Verlag: Verbrecher Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Plankton - J. J. Voskuil

. J. Voskuils Monumentalroman "Das Büro" ist Literatur gewordenes Büroleben, wie viele es kennen. "Het Bureau" erreichte Kultstatus in den Niederlanden und wurde mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet. Nach Band 1, "Direktor Beerta", und Band 2, "Schmutzige Hände", folgt nun der dritte Band in deutscher Übersetzung und mit einem Nachwort von Gerbrand Bakker. Schaurig-öde bleibt der Alltag im Büro des Maarten Koning auch in den Jahren 1972-1975. Die fleißigen wie auch die weniger fleißigen Volkskundler in Amsterdam sind zumeist mit sich selbst beschäftigt, oder sie spinnen Intrigen. Dabei bahnen sich bereits die Katastrophen an: der ständige Ärger mit Professor Pieters aus Antwerpen über die Redaktionslinie der gemeinsamen Zeitschrift oder die eigenmächtige Entscheidung Maartens, über den Kopf Direktor Balks hinweg für die traditionelle Neujahrskarte des Büros einen "Brummtopf" als Motiv zu nehmen - eine Entscheidung, für die er bitter büßen muss. Immerhin wird wenigstens ein Film über uralte bäuerliche Traditionen fertig, wenn auch mit kleinen Schönheitsfehlern: Einer der Protagonisten hat vergessen, seine Armbanduhr abzulegen, ein anderer trägt einen flotten Sporthut auf dem Kopf. Auch privat hat Maarten einiges zu verkraften: Sein Vater stirbt, und auch für den ehemaligen Büro-Direktor Beerta geht das Jahr gar nicht gut aus … "Das Büro" ("Het Bureau") war in den Niederlanden mit über 400.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller. Auch hierzulande wurden Band 1 und Band 2 begeistert aufgenommen. Das siebenbändige Werk erscheint in deutscher Übersetzung im Verbrecher Verlag, alle weiteren Bände werden halbjährlich veröffentlicht.

Meinungen über das E-Book Plankton - J. J. Voskuil

E-Book-Leseprobe Plankton - J. J. Voskuil

J. J. Voskuil

Das Büro 3

Plankton

Aus dem Niederländischen von Gerd Busse

Mit einem Nachwort von Gerbrand Bakker

(1972)

Er tippte einen Punkt, schob den Wagen nach rechts, rückte dreimal ein, dachte mit seinem Finger über der Tastatur kurz nach und tippte dann: »Der Schriftführer gab am 15. Dezember vor den Studenten von Prof. Dr. W. Güntermann, Lehrstuhlinhaber an der Universität Münster, eine Einführung in die Verbreitung des Weihnachtsbaums in den Niederlanden.« Er hielt kurz inne, betätigte zweimal den Zeilenschalthebel und tippte dann an den Anfang einer neuen Zeile: »Mitarbeiter am Fragebogen«. Er schob den Wagen nach rechts, unterstrich die Wörter, dachte, die Hand am Drehknopf der Walze, erneut nach, ließ den Drehknopf los, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und zog mechanisch Pfeife und Tabak zu sich heran. Während er den Tabak feststopfte, blickte er gedankenverloren durch das Fenster vor sich, ohne etwas zu sehen. Er steckte die Pfeife in den Mund, stand auf, verließ den Raum und ging die Treppe hinunter.

Im Kaffeeraum saß nur Tjitske. Wigbold sah, auf den Tresen gelehnt, durch den Schalter. »Wir können den Laden eigentlich dichtmachen«, fand er, während er langsam hochkam, um Maarten eine Tasse Kaffee einzuschenken.

»Es ist ruhig«, gab Maarten zu und schob ihm einen Bon hin.

»Ich kenne genug Einrichtungen, die zwischen Weihnachten und Neujahr einfach schließen.«

»Ich auch, aber ich finde es angenehm ruhig so.« Er nahm die Tasse, die Wigbold ihm reichte, und setzte sich neben Tjitske. »So«, sagte er.

Tjitske nickte.

Er rührte in seinem Kaffe, zündete seine Pfeife an und streckte die Beine aus. »Was machst du gerade?« Er sah zur Seite.

»Oh, Ausschnitte«, sagte sie gleichgültig.

»Ich sitze am Jahresbericht.«

Sie reagierte nicht darauf.

»Ich habe ausgerechnet«, sagte er, während er in den Raum sah, »dass ich mit diesem hier noch zwanzig Jahresberichte schreiben muss. Ich darf gar nicht daran denken.« Er stieß eine Rauchwolke aus. »Dann wirst du auch schon zwanzig Jahre hier sein.« Er schmunzelte.

»Denkste.«

»Wie viele dann?« Er sah sie an.

»Man sollte nie irgendwo länger als vier Jahre bleiben.«

»Dann ist man gerade eingearbeitet.«

»Oh, das ist mir egal.«

»Ja, das ist mir klar«, sagte er ironisch, »aber ich kannte diese Regel noch nicht. Früher blieb man irgendwo vierzig Jahre, dann bekam man einen Lehnstuhl. So habe ich es zumindest noch gelernt.«

Sie kniff die Augen zusammen und lachte lautlos.

»Ja.« Er schmunzelte.

Sie schwiegen.

Er zog seine Tasse zu sich heran, rührte noch einmal um und nahm einen Schluck. »Hattet ihr früher eigentlich einen Weihnachtsbaum?« Er steckte die Pfeife wieder in den Mund.

»Nein.«

»Weil kein Geld dafür da war«, vermutete er, während er sie ansah.

»Nein, weil meine Eltern Sozialisten waren.«

»Mein Vater war auch Sozialist, aber wir hatten einen Baum, sogar einen sehr großen.«

»Ja.« Sie lachte überheblich.

»Ein Sozialist ist nicht wie der andere«, stellte er fest.

Sie lachte wieder auf dieselbe Weise, wobei sie sich ein wenig schüttelte.

»Wir hatten zu Hause auch keinen Weihnachtsbaum«, sagte Wigbold durch den Schalter.

Seine Einmischung irritierte Maarten. »Waren Ihre Eltern auch ­Sozialisten?«, fragte er, während er ihn widerwillig ansah.

»Nein, Bauern.« Er kam hoch, als Rik Bracht, ein neuer Mitarbeiter der Abteilung Volkssprache, durch die Schwingtür hereinkam, und nahm eine saubere Tasse von dem Stapel.

»Hallo«, sagte Rik.

»Wo?«, fragte Maarten, um nicht unfreundlich zu sein.

»In der Achterhoek«, antwortete Wigbold, während er die Tasse für Rik einschenkte.

»Und die anderen Bauern?«

»Die meisten hatten keinen Weihnachtsbaum. Das war eher etwas für die Stadt.«

»Wir hatten auch keinen Weihnachtsbaum«, sagte Rik, ein kleingewachsener junger Mann mit dunklen, lockigen Haaren und dem Gesicht eines Menschen, der über den Dingen steht. Er setzte sich neben Maarten.

»Ja, aber deine Eltern sind katholisch«, sagte Maarten.

»Du sagst das, als ob das etwas Schlechtes wäre«, sagte Rik mit einem müden Lächeln.

»So sage ich alles«, versicherte Maarten, »aber es ist natürlich etwas Schlechtes.« Er lachte gemein.

»Das finde ich selbst eigentlich auch«, gab Rik zu.

Mia van Idegem und Hans Wiegersma kamen hintereinander aus dem Hinterhaus und betraten den Kaffeeraum. »Guten Morgen aller­seits«, sagte Mia lautstark.

»Ja«, sagte Hans mit einer verlegenen Geste.

Sie begaben sich an den Schalter.

»Hattet ihr eine Krippe?«, erkundigte sich Maarten.

»Ja«, sagte Rik, »mit Figuren und Tieren.«

»Will nicht einer von euch eine Katze haben?«, fragte Mia, während sie sich setzte.

»Was für eine Katze?«, fragte Maarten.

»Einen Streuner.«

Maarten zögerte. »Wir haben schon zwei.«

»Ich habe schon zwölf.«

»Ich würde gern eine Katze nehmen«, sagte Tjitske abrupt.

»Wo wohnst du denn?«, fragte Mia.

»Im Staatslieden-Viertel.«

»Kann sie da nicht weglaufen?«, fragte Mia, ihr Gesicht drückte Bedenken aus.

Bavelaar trat durch die Schwingtür. »Ebenfalls einen guten Morgen.«

»Warum?«, fragte Tjitske.

»Na ja, im Staatslieden-Viertel, da gibt es doch diese Gemeinschaftstreppen?«

»Hast du noch mal etwas von Slofstra gehört?«, fragte Maarten Bavelaar.

Sie setzte sich ihm gegenüber. »Seine Frau hat mich erst vor ein paar Tagen angerufen. Sie will ihn in ein Altersheim geben, und jetzt wollte sie wissen, ob sie dann seine Rente behält. Das finde ich ja ⁠… also wirklich! Findest du nicht auch?«

»Und warum soll er in ein Altersheim?«

»Weil sie es mit dem Mann nicht mehr aushält. Das kann ich mir schon vorstellen.«

Geert Meierink kam aus dem Hinterhaus. »Sieh mal an«, sagte er nölig, »da sind ja doch noch mehr, als ich gedacht habe.«

»Ja, Geert, das Leben ist immer anders, als man denkt«, sagte Maarten. Er stand auf, stellte seine Tasse auf den Tresen, nahm den Stapel Briefe, der für seine Abteilung bereitlag, und verließ den Kaffeeraum durch die Schwingtür. De Vries saß regungslos hinter der Telefon­anlage. »Geht es, Herr de Vries?« Er blieb stehen.

»Jawohl, Mijnheer, vielen Dank, Mijnheer«, antwortete de Vries.

