Verlag: Verbrecher Verlag Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 1572

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Das A.P. Beerta-Institut - J.J. Voskuil

Der vierte Band von Voskuils Kult-Roman "Das Büro": Wir schreiben die Jahre 1975 bis 1979 im Amsterdamer Büro für Volkskunde, die gekennzeichnet sind durch Krankheit und Katastrophen. Der alte Direktor Anton Beerta lebt nach seinem Schlaganfall im Pflegeheim und ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Auch der Mutter von Nicolien geht es nicht gut: Sie wird zunehmend dement und muss ebenfalls in ein Pflegeheim. Nicht ganz so schlimm ist es um Ad Muller bestellt, doch seine vielen, mittlerweile chronischen Beschwerden - "müde Augen", "Rachenpusteln" und Fieberschübe bis an die 37-Grad- Grenze - zwingen ihn zu langen Pausen vom harten Büroalltag. Bart Asjes, die zweite Stütze in Maarten Konings Abteilung, beginnt ebenfalls zu schwächeln und muss sogar ins Krankenhaus - was glücklicherweise aber auch in seinem Fall keinen dramatischen Produktivitätsabfall für das Büro zur Folge hat. Überhaupt wird es für die Mannen im Büro zunehmend schwieriger, ihre Tage mit süßem Müßiggang zu füllen, denn plötzlich wird ihnen Leistung abverlangt, und zwar in Form vorzeigbarer Produkte. In der Not veranstaltet man ein Symposium, das allerdings völlig aus dem Ruder läuft, sowie eine kleine Ausstellung für den frisch bestallten Evaluator vom Ministerium. Und kaum hat man geglaubt, alle Angriffe erfolgreich abgewehrt zu haben, schlägt das Imperium erneut zurück: Der Fördermittelgeber verlangt Auskunft darüber, wann endlich mit dem Abschluss der "Bibliografie des geistlichen Lieds in den Niederlanden" zu rechnen ist, eines Projekts, an dem seit zehn Jahren still und leise herumgewerkelt worden ist, ohne dass jemals ein Hahn danach gekräht hätte. Was tun, zumal sich herausstellt, dass die Forschungsfrage seinerzeit falsch gestellt worden ist und es nun vermutlich niemals eine Antwort darauf geben wird?

Meinungen über das E-Book Das A.P. Beerta-Institut - J.J. Voskuil

E-Book-Leseprobe Das A.P. Beerta-Institut - J.J. Voskuil

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
(1975)
1976
1977
1978
1979
Personenliste Band 4
Editorische Nachbemerkung
Impressum und Copyright

J. J. Voskuil

Das Büro 4

Das A. P. Beerta-Institut

Aus dem Niederländischen von Gerd Busse

(1975)

»Erzähl erst mal: Wie geht es Beerta?«, fragte Kaatje Kater und wandte sich Maarten zu.

»Schlecht«, sagte Maarten. »Er ist halbseitig gelähmt, kann nicht mehr sprechen, und laut Ravelli liegt er den ganzen Tag da und weint.«

Buitenrust Hettema richtete sich ein wenig auf und reckte sein Kinn vor.

»Und die Prognose?«, fragte Kaatje Kater.

»Dem Neurologen zufolge besteht keine Aussicht auf Besserung.«

Kaatje Kater sah ihn von der Seite an. Ihre Augen wirkten hinter den dicken Brillengläsern sehr groß, wodurch sie einer Eule ähnelte.

»Tja«, sagte Maarten entschuldigend. Er musste sich zurückhalten, um nicht zu lächeln.

»Frau Vorsitzende«, sagte Stelmaker, »ich frage mich, ob wir als Kommission vielleicht etwas tun können, um unsere Anteilnahme zu bekunden.«

»Wir könnten ihm auf jeden Fall einen Blumenstrauß schicken«, schlug Goslinga vor und beugte sich über den Tisch.

»Können wir etwas tun?«, fragte Kaatje Kater Maarten. »Ich meine ja nur.«

»Im Augenblick nicht«, antwortete Maarten. »Ravelli zufolge ist er nicht ansprechbar. Er will auch niemanden sehen.«

»Das kann ich mir sehr gut vorstellen«, sagte Buitenrust Hettema trocken. »Man mag gar nicht daran denken.«

»Aber vielleicht, wenn es ihm besser geht?«, äußerte Vervloet vorsichtig.

»Das wollte ich gerade vorschlagen, Frau Vorsitzende«, sagte van der Land, wobei er seine Pfeife aus dem Mund nahm.

»Das ist auch, was ich gemeint habe«, bemerkte Stelmaker. »Dass wir jetzt schon mal den Schriftführer damit beauftragen, im Namen der Kommission ein Zeichen der Anteilnahme zu übermitteln, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Ich würde gern einen Beitrag dazu leisten.«

»Soll ich dann eine Karte herumgehen lassen, auf die die Kommis­sionsmitglieder ihre Namen setzen?«, schlug Maarten vor.

»Mach das ruhig«, sagte Kaatje Kater.

»Kannst du das machen, Bart?«, fragte Maarten Bart, der mit Ad am anderen Ende des Tisches saß.

»Was soll es denn für eine Karte sein?«, fragte Bart. Er stand auf.

»Eine weiße.«

»Aber es gibt zwei Formate.«

»Das große.«

Bart stand auf und verließ den Vorlesungsraum.

»Dann eröffne ich jetzt die Sitzung«, sagte Kaatje Kater, »und zum ersten Mal ohne Beerta, würde ich mal sagen.« Sie sah auf die kommentierte Tagesordnung, die Maarten für sie bereitgelegt hatte. »Punkt eins. Eröffnung. Das haben wir also hinter uns. Punkt zwei. Entschuldigtes Fernbleiben. Schriftführer!« Sie sah Maarten an. »Hat sich für heute jemand entschuldigt?«

»Vor der Eröffnung sollten Sie die Versammlung noch um Zustimmung für die Anwesenheit von Asjes und Muller bitten«, sagte Maarten gedämpft. Er beugte sich zu ihr hinüber und zeigte auf eine Notiz oben auf ihrer Tagesordnung.

»Muss das sein?« Sie sah ihn amüsiert an.

»Ich denke schon.«

»Na, wenn du meinst.« Sie wandte sich lachend an die Versammlung. »Der Schriftführer meint, dass ich fragen soll, und so weiter, und so fort, ob Sie etwas dagegen einzuwenden hätten, wenn Herr Asjes und Herr Muller der Sitzung beiwohnen.« Sie sah wieder zu Maarten hinüber. »Warum eigentlich Herr Asjes und Herr Muller? Du hast doch noch mehr Untergebene?«

Bart betrat den Vorlesungsraum mit einer Karte und setzte sich auf seinen Platz. Er sah Maarten fragend an.

Maarten machte mit der Hand eine schnelle, kreisende Bewegung und sah wieder Kaatje Kater an. »Weil sie wissenschaftliche Beamte sind.«

Sie musste darüber lachen. »Doch nicht, weil es zufälligerweise Männer sind? Ich meine ja nur.«

»Nein, weil sie wissenschaftliche Beamte sind«, wiederholte Maarten.

»Ich hätte ansonsten nichts dagegen einzuwenden, wenn Frau de Nooijer künftig auch den Sitzungen beiwohnen würde«, bemerkte Buitenrust Hettema. »Sie besucht meine Seminare, und ich halte sie für eine außerordentlich aufgeweckte junge Frau.«

Bart war aufgestanden und brachte Maarten die Karte.

»Das habe ich auch vor«, sagte Maarten und sah Buitenrust Hettema irritiert an, »sobald sie ihr Studium abgeschlossen hat.« Er gab Kaatje Kater die Karte.

»Was soll ich damit?«, fragte sie.

»Für Beerta«, sagte Maarten rasch. »Ihren Namen.«

»Na ja, manchmal hat man mehr an Leuten, die ihr Studium noch nicht abgeschlossen haben, als an solchen, die fertig sind«, sagte Buitenrust Hettema skeptisch.

Kaatje Kater schrieb ihren Namen mit großen Buchstaben auf die Karte. »Und jetzt?«, fragte sie und hielt die Karte hoch.

»Jetzt muss sie herumgehen«, sagte Maarten.

»Bitte schön!«, sagte Kaatje Kater triumphierend. Sie legte die Karte vor Buitenrust Hettema hin und sah in die Runde. »Niemand, der etwas gegen den Vorschlag des Schriftführers einzuwenden hat?«

Van der Land nahm die Pfeife aus dem Mund und führte sie zum Aschenbecher. »Was mich betrifft, habe ich nicht das Geringste dagegen einzuwenden, Frau Vorsitzende.«

»Ich glaube, dass es der Arbeit nur gut tun kann«, meinte Goslinga.

»Dann ist das also angenommen«, entschied Kaatje Kater. »Ich heiße die Herren Asjes und Muller willkommen, und so weiter, und so fort!« Sie sah Maarten lachend an. »Dann kann ich die Sitzung jetzt also eröffnen?«

Stelmaker beugte sich seitlich zu Goslinga und unterhielt sich flüsternd mit ihm. Goslinga nickte.

»Ja«, sagte Maarten unglücklich.

»Dann eröffne ich hiermit die Sitzung.«

»Einen Augenblick, Frau Vorsitzende«, unterbrach sie Stelmaker. »Ich dachte, dass Herr Matser ebenfalls wissenschaftlicher Beamter wäre. Muss der dann nicht auch dabei sein?«

Kaatje Kater sah Maarten an. »Muss Matser nicht dabei sein?«

Maarten sah Jaring an.

Jaring zögerte. »Ich habe ihn gefragt, aber er hat nicht so viel Lust darauf.«

»Er hat nicht so viel Lust darauf?« Sie musste darüber lachen. »Das ist doch nicht seine Sache, das zu beurteilen! Ich meine ja nur! Sagen Sie ihm, dass die Kommission durchaus Lust dazu hat, und dass er beim nächsten Mal hier erwartet wird.«

»Ich werde es ihm sagen«, sagte Jaring betreten.

»Zufrieden, Herr Stelmaker?«, fragte Kaatje Kater.

