Das Cottage hinter den Feldern - Susan Sallis - E-Book
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Das Cottage hinter den Feldern E-Book

Susan Sallis

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Beschreibung

Eine bewegende Geschichte um vier Frauen und die Kraft der Freundschaft!

1940: Der Krieg überschattet das Leben der Freundinnen Carol, Monica, Olive und Myrtle. Eines Tages entdecken die vier Mädchen ein altes, leerstehendes Landhaus. Es wird ihr Zufluchtsort und das Symbol ihrer Freundschaft. Hier erleben sie Leidenschaft, Eifersucht, Tragödien und Betrug, aber auch das höchste Glück. Hierher kommt Monica - allein, schwanger und verängstigt - und hier beginnt ihre Geschichte mit Bessie. Die geheime Tochter der einen, großgezogen von der anderen und geliebt von allen.

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Seitenzahl: 690

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

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Über dieses Buch

Titel

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Über die Autorin

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Impressum

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Über dieses Buch

Eine bewegende Geschichte um vier Frauen und die Kraft der Freundschaft!

1940: Der Krieg überschattet das Leben der Freundinnen Carol, Monica, Olive und Myrtle. Eines Tages entdecken die vier Mädchen ein altes, leerstehendes Landhaus. Es wird ihr Zufluchtsort und das Symbol ihrer Freundschaft. Hier erleben sie Leidenschaft, Eifersucht, Tragödien und Betrug, aber auch das höchste Glück. Hierher kommt Monica – allein, schwanger und verängstigt – und hier beginnt ihre Geschichte mit Bessie. Die geheime Tochter der einen, großgezogen von der anderen und geliebt von allen.

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Susan Sallis

Das Cottage hinter den Feldern

Aus dem Englischen von Hartmut Huff

Ich liebe dich so wie die

stillen täglichen Begleiter,

wie Sonnenlicht und Kerzenschein.

Ich liebe dich so unbeirrt, wie Menschen

nach dem Rechten streben,

So wie sie beten, tugendhaft und rein.

Ich liebe dich mit jener Leidenschaft,

die meinem alten Gram entsprang,

und mit dem Glauben, der mir blieb aus

meinem Kinderleben.

Elizabeth Barrett Browning

1

Im Winter 1940 entdeckten sie das leer stehende Farmarbeiter-Cottage. Gelangweilt wateten sie im Gänsemarsch durch den knöcheltiefen schlammigen Bach, der sich über die Heide bis nach Kings Norton schlängelte. Halb verfallen, zeichnete sich das Haus vor dem frostigen Winterhimmel ab, mit schrägem Schornstein, die Fenster im Erdgeschoss von Dornengestrüpp überwuchert. Die Gartenpforte und die Tür hingen schief in den Angeln. Hier fanden die Mädchen alles, was sie brauchten – ein Dach, das den kalten Nebel fern hielt, Ruhe und Stille, während ihre Füße und die hoch gerafften Unterröcke trockneten, und vor allem eine geheimnisvolle Atmosphäre.

Carol, eben erst elf Jahre alt geworden und die Jüngste des Quartetts, aber die Größte, spähte mühelos über die hohe Uferböschung hinweg. Dann schaute sie mit ihrem langen, von widerspenstigem braunem Haar umrahmten Gesicht auf die anderen hinab, die zitternd hinter ihr standen. »Im Garten wächst Kohl«, verkündete sie, entzückt über die unerwartete Entdeckung. »Und ich glaube, das Häuschen da drüben ist eine Toilette.«

»Interessiert mich nicht.« Myrtle war die kleinste von ihnen, und ihr Rock und die Unterhose waren völlig durchnässt. »Lasst uns einfach hineingehen.«

Monica und Liv schwiegen. Aber ihre grimmigen Mienen sprachen Bände. Von Anfang an hatten sie nicht hierher kommen wollen und vorgeschlagen, man könnte sich während der Weihnachtsferien die Langeweile mit einem Schaufensterbummel in Birmingham vertreiben, bevor die abendlichen Bombenangriffe beginnen würden. Die hübsche blonde Liv schwärmte bereits für Jungs. Über die wusste Monica mit den schwarzen Haaren schon seit ihrer Geburt Bescheid.

Entschlossen grub Carol ihre nackten Füße in den Schlamm der Böschung und zwang sich, nicht an Blutegel oder Frösche zu denken. Sie ergriff die Wurzel eines Baums und zog sich daran hoch. Dann reichte sie Myrtle eine hilfreiche Hand und ignorierte die beiden anderen Mädchen. Wenn sie nicht verstanden, dass es viel aufregender war, durch einen Mini-Zambesi in unbekanntes Terrain zu waten, als im Bull Ring alberne Jungs anzustarren, verdienten sie ihren Beistand nicht. Keuchend kletterten sie hinauf und beschmierten dabei ihre Regenmäntel mit Schlamm. Fröstelnd standen die vier nebeneinander und musterten das Haus.

»Sollen wir uns wirklich da hineinwagen?«, fragte Liv skeptisch. Ihre Eltern gehörten einer Freikirche und nicht der Staatskirche an, und was sie von dieser Eskapade halten mochten, ließ sich unschwer erahnen. Gegen einen Schaufensterbummel hatten sie nichts einzuwenden, und wenn Liv Briefe von einem Schulkameraden bekam, lächelten sie nachsichtig. Aber sie würden ihr niemals erlauben, durch einen Bach zu waten und in fremde Häuser einzubrechen.

»Also hast du tatsächlich eine Stimme!« Myrtle kicherte und wrang den Saum ihres Mantels aus. »Um Gottes willen, schaut euch das an! Mutter wird mich umbringen. Letzten Monat hat sie meine Kleiderbezugsscheine gegen Benzin eingetauscht, um Daddy zu besuchen. Verdammt!«

»Fluch nicht«, mahnte Liv halbherzig. »Wahrscheinlich können wir unbesorgt reingehen. Wenn jemand drin ist, behaupten wir einfach, wir hätten einen Hund vor dem Ertrinken gerettet und müssten uns trocknen lassen.«

»Lügnerin! Du wirst nie in den Himmel kommen, Livvie Baker!« Als sich Livs Miene wieder verschloss, bereute Carol ihren Spott. Sie war ein heiß geliebtes Einzelkind und mochte ihre Mitmenschen, und an diesem Tag hatte sie Liv und Monica mühsam zu diesem Ausflug überreden können.

Monica schob die bloßen, nassen Füße in ihre derben Schuhe und hinkte voraus, an einer Reihe von Weidenbüschen vorbei. »Ehrlich gesagt, mir ist’s egal, ob wer da drin ist oder was wir sagen!«, fauchte sie über die Schulter. »Wenn ich dran denke, dass ich gestern Abend meine Haare um Pfeifenreiniger gewickelt und damit geschlafen habe ... Heute Morgen sah ich wie Rita Hayworth aus, und jetzt ...« Triefnass und schlaff hing ihr schwarzes Haar auf die Schultern. Die anderen trugen ihre Baskenmützen von der Schuluniform, aber sie hatte die unzähligen Locken nicht zerdrücken wollen. Die Mädchen drängten sich in die winzige Diele. Um die nassen Füße in die Schuhe zu zwängen, hüpfte Carol auf und ab.

Offensichtlich stand das Cottage leer. Am Boden häufte sich stinkender Kaninchenkot. Aber hier drinnen war es wenigstens trocken und halbwegs warm. Allmählich entspannten sie sich und rümpften die Nasen. Die Räume im Erdgeschoss waren von Einbrechern oder Tieren verwüstet worden. »Diese Kratzer muss ein Stier mit seinen Hörnern gemacht haben«, meinte Carol. Sie las sehr viel. Soeben hatte sie Zane Grey, den populären Romanschriftsteller, entdeckt.

»Du würdest nicht mal einen Stier erkennen, wenn du so ein Vieh auf einer Party triffst«, spöttelte Liv, die gerade genug las, sodass ihre Englischnoten über dem Durchschnitt blieben.

Umso eifriger las Monica, weil sie oft einsam und verängstigt war. Doch das würde sie niemals zugeben.

Im Oberstock sah es etwas besser aus. »Jetzt gehört das alles uns!«, jubelte Carol und tanzte einen breiten Flur mit Fenstern an beiden Seiten entlang.

Myrtle schaute hinaus. »Von hier aus würde man jeden Eindringling sofort bemerken!«

»So hell und luftig ... Wenn wir nächstes Mal herkommen, nehme ich meine Geige mit und übe.« Liv ignorierte das theatralische Stöhnen. »Im Ernst, Mädchen, das könnte unsere private Zuflucht werden, ein Stützpunkt für ...«

»Für einen Geheimbund«, hauchte Carol.

»Haben wir’s euch nicht gesagt?«, triumphierte Myrtle. »Das macht viel mehr Spaß, als im Bull Ring herumzustolzieren.«

»Gibt’s hier irgendwelche Möbel? Ich muss mich endlich setzen, meine Strümpfe anziehen und mein Haar in Ordnung bringen.« Monica öffnete eine Tür. »Da! Ein altes Bett und eine Truhe!«

Neugierig betraten sie ein Schlafzimmer. Als sie auf das Bett sanken, quietschten die Federn. Versuchsweise stieg Carol, stets die aktivste der vier Mädchen, auf die zerschlissene Matratze und sprang umher. Die anderen zogen sie herunter und drückten sie auf die Truhe. Nachdem Liv ein paar Klemmen in ihrer Manteltasche gefunden hatte, erbot sie sich, Monicas Haar hochzustecken.

