schwester versteckte? Doch wie? Hatte ich sie auf irgendeine Art verraten, während mich Hargraves gefoltert hatte?

Natürlich konnte ich mich nicht daran erinnern, irgendetwas von Wert gesagt zu haben, aber es wäre nicht das erste Mal, dass mein Gedächtnis mir einen Streich spielte.

Den Regenschirm hielt ich fest mit einer Hand umfasst, während die andere über dem Messer schwebte. Ich würde mich nicht überraschen lassen. Selbst wenn meine Bewegungen träge und meine Lider schwerer geworden waren.

Als ich auf die Veranda trat, hatte sich noch niemand gezeigt. Doch ich konnte nunmehr sehen, dass die Vordertür angelehnt war. Jemand war eindeutig ungebeten eingedrungen. Das Holz war gesplittert, das Schloss zerstört.

Mit der Spitze des Schirms stieß ich die Tür weiter auf und erhaschte einen Blick in den düsteren Flur. Trotz der Dunkelheit konnte ich die umgeschmissenen Möbel und zerrissenen Vorhänge sehen.

Langsam trat ich ein und versuchte, keine lauten Geräusche zu verursachen. Es half, dass ich nicht mehr zitterte und sich meine Atmung weitestgehend beruhigt hatte. Trotzdem kam ich hier und dort noch mit den schweren Sohlen auf zerbrochenem Glas auf, das darunter verräterisch knirschte.

Ich drehte mich im Wohnzimmer einmal um die eigene Achse. Erinnerungen daran, wie ich Marina begegnet war, hüllten mich ein. Was war geschehen? Hatte man sie entdeckt?

Nach kurzem Zögern lehnte ich den Schirm gegen das Sofa, dessen Polster jemand mit einem Messer aufgeschlitzt und ausgeweidet hatte, und streckte meine Hand aus. Sobald sie flach auf dem Stoff lag, rief ich meine Magie. Meine Hexenrunen leuchteten rot auf, ehe ich in die jüngsten Erinnerungen gesogen wurde.

Insgesamt fünf Hunter bewegten sich durch den Wohnraum, zerstörten alles voller Hass und Enttäuschung. Micah saß mit dem Rücken zum Sofa auf dem Boden; lehnte mit gefesselten Händen dagegen. Aus einer Platzwunde an seinem Haaransatz lief Blut, und Tränen rannen seine dunklen Wangen hinab, die ich als unsichtbare Beobachterin als ehrlich empfand.

Die Hunter schien dieses Zeichen von Empfindungen jedoch weiter anzustacheln, statt zu besänftigen.

»Wo ist deine Hexenschlampe?«, rief einer der Hunter, den ich einmal in der Mensa gesehen hatte. Er besaß grobe Gesichtszüge und ein dafür zu kleines Gesicht.

»Wir wissen von ihr«, sagte seine Partnerin und bleckte die Zähne. »Der General hat dich beschatten lassen. Ständig warst du voller Magie.«

»Hier ist niemand«, beteuerte Micah. »Das ist ein Missverständnis, ich …«

Waren sie wirklich so unvorsichtig gewesen? Klar, als ich hier gewesen war, hätte ich ganz schön blind sein müssen, damit mir die Magiespur nicht auffiel. Doch wie oft hatte Marina Magie gewirkt? Wie nachlässig war Micah mit der Zeit geworden? Im Quartier selbst, während unserer zugegeben nicht häufigen Begegnungen, hatte er keine offensichtliche Spur aufgewiesen, was nur bedeuten konnte, dass er sich auf seinem Weg von hier bis zum Stützpunkt davon befreit hatte.

»Jovi, das Foto«, sagte wieder der Erste und schnippte ungeduldig mit den Fingern.

Jovi, seine Partnerin, holte das gerahmte Foto von Micah und Marina vom Sims und reichte es ihm. Das Foto daneben, das meine Eltern, Marina und mich zeigte, beachtete er nicht weiter.

Der Hunter nahm sich nur einen Moment Zeit, es zu betrachten, ehe er es mit voller Wucht auf Micah warf. Er bekam die Kante gegen die Wange und zuckte heftig zusammen. Die gefesselten Hände hatte er nicht schnell genug heben können, um sich zu schützen. Auch dort platzte seine Haut auf.

Ich zog mich aus der Erinnerung heraus, und zu meiner Überraschung gelang es mir. Normalerweise musste ich viel stärker gegen den Sog ankämpfen, und selbst dann funktionierte das nicht immer.

Konnte das auch an der Magieessenz liegen, die nach wie vor in meinen Adern stob?

Das Geschehen, so schlimm es auch für Micah gewesen war, beruhigte mich minimal. Marina hatte offenbar rechtzeitig fliehen oder sich verstecken können. Oder hatten sie sie später entdeckt?

Ich durchsuchte das ganze Haus. Klopfte gegen Dielen und Wände. Aber weil bereits alles zu Kleinholz verarbeitet worden war, blieb kaum noch eine Versteckmöglichkeit übrig.

Nachdenklich stand ich in Marinas Kunststudio, in dem kein einziges gemaltes Bild heil geblieben war. Jemand hatte mit einem Messer durch die Leinwände gestochen und sie von den Keilrahmen gelöst. Ich blickte in den verschleierten Garten hinab. Mein Blick wurde von dem unscheinbaren Holzschuppen angezogen, und aus einem Impuls heraus lief ich nach unten und durch die Hintertür hinaus.

