Das Blaue vom Himmel - Johanna Driest - E-Book

Das Blaue vom Himmel E-Book

Johanna Driest

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6,99 €

Beschreibung

„Crazy for Love“ mit sechzehn

Mona ist gerade ein Jahr älter geworden, ihr Vater extra aus Ibiza angereist. Die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen sind kaum ausgepustet, da drängen sich einige entscheidende Fragen auf: Wie fühlt sich die Liebe nach dem ersten Mal an? Wie funktioniert ein One-Night-Stand? Wie kann man vor der Mutter E-Mails verheimlichen, ohne sie gleich zu löschen? Und was passiert, wenn es dann richtig knallt, in der Liebe und mit den Eltern?

Frech, verliebt und turbulent – der neue „Mona“-Roman von Johanna Driest!

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Seitenzahl: 354

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Inhaltsverzeichnis
 
Zum Buch
Zur Autorin
Lieferbare Titel
Ibiza im Dezember 2007
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
 
Copyright
Zum Buch
»Ein Mädchen nach dem anderen wurde weggeschickt – auch Jeka. Als ich drankam, passierte ein Wunder: Der Türsteher ließ mich ein. Bei Felicitas klappte es auch. Als ich meinen Stempel hatte, sagte ich, Jeka sei meine Freundin und älter als ich. Mein Herz raste, ich wusste, welches Risiko ich einging. Er grinste dreckig: »Warum soll ich dir glauben?«
Ich warf einen Blick in den Club. »Weil es verdammt leer ist.«
Er lachte und winkte Jeka durch.« (Mona, 16 Jahre)
Zur Autorin
Johanna Driest ist die Tochter von Burkhard Driest. Sie lebt bei ihrem Vater auf Ibiza. Nach ihren von Presse und Publikum gefeierten Romanen Crazy for Love und Ich will ist dies ihr dritter Roman.
Lieferbare Titel
Ich will! – Crazy for love
Ibiza im Dezember 2007
Die Maschine hatte Verspätung. Papi wartete bestimmt schon.
Ich zerrte den Koffer vom Band und schleppte ihn durch die Schiebetüren. Ich entdeckte Papi sofort und lief in seine Arme. Er drückte mich fest an sich, und als ich nicht losließ, klapperte er mit seinem Autoschlüssel. »Anna wartet zu Hause.« Bei Zu Hause sah ich Mama allein in der leeren Küche sitzen und spürte einen Stich im Herzen. Der Gedanke füllte mich mit Wehmut, und unsere Streitereien erschienen mir wie in warmes Licht getaucht. Für mich war Mama schön, auch in Blond. Ich wünschte mir sehnsüchtig, dass sie mir verzeihen würde.
Wir fuhren langsam über den Schotterweg den Berg hinauf zu Papis Haus. In einer Rechtskurve öffnete sich der Blick auf das dunkelblaue Meer und die grünen Hügel, deren Konturen rot in der Abendsonne glühten.
In wenigen Minuten würde sich der Himmel mit einem Karneval der Farben in das Schwarz der Nacht stürzen.
1
Ich heiße Mona de Boer, bin soeben sechzehn geworden und lebe in Berlin. Als ich zwei wurde, trennten sich meine Eltern. Seither träume ich davon, dass wir alle wieder zusammen sind: Mama, Papi, mein älterer Bruder Justin und ich. Ein Traum, der sich nur einmal, an meinem letzten Geburtstag, erfüllte. An diesem Tag war Papi angereist, denn Money, der neue Ehemann meiner Mutter, war nicht da. Money saß sonst immer auf der Couch, doch jetzt war nur die Delle, die sein Po hinterlassen hatte, zu erkennen. Natürlich hatte er am Vorabend noch gespottet: Sechzehn Jahr, blondes Haar. Aber daran bin ich gewöhnt, bei diesem Spezialisten für alles Kritische. Traumhafter Höhepunkt dieses wundervollen Tages: Mama hielt vor dem feierlichen Kuchenanschneiden eine lange Rede über meine Zuverlässigkeit, meinen Fleiß, meine Offenheit, meine Rücksichtnahme und Hingabe für andere (Hugh, rief der Indianer, verneigte sich tief und reichte mir seine Friedenspfeife). Über meine mittelmäßig bis schlechten Schulzensuren verlor sie kein Wort, zum Glück. Justin war nett und zurückhaltend. Papi half mir, alle sechzehn Kerzen auszupusten und blies mir dabei den Puderzucker ins Gesicht. In dem Moment wünschte ich mir: Lieber Gott, lass meine Familie für immer so zusammenbleiben! Bevor Mama und ich Papi dann wieder zum Flughafen fuhren, sangen sie alle »Hoch soll sie leben«. Es klang mir noch in den Ohren, als ich zufrieden wie als Baby auf der Rückbank des VWs saß. Als Kind wurde ich oft mit dem Auto herumgefahren, weil ich das so liebte.
In Tegel gingen wir ins Airportcafé, alles gut, alles glücklich. Mama setzte sich neben mich und legte mir lächelnd den Arm um die Schulter. Papi saß uns gegenüber. Justin war nicht mitgekommen, er hatte sich wieder in sein Zimmer verkrochen. Natürlich vor den Laptop. Typisch. Er lebte sein eigenes Leben. Sein dünner, hoch aufgeschossener Körper geisterte zwar durch die Wohnung, doch er lebte nur auf, wenn er mit mir allein war. Dann strotzte er vor Energie und Lebensfreude.
Wir tranken also grünen Tee am Flughafen, und Papi hatte noch eine Überraschung für mich: ein Geburtstagsgeschenk von seiner Freundin Anna. Ich packte es sofort aus. Kleines Wörterbuch des Tanzes und neue Flip Flops mit blauen Steinen besetzt. Ich freute mich riesig und blätterte ein bisschen verlegen in dem Buch, denn das Gespräch versiegte gerade wieder einmal. Mama gab sich Mühe, es mit dem Lob auf mein aufgeräumtes Zimmer wiederzubeleben.
Sie richtete sich kerzengerade auf und erzählte, dass ich samstags sogar das Klo schrubbe. Mir war das peinlich, und ich zweifelte auch daran, dass Papi deswegen stolz auf mich sein würde. Wollte sie mit ihrer Rede nur mal wieder irgendetwas bei ihm testen? Oder war das ihr übliches fishing for compliments, weil sie immer hören will, was für ein Prachtexemplar von Tochter sie hat (ziemlich dämlich, denn auf Putzen legt Daddy keinen Wert). Aber sie meinte es wirklich ehrlich, und deswegen wiederholte sie ihre Lobeshymne noch einmal. Ich fand das kritisch, hoffte aber, dass diese Lobhudeleien bei Papi anschlagen würden. Doch leider taten sie das nicht. Im Gegenteil: Er hielt uns jetzt einen Vortrag über Kreativität und Sinnlichkeit. Klar, dass er sich damit gegen das Putzen aussprach. Mama rutschte näher zu mir, drückte mich hilflos und schaute trotzig auf ihre Fingernägel. Meine Gedanken flohen zu Antonius, während Papi mit großer Geste und bedeutungsschwerer Stimme Sinnesgenüsse durchdeklinierte bis hin zu diesem giftigen Fisch, der Delikatesse in Japan. Der köstliche, aber kühne Genuss fordert jedes Jahr das Leben einiger Gourmets. »Er schmeckt vorzüglich, aber du stehst mit einem Fuß im Grab.« Das fand ich interessant. Er sagte, die japanischen Küchenchefs bieten den Fugu-Fisch als Risikohäppchen an. Wenn der Fisch nicht mit äußerster Sorgfalt zubereitet wird, ist er sehr giftig. Die Küchenmeister lassen von dem Gift gerade so viel übrig, dass es auf der Zunge des Feinschmeckers köstlich prickelt. Es kommt aber vor, dass sich ein Küchenchef zu nah an die tödliche Dosis des Genusses wagt, und dann stirbt der Gourmet. Mama sah giftig wie ein Fugu-Fisch von ihren Fingernägeln auf. Papi stand jetzt für Sinneslust und Risiko, sie hingegen für dröges Kloputzen. Sie schaffte gerade noch tapfer ein japanisches Lächeln. Doch ich war traurig. Mama war so stolz auf mich gewesen, und nun war es kaputt. Ich nahm unter dem Tisch ihre Hand. Zwei Klobürsten müssen nett zueinander sein. Auch ich bemühte mich äußerlich um asiatische Contenance und wanderte mit meinen Gedanken wieder zu Antonius. Manche Jungs bringen mich um. Womit ich nicht meine, dass ich übermäßig sexorientiert bin. Ich mag Jungs einfach. Besonders Antonius. Sein braunes Haar war kurz, als ich ihn kennen lernte, im Sommer hatte er es aber wachsen lassen. In seinem englischen Internat musste man es kurz tragen. Dort war alles sehr streng, auch was die Klamotten anging. War mir ganz recht, ich mochte Jungs, die sich ordentlich anziehen. Früher sah Antonius nämlich aus wie ein Möchtegern-Hippie. Null Talent, Farben zu kombinieren. Trotzdem kam es mir so vor – als wir uns zum ersten Mal begegneten -, als würden wir uns seit Ewigkeiten kennen. Aus zehn früheren Leben mindestens. Manche Menschen entfalten ihre Attraktivität vor allem aus der Ferne – mit ihrem Gang, dem Hüftschwung oder der Bewegung ihrer Arme. Anderen muss man nah sein, um ihnen eine Chance geben zu können. Antonius mochte ich aus jeder Distanz und Perspektive. Als ich ihn das zweite Mal sah, trug er rote Schuhe. Allstars. Das Rot blendete und erhitzte mich. Dieses zweite Treffen, in den Weihnachtsferien letzten Jahres, war lange nach der ersten Begegnung, doch meine Gefühle zu ihm hatten sich nicht geändert. Es gab immer noch diese Anziehungskraft. Er ist zwar zurückhaltend, hat aber das, was man Charisma nennt, diese Ausstrahlung einer Person bis in die letzte Ecke des Raumes. Er ist kein Typ, der sich am Anfang verkriecht, um sich später dann in Pampigkeit aufzublasen. Antonius behält immer den gleichen eleganten Abstand.
Beim ersten Treffen letztes Jahr in Ibiza am Flughafen, kurz vor Ende der Sommerferien, wurde mir Johann, sein Bruder, vorgestellt. »Hallo, ich bin Mona«, sagte ich. Johann hatte blondes Haar, und war etwa so groß und so alt wie ich. Natürlich kein Interesse meinerseits. Aber als dann Antonius dazukam und »hallo« sagte, versank ich augenblicklich in seiner Stimme. Ja, du bist es, auf dich habe ich gewartet! Die nächsten Tage redete und aß ich wenig. Mama fragte erstaunt, auf welcher Diät ich sei. Aber sollte ich ihr sagen, dass ich nichts essen konnte, weil ich so verknallt war?
 