»Wenn wir einen Geheimbund gründen, brauchen wir Satzungen und ein Programm.«

»Ich nehme meine Geige mit, und wir veranstalten einen musikalischen Abend.«

»Eine Soiree.«

»Nein, einen Après-midi, wegen der Verdunkelung.«

»Sei doch ernst!«

»Wir könnten debattieren.«

»Worüber denn, um Himmels willen?«

»Über den Krieg. Warum wir eine zweite Front brauchen.«

»Nicht schon wieder der Krieg!«

»Oder wir denken uns Spiele aus – Wahrheitsspiele.«

»Wenn ihr glaubt, ich erzähle euch was über Denzil McIntyre, irrt ihr euch gewaltig!«

»Dabei geht’s nicht um Jungs. Immer denkst du nur an Jungs. Wie langweilig!«

»Aber die Welt dreht sich nun mal um Jungs.«

»Nein, um die Liebe.«

Herausfordernd wandte sich Monica Carol zu und schaute sie mit ihren schönen dunklen Augen an. Sie liebte das Mädchen und wünschte verzweifelt, ihre Gefühle würden erwidert. Deshalb musste sie Carol zwingen, gewisse Dinge zu akzeptieren, sonst würde Carol sie eines Tages hassen. Bedrückt dachte Monica an zu Hause, wo sie nur ein bisschen Wärme fand, wenn ihr Bruder Gil da war.

Liv steckte ihr die letzte Klemme ins Haar. »Fertig.«

»Hört zu streiten auf, ihr zwei!«, schimpfte Myrtle, und Carol schenkte ihr ein besänftigendes Lächeln.

»Wir streiten ja gar nicht. Mon, du siehst fantastisch aus. Ganz anders. So erwachsen.«

Voller Genugtuung hielt Liv einen winzigen Spiegel, auf dessen Rückseite Walt Disneys Schneewittchen abgebildet war, vor Monicas Gesicht.

»Ich bin so wie immer.« Grinsend zog Monica die Klemmen aus ihrem Haar und ließ die feuchten Strähnen wieder auf ihre Schultern fallen. »War das eigentlich eine Debatte oder ein Wahrheitsspiel?«

»Undankbares Ding!«, fauchte Liv. »Ich frisiere dich nie wieder!«

»Schon gut«, mischte Carol sich hastig ein, um die Wogen zu glätten. »Wie wär’s mit einem musikalischen Nachmittag nächste Woche? Okay, Liv? Ich bringe meinen Plattenspieler mit, und ihr zwei übernehmt das Schlagzeug.« Nun stöhnten sie noch dramatischer. Die Harmonie war wiederhergestellt. »Übernächste Woche stellen wir fest, ob sich die Welt um Jungs dreht.« Sie sah Monica nicht an. »Vielleicht passt auch das Wahrheitsspiel dazu.«

»Klingt interessant«, lobte Myrtle. Auch sie liebte Carol, würde aber viel lieber Liv und Monica gleichen. Unglücklicherweise war sie klein und übergewichtig und hatte widerspenstiges braunes Haar.

»Ich spiele das Lied, das wir im Chor singen«, kündigte Liv begeistert an. Das alles kannte sie von der Sekte her – musikalische Nachmittage und Diskussionsgruppen. Sogar Liv fand, dass die Anziehungskraft dreizehnjähriger Jungs gewisse Grenzen hatte.

»Warum nicht ›In the Mood‹?«, entgegnete Monica. »Lern doch mal was anderes, Liv. Gefällt dir die Stelle nicht, wo die Musik aufhört und alle weitertanzen, weil sie wissen ...«

»Großer Gott, seht euch das an!« Als Carol aufgestanden war, hatte sich ihr Mantel am Rand der Truhe verfangen und den Deckel gehoben. Es war keine Truhe, sondern ein Aufsatz oberhalb des Treppenhauses. Durch die Öffnung konnte man in die Diele und die Küche hinabschauen.

»Wenn jemand reinkommt, beobachten wir ihn von hier oben«, sagte Monica.

»Und wenn er die Stufen raufsteigt, springen wir da hinein und flüchten«, ergänzte Myrtle.

Liv steckte ihren Schneewittchenspiegel und die Haarklemmen ein. »In der Tat, ein perfektes Hauptquartier!«

*

Das Cottage erfüllte alle Hoffnungen in einer Welt voller Kriegsnachrichten. Hier konnten sie albern und selbstsüchtig sein und ganz offen miteinander reden. Im Sommer war die Gegend nicht so einsam, und die Mädchen fürchteten, ein paar Schuljungen auf ihren Streifzügen oder Wanderer würden das Haus entdecken. Sie reparierten die Gartenpforte und schrieben auf den Querbalken: »Vorsicht, bissiger Hund«. Nur im Winter konnten sie ihr Refugium ungestört genießen, an Samstagnachmittagen auf dem alten Bett sitzen, den Vormarsch der Alliierten in Afrika erörtern, über Jungs diskutieren, die mit Liv und Monica flirteten. Oder sie spielten das Wahrheitsspiel und sprachen über immer neue Dinge, um die sich die Welt drehen könnte.

Es stellte sich heraus, dass Liv sich ein Haus wünschte, mit Teppichen in jedem Zimmer und einer Maschine, die das Geschirr spülte. Myrtle wünschte sich ein angenehmeres Schicksal, als es ihrer Mutter beschieden war, und eine fabelhafte Karriere für ihren kleinen Bruder Boris. Auch Monica stand einem ihrer Brüder sehr nahe und erzählte ständig, was »Gil gesagt« und wie »Gillie die Einberufungsbehörde mit einem vorgetäuschten Beinleiden zum Narren gehalten« habe und wie »witzig« er immer sei. Carol hoffte, ihr invalider Vater würde genesen und die Familie könnte ein »interessantes« Leben führen.

»Cass, du bist ein typisches Einzelkind«, spöttelte Monica. Aber es war ein gutmütiger Spott. »Wir alle malen uns aus, wie wir mal heiraten und glücklich sein werden. Willst du für immer bei Mummy und Daddy bleiben?«

»Da bin ich mir nicht sicher«, erwiderte Carol überrascht. »Aber falls wir immer noch die Wahrheit gestehen müssen: Ich will nicht heiraten. Wir drei – Mutter und Dad und ich – kommen sehr gut miteinander aus.«

»Bei uns geht’s anders zu«, seufzte Myrtle. »Wenn Pa Urlaub hat und heimkommt, streitet er dauernd mit Ma, und der kleine Boris brüllt. Grauenhaft!«

»Ich finde, Mam und Da sind okay«, bemerkte Liv. »Aber ich will nicht länger bei ihnen wohnen als unbedingt nötig und einen reichen Mann heiraten ...«

»Das wissen wir, Liv«, fiel Monica ihr verächtlich ins Wort. »Myrtle und ich möchten uns wenigstens verlieben. Daran denkst du gar nicht.«

»Was für ein Unsinn, Monica Cook!«, fauchte Liv. »Für die Liebe interessierst du dich gar nicht. Du willst nur mit irgendeinem Kerl ins Bett steigen. Seit du deine Periode bekommen hast, bist du völlig verändert. Meine Schwester findet, du hättest Schlafzimmeraugen.«

Wider Erwarten errötete Monica bis in die Haarwurzeln. Carol, noch nicht ganz dreizehn, hinkte den anderen in manchen Dingen hinterher. »Wie kannst du so was sagen, Liv! Du bist eine Christin, und es ist eine Sünde, so zu reden.«

Lachend schüttelte Myrtle den Kopf. »Diese Freikirchler sind doch alle ganz verrückt nach Sex. Neulich blätterte ich in Daddys Notizen. Da könnte ich euch einiges erzählen ...« Die Mädchen erwarteten, sie würde weitersprechen. Aber sie schwieg. Plötzlich wurde ihr bewusst, in welche Gefahr sie sich mit ihrer Schnüffelei brachte. Nach einer Weile fügte sie etwas lahm hinzu: »Jedenfalls wird der Sex gewaltig überschätzt. Daheim wird immer nur über Sex gestritten. Davon will ich nichts mehr hören. Ich möchte mich verlieben. Und der Mann soll mich mehr lieben als alles auf der Welt.«

»Das wünsche ich mir natürlich auch«, verteidigte sich Liv. »So wie alle Menschen.«

Weil Carol nichts von solchen Dingen wusste, sagte sie nichts.

»Natürlich muss es der Richtige sein«, betonte Monica, und alle nickten weise.

*

In einer Mainacht 1944 holten Carol und Myrtle, so wie die ganze Nation des Krieges überdrüssig, einen Farbtopf aus dem Schuppen des Schuldieners. Samstagnachts um halb zwölfmalten sie an die Mauer des Postamts von Northfield die allgemein bekannte Forderung: ERÖFFNET SOFORT EINE ZWEITE FRONT! Wegen der doppelten Sommerzeit wurden sie von einem Polizisten entdeckt, durch eine Hintergasse und über die Bristol Road gejagt, bis zur alten Lagerhalle, ehe sie ihn endlich abschütteln konnten. Vor Angst und Schrecken den Tränen nahe, vermuteten sie, der Mann hätte sie erkannt, und versteckten sich im alten Geisterhaus – wie sie ihr Refugium mittlerweile nannten.

Dort wurden sie am Sonntagnachmittag, hungrig und immer noch verängstigt, von Monica und Liv aufgespürt.