Der Schuppen war gerade groß genug, damit ich mich nicht bücken musste, und es gab bloß einen schmalen Gang. Beidseitig standen meterhohe Schwerlastregale mit Werkzeugen und Utensilien für die Gartenpflege.

Ich suchte alles ab, doch als ich keinen Hinweis auf Marina finden konnte, nahm ich erneut meine Magie zu Hilfe. Ließ sie aufflammen und mich einnehmen, als ich durch eine Erinnerung nach der nächsten wütete, ehe ich fand, wonach ich gesucht hatte.

Marina und Micah zusammen hier stehend. Micah, der ihre Handknöchel küsste. Micah, der sich umdrehte und an die Wand gegenüber dem Eingang klopfte. Bevor ich sehen konnte, was dann geschah, wurde ich weiterkatapultiert.

Nein, warte!

Zum Glück aber wurde mir die jüngste Erinnerung gezeigt. Marina stürmte mit aufgerissenen Augen in den Schuppen. Noch einmal sah sie über ihre Schulter, ehe sie wie Micah zuvor gegen die Wand klopfte. Nein, drückte. Dahinter wurde ein klitzekleiner Raum sichtbar, und sie verschwand darin.

Wieder konnte ich mich mühelos von den Erinnerungen des Schuppens lösen und im Hier und Jetzt meine Suche fortsetzen.

»Marina?«, rief ich, als ich gegen die Wand klopfte und es klickte. »Ich bin es, Sophia.«

Die Wand öffnete sich und offenbarte meine Schwester, die mit zerzaustem Haar auf dem Boden hockte. Blinzelnd sah sie zu mir hoch. Sie musste irgendwann eingeschlafen sein. Tränen schossen ihr sofort in die Augen, als sie mich erkannte.

»Sophia!« Schluchzend legte sie die Arme um meine Beine. »Sophia! Ich hatte solche Angst. Sie haben Micah und … Oh, Mondgöttin, was sollen wir nur tun?«

2

Chaos

SOPHIA

Der Kloß in meinem Hals wurde größer. Sie war am Leben. Ich hatte sie kein zweites Mal verloren. Sie war bei mir. Ich konnte sie weiterhin beschützen.

Danke, danke, danke.

»Steh auf, Marina«, bat ich sie harsch, um zu ihr durchzudringen. »Es ist nicht sicher hier. Wir müssen gehen.«

Sie gehorchte sofort, wofür ich unglaublich dankbar war. Ich konnte nicht abschätzen, wie lange ich noch körperlich durchhielt. Mehr und mehr merkte ich, wie ich unkonzentriert wurde, weil die Erschöpfung an meiner Existenz nagte. Mein Arm schmerzte so unglaublich heftig, dass die Empfindung sogar durch die Taubheit drang, die sich über mein ganzes Sein gestülpt hatte.

Da das Licht der Straßenlaternen durch die Lücken im Holz zu uns drang, konnte Marina zumindest einen Teil meiner Verletzungen sehen. Sofort hörte sie auf zu weinen. Mit einer Hand fuhr sie über meine Wange, ohne mich aber zu berühren.

»Was ist geschehen? Sind sie deinetwegen gekommen?«

»Ich …« War es meine Schuld?

»Sag es mir, Soph! Was ist passiert?«

»Ich weiß es nicht, okay? Ich kann es dir nicht sagen«, rief ich, weil ich so nah dran war, die Kontrolle zu verlieren. Heiße Tränen stiegen mir hoch. »Gerade gebe ich mir die größte Mühe, für dich nicht auseinanderzubrechen. Wenn ich einen Augenblick innehalte, ist es vorbei. Hast du verstanden, was ich damit sagen will?«

»Was ist vorbei?«, fragte sie leise.

»Mit mir ist es vorbei. Ich … Göttin, ich habe gedacht, dass ich alles verstanden hätte. Alles beachtet. Überraschung! Hatte ich nicht. Ich weiß nicht mehr, was richtig ist, was falsch. Ich hasse ihn so sehr, dass es meine Existenz komplett zerstört. Ich wünschte, er wäre tot. Ich wünschte, ich wäre tot. Ich …«

»Soph …« Sie strich mir über die Jacke.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch die Nase ein. »Später, Marina. Später erzähl ich dir alles.« Noch ein klein wenig länger musste ich durchhalten. »Bist du verletzt? Können wir gehen?«

»Mir geht es gut«, sagte sie zögerlich. Kein Wunder, sie musste denken, dass ich den Verstand verloren hatte. »Wir haben die Hunter rechtzeitig auf der Kamera am Ende der Straße gesehen. Micah wollte nicht mit mir kommen …«

»Er wollte dich beschützen. Hier, nimm den Schirm.« Ich konnte fast nicht glauben, dass Micah sich freiwillig geopfert hatte. Vermutlich hatte er gedacht, er könnte mit ihnen reden. Die Sache klären. Oder dass die Hunter ohne einen von beiden nicht aufgeben würden, nach ihnen zu suchen. Scheinbar hatte er mit der Einschätzung richtig gelegen, doch ich wollte und konnte mich darauf nicht verlassen.

