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Wie in einem Dorf im Schwarzwald die Bundesrepublik entstand Das Schwarzwalddorf Saig über Titisee wird in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Rückzugsort für Intellektuelle, Künstlerinnen, Industrielle, Verfolgte und Widerständler: Martin Heidegger, Edmund Husserl, Otto Dix, Marie Luise Kaschnitz, Hanns Martin Schleyer, Generaldirektoren deutscher Konzerne, Stars der Babelsberger Studios, Stauffenberg-Vertraute und Bildhauer aus dem Umfeld Hitlers – sie alle verbringen Zeit an diesem abgeschiedenen Ort im Hochschwarzwald. Was wie ein historischer Zufall wirkt, entpuppt sich als Schlüsselkonstellation für die deutsche Nachkriegsordnung. Inmitten traumhafter Natur kreuzen sich hier Wege und Weltanschauungen – und wichtige Entscheidungen, die die junge Bundesrepublik prägen werden, fallen genau hier. Saig wird dabei zum Symbol des Widerstands, der Hoffnung und der intellektuellen Erneuerung. Von den kulturellen Experimenten der Weimarer Republik über die Schrecken des Nationalsozialismus bis hin zur demokratischen Neuordnung nach 1945 – Gunilla Eschenbach und Rainer Bayreuther zeichnen anhand von exklusivem Archivmaterial mit großer erzählerischer Wucht ein epochales Porträt deutscher Geschichte.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Buch
Saig über Titisee – ein Dorf, das Geschichte schreibt
Zwischen 1927 und 1947 kreuzen sich im Hochschwarzwald Zuversicht und Angst, Liebe und Leid. Visionäre und Exilanten werden das Schicksal einer ganzen Nation prägen: Ob Martin Heidegger, Edmund Husserl, Otto Dix, Marie Luise Kaschnitz oder Hanns Martin Schleyer, Generaldirektoren deutscher Konzerne, Stars der Babelsberger Studios und Vertraute des Stauffenberg-Kreises – sie alle verbringen ihre Sommerfrische in Saig.
Mitreißend erzählen Rainer Bayreuther und Gunilla Eschenbach deutsche Zeitgeschichte als filmreifes Panorama, das ein Schlaglicht auf unsere eigene, unsichere Gegenwart wirft.
Die Autorin und der Autor
Gunilla Eschenbach ist Wissenschaftlerin am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, lehrt an der Universität Stuttgart und publiziert zur deutschsprachigen Literatur von Stefan George bis zu Rio Reiser. Sie ist Autorin mehrerer Bücher.
Rainer Bayreuther ist Musikwissenschaftler, Philosoph und Theologe mit Lehrtätigkeit in Freiburg, Frankfurt/Main und Bayreuth. Er schrieb mehrere Bücher und lebt in Marbach.
www.gutkind-verlag.de
ISBN 978-3-98941-113-5
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RAINER BAYREUTHERGUNILLA ESCHENBACH
DAS DORF DER VISIONÄRE
Aufbruch in die Bundesrepublik 1927–1947
Über das Buch / Über die Autoren
Impressum
Titel
Karte
Sommerfrische
Der junge Dichter Uli Klimsch und sein Vater Fritz, der berühmte Bildhauer
Wie Otto Dix in Saig sein Mappenwerk Der Krieg vollendet
Wie Martin Heidegger und seine Studentinnen in Saig philosophieren
Wie der Historiker Gerhard Ritter in Saig einen Horst zum Schreiben baut
Wie der Journalist Benno Reifenberg und die Frankfurter Zeitung in den Schwarzwald emigrieren
Das Dorf der Visionäre
Die Mühen der Ebene
Haus Mildenberger
Judenhäusle
Görgervilla
Haus Steiert
Haus Schalfejew
Ritterhorst
Hirnforschungsinstitut
Hierahof
Pension Alpenblick
Dank
Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Endnoten
Cover
Inhalt
Textbeginn
HIERAHOF SOMMER 1919
An einem Sommertag des Jahres 1919 fährt ein junger Mann mit der Eisenbahn den Schwarzwald hinauf. Die Dampflok windet sich durchs steile Höllental. Zusammen mit Sommerfrischlern steigt er an der kleinen Station Titisee aus. Aus dem Hochtal weht ein kühler Wind. Er schlendert an der Seepromenade und einigen Gasthöfen entlang. Auf dem kalten See ziehen Ruderboote ihre Bahn. Er überquert den Bach, der aus dem See herausfließt, und kommt an einem imposanten Bauernhof vorbei. Dort muss er einige Male auf und ab laufen, bis er sich auf dem richtigen Weg den steilen Hochwald hinauf wähnt. Es gebe Fußpfade, er solle aber nach einem breiteren Weg Ausschau halten, der auch von den Ochsenkarren befahren werde, haben ihn seine Eltern instruiert. Tief unter ihm glänzt durch die Fichten der dunkle See.