»Sicher, Frau Vorsitzende.«

»Dann Punkt zwei. Hat sich jemand für heute entschuldigt? Schriftführer?«

»Frau Wagenmaker und die Herren Appel und Vester Jeuring sind verhindert«, antwortete Maarten. »Frau Wagenmaker ist in Italien, Appel hat in diesem Jahr donnerstags Vorlesung, und Vester Jeuring hat Leute vom Ministerium zu Besuch.«

»Ist zur Kenntnis genommen«, sagte Kaatje Kater aufgeräumt. »Punkt drei: das Protokoll der letzten Sitzung. Seite eins!«

Man hörte das Rascheln von Papier. Die Kommissionsmitglieder nahmen sich das Protokoll vor.

»Blatt zwei? … Blatt drei? … Blatt vier? … Niemand eine Bemerkung?«

»Ich bin natürlich neugierig, Frau Vorsitzende, wie es um das Symposium steht, aber ich sehe, dass dem der folgende Tagesordnungspunkt gewidmet ist«, sagte Goslinga.

»Dem ist der folgende Tagesordnungspunkt gewidmet«, bestätigte Kaatje Kater. »Niemand eine Bemerkung zum Protokoll?« Sie schlug mit der Faust auf den Tisch. »Dann ist das Protokoll angenommen.« Lachend wandte sie sich Maarten zu. »Eigentlich müsste ich einen Sitzungs­hammer haben, findest du nicht?«

»Ich werde dafür sorgen, dass beim nächsten Mal einer da ist«, versprach Maarten.

Kaatje Kater musste darüber herzhaft lachen. »Punkt vier! Das Symposium! Wie steht es damit?«

Die Karte mit den Namen der Kommissionsmitglieder kam über ­Jaring zurück zu Maarten. Er legte sie zu den Unterlagen. »Um das Symposium steht es gut.«

»Wir erwarten auch nichts anderes!«

»Ich habe Kontakt zu den Professoren Kuppens und Knottenbelt von der Universiteit van Amsterdam aufgenommen«, sagte Maarten angespannt, »und die haben als Redner Alblas für die Anthropologie und de Vlaming für Geschichte benannt.«

»Und taugen die was?«, fragte sie skeptisch.

Maarten zögerte. »Das weiß ich nicht.«

Balk klopfte seine Pfeife im Aschenbecher aus. »Ich habe darüber mit Knottenbelt gesprochen«, sagte er unwirsch. »De Vlaming ist ihm zufolge professorabel.«

»Und Alblas?«, wollte Kaatje Kater wissen. »Ist der etwa auch professorabel?« Es klang ironisch.

»Alblas kenne ich nicht.«

»Alblas ist der Sohn eines Korrespondenten des Büros«, sagte Maarten, »und er ist einer der wenigen Anthropologen, die sich für die Nieder­lande interessieren.«

»Hört, hört!«, sagte Kaatje Kater lachend.

»Und nun zur AngelegenheitOns Tijdschrift«, sagte Kaatje Kater. »Sie haben dazu einen Brief der beiden Redakteure erhalten, mit dem Vorschlag, die Verbindungen mitOns Tijdschriftabzubrechen.« Sie sah Maarten an. »Willst du das noch erläutern?«

»Frau Vorsitzende, wenn ich Sie kurz unterbrechen darf?«, sagte Stelmaker. »Unter dem Brief, den ich bekommen habe, steht zwar der Name von Herrn Beerta, aber er ist lediglich vom Schriftführer unterschrieben worden. Muss ich daraus schließen, dass Herr Beerta ihn in dieser Form nicht mehr gesehen hat?«

»Müssen wir das daraus schließen?«, fragte Kaatje Kater Maarten. »Ich meine ja nur.«

»Nein«, sagte Maarten, seine Irritation unterdrückend. »Der Brief ist von Beerta geschrieben worden, er hat ihn noch zum Büro gebracht, das war am Sonntag, am selben Abend hat er den Schlaganfall gehabt. Wir haben also nicht mehr darüber sprechen können, aber ich bin voll und ganz damit einverstanden.«

»Hoffen wir, dass es keinen kausalen Zusammenhang gibt«, bemerkte Buitenrust Hettema trocken.

»Der Gedanke ist mir auch gekommen«, sagte Goslinga.

»Es ist nicht ausgeschlossen«, gab Maarten zu.

»Das wäre dann schon sehr unglücklich«, fand Stelmaker.

»Frau Vorsitzende, wenn Sie gestatten: Ich finde nicht, dass wir da­rüber spekulieren sollten«, warnte van der Land.

»So ist es natürlich auch nicht gemeint«, entschuldigte sich Goslinga hastig.

»Ich gehe davon aus, dass es keiner von uns so gemeint hat«, beendete Kaatje Kater die Diskussion. »Schriftführer!«

»Dem, was in dem Brief steht, habe ich nicht mehr viel hinzuzufügen«, sagte Maarten. »Ich kann nur noch sagen, dass ich mich jedes Mal schäme, wenn ein neues Heft vonOns Tijdschrifterscheint und ich meinen Namen bei den Redakteuren stehen sehe.«

»Tableau!«, sagte Kaatje Kater. »Ich meine nur! Falls noch jemand überzeugt werden muss, wird das als Argument doch wohl genügen! Oder etwa nicht?« Sie sah nachdrücklich in die Sitzungsrunde. »Ich muss sagen, ich nehme an, dass Sie genau wie ich schockiert gewesen sind, als Sie diesen Brief bekamen! Es ist keine Kleinigkeit, wenn man fünfunddreißig Jahre in der Redaktion gesessen hat! So etwas geht einem ganz schön unter die Haut, und so weiter, und so fort, und ich kann mir vorstellen, dass es vor allem Anton Beerta zu Herzen gegangen ist, aber wenn er so etwas schreibt, dann steht es uns nicht zu, es infrage zu stellen! Ich meine ja nur! Deshalb schlage ich vor, der Empfehlung der beiden Redakteure zu folgen, und ich füge gleich hinzu, dass ich meinen Vorsitz niederlege, wenn Sie es nicht tun!« In dem Ton, in dem sie diese Drohung aussprach, steckte eine verhaltene Freude, als ob sie es genießen würde und nichts lieber täte, als jetzt loszuschlagen.

Maarten beugte sich über sein Papier und schrieb ihre Worte mit gemischten Gefühlen auf. Er fand ihr Auftreten ungeschickt, unsinnig, völlig überflüssig und empfand Scham angesichts dieser Solidaritätsbekundung. Hätte er seine Gefühle in Worte fassen müssen, hätte er gesagt: »Mensch, stell dich nicht so an, so heiß wird die Suppe nun auch wieder nicht gegessen« – denn es schien ihm ausgeschlossen, dass dieser Kreis etwas anderes tun würde, als der Empfehlung zu folgen.

Nach ihren Worten entstand eine drückende Stille.

»Darf ich daraus schließen, dass Sie den Vorschlag akzeptieren?«, fragte Kaatje Kater.

Buitenrust Hettema hob sein Kinn in die Höhe. »Mit dem Vorschlag selbst habe ich nicht so viele Probleme«, sagte er langsam. »Ich weiß bloß nicht, ob es nun so glücklich ist, die Zusammenarbeit in eine informelle Mitarbeit umzuwandeln, wie es am Schluss des Briefes vorgeschlagen wird. Ich würde sagen: Machtdasdann besser auch nicht, wenn so viel dagegen spricht.«

Seine Bemerkung traf exakt die Schwachstelle des Briefes. Maarten hatte damit von vornherein dem Einwand gegen den Verlust der Publikationsmöglichkeit für das Büro begegnen wollen. Während er sie aufschrieb, hatte er das Gefühl, als sinke ihm der Boden unter den Füßen weg. Er erstarrte.

»Das ist genau das, was ich mich beim Lesen des Briefs auch gefragt habe, Frau Vorsitzende«, sagte Goslinga. »Mit dem Abbruch der Verbindung zuOns Tijdschriftverliert die Kommission faktisch ihre Publikationsmöglichkeit. Ich halte das schon für ein ernstes Problem.«

»Das könnte ich so unterschreiben«, pflichtete ihm Stelmaker bei. »Ich halte es für ein sehr ernstes Problem, aber ich frage mich auch, welche juristischen Konsequenzen ein derartiger Schritt hätte. Dürfen wir die Beziehung einseitig abbrechen? Welche finanziellen Konsequenzen hat das? Steht darüber nichts im Vertrag? Das waren die Fragen, die mir als Erstes beim Lesen des Briefs in den Sinn kamen.«

Kaatje Kater sah Maarten an. »Steht darüber etwas im Vertrag?«

»Soweit ich weiß, gibt es keinen Vertrag«, antwortete Maarten wider­willig. »Außerdem: Wenn Pieters wiederholt versichert, dass ein kurzer Brief nach Amsterdam genügt, um die Zusammenarbeit zu beenden, kann ich mir nicht vorstellen, dass dies nicht auch mit einem kurzen Brief von Amsterdam nach Antwerpen möglich ist.« Während er dies sagte, konnte er eine plötzlich aufsteigende Wut kaum bezwingen, als werde ihm erst jetzt bewusst, wie beleidigend die Bemerkung gewesen war.

»Sie hören es«, sagte Kaatje Kater zu Stelmaker, »dem Schriftführer zufolge gibt es keinen Vertrag.«

»Ich sähe es trotzdem gern, wenn das noch einmal überprüft würde.«

»Ich werde es überprüfen«, versprach Maarten, seinen Widerwillen unterdrückend. Er schrieb es auf.

»Noch etwas?«, fragte Kaatje Kater und sah in die Runde.

»Ja, Frau Vorsitzende«, sagte Goslinga. »Ich würde vom Schriftführer auch gern erfahren, ob er für die Kommission noch andere Publikationsmöglichkeiten sieht, außer der informellen Mitarbeit anOns Tijdschrift, die mir, ehrlich gesagt, genau wie dem Kollegen Buitenrust Hettema ziemlich dubios erscheint.«

»Gibt es die?«, erkundigte sich Kaatje Kater.