»Was soll ich damit?«

»Dich verteidigen, wenn du deine Magie nicht einsetzen kannst.«

»Glaubst du, sie kommen zurück?« Mit dem Handrücken wischte sie sich über Mund und Nase. Ihre weiße linke Pupille, ihr Hexenmal, leuchtete gespenstisch. Das blonde Haar hatte sie zu einem unordentlichen Knoten auf ihrem Kopf zusammengebunden. Einzelne Strähnen klebten an ihren schmutzigen Wangen. So aufgelöst hatte ich sie noch nie gesehen.

»Hoffen wir nicht. Bereit?«

Bevor wir den Schuppen verließen, hielt sie mich an meinem Ärmel fest.

»Können wir noch mal ins Haus? Ein paar Sachen holen? Wenn wir sowieso nie wieder zurückkehren …«

Ich dachte kurz darüber nach, ehe ich mich dafür entschied. Das Haus war leer gewesen. Ich hatte mich lange genug darin aufgehalten, um jedwede Falle auszulösen. Doch nichts war geschehen.

»Wir beeilen uns«, sagte ich, dann traten wir nacheinander in den Regen hinaus … und hinein in die Arme von zwei Huntern.

Jovi und ihr Partner. Sie hatten sich in den Garten geschlichen, während ich abgelenkt gewesen war. Jovi grinste selbstzufrieden.

Verdammt.

»Siehst du, Dan, ich hab recht gehabt. Die Maus hat sich hier verkrochen«, sagte sie selbstgefällig.

Dan, der andere Hunter, wirbelte mit seiner Machete herum, wirkte dabei aber eher grobschlächtig als talentiert. Er grunzte lediglich seine Zustimmung.

»Es tut weniger weh, wenn ihr euch sofort ergebt«, sagte Jovi überheblich. »Habe ich mir zumindest sagen lassen.«

Zorn brannte in mir und gab mir einen Teil meiner Schlagfertigkeit zurück, die ich seit meiner Entdeckung durch Kommandantin Blackburn eingebüßt hatte. Obwohl ich wegen meiner eigenen Art und ihrer rücksichtslosen Vorgehensweise verwirrt war, war es nun einfach, die Hunter als meine Feinde zu sehen. Sie wollten meine Schwester und mich töten. Also würde ich sie zuerst beseitigen.

»Ach ja? Von Toten?« Ich holte mein Messer hervor. Das Küchentuch fiel ins nasse Gras. Ich musste vorsichtig sein, damit ich im Kampf nicht ausrutschte. Denn zu einem Kampf würde es sicher kommen, und ich büßte bereits die Bewegungsfreiheit meines linken Armes ein.

Marina rief ihre Magie. Ihre Augen und Hexenrunen leuchteten hell auf. Kurzzeitig sah ich die Angst in Dans Augen aufflammen, was ich zu gut verstehen konnte. Trotz allem war Marina eine der stärksten Hexen, die es gab.

»Wie wäre es, wenn wir euch die Chance geben, euch aus dem Staub zu machen?« Obwohl unrealistisch, hoffte ein großer Teil von mir, dass sie es täten. Schließlich war ich nach wie vor verletzt. Meine Magiereserven waren zwar gefüllt, doch im Gegensatz zu Marina konnte ich kaum etwas damit tun. In meinen Trainingsjahren unter Verlaine hatte ich gelernt, die Elemente zu wirken, und war darin erprobt, damit meine Körperkraft zu stärken; doch gegen Hunter gewinnen ließ es sich damit nicht. Meine Verletzungen verhinderten zudem, dass ich mich mühelos wehren und meine einzige Stärke, nämlich die meiner Kampfkünste, ausspielen konnte.

»Ihr wollt es also auf die harte Tour? So sei es«, entgegnete Dan und stürzte sich mit einem Schrei und erhobener Machete auf mich. Er machte dadurch einen Bogen um Marina, sodass sich Jovi um sie kümmern musste.

Je schneller ich den Hunter ausknockte, desto eher würde ich Marina helfen können. Ich hatte sie nicht gefragt, wie geübt sie war. Ob sie überhaupt in den vergangenen Jahren ihre Magie eingesetzt hatte. Doch das musste sie getan haben. Wieso sonst war Micah voller Magie gewesen?

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Er hatte mit ihr geübt. Hatte diesen Teil von ihr nicht nur akzeptiert, sondern gefördert, damit sie nie wieder hilflos wäre.

Dafür respektierte ich ihn ein klitzekleines bisschen.

Mein Küchenmesser kam nicht gegen die Machete an, natürlich nicht. Darum duckte ich mich unter seinem Schlag hindurch. Es war ein kalkuliertes Risiko, über den Rasen zu rutschen, doch ich kam erfolgreich auf der anderen Seite seines Armes raus. Sofort rappelte ich mich auf, um dann mit dem Messer in seinen Rücken zu stoßen. Er bewegte sich behänder als erwartet, sodass ich nur seine Jacke erwischte. Das Messer rutschte mit der Spitze an der Sicherheitsweste ab.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Marina Jovi mit Feuersalven beschäftigte, die von ihrer Weste abprallten.