»Diesen Slogan malt doch jeder irgendwohin«, versuchte Monica die beiden Mädchen zu beruhigen. »Deshalb werdet ihr nicht im Gefängnis landen! Deine Mutter glaubt, du bist bei mir, Myrtle. Aber deine Eltern spielen verrückt, Cass.«

»Oh – das ertrage ich nicht!« Wegen seiner Herzschwäche war Carols Vater vom Kriegsdienst befreit worden. »Je länger ich wegbleibe, desto schlimmer wird’s. Was soll ich ihnen sagen?«

»Irgendwas. Die Wahrheit. Aber möglichst schnell. Heute wollen sie zur Polizei gehen.«

»Was habt ihr ihnen erzählt?«

»Liv hat gar nichts gesagt«, erklärte Monica in ihrem gewohnten verächtlichen Tonfall. »Natürlich darf sie nicht lügen. Aber ich habe ihnen eingeredet, du hättest mit Myrt eine Expedition unternommen. Und dann versprach ich ihnen, ich würde dich nach Hause bringen. Ich wusste ja, wo du bist.« Stöhnend verdrehte sie die Augen. »Als sie dich heute Morgen nicht in deinem Bett fanden, riefen sie bei uns an. Ihr seid völlig übergeschnappt!«

»Irgendwas mussten wir doch tun«, entgegnete Myrtle. »Wäre der Polizist nicht aufgetaucht, hätten wir um Mitternacht in unseren Betten gelegen.«

Nun brach Liv ihr missbilligendes Schweigen. »Und warum seid ihr nicht ins Bett gegangen?«

»Weil er uns gesehen hat. Er könnte uns identifizieren.«

»Wie melodramatisch ...«

Plötzlich begann Carol zu schluchzen. »Ich habe ganz furchtbares Heimweh.«

»Geschieht dir recht.«

Alle waren verlegen. Mit fünfzehn weinte man nicht mehr, und man gab auch kein Heimweh zu. Schon gar nicht, wenn man nur zwei Meilen von zu Hause entfernt war.

»Für mich ist’s viel schlimmer«, warf Myrtle ein. »Mein Vater kämpft für unser Land.«

»Hinter einem Schreibtisch, in Wiltshire«, wurde sie von Liv erinnert.

»Immer noch besser, als auf der Reserveliste zu stehen – so wie dein Vater!«, konterte Myrtle.

Carol starrte zu Boden. Wenn jemand etwas Abfälliges über ihren Vater sagte, würde sie vollends zusammenbrechen.

Um die Schmach der Freundin nicht mit ansehen zu müssen, schaute Monica aus dem Fenster. »Da kommt jemand.«

Sofort bildeten sie wieder eine Einheit und drängten sich ans Fenster. Ein Mann überquerte die Wiese. Vorsichtig umrundete er die Maulwurfshügel. Also war er kein Farmer – der hätte die kleinen Erdhaufen niedergewalzt wie ein Traktor. Dieser Mann trug eine Khakihose mit breitem Gürtel, ein graubraunes, am Kragen offenes Hemd und ein Tweedjackett. Seine Krawatte hielt er in der Hand.

»Mein Gott, ich wette, das ist ein Deserteur«, wisperte Monica.

»Und ich wette, das ist ein Deutscher«, murmelte Liv.

Myrtle spähte unter Carols Arm hindurch. »Sicher einer von diesen ekligen Typen – ihr wisst schon ...«

Inzwischen hatte Carol die letzten Tränen hinuntergeschluckt, und ihre Augen fühlten sich staubtrocken an. Sie wandte sich ab und öffnete den Deckel des Aufsatzes über dem Treppenhaus.

»Sei nicht albern!«, schimpfte Monica. »Er ist allein, und wir sind zu viert.«

Nun blieb der Mann stehen und musterte das Haus. Hastig traten alle außer Myrtle vom Fenster zurück. Da sie so klein war, konnte er sie nicht sehen. »He, Mädchen, ich glaube, das ist Mussolini«, flüsterte sie.

Nur gedämpft bekundeten sie ihre verächtliche Skepsis, obwohl ihre Stimmen wohl kaum durch das geschlossene Fenster dringen würden, solange sie nicht schrien.

»Nun, immerhin ist er verschwunden, oder? Seit er im letzten Juli verhaftet wurde und danach untertauchte. Und wo kann er sich am besten verstecken? Im Feindesland! Wahrscheinlich ist er bewaffnet und wird uns alle erschießen.«

»Beschwert euch nie wieder, dass nichts passiert!«, stieß Monica grimmig hervor.

»Hört mal zu!«, befahl Carol. »Wenn er reinkommt, warten wir, bis er unter der Öffnung steht. Dann springe ich auf ihn drauf, halte ihn fest, und ihr lauft möglichst schnell runter. Myrtle, du holst die Polizei.«

»Jetzt öffnet er die Gartenpforte«, verkündete Myrtle, und danach dauerte es lange, bis sie wieder sprachen.

Sie senkten den Deckel, bis sie nur noch durch einen schmalen Spalt spähen konnten. Angespannt lauschten sie den Schritten, die zum Haus tappten. Als die Tür aufgeschoben wurde und der Stein, den sie davorgelegt hatten, über den Boden scharrte, hielten sie den Atem an. Der Mann stapfte herein und murmelte Flüche, die ziemlich englisch klangen. Auf seinem Schädel sahen sie eine kreisrunde kahle Stelle, und unter seiner Nase ein vorstehendes Kinn voller Warzen. Er drehte sich zur Tür um, entdeckte den Stein und beförderte ihn mit einem Fußtritt zur Treppe. Da erklang ein splitterndes Geräusch, Bodenbretter zerbarsten, und der Stein verschwand. Verwundert bückte sich der Mann und starrte durch das Loch hinab. Über seinem gebeugten Rücken rangen die Mädchen ganz vorsichtig nach Luft.

Eine Zeit lang schien das Loch den Mann zu verwirren, und es hinderte ihn vermutlich auch daran, die Treppe hinaufzusteigen. Schließlich inspizierte er die Räume im Erdgeschoss. Die Mädchen wechselten einen kurzen Blick. Dann schauten sie wieder nach unten.

Als der Mann in die Diele zurückkehrte, redete er mit sich selbst. Auf Deutsch oder in irgendeiner anderen Sprache. Er schaute erneut durch das Loch, dann warf er die Krawatte über eine Schulter und öffnete die Hosenknöpfe. Den Mädchen stockte wieder der Atem, und Carol schloss die Augen. Das plätschernde Geräusch, das der Mann erzeugte, klang so unanständig, dass sie sich beinahe abgewandt hätte. Aber die Bewegung hätte sie alle verraten. Eine Zeit lang geschah gar nichts – bis Monica ihren Oberarm umfasste. Zögernd hob Carol die Lider. Der Mann tat etwas Unaussprechliches, und sie kniff blitzschnell die Augen zusammen. Plötzlich grunzte er wie ein Schwein, jaulte ein paar Sekunden lang wie ein Hund, danach hörte Carol ein Rascheln, ein gedämpftes Murmeln.»Jetzt ist er weg«, wisperte Myrtle. »Schaut mal raus!«

Vorsichtig richtete sich Liv auf. »Ja, jetzt öffnet er die Gartenpforte. Die müssen wir wieder schließen – und einen Stein vor die Tür schieben.«

»Wir brauchen dringend Netzvorhänge«, meinte Monica. »In unserem Schuppen liegen ein paar herum. Die benutzt Dad, um die Himbeersträucher abzudecken. Nächstes Mal bringe ich sie mit.«

»Habt ihr gesehen, was er gemacht hat?«, fragte Myrtle. »Ich dachte, er müsste noch mal – aber ...«

»Er hat gewichst«, erklärte Monica gleichmütig.

»Was hat er?«

»Gewichst. So nennt man’s, wenn sich die Männer selber aufgeilen und ejakulieren.« Das letzte Wort sprach sie in hohem Falsett aus, eine schlechte Imitation der Biologielehrerin, die quietschte, wenn peinliche Themen erörtert wurden.

»Wieso weißt du das?« Indigniert runzelte Liv die Stirn. In sexuellen Dingen war sie die anerkannte Expertin. Schon sechs Jungs aus dem Gymnasium hatten gefragt, ob sie’s mit ihr machen dürften. Für jeden hatte sie ein Kreuz in ihr Notizbuch gemalt. Wie die Jagdflieger, wenn sie eine Maschine abgeschossen hatten.

»Immerhin habe ich zwei Brüder«, erwiderte Monica lakonisch.

»Und ich habe eine Schwester, die praktisch verlobt ist«, meinte Liv.

Carol ließ die Hände sinken, die sie vors Gesicht geschlagen hatte. »Um Himmels willen!« Tränen zogen helle Spuren über ihr schmutziges Kinn. »Wie könnt ihr so ruhig darüber reden. Es war schrecklich. Wie – wie ein Hund ...«

Besänftigend legte Monica eine Hand auf ihre Schulter. »Vergiss es. So was passiert nun mal. Dagegen können die Männer nichts tun.«

»Du regst dich nur auf, weil du hungrig bist, Cass«, meinte Myrtle. »Vor Hunger sind wir beide ganz schwach. Wenn ihr zwei gewusst habt, wo wir sind – warum habt ihr uns nichts zu essen gebracht?«

»Weil wir über was anderes nachdenken mussten!«, zischte Liv. »Zum Beispiel, wie wir euch dummen Gänsen aus der Klemme helfen sollen.« Sie wich Carols Blick aus. »Je schneller wir euch daheim abliefern, desto besser. Wo habt ihr den Farbeimer hingestellt? In der Schule wird’s einen Riesenwirbel geben, weil er gestohlen wurde ...«

»Den haben wir im Garten vergraben!«, fauchte Myrtle erbost. »So blöd sind wir nun auch wieder nicht.«

»Nein?« Liv strich so lässig und herausfordernd durch ihre Naturlocken, dass Myrtle sich wütend auf sie stürzte. Da Carol – normalerweise die Friedensstifterin – keinen Finger rührte, schob Monica die beiden auseinander.

»Geht mir bloß nicht auf die Nerven!«, mahnte sie. Dass sie unsanft geschüttelt wurden, überraschte sie nicht. Monica war nicht gerade für ihre Geduld und Selbstbeherrschung bekannt. »Myrt, du müsstest es besser wissen. Carol war schon immer eine Idiotin. Aber du solltest vernünftiger sein. Die Mauer des Postamts mit Schulfarbe zu beschmieren! Also wirklich! Das ist verrückt, kindisch – und einfach öde!«

»Außerdem bist du ein Jahr älter als Carol, Myrt«, fügte Liv vorwurfsvoll hinzu.

