Das deutsche und das russische Sonderbewusstsein - Susanne Pocai - E-Book

Das deutsche und das russische Sonderbewusstsein E-Book

Susanne Pocai

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Beschreibung

Oswald Spengler und Nikolaj Berdjaev gehören zu jenen Autoren des 20. Jahrhunderts, deren Geschichtsdeutungen stark von den Kriegen und Krisen ihrer Gegenwart geprägt waren. Ihre Geschichtsphilosophie wollte eine Fundamentalkritik am westlichen Entwicklungsmodell sein und stellte die Gewissheiten einer fortschrittsoptimistischen Auffassung von Geschichte radikal in Frage. Susanne Pocai legt mit diesem Buch die erste zusammenhängende Studie zum zivilisationskritischen Werk Nikolaj Berdjaevs und dessen Abhängigkeit von Oswald Spenglers einflussreicher Schrift Der Untergang des Abendlandes vor. Sie arbeitet dabei die Facetten einer spezifischen Tradition in der deutschen und russischen Geistesgeschichte heraus. Deren Vertreter redeten und schrieben mit missionarischem Eifer das Ende Europas herbei und stilisierten „ihr“ Volk zum Erlöser einer vermeintlich todkranken europäischen Kultur. Pocais kompakte, pointiert verfasste Studie trägt auch zum Verständnis der ideologischen Grundlagen der jüngsten russischen Politik bei. So entstammen Vladimir Putins Projekt einer Eurasischen Union ebenso wie seine Rhetorik von der überlegenen russischen Kultur dem Instrumentarium einer antiwestlichen Zivilisationskritik, deren Wurzeln bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreichen und die in Oswald Spengler und Nikolaj Berdjaev zwei wirkmächtige Agitatoren gefunden hatte. Das Buch ist für all diejenigen ein besonderer Gewinn, denen an der Dechiffrierung und Aufdeckung jener Stereotypien und Topoi gelegen ist, die so manche Diskussion zum deutsch-russischen oder russisch-europäischen Verhältnis bis heute prägen.

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Seitenzahl: 563

Veröffentlichungsjahr: 2016

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Für Otto

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung
1 Biographische und begriffliche Voraussetzungen
1.1 Oswald Spengler und die Identitätskrise des deutschen Bürgertums
1.2 Nikolaj Berdjaev und der europäisierte russische Adel: Zwischen Standesbewusstsein und ‚Reue‘
1.3 Geschichte zu Ende denken
1.4 Kultur und Zivilisation – Russland und Europa
1.4.1 Deutschland: Kultur versus Zivilisation
1.4.2 Russland: Russland versus Europa
1.4.3 Kultur und Zivilisation bei Oswald Spengler und Nikolaj Berdjaev
2 Eintritt in die europäische Verfallsgeschichte: Wegmarken in den ‚Untergang‘
2.1 Renaissance und Humanismus
2.1.1 Preperception des Letzten Menschen
2.1.2 Die „Lüge des Humanismus“
2.2 Reformation und Protestantismus
2.2.1 Der Aufstand des Geistes gegen die Religion
2.2.2 Beginn der Selbstvernichtung des Menschen
2.3 Aufklärung und Rationalismus
2.3.1 Die Herrschaft des Geistes
2.3.2 Die Tyrannei einer rationalisierten Gesellschaft
2.4 Revolution
2.4.1 Die Rache der „Minderwertigen“
2.4.2 Strafgericht und Wiedergeburt
3 Untergang als Vollendung: Die Zeichen der Neuordnung
3.1 Der Weltkrieg als „Zeitwende“ UdA, S. 67.
3.1.1 Der „Beginn einer ungeheuren Epoche“ Spengler, Briefe, S. 32.
3.1.2 Russlands Selbstfindung
3.2 Volk und Masse
3.2.1 Volk versus Masse
3.2.2 Das Volk als Bollwerk der Anti-Moderne
3.3 Die Mission der „jungen Völker“ – Sozialistische Visionen von rechts
3.3.1 Die Jugend der Welt: Tour de force durch die deutsche und russische Geistesgeschichte
3.3.2 Die Verpreußung Deutschlands und der Welt – Sozialismus als „Ethos“
3.3.3 Spenglers slavophile Kritik an der russischen Geschichte
3.3.4 Der Aufstand der „Farbigen“ – Bolschewismus als ‚asiatische‘ Gefahr
3.3.5 Heim ins Reich der Despotie: Die ‚Wahrheit‘ des russischen Sozialismus
3.3.6 Sowjetisches Vaterland: Berdjaevs späte Volte
Zusammenfassung
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin im Sommersemester 2013 als Dissertation angenommen. Ihre Fertigstellung verdankt sich der endlosen Geduld meines Mannes Marcello, meiner Töchter Chiara und Lelia und – nicht zuletzt! – meines Doktorvaters Wolfgang Wippermann.

Berlin, im August 2015Susanne Pocai

Einleitung

Als Heiner Müller in einem Interview zur Jahreswende 1989/90 nach dem Potential der historischen Veränderungen in der DDR gefragt wurde, antwortete er: „Die DDR kann nur existieren, wenn sie etwas anderes, Eigenständiges ist. Sie muß ihre Struktur aus den eigenen Reserven heraus revolutionär verändern, sonst würde sie an die Bundesrepublik zurückfallen.“[1]

Für Müller, der mit Ernst Jünger befreundet war und Oswald Spengler inprovokanter Nonchalance als seinen Gewährsmann zitierte, repräsentierte die DDR eine vermeintlich gewachsene, autochthone, widerständigeKultur, die viel wenigerkulturell„überfremdet“und amerikanisiertsei als die Bundesrepublik unddiedank ihrer besonderen Disposition gegen das ökonomistische Gesellschaftssystem des ‚Westens‘ immun sei.[2]Müllers Hoffnungen auf die „Alternative“ DDR sollten sich bekanntlich nicht erfüllen[3]– der enttäuschte Autor begann daraufhin seinen Blick gen Osten zu richten und seinem alten Thema, dem ‚asiatischen‘ Russland, neue Aufmerksamkeit zu widmen.[4]Jener angeblich asiatische Charakter Russlands enthielt für Müller die „Chance der Unterentwicklung“ und schien – nachdem von Europa in seinen Augen nichts mehr zu erwarten war – die letzte Rettung im Angesicht des „kulturellen Imperialismus“ der USA.[5]

Auch im postsowjetischen Russland formierte sich in den neunziger Jahren ein neu-rechtes, neoslavophiles Milieu, dessen heute wohl bekanntester und einflussreichster Wortführer, Aleksandr Dugin, seine eurasischen Theorien mit Anleihen aus der Konservativen Revolution und dem deutschen Nationalbolschewismus absichert.[6]In den Augen Dugins, zwischen 2008 und 2014 Lehrstuhlinhaber an der Soziologischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Lomonossov-Universität, befinden sich der Westen und die russischen Liberalen, die „Streitmacht der Hölle“, im Krieg gegen Putin und die russisch-orthodoxe Kirche. Während Letztere für Dugin eine „harmonische Allianz“ bilden, sei das erklärte Ziel der liberalen Verschwörung die Vernichtung der christlich-orthodoxen Identität der Russen im Zeichen des Antichrist.[7]Nach der russischen Annexion der Krim im März 2014 sieht Dugin sich seinem großen geopolitischen Ziel näher denn je – der endgültigen Überwindung der „amerikanischen Hegemonie“ und der Re-Integration vermeintlich „künstlicher“ Staatengebilde wie der Ukraine, Georgien und Aserbaidschan in eine eurasische Union.[8]

Müller und Dugin kultivierten beziehungsweise kultivieren eine für Krisenzeiten typische intellektuelle Haltung, die ich mit ‚Sonderbewusstsein‘ fassen möchte. Die vorliegende Untersuchung versteht sich jedoch nichtals Beitrag für oder gegen die oft und lang diskutierte Sonderwegsthese.[9]Vielmehr soll in ideengeschichtlicher, kritischer Perspektive ‚Sonderbewusstsein‘ als Haltung begriffen werden, mit der ein dezidiert deutscher beziehungsweise russischer, manchmal auch deutsch-russischer Wegin der geistesgeschichtlichen Tradition des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts affirmiert und propagiert wurde. Oswald Spengler und Nikolaj Berdjaev schrieben diese Tradition fort, als sie ihre geschichtsphilosophischen Konstruktionen und Ideologeme in den kriegs- und krisengeschüttelten Jahren zwischen 1905 und 1946 formulierten.

Die vorliegende Arbeit, die sich in ihren Quellen auf das gesamte zu Lebzeiten und posthum veröffentlichte Œvre Spenglers sowie auf alle für diesen Zusammenhang wichtigen geschichts- und kulturphilosophischen Schriften Berdjaevs stützt, möchte die erste zusammenhängende Studie insbesondere zum zivilisationskritischen Werk Nikolaj Berdjaevs sein.

Vor allem der Zwangszusammenhang aus Prädestination und Mission, der normative Deutungsanspruch gegenüber dem Verlauf der Geschichte[10]und das gegenaufklärerische Selbstverständnis, das die Selbstwahrnehmung als „akademisch randständige[...]“ Denker einschließt[11], qualifizieren das Denken Spenglers und Berdjaevs zur parallelisierenden Betrachtung. Diese soll insbesondere den manichäischen, instrumentellen Charakter beider Geschichtskonstruktionen und die Gemeinsamkeiten in den geistesgeschichtlichen Grundlagen und Bezügen zutage treten lassen. Dabei werden die geschichtsphilosophischen Prämissen Spenglers und Berdjaevs thematisch in den Kapiteln so gruppiert, dass im Gesamtaufbau der Arbeit eine deszendierende Bewegung erkennbar wird: Den Anfang macht ihre Auslegung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Vergangenheit Europas: Dieser war in ihren Augen die innere Verfallslogik der europäischen Geschichte bereits eingeschrieben. Auf sie folgt die Diagnose der Gegenwart, die beide als Todeskampf der europäischen Kultur wahrnahmen. An diese schließt sich wiederum die Prognose der Zukunft an, die – im Sinne Spenglers und Berdjaevs – den vermeintlichen Ausweg, die ‚Erlösung‘ aus dem gegenwärtigen Elend bereithielt. Diesen zentralen Kapiteln werden neben dem biographischen Hintergrund beider Autoren Erläuterungen zu den wichtigsten ideengeschichtlichen Begriffen und Traditionslinien (‚Geschichte‘, ‚Kultur und Zivilisation‘) vorangestellt, ohne die das Verständnis der Denkfiguren Spenglers und Berdjaevs schwierig bliebe.