Mama riss mich plötzlich aus meinen Gedanken. Sie murmelte: »Tut mir leid, Carl, aber es ist sinnlos mit dir«, nahm mich an die Hand und zerrte mich aus dem Airportcafé. Ich hatte nicht einmal Zeit, mich von Papi zu verabschieden, so riss sie mich am Arm.
Im Auto beschwerte sie sich: »Warum muss dein Vater bloß immer diesen dreimal gequirlten Mist reden? Ich finde seine Art total respektlos.« Sie war verletzt, aber das war eigentlich der Dauerzustand, in dem sie sich mit Papi befand. Ich wollte mir ihr Gemecker nicht anhören und sagte, ich müsse noch zu meiner besten Freundin Jeka wegen Mathe, und würde vom Wittenbergplatz aus mit der U-Bahn fahren. Wie ein zorniger Indio rauschte Mama mit dem Auto durch die Stadt und wäre fast vorbeigequietscht, hätte ich sie nicht noch schnell daran erinnert, dass sie mich rauslassen sollte.
»Ach so, ja. Tschüss«, sagte sie und rief mir hinterher, dass ich um zehn zu Hause sein müsse.
Ich ging runter zur U1 nach Dahlem. Richtung Antonius. Er schwänzte sein Internat für ein paar Tage. Gestern war er bei seinen Eltern hier in Berlin angekommen. Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass ich ihn so schnell wiedersehen würde.
Ich musste noch auf die Bahn warten und ging an den Kiosk, um mir zwei Packungen Kaugummi zu kaufen. Kauen lenkte mich von meiner Nervosität ab. Obwohl Jeka Bescheid wusste, und Mama mit sich selbst beschäftigt war, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Sie wusste nichts von Antonius. Warum hatte ich ihr noch nichts von ihm erzählt, das tat ich doch sonst immer. Vielleicht weil sie dann denken würde, Antonius und ich hätten Sex miteinander? Sex hatte ich nicht, aber eine merkwürdige Angst, sie könnte etwas herausfinden. Ich hatte sie noch nie schwerwiegend angelogen. Sogar meine frühere Beziehung zu Dennis hatte ich ihr erzählt. Aber Antonius wollte ich für mich behalten. Das sollte geheim bleiben. Undiskutiert und unberührt.
Der Zug fuhr ein, und ich erwischte ein fast leeres Abteil. Ich merkte erst jetzt, wie mich diese ganze Sache am Airport mitgenommen hatte. Ich überlegte in Ruhe, was Papi eigentlich gemeint hatte. Mama hatte ihm darstellen wollen, wie gut geraten ihr Erziehungswerk war, aber er ärgerte sich nur über ihren spießigen Stolz auf Ordnung und Sauberkeit. Wenn es nach ihm ginge, wäre ich ein Klavier spielendes Wunderkind, aber kein fleißiges Lieschen, das sich durch die Pisa-Engpässe quält und für seine gerade mal mittelmäßigen Noten von der anspruchslosen Mutter hochgepriesen wird. Aber das hatte er nicht gesagt. Er hatte von Sinnlichkeit und Sinneslust gesprochen, hatte irgendetwas über Freiheit und Kreativität gesagt, über Erotik als Grundlage aller Poesie, ja, allen Lebens. Alles seltsam leere Worte, die ich schon einmal gehört hatte, die ich aber nicht mit Situationen verbinden konnte. Ich verstand unter Sinnlichkeit Erotik und Sex. Das konnte er aber nicht gemeint haben, denn in diesem Punkt waren meine Eltern sich einig. Damit sollte ich warten. Papi hatte mir sogar ein Auto versprochen, wenn ich vor achtzehn keinen Sex haben würde. Aber was hatte er sonst mit Sinnlichkeit gemeint? Und warum konnte er sich nicht mal klar und konkret äußern? Irgendwie machten sie mich beide wütend, er und Mama. Was für ein Theater!
2
Auf dem Weg zu Antonius rannte ich erst, dann ging ich langsam und dann rannte ich wieder. Ich hatte ihn auf dem Handy angerufen und ihm gesagt, wann ich komme. Nun wollte ich nicht zu früh oder zu spät sein. Die letzten Meter im leichten Nieselregen lief ich wie besessen. Ich rannte, weil es mir Spaß machte. Als ich ankam, wartete er vor der Tür. Er lachte, weil ich so schnaufen musste. Ich gab ihm ein Küsschen links und rechts. Er nahm mich an die Hand, und wir gingen ins Haus. Er fragte, ob ich etwas trinken wolle, und ich bat um einen heißen Tee. Er grinste belustigt, als fände er das komisch, aber bei uns zu Hause gab es normalerweise keinen Alkohol, abgesehen von dem Bier, das Money in die Wohnung schmuggelte und ganz hinten in der Abstellkammer deponierte. Antonius fragte, was für einen Tee ich haben wolle. »Welchen habt ihr denn?« Er öffnete eine Schranktür, und da standen bestimmt dreißig Teesorten. Ich schaute mir alle an und entschied mich für Pfefferminztee mit Honig. Er zeigte mir auch die Tassen, und ich nahm seine große Kindertasse. Auf der einen Seite sah man den Big Ben in London und auf der anderen einen Bobby, der den Verkehr regelte. Wenn man genauer hinschaute, erkannte man, dass es alles Disney-Figuren waren, Goofy als Taxifahrer zum Beispiel. Ich sagte »darauf hast du also früher gestanden?«, woraufhin er verlegen lächelte. Ich folgte ihm in sein Zimmer. Er setzte sich auf die Kante seines Bettes und ich mich neben ihn. Unsere Knie berührten sich. Ich pustete in meinen Tee, und wir schwiegen. Die Stille dröhnte richtig, und ich war heilfroh, mich an meine Tasse klammern zu können. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Trinkst du nie Tee? Magst du rote Schuhe mehr als blaue? Mein Brustkorb fühlte sich an wie eingeschnürt in ein Zwanziger-Jahre-Korsett, ich kam mir vor wie in einem alten Stummfilm. Ich hatte Angst, ich könnte auf der Stelle erstarren. Schnell stand ich auf, stakste zur Wand und schaute mir die Fotos an. Es waren Portraits von Antonius und seiner Familie. Am besten gefiel er mir mit seinem Polohelm unter dem Arm und einem breiten Lächeln, als würde ihm nach einem Sieg ein Sahneschnittchen gereicht. Ich hatte nicht bemerkt, dass er hinter mich getreten war und erschrak, als er mich an der Schulter berührte. Er fragte, ob ich nervös sei.
Ich drehte mich flott um. »Nöö, wie kommst du denn darauf?«
Er lachte. »Du wackelst mit dem linken Bein.« Mir wurde heiß, als er mir so nahe kam, als wollte er mich küssen. Ich schaute schnell auf meinen Tee, den ich immer noch mit beiden Händen hielt. Die Tasse zitterte. Doch seine Wange streifte mich kaum wahrnehmbar, er schnupperte an meinem Hals. Ich beugte mich etwas vor, den Tee vorsichtig balancierend, und roch an seinem Nacken. Er duftete nach Pfirsichkuchen. Düfte öffnen mein Herz oder verschließen es. – Beim Duft von reifen Pfirsichen ist es um mich geschehen. Er küsste mich. Es war der schönste Kuss meines Lebens. Ich hatte vorher auf den Wecker neben dem Bett geschaut, und als ich den Tee absetzte, war eine Viertelstunde vergangen. Also hatten wir uns mindestens elf Minuten lang geküsst. Er zog mich zu sich aufs Bett und ließ sich dabei auf den Rücken fallen. Ich kletterte auf ihn. Nachdem ich ihn eine Weile betrachtet hatte (um mich zu beruhigen), knöpfte ich langsam Knopf für Knopf meiner Bluse auf, ganz automatisch, ohne zu überlegen. Ich bewegte mich wie nach einer Filmmusik mit fühlbaren Rhythmen. Meine Finger bewegten sich wie ein Ballett. Sie tanzten über seine Brust und knöpften seine Hose auf, nachdem er mit einer fließenden Bewegung meine Bluse heruntergezogen hatte. Seine Finger fuhren in Schlangenlinien an meinem Körper hinauf und herunter, während er mich wie ein vor Glück Erblindeter betrachtete. Er war vollkommen vertieft, untersuchte jeden Zentimeter meiner Haut, wofür er mich immer weiter auszog. Unsere Körper bewegten sich leicht, wie das Dünengras im Wind. Ich küsste ihn langsam und liebevoll, dann legte ich mich auf den Rücken und er sich auf mich. Ich wollte ihn aufnehmen, aufsaugen, verschlingen, doch er löste sich abrupt von mir. Ich fühlte mich wie jemand, der aus dem Fenster fällt und mitten in der Luft anhält. Er wanderte durchs Zimmer, seitlich wie ein Krebs, seine Vorderseite keusch von mir abgewandt, und ich lag da, genau so, wie ich liegen gelassen wurde: zwischen Himmel und Erde schwebend. Suchte er etwa sein Handy? Aber es hatte doch nichts getönt, außer der berauschenden Filmmusik, die nur ich hören konnte. Der Sound des Orchesters erfüllte meinen ganzen Körper, der sich warm wie ein Stück Holz anfühlte, das innen hohl war. Ich vibrierte mit den tiefen Bässen. Dann setzten die ersten Geigen ein, und mir brannten die Augen. Noch mehr Geigen, mit denen ich davonsauste. Ich hatte nur noch eins im Sinn. Allegro, ma non troppo. Als er das Kondom gefunden hatte, legte er sich neben mich und flüsterte mir ins Ohr: »Gute Nacht.« Ich nahm sein Gesicht in beide Hände und fragte empört: »Wie bitte?« Er lachte, und dann nahm ich keine Choreografie mehr wahr, versank in dem Rausch meines ersten Liebens. Wir rasten durch seine Ergüsse und die Kondome (Jeka nannte es später »Reifenwechsel«).
Als das Schrillen der Warnglocke nicht mehr zu überhören war und ich dringend nach Hause musste, geduscht, angezogen und geschminkt vor seinem Bett stand, da erst sah ich das Blut auf dem Laken. Blutspuren, denen ich von jetzt an folgen würde, dachte ich voller Lust und Schrecken. Wir verabschiedeten uns mit Flatterküssen, weich und warm wie Kaschmir, die uns vor der Kälte einer Welt schützen sollten, die uns, das ahnte ich, nicht wohlgesonnen war.
 