Drohend hob Monica eine Hand, und Liv zog den Kopf ein.

»Gehen wir.« Carol stand auf. »Kommt. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert. Wir haben niemandem was angetan – außer meinen Eltern. Vergessen wir diesen Tag. Reden wir nie wieder drüber.«

Ohne ein weiteres Wort verließen sie das Cottage.

*

In diesem Sommer begann die Landung der Alliierten in der Normandie und verlief sehr erfolgreich. Deshalb glaubten die Leute, der Krieg würde bald ein Ende finden.

Myrtle, die älteste der vier Mädchen, war bereits sechzehn. Die Liste der Abenteuer wuchs. Als die ganze Schulklasse Tollkirschen für das Krankenhaus pflückte, gab Myrt vor, sie hätte an ihren giftigen Fingern gelutscht, warf sich zu Boden und zuckte heftig. Eine Zeit lang schaute die Lehrerin seelenruhig zu, während Myrtle ihre schauspielerischen Fähigkeiten bewies. Dann fragte sie: »Alles in Ordnung, meine Liebe? Wenn du dich wieder besser fühlst – können wir weitergehen? Auch wir müssen unseren Kriegsdienst leisten.«

Auf den Tanzfesten mussten sich Carol und Myrtle mit Männern begnügen, die ihre Väter sein könnten, während Liv und Monica die hübschen Jungs anlockten.

Im Sommer übersiedelten sie in ein Erntelager, und zwischendurch lernten sie für die Abschlussprüfungen. Deutsch und Französisch, Geografie und Mathematik. Praktika in Chemie, Physik und Biologie. Manchmal schleppten sie ihre Bücher ins Geisterhaus und erweckten den Eindruck, sie würden eifrig büffeln.

»Mein Gott!« Carol, die ein Universitätsstipendium anstrebte und zusätzliche Prüfungen ablegen wollte, interessierte sich ernsthaft für einige Fächer. »Habt ihr das gewusst? Wenn ein Atom gespalten wird, entsteht so viel Energie, dass sich alle anderen Atome auf der Welt spalten und unser ganzer Planet auseinander bricht.«

»Zumindest hat Miss Edgeworth das behauptet«, warf Monica ein.

»Die ist wirklich sehr intelligent, Mon«, erwiderte Carol und schüttelte ihr Haar aus dem Gesicht. »Immerhin hat sie in Cambridge summa cum laude promoviert.«

»Eine alte Jungfer ...«

»Spielt das eine Rolle?« Carol runzelte die Stirn. »Wenn du sie für eine Jungfrau hältst, ist das wichtig?«

»Das meine ich nicht. Man kann dreimal heiraten und trotzdem eine alte Jungfer bleiben.«

Eine Zeit lang schwieg Carol. Liv lag auf dem Bett, die Augen geschlossen, und murmelte französische Verben vor sich hin. Und Myrtle kämpfte hoffnungslos mit einem Theorem. Wahrscheinlich würde Liv alle Prüfungen mit Bravour bestehen. Der Stolz gestattete ihr keine unterdurchschnittlichen Leistungen. Dann würde sie möglichst schnell einen reichen Mann heiraten. Auch Myrtles Zukunft war gesichert. Dank ihrer wohlhabenden Eltern würde sie eine gute berufliche Ausbildung genießen. Also blieben nur Carol und Monica übrig. Carol wollte ihren Eltern Ehre machen. Und Monica war ein stilles Wasser – eine unbekannte Größe.

»Also gut ...« Carol zögerte, aber letzten Endes akzeptierte sie Monicas Behauptung und schlug die Beine übereinander. Jetzt lagen fadenscheinige alte Teppiche auf dem morschen Boden des Schlafzimmers. »Und wie ist’s andersrum? Ich meine – muss eine Jungfrau automatisch eine alte Jungfer sein?«

»Natürlich nicht.« Prüfend schaute Monica das große, dünne Mädchen an, das mausbraune Haar, die unregelmäßigen Züge, den Mund, der so verletzlich wirkte. Und dann verzog sich ihr eigenes schönes Gesicht zu einem liebevollen Lächeln. Sie beugte sich vor und strich über eins der nackten, gebräunten Knie. Normalerweise zeigte sie keine Gefühle. Aber hin und wieder berührte sie Carol, um sie zu besänftigen. »Du kannst nie eine alte Jungfer werden. Liv schon, wenn sie nicht heiratet. Aber du niemals.«

»Besten Dank«, unterbrach Liv die gemurmelte Litanei ihrer Vokabeln.

»Was ich von dir halte, sage ich lieber nicht.«

Krampfhaft schluckte Carol. »Ich – ich wäre gern eine Mutter. Und ich möchte ein ganz gewöhnliches Leben führen.«

»Lass dir Zeit, Kindchen«, mahnte Monica, die so viel wusste.

»Dieses Gerede!«, warf Myrtle ein, die gar nichts wusste, aber fest entschlossen war, das alles viel früher herauszufinden als die anderen. »Ihr zwei ...« Erbost starrte sie Liv und Monica an. »Ihr glaubt, ihr wärt so großartig. Zwei Filmstars. Aber vielleicht werdet ihr feststellen ...« Voller Stolz straffte sie ihren Rücken. »... dass ich die Einzige bin, die einen richtigen Busen hat.«

Darüber sprachen sie nicht gern. Im letzten Jahr hatten sich Myrtles Brüste wie langsam aufgeblasene Luftballons vergrößert.

»Was machst du damit, Myrt?«, fragte Monica. »Trägst du einen BH?«

»Dafür haben wir keine Bezugsscheine«, erwiderte Myrtle bedrückt. »Ma hat gesagt, in diesem Sommer gibt sie mir einen von ihren BHs. Wenn wir die Schuluniform loswerden.« Die Sommerschuluniform bestand aus steifem Popelin. Wenn die Mädchen ihre Ferienkleider anzogen, meistens zwei Jahre alt und an den Säumen zweimal verlängert, wurde der Mangel an Unterröcken abrupt offensichtlich. Niemand verschwendete die kostbaren Kleiderbezugsscheine für Unterröcke.

Neidisch runzelte Liv die Stirn. »Mam sagt, wenn man gute Muskeln hat, braucht man keine Stütze.«

Allem Anschein nach hatte Myrtle keine guten Muskeln, und Monica fühlte sich bemüßigt, auch ihre runden Knie zu berühren. Sofort zuckte Myrtle zurück. »Wenn du tanzen gehst, musst du deine Brüste mit einem Pflaster festkleben. Irgendwo habe ich gelesen, dass Betty Grable das macht, bevor sie tanzt. Dann musst du dich nicht um BH-Träger sorgen, die Dinger wippen nicht auf und ab, und du kriegst ein interessantes Dekolleté.«

Nun kicherten alle, sogar Livs Laune besserte sich. »Zeigst du uns deine Brüste mal, Myrt?«, bat sie vorsichtig.

Carols Beinmuskeln spannten sich spürbar an. »Hör nicht auf sie, Myrt! Typisch! Nur weil sie keinen Busen hat ...«

»Natürlich musst du’s nicht tun.« Livs Wangen färbten sich feuerrot. »Tut mir Leid, dass ich gefragt habe.«

»Schon gut. Deshalb bin ich nicht verlegen. Und Ma sagt, ich sollte stolz auf mich sein. Kleine Frauen würden sich immer durchsetzen.«

Schweigend dachten sie an Myrtles Ma, die einsfünfundfünfzig groß war und ihren Ehemann anbetete, einen Arzt. Ebenso wie alle anderen wusste auch Myrtle, dass ihr Vater mit allen Luftwaffenhelferinnen auf seiner Station »herumspielte«, und sie fügte hastig hinzu: »Tut mir wirklich Leid für dich und Liv, Carol.«

»So groß wie Carol bin ich nicht«, bemerkte Liv. »Ich hab mich halb totgelacht, als du von diesem kleinen Iren zum Tanz aufgefordert wurdest, Carol. Wieso um alles in der Welt hast du nicht Nein gesagt?«

»Weil sie keiner Fliege was zu Leide tun kann«, erwiderte Monica, »und einem Menschen schon gar nicht. Los, Myrt! Wenn du strippen willst, bringen wir’s hinter uns«, schlug sie vor und ignorierte Carols entsetzten Blick. »Klar, du bist uns um einiges voraus. Das wissen wir alle. Aber du solltest es beweisen.«

Myrtle öffnete die Knöpfe ihres Hemdblusenkleids aus blauem Popeline, und die Brüste fielen ihr in den Schoß. Dort blieben sie liegen, als würden sie auf irgendetwas warten.

»Mein Gott!«, hauchte Liv ehrfürchtig. »Die sind ja riesig.«

Carol schaute zu Boden, und Monica verkündete: »Damit ist der Beweis erbracht. Myrtle ist ein Jahr älter als wir und uns allen um vier Jahre voraus. Gute alte Myrt. Und jetzt muss ich euch was erzählen. Spitzt die Ohren, Mädchen! Seit der letzten Nacht bin ich keine Jungfrau mehr.«

Automatisch schob Myrtle ihre Brüste ins Kleid zurück, während sich alle Augenpaare auf Monica richteten. Wie vom Blitz getroffen, war Carol zusammengezuckt, und Liv schnappte nach Luft. »Meinst du – du hast einen Mann an dich rangelassen?«

»Ja.«

»Das glaube ich dir nicht.«

Gleichmütig zuckte Monica die Achseln. »Deshalb werde ich mich nicht von einem Arzt untersuchen lassen.«

»Verdammt noch mal, wer war’s?«

»Wenn du fluchst, kommst du nicht in den Himmel, Liv.«

»Sag’s uns!«

»Nein. Tut mir Leid, aber das ist nur meine Sache. Es ist passiert, ich hab’s euch gesagt, und das war’s.«

In plötzlicher Wut stieß Liv hervor: »Wie verdorben du bist! Wie kannst du einfach da sitzen und sagen, du hättest es getan? Du bist eine Sünderin, eine Hure!«

Wortlos lächelte Monica.