Oben am Sattel, auf über tausend Metern, tritt er mit wenigen Schritten ins gleißende Sonnenlicht. Vor ihm öffnet sich ein hellgrünes Amphitheater aus Almen, Gehöften und einem Kirchlein. Sicherlich zwei Kilometer Durchmesser spannt es auf. Nach unten mündet es in einen dunklen Taltrichter. Über den auslaufenden Schwarzwaldhügeln verliert sich der Blick im Dunst des Südens.
Einige Jahre später wird der junge Schriftsteller den Moment des Übertritts in einer Novelle beschreiben: »Plötzlich breitete sich eine Lichtung vor ihm aus, ein schon abendlich matter und doch so bezaubernder Fernblick weit über Land und Land.«1
Das muss es sein, Saig. Als dieser hehre Himmelssaal wurde ihm der Ort beschrieben. Von den Sonnenfluten schwärmten die Eltern und mehr noch der Bruder, der hier oben letzte unbeschwerte Tage seines kurzen Lebens hatte.
Der Fahrweg führt jetzt ohne Kurven an Wiesen, Kühen und wenigen Häusern abwärts bis zu einem Brunnen, um den sich links eine Dorfkirche und rechts der Gasthof Ochsen gruppieren, der nach hinten eine Viehwirtschaft zu sein scheint. Der junge Mann wandert weiter abwärts durch eine sumpfige Senke und dann auf gleichbleibender Höhe. Linker Hand ziehen weite Almflächen den Berg hinauf. Überall grasen Kühe, eine nicht sehr große, braune Rasse. An den feuchten Stellen steht ein röhrenförmiges Gras, das von den Kühen gemieden wird. Rechter Hand, abwärts, noch etwas Weidefläche und dann Getreidefelder mit Hafer und Roggen, ehe das Gelände in ein enges Waldtal abfällt.
Der Weg ist plötzlich von hohen Eschen gesäumt. Silberpappeln und Espen zittern im kühlen Wind. Es wird einsam. Eine halbe Stunde vom Dorf entfernt tauchen zwei stattliche Schwarzwaldhöfe mit tief herabgezogenen Walmdächern auf. Der ältere ist vom Wetter beinahe schwarz gegerbt, der jüngere und größere hat auf dem First einen kleinen Glockenturm. Hangabwärts dreht sich an einer kleinen Hütte ein Mühlrad. Es herrscht Betrieb auf dem Hof, die Getreideernte ist im Gang. Den Blick des Mannes aber fängt die riesige Esche inmitten der Häuser. Dieser Baum muss es sein, von dem der Bruder regelrecht geschwärmt habe. »Es stünde da eine Esche, ein Riesenbaum, drei- bis vierhundert Jahre alt; auf den wäre er hinaufgeklettert, und sie hätten überhaupt allen möglichen Unfug angestellt, so übermütig wären sie gewesen.«2
Der Mann läutet an einer Glocke und versichert sich bei einem herbeieilenden Knecht, ob er am Hierahof sei, sein Besuch sei dem Hierahofbauern Franz Sales Brugger postalisch angekündigt worden. Der Knecht verschwindet im Stall. Nach einigen Momenten tritt ihm ein drahtiger, groß gewachsener Mann von vielleicht dreißig Jahren entgegen. Sein Name sei Uli Klimsch, stellt sich der junge Mann vor, Sohn des Bildhauers Fritz Klimsch aus Berlin und jüngerer Bruder von Reinold Klimsch. Die beiden hätten auf dem Hierahof während der Kriegsjahre die Sommerwochen verbracht. Sein Bruder, er sei leider im Krieg verstorben, habe dringend appelliert, für die Familie die leer stehende Wohnung im alten Hof zu mieten. Das sei der letzte Wunsch gewesen, den der Bruder noch habe äußern können.