Gerade als ich den U-Bahnschacht erreichte, begann es zu regnen. Es war Februar, der Monat, in dem es eigentlich schneien sollte. Ich erwartete, dass sich der Himmel dramatisch auftun würde, aber nichts dergleichen. Keine sich auftürmenden Wolken, kein Wetterleuchten, kein Sturm, der die Bäume beugte, sondern gewöhnliche Regenstrippen kamen aus dem Schwarz über der Stadt und zerlegten die weißen, roten, blauen und gelben Lichter in buntes Funkeln, die Rück- und Blinklichter der Autos, die Ampeln und die Reklameschriften. Ich war kaum nass geworden und blieb auf der U-Bahntreppe kurz stehen, um das nasse Feuerwerk zu genießen. In der U-Bahn waren die meisten Leute noch trocken, aber von Station zu Station stiegen mehr und mehr nasse Menschen wie Aliens ein mit ihren Plastiküberhängen, Regenschirmen, nassen Haaren oder tropfenden Hüten. Die Feuchtigkeit drang zu mir durch, und obwohl die Bahn geheizt war, begann ich zu frösteln. Meine kalten Hände legte ich zwischen die zusammengepressten Oberschenkel. Ich lauschte dem gleichmäßigen Summen der Bahn, und meine Gedanken wiederholten sich, als wären sie Teil des rhythmischen Ratterns der Räder: Mein erstes Mal – du hast es getan – dein Blut beweist es – Mama wird es bemerken – wie peinlich – schrecklich – wie unhygienisch. Mama, Papi – was werde ich ihnen sagen? Wir fuhren aus dem Tunnel in die nächste Station ein, es wurde hell. Vielleicht wissen sie es sowieso schon. Meine Freundin Jeka meinte einmal, dass eine Frau auf jeden Fall spürt, ob die andere es schon getan hat oder nicht. »Das riecht sie«, sagte sie. Aber wie können sie es bemerken, ich werde mich doch wie immer benehmen. Oder sollte ich es ihnen sagen? Dann würden sie mir nicht mehr vertrauen. Und gerade Vertrauen war Mama so wichtig. Ich konnte sie nicht enttäuschen, nein. Vielleicht würde sie mich gar nicht verurteilen, aber woher sollte ich das wissen? Nur auf dieses Vielleicht hin ihr Vertrauen riskieren und damit ihre Liebe? Auf keinen Fall. Außerdem war das meine Sache. Man öffnet auch nicht anderer Menschen Post oder liest fremde Tagebücher. Es gibt eine geschützte Sphäre, in die niemand eindringen und aus der niemand Informationen fordern darf. Wir hatten in der Schule einen Aufsatz geschrieben über Artikel 1 unserer Verfassung. Der schützt uns. Das galt auch hier!
Die letzten zwanzig Meter nach Hause ging ich sehr langsam. Der Regen fiel frohlockend auf den Grasstreifen am Rande des Trottoirs. Die Tropfen hüpften vor mir auf dem Weg und warfen kleine Blasen. Der Regen prasselte nieder, schoss über die Bürgersteige, strömte durch die Rinnsteine und trommelte auf die Motorhauben der parkenden Autos. Ich hob das Gesicht und die Arme, begrüßte das Nass, schmeckte es auf den Lippen und der Zunge, ließ es durch Augenbrauen und Wimpern regnen und öffnete meine Sinne. Ich schlotterte vor Kälte, aber das merkte ich gar nicht. Vielleicht hatte Papi das gemeint mit Sinnlichkeit und Sinneslust? Sich berühren lassen in so vieler Hinsicht? Der Regen kam mir recht, er würde meine Verspätung erklären und dass ich so durchgeweicht war, würde mir eine gute Maskierung verschaffen. Was konnte man schon einer Katze ansehen, die zitternd aus dem eiskalten Februarwasser gezogen wurde? Ich war erleichtert; erlöst von meiner Furcht, was ich sagen sollte, wie ich aussah. Und jetzt roch ich sicher auch nicht verdächtig.
3
Am nächsten Morgen hatte es endlich aufgehört zu regnen. Ich saß aufrecht im Bett und starrte auf die silbernen Tropfen an der Scheibe vor dem dunkelgrauen Himmel. Was ist, wenn Mama Gedanken lesen kann? Ich hatte sie einmal gefragt: »Mama, woher weißt du, wann ich lüge?« Ich hatte tags zuvor ihre Kekse gegessen, es aber abgestritten, als sie danach fragte. Die Keksdiebe hätten auch Justin oder Money gewesen sein können, warum also war sie so sicher gewesen, dass ich es war? »Ich kenne dich schon lange, ich habe das einfach im Gefühl«, hatte sie gesagt. Was würde sein, wenn ich jetzt gleich vor ihr stünde? Zögernd stand ich auf und ging in die Küche. Doch da war Mama nicht. Auch ihr Zimmer war leer, Money war schon ins Büro, und im Bad war sie auch nicht. Ich ging in mein Zimmer zurück, schloss die Tür, ließ mich aufs Bett fallen und fing an zu weinen. Meine Aufregung schüttete die Tränen aus mir heraus. Ich war aufgeregt wie gestern bei Antonius. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu den magischen Stunden mit ihm zurück. Ich schlief wieder ein, bis ich eine Hand auf meiner Schulter spürte.
Es war Mama, die mich behutsam weckte und sagte, dass sie frische Brötchen geholt habe. Das machte sie, so wie heute, manchmal sogar an Schultagen. »Steh auf und komm in die Küche. Wir frühstücken zusammen.«
Ich nahm das Telefon mit ins Bad. Irgendwie empfand ich es als meine Pflicht, Jeka sofort Bescheid zu sagen. Sie ist schließlich meine beste Freundin, sie hat das Vorrecht vor allen anderen.
»Jeka, stell dir vor, was passiert ist«, sagte ich leise, sodass Mama nichts hören könnte, auch wenn sie aus der Küche auf in Flur käme.
Jeka war noch total verschlafen. »Was?«
»Nachdem wir Papi gestern zum Flughafen gebracht haben – das war ein Desaster: Mama kann seine Art auf den Tod nicht ausstehen, und er findet sie eine putzwütige Klobürste. Und jetzt hör genau zu: Danach bin ich zu dir wegen Mathe gefahren – hallo, SS1, verstehen Sie mich?«
»Roger.«
»Bin also nach dem Airport vom Zoo zu Antonius nach Dahlem gefahren. Und was es noch zu berichten gibt, sagt Ihnen nun Brit Schneider.« Ich verstellte meine Stimme wie eine zweite Tagesschausprecherin und sagte: »Die berühmte Nonne Mona de Boer ist keine Jungfrau mehr.«
Auf der anderen Seite: Nichts. Stille.
Ich setzte nach: »Jeka, glaubst du mir nicht? Ich hatte bis dahin ja keine Ahnung, was Aufregung ist. Ich hatte ja gar nicht vor, mit Antonius zu schlafen. Zumindest nicht gleich am Anfang. Aber es war unglaublich. Was soll ich denn jetzt machen?«
»Ganz ruhig. Entspann erst mal. Wenn man Sex hatte, dann ist man eine vollkommen andere Person. Also wirf einen Blick in den Spiegel und sag mir, was du siehst.«
»Ich sehe ein zerzaustes Mädchen in absoluter Panik vor dem Frühstück. Mama wird mir alles ansehen. Wenn ich jetzt in die Küche komme, wird sie mich taxieren und es riechen. Garantiert!«
»Ach Quatsch, wird sie nicht. Jetzt erzähl doch mal, wie ist es denn passiert?«
Ich hörte Mama an die Tür klopfen und rufen, dass das Frühstück fertig sei und ich mich beeilen müsse.
»Geht jetzt nicht, Jeka, später. Drück mir die Daumen.«
 