»Und – wie war’s?«, fragte Myrtle stockend. »Hat’s wehgetan?«

»Darüber will ich nicht reden. Hätte ich euch bloß nichts erzählt!« Monica stand auf und schlenderte zur Tür. »Ich gehe. Kommt jemand mit?«

Sofort sprang Liv auf. »O ja. Warum wir uns immer noch hier treffen, werde ich niemals begreifen. Zum Teufel, wir sind doch keine Kinder mehr!«

»Jetzt hast du zum zweiten Mal geflucht, Liv.«

Hochrot im Gesicht, erhob sich Myrtle. »Kommst du, Carol?«

Als Carol immer noch die Bodenbretter betrachtete, wiederholte Myrtle ihre Frage.

Widerstrebend schaute Carol auf. »Noch nicht ...«, würgte sie mühsam hervor. »Ich muss noch was lesen.«

»Oh ...« Myrtle folgte den beiden anderen die Treppe hinab und sprang etwas schwerfällig über Mussolinis Loch.

»Wo ist Carol?« Ungeduldig drehte sich Monica um.

»Die bleibt noch hier.«

»Hol sie!«, befahl Monica ärgerlich. »Sie darf nicht ganz allein hier rumhängen. Geh schon!«

»Von dir lasse ich mich nicht herumkommandieren. Hol sie selber!«

»Auf mich hört sie nicht.«

»Auf mich auch nicht.«

»Aber sie erträgt dich, du dumme Gans. Geh endlich!« Während Myrtle die Stufen hinaufstieg, sah Monica, dass die Falltür über dem Treppenabsatz offen stand. Also hatte Carol alles gehört. »Und wenn schon!«, rief Monica. »Das ist mir egal. Warte auf mich, Liv!« Von heißem Zorn erfüllt, stürmte sie aus dem Cottage.

*

Carol ging am Tag des Alliiertensieges allein ins Geisterhaus. Abends würde sie sich mit den anderen in Northfield amüsieren. Da ihr Vater vor drei Tagen gestorben war, würden sie alle sehr nett zu ihr sein. Sie spürten, wie verzweifelt sie war. Vielleicht würde auch ihre Mutter für eine Stunde mit einem starren Lächeln die tanzenden Flammen des Freudenfeuers beobachten und dann sagen: »Bleib hier, Darling. Unterhalt dich gut. Ich habe Kopfschmerzen. Deshalb gehe ich lieber nach Hause und lege mich hin.« Und die Einsamkeit würde wie ein Messer in Carols Herz schneiden und die Zukunft wie eine dunkle Wolke vor ihr aufragen – die Zukunft, der sie so erwartungsvoll entgegengeblickt hatte. Sie saß am Fenster des Schlafzimmers. Während sie die vertraute Aussicht betrachtete, tropften heiße Tränen von der Spitze ihrer langen Nase und dem ebenso langen Kinn. Mit monotoner Stimme murmelte sie vor sich hin: »Das ist Selbstmitleid. Keine Trauer um Daddy, weil ich an Gott und den Himmel glaube. Warum sollte ich um meinen Vater trauern?«

Immer schneller flossen die Tränen. Wie durch einen feuchten Schleier sah sie den Bach und die Weiden, die Wiesen, wo manchmal anonyme Kühe grasten, und die lange Reihe der Ulmen, hinter der sich die ferne Straße verbarg, verschmolz zu einer gelbgrünen Masse. Die Aussicht glich einem Ölgemälde, auf dem sich Wülste und Rinnen bildeten, wenn man zu nahe herantrat. Das erinnerte Carol an ein ständig bewegtes Atom. Gab es da draußen genug Atome für eine Reinkarnation ihres Vaters? Warum konnten ihre Mutter und sie selbst keine Teile ihrer überfrachteten Körper abgeben, um seinen verwesenden Leib zu reparieren? Wieso war der Tod »das Ende«? Warum musste man so etwas hilflos mit ansehen? Viele Dinge im Leben vermochte man zu ändern, wenn man’s wirklich wollte. Warum nicht auch den Tod?

»Ja, ich glaube an dich, lieber Gott«, sagte sie laut. »Trotzdem hasse ich dich. Okay, du hast uns einen freien Willen geschenkt, das weiß ich alles. Aber wenn du’s wirklich wolltest, könntest du den Lauf der Dinge ändern. Das hast du nicht getan, verdammt noch mal. Darum haben wir dich gebeten, Mummy und ich. Aber du hast uns nicht geholfen.«

Nach langer Zeit trockneten die Tränen, und sie sah ganz deutlich, wie Monica die Wiese überquerte. Carol ging ihr nicht entgegen. Einerseits war sie erschöpft von ihrer Trauer, andererseits ... Den zweiten Grund kannte sie nicht. Viel zu leicht stellten sich Monica und Carol aufeinander ein, und das war nicht immer gut.

Jetzt öffnete Monica die Gartenpforte. Dass jemand im Cottage war, konnte sie nicht wissen, denn Carol hatte die Pforte mit der Schnur festgebunden und die Haustür geschlossen. Monica schaute nicht zum Fenster hinauf. Sorgfältig wickelte sie den Strick um den Torpfosten und ging den Weg entlang. Sie sah wundervoll aus, zweifellos für die abendliche Feier herausgeputzt. In zahllosen Löckchen umrahmte das schwarze Haar ihr Gesicht. Über einem Auge hing die Krempe eines Schlapphuts. Sie hatte das geblümte Kunstseidenkleid vom Vorjahr mit einer kontrastierenden Schoßjacke modernisiert, und die Handschuhe stammten aus der Vorkriegszeit. Als erstes Mädchen in der Schule protzte sie mit amerikanischen Nylonstrümpfen. Davon musste sie eine ganze Menge besitzen, denn sie ignorierte die Haustür und kletterte durch das Küchenfenster, ohne Laufmaschen zu befürchten.

Leise teilte sie der hochgeklappten Falltür mit: »Carol, ich komme rauf!«

Schritte hallten durch den Flur, und Carol wandte sich vom Fenster ab. »Wieso wusstest du, dass ich hier bin?«

»Wer sollte denn sonst da sein? Das ist unser Haus.«

»Ach ja«, seufzte Carol müde. »Das Geisterhaus.« Mit einem gezwungenen Lächeln fuhr sie fort: »Als wir es entdeckten, hat’s uns gehört. Damals waren wir Kinder. Zwölf Jahre alt. Wäre es nicht großartig, wieder zwölf zu sein?«

Monica schloss die Falltür und setzte sich vorsichtig darauf. »Ja«, stimmte sie zu, was Carol verblüffte.

Vergeblich suchte Carol diesen plötzlichen Enthusiasmus mit der herausfordernden, schicken Eleganz ihrer Freundin in Einklang zu bringen. Eine Zeit lang erwiderte Monica den forschenden Blick. Dann sprang sie auf und wischte den Staub von ihrem Kleid. »Wir hätten Stühle aufstellen sollen. Irgendwelche Möbel.«

»Immerhin haben wir die Teppiche hierher gebracht. Und da steht das Bett.«

»Darauf setze ich mich auch nicht in diesem Kleid.«

»Aber das Haus sollte verlassen aussehen. Falls jemand rumschnüffelt.«

»Ja. Nun ...« Monica trat ans andere Fenster und kehrte Carol den Rücken. »Wahrscheinlich werden wir nie mehr herkommen. Also spielt’s keine Rolle.«

»Natürlich werden wir wieder herkommen.« Carol versuchte zu lachen. »Oh, ich weiß, für euch ist die Schule vorbei, und ihr glaubt, ihr wärt erwachsen. Aber das ist nicht so wichtig. Immer wieder werden wir dieses Haus besuchen.«

»Du vielleicht – ich nicht. Ich gehe weg, und ich bin nur hergekommen, um mich von dir zu verabschieden.«

»Aber heute Abend treffen wir uns bei der Siegesfeier.«

»Nein, dann bin ich schon in London und feiere auf dem Trafalgar Square oder sonst wo.«

Noch nie war eines der Mädchen nach London gefahren. Jahrelang hatte man die Hauptstadt, ein Kriegsgebiet, konsequent gemieden.