Es lag Maarten auf der Zunge zu sagen, dass die Kommissionsmitglieder, außer Buitenrust Hettema, niemals irgendein Interesse an der Möglichkeit gezeigt hatten, inOns Tijdschriftzu publizieren, doch er behielt es für sich. Er fühlte sich in die Enge getrieben und sah so schnell keinen Ausweg. »Es gibt natürlich andere Zeitschriften«, versuchte er es.

»Aber damit hat die Kommission kein eigenes Gesicht mehr«, meinte Goslinga.

»Ich habe Anton Beerta schon mal über die Möglichkeit einer eigenen Zeitschrift sprechen hören«, bemerkte Buitenrust Hettema.

»Das habe ich mich auch gefragt«, pflichtete ihm Stelmaker bei. »Können wir als Kommission nicht eine eigene Zeitschrift gründen?«

»Unsere eigene Zeitschrift«, sagte Buitenrust Hettema. Er lachte jungenhaft.

»Geht das?«, fragte Kaatje Kater Maarten.

»Ich weiß nicht, ob dafür Geld da ist«, sagte Maarten und sah Balk an.

»Auf jeden Fall gibt es den Zuschuss anOns Tijdschrift«, sagte Balk. »Der wird frei.« Kräftig klopfte er seine Pfeife im Aschenbecher aus.

»Und ich werde es mit meiner Abteilung beraten müssen«, versuchte es Maarten noch einmal.

»Die sitzt hier«, sagte Kaatje Kater. »Deswegen haben wir sie ja gerade eingeladen. Ich meine ja nur.« Sie sah Bart und Ad am Fußende des Tisches an. »Herr Asjes?«

»Ich traue mir wirklich nicht zu, dazu jetzt eine Auskunft zu geben«, sagte Bart beklommen. »Darüber müssten wir uns erst beraten.«

»Aber Sie haben doch wohl eine Meinung?«

»Ich habe schon eine Meinung, aber ich fände es verfrüht, mich jetzt schon darauf festzulegen, bevor ich darüber mit meinen Kollegen gesprochen habe.«

»Herr Asjes will sich noch nicht festlegen«, stellte Kaatje Kater ein wenig ironisch fest. »Und Herr Muller? Wollen Sie sich auch nicht festlegen?«

»Ich hätte nichts dagegen«, sagte Ad.

Kaatje Kater sah Maarten an. »Was nun?«

»Ich werde mit der Abteilung darüber sprechen«, versprach Maarten. Er war unglücklich über den Verlauf, den das Gespräch genommen hatte. »Sie hören so bald wie möglich, wie das Ergebnis lautet.«

»Darauf verlasse ich mich.« Sie sah auf die vor ihr liegenden Papiere. »Damit haben wir Punkt sieben der Tagesordnung abgehandelt. Punkt acht! Der Jahresbericht!«

»Wenn ich Sie kurz unterbrechen dürfte, Frau Vorsitzende«, unterbrach van der Land sie. »Was haben wir jetzt beschlossen? Dass wir aus der Redaktion vonOns Tijdschriftaustreten?«

Kaatje Kater sah ihn erstaunt an. »Davon gehe ich aus, dass wir das beschlossen haben.«

»Und wie läuft das dann?« Er hielt den Kopf etwas schief, mit einem kleinen Lächeln, um jeden Anschein von Unhöflichkeit von vornherein zu vermeiden.

»Ich gehe davon aus, dass der Schriftführer dazu einen Brief an Pieters schreibt«, sagte Kaatje Kater, als hielte sie die Frage für vollkommen überflüssig.

»Wäre es dann nicht gut, Frau Vorsitzende, wenn der Schriftführer diesen Brief in Abstimmung mit dem Direktor schreiben würde?«, schlug Goslinga vor. »Ich will damit nicht sagen, dass ich es dem Schriftführer nicht überlassen möchte, aber es macht natürlich etwas mehr Eindruck, wenn ihn der Direktor mit unterzeichnet hat.«

»Nein«, sagte Maarten murmelnd. Allein schon der Gedanke, dass er diesen Brief dem Urteil Balks unterwerfen müsste, war unerträglich.

»Ist das nötig?«, fragte Kaatje Kater, die das Nein offenbar mitbekommen hatte.

»Wenn es einen Vertrag gibt, Frau Vorsitzende, dann wird er seinerzeit vom Vorsitzenden und dem Schriftführer unterschrieben worden sein«, bemerkte van der Land. »Es scheint mir also richtiger, nicht den Direktor, sondern die Vorsitzende in die Abfassung des Briefes einzubeziehen.«

»Da stimme ich Herrn van der Land zu«, sagte Stelmaker. »Juristisch gesehen ist das das einzig richtige Prozedere.«

Kaatje Kater sah Maarten an. »Sollen wir das dann mal machen?«

»Bist du zufrieden mit der Sitzung?«, erkundigte sich van der Land, als er eine Stunde später Maarten als Letzter die Hand gab. Goslinga und Buitenrust Hettema gingen gerade auf den Flur. Dort hörte man die Stimmen der anderen.

»Mäßig«, sagte Maarten. Er stand bei seinem Stuhl hinter dem Platz am Tisch, auf dem er seine Papiere ausgebreitet hatte, noch etwas geistesabwesend nach all dem, was über ihn hereingebrochen war. »Es ist natürlich völlig idiotisch, dass ihr wollt, dass Kaatje Kater den Brief mit unterschreibt. Wenn es eines gibt, was ich besser als irgendjemand anders kann, dann ist es, Briefe zu schreiben.«

»Aber das habeichvorgeschlagen«, sagte van der Land erschrocken.

»Ja.« Er hatte es bereits wieder vergessen.

»Das hätte ich also besser nicht tun sollen?«

»Natürlich musstest du das tun«, sagte Maarten übellaunig. »Das ist dein Zuständigkeitsbereich, aber ich finde es schon idiotisch, denn auf diese Weise macht man so einen Brief unnötig formell.«

»Nun, das tut mir leid«, entschuldigte sich van der Land.

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Das nächste Mal solltest du es genauso machen. Ich kann es nur nicht haben, dass ihr euch in meine Angelegenheiten einmischt. Es wäre übrigens noch schlimmer gewesen, wenn Balk es hätte machen müssen. Das hätte ich schon gar nicht ertragen.«

»Das denke ich doch auch«, sagte van der Land versöhnlich.

»Verdammt noch mal«, sagte Maarten aus tiefster Seele, als er mit den Papieren in der Hand seinen Raum betrat.

Bart und Ad standen an ihren Schreibtischen und packten ihre Taschen.

»Das habe ich prophezeit«, sagte Bart. »Das ist jetzt exakt, was ich befürchtet hatte, dass sie uns damit beauftragen würden, eine eigene Zeitschrift zu gründen.«

»Was hättest du denn sonst gewollt?«, fragte Maarten. »Dass ich inOns Tijdschriftgeblieben wäre und die Launen von Pieters über mich hätte ergehen lassen?«

»Dann hättest du eben nicht in die Redaktion gehen sollen. Wenn man in der Redaktion sitzt, ist man auch mitverantwortlich.«

Maarten zuckte mit den Achseln.

»Aber was ärgert dich eigentlich so?«, fragte Ad neugierig. »Sie waren dir doch ganz wohlgesonnen?«

»Fandest du?« Er stand an seinem Schreibtisch, die Papiere in der Hand, und sah sie niedergeschlagen an.

»Zumindest Kaatje Kater.«

Die Tür des Karteisystemraums ging auf, Sien kam in den Raum, um nach Hause zu gehen. »Wie war es?«, fragte sie neugierig.

Maarten drehte sich zu ihr um. »Die Kommission will, dass wir eine eigene Zeitschrift gründen«, sagte er düster.

»Aber können wir das denn?«, fragte sie erschrocken.

»Das werden wir morgen miteinander besprechen«, antwortete er.

Desorientiert ging er eine halbe Stunde später im Dunkeln nach Hause. Wie so oft nach dieser Art zwischenmenschlicher Kontakte war er von einem tiefen Widerwillen erfüllt, einem Ekel, der ihm das Gefühl gab, dass alles, was in ihm steckte, heraus müsste, weil es nichts mehr gab, das etwas taugte. Er dachte mit Grausen an jedes einzelne Wort, das er gesagt hatte, empfand Wut über alles, was zu ihm gesagt ­worden war, und konnte sich dazwischen nicht mehr wiederfinden. Großer Gott, dachte er missmutig, warum lässt du das zu, warum ­vernichtest du das alles nicht, was hat so ein Leben noch für einen Sinn?

»Warum sagst du dann nicht einfach, dass du dich weigerst?«, fragte Nicolien. »Wenn sie unbedingt eine Zeitschrift haben wollen, dann sollen sie sie doch selbst machen! Das brauchen sie dir doch nicht aufzuhalsen? Stell dir vor! Das wäre ja noch schöner! Sie wollen eine Zeitschrift, und du sollst die Arbeit machen! So würde mir das auch gefallen! Das ist ja sehr einfach!«

Er zuckte mit den Achseln. »Ich bin nun einmal der Schriftführer.«

»Na, dann trittst du eben als Schriftführer zurück! Dann bist du diesen Scheißdreck auch gleich los! Das ist doch alles Unsinn, was ihr macht! Es ist doch kein Untergang, wenn du nicht mehr Schriftführer bist! Lass Bart ruhig Schriftführer werden, oder Ad, dann tun die auch mal was! Eine eigene Zeitschrift! Wenn sie dir das vor zehn Jahren prophezeit hätten, hättest du dich totgelacht! Dann hättest du gefragt, ob sie nicht mehr ganz richtig im Kopf sind!«

»Das ist natürlich Quatsch.«

»Quatsch?« Ihre Stimme ging vor Entrüstung in die Höhe. »Seit wann rede ich Quatsch? Ich habe doch wohl recht? Du musst doch überhaupt nicht publizieren? Publizieren ist doch Unsinn?«

»Es gehört nun einmal zu meiner Arbeit.«

»Nun, dann sagst du, dass es nicht zu deiner Arbeit gehört, dass du zufälligerweise anders über deine Arbeit denkst und nicht vorhast, nach ihrer Pfeife zu tanzen! Das sagst du einfach! Stell dir vor, dass sie dich zwingen würden, etwas zu tun, was du nicht willst! So haben wir doch nicht gewettet? Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du dich zwingen lässt?«

»Wenn ich ausOns Tijdschriftaustrete, bin ich auch für die Konsequenzen verantwortlich«, sagte er griesgrämig.