Kern des von Oswald Spengler und Nikolaj Berdjaev repräsentierten Sonderbewusstseins ist also eine unter Krisenbedingungen formulierte Zivilisationskritik, deren alte wie neue Verfechter[12]ihre antikapitalistische Fundamentalkritik am Westen mit dem Versprechen verbinden, das Rezept für die endgültige Überwindung der allgemeinen europäischen Krise zu kennen. Ganz im Sinne Thomas Meyers berufen sie sich dabei in einer Art „Identitäts-Wahn“, mit dem kulturelle Differenzen zu fundamentalen Gegensätzen aufgeladen werden,[13]auf die je spezifischen Eigenschaften der deutschen beziehungsweise russischen Kultur, die diese gegenüber den Versuchungen und Verwerfungen des Westens immunisieren und nach dessen ‚Untergang‘ die Basis für eine Gesellschaft jenseits sozialer Kämpfe, strategisch motivierter Parteifehden und ökonomistischer Interessen bilden sollen. Trotzdem ist Zivilisationskritik keine oder nicht nur klassische Kapitalismuskritik, denn sie speist sich keineswegs vorrangig aus dem Protest gegen die soziale Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems. Vielmehr entspringt sie einem ästhetizistischen Ekel angesichts der vermeintlichen Traditionsvergessenheit und sozialen Gleichförmigkeit der modernen Gesellschaft sowie der intellektuell wie lebenspraktisch oberflächlichen,beliebigen Existenz ihrer Mitglieder.

Mit Blick auf das von Spengler und Berdjaev thematisierte Verhältnis zwischen Deutschen und Russen soll deutlich werden, dass Sonderbewusstsein entgegen seiner eigentlichen ‚Intention‘ keine unikale Überzeugung oder Einstellung ist, mit der auf bestimmte historische Ereignisse oder Entwicklungen rekurriert wird, sondern Ausdruck einer Geschichtsdeutung, mit der die Schwäche oder Unterlegenheit der eigenen, als defizitär wahrgenommenen Kultur wettgemacht wird. Wie die Kompensation dieses Unterlegenheitsgefühls im Fall der Geschichtsauslegung Spenglers und Berdjaevs aussah, wie sehr Spengler dabei auf Russland und Berdjaev auf Deutschland angewiesen war (im Sinne der Legitimation einer vermeintlichen historischen Sonderrolle des je eigenen Volkes), soll ein Hauptthema dieser Arbeit sein. Die „gegenseitigen Projektionen und Beauftragungen“[14], die hier eine Rolle spielen, hat Gerd Koenen in seltener Fülle für die deutsch-russischen Beziehungen in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zusammengetragen und analysiert.

Weiterhin soll Sonderbewusstsein als konstituierendes Element einer als Geschichtsphilosophie getarnten Krisenideologie verstanden werden, mit der ihre Vertreter ihre politisch-soziale Ohnmacht kompensierten und in Macht umdeuteten – eine Macht, mit der die Auslöschung der Kontingenz in der Geschichte vermeintlich gelingen konnte, und damit die ‚Abschaffung‘ des mit ihr verbundenen menschlichen Leids. In diesem Sinne sollen Spenglers und Berdjaevs Geschichtsentwürfe hier als Nachklang der von Dieter Groh so genannten Bewegung „von der Utopie zum Mythos“ begriffen werden: Mythos – als „Resultat der Verzweiflung an der Geschichte“ – bedeutet hier das Ersetzen rationalerdurch explizit vor- beziehungsweise irrationaleErklärungsmodelle.[15]Sonderbewusstsein wird in dieser Arbeit also als „falsches Bewusstsein“ verstanden und damit der Versuch unternommen, die Elemente von Spenglers und Berdjaevs Geschichtskonstruktionenin ideologiekritischer Perspektive darzustellen und zu bewerten.

Dezidiert kein Vergleichskriterium in dieser Arbeit ist die seit Thomas Mann immer wieder als Tatsache vorgebrachte Behauptung, es existiere zwischen Russen und Deutschen eine Art seelisch-geistiger Verbindung, die Ausdruck (oder Ergebnis, je nach Standpunkt) eines verwandten, das heißt ähnlich kritischen Verhältnisses zu Europa, dem ‚Westen‘ sei.[16]Selbst Lew Kopelew spricht von einer „unbewußte[n] Verwandtschaft“, die es zwischen der völkischen Zivilisationskritik Julius Langbehns und den russischen Slavophilen beziehungsweise Panslavisten gegeben habe.[17]Üblicherweise werden solche Parallelen von Rechtsintellektuellen wie Günter Rohrmoser oder dem erwähnten Dugin gezogen. Rohrmoser, Sozialphilosoph und Kritiker der Frankfurter Schule um Jürgen Habermas, sah in den Umbrüchen, die das postsowjetische Reich in den neunziger Jahren erschütterten, die Chance für einen ökonomischen Liberalismus, der mit einem „geistig-kulturellen Konservatismus“ verknüpft werden müsse. Gleichzeitig konstatierte er eine „geheimnisvolle“ geistige Verwandtschaft zwischen Russen und Deutschen, die zwischen anderen Völkern so nicht existiere und die sich etwa darin niederschlage, dass beide Nationen sich mehr als andere mit der Frage des „überindividuellen Sinns“ in ihrer Geschichte beschäftigt hätten.[18]Rohrmosers als Reaktion auf den Zusammenbruch der Nachkriegsordnung entworfene kulturpessimistische Szenarien, die er als Folge eines in Europa herrschenden „libertären wie quasitotalitären Liberalismus“[19]beschrieb, finden bis heute unter ähnlich gestimmten russischen Intellektuellen großen Anklang – nicht zuletzt wegen seines Diktums, „daß die Menschheit auf den Geist und die Kultur Rußlands nicht verzichten“[20]könne.

Jenseits rechtsintellektueller Selbstvergewisserung existiert eine Forschung, die sich im weitesten Sinne dem Russland-Europa-Vergleich[21]und im engeren Sinne dem Russland-Deutschland-Vergleich widmet. Breiten Raum nehmen hier, bezogen auf Letzteren, die Reflexionen zur vergleichenden politischen Geschichte ein,[22]die für den in dieser Arbeit wichtigen Zusammenhang der ideengeschichtlichen Interferenzen zwischen Russen und Deutschen jedoch keine große Rolle spielen. Wichtig sind stattdessen die entsprechenden Bände der von Lew Kopelew Mitte der achtziger Jahre begründeten Reihe der „West-Östlichen Spiegelungen“, die sich dem Blick auf den je ‚Anderen‘, der Entstehung und Wirkung von Stereotypen und (Feind-)Bildern verschrieben hat.[23]Den Standard in der Analyse des deutschen Russland-Bildes setzt allerdings nach wie vor Dieter Grohs Dissertation zuRußland und das Selbstverständnis Europas[24], die vor allem für die philosophiegeschichtlichen Aspekte in der vorliegenden Arbeit von Bedeutung ist.

Der Initiative eines der Beiträger zu den „Spiegelungen“, Leonid Luks, verdanken sich die steten Veröffentlichungen des an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt angesiedelten Zentralinstituts für Mittel- und Osteuropastudien. Die hier auf Deutsch und Russisch erscheinende interdisziplinäre ZeitschriftForum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichteträgt wesentlich zur Bekanntmachung der aktuellen, in Deutschland immer noch unterrepräsentierten wissenschaftlichen Diskussion in Russland, Polen und Tschechien bei. Luks‘ Forschungsinteresse gilt dabei vor allem dem Vergleich der geistesgeschichtlichen Grundlagen von Bolschewismus und Nationalsozialismus.[25]

Im Unterschied zur wissenschaftlichen Literatur über Nikolaj Berdjaev ist die Zahl der vergleichenden Aufsätze zu Oswald Spengler groß: Spenglers Geschichtsmorphologie wurde mit der Kulturtypenlehre Nikolaj Danilevskijs verglichen[26], mit der Zyklentheorie Pitirim Sorokins[27]und Arnold J. Toynbees[28], der organologischen „Weltgeschichte“ Heinrich Rückerts[29], Karl Friedrich Vollgraffs und Ernst von Lasaulxs[30]; in neueren Studien mit der Zivilisationskritik Thomas Manns[31]und zuletzt mit den Geschichtsentwürfen Kurt Breysigs und Walther Rathenaus[32]. Schnittpunkt mit Berdjaev ist die zivilisationskritische und russophile Essayistik Thomas Manns, die Ljudmila Dymerskaja-Tsigelmann mit Berdjaevs Polemiken zur westlichen Demokratie und russischen Revolution verglich.[33]Bis auf Dymerskaja-Tsigelmann und wenige Ausnahmen[34]ist die bisherige, insgesamt sehr üppige Forschung[35]zu Berdjaev jedoch fast ausnahmslos affirmativ oder lässt seine zivilisationskritische Publizistik nahezu unbeachtet. Dies gilt für die ‚westliche‘[36]und die jüngere russische Literatur gleichermaßen. So setzt Lidija Gaman in ihrer Replik gegenüber Kritikern der prosowjetischen Phase Berdjaevs ihr patriotisches Bekenntnis zur sowjetischen Historiographie an die Stelle von Argumenten.[37]Ebenso eklektisch verfahren Nelli Motrošilova und Aleksej Peskov.[38]Die analytische Qualität dieser Untersuchungen zeugt noch immer von der Lücke, die die Tabuisierung vorrevolutionärer beziehungsweise emigrierter russischer Autoren durch die sowjetische Kulturpolitik hinterlassen hat. Der von Jutta Scherrer schon 1999 konstatierte „Nachholbedarf an Lektüre“[39]einst geschmähter Autoren istin Russland nach wie vor groß.