Die beiden Männer werden sich handelseinig. Im Auftrag der Familie unterzeichnet Uli Klimsch einen Mietvertrag.
Der Hierabauer fragt den jungen Mann, ob er gleich ein paar Tage bleiben wolle. Die Mägde könnten die Wohnung rasch bezugsfertig machen, sie werde ohnehin für Sommerfrischler bereitgehalten. Uli Klimsch verneint dankend, er müsse zurück nach Freiburg. Der Rückweg führt wieder zu dem »Plateau, auf dem in weiten Abständen eine Kirche, eine uralte Linde und ein Gasthaus standen. Heiter strahlte es hier, und noch viel weiter blickte man ins Land, als drunten im Hof. Ferne Dörfer, geschmiegt an blauleuchtende Waldberge, flimmerten unter den Mittagswolken.«3 Bald hat er den höchsten Punkt erreicht. Schimmern aus der Ferne nicht Schneeberge herüber? Schneeberge ohne Zahl, so weit das Auge reicht? Oder sind es nur Wolken? Rasch wendet er sich ab und läuft die schattige Seesteige hinunter, am Titisee vorbei, um mit dem Zug wieder hinunterzufahren ins quirlige Freiburger Studentenleben.
FREIBURG / BERLIN 1919
Uli Klimsch war noch keine neunzehn, als der Krieg begann. Wie immer war die Familie im Sommer 1914 auf Sommerfrische in den Dolomiten. Vom Augustfieber bekam sie auf den unschuldigen Almen Südtirols nichts mit. Mit einem Mal Mobilmachung und überstürzter Aufbruch. Uli Klimsch meldete sich ohne Zögern freiwillig. Sogar sein zwei Jahre jüngerer Bruder Reinold zog mit. Die ersten Briefe, die der frischgebackene Abiturient aus Polen schrieb, sprühten noch von jugendlicher Lust am Abenteuer. Doch als in den Karpaten rings um ihn die Kameraden fielen, setzte die Notreife zum Erwachsenen ein – und zum Dichter. Die Briefe wurden härter, bitterer. Sie griffen zur Lyrik, die Prosa versagte. »Und du blickst nur / Von Vögeln umsungen / Dem Schrecklichen nach, / Denn weit fort hat / Den Schmerz und / Häßliche Bilder / Der klingende Strom / Schon getragen«, dichtete er den Eltern, bei schönstem Frühlingswetter an einem Fluss in Stellung liegend.4
Im Juni 1915 setzten die Briefe plötzlich aus. Vater Fritz Klimsch war gerade auf Besuch bei Reinold, der in Jena eine Schussverletzung auskurierte, als ein Kamerad von der Ostfront vermeldete, Uli sei gefallen. Eine Postkarte wenige Tage später stellte klar, er sei am Leben, aber am 8. Juni in der Nähe von Lemberg in russische Gefangenschaft geraten und irgendwohin nach Sibirien verbracht. Als weitere Lebenszeichen ausblieben, hielt die Familie ihren Ältesten für verloren.
Fritz Klimsch, der berühmte Bildhauer, übergab Ulis Briefe dem Berliner Verleger Paul Cassirer, der mit diesen Feldpostbriefen eines Fahnenjunkers einen Kassenschlager landete. »Vielleicht eines der besten und lebendigsten Kriegsbüchlein«, jubelte die Presse.5 Hausfreund Gerhart Hauptmann war begeistert, Hugo von Hofmannsthal bekundete der Familie per Post den Eindruck, den die Briefe auf ihn machten.6 Doch Uli Klimsch war ein Untoter. In der Maskerade eines taubstummen russischen Infanteristen gelang ihm im Februar 1918 eine abenteuerliche Flucht, teilweise im Gepäcknetz der sibirischen Eisenbahn. Hinter der Front bei Minsk7 stieß er wieder zu den deutschen Truppen.
Als er im Sommer 1918 zur Verblüffung aller in Berlin auftauchte, war die Freude gedämpft. Reinold war am 18. Mai in Frankreich ums Leben gekommen. Der Fallschirm hatte sich nicht geöffnet. Die Brüder hatten sich nach den gemeinsamen Kriegswochen in den Karpaten nicht mehr wiedergesehen. Uli Klimsch wurde noch in die aussichtslosen Schlachten gegen die Franzosen geworfen. Im Oktober kehrte er nach Berlin zurück, körperlich unversehrt. Der Krieg war zu Ende.