Dann musste ich wieder auf mich achten. Dan drehte seine Machete erneut und fixierte mich mit einem blutrünstigen Blick, der mir bis ins Mark ging. Doch er machte mir keine Angst. Er festigte meine Entschlossenheit. Nie wieder würde ich vor Jägern kuschen.

»Komm schon, Hunter.« Ihn zu mir winkend, zeigte ich ihm die Zähne.

Er legte den Kopf schief. »Jetzt weiß ich es. Du bist die Strega, die sich in unsere Reihen geschlichen hat.«

»Es war zu einfach«, antwortete ich grinsend, während mein Arm mit der Schusswunde schmerzhaft pochte. Mist.

»Ich werde es genießen, dich auseinanderzunehmen.« Zu meiner Überraschung warf er die Machete auf mich drauf. Ich sprang mit einem Ausruf zur Seite. Er nutzte meine Ablenkung, um sich mit seiner Masse auf mich zu stürzen. Als er mich zu packen bekam, rollten wir mehrmals über den Rasen, bis er schließlich die Oberhand behielt. Er setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf meinen Oberkörper, ehe er seine riesigen Hände um meinen Hals legte. Bevor er jedoch zudrücken konnte, schlug ich ihm mit der Handkante gegen seinen Kehlkopf. Er löste keuchend den Griff, und ich konnte ihn wieder zur Seite drehen.

Es herrschte Chaos. Keiner von uns wollte für eine Sekunde nachgeben. Er rammte mir eine Faust in die Magengrube, ich dankte es ihm mit einem Ellbogencheck gegen den Wangenknochen, der unter der Wucht splitterte. Es war ein Hin und Her. Ein Geben und Nehmen. Dann kam der Moment, als er versehentlich meine Schusswunde berührte und ich zusammenzuckte. Der Hunter, der er war, hatte meine Reaktion sofort wahrgenommen, und er drückte mit allem, was er hatte, zu.

Ich schrie auf, während über uns weitere Feuersalven hinwegfegten. Er drehte mich wieder auf den Rücken und setzte sich auf meinen Bauch, sodass ich das Gefühl hatte, zerquetscht zu werden.

In mein Sichtfeld schoben sich schwarze Schatten, doch die Magie in mir rebellierte, als die erste Faust auf meine Wange traf. Dann die zweite. Ich spürte eine unbekannte Hitze, die durch mich hindurchbrannte. Sie löste ein unbändiges Verlangen in mir aus, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte ich seinen Arm weggeschlagen, mich vorgebeugt und meine Zähne in seinen Hals gerammt.

Obwohl ich meine Augen geschlossen hielt, sah ich durch die Lider, dass meine Runen aufflammten. Doch zu dem Rot mischte sich Schwärze. Bevor ich die Veränderung analysieren konnte, überkam mich die Empfindung, die ich aus seinem Blut filterte. Die Magie, die in ihm nicht existieren sollte. Doch da war sie, und ich entzog sie ihm, um sie mir selbst einzuverleiben. Mit einer Hand in seinem kurzen Haar riss ich seinen Kopf weiter zurück, damit ich besser an sein Blut kam. Meine Bauchmuskeln protestierten wegen der unangenehmen Haltung, aber mein Verlangen nach mehr siegte.

Anfangs zappelte Dan noch, ohne etwas gegen mich ausrichten zu können. Als würde ich ihm sämtliche Kraft aussaugen. Ich konnte mich nicht zurückhalten.

Wie ein Vampir hing ich an seiner Halsschlagader und stillte das Verlangen in mir, bis ich mich unbesiegbar fühlte. Das Blut schmeckte nicht mal wie Blut. Es war … Macht.

Ich löste mich von ihm.

Blut vermischte sich auf meinem Gesicht mit kaltem Regen. Mein Auge war von einem der Schläge zugeschwollen, und meine Schulter pochte unangenehm; doch innerlich fühlte ich mich frei und unbesiegbar.

Dan fiel nach hinten. Seine Augen glasig. Ich blickte von ihm auf mich herunter und sah, dass meine Adern schwarz durch meine Haut und zwischen den Hexenrunen schimmerten. Was zum Henker …?

3

Durch den Regen

SOPHIA

»Sophia!«, rief Marina, die auf mich zueilte. Als sie vor mir stand, hielt sie sich erschrocken eine Hand an ihre Lippen. Es war die Angst in ihrem Gesicht, die mich wieder zurückholte.

Meine Hexenrunen und die schwarzen Adern verschwanden. Die verworrene Magie entließ mich aus ihren Klauen. Ich atmete auf.

»Ich wollte … dich nicht erschrecken«, sagte ich rau. Es war, als hätte ich mit meinen Worten den Bann gebrochen. Marina half mir augenblicklich, aufzustehen. »Die andere Hunter?«

»Ausgeknockt«, antwortete sie vorsichtig. »Was war das?«

»Ich weiß es nicht«, log ich, denn auch wenn ich nicht genau benennen konnte, was mit mir geschehen war, wusste ich, dass es mit der Magieessenz zusammenhing. Aber es war unmöglich, mich jetzt der Angst hinzugeben. Erst musste ich dafür sorgen, dass Marina in Sicherheit war. »Pack deine Sachen zusammen, Marina. Wir müssen los.«

»Ist er tot?« Sie blickte auf Dan hinab.