Das im deutschsprachigen Raum „ungebrochene[...]Publikumsinteresse“,[40]das SpenglersUntergang des Abendlandesbei dtv im März 2006 die 17. Auflage bescherte, gilt auch für den russischen Leser: DerUntergangwurde inzwischen mehrfach aufgelegt und ins Russische übersetzt[41], ebenso wiePreußentum und Sozialismus[42]. Die Vermutung Felix Philipp Ingolds, dass Spenglers „Ablehnung (…) von Demokratie und Kapitalismus“ zu dessen Popularität unter russischen Neoslavophilen und „Traditionalisten“ beitrage,[43]dürfte zutreffend sein. Die augenscheinliche Beliebtheit Spenglers auch in Deutschland steht allerdings in einigem Gegensatz zu seiner Beachtung in der jüngeren wissenschaftlichen Forschung. Die Wahrnehmung seiner Untergangsprognosen findet hier überwiegend in kritischer Distanz beziehungsweise in rezeptions- und vergleichsgeschichtlicher Perspektive statt[44]– auch wenn es immer wieder Autoren gibt, die den Wahrheitsgehalt von Spenglers ‚Prophezeiungen‘ beweisen wollen.[45]

Der in dieser Arbeit unternommene Versuch einer parallelisierenden Betrachtung soll in der Forschung bisher unterbelichtete Aspekte im Denken Oswald Spenglers und Nikolaj Berdjaevs zu Tage fördern. Darüber hinausspiegelt diese Perspektive auch die Arbeitsweise Spenglers und Berdjaevs wider: Neben der sogenannten großen Parallele (der Parallelisierung des ‚Untergangs‘ des Römischen Reiches mit dem vermeintlichen Verfall des gegenwärtigen Europas)galt ihnender Vergleich mit dem Westen, dem ‚Anderen‘, als wesentliche Methode ihrer Darstellung des bisherigen wie künftigen europäischen Geschichtsverlaufs.

1Biographische und begriffliche Voraussetzungen

1.1Oswald Spengler und die Identitätskrise des deutschen Bürgertums

Ich habe schon als Kind immer die Idee in mir getragen, ich müßte eine Art Messias werden. Eine neue Sonnenreligion stiften, ein neues Weltreich, ein Zauberland, ein neues Deutschland, eine neue Weltanschauung – das war zu 9/10 der Inhalt meiner Träume.[46]

Oswald Spenglers Selbstverständnis war von zwei sich scheinbar widersprechenden Eigenschaften geprägt: einem großen Sendungsbewusstsein und dem mal kokett, mal wirklich verzweifelt geäußerten Gefühl existentiell empfundener Einsamkeit. „ [I]ch stelle mich mir selbst wie ein verlorenes Atom in einer ungeheuren fremdartigen Weltmasse vor“,[47]gestand er in seinen autobiographischen Notizen.

Die Stilisierung der eigenen Person zum einsamen Unverstandenen, von der vor allem private Briefe und Aufzeichnungen während des Ersten Weltkrieges zeugen, übertrug Spengler auf Deutschlands Stellung in der Welt: „[D]ies Land“ sei „immer gehaßt worden“ und habe „nie, niemals einen Freund besessen“.[48]Seine Überidentifikation mit dem ‚Schicksal‘des deutschen Volkes und dessen politischen Verstrickungen führte bei Spengler geradezu zu körperlichen Symptomen. So heißt es inEis heauton: „Ich empfinde die meisten großen Weltereignisse – den Krieg z. B. – als persönliche Schuld. Wie kommt das? Ich gehe in entsetzlicher Verzweiflung herum, wie einMissetäter, der dafür Strafe verdient.“[49]Psychosozial ließe sich diese Selbstbeschreibung als nervös-übersteigerte Kompensation der eigenen politischen wie sozialen Bedeutungslosigkeit interpretieren– und dies vor dem oft beschriebenen Hintergrund der „obrigkeitsstaatlichen Kontinuität“ der deutschen Politik und einer stark fragmentierten bürgerlichen Sozialstruktur in Deutschland.[50]Das Bildungsbürgertum hatte hier im Zuge eines reflexiven Modernisierungsprozesses seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts allmählich seine soziale und kulturelle Führungsrolle eingebüßt,gerade auch im Angesicht einesimmer selbstbewusster formulierten „technokratischen Anspruch[s]der industriellen Revolution“ auf „moderne Bildung“[51](im Gegensatz zum neuhumanistischen Bildungsideal[52]) und einer generellen Demokratisierung der Kultur.

„Die Abwertung humanistischer Bildung und dementsprechend der Universitäten und Gymnasien stand in Korrelation zur Aufwertung naturwissenschaftlich-technischen Wissens wie zum Aufschwung der Technischen Hochschulen und Realschulen. Das alte akademische Bildungsbürgertum, das sich seit Fichtes Zeiten als geistige Führungsschicht der Nation verstand, sah sich inzwischen nicht nur von Industriekapitänen und Verbandsführern überflügelt, sondern zusehends auch von Ingenieuren und Technikern.“[53]

Die steigende Zahl und der wachsende gesellschaftliche Einfluss lohnabhängiger Geistesarbeiter – Journalisten, „Literaten“[54], Verwaltungs- und Büroangestellte – drohten das alte Bildungsbürgertum zu absorbieren. Unter dem Eindruck dieser Entwicklung und angesichts der generellen Erfahrung großstädtischer Vereinzelung schien auch der am neuhumanistischen Bildungsideal orientierte Begriff von Individualität seine Bedeutung zu verlieren. So etwa nahm es Georg Simmel zu Beginn des 20. Jahrhunderts wahr, als er den Anspruch des modernen Individuums beschrieb, „die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft“ zu bewahren, um nicht „in einem gesellschaftlich-technischen Mechanismus nivelliert und verbraucht zu werden.“ Für Simmel setzte sich das großstädtische Leben „mehr und mehr aus [...] unpersönlichen Inhalten und Darbietungen zusammen, die die eigentlich persönlichen Färbungen und Unvergleichlichkeiten verdrängen wollen“.[55]

Angesichts seiner „kulturelle[n] Enteignung“[56]fand das bildungsbürgerliche Selbstwertgefühl ausgleichende Stabilisierung auf ökonomisch-technischem Sektor, dessen Erfolge als nationale stilisiert und als Produkt deutscher Bildung und Kulturinterpretiert werden konnten. Der damit eng verknüpften Affinität zu Imperialismus und ‚Weltpolitik‘ lag neben der ökonomischen vor allem eine nationalistische beziehungsweise kulturimperialistische Motivation zugrunde. Danach war der „liberale Imperialismus“ davon überzeugt, „daß in der kommenden Periode der Weltgeschichte nur diejenigen Nationen, die sich zu Weltreichen erweiterten, noch eine selbständige Stellung würden behaupten können“.[57]Das kulturimperialistische Moment basierte dabei auf der schlichten Annahme, dass eine solche Zukunft nur deutsch sein könne.

Derbildungsbürgerliche Wille zur Weltpolitikkann außerdem als Ausdruck der Suche nach einem gemeinsamen, alle Gesellschaftsschichten integrierenden Handlungsrezept und der Furcht vor den sozialpolitischen Forderungen des vierten Standes verstanden werden.[58]Auch die ‚Aristokratisierung‘ des deutschen Bürgertums – die große Bereitschaft seiner einflussreichsten Teile also, ihre gesellschaftlichen Ideale an denen des Adels zu orientieren und gegebenenfalls in diesen aufzusteigen – wird in der Forschungals Reaktion auf das als sozial und politisch bedrohlichempfundene Anwachsen von Arbeiterschaft und Sozialdemokratie angesehen.Allerdings verspielte das Bürgertum mit seiner mehrheitlich antisozialistischen Ausrichtungdie „Chance, die Arbeiterschaft durch angemessene Mitvertretung ihrer Interessen von Anfang an in das eigene Lager zu ziehen“.[59]Um die Interessengegensätze nicht eskalieren zu lassen, schien es stattdessen ratsam, die Arbeiterschaft für die aggressive Flotten- und Kolonialpolitik zu gewinnen – etwa über den „Deutschen Flottenverein“ oder den „Alldeutschen Verband“ – und gegen die Sozialdemokratie auszuspielen.Die Bereitschaft zu aggressiver Imperialpolitik wurde dabei flankiert von der sozialdarwinistischen Vorstellung einer historisch-kulturellen Missionsaufgabe der Deutschen, die zum Zwecke der Selbsterhaltung als „auserwählte Edelrasse“ auf der politischen Bühne den „Kampf ums Dasein“ gegen die anderen Völker aufzunehmen hätten.[60]

Diese grob skizzierten Phänomene – die zunehmende Affinität des Bildungsbürgertums zu Naturwissenschaft und Technik, seine Imperialbegeisterung mit ihren nationalistischen und kulturimperialistischen Komponenten, seine Skepsis und Furcht angesichts der sozialen und politischen Forderungen des vierten Standes, seine Aristokratisierungsbestrebungen, sein Sozialdarwinismus und sein fortgesetzter Anspruch auf geistige Vorherrschaft – sind auch für Spenglers Selbst- und Weltbild konstituierend und eng mit seinem Drang nach Neudefinierung eines kulturellen und moralischen Führungsanspruches jenseits des alten bildungsbürgerlichen Ideals verknüpft. Sein bildungsbürgerliches Selbstverständnis, das Spengler seit frühester Jugend kultivierte, ließ ihn seine kleinbürgerliche Herkunft umso schmerzlicher empfinden. Die Ansprüche seiner Eltern an die richtige Berufswahlund ihre Demütigungen, die die literarischen Neigungen des Jungen betrafen, konnte er zeitlebens nicht verwinden. Sein Vater war Oberpostsekretär, am bürgerlichen Leistungsethos orientiert, seine Mutter eine depressive, labile Frau, die aus einer Künstlerfamilie stammte und im Vergleich zu ihren erfolgreichen Schwestern wegenihrer körperlichen Schwäche immer abseits stand. InEis heautonheißt es: „Meine Eltern beide unliterarisch, nie den Bücherschrank geöffnet, kein Buch gekauft. Mutter las Journale. Vater überhaupt nicht. [...] Haß gegen alle Erholung: Bücher vor allem. ‚Du hast keine Zeit solche zu lesen‘.“ Und: „Mein Vater war zu eng, um das zu verstehen. Er tadelte unaufhörlich, wo er mich über der Zeitung oder über Büchern fand, die nicht unmittelbar der Schule dienten.“[61]Später wird Spengler die geistfeindliche Atmosphäre seines Elternhauses reproduzieren – mit seiner Selbstverachtung, die sich in späteren Jahren zu Selbstmordgedanken steigern sollte[62], mit der Verachtung der eigenen literarischen Produktion und vor allem mit dem glühenden Hass auf die Künstler und Literaten seiner Zeit. Das grundsätzlich Hybride seiner Existenz hat Massimo Zumbini pointiert zusammengefasst, indem er Spengler als „dekadente[n] Künstler, – aber mit Pickelhaube“ charakterisierte.[63]