Über den Winter dichtete er das Drama Der tolle Bischof, das im Dreißigjährigen Krieg spielt. Sicher würde es rasch eine Bühne finden. Er kann Kriegserfahrung in Worte fassen wie wenige andere.
Zum Sommersemester 1919 schreibt sich Uli Klimsch in Freiburg in Philosophie ein.8 Alle pilgern sie jetzt in die Vorlesung des jungen Privatdozenten Heidegger. Der setzt bei der zerborstenen Weltsicht der Kriegsjugend an. Das Sterben sei der Horizont, vor dem sich abzeichnet, was ist. Klimsch wäre der perfekte Kandidat für Heidegger. Klimsch aber meidet Heidegger. Stattdessen hört er bei Georg Mehlis, einem trockenen neukantianischen Kulturphilosophen. Sogar zum erzkatholischen Joseph Geyser setzt er sich hinein. Lieber hört er die Philosophie einer heilen Welt. Ohne erkennbaren Plan belegt er auch Geschichte, Anglistik, Neuere deutsche Literatur und Politik. Bei den Politikwissenschaftlern begegnet er vielleicht einem gewissen Alfred Schwalbach und seiner Schwester Gabriella.
Auch mit dem jungen Bernard von Brentano freundet er sich an. Bernard ist ein Sohn des hessischen Ministers Otto von Brentano. Auch er übrigens geht nicht zu Heidegger, stattdessen zu Husserl. Heidegger ist der Philosoph der im Krieg geistig arm Gewordenen. Dazu gehören ein Klimsch und ein Brentano doch nicht.9 Die großen Ordinarien verkörpern noch die gute alte Welt. »Später«, erinnert sich Brentano, kamen zum Freundeskreis »noch der Graf Bernhard Solms-Laubach und mein Vetter Oskar von Arnim dazu, ein Nachkomme der Bettina. Uli Klimsch, Bernhard Solms und ich schrieben Gedichte, und Oskar von Arnim war gelegentlich unser Zuhörer. Im zweiten Semester ging ich nach München, im dritten nach Frankfurt, im vierten noch einmal nach Freiburg, aber dann gelang es mir, endlich nach Berlin zu kommen.«10
Endlich nach Berlin, das denkt auch Uli Klimsch, als er gleich das zweite Semester auslässt und zu Hause bei den Eltern den Tollen Bischof fertig schreibt. Was ist die Studentenbude in Freiburg gegen die großzügige Wohnung in Charlottenburg. Was ist die strenge Einfachheit des Hierahofs gegen den Luxus des Hauspersonals. Was ist die weite Leere Saigs gegen die Anregungen der Berliner Bohème, die allabends zu rauschenden Festen hereinströmt. Im Krieg hat Uli Klimsch wahrlich genug entbehrt und heldenhaft durchgehalten. Jetzt darf man es sich wieder gut gehen lassen.
Und Uli Klimsch kann beim Vater lernen. Der Vater strotzt vor Schaffenskraft. Er hat die fünfzig überschritten und lässt nicht nach. Im Krieg hatte Fritz Klimsch Hindenburg und Ludendorff modelliert. Die honorierten großzügig, und Klimsch retuschierte aus ihren Gesichtern die Kriegsspuren weg. Vor großem Publikum hat Klimsch vorgetragen, dass die Künstler wie bisher die großen öffentlichen Aufträge erwarteten.11 Die Regierungsvertreter haben das auch zugesagt.