Maarten zögerte einen Moment. Es lag ihm auf den Lippen zu fragen, ob de Vries früher auch einen Weihnachtsbaum gehabt hatte, da ihm nichts anderes einfiel, doch er behielt es für sich und wandte sich verlegen ab. Unzufrieden mit sich selbst stieg er die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Das Zimmer von Jaring Elshout war leer. Er zog eine Schreibtischschublade auf, um ein Stück Papier zu suchen. In der Schublade lagen nur das Büchlein mit den Entgeltgruppen im öffentlichen Dienst und dasBeamtenreglement. In der nächsten Schublade fand er einen Packen Briefpapier, einen Packen Durchschlag­papier und einen Stapel Umschläge. Er riss ein Stück des Papiers ab, in dem das Brief­papier eingeschlagen war, und schrieb darauf mit einem Bleistift, den er in der dritten Schublade fand: »Jaring – kann ich für meinen Jahresbericht die Angaben zu euren Aktivitäten im vergangenen Jahr bekommen? Danke. Maarten.« Es gab keinen Aschenbecher, den man als Briefbeschwerer verwenden konnte, nur eine Schachtel Lakritzbonbons. Er stellte sie auf das Blatt und verließ den Raum wieder, ging die Treppe hinauf in den dritten Stock. Das Zimmer von Frau Moederman war ebenfalls leer. Auf ihrem Schreibtisch lagen Stapel mit Umschlägen, teilweise aufgerissen, und Fragebogen. Die vier Karteikästen auf der Ecke waren geöffnet, als sei gerade noch darin gearbeitet worden. In der Schreibmaschine, auf einem Tisch, der im rechten Winkel zum Schreibtisch stand und auf dem sich ebenfalls Mappen und Fragebogen zwischen Karteikästen stapelten, steckte ein halbfertiger Brief. An einem Garderobenständer in der Ecke hing eine violette Strickweste, und auf einem Tisch vor dem Fenster standen Pflanzen. Im Gegensatz zu Elshouts Zimmer machte dieser Raum den Eindruck, als ob darin gelebt wurde. Er setzte sich auf ihren Stuhl hinter den Schreibtisch und schrieb auf ein Stück Papier: »Frau Moederman – kann ich für den Jahres­bericht von Ihnen die Zahlen der in diesem Jahr eingegangenen Fragebogen bekommen? Vielen Dank im Voraus. Koning.« Er legte das Blatt so, dass ihr Blick sofort darauf fallen würde, wenn sie sich hinsetzte, sah sich noch einmal um und stieg dann wieder die Treppe hinab, um in sein eigenes Zimmer zu gehen. Er drehte seinen Stuhl eine Vierteldrehung herum, machte sich Platz auf seinem Schreibtisch, legte die Post ab und griff zum Brieföffner. Während er den ersten Brief aufschnitt, begann in seinem Kopf ein Lied zu klingen:Nu sijt wellecome. Jesu, lieve Heer. Er ließ den Brief sinken und lauschte. In seiner Erinnerung sah er sich selbst im Dunkeln mit seiner Mutter vom Van Stolkweg, wo sie in der Aula des freisinnig-christlichen Gymnasiums dem Krippenspiel beigewohnt hatten, durch die Wäldchen zum Scheveningseweg gehen. Er sah die Lichter der Straßenlaternen zwischen den Bäumen, und er hörte die Stimmen und die Schritte der anderen Besucher um sie herum, die ebenso wie sie zur Straßenbahnhaltestelle gingen, so klar und deutlich, als sei das alles jetzt noch da, und während er reglos auf seinem Stuhl saß mit der Angst, die Erinnerung könnte abreißen, wurde er von Heimweh übermannt.

»Aber Herr Koning!«, sagte Frau Moederman vorwurfsvoll.

Er sah auf. »Frau Moederman!« Sie stand in der Tür zu seinem Raum.

»So gehen wir doch nicht miteinander um?«

»Wie nicht?«, fragte er verlegen.

»Wir werden uns doch keine Briefe schreiben? Das ist doch nichts für Sie!«

»Was hätte ich denn tun sollen?«, fragte er unsicher.

»Sie hätten doch wohl warten können, bis ich da bin? So eine Eile hat es doch nicht?«

»Ich hätte es gern am 31. Dezember auf Balks Schreibtisch gehabt.«

»Aber darunter dürfen doch andere nicht leiden?«

»Nein«, gab er zu, »das war auch nicht meine Absicht.«

»Aber so kommt es schon an.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel.«

»Ich nehme es Ihnen nicht übel, aber ich war schockiert. Machen Sie das bloß nie wieder! Es passt überhaupt nicht zu Ihnen.«

»Ich werde es nicht wieder tun.«

»Gut, dann werde ich sehen, was ich für Sie tun kann.«

»Vielen Dank.«

Sie verließ den Raum wieder.

Er blieb verwirrt zurück mit dem unglücklichen Gefühl, dass er niemals lernen würde, auf die richtige Weise mit seinen Mitmenschen umzugehen.

*

1973

»Was für einen Tag haben wir heute?«, fragte seine Schwiegermutter.

»Montag«, antwortete er. Er saß auf der Couch und las in einem Buch von Kipperman und van der Meulen, das er fürOns Tijdschriftbesprechen musste.

»Musst du da nicht zur Arbeit?«

Es war schon das dritte Mal, dass sie es fragte. »Nein«, sagte er geduldig, »denn es ist Neujahr.«

»O ja.«

Es war einen Moment still.

»Also war gestern Silvester?«

»Ja.«

»Habe ich euch dann schon ein frohes neues Jahr gewünscht?«

»Ja, das hast du.«

»Oh, zum Glück.«

»Ja, das ist in Ordnung«, sagte er geistesabwesend, mit seinen Gedanken bei dem Buch. Er zog ein Stück Papier zu sich heran und machte sich eine Notiz.

Sie stand auf, beide Hände auf den Lehnen ihres Sessels, und trat unsicher an die Couch.

»Was gibt es?«, fragte er und sah auf.

»Ich will dir doch mal einen Kuss geben«, sagte sie verlegen. Sie beugte sich zu ihm und gab ihm einen feuchten Kuss auf die Wange.

»Vielen Dank«, sagte er, ebenfalls verlegen.

»Denk dir einfach, wenn man alt wird, dann weiß man das alles nicht mehr so genau.«

»Ach, das ist doch halb so schlimm.«

»Es ist der Kopf, der Rest funktioniert noch ziemlich gut.«

»Ihr Kopf ist auch noch in Ordnung. Er wird nur ein bisschen langsamer, genau wie Sie.«

»Ja, lach nur darüber, aber du musst dich damit herumschlagen, mit so einer Mutter.«

Es war wieder eine Weile still. Während er las, sah er aus den Augenwinkeln, dass sie ihre Tasche auf den Schoß nahm und darin zu suchen begann.

»Was suchen Sie?«

»Ich suche meine Zugfahrkarte.«

»Sie haben keine Zugfahrkarte. Die gibt es erst, wenn Sie zurückfahren.«

»O nein«, sie machte die Tasche wieder zu, »wie kann ein Mensch bloß so dumm sein.«

»Ach was.«

»Wo ist das Kind jetzt?«, fragte sie nach einer Pause.

»Das Kind ist in der Küche.«

»O ja.« Sie stand auf und verließ mit unsicheren Schritten, als würde sie sich für ihre Anwesenheit entschuldigen, den Raum. Er hörte, wie sie durch den Flur in die Küche ging. »Was wollen Sie?«, hörte er Nicolien von ferne fragen. Er glaubte, aus ihrer Stimme Irritation herauszuhören. Die Unruhe ihrer Mutter machte sie nervös. – »Ich wollte nur mal sehen, ob ich helfen kann.« – »Nein, Sie können nicht helfen. Ich komme sofort. Gehen Sie schon mal rein.« Er hörte sie unsicheren Schrittes durch den Flur zurückkommen. Die Tür quietschte. Sie sah ihn sitzen und hob verlegen wie ein Schulmädchen die Hand ein Stückchen: »Ha, der Jansen!«

»Ha, die Pietersen«, antwortete er.

»Bist du schon wieder zurück?«

»Ja, ich bin wieder da.«

»Zum Glück.« Sie setzte sich, nahm ihre Tasche auf den Schoß und begann, darin zu suchen.

Er beobachtete sie verstohlen, ohne etwas zu sagen.

Sie stand mühsam auf, nahm die offene Tasche mit zum Tisch und stellte sie auf den Kopf, sodass alles herausfiel. Sie rührte ein wenig in ihren Habseligkeiten herum, hörte damit wieder auf und sah ihn an. »Was suche ich bloß?«, fragte sie unglücklich.

*

»Die kleine Tochter meiner Nichte ist jetzt auf einer Schule, in der sie überhaupt keine historischen Jahreszahlen mehr lernen«, sagte Beerta im Kaffeeraum. »Sie sagen, dass es das Gedächtnis bloß unnötig belastet. Davon hatte ich bisher noch nie gehört.«

»Natürlich belastet es das Gedächtnis«, rief Rentjes. »Alles Platz, den man besser für etwas anderes nutzen kann.« Maarten fiel auf, dass er sich einen anderen Haarschnitt hatte machen lassen. Er hatte jetzt eine Art Pagenfrisur mit Locke.

»Ich habe für mein Examen noch alle Jahreszahlen auswendig lernen müssen«, bemerkte Meierink.

»Damit werden Sie dann noch Probleme kriegen«, sagte Lex van ’t Schip mit einem Lächeln.

»Unsinn!«, sagte Balk irritiert, er bewegte seinen Fuß schnell hin und her, »das Erste, was Kinder lernen müssen, sind Jahreszahlen und das kleine Einmaleins!«

»Ja, aber früher gab es diese Fanatiker, die Kindernnurdie Jahreszahlen beibrachten!«, rief Rentjes. »Das ist wiederum das andere Extrem!«

»Das sind die Besten!«, sagte Balk entschieden. »Je mehr, umso besser!«

Aus der Küche kam Popmusik.

»Das habe ich auch immer gefunden«, sagte Beerta zufrieden.

»Solche Lehrer sterben aus«, meinte Huub Pastoors. »Ich bin schon froh, wenn meine Kinder demnächst noch wissen, wann die Schlacht bei Nieuwpoort war.«

»1600. Schlacht bei Nieuwpoort«, sagte Goud, während er sein Pfeifchen aus dem Mund nahm. Er sah lächelnd in die Runde, stolz auf sein Wissen.