»Geh«, sagte ich anstelle einer Antwort. »Ich warte auf der Veranda.« Dieses Mal gehorchte sie und ließ mich mit den Huntern allein.

Dan ignorierend, stampfte ich zu Jovi, um sie um ihre Waffen und Smartphone zu erleichtern, bevor ich sie mit ihren eigenen Handschellen an den Schuppen kettete.

Zurück bei Dan tat ich bis auf die Schellen das Gleiche. Reue stieg in mir auf. Eigentlich hatte ich ihn nicht töten wollen. Was war über mich gekommen? Was hatte die Essenz in mir verändert? War ich zu einem Vampir geworden? So was gab es doch nicht.

Ich drückte die Fingerkuppen gegen meine Zähne, doch sie wirkten nicht spitzer als zuvor. Oder war das nur eine kurzzeitig anhaltende Veränderung? Würde die Dunkelheit mich immer wieder überwältigen? Ehrlich gesagt war ich unsicher, ob ich mich lieber mit dieser Katastrophe rumschlagen wollte oder mit meinem unmittelbaren Tod.

»Fuck«, stieß ich aus, ehe ich mich in Bewegung setzte.

*

Zehn Minuten später saßen wir in einem anderen gestohlenen Wagen. Es wäre zwar weniger umständlich gewesen, mit dem Renault weiterzufahren, doch dieser konnte bereits zur Fahndung ausgeschrieben sein. Nach wie vor musste ich mich unbedingt von den Cops fernhalten. Sie waren von den Huntern infiltriert, und mit Sicherheit würden sie mich an sie übergeben. Vorausgesetzt, die Hunter suchten noch nach mir.

Als würde Benson dich gehen lassen …

»Hast du Geld mitgenommen?«, fragte ich Marina, die nicht aufhörte, mich von der Beifahrerseite aus anzustarren.

Ich warf ihr bloß einen kurzen Blick zu, denn die Sicht war schlecht und ich musste mich auf die Straße konzentrieren. Trotzdem erkannte ich die Sorge in ihr wieder, die gegen die Erschöpfung ankämpfte. Ihr blondes Haar war zerzaust, und auf ihrer Wange befand sich ein langer Kratzer.

»Ein paar Tausend«, antwortete sie langsam. »Lass mich dein Auge heilen.«

»Jetzt nicht.«

»Doch, jetzt, bevor du einen Unfall baust.« Ich hatte ehrlicherweise vergessen, dass Marina dazu fähig war, zu heilen. Sie war eine Strega, die nicht nur mehrere Elemente befehligen konnte, sie war auch in unterschiedlichen begabt. Normalerweise kristallisierte sich irgendwann ein Element heraus, das man besonders talentiert wirken konnte. In meinem Fall war es das Mentalelement. In Marinas Fall … viel zu viele.

»Okay«, gab ich nach, weil sie recht hatte. Außerdem hatten wir bereits ausreichend Distanz zwischen uns und dem Haus geschaffen. Ich lenkte den Wagen auf den Seitenstreifen und erlaubte Marina, eine Hand an meine Wange zu legen.

Ich spürte Wärme durch mich hindurchfließen und dann die Abwesenheit von Schmerz. Seufzend schloss ich die Augen, als sie sich weiter ausbreitete, bis sich eine angenehme Taubheit über mich gelegt hatte.

Marina zog sich wieder zurück. Ihr Gesicht glänzte feucht. Dieses Mal vom Schweiß statt vom Regen.

»Mehr schaff ich gerade nicht, aber das Schlimmste sollte versorgt sein.«

Tatsächlich konnte ich meinen Arm mit der Schussverletzung problemlos bewegen, wie ich nach einem Moment feststellte.

»Danke.« Ich setzte unsere Fahrt zum Hafen fort.

»Wofür brauchen wir das Geld?«, fragte Marina später.

»Um unterzutauchen.« Weil ich weder den Huntern noch den Strega vertraute, waren meine Möglichkeiten dafür beschränkt. Doch immerhin gab es noch welche.

»Und wie? Was ist mit Micah?« Sie krallte die Finger in ihren Mantel.

Ich versuchte, nicht verletzt zu sein, dass sie nach wie vor daran glaubte, dass Micah lebte, mich aber so schnell abgeschrieben hatte. Darum ging es jetzt nicht.

Natürlich nicht. Nie ging es um meine Gefühle und das, was mir wichtig war.

Verkriech dich jetzt nicht in Selbstmitleid!

»Ich kenne eine Schmugglerin. Benson … Er hat mich ihr vorgestellt«, sagte ich bemüht ruhig.

»Wirklich? Hältst du das für eine kluge Idee? Sie arbeitet doch mit Huntern zusammen, oder nicht?«

»Sie arbeitet für Geld. Das reicht.« Zumindest hoffte ich das.

Rizz hatte mir direkt bei unserer ersten Begegnung imponiert. Ich wollte daran glauben, dass sie ebenfalls Sympathien für mich und mein Geld hatte. Genug, um uns nicht zu verraten. Ihre gekaufte Loyalität war mehr wert als die falsche Treue, die Benson mir gegeben hatte.