»Und wenn die Konsequenz nun wäre, dass du keine Zeitschrift hast? Wenn das jetzt die Konsequenz wäre? Es geht doch nur darum, dass sie es wichtig finden, eine eigene Zeitschrift zu haben. Hört mal zu, Leute! Ich sitze in einer Kommission, und die hat eine eigene Zeitschrift. Hört, hört! Dass ich nicht lache! Da macht man doch wohl nicht mit, wenn man ein anständiger Mensch ist? Das lehnt man doch wohl ab, da mitzumachen?«

»Ja, das lehnt man ab«, sagte er resigniert.

»Na, dann mach das!«, sagte sie scharf. »Sag ihnen mal, wie du wirklich darüber denkst!«

Das Telefon klingelte. Widerwillig stand er von der Couch auf, ging zu seinem Schreibtisch und nahm den Hörer ab. »Koning!«

»Tjalling hier.« Eine etwas weibische Stimme.

»Tag, Tjalling.« Er verbarg seine Überraschung.

»Ich darf dich doch wohl zu Hause anrufen?«

»Ja, natürlich.«

»Denn tagsüber schafft man es oft nicht.«

»Nein, es ist in Ordnung.«

»Denn ich habe gerade gehört, dass Beerta eine Hirnblutung gehabt hat.«

»Ja, er hat eine Hirnblutung gehabt.«

»Wie schrecklich!« Seine Stimme ging in die Höhe. »Man denkt dann sofort, dass es wohl eine Strafe Gottes sein wird.«

»Das habe ich noch nicht gedacht«, sagte Maarten trocken.

Tjalling musste darüber lachen, ein kicherndes Lachen. »Nein, ­natürlich nicht. Solche Dinge denkt man nicht. Aber wie geht es ihm?«

»Schlecht. Er ist halbseitig gelähmt.«

»Links? Rechts?«

»Rechts.«

»Sein Sprachzentrum also! Das muss schrecklich sein. Ich darf gar nicht daran denken, dass mir das passieren würde! Die Vorstellung, dass man nicht mehr sprechen kann!«

»Ja, das scheint mir nicht so schön zu sein.«

»Hast du ihn schon gesehen?«

»Er will niemanden sehen.«

»Das kann ich mir vorstellen. Das würde ich auch nicht wollen. Aber wenn du ihn siehst, würdest du ihn dann von mir grüßen?«

»Natürlich.«

»Und darf ich dich dann ab und zu noch mal anrufen? Dann sprechen wir uns auch gleich wieder etwas öfter. Sonst haben wir überhaupt keinen Kontakt mehr, jetzt, wo Beerta nicht mehr da ist. Geht es euch gut?«

»Im Büro, meinst du?«

»Ja, wo sonst?« Wieder dieses Lachen. »So intim sind wir nun auch wieder nicht.«

»Im Büro läuft es gut.«

»Sehr schön.« Es lag ein leiser, etwas boshafter Spott in seiner Stimme. »Ich fände es sehr schlimm, wenn das nicht so wäre.«

Maarten lachte. »Das weiß ich.«

»Dann rufe ich demnächst noch mal an.«

»In Ordnung.«

»Tschüssi, nicht wahr?«

»Tschüss, Tjalling.« Er legte den Hörer auf.

»Wer war das?«, fragte Nicolien, während Maarten zur Couch zurückging.

Noch im Bann des Gesprächs antwortete er nicht gleich. Dass er von diesem Mann zu Hause angerufen wurde, war bedrohlich. Er setzte sich, griff mechanisch zu seiner Pfeife und begann, sie zu stopfen. »Das war Kipperman«, sagte er geistesabwesend und sah vor sich hin.

»Wer ist denn das?«

»Kipperman ist ein Freund von Beerta«, sagte er langsam, wobei er seine Pfeife stopfte. »Er hat im Krieg mit den Nazis kollaboriert, und er ist noch immer ein Nazi. Er hat seinerzeit meine Stelle haben wollen, aber Beerta wollte das nicht. Ich habe sein letztes Buch verrissen. Ein abscheulicher Mensch. Ideen über niederländisches Erbgut, den Mutterboden unserer Kultur und dergleichen. Jung! Ein Nazi durch und durch!«

»Aber du duzt dich trotzdem mit ihm.«

»Ja, weil er so angefangen hat. Das hat mich auch gewundert. Das ist neu.«

Er steckte die Pfeife in den Mund, suchte nach Streichhölzern und hatte das Gefühl, bis über den Hals in einer Jauchegrube zu ­stecken.

*

In der Post waren fünf Briefe für Beerta. Er öffnete sie und sah sich den Inhalt an. Der erste enthielt eine Einladung zu einer Kommissionssitzung, die anderen vier kamen von Leuten, die seinen Rat zu Problemen suchten, auf die sie bei ihren Forschungen gestoßen waren, Probleme auf den Gebieten, mit denen sich das Büro beschäftigte, drei fielen in den Bereich seiner eigenen Abteilung, eines in den von Balk. Er legte den Brief für Balk zur Seite, las die anderen drei noch einmal aufmerksam durch und stand dann auf. »Bart!« Er begab sich zu Barts Schreibtisch. »Ich habe hier eine Bitte von einem Herrn, der etwas über die Nehalennia-Verehrung wissen möchte. Könntest du das beantworten?«

Bart nahm den Brief entgegen und las ihn. »Aber dieser Brief ist an Herrn Beerta gerichtet«, sagte er und sah auf.

»Ja, das werden wir jetzt machen müssen.«

»Aber hast du denn die Erlaubnis dafür bekommen, ihn aufzumachen?«

»Nein, aber die kann er jetzt auch kaum mehr geben.«

»Und wenn nun etwas darin stehen würde, was nicht für andere bestimmt ist?«

»Dann vergisst du es wieder.«

Bart schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, aber dazu fühle ich mich nicht befugt.« Er gab ihm den Brief zurück. »Ich möchte zuerst die Gewissheit haben, dass Herr Beerta ausdrücklich seine Zustimmung erteilt hat.«

»Aber wenn ihm das nun nicht möglich ist?«

»Dann möchte ich trotzdem die Zustimmung der Person haben, die gesetzlich dazu befugt ist.«

»Das bin ich.«

»Dessen bin ich mir nicht so sicher.«

»Der Brief ist doch an das Büro gerichtet und nicht an seine Privatadresse?«

»Dann muss Herr Balk seine Zustimmung erteilen.«

»Gut«, er hatte keine Lust auf weitere Diskussionen, »dann werde ich es eben selbst machen.«

»Es ist nicht so, dass ich nicht bereit wäre, dir zu helfen«, entschuldigte sich Bart. »Es ist nur so, dass ich auf dem Standpunkt stehe, dass man jemandes private Korrespondenz nicht ohne seine ausdrückliche Zustimmung öffnen darf.«

»Ja, das verstehe ich.« Er spannte ein Blatt Papier mit einem Durchschlag in seine Schreibmaschine und tippte die Adresse des Schriftführers der Kommission, von der Beerta die Einladung erhalten hatte. Während er damit beschäftigt war, betrat Ad den Raum. »Weiß man etwas Neues über Beerta?«, fragte er, während er seine Tasche abstellte.

»Nein«, sagte Maarten, ohne das Tippen zu unterbrechen.

»Dann stimmt es also nicht.«

»Was stimmt nicht?«

»Dass er tot ist.«

»Nein, er ist noch nicht tot«, sagte Maarten abwesend, »zumindest, soweit ich weiß.«

»Weil ich geträumt habe, dass Nicolien mich weinend angerufen und gesagt hat, dass Beerta tot wäre.«

Maarten hörte auf zu tippen. »Hast du das geträumt?« Er sah lachend zur Seite.

Ad stand hinter seinem Bücherregal. »Ich dachte einen Moment, dass es vielleicht ein prophetischer Traum wäre, oder genauer gesagt, kein prophetischer Traum, sondern …, wie nennt man das noch gleich?«

»Es kann immer noch ein prophetischer Traum sein«, er fuhr mit seinem Brief fort, »aber ich halte das nicht für sehr wahrscheinlich. Ich glaube nicht, dass Nicolien dich weinend anrufen würde, selbst dann nicht, wenn ich tot wäre.«

»Ich würde darüber lieber nicht spotten«, bemerkte Bart.

»Ich spotte nie. Spötterhäuser brennen nicht.«

»Es muss doch wohl heißen: Spötterhäuser brennen.«

»Das würde man meinen«, er spannte den Brief aus der Schreibmaschine, »aber meine Schwiegermutter sagt es immer so, und Slofstra hat es auch gesagt, also wird es wohl stimmen.« Er legte den Brief auf seinen Schreibtisch und griff zu einem Umschlag.

Bart stand auf. Er ging um das Bücherregal herum und zog nach einigem Suchen einen Band des Wörterbuchs aus dem Regal Maarten gegenüber.

Maarten tippte die Adresse auf den Umschlag, setzte seine Unterschrift unter den Brief, faltete diesen zweimal zusammen und schob ihn in den Umschlag.

»›Spötterhaus, oder Spötterhäuschen, brennt auch, brennt auch schon mal, zuerst‹«, las Bart vor, deutlich artikulierend. Es lag Triumph in seiner Stimme.

Maarten sah auf und hörte zu.

Bart hielt den Band zwischen seinen Händen, die Augen dicht über dem Text, und las weiter: »›Jemand, der über den Glauben oder die Religion spottet, sollte nicht annehmen, dass er nicht der Heimsuchung ausgesetzt ist; im Weiteren auch: Einem Spötter kann es gelegentlich widerfahren, dass er sich selbst lächerlich macht. Noch im Osten.De Brune, Spreekwoorden,siehe auch Molema.‹« Er sah Maarten triumphierend an.

»Das scheint mir eine passende Antwort auf den Ausspruch meiner Schwiegermutter«, sagte Maarten mit einem gemeinen Lachen. »Die Redewendung ist also älter!«

»Du kannst es auch nicht lassen, oder?«, sagte Bart und schlug das Buch zu.