»Dann musst du eine andere Schule nehmen!«, sagte Balk bestimmt.

»Die muss man erst einmal finden«, sagte Rik Bracht skeptisch.

»Eine Frage des Suchens!«, fand Balk.

»Aber die Frage ist schon, wo man die Grenze ziehen soll«, bemerkte Meierink träge. »Wenn man bloß an all die Fürstenhäuser denkt.«

»Als Junge habe ich noch alle F-fürstenhäuser auswendig gelernt«, sagte Beerta, »und ich habe viel Freude daran gehabt.«

»Die Fürstenhäuser sind das Rückgrat der Geschichte!«, sagte Balk. »Wer nicht weiß, wann Ludwig XV. gestorben ist, den schicke ich sofort wieder weg!«

»1296«, sagte Goud triumphierend.

»Das war Floris V.«, sagte Balk irritiert. Er nahm seine Tasse vom Tisch und stand auf.

»Oh, war das Floris V.?«, sagte Goud betreten.

»Sie sind durchgefallen, Herr Goud«, sagte Mark Grosz. Er schmunzelte in sein Bärtchen, während er an der Pfeife zog.

Maarten stand auf. »Hast du einen Moment Zeit?«, fragte er Balk.

»Ja, das glaube ich auch«, sagte Goud lächelnd.

»Wofür?«, fragte Balk schlecht gelaunt.

»Personalpolitik.«

»Dann komm mit!« Er schob seine Tasse über den Tresen in die Küche. »Herr Wigbold!«, sagte er laut. »Können Sie das Radio etwas leiser stellen, damit es außerhalb Ihres Raums nicht zu hören ist! Wir sind hier nicht im Jordaan!« Er wandte sich brüsk ab und ging vor Maarten her durch die Schwingtür in die Halle.

»Womit wir dann wieder einmal sozial klassifiziert worden wären«, hörte Maarten Rentjes sagen, kurz bevor die Tür hinter ihm zufiel. Er folgte Balk die Treppe hinauf in dessen Zimmer.

»Kannst du dir das mal ansehen?«, sagte Balk im Vorbeigehen zu Bavelaar. Er schob einen Brief auf ihren Schreibtisch und öffnete die Tür zu seinem Zimmer.

»Tag, Jantje«, sagte Maarten. Er fing die Tür auf, bevor sie zufiel.

»Tag, Maarten«, sagte sie.

Balk stand bereits hinter seinem Schreibtisch. Er sah den Rest der Post durch. »Setz dich«, sagte er, ohne aufzublicken.

Maarten setzte sich und wartete.

Balk zerriss gereizt einen von den Briefen, die er gerade bekommen hatte, und warf ihn in den Papierkorb. »Mit diesem Dreck will ich nichts zu tun haben«, sagte er zu sich selbst. Er holte eine Mappe aus dem Schrank hinter sich, schlug sie auf, steckte einen anderen Brief ­hinein, legte den Rest zur Seite und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. »Ja?« Er setzte sich und schlug die Beine übereinander. Sofort begann sich sein Fuß zu bewegen.

Maarten fasste sich ein Herz. »Zwei Dinge.« Er bemühte sich, knapp und deutlich zu formulieren, um zu vermeiden, dass Balk sein Gesicht verziehen und die Hand hinters Ohr legen würde. »Sien de Nooijer hat das Lehramtsexamen Niederländisch bestanden. Sie ist jetzt anderthalb Jahre hier. Sie ist eingearbeitet. Sie ist gut. Ich möchte sie jetzt in der Forschung einsetzen und ihren Dienstrang erhöhen.«

»Was für Forschung?«

»Für den Europäischen Atlas: die Verbreitung von Speisefetten.«

»Welcher Dienstrang?« Er verzog keinen Muskel seines Gesichts.

»Tarifgruppe 89.«

Balk sprang auf, stiefelte zu einem Registraturschränkchen in der Ecke des Raumes, zog die oberste Schublade auf, suchte einen Moment, nahm eine Mappe heraus, ging mit ihr zurück zu seinem Stuhl und schlug sie in seinem Schoß auf. Während er den Inhalt studierte, rieb er sich kräftig die Nase. »Sie hat jetzt 32«, stellte er fest. »Das klappt nie. Damit würde sie zwei Gruppen überspringen.«

»Was mich betrifft, kann es ruhig drei Jahre dauern.«

Balk stand erneut auf. Er holte das Büchlein mit Entgeltgruppen im öffentlichen Dienst aus dem Schreibtisch, setzte sich wieder hin, blätterte schnell darin herum und vertiefte sich, während er mit dem Finger den Reihen und Spalten folgte, in die Eingruppierungen. »Dafür wirst du mindestens sechs Jahre veranschlagen müssen.«

»Das ist unmöglich«, sagte Maarten entschieden. »Sie hat jetzt mit dem Hauptstudium angefangen. In vier Jahren muss sie 112 bekommen.«

»Ich werde es für dich beantragen«, er schlug das Büchlein zu, »aber erwarte dir nichts davon. Weiter?«

»Die Veldhoven-Stelle.« Er wartete einen Moment, um Balk Gelegenheit zu geben umzuschalten.

»Ja?«, fragte Balk ungeduldig.

»Die haben wir also in zwei Verwaltungsstellen umgewandelt.«

»Ja.«

»Auf die erste Anzeige sind fünf Briefe gekommen.«

»Und?«

»Darunter ist ein Bruder von Manda Kraai. Wenn der ebenso gut ist wie seine Schwester, wird die Wahl nicht schwer sein.«

»Hat er sich etwa auch beworben, weil er hier gewohnt hat?«

»Weiß der Himmel.«

»Wie groß ist diese Familie Kraai eigentlich?«

»Ich glaube, dass das alle sind.«

»Gut. Bring ihn her, wenn er kommt. Ich möchte ihn gern sehen. Du bist doch dabei, bei den Gesprächen?«

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen.«

»Ich will, dass du auf jeden Fall dabei bist! Und die zweite Stelle?«

»Damit möchte ich ein halbes Jahr warten«, sagte Maarten vorsichtig. »Einer ist erstmal genug.«

»Und wer ist eigentlich der Mann mit dem Bart, den ich da neuerdings herumlaufen sehe?«

Maarten verstand nicht gleich, wen er meinte. »Das ist Matser«, sagte er erstaunt.

»Nein, Matser kenne ich doch«, sagte Balk ungeduldig. »Ein Mann mit einem Tolstoi-Bart!«

»Oh, Halbe Tromp! Das ist eine studentische Hilfskraft.«

»Wie?«, fragte Balk, wobei er sein Gesicht verzog und die Hand hinter das Ohr legte.

»Halbe Tromp«, wiederholte Maarten, deutlich artikulierend.

»Warum ist er mir nicht vorgestellt worden?«

»Ist er dir nicht vorgestellt worden?« Er fühlte sich sofort schuldig.

»Ich will, dass mir jeder vorgestellt wird, auch studentische Hilfskräfte. Ich will hier niemanden treffen, den ich nicht kenne.«

»Natürlich.« Er verfluchte die Untergebenenposition, in die er durch diese Nachlässigkeit manövriert worden war.

»Ich habe nichts dagegen, dass du mit der Einstellung der zweiten Verwaltungskraft ein halbes Jahr wartest, aber dann muss sie bei dir untergebracht werden. Vier Verwaltungskräfte auf zwei wissenschaftliche Beamte finde ich genug. War es das?«

»Das war es«, sagte Maarten. Er fühlte sich gedemütigt.

Freek Matser saß an seinem Schreibtisch. Er sah auf, als Maarten eintrat.

Maarten blieb stehen. »Balk behauptet, dass Halbe ihm nicht vorgestellt worden ist.«

Matsers Augen wurden groß vor Entrüstung, der Teil seines Gesichts, der zu sehen war, straffte sich. »Da lügt er!«, sagte er wütend.

»Dann wird er es wohl schon vergessen haben.« Matsers Empörung amüsierte ihn.

»Nein«, wehrte Matser ab, »ich bin darüber wirklich stinksauer!«

»Das kann ich verstehen. Das wäre ich auch. Sag es ihm ruhig.«

»Ich werde mich hüten«, sagte Matser einlenkend.

Sie schwiegen. Maarten betrachtete die Fotos der Titelseiten, die auf Matsers Schreibtisch verstreut herumlagen, und die Kästen mit Kartei­karten. Er hatte noch immer keine rechte Vorstellung von der Arbeit, an der Matser nun bereits ungefähr fünf Jahre saß. »Wie läuft es jetzt mit Halbe?«, fragte er.

»Das solltest du ihn besser selbst fragen«, sagte Matser reserviert.

»Woran arbeitet er?«

»An den Systemen.«

Maarten schwieg. Auch von den Systemen hatte er nur eine ungefähre Vorstellung. »Gut. Geh noch einmal mit ihm zu Balk, oder soll ich das machen?«

»Ich mache es schon«, sagte Matser widerwillig.

»Balk will, dass wir die andere Hälfte der Stelle von Veldhoven nehmen«, sagte Maarten, als er den Raum betrat.

Bart und Ad sahen auf, Beerta tippte einfach weiter.

»Dann kommt noch jemand dazu«, sagte Bart verstimmt.

»Ja«, gab Maarten zu, »aber so, wie die Arbeit jetzt organisiert ist, können wir ihn gut gebrauchen.«

»Bist du denn auch sicher, dass die Abteilung Musikarchiv nichts dagegen einzuwenden hat?«

»Ich hatte eher den Eindruck, dass es für sie eine Erleichterung wäre, jedenfalls für Freek.«

»Da würde ich mich dann doch erst einmal vergewissern.«

»Was meint ihr?«, unterbrach Beerta sie, er hörte auf zu tippen. »Kann ein Mann über einen anderen Mann sagen, dass er anmutig ist?« Er drehte sich um und sah sie über seine Brille hinweg an.

»Nein«, sagte Maarten abwehrend.

»Es kommt darauf an, was das für ein Mann ist«, sagte Ad mit einem doppeldeutigen Lachen.