Kurze Zeit später erreichten wir ohne weitere Zwischenfälle das Gebäude mit dem Schild, auf dem Quartermaster geschrieben stand.

»Ich geh allein«, sagte ich und löste den Sicherheitsgurt.

»Auf keinen Fall. Ich komme mit.« Marina sah mich mit herausfordernd vorgerecktem Kinn an. Seltsamerweise war es letztlich der Blick in ihre weiße Pupille, der mich davon überzeugte, sie mitzunehmen. Sie war eine Strega. Wie ich. Wir gehörten zusammen.

»Okay. Aber halt dich an meine Anweisungen, ja?«

»Verstanden.« Ich war froh, als sie nickte und nicht die Ich-bin-älter-als-du-Karte ausspielte.

Mit bis zum Hals klopfendem Herzen huschte ich neben Marina durch den Regen, bis wir die Tür erreicht hatten. Wir mussten weder klingeln noch anders auf uns aufmerksam machen, da Rizz schon die Tür aufzog.

»Was machst du denn hier?«, rief sie, ehe sie meinen Aufzug wahrnahm. Das Blut. Die zerrissene Kleidung. »Kommt rein, bevor euch jemand sieht.«

Sie wandte uns nicht den Rücken zu und wartete, bis wir nacheinander in den langen Flur getreten waren.

»In den Wohnraum?«, fragte ich.

»Ja, los.« Sie scheuchte uns mit ihren Händen nach vorn. »Seid ihr auf der Flucht? Was ist passiert?«

»Mehr oder weniger«, antwortete ich auf eine der beiden Fragen, da ich nicht die andere beantworten wollte.

»Nicht auf den Teppich!«, warnte sie. Marina und ich gehorchten und blieben auf dem polierten Holzfußboden stehen, den wir mit Blut und Regen volltropften. Das letzte Mal war ihr meine nasse Kleidung egal gewesen. Womöglich scherte sie sich um das Blut.

Das einzige Möbelstück war nach wie vor der riesige Tisch, der dieses Mal allerdings nicht mit einer Decke verhüllt war. Auch lagen keine Waffen darauf parat. Sie hatte scheinbar keinen Besuch erwartet, was uns zugutekam.

Nur kurz fragte ich mich, wer außer Benson Gray noch ihr Kunde war. Weitere Hunter? Strega? Normalsterbliche? Dann wiederum hatte das nichts mit mir zu tun, und ich verwarf jedweden Gedanken daran wieder.

Rizz, die selbst mitten in der Nacht geschminkt war, zog den seidenen Morgenmantel um ihren voluptuösen Körper. Ihre Füße steckten in dazu passenden pinken Pantoffeln mit Fellbesatz und Glitzersternchen. Ich liebte alles daran.

»Wo ist Gray? Geht es meinem Goldbärchen gut?«

Natürlich erkundigte sie sich nach ihm.

»Gray und ich arbeiten nicht länger zusammen. Unüberwindbare Differenzen«, spuckte ich aus.

Rizz musterte mich, ehe sie Marina einen kurzen Blick zuwarf. Sie schien zu merken, dass wir keineswegs hier waren, um Small Talk zu betreiben, und richtete sich auf. Dadurch überragte sie mich um fast einen Kopf.

»Was kann ich für dich tun, Babe?«

»Ich brauche einen Platz für meine Schwester. Einen sicheren Ort.«

»Was? Nein, ich komme mit dir!«, rief Marina. Ich fasste in die Sporttasche, die sie mitgenommen hatte, fand das Geld und legte es auf den Kaminsims neben mir. All das, ohne sie mit einer Erwiderung zu bedenken.

»Für meine Schwester«, wiederholte ich betont.

Marina sah mich an, als würde sie mich erdolchen wollen. Doch meine Schwester war sieben lange Jahre behütet gewesen. Sie hatte Micah verloren, ja, aber sie wusste nichts von der Welt. Ich war froh, dass sie sich verteidigen konnte, aber ich würde sie nicht noch einmal verlieren. Und wenn ich dafür ihren Unmut auf mich zog, dann würde ich auch diesen irgendwie ertragen. Das Risiko, dass Gramps oder Blackburn sie in die Finger bekämen, war zu groß. Allein würde sie sich nicht gegen eine Armee verteidigen können.

»Wieso denkst du, dass ich so etwas vermittle? Einen geheimen Unterschlupf?« Rizz reagierte wieder geschäftsmäßig, was mich erleichterte. Damit konnte ich arbeiten.

Es half außerdem, dass mich Marina geheilt hatte und die Schmerzen mich nicht mehr niederzuringen drohten.

Ich machte ein abfälliges Geräusch. »Du verkaufst alles, was dir Geld einbringt.«

Sie schielte zu dem Bündel Geldscheine, das mit einem Gummiband zusammengehalten wurde. »Wie viel hast du?«

»Genug.«

Rizz lachte. »Eine spannende Verhandlungspartnerin bist du. Damit habe ich schon gerechnet. Also gut.«

»Benson Gray darf davon nichts erfahren. Niemand außer uns«, fügte ich hinzu, für den Fall der Fälle.