Als ich in die Küche kam, nahm mich Mama in die Arme und sagte: »Na, Süße. Hast du gut geschlafen?«
Ich nickte und machte mich sofort los.
»Sieh mal, ich habe auch ein Mohnbrötchen mitgebracht, es ist alles gedeckt, fehlt nur noch der Tee. Den machst du.«
»Pfefferminztee mit Honig?«, fragte ich und wunderte mich, wo das jetzt herkam. Wenn ich nicht aufpasste, würde ich mich ganz ohne große Worte verraten.
»Pfefferminztee? Hast du dich erkältet? Du bist gestern sicher ganz nass geworden.«
»Ich trinke auch grünen Tee.« Während ich den Nangilima einfüllte, war ich in Gedanken noch bei meinem Telefonat mit Jeka.
»Träumst du noch ein bisschen?« Sie streichelte meine Wange.
Ich nickte wieder. Na, das konnte ja heiter werden.
Als wir am Tisch saßen, fragte sie nach Jeka und unseren Mathe-Fortschritten.
Ich musste ihr nun einen zu hundert Prozent erlogenen Bericht über Jeka, Mathe und gestern Abend geben, den ich damit beendete, dass Jeka Kopfschmerzen hatte und wir schließlich abbrechen mussten, ich mich aber noch eine Weile um sie gekümmert hatte, weil ihre Mutter nicht da war.
»Habt ihr euer Mathepensum denn geschafft?«
»Wir sind ganz gut vorbereitet, nur versteht Jeka noch nicht ganz, wie man Längen und Achsen ausrechnet.«
Mama nahm alles fraglos hin, wenn auch sehr aufmerksam. Das hatte ich ja erwartet, ich war aber überrascht, wie leicht es mir fiel, das alles flüssig und ohne jegliches Stocken zu erfinden. Niemals hatte ich meine Mutter so angelogen. Als ich nun fertig war, brachte ich keinen Bissen mehr herunter. Die Brötchen, die sie so liebevoll besorgt hatte, konnte ich unmöglich essen. Nein, nicht noch tiefer in ihrer Schuld stehen!
»Was ist? Schmecken dir die Brötchen nicht?«
Ich nickte stumm.
»Ich bin trotz des Regens losgerannt, extra für dich, du isst doch so gerne Brötchen!«
Sie sah richtig unglücklich aus, und ich fühlte mich noch böser. Schließlich ging es um viel mehr als die Brötchen. Voller Reue aß ich systematisch die zwei Brötchen auf, Bissen für Bissen, bis zum letzten Krümel. Sagen konnte ich aber nichts mehr.
 