»Ich glaube nicht, dass man es sagen kann«, sagte Bart.

»Das kann man nur über eine Frau oder ein Kind sagen«, sagte Maarten missmutig.

»Das habe ich mir auch schon gedacht«, sagte Beerta. Er wandte sich ab und hob einen Finger über die Tastatur seiner Schreibmaschine.

»Ich habe mich dessen vergewissert«, sagte Maarten zu Bart.

»Und auch nicht über einen Jungen?«, fragte Beerta und drehte sich erneut um. Es war etwas Gemeines in der Naivität, mit der er die Frage stellte.

»Nur, wenn es ein Kind ist«, wiederholte Maarten.

»Aber nicht, wenn es ein Junge ist«, vermutete Beerta.

»Nein.«

Beerta nickte und wandte sich wieder ab.

»Haben wir dafür auch Arbeit?«, fragte Bart.

»Arbeit genug«, meinte Maarten.

»Aber wir müssen so jemanden schon wieder ausbilden.«

»Man kann also auch nicht über einen Mann sagen, dass er lieb ist?«, fragte Beerta erneut.

»Eine Frau kann das schon sagen«, sagte Maarten.

Ad grinste.

»Ja, natürlich, eine Frau«, sagte Beerta herablassend.

»Ein Mann kann über eine Frau sagen, dass sie lieb ist, und eine Frau über einen Mann«, sagte Maarten irritiert. Er überlegte kurz, ob er hinzufügen sollte, dass eine Frau es auch über eine Frau sagen konnte, aber er fand, dass es genug war.

*

»Dies sind Herr Elshout und Herr Matser«, sagte Maarten, »bei ihnen würden Sie arbeiten, wenn Sie eingestellt werden.«

Jaring und Freek waren aufgestanden.

»Elshout«, sagte Jaring freundlich.

»Matser«, sagte Freek mürrisch.

»Angenehm«, sagte der junge Mann tonlos und nickte kurz, starr und mit steifen Schultern. Er wirkte, als sei er so angespannt, dass er nur noch mechanisch reagieren konnte, ohne ganz bei der Sache zu sein.

»Setzen Sie sich«, sagte Maarten, während er einen Stuhl nach hinten schob.

Sie saßen im Zimmer von Fräulein Veldhoven, in das Jaring einge­zogen war, in der prallen Sonne, die unbarmherzig durch die hohen Fenster hereinschien, an dem kleinen, blauen Tisch. Draußen hörte man den Lärm von der Gracht.

»Sie sind der Bruder von Manda?«, fragte Maarten.

»In der Tat«, sagte der junge Mann mit einer kurzen, steifen Bewegung und kniff die Augen vor dem Licht etwas zusammen. Sein Haar war lang, fast bis auf die Schultern, aber auf dem Scheitel wurde er bereits etwas kahl. Er hatte einen Schnurrbart, und sein Gesicht war, ebenso wie seine Stimme, ohne irgendeinen Ausdruck.

»J. Kraai?«, fragte Maarten.

»In der Tat.«

Unvorstellbar, dass er ein Bruder von Manda sein sollte. Maarten sah auf seinen Brief, der vor ihm auf dem Tisch lag: eine schülerhafte, phantasielose Handschrift von bedrückender Regelmäßigkeit. »Sie haben sich beworben …?«, versuchte er es und sah ihn wieder an.

»In der Tat.«

»Ich meine, weil …?«

Die Frage überraschte den jungen Mann. Er runzelte kurz die Stirn. »Es schien mir eigentlich eine geeignete Stelle, ja«, sagte er dann. Er sprach die Worte wie jemand, der sich selbst mit großer Anstrengung zwingt, ordentlich zu reden, jeder Vokal in einem kleinen Korsett.

»Manda hat seinerzeit als Grund angegeben, dass sie hier gelebt hat«, sagte Maarten und sah ihn prüfend an. »Haben Sie das auch?«

»In der Tat.«

»Ich meine, ist das auch für Sie ein Grund?«

Er sah, dass sich Freek, der neben Jaring dem jungen Mann gegenüber saß, mit empörtem Gesicht aufrichtete, und ihm wurde klar, dass er seine Frage völlig unangebracht fand, was ihn amüsierte.

»Ich habe keine Ahnung«, sagte der junge Mann starr. »Ich glaube, nicht so sehr.«

»Sie möchten einfach eine andere Stelle.«

»In der Tat.«

»Was erhoffen Sie sich von dieser Stelle, was Sie bei Ihrer jetzigen vermissen?«

Der junge Mann dachte nach, wobei er die Augen niederschlug. Er dachte weiter nach, ohne eine Antwort zu geben.

»Sie arbeiten beim Telefonbuch?«

»In der Tat.«

»Als Korrektor?«

»In der Tat.«

»Das ist Ihnen zu langweilig?«

Der junge Mann schlug erneut die Augen nieder, ohne zu antworten. An seinem Gesicht ließ sich nichts ablesen. Er konnte auch vergessen haben, dass noch andere Menschen im Raum waren. Maarten sah ihn prüfend an, unschlüssig, was er mit ihm machen sollte. Er tat ihm leid, doch sein Verhalten irritierte ihn auch. »Jedenfalls erwarten Sie, dass es hier nicht langweilig sein wird«, schloss er, ihm auf halber Strecke entgegenkommend.

Der junge Mann sah auf. »Ja, nicht so sehr.«

Maarten sah Jaring an. »Vielleicht könntest du ihm erzählen, was er hier machen müsste?«

»Das mache ich gern«, sagte Jaring freundlich. Er wischte mit dem Unterarm über den Tisch, als wolle er Platz schaffen. »Sie sind also Korrektor?«

»In der Tat.«

»Aber Sie können auch tippen?«

Maarten schob Jaring den Brief hin.

»In der Tat.«

»Ich sehe hier in der Tat, dass Sie das Schoevers-Diplom haben«, sagte Jaring, wobei er unwillkürlich die Wortwahl des jungen Mannes übernahm. Er legte den Finger auf den Brief.

Der junge Mann nickte.

»Was Sie hier tun müssten, wäre, die Systeme auf dem aktuellen Stand zu halten. Wir haben hier eine Reihe von Systemen, und damit ist einiges an Arbeit verbunden. Und dann brauche ich jemanden, der für mich Termine macht und die Korrespondenz mit meinen Informanten betreut. Können Sie Briefe schreiben?«

»Das ist kein Problem.«

»Haben Sie das auch bei Schoevers gelernt?«

»In der Tat.«

Jaring nickte. »Das war’s«, sagte er mit einem verlegenen Lächeln zu Maarten.

»Und du?«, fragte Maarten und wandte sich Freek zu. »Hast du noch Fragen?«

Freek richtete sich ein wenig auf. »Ich habe keine Fragen«, sagte er böse.

»Gut«, sagte Maarten erleichtert. Er stand auf. »Dann hören Sie so bald wie möglich von uns.«

»Und?«, fragte er, als er das Zimmer wieder betrat.

Jaring und Freek saßen schweigend nebeneinander am Tisch, als sei er überhaupt nicht weggewesen.

»Ich weiß nicht, wie es euch g-geht, aber der Mensch würde mich in den W-wahnsinn treiben«, sagte Freek heftig. Er sah Maarten empört an, als sei er schuld daran.

»Ich glaube, ich könnte ihn schon gebrauchen«, sagte Jaring sanft. »Jedenfalls scheint er mir keiner zu sein, der sich für einfache Arbeiten zu schade ist.«

*

»Ich habe da ein Problem«, sagte Beerta. Er war aufgestanden und sah sie über den Tisch hinweg an, die Hand auf der Rückenlehne seines Stuhls.

»Müssen wir es für dich lösen?«, fragte Maarten, ohne aufzusehen – er war mit der Post beschäftigt.

»Nein, ich frage Bart.«

»Ja, Herr Beerta?«, fragte Bart.

»Du weißt, dass ich ein Haus in Middelburg habe?«

»Ja, Herr Beerta.«

»Darin habe ich das Dachgeschoss an den Sohn eines Freundes von mir vermietet. Kannst du mir folgen?«

»Ja, Herr Beerta. Sehr gut.«

»Aber nun ist vor einem Monat eine Vertreterin des anderen Geschlechts bei diesem Jungen eingezogen.«

»Dem kann ich auch noch folgen.«

»Gut so!«, sagte Beerta zufrieden. »Das Problem ist nun, dass ich stark vermute, dass sie nicht verheiratet sind.« Er schwieg einen Moment, damit sich diese Mitteilung bei Bart setzen konnte. »Findest du, dass ich danach fragen sollte?«

»Herr Beerta«, sagte Bart, »in dem Haus, in dem ich eine Etage gemietet habe, wohnen vier Männer und vier Frauen, und von den Männern bin ich der Einzige, der vom Gesetz dazu als befugt erklärt worden ist, die von Ihnen unterstellten Handlungen vorzunehmen!«

»Ja, aber das ist Amsterdam! Worüber ich hier spreche, ist Middelburg. Was soll ich sagen, wenn der Bürgermeister, der mein Nach­bar ist, bemerkt, dass er neue Nachbarn bekommen hat? Oder wenn ich den Großvater des Jungen treffe, denn den kenne ich auch sehr gut?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das weißt du also auch nicht.«

»Herr im Himmel«, fiel Maarten ihnen ins Wort, »da stellt er uns wieder vor vollendete Tatsachen!«

»Wer stellt uns vor vollendete Tatsachen?«, fragte Beerta.

»Pieters!« Er stand auf, einen Brief in der Hand. »Er hat dem Museum in Belgien versprochen, dass er seinem zwanzigjährigen Bestehen eine Jubiläumsausgabe widmen wird!«

»Ja, so sind die Belgier«, sagte Beerta resigniert, »die wollen immer etwas zu feiern haben.«

»Obwohl wir doch gerade erst vereinbart haben, dass wir in Zukunft bei derart eingreifenden Entscheidungen gefragt werden«, sagte Maarten empört.