»Weil du eine Strega bist?«

»Wie …?« Nicht dass es mich vollkommen überraschte, dennoch …

Der Regen hatte fast alles an magischen Spuren von unseren Körpern gewaschen, und das bisschen, das uns noch anhaftete, sollte uns nicht verraten. So wenig fand man gelegentlich auch bei normalen Menschen, die durch eine Magiespur gelaufen waren.

Rizz winkte ab und zog die Nase kraus. »Ach, ich kann euresgleichen eine Meile gegen den Wind riechen. Aber keine Sorge, euer Geheimnis ist hier sicher. Schließlich habt ihr bezahlt.« In Windeseile hatte sie das Geld eingesteckt.

»Das Geheimnis ist kein Geheimnis mehr. Kümmere dich lieber um die Unterbringung.«

Das hingegen schien Rizz zu überraschen. Sie wirbelte herum, weil sie wieder Abstand zwischen uns gebracht hatte. Hatte ich noch Blut im Gesicht? Fürchtete sie sich vor mir?

»Oh? Und warum willst du nicht zusammen mit ihr verschwinden?«

»Ich habe Sachen zu erledigen. Rache zu planen. Hunter zu töten.«

»Oh, Mannomann.« Sie fächelte sich gespielt Luft zu. Ihre Stimme wieder drei Oktaven tiefer. »Das macht mich ganz wuschig.«

»Also?« Ich musste mir tatsächlich ein Lächeln verkneifen. Seltsam, dass ausgerechnet Rizz dazu fähig war, mir mit ihrem Verhalten einen Hauch Leichtigkeit zurückzubringen.

»Es gibt da ein Versteck. Die Kontaktperson ist ein bisschen heikel. Er trifft seine Kunden nur an einem bestimmten Ort. Aber dort, wo er euch hinbringt, wird es sicher sein. Das kann ich versprechen«, sagte sie langsam. Mit den künstlichen bunten Fingernägeln tippte sie auf den Tisch.

»Nehmen wir.«

»Soph«, flehte Marina. »Lass uns noch mal darüber reden.«

»Über was genau?«

Rizz blickte von mir zu Marina. »Ich lasse euch einen Moment allein … oder kann ich euch mit noch was dienlich sein?«

»Wir brauchen einen anderen Wagen.«

»Das würde etwas dauern.« Ich sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete.

Seufzend verdrehte ich die Augen. »Du hast mehr als genug Geld bekommen, Rizz.«

»Ja, schon gut. Kannst du Motorrad fahren? Ein Bike ist das Einzige, das kurzfristig bereit wäre.«

»Es wird gehen.« Ich war nicht die beste Fahrerin, aber Verlaine hatte dafür gesorgt, dass ich mich mit allen gängigen Transportmitteln fortbewegen konnte.

Rizz nickte und ging dann durch den hinteren Ausgang in einen anderen Raum. Marina trat auf mich zu, um meine Hände in ihre zu nehmen. Ihre Haut fühlte sich warm an im Gegensatz zu meiner.

Es ärgerte mich.

»Ich will nicht allein sein, Soph. Kannst du nicht mit mir dort bleiben?«

»Die erste Nacht ja, aber dann …« Ich konnte nicht weitersprechen, weil der Kloß wieder zu groß geworden war.

… aber dann muss ich Benson töten?

… aber dann muss ich Strega erledigen?

… aber dann hat mich die Magieessenz höchstwahrscheinlich dahingerafft?

Obwohl ich Letzteres nicht mehr befürchtete. Zumindest nicht in direktem Zusammenhang mit der Essenz. Sie hatte etwas mit mir angestellt, aber sie würde mich nicht töten. Hoffentlich nicht in naher Zukunft zumindest. Die unterschwellige Angst blieb allerdings.

Schließlich kehrte Rizz zurück und erstickte damit Marinas Proteste. Nicht dass sie irgendwelche überzeugenden Argumente vorbrachte. Es ging immer noch um das, was sie wollte. Nicht um das, was ich tun musste.

»Bist du bewaffnet?«, fragte Rizz.

Es irritierte mich, dass sie Marina fast gänzlich zu ignorieren schien. Andererseits war ich froh, nicht zwischen den beiden vermitteln zu müssen.

»Ausreichend.«

»Dann nimm den hier als Abschiedsgeschenk.« Sie reichte mir den handelsüblichen Elektroschocker.

»Für Benson?«

»Gray ist kein schlechter Kerl. Vielleicht gibt das Ding dir die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen, bevor du ihn abknallst.«

»Nicht nötig«, entgegnete ich, steckte den Taser aber trotzdem ein. Eine Waffe mehr konnte nicht schaden. Selbst wenn Benson eher Bekanntschaft mit meiner gestohlenen Beretta machen würde als damit.

Sie reichte mir einen Zettel, auf dem sie eine Adresse in Richmond vermerkt hatte.

»Eure Kontaktperson heißt Backster. Er wird dort sein. Auf seinem Gesicht ist eine Schlange tätowiert. Du wirst ihn schon erkennen. Es ist wichtig, dass du nur ihm vertraust. Leider verbringt er seine Zeit viel zu gern mit irgendwelchem Gesindel, okay? Das Bike steht vor der Tür. Hier sind die Schlüssel.«

»Danke.« Ich nahm sie an und wunderte mich, wie Rizz das Bike in so kurzer Zeit vor die Tür geschafft hatte. Vielleicht war sie nicht allein zu Hause.