Um den väterlichen Ansprüchen zu genügen, schrieb sich Spengler 1899 für die Fächer Mathematik, Biologie und Naturkunde an der Universität Halle ein. Unmittelbar nach dem Tod des Vaters 1901 brach er sein Studium ab – zu groß wurde die Abneigung gegenüber den Naturwissenschaften und der herrschenden positivistischen Richtung. Zur Fortsetzung seiner Studien ging Spengler erst nach München, dann nach Berlin. Dass er sein Studium letztlich doch im bildungsbürgerlichen Sinne betrieb, „der weit mehr als den Erwerb von bloßem Fachwissen für berufliche Zwecke einschloß“,[64]bewies Spengler, indem er 1904über den energetischen Grundgedankender Heraklitischen Philosophie promoviert wurde. Nach seinem „Staatsexamen, das ihm die Lehrbefugnis für die Fächer Zoologie, Botanik, Naturkunde, Chemie, Mineralogie und Mathematik eintrug“, wählte er mit „großem Widersinn“ den Lehrberuf und erhielt 1908 eine Stelle als Lehrer in Hamburg, wo er bis 1911 an zwei Gymnasien unterrichtete.[65]

Auch für Spengler solltedie Erfahrung des Verlustes„kultureller Generalkompetenz“[66]und individueller Einmaligkeit im Zeitalter der Massenkultur prägendfürdie Ausformung seiner Persönlichkeit und seiner künftigen politischen Ansichten werden. Doch obwohl die großstädtischen Begleiterscheinungen des technischen Zeitalters bei Spengler nur Ekel und Selbstmitleid aufkommen ließen, sah er die Anforderungen und Veränderungen, die jenes Zeitalter mit sich brachte, doch als nationale und persönliche Herausforderung an, der er sich mit grimmigem Ernst stellte. Dies gilt in besonderem Maße für seine früh erwachte Imperialbegeisterung, die bei ihm eng mit dem Faszinosum der Technik, als kultureller Haupterrungenschaft der „faustischen“ Zivilisation, verknüpft war.[67]Spenglers imperialistische Neigungen deuteten sich bereits in seiner spätpubertären Phase in der spielerischen Errichtung des Weltreiches „Afrikasien“ unter deutscher Hegemonie an. Sieerfuhreneine letzte Steigerungin seiner ästhetisierenden Verherrlichung alles Kriegerisch-Soldatischen und seiner Stilisierung des Weltkrieges zur Zeitenwende, mit der sich dieHeraufkunft eines „germanischen Abendlandes“ ankündigte. So ist der im April 1918 erschienene, ungeheuer erfolgreiche erste Band seines HauptwerkesDer Untergang des Abendlandesals Beitrag des Zuschauers Spengler zum Ersten Weltkrieg anzusehen: „Ich habe nur den Wunsch beizufügen, daß dies Buch neben den militärischen Leistungen Deutschlands nicht ganz unwürdig dastehen möge.“[68]Der 1922 erschienene zweite Band desUntergangskonnte schon nicht mehr an den Erfolg des ersten anknüpfen, und alle folgenden, kleineren Schriften Spenglers schienen nur mehr Exemplifikationen des Grundthemas. Dies trifft vor allem auf die 1931 veröffentlichte, wie so viele spätere Arbeiten Spenglers aus einem Vortrag hervorgegangene SchriftDer Mensch und die Technikzu, welche von Spengler als „komprimierte Selbstauslegung“[69], als Prolegomenon des Hauptwerkes verfasst wurde.

Doch zurück ins Jahr 1918:Der Untergang des Abendlandesstellt den ambitionierten universalgeschichtlichen Versuch dar, „Geschichte vorauszubestimmen“,[70]indem er nach einer allen vergangenen und gegenwärtigen Kulturen gemeinsamen Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung fragt. Spengler beantwortete diese Frage mit der Behauptung, dass alle Kulturen dem organisch-biologischen Rhythmus von Geburt, Reife, Verwelken und Tod unterlägen. „Vollendung und Ausgang“ einer jeden Kultur würden durch ihren Übergang in das Stadium der „Zivilisation“ markiert, und in diesem Stadium befindet sich laut Spengler das gegenwärtige Europa. „Ich lehre hier denImperialismus[...] Imperialismus ist reine Zivilisation. In dieser Erscheinungsform liegt unwiderruflich das Schicksal des Abendlandes.“[71]Die den Imperialismus repräsentierende „Regierungsart“ wird – mit Spengler – der „Cäsarismus“ sein:

„Und deshalb sind alle Institutionen, sie mögen noch so peinlich aufrecht erhalten werden, von nun an ohne Sinn und Gewicht. Bedeutung hat nur die ganz persönliche Gewalt, welche der Cäsar oder an seiner Stelle irgend jemand durch seine Fähigkeiten ausübt. [...]

In Gestalt der Demokratie hatte das Geld triumphiert. Es gab eine Zeit, wo es allein oder fast allein Politik machte. Aber sobald es die alten Ordnungen der Kultur zerstört hat, taucht aus dem Chaos eine neue, übermächtige, bis in den Urgrund des Werdens hinabreichende Größe empor: die Menschen von cäsarischem Schlage. An ihnen geht die Allmacht des Geldes zugrunde.Die Kaiserzeit bedeutet, und zwar in jeder Kultur, das Ende der Politik von Geist und Geld.Die Mächte des Blutes, die urwüchsigen Triebe alles Lebens, die ungebrochne körperliche Kraft treten ihre alte Herrschaft wieder an. Die Rasse bricht rein und unwiderstehlich hervor: der Erfolg des Stärksten und der Rest als Beute. Sie ergreift das Weltregiment, und das Reich der Bücher und Probleme erstarrt oder versinkt in Vergessenheit.“[72]

Auch wenn sich Spengler erst in der überarbeiteten Fassung von 1923 zum entscheidenden Einfluss Goethes und Nietzsches auf seine Kulturmorphologie bekannte, so besteht wohl kein Zweifel, dass der Einfluss Nietzsches aufdenUntergang des Abendlandesgewaltig war, vor allem, was die Schlüsselbegriffe „Dekadenz“ und den „Willen zur Macht“ betrifft. Nicht zuletzt wegen des großen Erfolges desUntergangs des Abendlandeswurde Spengler 1919 der Ehrenpreis des Nietzsche-Archivs verliehen, wo er 1924 den VortragNietzsche und sein Jahrhundertzum 80. Geburtstag seines Idolshielt.[73]

Mit Nietzsche teilte Spengler den Ekel an der Gegenwart und das Selbstverständnis als Aristokrat und Prophet, als Angehöriger einer Begabtenelite, der von einer unüberbrückbaren Ungleichheit zwischen den vermeintlich höheren und den‚gewöhnlichen‘ Menschen überzeugt war. Die verachtete bürgerlich-egalitäre Ordnung, ihr Verfall und ihre notwendige Überwindung waren deshalbvorrangiger Gegenstand ihrer Geschichtsphilosophie. Der Hochmut gegenüber der Massengesellschaft sollte Spengler später – wie im Übrigen auch Berdjaev – für die faschistische Idee empfänglich machen, jedoch gleichzeitig zu seiner Ablehnung des Faschismus als ‚Realfaschismus‘ führen, da dieser in seinen Augen zur „Pöbelherrschaft“[74]pervertierte.

Während der Kriegsjahre hin- und hergerissen zwischen der „Gewißheit des Sieges“ und der „Leidenschaft“, lieber zu „sterben als in einem erniedrigten Deutschland zu leben“,[75]hoffte Spengler darauf, dass dieser Krieg „nicht der letzte“ sei, „den wir erleben werden“,[76]und dass der Imperialismus der „politische[…] Stil einer ferneren, abendländischen, germanischen, insbesondere deutschen Zukunft“ sein werde.[77]Obwohl sich Spenglers Kriegsbegeisterung aufgrund seines Alters und Gesundheitszustandes nicht über seine Zugehörigkeit zur Frontgeneration – zu der die meisten der jüngeren Konservativen Revolutionäre zu rechnen sind – stiftet, haben die Ereignisse zwischen 1914 und 1918 bleibende Spuren in Inhalt und Stil seines Werkes hinterlassen. Spengler berauschte sich zwar, im Gegensatz zu Ernst Jünger oder Arthur Moeller van den Bruck, weniger an der Apokalyptik des Krieges als vielmehr an der scheinbar kalt berechenbaren Unvermeidlichkeit des Faktischen. Jedoch auch seine Kriegsdeutungen wollten den Sinn bestimmen, „den der Krieg der deutschen Gesellschaft vermitteln konnte und sollte“: Mit der Mehrheit des Bildungsbürgertums im Allgemeinen und der Konservativen Revolutionäre im Besonderen teilte er die Hoffnung, derKrieg werdeals neuer „gesellschaftlicher Integrationsfaktor“[78]im Sinne der gemeinsamen Errichtung eines künftigen „Imperium Germanicum“ wirken und damitlangfristigdie „gesellschaftliche Rekonstitution“ des eigenen Standes vorantreiben. Gleichzeitig versuchte sich Spengler – vor allem in der Hochphase der patriotischen Begeisterung – auf kriegstaktischem und kriegstechnischem Gebiet zu profilieren: In den Briefen an seinen früheren Kollegen Hans Klöres sinnierte er über mögliche Frontbewegungen, künftige Eroberungen und politische Bündnisse.[79]