»Haben wir das vereinbart? Daran kann ich mich nicht erinnern.«

»Auf der letzten Sitzung.«

Beerta schüttelte den Kopf. »Ich werde alt.« Er setzte die Brille auf, drehte sich zu seinem Schreibtisch und begann, in dem Stapel Mappen zu suchen, der dort lag.

»Nicht auszudenken«, sagte Maarten. »Wieder so ein Heft mit unlesbarem Gewäsch.«

Beerta fand, wonach er gesucht hatte, und schlug die Mappe auf. Er nahm ein loses Blatt Papier heraus und überflog es mit gespitzten Lippen. »Es steht nicht im Protokoll.«

»Nein, aber es wurde trotzdem vereinbart, bloß dass es Pieters natürlich nicht so gut in den Kram passte.«

Beerta legte das Blatt zurück in die Mappe. »Lass mich den Brief mal lesen.« Er nahm Pieters’ Brief von Maarten entgegen und las ihn aufmerksam durch, während Maarten abwartend zusah. »Er beruft sich darauf, dass für unser Museum seinerzeit auch eine Jubiläumsausgabe erschienen ist«, stellte er fest. »Dafür habe ich damals noch gesorgt.« Er sah Maarten musternd an.

»Ja, aber erstens existierte unser Museum damalsvierzigJahre, und zweitens ist das Heft auch unlesbar!«

»Alles, was aus meinen Händen kommt, ist unlesbar«, gestand Beerta ein. Er gab Maarten den Brief zurück.

»Das weiß ich, aber daraus muss man ja keinen Präzedenzfall machen.« Er ging mit dem Brief zurück an seinen Schreibtisch.

»Und was willst du jetzt tun?«, fragte Beerta.

»Ihn daran hindern, mit deinem Einverständnis!«

»Das wird dir nicht gelingen«, prophezeite Beerta. »Und außerdem hat er es jetzt schon versprochen. Du kannst ihn nicht bloßstellen.«

»Ich muss erst noch einmal darüber nachdenken«, wehrte Maarten ab.

Beerta betrachtete ihn besorgt. »Das scheint mir wirklich eine An­gelegenheit zu sein, die du der Kommission vorlegen musst«, warnte er.

*

»Alles gut und schön, und nachdem ich jedermann gehört habe, und so weiter, und so fort«, sagte Kaatje Kater. »Ich gebe dem Schriftführer recht, dass wir Pieters nicht immer alles durchgehen lassen können, und schlage vor, dass er im Namen der Kommission unser Missfallen ausdrückt. Ist Herr Beerta ebenfalls damit einverstanden?« Sie sah Beerta amüsiert an.

»Wenn es denn vorsichtig geschieht, Frau Vorsitzende«, sagte Beerta verhalten, »denn wir dürfen Pieters nicht gegen uns aufbringen. Pieters ist ein einflussreicher Mann.«

»Du hörst es«, sagte Kaatje Kater fröhlich zu Maarten, wobei sie ihre Hand kurz auf die seine legte, »du musst vorsichtig sein!«

»Ich bin immer vorsichtig«, protestierte Maarten. Er fühlte sich immer unsicher angesichts des ausgelassenen Auftretens von Kaatje Kater und reagierte deshalb steifer als beabsichtigt.

»Ja, das wissen wir«, sagte Kaatje Kater lachend. »Davon können wir ein Lied singen. Ich meine ja nur.«

Maarten hob lächelnd die Augenbrauen und beugte sich über das Papier, um ihre Worte zu protokollieren.

»Das war dann Punkt sieben der Tagesordnung«, sagte sie und sah auf die ihr von Maarten bereitgelegten Aufzeichnungen. »Punkt acht! Mitteilungen über die Tätigkeiten der Abteilung. Das Wort hat der Schriftführer! Schon wieder!«

»Vielen Dank, Frau Vorsitzende«, sagte Maarten. »Wenn ich mich auf die Forschung beschränken darf …⁠«

»Gern«, sagte Kaatje Kater. »Ich meine ja nur.«

Maarten lächelte gezwungen und sah auf sein Papier, »dann würde ich«, sagte er etwas lauter, »zwischen der Arbeit für den Europäischen Atlas, unserer Erzählforschung und der Untersuchung der Kommission Brotgeschichte, zu der auch Buitenrust Hettema gehört, unterscheiden wollen.«

»Das ist ein ganz netter Verein«, bemerkte Buitenrust Hettema.

»Ist das wieder was anderes als der Bauernhausverein?«, wollte Kaatje Kater wissen. Es war deutlich, dass sie diese Art Kommissionen nicht ernst nahm.

»Etwas ganz anderes«, versicherte Buitenrust Hettema, »außer, dass es auch ein netter Verein ist.«

»Frau Vorsitzende«, sagte van der Land, während er sich vorbeugte und die Pfeife aus dem Mund nahm, »dem letztgenannten Verein gehöre ich auch an, ebenso übrigens wie mein Nachbar«, er machte mit der Pfeife eine Bewegung in Richtung von Vester Jeuring, »und ich kann das voll und ganz unterschreiben.«

Maarten schmunzelte. Er vermutete, dass van der Land sich über die herablassende Heiterkeit Kaatje Katers ärgerte und die Bemerkung als Zurechtweisung dienen sollte, auch wenn der Ton äußerst zuvorkommend war.

»Sogar besonders nett«, pflichtete ihm Vester Jeuring bei. Er saß neben van der Land in aufrechter Haltung und in einem untadeligen, taillierten Anzug, durch den er in dieser ungepflegten Gesellschaft ein wenig aus dem Rahmen fiel.

»Zum Glück«, sagte Kaatje Kater ironisch. »Ich meine nur. Schriftführer!« Sie sah Maarten an.

»Für den Europäischen Atlas beschäftigen wir uns jetzt noch mit dem Dreschen, dem Mähen und dem Weihnachtsbaum«, sagte Maarten und beugte sich wieder über das Papier. »Dazu sind nach der Konferenz in Stockholm nun noch die Wiege und die Speisefette gekommen …⁠« Er wurde unterbrochen, da Kaatje Kater plötzlich auflachte, und er schwieg mit einem verlegenen Lächeln. »Ja«, sagte er und sah auf.

Der Rest der Gesellschaft sah etwas betroffen drein. Balk, der am Tischende saß, steckte sich mit einem wütenden Gesicht seine Pfeife in den Mund und schüttelte kurz die Streichholzschachtel, bevor er die Flamme durch den Pfeifenkopf jagte.

»Nichts, mach weiter«, sagte sie. »Ich höre zu.«

»Was die Erzählforschung betrifft«, fuhr Maarten fort, »so haben wir jetzt knapp dreißigtausend Erzählungen gesammelt und sind nun dabei, mit Blick auf eine eventuelle Ausgabe ein Register anzulegen«, er redete etwas schneller, als ob er die Mitteilung gleich wieder hinunterschlucken wollte, und leitete ohne Übergang zum nächsten Thema über, »und für die Kommission Brotgeschichte beschäftigen wir uns mit einer Befragung unter Bäckern, die die Situation vor dem Ersten Weltkrieg noch gekannt haben, als Ausgangspunkt für eine Reihe von Karten, die die Veränderungen im Brotverbrauch bis zum heutigen Tag illustrieren sollen.« Er sah zu Kaatje Kater. »Das ist es im Großen und Ganzen«, sagte er verkrampft.

»Mit Dank an den Schriftführer«, sagte Kaatje Kater, wobei sie ihre Hände mit einer kleinen Beugung zusammenführte, »und so weiter, und so fort. Wer von den Kommissionsmitgliedern hat dazu Fragen?« Sie sah in die Runde.

»Ja, Frau Vorsitzende«, sagte Appel, der seinen Stift ein wenig erhoben hatte. »Ich vermisse in dieser Übersicht eine Bemerkung über unseren eigenen Atlas. Muss ich daraus schließen, dass durch die Arbeit am Europäischen Atlas unser eigener Atlas in Gefahr geraten ist? Ich würde das sehr bedauern.« Er sprach mit einem leichten Limburger Akzent und in einem Ton, aus dem sowohl Skepsis als auch Missbilligung herausklangen.

»Ist das so?«, fragte Kaatje Kater Maarten. »Gerät er in Gefahr?«

»Nein.« Die Frage Appels, der als Schüler Seiners wusste, wie viel Arbeit der Europäische Atlas mit sich brachte, ärgerte ihn. »Schließlich kommt all die Arbeit unserem eigenen Atlas zugute, die Front ist nur breiter.«

»Dazu wollte ich gerade etwas bemerken, wenn Sie gestatten, Frau Vorsitzende«, bemerkte van der Land und beugte sich vor. »Übernimmt sich der Schriftführer nicht? Wenn ich höre, womit er so alles beschäftigt ist, kriege ich einen Schreck. Macht er das alles allein, oder bekommt er Hilfe? Was genau ist, um konkret zu sein, der Anteil Mullers und Asjes’?«

»Übernehmen Sie sich?«, fragte Kaatje Kater.

»Nein«, sagte Maarten, »das könnte ich nicht einmal. Wir haben die Arbeiten aufgeteilt. Asjes macht die historische Forschung, Muller hat den Weihnachtsbaum und die Erzählforschung übernommen, und wir gehen davon aus, dass sich Frau de Nooijer mit den Speisefetten beschäftigen wird.«

»Sind die Speisefette denn wirklich nötig?«, fragte Buitenrust Hettema. »Daran kann ich nichts Interessantes entdecken.«

»Das entscheide nicht ich«, sagte Maarten.

»Das entscheidet die Redaktion des Europäischen Atlas«, bemerkte Beerta.

»Ja, und da bist du doch Mitglied?«, sagte Buitenrust Hettema.

»Ich habe dort nichts zu melden«, sagte Beerta schmunzelnd. »Ich bin nur ein kleines Licht.«

»Nun, dann machst du dich eben mal groß«, fand Buitenrust Hette­ma mit einem spöttischen Lachen. »Das könnte wirklich nichts schaden.«

»Frau Vorsitzende«, sagte Goslinga – wie Vester Jeuring war er erst zum zweiten Mal da, ein dicker Mann mit rot angelaufenem Gesicht, der stockend sprach und dabei jedes Mal seinen Oberkörper verlagerte, als wollte er seinen eigenen Bemerkungen sogleich wieder ent­kom­men –⁠, »wenn es mir vergönnt ist, noch eine Bemerkung über die Darlegungen des Schriftführers zu machen …⁠«

»Herr Goslinga!«, sagte Kaatje Kater aufgeräumt.