Nach dem Frühstück ging ich ins Bad und stellte mich unter die heiße Dusche. Minutenlang wedelte ich mit der Dusche über Rücken, Kopf und Beine. Als ich heiß wie eine Brühwurst war, nahm ich Duschgel, Shampoo und Spülung und wusch mich so gründlich wie noch nie. Ganz klassisch: die Sünde abwaschen – nicht den Sex, sondern die Lügen. Die Lügen verurteilte ich, doch der Sex sollte seine Heiligkeit bewahren.
Als ich fertig war, betrachtete ich mich im Spiegel. Ich sah blasser aus, frischer und heller, und so fühlte ich mich auch. Ich duftete gesund und vital. Ich putzte die Zähne, kämmte mein nasses Haar zurück, damit es in geraden Strähnen ordentlich nach hinten fiel. Es sah aus wie gegelt. Ich fühlte mich besser, zog mich warm an, räumte Zimmer und Schreibtisch auf, packte die Hausaufgaben ein und nahm mir vor, alles, was ich noch zu tun hatte, heute sofort nach der Schule zu erledigen. Mama würde sich über meinen neuen Arbeitseifer freuen.
4
In der Pause holte ich für Jeka und mich Kakao aus dem Cafeteria-Automat.
»Mona, dir ist schon klar, dass du jetzt nicht mehr in den Himmel kommst?«
»Ja, ist mir klar, aber wenn du die Wahl hast zwischen dem Himmel oder dem Typen, der so fantastisch und liebenswürdig ist, jemandem, dem du dein Leben anvertrauen würdest, dann zögerst du nicht.«
»Besonders wenn du sowieso schon seit längerem wie eine reife Pflaume herumhängst.«
»Fühlt sich dann auch gut an. Warum also warten? Vielleicht ist Antonius in einem Jahr tot, vielleicht ist er umgezogen auf die andere Seite der Welt, vielleicht hat er sich in eine andere verliebt oder ist ein farbenblinder Hippie geworden, wer weiß. Aber ich weiß, dass ich gestern Teil von etwas Großem war, quasi vom Schöpfungsakt.«
»Du meinst, du bist schwanger geworden?« Sie war geschockt.
Damit könnte sie sogar recht haben, denn ein Reifen, wie sie es nannte, war geplatzt. Dennoch – oder gerade deswegen – musste ich mir klar werden, dass es nicht pure Lust war oder irgendetwas Animalisches, sondern etwas Wunderbares und magisch Geheimnisvolles. Aber es war alles gewesen. Und das machte es so überwältigend und verwirrend.
»Schöpfungsakt, weil es so groß und vollkommen entspannt war. Ich habe es genossen, ohne nachzudenken. Ich habe mich frei gefühlt. So stelle ich mir das bei der Schöpfung vor.« Ich schloss zufrieden meine Augen und lächelte.
Jeka dachte nach. Sie rührte ihren Kakao um und fragte dann: »Wie sagst du es deinen Eltern?«
 