»Was nicht?«

»Du musst unbedingt das letzte Wort haben!« Er stellte das Buch zurück ins Regal.

»Wenn es mir so auf dem Tablett serviert wird, lasse ich mir die Gelegenheit nicht entgehen.«

Bart ging zurück an seinen Platz.

Maarten leckte den Verschluss des Umschlags an, machte ihn zu und legte ihn ins Ausgangskörbchen. Er stand auf. »Ich wollte Mark Grosz fragen, ob er auch bei der Sitzung über eine eigene Zeitschrift dabei sein will. Habt ihr etwas dagegen?«

Ad sah auf, über das Bücherregal hinweg, und schüttelte den Kopf.

»Warum willst du das machen?«, fragte Bart argwöhnisch. »Du weißt doch noch gar nicht, ob die Abteilung dem überhaupt zustimmen wird?«

»Weil Mark auch zur Abteilung gehört, zumindest zu einem Drittel.«

»Ich dachte, dass Mark dem Allgemeinen Dienst angehört.«

»Das tut er auch, aber das bedeutet, dass er zu einem Drittel bei uns sitzt.«

»Dann musst du Herrn Wigbold, Herrn de Vries, Frau Bavelaar und Hans Wiegersma und Herrn Bekenkamp auch fragen.«

»Das sind keine wissenschaftlichen Beamten.«

»Das sind die Damen auch nicht.«

»Aber es ist schon beabsichtigt, dass sie es werden.«

»Ich weiß nicht, ob das nun so klug wäre, denn dann gibt es niemanden mehr, der die einfachen Arbeiten erledigt.«

»Darum geht es jetzt nicht.« Es ärgerte ihn. »Es geht darum, dass wir, wenn wir beschließen, so eine Zeitschrift zu gründen, von Mark einen Beitrag erwarten können, aber nicht von den Leuten, die du genannt hast.«

»Aber dann gehst du doch davon aus, dass es zu der Zeitschrift kommt, und dessen bin ich mir nicht so sicher. Ich glaube nicht, dass es klug von uns wäre.«

»Also nicht?«

»Ich bin schon dafür«, sagte Ad.

»Dann wirst du es zumindest erst in der Sitzung vorschlagen müssen«, meinte Bart. »Ich finde, dass wir drei das nicht entscheiden können.«

»Gut. Ich werde es zu Beginn der Sitzung vorschlagen. Ich bin jetzt kurz bei Balk.« Er nahm den Brief an Beerta, der in Balks Fachgebiet fiel, und verließ den Raum.

Balk saß an seinem Schreibtisch. Er sah auf, als Maarten näher kam.

»Ich habe hier einen Brief für Beerta, den du besser beantworten kannst«, sagte Maarten.

Balk nahm den Brief von ihm entgegen, faltete ihn auseinander und las ihn flüchtig durch. »Was soll ich damit?«, fragte er unwirsch und sah auf.

»Beantworten.«

»Mit diesem Idioten will ich nichts zu tun haben.« Er gab den Brief wütend zurück. »Er schreibt Beerta, nicht mir.«

»Aber ich möchte den Brief gern loswerden.«

»Dann wirf ihn doch weg!« Er beugte sich wieder über die Arbeit, um ihm zu bedeuten, dass das Gespräch beendet war.

Wütend über diese Behandlung verließ Maarten das Zimmer. Im Durchgangsraum saß Bavelaar mit dem Rücken zu ihm und tippte auf der Rechenmaschine. Er wollte zur Tür hinaus, blindlings, besann sich jedoch, drehte sich wieder um und blieb an ihrem Schreibtisch stehen. »Hast du einen Moment?«, fragte er.

Sie sah auf, die linke Hand auf dem Stapel Rechnungen, die sie gerade eintippte, und die andere auf der Tastatur der Maschine.

Er setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch. »Die Kommission möchte, dass wir eine eigene Zeitschrift gründen.« Er legte den Brief an Beerta neben sich auf ihren Schreibtisch. »Haben wir Geld dafür?«

»Und was ist mitOns Tijdschrift?«

»Da treten wir aus.«

»Es ist gut, dass du das sagst«, sie fingerte eine Zigarette aus der Schachtel neben ihrer Schreibmaschine und steckte sie mit ihrem Feuer­zeug an, »sonst hätte ich es einfach überwiesen.«

»Wie viele Hefte können wir von diesem Geld bezahlen?«

»Es hängt davon ab, wie dick sie sind.«

»Sechzig Seiten?«

Sie zog eine Schublade auf, holte eine Akte heraus, blätterte mit einer Hand in den Papieren. »Ich sehe kurz nach, was wir für eine Ausgabe vonVolkstaalbezahlen.«

Während sie damit beschäftigt war, betrat Bart den Raum.

»AberVolkstaalwird doch zusammen mit den Belgiern finanziert?« fragte Maarten.

»Entschuldige bitte«, sagte Bart. Er blieb hinter Maarten stehen.

»Ja, schon«, sagte Bavelaar, ohne auf die Unterbrechung einzugehen, »aber wir zahlen den Drucker.«

»Ich muss euch wirklich kurz unterbrechen«, sagte Bart nervös. »Es hat Eile. Da ist ein Telefonat für dich. Frau Vader vom Kulturrat möchte wissen, wie es um Herrn Beerta steht.«

Maarten drehte sich zu ihm um. »Kannst du ihr das nicht erzählen?«, fragte er nicht besonders freundlich. Es irritierte ihn maßlos.

»Ja, aber sie fragt nach dir.«

»Es ist doch egal, ob du oder ich nun erzähle, wie es um Beerta steht.«

Bart zögerte. »Mir ist es doch lieber, wenn du das machst. Ich bin darüber nicht informiert.«

»Stell sie doch einfach durch«, sagte Bavelaar.

»Geht das denn?«, fragte Bart unsicher.

»Auf den weißen Knopf drücken und dann meine Nummer wählen.«

»Ich werde sehen, ob ich das kann.« Er verließ das Zimmer wieder.

»Dass du dabei nicht verrückt wirst«, sagte sie.

»Nein, verrückt werde ich dabei nicht. Dann hätte ich noch größere Probleme.«

»Na, ich glaube, mich würde das verrückt machen.« Sie nahm eine Rechnung aus der Mappe. »Von dem Geld, das ihr habt, kann man zwei Hefte à sechzig Seiten pro Jahr bezahlen.«

»Zwei Hefte à sechzig Seiten.« Er stand auf. »Danke. Ich komme darauf zurück, wenn ich es schaffe, dass die Abteilung mitzieht.« Er nahm den Brief mit, verließ ihr Zimmer und ging den Flur hinunter zur rückwärtigen Treppe. Unterwegs besann er sich und betrat, anstatt die Treppe hinaufzusteigen, das Zimmer von Mark Grosz.

Mark Grosz saß tief vornübergebeugt unter einer grellen Lampe und las durch eine Lupe in einem dicken Folianten. Außerhalb des Lichtkegels war sein Zimmer beinahe dunkel. Aus dem Lichtschacht, auf den das Zimmer Aussicht bot, fiel nur etwas schummeriges Tageslicht herein.

»Hast du kurz Zeit?«, fragte Maarten.

Mark sah auf. »Hi!« Er legte die Lupe zur Seite. »Setz dich.«

Maarten zog einen Stuhl zur Seite.

Mark steckte seine Pfeife in den Mund, eine Pfeife mit einem riesigen Kopf, und sah ihn amüsiert an, während er ein Streichholz anriss. Die Pupille seines rechten Auges drehte sich unruhig im Kreis, was seinem Blick etwas Musterndes gab.

Maarten lächelte. »Die Kommission hat mich gebeten, eine eigene Zeitschrift zu gründen.«

»Schön.« Er nickte.

»Wir haben dazu gleich eine Besprechung. Ich wollte der Abteilung vorschlagen, dich auch dazu einzuladen. Zumindest, wenn du Lust dazu hast.«

»Das scheint mir sehr interessant zu sein.«

»Weil du zu einem Drittel zu unserer Abteilung gehörst.«

»Gern. Wann ist die Besprechung?«

»Halb elf. Aber, wie gesagt, nur, wenn die Abteilung einverstanden ist.«

»Warum sollte die nicht einverstanden sein? Jeder, der mitmacht, ist doch willkommen?« Er zog seinen Terminkalender zu sich heran und schrieb es hinein.

»Ja, natürlich, aber man weiß nie.« Er öffnete die Tür.

»Dann würde ich ihnen einfach meinen Willen diktieren«, sagte Mark mit einem boshaften Lachen. »In diesen Dingen musst du einfach tun, was du willst. Dafür bist du Abteilungsleiter.«

»Ja.« Er lachte. Er verließ das Zimmer, noch immer den Brief in der Hand, und stieg die Treppe hinauf in sein Zimmer. Als er eintrat, klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch. Er nahm den Hörer ab. »Koning hier.«

»Hier ist Koert Wiegel.«

»Tag, Koert.« Er setzte sich und sah nach draußen.

»Ich habe gerade von Kipperman gehört, dass Beerta eine Hirnblutung gehabt hat?« Seine Stimme klang bestürzt. »Wie geht es ihm jetzt?«

»Schlecht.« Während er zum soundsovielten Mal die Geschichte herunterspulte, sah er auf die kahlen Bäume im Garten und die grauen Wolken, die darüber hinwegtrieben. Er fragte sich, was aus der Eule geworden sein mochte und wie lange er schon nichts mehr von ihr gehört hatte. Wahrscheinlich tot, so wie alles dem Tod geweiht war.

»Ich finde es furchtbar«, versicherte Koert.