Für Uli Klimsch sind Paps’ rauschende Partys halb die Normalität, die man sich selbstverständlich leistet. Halb peinigen sie ihn, weil sie sich vielleicht doch nicht ewig durchhalten lassen. Der Vater ist nicht angekränkelt von den neuen Realitäten auf der Straße. Der Sohn aber ist dünnhäutig geworden. Das Treiben in der riesigen Wohnung in Charlottenburg, Bismarckstraße 12, kommt ihm plötzlich dekadent vor. Das Landleben auf dem Hierahof befremdet ihn allerdings ebenso. Sich dorthin zu verkriechen ist keine Option. »In der zwölf Meter langen Diele, deren Holztäfelung von kannelierten und weiß gestrichenen Flachsäulen unterbrochen war, hörte ich einmal Holzbläser ein Quartett von Haydn spielen; es klang unwirklich schön eben durch die Täfelung, die Akustik war nur mit derjenigen der Singakademie zu vergleichen. Das mit grünem Damast tapezierte Eßzimmer war ebenso lang, von dem Meergrün hob sich ein antiker, auf einer Mahagonisäule stehender Aphroditen-Torso aus karischem, gelblichem, fast durchscheinendem Marmor herrlich ab. (…) Fritz Klimsch war ein außerordentlich harter Arbeiter, er liebte es, jeden Abend Gäste bei sich zu sehen, eine bunte, lebendige Schar füllte die Räume. Im Keller standen immer einige Fässer Weißwein aus dem Badischen. Man saß in der Diele vor dem Kamin auf bequemen Ledersofas und Sesseln, oft lagen Uli und ich auf dem Teppich davor, andere hockten in der ›Badewanne‹, dem von einem türkischen Longschal bedeckten Sofa im Musikzimmer, in dem außer dem Flügel sich nur noch ein Tisch befand und auf ihm ein liegender Mädchenakt von Klimsch, dem jeder über die Hüfte streichen mußte, der vorbei ging, damit die Bronze glatt, glänzend und dunkel wurde. Und jeder tat es gerne.«12 So beschreibt es Oda Schaefer, die selber in einer muffigen WG lebt. Max Liebermann ist einer jener Gäste, der oft in den klimschschen Sesseln sitzt und das bronzene Mädchen streichelt.
Uli Klimsch lässt vom Tollen Bischof beim Berliner Verlag Rohde einen Privatdruck herstellen. Die Hauptmanns bekommen ein Exemplar, mit Widmung an Frau Margarete.13 Eines geht an den Insel-Verlag. Erst einmal kommt er nicht zum Zug, aber das macht nichts, die Elite wird ihm Anerkennung nicht versagen. Klimsch träumt von einer glanzvollen Aufführung am Deutschen Theater, wie er Otto von Taube wissen lässt, dem er auch eines schickt. Zudem hat Tante Susi Olshausen, die in Weimar wohnt, gute Kontakte zum dortigen Deutschen Nationaltheater. Früher oder später wird er reüssieren. Kriegstraumata hin oder her, darüber muss man jetzt entschlossen hinwegkommen und sich wie Paps auf das Klassische besinnen: die Gedichte so tief wie Goethe, die Dramen so streng wie Schiller.
HIERAHOF SOMMER 1919
Auf dem Hierahof fällt im Sommer 1919 eine bunte Bohème ein. Aus Freiburg kommen Uli Klimschs Kommilitonen herauf. Aus Berlin reisen Paps und Mutter Irma an. Für die Spaßgesellschaft ist die Hiera ein großer Spielplatz. Fotos zeigen eine Schar junger Menschen, die leicht bekleidet auf die Hofesche steigen, im Badeanzug am Weiher planschen und auf der Wiese lagern. Arbeit mitgebracht hat niemand. Der Schwarzwald bietet dieser städtischen Gesellschaft keine Inspiration, dafür ist er zu dunkel, zu verworren, zu mystisch, zu kalt.