Zu Hause setzte ich mich gleich an den Schreibtisch. Wenn ich Hausaufgaben mache, fange ich immer mit der schwierigsten Aufgabe an. Und das ist in meinem Fall Mathe. Schlecht bin ich in Diagrammen und Statistiken. Ich versuche die Formel auf zweihundert verschiedene Arten und Weisen zu lösen, rückwärts, vorwärts, rechtsrum, linksrum, ich bastele solange, bis ich sie wirklich verstanden habe. Dann weiß ich, was jedes Zeichen bedeutet, und kann das Resultat nachvollziehen. Und siehe da: Heute klappte es! Nach meinen Matheaufgaben fühlte ich mich viel besser. Ob Antonius wohl gut in Mathe war? Bestimmt! Schließlich hatte er Physik als Leistungskurs.
Der Gedanke an ihn brachte mich wieder auf Mama. Sie konnte gar nicht sauer auf mich sein, denn ich war eigentlich eine brave Tochter: Ich gehorchte, und in der Schule kam ich einigermaßen mit. Ich räumte mein Zimmer auf, machte meine Hausaufgaben, half ihr in der Wohnung und kam – meistens – pünktlich nach Hause. Alles, was sie beklagen konnte, war die Verheimlichung meiner intimen Angelegenheiten. Also: What’s the big deal?
Nach einer kurzen Stretch-Pause kam meine zweitschwierigste Aufgabe dran: Englischaufsatz. Das kostete mich viel Zeit und Geduld. Als ich mich nicht mehr konzentrieren konnte, öffnete ich das Fenster. Ich wünschte, ich könnte meiner Lehrerin all meine Notizen geben, um ihr zu beweisen, dass ich das Thema verstanden hatte. Aber sie wollen immer diese Aufsätze über Themen, die wir selbst wählen. Oder kleine Kurzgeschichten und Beschreibungen. Meine Eltern schickten mich auf die Europa-Schule, der Unterricht fand in Englisch statt, und die Schüler sind international und bunt gemischt. Zum Glück klingelte mein Handy, gerade als ich meinen Essay über Antonius beendete (Essays – damit kröne ich Menschen oder verdamme sie). Ich wollte abnehmen, doch aus lauter Nervosität drückte ich den Aus-Knopf. Das konnte aber nicht verhindern, dass ich zweieinhalb Stunden später wieder glücklich in Antonius’ Armen lag.
In den nächsten Tagen trafen wir uns oft und gingen immer sofort ins Bett. Für Mama erfand ich Zusatzunterricht in der Schule (»Mein Französisch könnte besser sein, und daher bietet meine Lehrerin abends eine Arbeitsgruppe für die Nachzügler an«) und noch mehr Mathematik bei Jeka. Und wenn es dann spät wurde, erklärte ich ihr, dass es besser wäre, bei Jeka zu übernachten. Mama wollte auch nicht, dass ich spätabends noch U-Bahn fahre. Jeka war natürlich eingeweiht, und durch die vorgetäuschten Übernachtungen bei ihr konnte ich bequem am nächsten Morgen mit Antonius ausschlafen und erst zur zweiten oder dritten Stunde in die Schule gehen. Das fand ich nicht schlimm, schließlich war es nur für die kurze Zeit, in der Antonius noch in Berlin war. Ich wollte so oft wie möglich bei ihm sein. Leider verhaute ich in dieser Zeit zwei Mathe-Tests und eine Englisch-Arbeit. Ich kassierte nur Fünfen. Es bestand aber kaum Gefahr, dass Mama das mitbekommen würde, denn sie war erst im Januar beim Elternsprechtag gewesen und würde die nächsten zwei Jahre nicht wieder hingehen.
 