Hier wie in allen Schriften seines schmalen Œuvre fällt eine sich mit den Jahren steigernde gewalttätige Metaphorik auf, die in einem merkwürdigen Kontrast zu Spenglers überangepasster bürgerlicher Existenz steht. Diesen Eindruck gab im Übrigen auch Nikolaj Berdjaev in seiner Autobiographie wieder, als er über die erste und einzige Begegnung mit Spengler notierte: „In Berlin hatte ich einmal auch eine Begegnung mit Spengler; doch hat diese Begegnung keinen großen Eindruck hinterlassen. Sein Äußeres erschien mir gar zu bürgerlich.“[80]

Spenglers geistesaristokratische Ambitionen hatten ihre Wurzeln in seiner Grundüberzeugung von der Existenz „zwei[er]  Arten  von  Menschen“, der „von Natur Befehlende[n] und Gehorchende[n]“. Ausgestattet mit dem „physiognomischen Takt“ des Menschen- und „Lebenskenner[s]“ wähnte er sich über den Frontlinien, die er selbst entwarf – zwischen den von ihm verachteten „Literaten und Ästheten heutiger Großstädte, welche die Anfertigung eines Romans für wichtiger halten als die Konstruktion eines Flugzeugmotors“, den „Massen ausführender Hände“, den „Geführte[n]“, und den eigentlichen „Führern [...] des  Lebens“, zu denen für ihn auch die zu wenig gewürdigte „Gestalt“ des Ingenieurs, des „wissende[n] Priester[s] der Maschine“ zählte. Als ein Mann aus der „Denkerstube“, den das Papier oft genug „anekelt“, sympathisierte Spengler mit dem Ingenieur, dem „Organisator und Verwalter“ der Maschinenwelt, den er für ebenso unverstanden und unterschätzt hielt wie sich selbst. Indem er dessen „Führerarbeit“ vor allem als Gedankenarbeitqualifizierte, zog er ihn schließlich auf seine Seite.[81]Tatsächlich waren Spenglers politischer Ehrgeizebensowie seine privaten Beziehungen vom werbenden Bemühen um dietechnische Intelligenzgeprägt: Zu seinen engen Freunden zählte unter anderen der Industrielle Paul Reusch, über den Spengler zu zahlreichen weiteren „Wirtschaftsführern“ in nähere Beziehung trat.[82]

Spenglers Definition des „physiognomischen Taktes“ lässt erahnen, auf welcher Ebene er seine Restitutionsansprüche auf geistige Führung am liebsten verwirklicht sehen wollte. „Physiognomischen Takt“ besitze jeder Mensch, heißt es inPessimismus?(1921).

„Hier ist aber eine sehr hohe Form dieses Taktes gemeint, eine unbewußte Methode, nicht das alltägliche Leben, sondern den Gang der Welt instinktiv zu durchschauen, die wenige Menschen wirklich beherrschen. Es ist die, in welcher der geborene Staatsmann und der echte Historiker trotz allen Gegensatzes von Praxis und Theorie übereinstimmen.“[83]

Mit dem „echte[n] Historiker“ ist hier gewiss nicht die „hilflose und lächerliche Erscheinung“ des „abstrakte[n] Gelehrte[n]“ gemeint, sondern der „Geschichtskenner“ vom Schlage Spenglers, dem es nicht um Wahrheit,sondern um Tatsachen, nicht um „Systematik“,sondern um „innere Ordnung“ gehe.[84]

Spengler, der sich 1911, ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter vom Schuldienst beurlauben ließ und zu Beginn des Jahres 1912 rechtsgültig aus dem Schuldienst ausschied, hat als Privatgelehrter vielfach versucht, sich den verschiedenen Staatsmännern als „Geschichtskenner“ anzudienen. Seine Bemühungen reichen von zwei unvollendet gebliebenen Denkschriften an Wilhelm II. beziehungsweise den deutschen Adel (entstanden zwischen 1911 und 1917), über Gespräche mit den Generalen von Seeckt und Ludendorff 1923 sowie zahlreiche Kontakte zu Politikern und Industriellen vorwiegend aus dem rechtskonservativen Lager bis zu einem Treffen mit Hitler 1933[85], dem er im August desselben Jahres ein Exemplar seinerJahre der Entscheidungin der Hoffnung zusandte, gelegentlich dessen „Urteil über diese Fragen“ entgegennehmen zu dürfen.[86]Neun Jahre zuvor hatte Spengler die deutsche Jugend zur Selbsterziehung zum „Material  für  große  Führer  [...] in stolzer Entsagung, zu unpersönlicher Aufopferung“ aufgerufen.[87]

Anknüpfend an die sogenannten Ideen von 1914 erschien 1919 Spenglers „bedeutende[s] Buch“[88]Preußentum und Sozialismus. Es ist Spenglers Kampfansage an die „sinnloseste Tat der deutschen Geschichte“ – die Weimarer Republik, der die Revolution der „Gemeinheit“ mit dem „Literatengeschmeiß an der Spitze“ vorangegangen sei.[89]Obwohl Spenglers politische Aktivitäten und Kontakte in jenen Jahren zwischen 1919 und 1924 beeindruckend zahlreich waren, bliebsein tatsächlicher Einfluss –trotz des zeitweise beharrlich verfolgten Wunsches, für das „‘Imperium Germanicum‘ der Zukunft“ „viel tun zu können“[90]– gering. Die relative Erfolglosigkeit des politischen Engagements und der Bemühungen Spenglers um die Schaffung eines rechtskonservativen Pressekartells steht dabei in bemerkenswertem Missverhältnis zu seiner übersteigerten Selbsteinschätzung – vor allem hinsichtlich seiner Rolle während des Hitler-Putsches 1923 und im Zusammenhang mit den Direktoriumsplänen um den Chef der Heeresleitung, Hans von Seeckt. Das von Friedrich Minoux, dem Generaldirektor bei Hugo Stinnes entwickelte Regierungsprogramm für die Zeit nach dem erhofften SturzGustavStresemanns sah wohl auch die Teilnahme Spenglers an diesem Direktorium aus Fachleuten vor – in der Funktion des Wissenschafts-oder Kulturministers. So heißt es inNeubau des Deutschen Reiches(erschienen 1924): „Es kann nicht meine Absicht sein, an dieser Stelle den Entwurf eines künftigen Erziehungswesens vorzulegen. Ich hoffe, das später einmal gründlich tun zu können und dann vielleicht nicht ohne praktischen Anlaß.“[91]Die Hoffnungen Spenglers auf die Absetzung des Reichskanzlers und die Beendigung der „parlamentarischen Wurstelei“, denen er noch im Oktober 1923 in einem Brief an Stresemann selbstbewusst und mit drohendem Unterton Ausdruck verliehen hatte, wurdenim November desselben Jahres durch den Hitler-Putsch und seine Folgen jäh enttäuscht.[92]

Die Selbststilisierung Spenglers zum „bedeutenden Menschen“[93]undhomo politicusmit Führungsqualitäten wirkt vor dem Hintergrund vonEis heauton(1913/19) wie ein verzweifelter Versuch, der familiären und sozialen Bedingtheit seiner Existenz zu entfliehen. Diese erschien Spengler in Kindheit und Jugend als „jammervoll[…]“ und „freudlos[…]“, niemanden habe er gekannt, vor dem erAchtunghätteempfinden können. Auch seine Orientierung am „geheimen Erzieher“ Nietzsche konnte ihn nicht über die Einsicht hinwegtrösten, in einer Zeit zu leben, „wo ausschließlich Tröpfe, Lumpen oder Narren Literatur machten“.[94]Dem stillen, angepassten Dasein des Bürgers, das ihm seine Eltern von Anbeginn seiner Existenz aufnötigten, entfloh der junge Spengler, indem er sich eine Parallelwelt schuf, dieer wie ein Cäsarregierte. „Er entwarf fiktive Reiche namensInselreich, AfrikasienundGroßdeutschland, in denen statt Schwäche, Feigheit und Lügen Macht, Heldentum und Tapferkeit den Ton angaben.“[95]Die Orientierung an der heroischen Lebensauffassung seiner fiktiven, omnipotenten Helden vergrößerte die beinahe autistische Isolation des Heranwachsenden noch mehr. Gemessen an der Größeseiner Märchenreiche und des „Heldentums“ seiner Protagonisten musste sich die Wirklichkeit mit ihren Bewohnern ärmlich und trostlos ausnehmen.