»Ja, es ist schlimm.«

»Du hältst mich doch auf dem Laufenden?«

»Ich halte dich auf dem Laufenden.«

»Auf Wiedersehen, nicht wahr?«

»Tschüss, Koert.« Er legte den Hörer auf. »Das war Koert Wiegel.«

Bart kam mit einem Zettel hinter dem Regal hervor. »Hier habe ich aufgeschrieben, was Frau Vader gefragt hat und was ich darauf geantwortet habe. Sie wollte auch noch wissen, ob Herr Beerta Blumen bekommen darf. Ich habe versprochen, dass du zurückrufen würdest, sobald du Zeit hast.«

»Ich werde sie nach der Sitzung anrufen.«

»Brauchst du den Zettel noch?«

»Nein, das ist nicht nötig.« Er drehte den Stuhl eine Vierteldrehung herum, spannte ein Blatt Briefpapier mit einem Durchschlag in die Schreibmaschine, zog den Brief, mit dem er bei Balk gewesen war, wieder aus dem Umschlag und tippte die Adresse ab. Während er damit beschäftigt war, kam Sien aus dem Karteisystemraum. »Kann ich noch kurz Kaffee trinken gehen?«, fragte sie.

»Ja, natürlich«, sagte er, ohne sich umzudrehen. »Wir warten dann.« Er sah auf den Brief neben sich und tippte dann: »Sehr geehrter Herr, in Beantwortung Ihrer Bitte an Herrn Beerta um nähere Angaben zu Ihrem Familiennamen muss ich Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, dass Herr Beerta infolge einer recht schweren Gehirnblutung zumindest vorläufig nicht in der Lage sein wird, Ihre Fragen zu beantworten. Ich würde Ihnen deshalb empfehlen, Ihre Fragen direkt an Dr. J. Balk, den Direktor unseres Büros, zu richten, der auf diesem Gebiet neben Herrn Beerta der kompetenteste Wissenschaftler ist. Er wird Ihnen zweifellos mit Vergnügen antworten. Hochachtungsvoll, im Auftrag Herrn Beertas, M. Koning.« Er spannte den Brief aus der Schreibmaschine, las ihn noch einmal durch, mit einer tiefen Genugtuung, tippte den Umschlag, unterschrieb und legte den Brief in das Ausgangskörbchen.

Er wartete, bis alle still waren. Elsje und Freek, am anderen Ende des Tisches, redeten am längsten weiter. Als sie merkten, dass die anderen ihren Mund hielten und Maarten sie ansah, schwiegen sie abrupt. Freek wandte sich von ihr ab. »Entschuldigung«, sagte er zu Maarten.

»Ist Joost nicht da?«, fragte Maarten Jaring, der neben ihm saß.

»Joost fragt sich, ob es überhaupt Sinn hat, wenn er dabei ist.«

»Ich finde, schon.«

»Soll ich ihn mal holen?«, fragte Manda.

»Gern.«

Sie stand auf und verließ den Raum.

»Halbe ist auch nicht da«, bemerkte Jaring.

»Die Aushilfskräfte brauchen nicht dabei zu sein«, entschied Maarten.

Sie warteten in bedrückender Stille auf Manda und Joost. Maarten saß mit ausgestreckten Beinen auf seinem Schreibtischstuhl und sah über ihre Köpfe hinweg in den Raum. Er hatte noch keine Ahnung, was er genau sagen würde, doch im Gegensatz zu den vorherigen Malen machte er sich darüber diesmal keine Sorgen.

Manda betrat den Raum, gefolgt von Joost.

»Auch guten Morgen«, sagte Joost.

»Danke«, sagte Maarten trocken. »Nimm dir einen Stuhl.«

Joost zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich neben Sien.

»Dann können wir anfangen«, entschied Maarten. Er setzte sich aufrecht hin. »Ich glaube, dass es das erste Mal ist, dass wir alle zusammensitzen.« Er sah Jaring an. »Es ist doch das erste Mal?«

»Es ist das erste Mal«, sagte Jaring freundlich, mit einem kurzen Nicken.

»Der Grund dafür ist«, fuhr Maarten fort, während er in den Raum sah, »dass die Kommission uns gestern gebeten hat, anstelle vonOns Tijdschrift, aus der wir ausgetreten sind, eine eigene Zeitschrift zu gründen, und ich versprochen habe, es mit euch zu besprechen.« Er sah Jaring an. »So ist es doch?«

»So ist es«, bestätigte Jaring.

»Bart und Ad waren übrigens auch dabei«, sagte Maarten, »die können mich also korrigieren.« Er sah kurz in ihre Richtung, doch Bart und Ad schwiegen.

»Darf ich etwas dazu sagen?«, fragte Freek und hob die Hand. Er stotterte ein wenig.

»Gleich. Ich wollte nämlich zuerst vorschlagen, Mark Grosz auch zu dieser Sitzung einzuladen. Aus zwei Gründen. In erster Linie, weil er zu einem Drittel zu unserer Abteilung gehört, und in zweiter Linie, weil wir auf diese Weise die Basis ein wenig verbreitern.« Er sah in die Runde.

»Ich halte das schon für eine gute Idee«, sagte Jaring bedächtig.

»Es tut mir leid«, sagte Bart, »aber ich halte weder das eine noch das andere für ein überzeugendes Argument.«

»Bart!«, sagte Maarten.

»Ich halte Mark für einen sehr guten Kollegen«, sagte Bart, »und es ist nicht gegen ihn persönlich gerichtet, aber Mark gehört zum Allgemeinen Dienst, und wenn wir ihn einladen, müssen wir auch die anderen Kollegen des Allgemeinen Dienstes einladen, weil wir sie sonst diskriminieren.«

»Wenn wir Mark einladen, tun wir das natürlich, weil wir von ihm einen substantiellen Beitrag erwarten können«, sagte Maarten. »Von Bekenkamp, Bavelaar oder Hans Wiegersma können wir das nicht.«

»Aber dagegen habe ich nun gerade etwas einzuwenden, denn damit nimmst du die Entscheidung schon vorweg! Wir haben noch gar nicht beschlossen, eine Zeitschrift zu gründen.«

»Da stimme ich B-bart zu«, bemerkte Freek. »Ich habe schon etwas dagegen, dass jemand, der nicht zur Abteilung gehört, mit über die Arbeit entscheidet, die wir auf uns nehmen.«

»Ja«, sagte Elsje, »so sehe ich es auch.«

»Wir sind jetzt zu elft«, sagte Maarten, seine Irritation über ihre Beifallsbekundung unterdrückend. »Wenn gleich sechs von euch dagegen und fünf dafür sind und Mark sich auf die Seite der Fünf stellen würde, haben wir Stimmengleichheit, und dann werde ich der Kommission mitteilen, dass es in der Abteilung keine Mehrheit dafür gibt.«

»Aber zählt die Stimme des Vorsitzenden denn nicht doppelt?«, wollte Sien wissen.

»Heute nicht«, entschied Maarten.

»Dann v-verstehe ich trotzdem nicht, warum du mit aller Gewalt Mark dabei haben willst, bevor die Entscheidung getroffen worden ist«, sagte Freek.

»Weil ich es, falls ihr eine solche Zeitschrift starten wollt, für die Zugehörigkeit von Mark besser finde, wenn er von Anfang an dabei gewesen ist.«

»Du rechnest also damit, dass wir Ja sagen!«

»Natürlich rechne ich damit! Ihr könnt Ja sagen, und ihr könnt Nein sagen.«

»Ja, dann ist es in Ordnung. Wenn du es nur zugibst.«

Maarten sah ihn verwundert an. Er verstand nicht mehr, was in Freek vorging.

»Und trotzdem bleibt es für mich ein Problem, dass Mark nicht zur Abteilung gehört!«, sagte Bart mit Nachdruck.

»Warum?«, fragte Maarten und sah ihn mit einiger Ungeduld an.

»Weil er sich nicht an die Richtlinien zu halten braucht, die für die Abteilung gelten!«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine, dass das, was wir schreiben, auch von uns beurteilt wird.«

»Was Mark schreibt, auch.«

»Nein, denn wenn Mark mitmacht, sitzt er in der Redaktion!«

»Wenn du mitmachst, sitzt du auch in der Redaktion.«

»Da bin ich mir noch nicht so sicher, ob ich mitmachen will. Darüber müssen wir doch gerade noch reden!«

»Jeder Aufsatz, auch der von den Redakteuren, steht in der Redaktion zur Diskussion!«, sagte Maarten ungeduldig. »Wenn ein Aufsatz, von wem auch immer, nicht ins Redaktionskonzept passt, wird er abgelehnt.«

»Damit bin ich absolut nicht einverstanden«, sagte Sien. »Ich finde, dass das nur der Chefredakteur entscheiden sollte!«

»Da bin ich dann anderer Meinung, Sien«, sagte Bart mit einem freundlichen Lächeln, »denn das würde bedeuten, dass der Chefredakteur die gesamte Macht bekommt, und das ist nicht demokratisch!«

»Dafür ist der Chefredakteur doch auch da?«, sagte Sien gereizt. »BeiOns Tijdschriftläuft es doch auch so?«

»Das war ja auch der Grund, weswegen Maarten da raus wollte, wenn ich es richtig verstanden habe«, bemerkte Freek.

»Na, ich weiß nicht. Davon weiß ich nichts.«

»Sollen wir nicht erst über die Befugnisse sprechen, wenn ihr der Zeitschrift zugestimmt habt?«, schlug Maarten vor. »Es geht jetzt darum, ob wir Mark einladen oder nicht. Ihr habt die Argumente gehört. Wer ist dagegen?«

Bart hob die Hand. Elsje streckte ebenfalls die Hand hoch, doch als sie sah, dass Freek es nicht tat, zog sie sie wieder zurück.

»Wer ist dafür?«

Außer Freek und Bart hoben alle die Hand.

»Könntest du dann Mark mal holen?«, fragte Maarten Manda. Es kostete ihn Mühe, ein Gefühl des Triumphes zu verbergen.

»Versteh mich recht, Sien«, sagte Bart gedämpft zu Sien, die ihm gegenübersaß. »Ich bin nicht gegen einen Chefredakteur! Aber ich bin schon dagegen, dass der Chefredakteur absolute Macht bekommt. Ich finde, dass man, wenn es dann eine Meinungsverschiedenheit gibt, darüber diskutieren können muss.«

»Das weiß ich nicht«, wehrte Sien ab. »Das kostet doch bloß Zeit. Ich finde es wichtiger, dass ich an meiner Studie arbeiten kann.«

»In meinem Studio arbeiten kann«, verbesserte Joop. Sie kicherte, unterdrückte es jedoch wieder.