»Ich habe mir den Jahresbericht 1972 noch einmal daraufhin durchgelesen«, fuhr Goslinga mit einem auffallenden östlichen Akzent fort, »und darin ist die Rede von einem Landwirtschaftsfilm. Ich höre vom Schriftführer dazu nichts mehr. Ich würde es außerordentlich bedauern, wenn dieses Projekt abgebrochen worden wäre, weil ich es für äußerst wichtig halte, dass die Werkzeuge und Techniken, die darin generell bezeichnet werden, auf Film festgehalten werden. Jetzt gibt es noch die Gelegenheit dazu. In ein paar Jahren ist es vielleicht nicht mehr möglich, fürchte ich. Kann der Schriftführer auch dazu vielleicht noch etwas sagen?«

»Schriftführer!«, sagte Kaatje Kater. »Wie steht es mit dem Film?«

»Vielleicht möchte Vester Jeuring darauf antworten?«, fragte Maarten und sah zu Vester Jeuring hinüber.

»Natürlich«, sagte Vester Jeuring. »Wir sind mit der Montage beschäftigt, dafür haben wir gerade Geld bekommen, und wenn wir noch einmal einen solchen Betrag erhalten, können wir ihn im kommenden Jahr in Umlauf bringen. Ich kann jetzt schon sagen, dass es ein außerordentlich schöner Film zu werden verspricht, außerordentlich schön.«

»Und wer macht den Kommentar?«, wollte Goslinga noch wissen. »Denn ich könnte mir vorstellen, dass gerade der Kommentar uns als – mehr oder weniger – Experten, denn dazu darf ich mich doch wohl zählen, besonders interessieren wird.«

»Dafür sollten die Herren Koning und Muller sorgen«, sagte Vester Jeuring.

»Muller und ich haben ein paar Tage mit den Filmleuten geredet, und auf der Grundlage werden wir einen Kommentar schreiben«, ergänzte Maarten.

»Sind Sie nun beruhigt, Herr Goslinga?«, fragte Kaatje Kater.

»Nicht nur beruhigt, Frau Vorsitzende, ich bin sogar außerordentlich zufrieden«, sagte Goslinga, sich nach vorn beugend.

»Noch jemand?«, fragte Kaatje Kater und sah in die Runde. »Niemand? Dann kommen wir zur Rundfrage. Herr Beerta!«

»Danke nein, Frau Vorsitzende.«

»Herr Buitenrust Hettema!«

»Nein, ich habe nichts mehr.«

»Herr Appel?«

»Nein, Frau Vorsitzende.«

»Herr Balk?«

Balk nahm seine Pfeife aus dem Mund und räusperte sich. »Ich bin von der wissenschaftlichen Kommission des Hauptbüros gebeten worden, Beschreibungen der Disziplinen anzufertigen, in denen die Abteilungen meines Büros operieren, mit einer Prognose für die Zukunft, dies mit Blick auf einen Neuzuschnitt der Wissenschaftslandschaft.« Er rieb heftig an seinem Nasenrücken auf und ab, als ob ihm dort etwas im Weg wäre. »Ich weiß nicht, wen Sie damit betrauen wollen, aber ich muss dazu bis Ende des Jahres einen Bericht abliefern.« Er steckte seine Pfeife wieder in den Mund, zündete ein Streichholz an und führte die Flamme an den Pfeifenkopf.

Kaatje Kater sah Maarten an. »Hast du davon gewusst?«

»Nein«, sagte Maarten.

»Ich fand es formal korrekter, es zunächst Ihrer Kommission vorzulegen«, verdeutlichte Balk, etwas irritiert.

»Was machen wir damit?«, fragte Kaatje Kater Maarten.

»Ich werde ihn schreiben.« Sein Kopf war leer, als hätte er einen enormen Schlag bekommen. In der Bitte steckte eine ihm noch unbekannte Bedrohung.

»Frau Vorsitzende«, sagte Beerta, »ich will mich da nicht einmischen, aber wäre es nicht klüger, wenn der Schriftführer solch einen Bericht in Absprache mit einigen Mitgliedern der Kommission schreiben würde?«

»Mit dir beispielsweise«, stellte Kaatje Kater klar.

»Nein, ich bin zu alt, aber auf jeden Fall mit Buitenrust Hettema, weil er als Professor unmittelbar daran beteiligt ist.«

»Sehen Sie das auch so?«, fragte Kaatje Kater Buitenrust Hettema.

»Ich würde auf jeden Fall schon gern darüber informiert werden«, sagte Buitenrust Hettema.

»Und weiter?«, fragte Kaatje Kater.

»Weiterhin hatte ich noch an die Herren Appel und van der Land gedacht«, sagte Beerta.

Maarten saß dabei und fühlte sich machtlos. Was die Absichten Beertas waren, konnte er nicht überblicken, doch er hielt ihn für fähig, einiges an Schadenfreude aus der Situation zu ziehen.

*

»Werter Professor Pieters,

neben der Ernennung von Herrn Wiegel ist in der Sitzung der Kommission vom 19. dieses Monats auch Ihr Vorschlag besprochen worden, Ihrem Museum eine Sonderausgabe zu widmen. Obwohl niemand die Absicht hat, Sie nun, da Sie bereits die Zusage gegeben haben, an Ihrem Vorhaben zu hindern, stieß der Plan auf wenig Begeisterung. Dem sei vorausgeschickt, dass man in unserer Kommission im AllgemeinenOns Tijdschriftwenig attraktiv findet. Im Redaktionsrat hatten wir dazu bereits einen ausführlichen Gedankenaustausch, und es ist nicht nötig, darauf zurückzukommen. Allerdings ist es schon so, dass man dadurch Plänen etwas kritischer gegenübersteht, von denen man erwartet, dass sie die Attraktivität für den Leser nicht erhöhen werden. Das Problem bei Jubiläumsausgaben ist zu oft, dass sie dazu dienen, die festliche Stimmung zu heben und kritische Töne, wenn sie schon erklingen dürfen, zu dämpfen. Für den Leser, der ein Außenstehender ist, und das gilt für viele Leser, ist das wenig anregend. Die Ausgabe, die anlässlich des vierzigjährigen Bestehens unseres Museums erschienen ist, ist eine solch tote Ausgabe, dass sie besser keine Ausgabe vonOns Tijdschriftgewesen wäre, obwohl ihr mindestens vierzig Jahre vorausgegangen waren. Diese Einwände wären beseitigt, wenn das Jubiläum seinerzeit den Anlass dargestellt hätte, uns kritisch auf die Funktion eines Museums zu besinnen. Hat die Präsentation des Museums (das Zeigen von Gebäuden und Gegenständen in einem funktionalen Zusammenhang) überhaupt den Effekt, den man bezweckt? Wie wird dem Besucher vermittelt, dass die Präsentation nicht nur regional, sondern auch zeitlich stark gebunden ist? Inwieweit befriedigt man eher die romantischen Vorstellungen über die Vergangenheit, als neue Erkenntnisse zu gewinnen? Wenn die Jubiläumsausgabe so aufgefasst werden würde, als eine Gelegenheit, die Problematik eines Museums beispielsweise durch eine Reihe von Museumsdirektoren aus dem In- und Ausland thematisieren zu lassen, würden die Einwände der Kommission entfallen, da diese der Meinung ist, dassOns Tijdschriftfür eine derartige Diskussion durchaus der passende Ort wäre.

Mit freundlichen Grüßen,

M. Koning«

*

»Die Antwort von Pieters«, sagte Maarten, als er mit der Post den Raum betrat.

»Jetzt schon?«, fragte Bart.

»Postwendend!« Er legte den Stapel Briefe auf seinen Schreibtisch, nahm sein Falzmesser und schlitzte den obersten Brief auf. Ad war aufgestanden und beobachtete ihn über das Bücherregal hinweg, das seinen Arbeitsplatz vom Rest des Zimmers trennte.

Maarten überflog den Brief. Sein Gesicht bekam etwas Streitlustiges. »›Werter Herr Koning‹«, las er vor, mit kaum unterdrückter Bosheit. »›Dass der Plan auf wenig Begeisterung stieß, nehme ich an. Ein Überschwang an Begeisterung oder auch nur Begeisterungtout courtwar für uns auf Seiten der Kommission bislang nicht zu erkennen, und wenn die KommissionOns Tijdschriftwenig attraktiv findet, haben die Mitglieder doch mehr als ausreichend Gelegenheit, sie attraktiver zu machen. Was die positive Seite betrifft: Wir sind einverstanden damit, dass diese Sonderausgabe einer Reihe von Personen die Gelegenheit bieten könnte (und sollte), sich kritisch auf die Funktion des Museums zu besinnen. Wir erwarten Ihre Aufsätze. Mit freundlichen Grüßen …‹« Er sah mit einem sardonischen Lachen auf.

»Er nagelt dich ganz schön fest«, schlussfolgerte Bart, nicht ohne Schadenfreude.

»Das glaubt er«, sagte Maarten und legte den Brief auf den Schreibtisch.

»Wie willst du denn darauf reagieren?«, fragte Ad.

»Ich schicke ihm eine Liste mit Fragen zur Funktion eines Museums und eine Liste mit Museumsdirektoren, denen wir sie vorlegen können.«

»Findest du ein Museum denn sinnlos?«, fragte Ad ungläubig.

»Ja!«, sagte Maarten energisch. »Völligen Nonsens! Geronnene Sehnsucht nach Großmutters Zeiten in einem quasi-wissenschaftlichen Gewand. Oder, um mit Carmiggelt zu sprechen: ›Mein Söhnchen will den Schnee bewahren und Falter auf dem Mützchen tragen!‹ Unsinn! Illusion!«

»Aber das Bewahren von Gegenständen aus der Vergangenheit hat doch durchaus einen Sinn?«, wandte Ad ein.