Alles war also wunderbar, aber: Antonius war Marihuana-Freak. Gras oder Shit, er war immer drauf. Das war der Grund für sein wundervolles Lachen und seine Entspanntheit. Das Problem war, dass in meiner Familie Drogen nicht das kleinste Existenzplätzchen hatten (Antonius’ Kommentar: »Auch Haschischplätzchen haben kein Plätzchen!« – grins, grins), und dass ich wieder einmal vor einem mir völlig fremden Phänomen stand. Drogen – war Haschisch weniger schlimm als Ecstasy? Und empfehlenswerter als magic mushrooms? Machte ich mich lächerlich, wenn ich es ablehnte? Oder musste ich es ablehnen, lässig, mit einem verächtlichen Lächeln und stattdessen mit Meskalin aufwarten (»Hier, Junge, lass den Shit, lass uns auf einen echten Trip gehen«)? Was ich von LSD halte? Mein Gott, wir lieben uns doch, da sollten wir den ganzen Scheiß lassen, bis auf die Liebespillen natürlich, diese Ekstasedinger.
Das alles war ziemlich weitab von den Gewohnheiten in meiner Familie, in der weder geraucht noch getrunken wurde, in der es selten Kaffee gab und der teeinhaltige grüne Tee immer wieder durch Rooibuschtee ersetzt wurde und Papi jede Diskussion mit der Aussage blockierte, die wirklich geile Droge sei frische Luft. Er musste es wissen, denn er hatte sich von Tequila, endlosen Zigaretten, schwarzen Afghanen, Blue Butterflies, Acid, Speed, Dormedinas, Kokain und Heroin, Crack-the-elephant über Opium alles reingewürgt. Als ich das Antonius erzählte, grinste er und meinte: »Total abgefahren. Dann wird er ja ein kleines Friedenspfeifchen annehmen.« Die Idee, dass Antonius und Papi zusammensäßen und rauchten, gefiel mir, und durch die Art, wie Antonius mich dann streichelte, schien ich vollkommen harmonisch einbezogen in diese Runde und bat auch um die Pfeife.
»Dein Vater scheint ein super Typ zu sein«, sagte er versonnen, als ich genau nach seinen Anweisungen den Rauch herunterzuschlucken versuchte. Ich würgte schrecklich und dachte, ich müsste kotzen, aber er nahm mich in den Arm und beruhigte mich. Das gab mir den Mut, es ein zweites Mal zu versuchen, und beim dritten Mal ging es schon besser. Er sagte, meiner Mum würde es sicherlich auch gefallen, wenn sie es nur mal probieren würde. Dann stellten wir uns vor, wie sie in tiefen Zügen den goldenen Rauch in sich hineinsaugt, schlürf, schleck, ha ha, und ihn eine Weile in sich behält, bevor sie ihn ganz langsam ausbläst, so wie mir es jetzt gelang. »Du kommst so gut drauf«, sagte er, »dass Hanna« – jetzt war sie schon eine von uns – »kein Problem mehr mit deinem Dad hätte.«
Das gefiel mir, und wir malten uns aus, wie Dad plötzlich hereinkäme und Hanna in die Arme nähme. Leidenschaftlich umarmte ich Antonius, wir fielen lachend hintenüber auf sein Bett und versanken in einer großen, allumfassenden Liebe. Allmählich wurde diese Liebe wilder, erfüllte uns mit ekstatischen Hitzewellen und hob uns in eine endlose Umlaufbahn. Nach Stunden saßen wir vergnügt im Lotussitz voreinander, und ich rief lachend:« Dies super Gras trägt uns überall hin!«
»Und gutes Ecstasy erst«, ergänzte Antonius in seiner charmanten Art.
5
Am nächsten Morgen klingelte mein Handy, und ich drückte sofort auf den roten Knopf. Mama würde jetzt meine Mailbox drankriegen und sicher eine liebevolle Nachricht hinterlassen: Ich freue mich schon auf dich und unser Frühstück. Hoffentlich kommst du nicht zu spät. Neuerdings wollte sie nicht, dass ich auch noch bei Jeka frühstücke, wenn ich bei ihr schlief. Damit wir zumindest ein wenig Zeit miteinander verbrachten. Sicher würde Mama gleich bei Jeka anrufen, doch mit ihr hatte ich schon jedes Wort bis auf Komma und Punkt abgesprochen. Sie hatte ihr Handy total verschlafen abgenommen und gefragt, wer dran sei. Später erzählte sie mir haarklein Wort für Wort. »Hallo, hier ist Hanna. Monas Mama. Wo ist Mona? Ist sie schon los?«
»Äh, ja«, gähnte Jeka, »keine Ahnung.«
»Wieso?«, fragte Hanna. »Sie war doch bei dir.«
»Ja, ja, sicher«, stotterte Jeka. »Schon, aber ich hab total verpennt. Sie ist bestimmt schon unterwegs.«
»Seit wann?«, wollte Hanna ungeduldig wissen.
»Keine Ahnung. Ich hab ja geschlafen.«
»Dann schlaf mal schön weiter. Danke sehr.« Hanna legte auf.
Ich war ein bisschen sauer, weil Mama ja wusste, dass Jeka und ich immer zusammen aufstanden, stundenlang gemeinsam im Bad herumhingen, die ganze Zeit kicherten und gackerten und zusammen den Frühstückstisch deckten, auch wenn ich nicht bei ihr aß. Es war einfach unser Morgenritual, und ich verstand nicht, wieso Jeka nun etwas ganz anderes erzählt hatte, was Mama bestimmt misstrauisch gemacht hatte.
Ich schloss die Wohnungstür auf.
»Wo kommst du her?«, fauchte Mama mich an. Offenbar hatte sie die ganze Zeit gewartet, wir hatten zehn ausgemacht, und es war schon viertel vor elf.
»Von Jeka«, sagte ich.
»Das stimmt nicht! Ich habe sie gerade angerufen und geweckt.«
»Ja, als ich ging, schlief sie noch«, erwiderte ich mit fester Stimme und schaute Mama ruhig an. »Ich wollte sie nicht wecken.«
»Sonst steht ihr doch immer zusammen auf«, hakte sie misstrauisch nach: »Warst du nicht bei Jeka?«
»Doch, war ich«, sagte ich. »Wir waren nur total erledigt, weil wir bis halb eins heute Morgen Integralrechnung gemacht haben. Das ist so ein Scheiß, wir haben das erst nicht geschnallt. Aber jetzt haben wir’s endlich drauf.«
Ich umarmte Mama und schmatzte ihr einen Kuss auf die Wange.
»Sag mal, hast du geraucht?«
Ich lachte. »Ach, Quatsch!«
»Ich kann doch deutlich riechen, dass du geraucht hast.«
»Nein, hab ich nicht«, empörte ich mich.
»Natürlich hast du geraucht, also gib es schon zu. Woher hast du die Zigaretten?«
»Mama, ich habe nicht geraucht«, sagte ich. »Ich habe Antoinette vom Ballett getroffen, und die raucht ja wie ein Schlot. Das weißt du doch. Und du weißt auch, dass ich Rauchen eklig finde.«
»Tatsächlich?«
Wir starrten uns an.
»Gut«, sagte Mama besänftigt, »dann lass uns frühstücken.«
Puh, gerade noch mal geschafft!
Das Wochenende verlief unspektakulär. Wir gingen zusammen einkaufen, Mama bügelte und putzte die Wohnung wie eine Verrückte, ich machte Hausaufgaben (musste ja für mein gutes Image arbeiten) und telefonierte viel. Mittags kochte ich mit ihr zusammen. Wir liebten beide diesen Gleichklang beim Karotten raspeln, Kartoffeln schälen, Paprikaschoten entkernen, Champignons putzen. Jedenfalls war das bis jetzt immer so gewesen, aber in letzter Zeit brachte es mir nicht mehr so viel Spaß. Mama hatte mich schon als kleines Mädchen in der Küche mitmachen lassen, heute aber wollte ich schneller fertig sein als sonst. Ich schnitt das Gemüse so schnell wie die Köche in den Kochsendungen. Sie schaute mir auf die Finger.
»Du wirst dich verletzen. Also lass das.«
Aber ich schnippelte nur noch schneller.
»Muss man euch immer alles dreimal sagen?«
Ich schnippelte langsamer, aber es war sowieso die letzte Karotte.
Ich dachte ärgerlich an Mamas Überzeugung, dass sie mich inund auswendig kannte, meine Meinungen, meinen Geschmack und meine Lieblingsfarbe. Ich wollte nicht abstreiten, dass sie mich gut kannte, aber warum glaubte sie, dass sie alles wüsste, und ich ein offenes Buch sei? Im Moment wusste sie gar nichts. Auch nicht, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie es war, wenn Antonius wieder nach England musste.
Justin blieb am Wochenende bei seinem Freund zum Lernen, und Money lag vor dem Fernseher. Am Sonntagabend war er mit seinem Freund Hans unterwegs. Also konnte ich mit Mama auf dem Sofa aneinandergekuschelt die letzten beiden aufgezeichneten Folgen der »Krankenschwester« schauen. Und die ganze Zeit über Antonius vermissen. Ich freute mich auf Montag, und das war neu. Denn am Montag würde ich Antonius wiedersehen.
 