Die Kränkungen seiner Kindheit und Jugend sowie der daraus resultierende Rückzug in eine Innenwelt, die ihre Berechtigung und Nahrung aus der scharfen Abgrenzung zur feindlichen Außenwelt erhielt und zur eigentlichen, ‚besseren‘ Realität wurde, formten allmählich einen Charakter, zu dessen Haupttugenden das Gefühl permanenter Lebensangst und gleichzeitig eine maßlose,narzisstischeSelbstüberschätzung zählten. Zeitlebens sollte Spengler zwischen diesen beiden Polen changieren. So verachtete er als ‚Aristokrat‘ und ‚Kulturmensch‘ „diese[…] ekelerregende[…] Zeit“ und die „Menschen, mit denen man notgedrungen verkehrt, auf deren Niveau man sich hinabbegeben muß [...]“.[96]Gleichzeitig flößte ihm jene Realität, in der das „anspruchslose Volk“ zu Hause war, eine sich mit den Jahren krankhaft steigernde Furcht ein, die ihn seit seiner Kindheit verfolgte: „[E]s ist ein Gefühl, das alles, alles beherrscht hat: Angst. Angst vor der Zukunft, Angst vor Verwandten, Angst vor Menschen, vor Schlaf, vor Behörden, vor Gewitter, vor Krieg, Angst, Angst.“[97]– Auf dem Boden dieser Angst und der Passivität des Zuschauers, die er nur kurzzeitig durch hektische politische Aktivität überwinden konnte, gedieh auch Spenglers Ekel vor der großstädtischen ‚Dekadenz‘, der sich vor allem gegen die „Untermenschen der Großstädte“ entlud und als Ergänzung und Spielart seines antiintellektuellen Ressentiments anzusehen ist.[98]Dieser „antiurbane Affekt“[99], der im Übrigen großen Einfluss auf Spenglers Konzeption einerMorphologie der Weltgeschichtehatte[100], ist darüber hinaus Ausdruck seines an Menschen und Staaten durchexerzierten Sozialdarwinismus. Ganz dem eugenischen Denkenseiner Zeit verpflichtet, maß sich dieBedeutung des einzelnen Menschenfür Spengler an dessen Zugehörigkeit zur „starken Rasse“ einer Nation, die im „weißen“ Europa von Atomisierung und Verfall bedroht sei. Zu einer starken Rasse – über die vor allem das „Barbarentum“ verfüge, zu dem Spengler auch die „Russen“ zählte – gehöre „nicht nur eine unerschöpfliche Geburtenzahl, sondern auch eine harte Auslese  durch die Widerstände des Lebens, Unglück, Krankheit und Krieg.“ Dagegen verlängere die Medizin des Westens jedes Leben, „ob es lebenswert ist oder nicht“, und steigere auf diese Weise den „Rasseverfall“ der gesamten Nation. Innerhalb Europas habe sich allein Deutschland einen „Schatz von tüchtigem Blut“ bewahrt: Mit dem von der Konservativen Revolution häufig bemühten Topos vom ‚jungen Volk‘, das vom „Wirbel vergangener Geschichte“ weitgehend verschont geblieben sei, begründete Spengler die „große[n] Möglichkeiten“, die „in der germanischen Rasse, der willensstärksten, die es je gegeben hat“, schliefen.[101]

Zu dem Zeitpunkt, als Spengler diese noch von „dynamische[m] Aktionismus“[102]durchdrungenen Zeilen schrieb, hatte bereits eine letzte Periode der Vereinsamung und Verbitterung begonnen. Trotz der Anfeindungen durch die „nationale Presse“, die das Erscheinen seiner letzten, enorm erfolgreichen KampfschriftJahre der Entscheidung(1933) begleiteten, versuchte Spengler sich sowohl Goebbels als auch Hitler noch einmal anzudienen. Nach dem einzigen bezeugten Gespräch mit Hitler im Juli 1933 zeigte sich Spengler sehr „vergnügt und befriedigt“, wie seine Schwester notierte.„Signor [Spengler – S. P.] über Hitler: Nicht bedeutend – aber er will was und er tut was und man kann ihm was sagen.“[103]Auch seine neuerliche Absage an Goebbels im Oktober 1933, nachdem dieser ihn zu einer offiziellen Stellungnahme anlässlich der Volksabstimmung über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund aufgefordert hatte, zeugt von Spenglers Überschätzung der Bedeutung seiner Person für die Nationalsozialisten: „Ich füge die Bitte hinzu, Sie einmal persönlich sprechen zu können [...] Ich hätte Ihnen verschiedenes mitzuteilen und vielleicht einige Vorschläge zu machen.“[104]Goebbels reagierte mit Schweigen und der Intensivierung der bereits laufenden Pressekampagne gegen SpenglersJahre der Entscheidung. Ein letztes Mal versuchte Spengler im Dezember 1933 zu Hitler vorzudringen – erfolglos.[105]Diese Missachtung durch die regierenden Nationalsozialisten machte das Maß an Kränkungen,von denen Spenglers hybride Persönlichkeit keine einzige vergaß,endgültig voll: Nach dem sogenannten Röhm-Putsch, dem mehrere seiner Bekannten und Freunde (unter ihnen Gustav von Kahr und Gregor Strasser) zum Opfer fielen, zog sich Spengler endgültig ins Privatleben zurück.[106]Seine Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie beruhte allerdings nicht auf zu vernachlässigenden weltanschaulichen Differenzen[107], sondern auf der Zurückweisung seines Wunsches durch die NS-Führung, als im Hintergrund agierender Ratgeber zu wirken. Dominierte in Spenglers Haltung zum Nationalsozialismus bis 1934 vor allem wohlwollende Herablassung, begann er diesem nun vorzuwerfen, dass „eine echte große Idee von einer dummen, plumben, ehrlosen Partei in den Schmutz gezogen“ und an seinen „Gedanken schmarotzt“ worden sei.[108]„Ernst Bloch traf den springenden Punkt, als er über dieJahre der Entscheidungurteilte, sie seien fast die Absage ans Hitlertum, doch nur weil Spengler dem Demagogen die Bestie nicht glaube und dem großen Maul des Massenjubels nicht das aristokratische Gebiß.“[109]Spenglers Kritik am ‚Dritten Reich‘, deren Herren ihm zu „sentimental“ waren und denen er einen zu gering entwickelten Machtwillen und Beuteinstinkt vorwarf, beruhte also

„ideologisch auf einer gewissermaßen ‚ultrafaschistischen‘ Position. Die Phantasmagorie eines omnipotenten Cäsaren, die Spenglers politisches Denken so grundlegend prägte, ließ die NS-Diktatur als noch zu demokratisch, sozialistisch und pazifistisch erscheinen. [...] Den manipulativen Teil der NS-Propaganda, den Appell an Konsens, Volksgemeinschaft und Frieden nahm Spengler beim Wort, während er den Antikommunismus, den Antisemitismus und die Forderung nach dem totalen Staat als reine Demagogie betrachtete.“[110]

Spenglers „grandiose Fehleinschätzung“ (Vollnhals) des Nationalsozialismus offenbarte den Anachronismus seiner privaten und politischen Existenz. Der Versuch, seinemgeistesaristokratischen Selbstbild das eines politisch einflussreichen Denkers an die Seite zu stellen, war restlos gescheitert. DieVerwirklichung seinesAnspruchs auf Geistesherrschaft im Massenzeitalter blieb Spengler somit versagt. Zurückgezogen lebend beschäftigte er sich in seinen letztenLebensjahren mitThemen der Vor- und Frühgeschichte und verfasste Aufsätze wieDer Streitwagen und seine Bedeutung für den Gang der Weltgeschichte(1934). So kehrte er am Ende seines Lebens gewissermaßen an dessen Anfang zurück: Nach all den aggressiven, chauvinistischen Gesten, den politischenAllürenund hochfliegenden Plänenstarb Spengler vereinsamt und nahezu vergessen am7.Mai 1936 in seiner Münchner Wohnung an einem Herzschlag.

1.2Nikolaj Berdjaev und der europäisierte russische Adel: Zwischen Standesbewusstsein und ‚Reue‘

Meiner Abstammung nach gehöre ich zurAristokratie. Das ist wahrscheinlich kein Zufall und hat meiner seelischen Formation das Gepräge gegeben. Meine Eltern gehörten der „vornehmen“ Welt an, nicht einfach der Adelsgesellschaft. Bei uns zu Hause wurde meist französisch gesprochen. Meine Eltern hatten hohe aristokratische Verbindungen [...] Diese Verbindungen waren zum Teil verwandtschaftlicher Art, zum Teil ergaben sie sich aus der Zugehörigkeit

meines Vaters zumChevalier-Garde-Regiment.[111]

Obwohl er den äußeren Prinzipien seines Standes stets skeptisch gegenüberstand,[112]blieb Nikolaj Berdjaev in seinem Selbstverständnis zeitlebens ein typischer Angehöriger des klassischen russischen Landadels. Seit der Abschaffung der adligen Dienstpflicht durch Peter III. (1762) genoss dieser Stand im Rahmen der Möglichkeiten, die ein autokratischer Staat zu bieten hatte, vollkommene persönliche Freiheit, die jedoch durch die Absenz jeglicher politischer Einflussnahme geschmälert wurde.[113]Die bis 1905 anhaltende Erstarrung des russischen politischen Systems und die kompromisslose Härte, mit der gegen Kritiker und Gegner des autokratischen Staates vorgegangen wurde, hatten einen verheerenden Einfluss auf die Mentalität insbesondere der russischen Oberschicht. So ergab sich ein großer Teil des wohlhabenden Adels dem Müßiggang und luxuriösemZeitvertreib, der mitunter vonunsystematischen philosophischen und wissenschaftlichen Studien unterbrochen wurde.[114]Der zum Teil ausschweifende Lebensstil und die über das Privilegeuropäischer Bildung möglich gewordene Rezeption liberaler und radikaler gesellschaftspolitischer Theorien ließen bei vielen russischen Adligen angesichts des weitverbreiteten Elends der bäuerlichen Bevölkerung die Vorstellung entstehen, zu den „überflüssigen Menschen“[115]zu gehören. Der Typ des reumütigen Adligen – europäisch gebildet, kritisch in politischen Fragen, skeptisch in religiösen Angelegenheiten und in Bezug auf das eigene kirchliche Bekenntnis, erfüllt vom Schuld- und Pflichtgefühl gegenüber den leibeigenen Bauern[116]– war als vor allem in den Romanen Ivan Turgenevs zu vollendeter Darstellung gelangter Topos des 19. Jahrhunderts noch zu Lebzeiten Berdjaevs im öffentlichen Bewusstsein präsent. Großen Einfluss in dieser Frage genoss auch Petr Lavrov, der Theoretiker desnarodničestvo: In seinen 1870 als Buch veröffentlichtenHistorischen Briefenleitete Lavrov die moralische Verantwortung der „civilisierten Minderheit“ aus der historischen Tatsache ab, dass deren Leben, Genuss und Muße „durch das Blut, das Elend und die Arbeit von Millionen Menschen erkauft“ seien. Der „entwickelte“ Mensch sei deshalb verpflichtet, das vergangene wie das gegenwärtige und künftige „Uebel“ zu lindern.[117]

Als Hauptursache für die Entfremdung der russischen Oberschicht vom ‚Volk‘, seinen Gewohnheiten und religiösen Überzeugungen, galt – vor allem unter slavophilen Kritikern –die seit Peter dem Großen anhaltende Europäisierung des Adels. Der ‚protoslavophile‘ Historiker Nikolaj Karamzin charakterisierte in seinerDenkschrift über das alte und neue Russland(1811) Peter I. als „unsterblichen Herrscher“, dessen Ziel „nicht nur die Neubegründung Rußlands, sondern auch die vollständige Aneignung europäischer Sitten und Gebräuche“ gewesen sei.