»Es geht nicht um die Gegenstände!«, sagte Maarten mit großer Entschiedenheit. »Das behaupten sie, aber die Gegenstände interessieren sie einen Dreck! Nimm unser Museum. Vor fünfzig oder sechzig Jahren begann der alte bäuerliche Betrieb zu verschwinden. Das hat ein Häuflein Intellektueller und Halbintellektueller, vor allem Halbintellektueller, auf die Idee gebracht, Bauernhöfe zu sammeln und so einzurichten, als ob darin noch gearbeitet würde. Und was sagt Vester Jeuring nun? Für dieses Bauernleben interessiert sich heutzutage kein Schwein, daran erinnert sich keiner mehr! Also weg mit den Bauernhöfen! Wir brauchen ein Dorf mit alten Gewerken! Und warum? Weil Vester Jeuring im Urlaub in Marokko oder Tunis einen Kupferschmied bei der Arbeit gesehen hat. Und die Gemeinschaft bezahlt dann im Folgenden Millionen für derartige Illusionen, die man in fünfzig Jahren wieder über Bord wirft!«

»Tatatata!«, tutete Bart, »der Große Steuermann hat gesprochen.«

»Ja«, sagte Maarten, er schmunzelte, plötzlich verlegen, »aber es ist doch so. Natürlich ist es Unsinn zu glauben, dass man die Vergangenheit rekonstruieren kann.«

»Und was ist dann unsere Funktion?«, fragte Ad.

»In die Suppe spucken! Demaskieren!«

»Aber das bezahlt die Gemeinschaft ebenfalls.«

»Ja«, gab Maarten zu. »Meinetwegen bräuchte das nicht so zu sein, aber es hat jedenfalls noch ein wenig Sinn.«

»Was ich bloß befürchte«, sagte Bart, »ist, dass es nur deswegen so ist, weil du eine Abneigung gegen Belgier hast.«

»Ich habe überhaupt keine Abneigung gegen Belgier«, sagte Maarten erstaunt.

»Warum regst du dich dann so auf, wenn gerade Pieters mit so einem Plan kommt und nicht beispielsweise Buitenrust Hettema?«

»Weil ich Macht nicht ertragen kann«, sagte Maarten verwundert. »Ich finde, dass Pieters so etwas mit uns beraten muss.«

»Nun, es tut mir leid, dass ich es sagen muss«, sagte Bart, »aber ich denke, dass es auch deshalb so ist, weil es sich um einen Belgier handelt.«

*

»Ich komme zur Aufnahme«, sagte sie zu der Frau hinter dem Tresen. »Ich bin Frau Koning.«

Maarten stand mit ihrem Koffer neben ihr. An ihrem Gesicht sah er, dass sie nervös war, eine etwas verlegene Entschlossenheit, und er dachte, dass er vielleicht der Einzige war, dem das auffallen konnte. Das rührte ihn.

Eine Krankenschwester brachte sie mit dem Aufzug in den zweiten Stock zu einem kleinen Zimmer mit einem hohen, weißen Bett, einem Nachttisch, einem Lehnstuhl, einem Waschbecken und einem Schrank. Nach kurzem Zögern stellte er den Koffer an den Schrank, während die Krankenschwester das Zimmer wieder verließ, nahm ihr den Mantel ab und hängte ihn an einen Kleiderbügel an die Garderobe neben der Tür. Sie hatte den Koffer aufs Bett gelegt, machte ihn auf, holte den Band mit Gedichten von Emily Dickinson heraus und legte ihn auf den Nachttisch. Während sie den Koffer weiter auspackte, sah er zu. »Schon ein ruhiges Zimmer, oder?«, sagte er verlegen.

»Ja«, sagte sie. Sie legte ihren Pyjama aufs Bett und den Beutel mit Toilettenartikeln auf das Waschbecken, klappte den Koffer wieder zu und schob ihn unten in den Schrank.

Er trat zum Fenster und sah nach draußen. Unten war ein Parkplatz mit einem Fahrradunterstand. Dahinter lagen ein Blumenbeet mit niedrigen, grünen Sträuchern und eine breite Gracht. Auf der anderen Seite der Gracht befand sich eine Hauswand, deren Fenster spiegelten. Das weiße Holz glänzte in der Frühlingssonne. Er drehte sich um. Sie stand am Bett, unsicher, was sie nun tun sollte. Er lachte verlegen. »Hallo, Knöllchen.«

»Hallo.« Sie hob kurz die Hand, fast unmerklich, genau wie ihre Mutter.

Es klopfte an der Tür. Eine Krankenschwester trat ein. »Ich will Ihnen nur kurz eine Spritze geben.« Sie trug ein Tablett mit Fläschchen, Wattebäuschen und Injektionsnadeln.

»Soll ich dann mal wieder ins Büro gehen?«, fragte er. »Ich komme heute Abend zurück.«

»Ja, geh nur«, sagte sie, abgelenkt durch die Krankenschwester.

Als er abends zurückkam, saß sie, normal gekleidet, neben ihrem Bett, mit den Gedichten Emily Dickinsons im Schoß. »Oh, wie schön«, sagte sie, als sie die rote Azalee sah, die er bei sich hatte, ihr stiegen Tränen in die Augen, »ich hatte solche Angst, dass ich keine Blumen bekommen würde.«

»Natürlich bekommst du Blumen.« Mit Gewalt bezwang er seine Gefühlsaufwallung, seine Stimme war rau.

»Wo hast du sie gekauft?« Sie stellte die Pflanze auf den Nachttisch.

»Auf dem Singel. ›Sie muss ab und zu ein Bad nehmen‹, hat der Mann gesagt, aber das werde ich schon machen.« Er zog einen Stuhl unter dem Tischchen hervor, das an der rückwärtigen Wand stand, und nahm, einen Meter von ihr entfernt, ihr gegenüber Platz.

Sie sahen sich verlegen an.

»Komisch, nicht wahr?«, sagte sie.

»Ja, komisch.«

Sie schwiegen. Er sah zum Fenster. Vom Stuhl aus konnte man nur den Himmel sehen, sehr viel Himmel.

»Was machen die Katzen?«, fragte sie.

»Die habe ich noch nicht gesehen. Ich komme direkt vom Büro, sonst hätte ich es nicht geschafft.«

»Aber du hast doch sicher schon gegessen?«

»Nein.«

»Aber du musst doch essen?«

»Ich esse nachher. Hast du schon gegessen?«

»Schon längst. Hier wird schon halb sechs gegessen.«

»Hat es geschmeckt?«

»Ja. Zwei Butterbrote und ein Glas Milch.«

Er nickte geistesabwesend.

Sie schwiegen erneut.

»Fragst du nichts?«, fragte sie.

»Was soll ich denn fragen?«, fragte er verlegen.

»Na, was sonst noch so war.«

»Was war sonst noch so?«, fragte er und sah sie an.

»Der Chirurg und der Anästhesist sind dagewesen«, erzählte sie ein wenig gereizt, »und haben mein Herz und die Lungen untersucht.«

Er nickte. »Waren sie nett?«, fragte er, als sie ihn prüfend ansah.

»Ja.«

»Und wann wirst du nun operiert?«

»Um acht Uhr. Nach acht Uhr heute Abend darf ich nichts mehr essen und trinken.«

»Bist du nervös?«

»Nein«, sagte sie entrüstet, »warum sollte ich nervös sein?«

»Nein, natürlich nicht«, beschwichtigte er sie, doch er glaubte an ihrem Gesicht zu erkennen, dass sie doch nervös war.

Als er das Krankenhaus verließ, war es noch hell. Auf dem Parkplatz sah er hoch und suchte ihr Fenster. Sie winkte. Er winkte und winkte noch einmal, bevor er hinter dem Seitenflügel aus ihrem Sichtfeld geriet. Gedankenverloren folgte er in der einsetzenden Dämmerung dem Overtoom. Es war ein stiller Frühlingsabend. Ein paar Spaziergänger waren unterwegs. Er hörte ihre Schritte und Stimmen, doch von so weit her, dass es schien, als kämen sie aus einer anderen Welt. Ohne sich umzusehen, überquerte er die Nassaukade und ging über die Leidse­kade und die Leidsegracht entlang nach Hause. Er öffnete die Haustür, bückte sich, um Marietje zu streicheln, die ihm entgegenkam, hängte seinen Mantel an die Garderobe, stellte die Bratpfanne auf den Gasherd, goss einen Schuss Salatöl hinein, schnitt zwei Scheiben braunes Brot in Würfel und warf sie in die Pfanne, fügte Tomate, Paprika und Knoblauch hinzu, schlug zwei Eier hinein und rührte in der Pfanne, bis die Masse heiß war. Er nahm eine Flasche Pils mit ins Wohnzimmer, legte das Tischtuch über eine Ecke, holte die Pfanne aus der Küche und füllte einen Teller voll. Als er fertig war und alles abgewaschen hatte, setzte er sich mit der Zeitung auf die Couch. Er legte die Zeitung neben sich und stopfte sich eine Pfeife, ließ sich zurück in die Kissen sinken und sah vor sich hin.

*

»Als ich heute Morgen in mein Zimmer kam, saß eine große Eule im Baum vor meinem Fenster«, sagte Hans Wiegersma zu Maarten – sie saßen zusammen im Kaffeeraum. »Ich habe sie geradewegs angesehen, und da ist sie weggeflogen.«

»Das ist bestimmt die Eule, die wir immer hören«, sagte Maarten, »wie groß war sie?«

»Na, ungefähr so.« Er hielt seine Hände ein Stück übereinander, sein Kopf wackelte ein bisschen.

»Vierzig Zentimeter«, schätzte Maarten. »Braun?«

»Ein bisschen gelblich mit braunen Streifen.«

»Eulengewölle«, sagte Wigbold, er stand hinter dem Schalter, mit den Unterarmen auf dem Tresen, »als Jungs haben wir die gefunden.«

»Ja, das weiß ich«, sagte Maarten. Die Neigung Wigbolds, sich in alles einzumischen, irritierte ihn.