Die Bauersfrauen in hochgeschlossener Tracht schauen dem Treiben indigniert zu. Die »Überbetonung der Körperkultur, der oftmals übertriebene Sport, der aus der Stadt aufs Land drang, und das Wochenende mit seinen schlimmen Auswüchsen und Schädigungen für den Dorfsonntag« wecken Hass und Verachtung der Bauern. So konstatiert es einige Jahre später der Saiger Pfarrer Carl Maier.14
Mit bei der Spaßgesellschaft ist eine schwarzhaarige Schönheit. Alle nennen sie kokett das Schwälbchen, später übrigens Schwalbe. In einem Brief an die Insel-Verlegerin Katharina Kippenberg beschreibt Uli Klimsch sie als dunkelhaarig, das Erbe ihrer rumänischen Mutter, groß und schlank. Ein erdbeerrotes und ein festlich-mattrotes Kleid habe sie getragen.15 Heitere Fotos im Familienalbum zeigen Uli Klimsch und Gabriella Schwalbach im Badeanzug auf der Picknickdecke lagernd, mit einem Floß auf dem Weiher stochernd, in großer Runde mit Rotwein im Schatten der Eschen tafelnd, in der Gabelung der Hofesche sitzend, die sie mit einer Leiter erreicht haben. Hier Uli Klimsch mit seinem gedrungenen, schon gealterten Gesicht, schütteres Haupthaar, kniehohe Stiefel, zugeknöpfte Jacke. Daneben das hoch aufgeschossene Schwälbchen mit seinen neunzehn Jahren, eine Handbreit größer noch als Uli, mit dunkler Mähne, die sie mal offen, mal kunstvoll hochgesteckt trägt. Aus dem Dekolleté des Badeanzugs wölbt sich der üppige Busen, die Träger sind von den Schultern gerutscht. Auf einem anderen Bild posiert das Schwälbchen im Erdbeerkleid, reckt die schlanken Arme nach vorn und stellt ihre Füße in Schnürsandalen auf. Den Mund öffnet sie kühl lächelnd, den Kopf legt sie neckisch zur Seite, die dunklen Augen bleiben undurchdringlich. Daneben Uli Klimsch, der befangen beiseiteblickt und die erotische Szene wie von außen betrachtet.
Aus welchen Urgründen ist diese dämonische Schönheit aufgeflattert? Wer hat sie eingefangen? Wer ist die sagenhafte Schwalbe, die 1919 unvermittelt auf dem Hierahof auftaucht, die Jahrzehnte später durch unglaubliche Umstände wieder mit Saig in Berührung kommen wird, deren Brüste schließlich in Saig von jedermann bestaunt und deren Hüfte bestreichelt werden kann, an der von Fritz Klimsch modellierten bronzenen Frau In Wind und Sonne?16
Eine Meinung lautet, Uli Klimsch habe Gabriella Schwalbach beim Studium kennengelernt. Sie selber studiert allerdings nicht, Uli Klimsch könnte über ihren Bruder mit der Familie bekannt geworden sein. Er habe sich Hals über Kopf in sie verliebt und sie etwas vorschnell geheiratet. So klingt es in Oda Schaefers Erinnerungen.17 Andere sagen, nicht der Sohn, sondern der Vater habe sie in Freiburg als Modell entdeckt und nach Berlin mitgenommen, erst dort sei sie dann auch dem Sohn begegnet. Pathologischerweise stimmt beides. Die Eltern jedenfalls sind mit der Familie Schwalbach seit Längerem bekannt.
»Ich genieße eben am Kaminfeuer das Schwälbchen als Diener, im kurz geschürzten Rock, mit nackten langen Sprungbeinen. Sie tollt herum und windet sich wie ein Aal und ich träume, ich wäre im alten Griechenland unter den seligen Olympiern. So ersetze ich mir durch Feuer und ein glückliches Naturkind den Süden«.18 Das Schwälbchen habe »den vollendetsten Körper, den man sich vorstellen konnte«, sagt Oda Schaefer, die sie in Berlin selber in Augenschein nehmen kann.19 Hat der Vater sie dem Sohn abgejagt? Oder ist sie von Fritz Klimsch erobert und dem Sohn nur kommissarisch übergeben worden? Die Schwalbe selber schweigt sich über den Anfang der Beziehung aus und wird später die Geschichte so verbreiten, sie sei kurz die Ehefrau von Uli Klimsch gewesen und sieben Jahre lang Fritz Klimschs Modell.
Uli Klimsch und Gabriella Schwalbach heiraten am 14. Mai 1921, Pfingstsamstag. Kommilitone Brentano erhält eine Einladung zur Hochzeit in Freiburg. Uli Klimsch hatte ihn schon im Februar gefragt, ein paar Wochen auf dem Hierahof zu verbringen und gemeinsam zu schreiben. Brentano schrieb das sogleich der umworbenen Marie-Luise von Holzing, später verheiratete von Kaschnitz, wohl in der Hoffnung, sie käme aus dem nahen Bollschweil im Hexental für zwei- und dreisame Tage mit herauf.20
Das junge Paar zieht in die elterliche Wohnung in Charlottenburg. Das Studieren hat Uli Klimsch aufgegeben. Manchmal schießt Irma Klimsch der schmerzende Gedanke an den verwaisten Hierahof durch den Kopf. Sie greift dann zur Feder und ermahnt Uli, den Schwarzwald nicht zu vergessen, sich auf seine heilende Wirkung inmitten der Wirren zu besinnen. Uli möge doch ab und zu von Freiburg aus hinauffahren und die Wohnung mit dem grünen Kachelofen warm halten. Überhaupt, die Mutter muss die ausfransenden Fäden der Familie zusammenhalten, eine harte Aufgabe bis zur Selbstaufgabe.