„Laßt uns über die persönlichen Untugenden schweigen; aber die Leidenschaft für Gebräuche, die für uns neu sind, überschritt bei ihm die Grenzen des gesunden Verstandes. [...] Indem alte Gebräuche ausgemerzt wurden, indem sie als lächerlich, dumm hingestellt wurden, indem er Ausländisches lobte und einführte, erniedrigte der Herrscher Rußlands die Russen in ihrem eigenen Herzen. Führt denn die Selbstverachtung einen Menschen und Bürger zu großen Taten?“[118]

Noch 1909 beklagte der Schriftsteller und Publizist Michail Geršenzon an den Petrinischen Reformen, dass diese der russischen Intelligencija „Ideen“ aufgezwungen hätten, für die sie „emotional“ noch nicht bereit gewesen sei: „Das Bewußtsein hat bei uns, was die Masse der Intelligencija angeht, die Werte, nach denen es lebt, nicht selber erarbeitet und sie Schritt für Schritt einer Umwertung unterzogen, wie das im Westen der Fall war. Deshalb gab es bei uns nicht einmal die Anfänge einer eigenen, nationalen Evolution des Denkens.“[119]Tatsächlich hatte die bedingungslose Unterwerfung unter den europäischen, das heißt vor allemfranzösischen Lebensstil (was gerade im 18. Jahrhundert nicht nur ein russisches Phänomen war) innerhalb des russischen Adels zum Teil groteske Züge angenommen: So lernte der slavophile Politiker, Publizist und Historiker Jurij Samarin – ein eifriger Propagandist der geistigen und politischen Überlegenheit Russlands über den ‚faulenden‘ Westen – erst im Erwachsenenalter richtig Russisch, wobei er dessen schriftliche Form zeitlebens nicht perfekt beherrschte.

Die Rezeption aufklärerischer Ideen im Zuge der Französischen Revolution hatte in adligen Kreisen zu einer schärferen Wahrnehmung der defizitären russischen Wirklichkeit geführt. Spätestens unter dem Eindruck des ‚Vaterländischen Krieges‘ gegen Napoleon und des Einmarsches des ‚Befreierzaren‘ Alexander I. in Paris 1813 wurde vielen jungen Offizieren, unter ihnen etliche der künftigen Dekabristen, die Rückständigkeit der politischen und sozialen Ordnung Russlands – im Vergleich zu den ‚befreiten‘ europäischen Nationen – bewusst. In diesem Sinne musste die 1815 erfolgte Proklamation einer Verfassung für das neue „Königtum Polen“ (die als die liberalste in Europa galt) unter russischer Oberherrschaft von politisierten Adligen als demütigend empfunden werden. So gründete der Dekabristen-Aufstand 1825 auf den enttäuschten Hoffnungen, die in dieser Hinsicht an den Reformwillen Alexanders I. geknüpft worden waren.[120]

Der große europäische Einfluss beschränkte sich allerdings nicht nur auf Sprache,Moden und politische Theorien:

„Eine Besonderheit des russischen Adels lag ohne Zweifel in seiner ethnischen Vielfalt. Nicht nur die Oberschicht der unterworfenen Nationalitäten, sondern auch die große Zahl zugereister Edelleute aus Westeuropa konnte im 18. Jahrhundert in Staat und Gesellschaft integriert werden. Rußland brauchte die höhere administrative und militärische Qualifikation, die bei den Fremden in aller Regel vorhanden war. Dabei wurden die Rechte und Privilegien der jeweiligen Oberschicht anerkannt und die nichtrussischen Eliten [auch die nichtadligen – S. P.] zu einem großen Teil in den Adel des Russischen Reiches kooptiert.“[121]

Diese Internationalität und relative soziale Flexibilität trugen sicher nicht dazu bei, die Kluft, die den Adel von den übrigen Klassen trennte, zu verringern. In ökonomischer Hinsicht blieben trotz steuerlicher Privilegien, Begünstigungen bei der Kreditaufnahme sowie Einnahmen aus Pachtverträgen vor allem im Zuge der sogenannten Befreiung der Leibeigenen im Jahre 1861 – die dem Adel im Übrigen stattliche Abfindungen einbrachte – ein ruinöser Lebensstil und der Mangel jeglichenErwerbssinns für den Großteil des ländlichen Adels bestimmend.[122]Zwar lässt sich die These vom steten Niedergang des russischen Adels nicht halten, ebenso wenig gilt jedoch die Gegenbehauptung, nach der sich die Oberschicht erfolgreich den neuen sozialen und ökonomischen Verhältnissen im Zuge der Aufhebung der Leibeigenschaft anpassen konnte.[123]

Die eben skizzierten Phänomene – die politische Ohnmacht, das Privileg europäischer Bildung, die Rezeption sozialpolitischer Ideen aus dem ‚Westen‘, das Gefühl von Verantwortung gegenüber den Bauern, dem ‚Volk‘, die prekäre Mischung aus mangelndem Erwerbssinn und ökonomisch ruinösem Lebensstil sowie der Zustand schöpferischer Langeweile, in dem philosophisch-wissenschaftlichen Studien nachgegangen wurde – waren konstituierend für die Mentalität des russischenpomeščikim Allgemeinen und das Welt- und Selbstverständnis Berdjaevs im Besonderen. Und obwohl die Unterschiede in Herkunft und sozialem Rang zwischen Spengler undBerdjaev größer nicht sein konnten, hatten beide eines gemeinsam: den Anspruch auf geistige Führung jenseits der – ohnehin verweigerten –Möglichkeit politischer Einflussnahme.

Berdjaevs Vater kann als typischer Vertreter seines Standes angesehen werden: Nachdem er ein Jahr – das zeitliche Minimum, das zur Erlangung des Offiziersgrades notwendig war – im Gardekavallerieregiment absolviert hatte, zog er sich auf das FamiliengutObuchovo zurück, das erinnerhalb weniger Jahre herunterbrachte und schließlich verkaufen musste. Allein die Einnahmen aus einem unveräußerlichen Gut in Westpolen retteten die Familie vor dem vollständigen Bankrott. Berdjaevs Mutter entstammte der Familie der Choiseuls, die 1793 aus Frankreich nach Russland emigrieren musste. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Paris; sie sprach ausschließlich Französisch und „schrieb zeitlebens kein gutes Russisch“.[124]Obwohl ihm die „aristokratische Welt“ bereits als Kind widerstrebte, musste Berdjaev den adligen Konventionen Genüge tun und der Familientradition folgend als Dreizehnjähriger dem Kiever Kadettencorps beitreten. Doch anstatt seine Ausbildung wie vorgesehen im Petersburger Pagencorps fortzusetzen, bereitete sich Berdjaev auf das Abitur vor, das er 1894 extern ablegte. Gegen den Willen seiner Eltern schrieb er sich an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Kiever Universität ein, um innerhalb eines Jahres an den juristischen Fachbereich zu wechseln.[125]

Kiev war am Ausgang des 19. Jahrhunderts das Zentrum der sozialdemokratischen Bewegung. Das marxistische Universitätsmilieu übte auf den ‚reumütigen Adligen‘[126]Berdjaev eine starke Anziehungskraft aus.Am Marxismus faszinierten ihn die Versprechen gewaltiger sozialer Umwälzungen, die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und der Verbesserung der Lage der arbeitenden Massen. Mit vierundzwanzig wurde Berdjaev deshalb Mitglied des Kiever „Kampfbundes für die Befreiung der Arbeiterklasse“. Später – nach seiner Abkehr vom Marxismus und mit seiner Hinwendung zum „neuen religiösen Bewusstsein“– wird er den Marxismus nur nochals ökonomische Theorie, wenngleich mit moralischem Anspruch,gelten lassen und behaupten, ihn niemals mit dem „Materialismus“ verbunden zu haben.[127]

Bereits mit kritischer Distanz zum Marxismus verfasste Berdjaev sein erstes Buch:Der Subjektivismus und Individualismus in der Gesellschaftsphilosophie(1901). Mit seinem AufsatzDas ethische Problem im Lichte des philosophischen Idealismus, der innerhalb des SammelbandesProbleme des Idealismus(1902) erschien, bekannte sich Berdjaev schließlich zum „Idealismus“: „Die Ethik [...] ist autonom, sie ist nicht von der Wissenschaft, von der Erkenntnis des Seins abhängig“.[128]

Allein Berdjaevs Einschätzung der sozialen Fragewird zeitlebens sozialrevolutionär konnotiert bleiben. Gegenüber Semen Frank, mit dem ihn ansonsten viele weltanschauliche Gemeinsamkeiten verbanden, verteidigte er noch 1939 die soziale Frage als „Frage elementarer Gerechtigkeit und Wahrheit“: Sie sei keine „Frage der Brüderlichkeit [...], der auf Liebe und Opfer gründenden Beziehungen unter den Menschen“. Und:

„Die Befreiung der arbeitenden Klassen aus der Unterdrückung, der Kampf für eine menschenwürdige Existenz ist genau solch ein Prozess wie die Befreiung von der Sklaverei und der Leibeigenschaft. Für die Abschaffung der Leibeigenschaft durfte man nicht auf das Anwachsen christlicher Tugenden warten, sondern notwendig war ein zwangsweise verhängter sozialer Akt, der die Struktur der Gesellschaft verändert.“[129]

Berdjaevs aristokratische, antibürgerliche Attitüde, die er sowohl im persönlichen Umgang (man denke an seine Beschreibung Spenglers) als auch in seinen Schriften pflegte, steht dabei nur im scheinbaren Widerspruch zu seinen „sozialen Passionen“ (Lowrie): Es ist dasselbe Mitleid und dieselbe väterliche Fürsorge, die der reuige Adlige seinen Leibeigenen entgegenbringt – in der Überzeugung, als Angehöriger einer ‚höheren Kultur‘ gegenüber den unterprivilegierten Bauern in der Pflicht zu sein. Laut Lowrie pflegte Berdjaev in diesem Zusammenhang Andrej Versilov, den Helden aus DostoevskijsJüngling, zu zitieren: „Über die Jahrhunderte hat sich in Russland eine beispiellose, höhere Kultur entwickelt, die man nirgends in der Welt findet ... Sie beinhaltet die Zukunft Russlands. Wahrscheinlich gibt es nur tausend von uns ... aber ganz Russland lebte bis zum jetzigen Zeitpunkt, um diese Tausend hervorzubringen.“[130]