Rund um den Tisch wurde gegrinst.

»Ja, das finde ich natürlich auch«, sagte Bart mit einem nachsichtigen Lächeln, die Bemerkung von Joop ignorierend, »aber wenn man dem Chefredakteur die gesamte Macht überträgt, ohne dass darüber diskutiert werden kann, läuft man Gefahr, einseitig zu werden.«

»Ach, davor habe ich keine große Angst«, sagte Sien.

Die anderen lauschten schweigend, ohne sich in die Diskussion einzumischen.

Manda kam wieder ins Zimmer, gefolgt von Mark. Er hatte die Pfeife im Mund und die Hand an der Pfeife. Ad zog einen Stuhl zwischen sich und Freek unter dem Tisch hervor. Mark setzte sich und sah verschmitzt lächelnd zu Maarten hinüber. »Ist es gelungen?«

»Du bist auf jeden Fall willkommen«, sagte Maarten schmunzelnd. »Du darfst hier nur nicht rauchen, weil Bart dann Probleme mit seinen Augen kriegt.«

»Tut mir leid, Bart«, entschuldigte sich Mark und beugte sich nach vorn, um Bart sehen zu können. Er legte die Pfeife auf den Tisch.

»Ich finde es auch sehr unangenehm, Mark«, sagte Bart lächelnd, »aber ich kann es wirklich nicht ändern.«

»Du weißt schon, worum es geht«, sagte Maarten, während er sich Mark zuwandte. »Die Kommission hat mich gebeten, eine eigene Zeitschrift zu gründen, nachdem Beerta und ich in einem Brief vorgeschlagen hatten, aus der Redaktion vonOns Tijdschriftauszutreten. Ich habe versprochen, euch die Bitte vorzutragen. Darum geht es zuerst.«

»Das sollten wir natürlich machen«, fand Mark. »Das werden doch wohl alle so sehen?«

»Ich weiß nicht, ob ich das so sehe«, sagte Freek. »Wenn Maarten aus der Redaktion vonOns Tijdschriftaustritt, ist das seine S-sache. Ich finde nicht, dass wir dann für die Folgen geradestehen sollten.« Er sah Mark entrüstet an.

»Da bin ich einer Meinung mit Freek«, sagte Bart. »Ich finde, dass wir erst über die Frage hätten diskutieren müssen, ob es überhaupt so klug gewesen ist, aus der Redaktion vonOns Tijdschriftauszutreten. Darüber sind wir als Abteilung nicht offiziell informiert worden.«

»Ich habe den Brief in den Umlauf gegeben, bevor ich ihn verschickt habe«, sagte Maarten.

»Aber wir haben nicht darüber gesprochen! Das hätten wir doch erst besprechen müssen!«

»Wenn einer von euch gesagt hätte, dass er oder sie es besprechen möchte, wäre das auch passiert«, sagte Maarten verärgert.

»Warum ist es dann nicht passiert?«

»Weil niemand darum gebeten hat!«

»Wir konnten doch auch nicht wissen, dass das die Konsequenz sein würde?«

»Das wusste ich auch nicht.«

»Aber ich habe es schon prophezeit!«

»Ja, du hast es prophezeit.« Es klang ironisch.

»Wir hätten also sehr wohl darüber diskutieren können! Jetzt haben wir nicht die Gelegenheit bekommen zu sagen, dass wir dagegen sind.«

»Gut!«, sagte Maarten ungeduldig. »Wenn einer von euch an meiner Stelle in der Redaktion vonOns Tijdschriftsitzen möchte, bin ich bereit, zur Kommission zu gehen und meinen Sitz zur Verfügung zu stellen. Ich mache es nicht mehr. Ich will nicht länger fürOns Tijdschriftverantwortlich sein!«

»Damit machst du es dir schon sehr einfach«, fand Freek.

»Das sehe ich nicht so!«

Es wurde still.

Maarten sah in die Runde. Er war irritiert, und das versetzte ihn in Anspannung. »Gibt es jemanden unter euch, der an meiner Stelle in der Redaktion vonOns Tijdschriftsitzen möchte?«

Niemand sagte etwas.

»Soll ich es zur Abstimmung bringen? Wollt ihr, dass ich die Sitzung verlasse, damit ihr ohne mich darüber sprechen könnt?«

Es blieb still.

»Dann nehme ich an, dass alle damit einverstanden sind, und wir nicht mehr über diesen Punkt zu diskutieren brauchen.«

»Das habe ich nicht gesagt, dass ich damit einverstanden bin«, sagte Freek entrüstet.

»Ja«, pflichtete ihm Bart bei. »Du legst uns Worte in den Mund, die wir nicht gesagt haben.«

»Aber du bist dann doch wohl damit einverstanden, dass wir nicht mehr darüber zu diskutieren brauchen?«, sagte Maarten ungeduldig.

»Nur, weil es keinen Sinn mehr hat«, sagte Freek, »aber ich fühle mich schon vor vollendete Tatsachen gestellt.«

»Das empfinde ich auch so, Freek«, sagte Bart und beugte sich etwas vor, um Freek sehen zu können.

»Ich habe es notiert«, sagte Maarten sarkastisch. »Wir sind also wieder bei der Frage, die ich eben gestellt hatte, ob ihr bereit seid, eine eigene Zeitschrift zu gründen, oder nicht.«

»Ich bin also dagegen!«, sagte Freek

»Ich bin dafür«, sagte Mark.

»Freek ist dagegen!«, stellte Maarten fest, die Zustimmung von Mark ignorierend. »Warum?«

»Weil ich keine Lust habe, mich vor den K-karren der K-kommission spannen zu lassen.« Er sperrte die Augen weit auf. »Ich habe wahrlich Besseres zu tun.«

»Ja, ich bin auch dagegen«, sagte Elsje.

»Warum?«

»Eigentlich aus denselben Gründen wie Freek.«

»Du willst dich nicht vor den Karren der Kommission spannen lassen.« Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte auch das Stottern von Freek wiederholt.

»Ja, … oder eigentlich: Nein.«

»Noch mehr, die dagegen sind?«, fragte Maarten und sah in die Runde.

»Bekomme ich auch noch die Gelegenheit zu sagen, warum ich dafür bin?«, fragte Mark ein wenig böse.

»Gleich. Erst die, die dagegen sind.« Er sah abwartend von einem zum andern.

»Dürfen wir auch noch erfahren, welche Konsequenzen es hat, wenn wir dagegen sind?«, fragte Bart.

»Dann gehe ich zur Kommission und sage, dass ihr dagegen seid, dass also nichts daraus wird.«

»Dann wälzt du schon die Verantwortung auf uns ab.«

»Dann lege ich die Verantwortung dort nieder, wo sie liegt!«

»Warum sagst du dann nicht, dass du selbst dagegen bist? Dafür brauchst du uns doch nicht zu benutzen?«

»Weil ich dafür keine Argumente habe! Für mich ist die Bitte natürlich eine Katastrophe, aber ich halte sie schon für legitim. Wenn wir ausOns Tijdschriftaustreten, darf die Kommission verlangen, dass etwas anderes an ihre Stelle tritt.«

»Darf ich jetzt mal?«, fragte Mark. »Ich halte es nämlich ganz und gar nicht für eine Katastrophe.«

»Mark!«, sagte Maarten.

»Ich verstehe nicht, dass ihr mit so vielen Einwänden kommt. Ich finde, dass wir so eine Gelegenheit mit beiden Händen ergreifen ­sollten. So eine Chance bekommt man nicht zweimal.« Er sah abwechselnd Freek und Bart an.

»Ich habe nicht so viel gegen eine eigene Zeitschrift einzuwenden, Mark«, sagte Bart freundlich. »Ich bin nur der Meinung, dass wir dafür angesichts unserer jetzigen Tätigkeiten keine Zeit haben. Wir müssen doch auch darauf achten, dass wir uns nicht überfordern.«

»Dann machst du bei dem anderen eben ein bisschen weniger«, sagte Mark amüsiert.

»Da verschätzt du dich aber, bei dem eisernen System, das hier herrscht.«

»Oh, ist esdas?« Er schmunzelte in sein Bärtchen.

»Gibt es noch weitere Argumente dafür oder dagegen?«, fragte Maarten.

»Wenn es nicht auf Kosten der Forschung geht«, sagte Sien.

»Ich bin schon dafür«, sagte Manda.

»Ich auch«, sagte Tjitske.

»Dann lasse ich über die Bitte der Kommission abstimmen«, entschied Maarten.

»Aber müssen wir denn nicht erst auch noch über den Inhalt sprechen?«, fragte Bart.

»Das machen wir danach«, sagte Maarten entschlossen. »Erst die prinzipielle Entscheidung. Wer ist dagegen?«

Nur Freek hob die Hand. Elsje zögerte. Sie sah Freek an, tat es aber dann doch nicht.

»Wer ist dafür?« Er streckte selbst die Hand hoch und sah auf die Hände rundherum. »Dann ist der Vorschlag angenommen«, stellte er mit einiger Genugtuung fest, »mit nur einer Stimme, der von Freek, dagegen.« Er wandte sich Freek zu. »Möchtest du, dass ich das der Kommission mitteile, damit du von eventuellen Verpflichtungen entbunden wirst?« Es klang boshaft.

»Nein, ich mache natürlich schon mit«, sagte Freek empört. »Ich bin bloß dagegen.«

»So denke ich eigentlich auch darüber«, pflichtete ihm Bart bei.

»Gut, aber in der Praxis macht es keinen Unterschied. Zum Inhalt!« Er sah in die Runde. »Ich schlage vor, den Inhalt so eng wie möglich an das System zu koppeln, wie Bart es nennt. Das bedeutet, dass Literaturinformationen den Kern jedes Heftes bilden, also die Zusammenfassungen aller Bücher und Zeitschriftenaufsätze, die wir in die Hände bekommen, sofern sie für das Fach von Interesse sind. Die Arbeit also, die wir sowieso schon machen, eventuell ergänzt um Handschriften und Interviews. Und dass wir außerdem anstreben sollten, in jeder Ausgabe zumindest einen Aufsatz zu bringen, der einen Eindruck von der Forschung vermittelt, die wir hier betreiben. Ist das was?«

»Warum sollen wir nicht nur Aufsätze bringen?«, fragte Tjitske.