Bald machen sich die Wesensunterschiede der Ehepartner bemerkbar. Uli Klimsch schlägt der Mutter nach, weiches Gesicht, wenige dunkle Haare, zurückhaltend, sensibel, kindlich, in allem das Gegenteil des virilen und dominanten Vaters. »Rein« sei er.21 Er ist anhänglich, er heischt Mitleid, er glaubt an die alles überwindende Liebe. Er spielt hervorragend Klavier, er bewegt sich gewandt in Gesellschaft. Tief im Innern aber ist er ein scheues Wesen. Für die Schwalbe ist Uli Klimsch »ein schwacher Mann«.22 Sie wiederum kommt ihm vor wie ein genusssüchtiges Ding, das »gleichzeitig einen Roman lesen, Nüsse knacken und Beethoven hören« kann.23
Im Jahr der Hochzeit fertigt Fritz Klimsch eine Porträtbüste von seiner Schwiegertochter an. Auch für Klimschs Frauenakte steht die Schwalbe Modell. »Unzählige Male wurde ihr graziler Körper mit den langen Beinen und der steilen, üppigen Brust geformt, in Bronze und Gips, in Porzellan für die Manufakturen und in Marmor: eine der besten Plastiken von Klimsch, eine stehende Figur, die Uli und ich auf der Biennale 1926 bewunderten.«
Was zwangsläufig an destruktiven Emotionen aus dieser Konstellation entsteht, wird abgespalten und dringt an anderer Stelle hervor. Uli Klimschs Nächte sind ohne Schlaf. Er trinkt zu viel. Im Herbst 1921 lebt das Ehepaar wieder getrennt. Am 3. Juli 1922 wird vor der 5. Zivilkammer des Landgerichts III in Berlin die Ehe geschieden.24
Nach der Trennung bezieht die Schwalbe eine Wohnung in Charlottenburg, Schillerstraße 10. Fritz Klimschs riesiges Atelier liegt in der Schillerstraße 23. Klimsch hatte es schon als Vierundzwanzigjähriger angemietet, als er 1894 den Großen Staatspreis erhalten hatte. Er stammt aus einer reichen Frankfurter Familie von Künstlern und Unternehmern. Vater Eugen Klimsch verdiente sein Geld als Illustrator von Kinderbüchern, Banknoten, Speisesälen auf Luxusdampfern und der Decke des Großen Saals im Palmengarten. Im Hause Klimsch gingen ein und aus Clara Schumann, Richard Voß, Moritz von Schwind und Heinrich Hoffmann, der seinen Struwwelpeter allerdings selbst illustrierte.25
Das Atelier liegt ideal für die Beziehungspflege mit der Schwalbe. Die Affäre geht bald durch die Klatschpresse. Bis zum Krieg modellierte Fritz Klimsch meistens Köpfe oder Männer in Arbeiterpose, die wohldotierten Aufträge aus Politik und Industrie. Nun dominieren die Frauenakte. Bei einem gewissen Pontos-Verlag in Freiburg, er wurde gerade gegründet und ist noch völlig unbekannt, gibt der befreundete Wilhelm von Bode 1924 einen Bildband mit den bis dato entstandenen Werken Fritz Klimschs heraus.26
HIERAHOF / BERLIN SOMMER 1922
Der Salon des Joachim von Winterfeldt, Herr auf Menkin in der Uckermark, ist ein kulturelles Fadenkreuz in Berlin. Der Adlige war im Kaiserreich Landesdirektor der Provinz Brandenburg, jetzt ist er Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. In sein Palais in der Matthäikirchstraße lädt er jeden Donnerstag Künstler, Schriftsteller und Musiker. Fritz Klimsch und Wilhelm von Bode sind regelmäßige Teilnehmer, Rainer Maria Rilke gern gesehener Gast. Sogar der junge Bernard von Brentano hat Zugang.27
Zu den Donnerstagabenden ist auch Uli Klimsch geladen. Die Mischung aus väterlicher Veranlagung und Notreife im Krieg lässt im Salon die Hoffnung auf einen großen Dichter sprießen. Besonders Otto von Taube und Albrecht Schaeffer, arrivierte Autoren im Insel-Verlag, nehmen ihn unter die Fittiche.