Unter den Kiever Sozialdemokraten nahm der junge Berdjaev die Position eines „geistigen Führers“[131]ein: Nach der deutschsprachigen Veröffentlichung seines ArtikelsF. A. Lange und die kritische Philosophie in ihrem Verhältnis zum Sozialismus(Neue Zeit, 1899) wurde Karl Kautsky auf Berdjaev aufmerksam, den er für einen Hoffnungsträger in Bezug auf die weitere Entwicklung der russischen marxistischen Theorie hielt. Berdjaevs marxistische Karriere und sein Studium wurden jedochjäh unterbrochen, als er wegenregierungsfeindlicher Aktivitätenam 22. März 1900 zu drei Jahren Verbannung verurteilt wurde: Im Auftrag des „Kampfbundes“ hatte er gemeinsam mit seinem Bruder mehrere Maleillegale Literatur aus dem Ausland nach Russland geschmuggelt. „Gerade um jene Zeit setzte meine innere Wandlung ein […]. Auch die russischen Symbolisten habe ich damals gelesen. Das alles entfernte mich vom revolutionären marxistischen Milieu, mit dem ich übrigens nie verschmolzen war.“[132]

Nach dem vorzeitigen Ende der Verbannung kehrte Berdjaev 1903 nach Kiev zurück und zog schließlich Ende 1904 nach Petersburg, um eine Stelle als Redakteur der ZeitschriftNovyj put‘(Neuer Weg, seit 1905Voprosy Žizni,Lebensfragen) anzutreten. Der Redaktion gehörten der Schriftsteller und Literaturkritiker Dmitrij Merežkovskij, seine Frau, die Dichterin Zinaida Gippius und weitere Vertreter der bis zu diesem Zeitpunkt vor allem literarischen Strömung des „neuenreligiösen Bewusstseins“ an.[133]Durch den Zuzug der legalen Marxisten (Berdjaev und Sergej Bulgakov) erfuhren die journalistischen Themen eine Politisierung, die zu hitzigen Diskussionen Anlass gab.

Während seiner Petersburger Zeit durchlebte Berdjaev weiterhin jene geistige Krise, die er als seine allmähliche „Befreiung vom Marxismus“ beschrieb. Auf den Seiten desNeuen Wegespolemisierte er gegen die russischen Schülerdes „großen Deutschen“, denen er am Vorabend der Februarrevolution den Verrat an den geistigen und kulturellen Werten der russischen Gesellschaft zugunsten „politisch-utilitaristischer Werte“ vorwarf.[134]Berdjaevs Kritik an der revolutionären Intelligencija und – nach den Ereignissen von 1905 – an der Revolution überhaupt,[135]sollte neben seiner Zivilisationskritikzum Hauptthema seines publizistischen Werkes werden. Seinen ersten programmatischen Aufsatz zu diesem Thema veröffentlichte Berdjaev in dem berühmten SammelbandVechi(Wegzeichen,1909). Diese Generalabrechnung mit der russischen Intelligencija zu einem Zeitpunkt, an dem die Enttäuschung über die Zustände der postrevolutionären russischen Gesellschaft groß war,[136]kam einer Selbstanzeige ihrer Autoren gleich. Schließlich gehörten sie selbst zur geistigen ‚Oberschicht‘ Russlands: Petr Struve war der Verfasser des ersten Parteiprogramms der russischen Sozialdemokratie, Sergej Bulgakov eine Zeitlang Duma-Abgeordneter und Aleksandr Izgoev ein führender Publizist der liberalen Presse. Nicht zuletzt dieser Umstand machte dieWegzeichenin den Augen vieler russischer Intellektueller zum „reaktionärsten Buch der letzten Jahre“.[137]BerdjaevsWegzeichen-BeitragFilosofskaja istina i intelligentskaja pravda(Die Wahrheit der Philosophie und die Wahrheit der Intelligencija) zeugt noch vom Kampf seiner Ablösung vom Marxismus. Sein Vorwurf lautet, die revolutionäre Intelligencija habe den ökonomischen Materialismus im Allgemeinen und die „objektiven Bedingungen der Entwicklung Rußlands“ im Konkreten bewusst fehlinterpretiert, um im Sinne ihres „Klassensubjektivismus“, der Mystifizierung der „proletarischen Klasse“, „ein abstraktes Maximalziel für das Proletariat“ durchzusetzen, das heißt dem „sozialistischen Endziel“ unabhängig von den sozialen und ökonomischen Bedingungen in Russland näherzukommen. Berdjaev verallgemeinert diesen Vorwurf, indem er ihn auf das Verhältnis der Intelligencija zur Philosophie insgesamt projiziert. Abgesehen von ihrem „Hang zu Neuigkeiten, zu den letzten europäischen Geistesströmungen [...], ohne daß diese wirklich angeeignet worden wären“, habe die Intelligencija eine Obsession entwickelt, „philosophische Lehren und Wahrheiten“ allein am „Maßstab politischer Zweckmäßigkeit zu messen“, ob diese also mit der „Idee des Sozialismus“vereinbar seien oder nicht.

„In diesem merkwürdigen Umgang mit der Philosophie drückte sich natürlich unsere ganze kulturelle Rückständigkeit, eine primitive Undifferenziertheit, ein schwaches Bewußtsein vom absoluten Wert der Wahrheit und unser fehlerhaftes moralisches Urteil aus. Die ganze russische Geschichte zeigt die schwache Ausbildung selbständiger abstrakter Interessen. [...]Die Liebe zur gleichmachenden Gerechtigkeit, zum Wohl der Gesellschaft und zum Wohl des Volkes hat die Liebe zur Wahrheit paralysiert[...] Die moralische Prämisse der Intelligencija faßt sich in die Formel zusammen: Mag die Wahrheit ruhig untergehen, wenn nur davon das Volk glücklich und das Leben besser wird; nieder mit der Wahrheit, wenn sie dem geheiligten Ruf ‚Nieder mit der Selbstherrschaft‘ im Wege steht.“[138]

Noch während seiner Arbeiten zur Kritik an der psychologischen und moralischen Disposition der russischen Intelligencija begann sich Berdjaev mit einem weiteren Lebensthemazu beschäftigen – mit dem Denken der russischen Gegenaufklärung, den Propagandisten der sogenannten Russischen Idee: 1905 erschien sein großer Artikel über den ‚russischen Nietzsche‘ Konstantin Leont‘ev, dessen Werk vom Hass auf alles Bürgerlich-Mediokre und vom ästhetizistischen Kult des Willens zu Macht und Gewalt gezeichnet war.[139]Wie Leont‘ev und zusätzlich inspiriert durch den Nihilismus Friedrich Nietzsches brachte auch Berdjaev in immerwieder neuen Varianten seinen Hass auf den Westenzum Ausdruck – den „heilige[n] Hass gegen die erniedrigende Lüge des Humanismus“, auf die „bourgeoise“ Zivilisation des Westens, des „industrial-kapitalistische[n] System[s]“, auf die „mechanische Gleichheit“ des demokratischen Regierungssystems.[140]Kehrseite seiner Verachtung für ein Zeitalter, in dem „die Massen die Geschichte [...] in ihre Gewalt bringen“ und dem „Prinzip der Quantität“ zum Sieg verhelfen, istBerdjaevs Hypostasierung des russischen Volkes zu einem mit metaphysischen Attributen ausgestatteten ‚Körper‘. Diese durchzieht sein gesamtes publizistisches Werk und diente ihm als Chiffre, mit der er sämtliche Äußerungen der russischen Geschichte, ihre Höhepunkte und Katastrophen zu erklären suchte.[141]

1912 erschien Berdjaevs Monographie über den Urvater des Slavophilentums: Aleksej Chomjakov, dessen Idee dersobornostʼer teilte. Diese in Berdjaevs Augen „rein russisch[e]“ Idee meint ins Politische übersetzt die Einheit und harmonisch-gemeinschaftliche Existenz von Staat, Volk und Kirche jenseits „äußere[r] Garantien“.[142]Bereits in der Emigration folgteMirosozercanijeDostoevskogo(Die Weltanschauung Dostoevskijs,1923), die laut Berdjaev das Rüstzeug für die Überwindung jener „Krise“ bereithielt, in der sich die europäischen Gesellschaften nach dem Krieg befanden. Vor allem Berdjaevs Vorstellung vom russischen Volk und von dessen messianisch-eschatologischen Eigenschaften, dessen Vermittlerrolle zwischen West und Ost und dessen religiöser Bestimmung war klar an Dostoevskij orientiert: Dieser hatte allein das russische Volk für fähig gehalten, die „europäischen Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen“.[143]

Berdjaevs Einzeldarstellungen über Leontʼev, Chomjakov und Dostoevskij mündetenin seine GesamtschauRusskaja ideja(Die russische Idee), die zwei Jahre vor seinem Tod erschien und zu einer letzten Apologie des zivilisationskritischen, antiwestlichen Denkens in Russland werden sollte.

Die Februarrevolution von 1917 empfand Berdjaevnicht ohne Wehmut als „Sturz des heiligen russischen Reiches“[144], „der dem Fall Roms und Byzanz gleichkommt.“[145]Seine anfangs positive Bewertung der „kürzesten, unblutigsten und reibungslosesten Revolution“ wich – angesichts der gewalttätigen Vorboten des Oktoberumsturzes – einer allmählichen Skepsis. Zwar hielt er die darauffolgende bolschewistische Revolution für „unvermeidlich und gerechtfertigt“, doch habe sie die „Freiheit“ vernichtet und den „extremen und der Kultur und dem ‚Geiste‘ feindlichen Elemente[n]“ zum Durchbruch verholfen.[146]In programmatischer Opposition zur herrschen