»Da stimme ich Tjitske zu«, sagte Bart. »Ich würde mich auch lieber auf Aufsätze beschränken.«

»Es geht doch darum, dass wir einewissenschaftlicheZeitschrift machen?«, pflichtete ihm Sien bei.

Der Widerstand an dieser Stelle überraschte Maarten. Er fand es idiotisch, dass Leute, die noch nie einen Aufsatz geschrieben hatten, mit einem derartigen Vorschlag kamen, doch er schreckte davor zurück, es als Argument zu benutzen, und das verwirrte ihn. »Das bedeutet, dass wir pro Jahr fünf bis sechs Aufsätze à zwanzig Seiten produzieren müssten«, sagte er langsam.

»Na und? Was spricht dagegen?«, fragte Tjitske. »Wir sind doch zu zwölft?«

»Dann möchte ich doch schon eine schriftliche Garantie haben, dass wir von allen anderen Tätigkeiten entbunden werden«, bemerkte Bart.

»Na, ich weiß nicht«, sagte Joop. »Dafür bin ich nicht eingestellt worden.«

»Ich meine natürlich, dass das die wissenschaftlichen Beamten machen sollen«, sagte Tjitske.

»Davon gibt es nur sechs«, wies Freek sie zurecht, »zumindest, wenn ich Jaring mitzählen darf.«

»Nein, mich darfst du nicht mitzählen«, sagte Jaring lächelnd.

»Dann fünf«, schlussfolgerte Freek.

»Wir können doch wohleinenAufsatz im Jahr produzieren?«, fand Mark.

»Das weiß ich nicht, Mark«, sagte Bart und beugte sich nach vorn. »Dann müssen wir doch zuerst von unseren anderen Verpflichtungen entbunden werden.«

»Davon kann natürlich keine Rede sein«, griff Maarten ein. »Wenn man wissenschaftlicher Beamter ist, muss man auch die aktuelle Literatur nachhalten, und es kostet nur wenig Mühe, es dann aufzuschreiben. Außerdem haben wir auch die Aufgabe, Auskünfte zu erteilen. Wir sind die einzige Zeitschrift auf unserem Fachgebiet. Abonnenten müssen bei uns finden können, was es auf unserem Gebiet gibt.«

»Dafür ist doch gerade die Dokumentation da?«, warf Bart ein.

»Für die Dokumentation ist das zu schwer. Außerdem sind sie noch in Ausbildung, und es istauchdie Aufgabe der wissenschaftlichen Beamten.«

»Siehst du, dass wir doch erst über den Inhalt hätten reden müssen?«, sagte Bart verstimmt.

»Wärst du dann dagegen gewesen?«

»Das weiß ich nicht. Das kann ich so nicht sagen.«

»Noch jemand zu diesem Thema?«, fragte Maarten und sah in die Runde.

»Wenn es bedeutet, dass ich wegen Bart keine Aufsätze schreiben darf, weil ich Dokumentarin bin«, sagte Sien schnippisch, »lege ich dagegen Widerspruch ein!«

»So habe ich es nicht gemeint, Sien«, sagte Bart erschrocken. »Ich habe nur etwas dagegen, dass ich die Arbeit der Dokumentation machen muss.«

»Jeder macht hier im Prinzip alles«, beendete Maarten die Diskussion, »innerhalb der Grenzen seiner oder ihrer Möglichkeiten. Ich stelle meinen Vorschlag zur Abstimmung. Wer ist für eine Zeitschrift, in der der Akzent auf den Literaturinformationen liegt?«

Jaring, Joop, Ad und Manda hoben die Hand.

»Fünf!«, stellte Maarten fest. »Wer ist für eine Zeitschrift, die nur aus Aufsätzen besteht?«

Sien, Elsje, Freek, Mark, Bart und Tjitske streckten die Hand hoch.

»Joost?«, erkundigte sich Maarten.

»Ich enthalte mich lieber.«

»Du weißt es nicht.«

»In der Tat.«

»Also sechs«, sagte Maarten. Er verbarg seinen Unmut.

»Mit der Einschränkung, dass ich dann von meinen übrigen Verpflichtungen entbunden werden möchte«, bemerkte Bart.

»Das geht, wie gesagt, nicht, aber du kannst durchaus versuchen, effizienter zu arbeiten.«

»Darüber würde ich dann gern noch einmal mit dir sprechen wollen.«

»In Ordnung.« Er wandte sich wieder der Versammlung zu. »Wir vereinbaren, dass wir den Aufsätzen Priorität einräumen, allerdings unter Berücksichtigung unserer Aufgabe auf dem Gebiet der Literaturinformation. Solange die Dokumentation sie nicht allein bewältigen kann, springen die wissenschaftlichen Beamten ein. Kritische Rezensionen fallen auf jeden Fall in die Zuständigkeit der wissenschaftlichen Beamten. Ich werde dazu einen detaillierten Vorschlag machen, den wir dann wieder besprechen. Einverstanden?«

Niemand sagte etwas.

»Gibt es noch etwas anderes?«

»Ja, die Frage der Verantwortlichkeit«, erinnerte ihn Sien.

»Es ist unsere Zeitschrift«, er verstand nicht, worauf sie hinauswollte, »wir sind also alle verantwortlich, als Abteilung.«

»Aber wer sind denn die Redakteure?«

»Das sind wir alle.«

»Es muss doch jemand verantwortlich sein? Ich will keine Redakteurin sein. Dann müsste ich die Beiträge anderer beurteilen.«

»Du brauchst kein Urteil abzugeben.«

»Also gibt es auch keinen Chefredakteur?«

»Muss es einen Chefredakteur geben?«, fragte Maarten die Versammlung.

»Ich dachte, dass Jaring und du das wären«, sagte Freek. »Ihr habt doch die letztendliche Verantwortung für die Abteilung?«

Maarten sah Jaring an. »Sind wir die Chefredakteure?«

Jaring lächelte. »Ich habe nichts dagegen einzuwenden.«

»Jaring und ich sind die Chefredakteure«, sagte Maarten zu Sien.

»Dann weiß ich, woran ich mich zu halten habe«, sagte sie.

Maarten sah in die Runde. »Noch etwas?«

Niemand sagte etwas.

»Sollen wir uns dann heute in einer Woche wieder treffen, um über den Namen und das Konzept zu sprechen? Ich werde dafür sorgen, dass ihr dann ein Papier mit einem Vorschlag habt. In Ordnung?«

Niemand reagierte.

»Also gut«, schlussfolgerte Maarten. »Dann schließe ich die Sitzung.« Er schob seinen Stuhl nach hinten, stand auf, nahm seine Papiere mit und ging zu seinem Schreibtisch. Während die anderen sich zerstreuten, sah er, an seinem Schreibtisch stehend, gedankenverloren auf die Schreibtischplatte. Er war leer und missmutig, ohne zu wissen, weshalb. Ein rasch aufkommender Widerwille gegen alles.

»Ich habe zwar gesagt, dass es in Ordnung ist«, sagte Manda – sie war, ohne dass er es bemerkt hatte, an seinen Schreibtisch gekommen –, »aber nächste Woche kann ich nicht, denn da habe ich Fahrstunden. Können wir es nicht verschieben?«

Er sah sie an, von weither kommend. »Fahrstunden?«, wiederholte er voller Abscheu. »In einem Auto?«

»Ja«, sie lachte. »Das ist eigentlich nicht erlaubt, oder?«

»Nein. Das ist überhaupt nicht erlaubt! Für Fahrstunden verschiebe ich keine Sitzung.« Er lachte gemein.

Sie musste lachen. »Du hast recht. Das hätte ich auch gesagt.« Sie verließ den Raum.

Er sah auf die Armbanduhr und stellte fest, dass es Zeit fürs Mittagessen war, zwanzig nach zwölf. Er holte ein Blatt Durchschlagpapier aus der Schublade und legte es auf die Schreibtischunterlage.

»Du hast ein gutes Mittel in die Hand bekommen, um uns unter Druck zu setzen«, sagte Ad, der allein im Zimmer zurückgeblieben war. In seiner Stimme lag deutlich Schadenfreude.

»Wie sollen wir die Zeitschrift eigentlich nennen?«, fragte Maarten, die Bemerkung ignorierend.

»Het Bulletin?«, schlug Ad vor.

*

»Kann ich dich vielleicht jetzt kurz sprechen?«, fragte Bart. Er stand an Maartens Schreibtisch. Ad hatte sich krankgemeldet. Sie waren allein im Zimmer.

»Ich komme«, sagte Maarten. Er tippte den Satz zu Ende, stand auf und setzte sich ans Kopfende des Tisches.

Bart setzte sich mit einem Zettel und einem Stift zu ihm.

»Erzähl.«

»Ich hätte gern, dass du mir genau sagst, welche Arbeiten ich abgeben darf.« Er setzte ein »1.« auf seinen Zettel und sah Maarten abwartend an.

»Abgeben ist natürlich nicht möglich.«

Bart sah ihn peinlich berührt an. »Ich werde doch Zeit für die Arbeit an der Zeitschrift frei machen müssen?«

»Ja, indem du das, was du tust, effizienter machst.«

»Du findest also, dass ich es nicht effizient mache.«

»Das weiß ich nicht, das kannst nur du selbst beurteilen.«

»Wie soll ich das denn selbst beurteilen?«, fragte Bart leicht verzweifelt. »Du kannst doch nicht von mir erwarten, dass ich über mich selbst sage, dass ich die Sachen nicht effizient mache?«

»Aber das passiert doch jedes Mal, wenn man Arbeit dazubekommt, dass man sich dann bei anderen Arbeiten einschränken muss?«

»Darum kann ich ja auch keine Arbeit mehr zusätzlich machen. Ich kann mich doch nicht noch mehr einschränken.«

»Man kann sich immer noch ein bisschen weiter einschränken.«

»Aber wie denn? Nenn mir mal ein Beispiel.«