»Manchmal haben wir auch eine gefangen«, erzählte Wigbold, »die haben wir dann lebendig an die Scheunentür genagelt«, die Erinnerung amüsierte ihn, »und die Eule versuchte dann, sich loszureißen«, er bewegte die Schultern hin und her, »aber das klappte natürlich nicht.« Er grinste.

Maarten sah ihn voller Abscheu an.

»Na, das ist mir ja eine Geschichte«, sagte Wiegersma schockiert.

»Ja, jetzt würde man das natürlich nicht mehr machen, aber wir waren damals Jungs, nicht wahr, die machen manchmal solche Dinge.«

»Das ist ein Waldkauz«, sagte Maarten zu Wiegersma, Wigbold ignorierend. »Der sitzt hier schon seit Jahren.«

Die Schwingtür wurde aufgezogen, Bavelaar betrat den Kaffeeraum. »Ich habe gehört, dass Nicolien im Krankenhaus liegt«, sagte sie erschrocken.

»Ja.« Es überraschte ihn, dass sie es wusste.

»Und wie geht es ihr jetzt?«

»Ihr ist noch ein bisschen übel, aber sonst geht es ihr gut.«

»Zum Glück.« Sie wandte sich dem Schalter zu. »Kann ich eine Tasse Kaffee von Ihnen bekommen, Herr Wigbold?«

»Liegt deine Frau im Krankenhaus?«, fragte Wiegersma.

»Ja«, er stand auf, »aber zum Glück geht es ihr schon wieder besser.« Er nahm die Post vom Tresen. »Anfang nächster Woche kommt sie wahrscheinlich wieder nach Hause.« Er ging langsam zur Tür, lächelte, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass er das Gespräch abrupt beende, schloss die Tür ruhig hinter sich und rannte dann, zwei Stufen auf einmal, hinauf in sein Zimmer.

»Ich habe den Text für die wissenschaftliche Kommission geschrieben«, sagte er. »Willst du ihn lesen?«

Balk sah auf und streckte die Hand aus, um ihn entgegenzunehmen. Als er Maarten stehen sah, zögerte er. »Wie geht es zu Hause?« Aus seinem Mund klang es sehr ungewöhnlich, und es bereitete ihm offenbar Mühe.

»Gut.« Es kam so unerwartet, dass er mit Balks Interesse nichts Rechtes anfangen konnte. »Willst du nachher dabei sein, wenn wir darüber reden?«, fragte er gleich darauf.

»Ich wäre gern dabei.« Er legte den Text zur Seite.

»Gut. Ich schicke den heute an die Mitglieder, und dann hörst du es ja.« Er wandte sich zur Tür. Balk ebenfalls einzuladen, hatte er nicht die Absicht gehabt, und er bezweifelte, dass Balk vorgehabt hatte, dabei zu sein. Während er langsam wieder die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg, ärgerte er sich darüber, und zugleich war da ein Gefühl der Scham. Die Frage war für ihre Verhältnisse zu intim gewesen. »Wie geht es Nicolien?«, hatte er nicht über die Lippen bringen können. »Wie geht es deiner Frau?«, war ihm zu steif gewesen, von daher diese komische Formulierung, obwohl sie nicht einmal zu Hause war. »Wie geht es im Krankenhaus?« Ihm schauderte vor Scham bei dem Gedanken, dass er damit hätte konfrontiert werden können, und anschließend, dass er selbst so unbeholfen reagiert hatte. Genau wie mein Vater, dachte er, als er seinen Raum betrat, und das weckte wieder etwas Sympathie. »Balk will auch dabei sein, bei diesem Gespräch«, sagte er.

Bart wandte sich um. »Das finde ich doch wiederum sehr nett von Herrn Balk, dass er dafür noch die Zeit findet.«

»Aber das macht es nicht einfacher.« Er setzte sich an seinen Schreibtisch. »Je mehr Leute sich damit beschäftigen, umso kleiner wird die Chance, dass wir uns einig werden.«

»Und das finde ich nur von Vorteil, so eine breite Diskussion«, sagte Bart.

*

»Wie grün es hier ist«, sagte sie überrascht, als sie im Taxi über den Overtoom in Richtung Innenstadt fuhren. Das war ihm auch aufgefallen. In den zehn Tagen, in denen sie im Krankenhaus gewesen war, hatten die Bäume Blätter bekommen, und es schien, als führen sie in einen Tunnel aus Grün. Auf die Straßenbahnschienen in der Mitte der Straße schien die Sonne. Es war warm. Das erinnerte ihn an das erste Mal, als sie im Auto, das der Zeitung seines Vaters gehörte, über den Overtoom nach Amsterdam hineingefahren waren, ein paar Monate nach der Befreiung, und an das wonnige Gefühl beim Anblick all der Menschen auf den Bürgersteigen und auf Fahrrädern unter denselben grünen Bäumen zwischen hohen Häusern, die damals noch das Versprechen einer unbekannten Zukunft in sich bargen. Die Erinnerung berührte ihn. Er sah Nicolien verstohlen an. Sie blickte ein wenig verwundert auf die Welt draußen, als sähe sie sie zum ersten Mal, und zog eine Augenbraue hoch.

»Sie können am besten hinter der Westerkerk links in die Keizersgracht biegen und dann bis zur Brouwersgracht fahren«, sagte er, während er sich nach vorn beugte. »Wir wohnen im ersten Abschnitt der Herengracht.«

Aus Unerfahrenheit gab er dem Mann ein viel zu großes Trinkgeld, nahm ihm den Koffer ab und folgte ihr auf die Freitreppe. »Warte mal«, sagte er, als sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel suchte.

»Ich habe doch auch einen Schlüssel?« Sie öffnete die Tür. Sie gingen durch den langen Marmorflur und stiegen die Treppe zu ihrer Wohnungstür hinauf. Die Katzen kamen ihnen entgegen. »Tag, Jungs«, sie kniete sich hin, um sie zu streicheln, Jonas miaute, »was seht ihr gut aus! – Wie gut sie aussehen«, sagte sie zu ihm.

»Natürlich«, sagte er. »Ich habe ihnen doch zu essen gegeben. Reich mir mal deinen Mantel.« Er hängte ihren Mantel an die Garderobe. »Möchtest du eine Tasse Kaffee?«

»Hast du Kaffee?«, fragte sie überrascht.

Nun, da sie ihren Mantel ausgezogen hatte, sah er, dass sie mager geworden war und blass. »Ich habe Kaffee«, sagte er stolz. Er ging in die Küche und setzte Wasser auf.

»Und Blumen!«, rief sie aus dem Wohnzimmer. »Du hast auch für Blumen gesorgt!«

Er lächelte, stellte die Tassen auf das Tablett, holte die Törtchen aus dem Kühlschrank und schenkte die Tassen voll.

»Und auch Törtchen!«, sagte sie, als er mit dem Tablett ins Zimmer kam. »Wie schön! Wie hast du das alles organisiert?«

»Na ja«, protestierte er, »ich bin doch nicht schwerbehindert.«

»Aber ich bin so froh darüber.« Ihr stiegen plötzlich Tränen in die Augen, und sie suchte nach einem Taschentuch.

»Hier.« Er holte sein Taschentuch aus der Tasche. Er hatte Mühe, seine Tränen zu unterdrücken, und ärgerte sich darüber.

Sie schneuzte sich laut. »Ich bin so froh, dass ich wieder zu Hause bin«, sagte sie, mit der Nase noch im Taschentuch.

Das Telefon klingelte. Beide sahen erschrocken zum Apparat.

»Wer könnte das jetzt sein?«, fragte sie.

»Ich habe keine Ahnung.« Er stand auf und nahm den Hörer vom Apparat. »Hier Koning«, sagte er steif.

»Oh, Tag Maarten« – seine Schwiegermutter – »du bist es?«

»Tag, Mutter.«

»Ich dachte eigentlich, dass das Kind heute kommen würde.«

»Nein, sie kommt gerade aus dem Krankenhaus.«

»Oh, ist sie im Krankenhaus?«

»Nein, sie ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden!«

»Oh, ist sie dann da?«

»Ja, sie ist hier. Wollen Sie sie kurz sprechen?«

»Ja, wenn es geht? Denn eigentlich dachte ich, dass sie heute zu mir kommen wollte.«

»Hier ist sie.« Er drehte sich zu Nicolien um. »Mutter! Sie glaubt, dass du heute kommst.«

»Aber ich bin doch gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden?« Sie stand auf und nahm den Hörer von ihm entgegen. »Ja, Mutter, da bin ich. … Aber ich bin doch gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden? … Ja, ich war im Krankenhaus. … Und Sie sind sogar bei mir gewesen! … Vorgestern. … Da haben Sie mit Maarten ein Eis gegessen. … Ja, sehen Sie! … Das weiß ich noch nicht. … Ich rufe noch mal an. … In Ordnung, tschüss.« Sie legte den Hörer auf. »Das ist doch zu verrückt«, sagte sie irritiert, »sie hat vollkommen vergessen, dass ich im Krankenhaus war! Das gibt’s doch nicht!«

»Nein, das gibt’s nicht.«

»Und wenn ich dann sage, dass ich im Krankenhaus war, ist das Einzige, was sie sagt: ›Wann kommst du denn, um mich zu holen.‹ Sie denkt nur an sich.«

»Ja, so ist das offenbar.«

»Aber so ist das doch nicht bei jedem?«

Es schellte. Sie erschraken.

»Wer kann das nun wieder sein?«, fragte sie.

»Mutter«, scherzte er.

»Nein, mach keine Witze.«

»Ich werde mal nachschauen.« Er stand auf.

»Aber ich will keinen Besuch, hörst du.«

»Ja«, sagte er vage. Er ging mit langen Schritten über den Flur, öffnete die Haustür, hastete die Treppe hinunter und rannte durch die Eingangshalle. Als er die Tür aufzog, sah er Marion mit einem großen Strauß Teerosen auf der Freitreppe stehen. »Hey, Marion«, sagte er, »wie nett.«