»Mit dem äußersten und prickelndsten Vergnügen«, antwortete sie derart absurd, dass meine Mundwinkel zuckten.

Zusammen mit Marina trat ich nach draußen. Das schwarze Bike mit der blauen Flamme an der Seite stand nur wenige Meter entfernt von uns unter dem Vordach des Nachbarhauses. Zwei Helme lagen auf den Sitzen, die wir uns aufsetzten. Es gab definitiv einen Mitarbeiter, den Rizz mir vorenthielt. Sollte sie nur. Ich war nicht scharf auf ihre Geheimnisse.

Ich wartete, bis Marina die Tasche zwischen uns klemmte, bevor ich den Motor startete und im nachlassenden Regen davonbrauste.

4

 

Ihrer Grausamkeit entsprungen

BENSON

Meine Nase tat höllisch weh. Ich berührte sie kurz mit Zeigefinger und Daumen, doch der Schmerz wurde brutaler. Darum ließ ich die Hand wieder sinken.

Ich hatte das Quartier der Strega, das wir mittlerweile eingenommen hatten, bereits betreten. Die Strega waren entweder tot, gefangen oder geflohen.

So wie Thorn.

Mein Verstand scheute vor ihr zurück wie von einem gleich gepolten Magneten. Also konzentrierte ich mich auf die Untersuchung des mehrstöckigen Hauses. Scott Emerson hatte mich über den sicheren Kanal kontaktiert und mir mitgeteilt, dass gefangen gehaltene Hunter und Menschen gefunden worden waren. Ich hielt die Luft an, weil die Hoffnung erwachte. Es kann Nateesha sein. Hatte meine Suche endlich ein Ende gefunden? Ein glückliches Ende? Denn scheinbar waren die Gefangenen am Leben, wenn auch in keinem guten Zustand. Mehr hatte Emerson nicht dazu gesagt, und ich hatte mich nicht dazu überwinden können, per Walkie-Talkie nachzuhaken.

Ich trat durch die Vordertür und folgte den Stimmen, bis ich zu einem Flur gelangte, in dem ein Baustrahler aufgestellt worden war. Die einzelnen Glühlampen hatten nicht ausgereicht. Als müsste man den Albtraum komplett ohne Schatten sehen.

In der ersten Zelle fand ich Doc mit einer Assistentin, die sich gemeinsam um eine Frau kümmerten. Mir stockte der Atem, weil ich für einen fürchterlichen Moment Thorn sah.

Doch das war sie nicht.

Es war die richtige Anna Sophia Thornfield. Die Hunter, deren Identität Thorn gestohlen hatte, um den Stützpunkt zu infiltrieren. Um mich zu manipulieren und auszuhorchen.

Anna saß mit dem Kopf gegen die Wand gelehnt und sah schwer zugerichtet aus. Doc hatte sie an ein paar Geräte angeschlossen und suchte gerade an ihrer Hand nach einer Vene, um ihr einen Zugang zu legen.

Es war ein Schock, sie zu sehen. Die Anna, die eigentlich zum Stützpunkt hätte kommen sollen. Die Anna, deren Leben Thorn gestohlen hatte, um ihre Rache zu kriegen.

Meine Abscheu ließ sich kaum zügeln.

Anna sah genau so aus wie auf dem Bild in ihrem Profil. Wie hatte ich mich auch nur für eine Sekunde täuschen lassen können, dass es sich bei Thorn um die echte Anna handelte? Gott, es machte mich krank. Allein ihre Augen wären Hinweis genug gewesen, wenn mir nur ein einziges Mal der Gedanke gekommen wäre … Annas Augen waren blau, während Thorns Augen ein stechendes Grün aufwiesen. Doch obwohl ich ihre Akte auswendig kannte, war mir dieses Detail nie aufgefallen. Ich hatte mich nicht lange mit dem Profilbild abgegeben, weil ich das Original direkt vor mir gehabt hatte.

Oder zumindest hatte ich das geglaubt.

Doc bemerkte mich. Vermutlich hatte ich ihr Angst gemacht, weil ich wie ein düsterer Schatten unter dem Türsturz stehen geblieben war. Ihr Blick hellte sich jedoch auf, als sie mich erkannte.

»Gray, soll ich mich um deine Nase kümmern? Sieht schmerzhaft aus«, bot sie an. Sie hatte mich schon unzählige Male nach dem Training und diversen Missionen wieder zusammengeflickt. Nie hatte sie irgendwelche Fragen gestellt oder sich ein Urteil erlaubt, wenn ich gerade im Training über die Stränge geschlagen hatte. Weil ich ebenso wie Thorn auf der Suche nach Empfindungen und gleichzeitig auf der Flucht davor gewesen war.

»Geht schon. Kümmer dich besser um die anderen Verletzten«, sagte ich und zwang mich dazu, die nächste Zelle aufzusuchen.

Alles in mir schrie danach, umzukehren und Anna zu umarmen, obwohl sie nicht meine Thorn war. Thorn war niemals echt gewesen. Fuck.

Ich hatte ein dickes, fettes Problem, weil ich mich nach ihr sehnte, als wäre sie mein erster Fick gewesen. Sie war gar nichts. Sie war eine Mörderin. Eine Hexe.