Am Montagnachmittag saß ich in der S-Bahn Richtung Friedrichstraße. Antonius hatte mich in der großen Pause nach dem Mittagessen in der Schule angerufen. Er wollte mich ein letztes Mal treffen, bevor er wieder nach England fuhr. »Ich will dir noch einmal in die Augen sehen«, hatte er gesagt.
»Wann?«
»In einer halben Stunde im Café Einstein.«
Für mich gab es kein Zögern. Ich bat Jeka, meine Schulsachen einzusammeln und in meinem Schließfach aufzubewahren. Sie kannte meine Zahlenkombination. Ich musste sofort los.
Sicher hatte ich gewusst, dass Antonius an diesem Tag fort musste, es aber die ganze Zeit zu verdrängen versucht. Ich hing in einer Ecke in der S-Bahn und starrte aus dem Fenster. Alles war grau. Je näher man nach Mitte kam, umso eleganter wurden die Häuser und umso teurer die Geschäfte. Die großen Supermärkte und die kleinen Krimskrams-Läden wurden von Autosalons, Blumen- und Modegeschäften abgelöst und schließlich dominierten Luxushotels und Botschaften. Zwischen den vornehmen Granitpalästen hing grauer Dunst, der den roten und gelben Lichtern der Straßen ihre Leuchtkraft nahm.
In meinem Kopf überschlugen sich die Bilder mit Antonius: Er läuft mit seinen roten Schuhen die Treppe des Nationalmuseums herunter und nimmt mich in den Arm; wir hängen vor dem Fernseher und imitieren die Simpsons; er spritzt mich bei ihm im Bad mit der Dusche nass, und ich werfe kreischend einen Schwamm nach ihm; ich versuche meinen ersten Joint zu drehen, kriege aber das Zigarettenpapier nicht zusammen; wir lachen uns schlapp, weil wir die Unterhosen vertauscht haben, die Strümpfe und die Jeans und so bei Pimpi zum Essen gehen; wir prügeln uns zärtlich im Bett. Immer mehr Clips rasten durch meine Gedanken, während meine Trauer aufstieg. Ich spürte Tränen über meine Wangen laufen. Draußen wurde es noch dunkler.
Im Einstein war es warm und hell. Antonius sah wieder spitze aus, als er mich lächelnd an den Tisch mit seiner Mutter einlud. Sie lächelte, und ihre Korkenzieher-Locken hüpften. Sie war dünn, aber elegant wie ein Wüstentier. Lange Beine, Giraffengang und große Augen. Sie küsste mich links und rechts, machte mir ein paar Komplimente und sagte dann, sie würde uns für ein Momentchen allein lassen. Sie stolzierte an einen anderen Tisch und begrüßte dort Leute. Antonius erklärte mir, dass die Dame an dem Tisch die lesbische Frau eines berühmten Dirigenten mit ihren drei Verehrerinnen war.
Es waren traurige Minuten, die Stimmung war gedrückt. Ich nahm Antonius’ Hand, und während ich nach Worten suchte, drückte ich sie ganz fest. Er küsste mich. »Ich werde dich vermissen.«
Ich versuchte zu lächeln.
»Wir sehen uns bald wieder.«
So saßen wir zusammen, bis seine Mutter kam und sagte, sie müssten jetzt aufbrechen. Ich begleitete die beiden zum Taxi und umarmte Antonius ganz fest. Dabei presste ich die Augen zusammen, aber es war vergeblich, die Tränen liefen mir über die Wangen. Er wischte sie ab, doch sie liefen immer weiter. Seine Mutter war voller Mitleid: »Du kannst mich jeder Zeit besuchen. Wenn etwas ist: Ruf mich an.«
Eine letzte Umarmung, die Türen schlugen zu, ich winkte ihm nach und weinte weiter.
Wie sollte ich denn jetzt Ballett tanzen? Aber ich fuhr trotzdem zum Unterricht, denn alles war besser, als zu Hause rumzuhocken und Hausaufgaben zu machen. Ich erklärte meiner Lehrerin, dass ich mich nicht wohl fühlte, aber zuschauen wollte. Die Bewegungen der Mädchen beruhigten mich zumindest für diese Stunde.
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