Carol schwieg ungläubig, und Monica hob irritiert die Schultern. »Okay – möglicherweise in zwanzig Jahren. Wenn wir alt sind. Vorher nicht. Keine von euch will ich wiedersehen, bevor ich wirklich alt bin!«

»Das meinst du nicht ernst, Mon. Was ist passiert?«

Tiefe Stille erfüllte den Raum, und Monica wartete auf einen Tadel, der nicht erfolgte. Schließlich entspannten sich die verkrampften Schultern, und Monica erklärte ausdruckslos: »Letztes Jahr fand ich heraus, dass ich – adoptiert wurde.«

»Oh.« Carol fragte sich, wie sie selbst auf eine solche Enthüllung reagieren würde. »So schlimm ist doch das gar nicht, oder? Ich meine, deine Eltern haben dich ausgesucht. Also bist du was Besonderes.« Da Monica nicht antwortete, gab sie ihr genug Zeit, um über ihre eigenen Worte nachzudenken. Einmal hatte sie ihren Eltern erklärt, die Cooks würden Rangierlokomotiven gleichen, die ihre zwei Söhne hin und her schoben und sich vergeblich bemühten, ihre eigenwillige Tochter auf die gewünschten Gleise zu bugsieren. Monicas Neuigkeit erklärte die Hintergründe – sie passte nicht zu ihrer raubeinigen Familie. Auch sie war ziemlich hartgesotten, wirkte aber kultivierter. Carol räusperte sich. »Offensichtlich wollten sie dich unbedingt zu sich nehmen. Ich meine, sie hatten doch schon Gus und Giles.«

»Ja, sie hatten Giles«, bestätigte Monica leise. »Und natürlich Gus.« Ihre Schultern spannten sich wieder an. »Aber mich wollten sie nicht – nur das Geld, das ihnen meine leibliche Mutter anbot. Ein fabelhaftes Geschäft. Das kann ich ihnen nicht verübeln. Nach dem Ersten Weltkrieg war Dad wegen seiner Brustschmerzen arbeitslos. Deshalb mussten sie was – tun.«

»Oh ...« Carols Gedanken überschlugen sich. »Irgendwie verstehe ich, wie du dich fühlst – ziemlich seltsam, nicht wahr? Aber du liebst deine Eltern trotz allem. Und sie lieben dich. Du darfst nicht einfach weglaufen.«

»Wer soll mich denn dran hindern?«

»Suchst du deine richtige Mutter?«

»Die ist vor langer Zeit gestorben. Als ich zehn war. Den Namen meines Vaters hat sie Mom und Dad – den Cooks – nicht verraten. Vielleicht wusste sie gar nicht, wie er hieß – weil sie eine Prostituierte war.«

»O Mon ...«

»Nun, möglich ist alles.« Monica drehte sich um und versuchte zu lächeln. »Da ich sie nicht kannte, will ich nicht um sie trauern. Ist dir eigentlich klar, wie glücklich du sein müsstest, weil du um deinen Dad trauern kannst? Richtig trauern? So dass alle Bescheid wissen und deine Gefühle respektieren?«

»Nein, darüber bin ich nicht glücklich.«

»Tut mir Leid, Carol. Welchen Unsinn ich rede ... Dabei wollte ich mich nur verabschieden.«

»Bitte, geh nicht weg! Zieh zu uns. Das würde Mummy gut tun. Sie mag dich. Ehrlich. Sicher ist sie einverstanden.«

Monicas Blick glitt an Carols Kopf vorbei, in eine Zukunft voller fremder Menschen. »Aber ich muss fortgehen. Ich erwarte ein Baby. In London fange ich den erstbesten reichen Yankee ein. Der wird mich heiraten und nach Amerika mitnehmen.« Herausfordernd stemmte sie ihre Hände in die Hüften. »Ich sehe doch wie dreiundzwanzig aus. Nicht wahr, Carol?«

»Oh, mein Gott ...« Carol sprang auf und eilte mit ausgestreckten Armen zu ihr. »O Mon ... Wer ... Wieso?«

»Rühr mich nicht an!«, befahl Monica in scharfem Ton. »Du würdest meine Frisur ruinieren und mich zum Weinen bringen. Bleib mir vom Leib!« Entmutigt wich Carol zurück. »Hätte ich dir bloß nichts erzählt! Wie dumm ich bin! Furchtbar dumm! Du warst immer lieb und sanftmütig. Um Himmels willen, das ist nicht das Ende der Welt. Andere Mädchen kriegen auch ...«

Unglücklich fiel Carol ihr ins Wort. »Kannst du ihn nicht heiraten? Ich weiß, Miss Edgeworth sagt, danach würden die Männer einen nicht mehr respektieren, aber ...«

»Nein, ich kann ihn nicht heiraten.«

»Dazu würde ihn dein Vater zwingen, Mon! Dieser Mann muss seine Pflicht erfüllen. Wie kann er dir so was antun und dich danach im Stich lassen?«

»Okay, er ist nicht besonders nett. Das bin ich auch nicht. Wenn Dad davon erfährt, würde er mich ohnehin rauswerfen. Also gehe ich lieber von selber.«

»Sei nicht albern, Mon! Als würde dein Dad dich jemals rauswerfen!«

Monica holte tief Luft und starrte ihre Freundin an. Obwohl sie im gleichen Alter waren, wirkte Carol um Jahre jünger, weil es ihr an Erfahrungen mangelte. »Also gut. Warum soll ich’s verheimlichen. Wenn du’s weißt, wirst du mich gar nicht mehr sehen wollen. Ich war immer ehrlich. Das musst du zugeben, Cass. Nicht klug, aber ehrlich. Es war Giles. Gillie. Den ich immer am liebsten mochte.«

»Dein – Bruder?«

»Genau. Dads Liebling.«

»Wie konntest du, Mon? Ist es passiert, als du – von der Adoption erfahren hast? Du hast ihn immer geliebt. Und nachdem du herausgefunden hattest, dass ihr nicht verwandt seid, wurde dir klar, welche Art von Liebe ...«

»Um Gottes willen, Cass, halt den Mund!« Monica schluchzte leise und wandte sich wieder zum Fenster. »Glaub bloß nicht, irgendwelche romantischen Gefühle hätten uns zueinander getrieben. Er war’s, der mir von der Adoption erzählte. Dass meine Mutter mich verkauft hat, dass niemand zu mir gehört. Und dann sagte er, ich könnte jemanden finden. Sogar ganz einfach.« Plötzlich schlug ihr Kopf gegen den Fensterrahmen, und der Hut verrutschte. »Ja, du hast Recht. Von Anfang an liebte ich ihn. In der Kindheit haben wir uns dauernd gebalgt. Das war widerlich. Dann wurde ich älter und merkte, wie eklig es war, wir hörten auf damit, und schließlich – ist’s passiert. Ich wurde verführt, weil ich wieder einen Bruder haben wollte. Hätte ich ihn für meinen Bruder gehalten, wär’s nicht geschehen. Oh, es ist so kompliziert. Und ich bin so müde, Cass.« Jetzt ließ sie sich von Carols langen Armen umschlingen. »Gib’s doch zu – du findest das alles schrecklich! Ich erinnere mich sehr gut, was in dir vorging, als Mussolini ins Haus kam. Und letztes Jahr, nachdem ich euch erzählt hatte, ich sei keine Jungfrau mehr. Was du davon hältst, weiß ich. Und ich wollte dir nicht sagen ...«

»Du hast es mir erzählt, weil wir Freundinnen sind.«

»Aber die anderen dürfen nichts erfahren. Liv und Myrt. Bitte, Cass, verrat ihnen nichts.«

»Kein Wort. Wenn’s eine von uns weiß, genügt’s vollkommen.«

»Ausgerechnet dir habe ich mein Herz ausgeschüttet – obwohl du’s nicht verkraftest ...«

»Früher wär’s unerträglich gewesen. Aber jetzt ist es – anders. Irgendwie hat’s mit den Atomen zu tun, mit dem Leben, das man wieder zusammensetzen müsste.«

»Wovon redest du?« Nun schluchzte Monica noch lauter.

»Von meinem Vater. Gegen seinen Tod bin ich machtlos. Verstehst du das, Mon? Mit dem Leben lässt sich immer was anfangen. Mit dem Tod – gar nichts.«

Monica lachte unter Tränen. »Mit diesem Leben kann man auch nichts anfangen, Cass. Ich hab’s mit Schnaps versucht. Mit heißen Bädern. Und ich bin meilenweit gelaufen. Das Baby ist immer noch da.«

»O Mon, so was darfst du nicht tun.«

»Das musste ich versuchen. Armes kleines Ding ...« Monica befreite sich aus der Umarmung. »Jedenfalls ist’s besser, wenn ich verschwinde. Um vier Uhr vierzehn geht ein Zug. Den will ich nicht verpassen. In der nächsten halben Stunde muss ich mit einem Bus in die Stadt fahren.«

»Nein, Mon, bitte ...«

»Hör mir zu, du Unschuldslamm, ich weiß, was ich zu tun habe.« Als Carol den Atem anhielt, schüttelte Monica den Kopf und tippte sich an die Stirn. »Da drin ist schon alles geplant. Um acht Uhr komme ich in London an, suche mir den nettesten Amerikaner aus, den ich finde, und dann tanzen wir. Wer weiß, vielleicht wird er ein wunderbarer Ehemann und ein guter Vater für Gillies Baby.« Jetzt verflog ihre Zuversicht wieder, und sie zog ein Taschentuch hervor. Die Netzhandschuhe waren schon ganz schmutzig. »Cass, niemals werde ich dieses Haus und unsere glücklichen Zeiten vergessen.«

»Daran musst du dich nicht erinnern. Weil du zurückkommen kannst. Ich habe eine wundervolle Idee. Okay, du willst fortgehen. Das verstehe ich. Aber du würdest bald Heimweh kriegen. Meine Mutter wäre so gut zu dir. Vor allem Daddy zuliebe. Wenn ich’s auch nicht erklären kann ... Ich weiß, du hältst mich für prüde und steif ...«

»Nein, ich finde Liv prüde und steif. Dich nicht.«

»Bitte, komm mit mir nach Hause. Mummy wird alles verstehen. Und wir haben genug Geld. Daddys Versicherung ...« Nach einer kurzen Pause räusperte sich Carol und fuhr in entschiedenem Ton fort: »Dauernd fragte Mummy, was wir tun sollen. Sie würde gern verreisen. Jetzt können wir alle irgendwohin fahren. Da wird ihr schon was einfallen. Jedenfalls braucht sie irgendwas – einen neuen Sinn in ihrem Leben.«

Diesen fantastischen Vorschlag lehnte Monica nicht sofort ab. Sie betupfte ihr Gesicht mit dem Taschentuch, schluckte mühsam und starrte die Freundin entgeistert an. Schließlich schüttelte sie den Kopf, aber ohne die übliche Überzeugungskraft. Carol ergriff ihre Hand und führte sie die Treppe hinab. Leise und beschwörend sprach sie auf Monica ein.

2

Mary Woodford hörte ihrer Tochter zu. Hin und wieder betrachtete sie Monicas blasses Gesicht. Bis sie ihr Schweigen brach, dauerte es sehr lange. Sie sah Monicas starres, trotziges Lächeln, und irgendetwas begann in das Vakuum zu fließen, das Johns Tod hinterlassen hatte. Es war Mitleid. Und Mary wusste, dass Mitleid kein besonders hilfreiches Gefühl war.

»Mummy, wir können ihr helfen, nicht wahr?«, flehte Carol. »Sie muss nicht nach London fahren und einen reichen Amerikaner heiraten ...«

»Natürlich nicht.« Von ihrem heißen Mitleid erfüllt, fand die Mutter ihre Sprache wieder. »Niemanden muss sie heiraten, solange sie’s nicht will. Wir helfen ihr.« Aber wie? Bis vor kurzem noch ein Dorf, war Northfield jetzt ein Vorort von Birmingham, mit all den Nachteilen einer kleinen Gemeinde. Wenn Monica Cook hier blieb, würde ihr Leben ziemlich unerfreulich verlaufen. »Was empfindest du für Giles, Monica?«, fragte Mary vorsichtig. »Liebst du ihn?«

»Nein!«, erwiderte Monica prompt.

»Hast du ihm gesagt, dass du ...« Mary war zu gehemmt, um sich klar und deutlich auszudrücken. »Weiß er Bescheid?«

»Das konnte ich ihm nicht erzählen, Mrs Woodford. »Er würde ...« Krampfhaft schluckte sie. »Er würde mich zurückweisen. Und wenn nicht? Er arbeitet in Longbridge. Was anderes kennt er nicht. Wir müssten hier bleiben. Stellen Sie sich vor, wie peinlich es wäre ...«

Mary nickte. Das akzeptierte sie. »Eins nach dem anderen. Erst mal rufe ich deine Mutter an, erkläre ihr, Carol und ich würden Gesellschaft brauchen und frage, ob sie dich für etwa eine Woche entbehren könnte.«

»Tut mir Leid, wir haben kein Telefon ...« Aber Monicas verkniffene Lippen entspannten sich ein wenig.

»Dann werde ich ihr schreiben.« Mary lächelte voller Zuversicht und glaubte zu spüren, dass John ihre Absichten guthieß. »Übrigens, in diesem Sommer wollen Carol und ich eine Urlaubsreise machen, vielleicht nach Wales. Es wäre nett, wenn du uns begleiten würdest.«

»O Mrs Woodford ...« In Monicas Augen glänzten Tränen, und Marys Mitleid wurde von einem anderen Gefühl verdrängt – Zorn gegen den leichtfertigen dummen Jungen, der dem Mädchen so viel angetan hatte. Ausgerechnet Giles Cook. Um der Army zu entrinnen, hatte er ein Beinleiden vorgetäuscht. Und er sah nicht weiter voraus als bis zur nächsten Woche.

»Jetzt schreibe ich den Brief«, erklärte sie, »und ihr beide holt Monicas Sachen aus Turves Green. Wenn ihr zurückkommt, trinken wir Tee. Heute Morgen habe ich Räucherheringe im Dorf gekauft. Was hältst du davon, Monica?«

»O Mrs Woodford ...«, flüsterte Monica wieder, zog das Taschentuch aus ihrem Ärmel und wischte ihre Tränen mitsamt der zerronnenen Wimperntusche von ihren Wangen. Sie sah genauso aus, wie sie war – schön und ramponiert.

Mary stand auf und setzte sich an Johns Schreibtisch. »Wenn ihr Lust habt, Mädchen, gehen wir später zum Dorfplatz und schauen uns das Freudenfeuer an«, schlug sie in beiläufigem Ton vor. »Ich habe gehört, dass eine Hitlerpuppe verbrannt wird, und danach gibt’s ein großes Feuerwerk.«

»O Mrs Woodford ...«, hauchte Monica zum dritten Mal, und Carol lächelte mit bebenden Lippen.

»Vielleicht können wir den Tag des Sieges doch noch genießen.«

*

Im August fuhren sie für zwei Wochen nach Rhyl. Dort hatten Carol und ihre Mutter zu Beginn des Krieges einen kurzen Urlaub verbracht, als der Ort mit Evakuierten überfüllt gewesen war. Jetzt trafen sie trotz des siegreichen Sommers nur wenige Touristen an. Im Fernen Osten tobten immer noch Kämpfe, und die Soldaten würden vorerst nicht heimkehren. An Lebensmitteln herrschte ein bedenklicher Mangel. Die Tage verbrachten sie am Strand, und abends saßen sie mit ihrer Vermieterin vor dem Radio und hörten Nachrichten. In diesem plüschigen Salon erfuhren sie, dass eine Atombombe auf Hiroshima gefallen war. Die beiden Mädchen wechselten einen kurzen Blick, und Carol fragte sich, was Miss Edgeworth nun von der Kernspaltung halten würde, während Monica ironisch überlegte, dass nun wieder einmal eine Errungenschaft des männlichen Geschlechts zu unrühmlichen Konsequenzen geführt hätte. Entsetzt und dankbar zugleich, sagte sich Mary, der Krieg sei endgültig vorbei. Jetzt konnte sie Monicas Zukunft planen.

Sie schrieb einer alten Freundin, die zusammen mit ihrem Mann eine Pension im Londoner Stadtteil Paddington besaß. Erstaunlicherweise waren sie nicht ausgebombt worden. Miss Drake war eine angesehene Damenschneiderin in Selly Oak gewesen. Jahrelang hatte sie für Grannie Woodford gearbeitet und auch Marys Brautkleid genäht. Da sie zu Carols Taufe eingeladen wurde, erwartete sie, für den Rest ihres Lebens der Familie anzugehören. Dann lernte sie auf einer »ihrer« Hochzeiten George Gosling kennen, und die beiden traten wenig später selbst vor den Traualtar. Mrs Gosling vertraute Mary an, es sei tatsächlich Liebe auf den ersten Blick gewesen, und sie führe eine sehr glückliche Ehe mit George.

Im Lauf der Jahre blieben die Woodfords und die Goslings in Verbindung. Als Mary nach London gefahren war, um eine alte Schulfreundin zu besuchen, hatte sie in der Pension Albion gewohnt, einem hübschen, komfortablen Haus. Da Dilly Gosling bei ihrer Hochzeit über fünfzig gewesen war, musste sie jetzt fast siebzig sein. Mary berichtete ihr von Monicas Problem und fragte, ob das Mädchen im Albion unterkommen könnte.

... Natürlich will ich dir keine Unannehmlichkeiten bereiten, meine Liebe, schrieb sie. Und ich bezahle selbstverständlich Kost und Logis für Monica. Aber ich hoffe, du kannst ihr nach der Niederkunft eine dauerhafte Stellung anbieten. Sie ist hübsch und anpassungsfähig. Wenn sie bei dir in die Lehre geht, könnte sie eines Tages eine tüchtige Hotelmanagerin abgeben. Dieses Thema haben wir noch nicht erörtert. Also glaub nicht, du würdest Monica enttäuschen, wenn dir mein Vorschlag missfällt. Was das Kind betrifft – bisher haben wir nicht über seine Zukunft gesprochen. Vermutlich will Monica ihr Baby zur Adoption freigeben.

Voller Optimismus gab Mary den Brief auf. Seit sie an jenem Nachmittag vor sechs Wochen aus der Isolation ihrer Trauer gerissen worden war, spürte sie neue innere Kräfte, und sie fragte sich, ob das vielleicht mit der Atombombenexplosion zusammenhing. Nein, sicher war das lächerlich. Sie verstand nichts von Physik.

Aber wenn alles Leben und die Liebe Energie erzeugten, musste Johns Liebe sie immer noch begleiten. Sie kämpfte mit ihren Gedanken, so wie Carol damals im Geisterhaus. Gut gelaunt und ermutigt kehrte sie in die Pension am Strand zurück.

Zwei Tage später traf Dilly Goslings Antwort ein. Bevor Mary ihre Tochter und Monica informierte, wartete sie bis zum üblichen Monopoly-Spiel am Abend. Wenn man für jemand anderen Pläne schmiedete, durfte man nicht immer mit begeisterter Zustimmung rechnen. Sie würfelte, bewegte ihren Spielstein zum Ziel, und die Mädchen jubelten. Wie jung sie waren – Carol immer noch unschuldig, Monica zweifellos erfahrener –, aber unleugbar eng miteinander verbunden. Vielleicht würde das Baby die Freundschaft noch festigen.

»Natürlich musst du ein Hotel kaufen, Monica, obwohl das Spiel eben erst begonnen hat«, seufzte Carol und wandte sich zu ihrer Mutter. »Du wirst’s schon sehen, sie gewinnt wieder und treibt uns in den Ruin.«

Als Mary in schallendes Gelächter ausbrach, blickten beide Mädchen erstaunt auf. »Womöglich gefällt’s dir nicht, Monica – aber dass du ein Hotel kaufst, passt großartig dazu ...« Und dann erzählte sie von den Goslings, ihrer glücklichen, aber bedauerlicherweise kinderlosen Ehe und der unbeschädigten Pension inmitten eines zerbombten Londoner Stadtteils. Da beide über siebzig waren, würden sie eine Hilfskraft brauchen. »Ich habe Mrs Gosling geschrieben und von deinem Problem erzählt, liebe Monica. Nun bietet sie dir ein Zuhause und eine Lehrstelle an. Was hältst du davon?«

Monica erblasste, dann errötete sie heftig. »Also weiß sie Bescheid über mich ...«

»Nur keine Bange. Dilly Gosling ist seit vielen Jahren mit der Familie meines Mannes befreundet, und sie wird dich wie eine Tochter aufnehmen. Und im Gegensatz zu den meisten Müttern ...« Mary versuchte den beiden angespannten Gesichtern ein Lächeln zu entlocken. »... wird sie dir keine Vorwürfe machen.«

»Natürlich bin ich Ihnen sehr dankbar, Mrs Woodford, es ist nur – ich wollte noch nicht an die Zukunft denken. Bei Ihnen und Carol fühle ich mich so wohl. Aber ich weiß, so kann’s nicht weitergehen.«

»Doch, Monica, wenn das dein Wunsch ist ...«

»Nein, es wäre Ihnen gegenüber unfair. Außerdem lebt meine Mutter hier ... Und Gillie ... Ich ziehe nach London, in diese Pension. Vielen Dank, dass Sie das für mich arrangiert haben ...« Monica schluckte krampfhaft. »Werden Sie mit mir kommen und mich dieser Dame vorstellen?«

»Selbstverständlich begleiten wir dich!«, erwiderte Carol.

»Und wenn du dein Baby zur Welt bringst, stehen wir dir bei«, versprach Mary.

*

Anfang September quartierten sie sich in der Pension Albion ein. Glücklicherweise schlossen die Goslings und Monica – die immer noch zu halsstarrigem Stolz neigte – einander auf Anhieb ins Herz. Mrs Gosling hatte ihren Birmingham-Akzent beibehalten, was Monicas Vertrauen weckte. Und Mr Gosling, ein hoch gewachsener, überaus höflicher und anspruchsvoller Mann, schien einem anderen Zeitalter zu entstammen. »Die meisten Situationen meistert er brillant«, erklärte Dilly den drei Frauen. »Aber in Notfällen ist er nicht zu gebrauchen.«

Monica wusste sofort mit ihm umzugehen. Immerhin hatte sie in den Sozialwohnungen von Turves Green gewisse Erfahrungen gesammelt. Man musste nur dafür sorgen, dass er pünktlich seine ordentlich gefaltete Zeitung bekam, seine Schuhe spiegelblank putzen und einen ausreichenden Vorrat an sauberen Hemden bereithalten. Und natürlich durfte man ihm niemals widersprechen.

»Nettes Mädchen«, sagte er an Mary gewandt. »Offensichtlich wurde die Ärmste missbraucht. Was ihr Vater dazu sagt, kann ich mir denken.«

»Er hat keine Ahnung. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit möchte sie ihn schonen.«

»Und ihr Stolz spielt sicher auch eine Rolle. Ich mag Frauen, die sich stets ihren Stolz bewahren. So wie Sie, Mrs Woodford. Dilly hat mir erzählt, Ihr Stolz sei immer unantastbar gewesen«, fügte er hinzu und hielt ihr seine Tasse hin, um sich noch etwas Tee einschenken zu lassen. Während er mit Mary plauderte, zeigte Dilly den beiden Mädchen das Haus. »Wie ich gestehen muss, brauchen wir dringend eine Hilfskraft. Jetzt, wo der Krieg vorbei ist, möchte ich um die Lizenz für ein Privathotel ansuchen – das würde viel mehr hermachen. Die junge Monica muss sich nicht überanstrengen, meine Liebe, nur das Silber putzen und die Wäsche kennzeichnen. Und sie hat genug Gesellschaft bei uns, das wird sie von ihrem Kummer ablenken. Ich werde sie den Gästen als meine Nichte vorstellen. Zur Sicherheit.«

»Oh, Mr Gosling, ich bin Ihnen so dankbar. Wenn ihre Zeit gekommen ist, bringe ich sie natürlich in ein Entbindungsheim. Und danach müssen Sie mir bitte offen und ehrlich sagen, wie Sie sich Monicas Zukunft vorstellen.«

Lächelnd beugte er sich vor. »Falls sich die Dinge so entwickeln, wie wir’s erhoffen, wird Ihre junge Freundin nach der Adoption ihres Babys eine gute Stellung in unserem Hotel bekommen und wie ein Familienmitglied bei uns leben. Leider haben wir keine Kinder. Bei unserer Hochzeit war die liebe Dilly schon über fünfzig.«

»Das weiß ich.« Mary nickte mitfühlend und behielt ihre Meinung für sich. Was mit dem Baby geschehen würde, sollte einzig und allein Monica entscheiden.

*

In Northfield und Turves Green sprach sich bald herum, Monica würde eine Ausbildung im Hotelgewerbe absolvieren. Nachdem Mary die Cooks über die Einzelheiten informiert hatte, ärgerte sich die Mutter, weil sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Aber Giles musterte die Besucherin nachdenklich und meinte: »Wir sollten Mrs Woodford dankbar sein, Ma. Wie du weißt, hat unsere Mon keinen grandiosen Schulabschluss. Wir hätten sie in einen Kurs für Sekretärinnen oder so was Ähnliches schicken müssen.«

»Genauso gut könnte sie irgendwo als Verkäuferin arbeiten, mein Junge«, erwiderte Mrs Cook mit scharfer Stimme. »Aber unsere Mon war schon immer zu groß für ihre eigenen Füße.«

»Mein Mann mochte sie sehr«, betonte Mary. »Sicher hätte er ihr gern zu einem guten Job verholfen.«

»Nun, wenn Sie’s so ausdrücken ... Ich bin eben einfach zu weichherzig, das war schon immer mein Fehler.«

»Also – vielen Dank, Mrs Woodford«, murmelte Giles, und Mary registrierte, dass er sich nicht erkundigte, ob er Monica sehen könnte. Er fragte nicht einmal nach ihrer Londoner Adresse. Während des ganzen Gesprächs schlief Mr Cook in einem Lehnstuhl vor dem Feuer. Das überraschte Mary nicht. Oft genug hatte Monica ihn verspottet – der »Ernährer, der sich nicht für seine Familie interessiert«.

»Diese Chance sollte sie wirklich nutzen. Eine alte Freundin erwähnte die Stellung in einem Brief, während wir in Rhyl Urlaub machten, und ich wies Monica darauf hin.«

»Sie hätte herkommen und mit uns drüber reden sollen«, klagte Mrs Cook. »Aber sie war schon immer ein undankbares kleines Ding.«

»So sind die jungen Mädchen nun mal«, bemerkte Mary. Hastig wich sie Giles prüfendem Blick aus.

»Bald wird sie uns besuchen, Ma«, versuchte er seine Mutter zu trösten, »und mit ihrem Geld angeben. Würde mich nicht wundern, wenn sie dir sogar ein Geschenk mitbringt.«

»Mal sehen«, murrte Mrs Cook.

*

Liv und Myrt waren viel neugieriger. Kurz bevor Myrtle ihre Ausbildung zur Osteopathin begann, trafen sie sich mit Carol im Geisterhaus. Obwohl der Oktober eben erst begonnen hatte, war es im alten Schlafzimmer eiskalt.

»Wenn nur wir beide übrig bleiben, Cass, komme ich nicht mehr hierher«, jammerte Liv. »Welchen Sinn hätte das? Jetzt arbeite ich im Postamt, und ich will nicht mehr über die Schule reden. Damit ist dieser Lebensabschnitt wohl beendet.«

Carol nickte. »Vielleicht treffen wir uns alle noch mal im Geisterhaus, wenn wir vierzig sind.«

»Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, das Mon London verlassen wird, um uns auf einer schlammigen Wiese wiederzusehen.« Myrtle war in düsterer Stimmung. »Könnte ich doch bloß in London studieren! Dann würde ich mit ihr in Verbindung bleiben. Ihr zwei habt’s wirklich gut, weil ihr nicht fortgehen müsst.«

»Hast du etwa Angst?«, fragte Liv ungläubig. Nur zu gern würde sie Northfield den Rücken kehren.

»Ja, verdammt noch mal.«

»Du und deine Flucherei! Wahrscheinlich bildest du dir ein, das wäre chic. Aber du solltest dich nicht aufregen. Bald wirst du dich in Wales eingewöhnen. Obwohl’s mir da nie gefallen hat.«

»In Rhyl war’s sehr schön«, sagte Carol träumerisch. »So ruhig und einsam.«

Verblüfft hob Myrtle die Brauen. »Du hast dich verändert. Und ich dachte immer, du wärst so wie ich und willst was erleben. Nun, du hattest ja Mon zur Gesellschaft. Übrigens war ich ziemlich erstaunt, weil du sie zu diesem Urlaub eingeladen hast. Mich hast du nicht gefragt – obwohl wir immer besonders gute Freundinnen waren.«

»Tut mir Leid, Myrt, aber du bist im Urlaub immer weggefahren. Mon war nur im Ferienlager der Schule. Und du weißt ja, wie widerwärtig die Cooks sind – bevor sie zu arbeiten anfing, wollte sie sich ein bisschen erholen.«

»Sei nicht albern, deshalb bin ich dir nicht böse. Ich war nur verwirrt ...« Myrtle runzelte die Stirn. »Natürlich haben Liv und ich uns Gedanken gemacht. Ist irgendwas mit Mon passiert? Wurde sie von ihren Eltern rausgeworfen? Das alles kam so plötzlich.«Mit großen Augen starrte Carol ihre Freundinnen an. »Eigentlich nicht. Im Juni gingen wir von der Schule ab, und ihre Ausbildung im Hotelgewerbe begann erst letzten Monat.« Wie leicht es ihr fiel, um Monicas willen zu lügen ... Sie wurde nicht einmal rot.»Ja, ich weiß. Genau genommen war’s Liv, die behauptet hat, da wäre was faul.«

»Klar!«, fauchte Liv. »Schiebt’s nur auf mich! Ich sagte nur, sie hätte sich wenigstens verabschieden können ...«

»... und dass da was faul ist«, beharrte Myrtle unerbittlich.

»Wie eine Ratte hat sie das sinkende Schiff verlassen. Schaut mich nicht so an, ihr zwei! Es ist doch ein sinkendes Schiff. Und wir alle gehen von Bord.«

»Ich bin immer noch da«, murmelte Carol.