Taube bringt ein Gedicht von Klimsch im Insel-Almanach auf das Jahr 1919 unter. Im November 1919, er hat den Privatdruck von Klimschs Der tolle Bischof vor sich liegen, fragt er Katharina Kippenberg, die Frau des Insel-Verlegers: »Ob Ihr Herr Gemahl Uli Klimsch erreicht hat? Wir beide, meine Frau und ich, sind von ihm ganz bezaubert. (…) Wir haben einen Dramatiker! Anfangs dachte ich, – Klimsch spricht gern von Schiller, – an etwas in der Art der Räuber, so sah ich zunächst Tosen, Gähren und Wucht; bald aber änderte sichs. Und ich fand hierzugesellt eine Reife, die bald das Ganze beleuchtete und hob und zu jenem ergreifenden hohen System führt, den das Werk hat.«
Als Anton Kippenberg ablehnend antwortet, setzt Taube bei der Verlegerin nach. »Natürlich ist sein Drama noch in grünem Kraut. Aber: ex ungue leonem! Und ich habe lange keinen solchen Leo gesehen.«28 Nun ist ein Band mit dreißig Gedichten im Gespräch. Frau Kippenberg versteht eben das Wortspiel. Für die Insel hat sie gerade Taubes neuen Roman über die Soldaten- und Künstlerdynastie Löwenpranke unter Vertrag genommen.29 Von solchem Schlag ist auch der junge Klimsch. »Dass Sie sich so bald der Löwenprankes annehmen wollen, ist mir eine grosse Freude und ich jubele darüber.«30 Wenn sich Katharina Kippenberg mit seinem Roman bald näher befasst haben wird, wenn sie den Mord des Soldaten und Dichters Cari von Löwenpranke an seinem Schwager, um die Ehre seiner Schwester Marie-Luise wieder herzustellen, tiefer durchdenkt und wenn ihr demnächst Uli Klimsch aus seiner Familiengeschichte erzählt, wird sie auch die Unterströme seines Buchs verstehen. Uli Klimsch wäre der reale Held zum Romanhelden. Daraus ließe sich verlegerisch doch was machen.
Doch die Hoffnung auf einen Gedichtband in der Insel-Bücherei zerschlägt sich. Die Bemühungen Taubes zeitigen das magere Ergebnis eines einzigen Gedichtabdrucks.
Irma Klimsch schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Fritz war erfolglos in Leverkusen und Frankfurt, jetzt ist er in München. »Im Grunde finde ich es ja nicht recht, daß er allein mit ihr in München herumgondelt, in diesem Klatschnest, ich riet ihm auch ins Gebirge zu gehn, was er hoffentlich tat. Wenn er wirklich frisch zurückkommt, soll es mir recht sein. Aber ich muß auch erst wieder frisch werden, bin total zusammengeklappt. Später werde ich Dir einmal sagen, was mich am meisten herunterbrachte. Jetzt ist es gleich, ich will nichts mehr hören.«
Der feinfühlige Uli in Freiburg weiß nur zu gut, was die Mutter herunterbringt. Sie verschweigt nur taktvoll den Namen. Der Paps steigt mit der eigenen Schwiegertochter in den Hotels ab. Dem Sohn jammert sie brieflich vor, »was für ein Häufchen Elend ich geworden bin. (…) Wenn es mir nicht sehr bald besser wird, reiße ich aus nach dem Hirahof. (…) Sag mir doch, was Du tust, ob Du schon angefangen hast als Redakteur?«31
HIERAHOF / FREIBURG HERBST 1922 BIS FRÜHJAHR 1924
In Winterfeldts Salon verkehrt eine gewisse Maria Elli Röchling-Heye, genannt Ilse, die einzige Frau in der Runde. Die junge Dichterin ist seit 1916 verheiratet mit Alexander Röchling, einem Mitglied der schwerreichen Stahldynastie.32 Fritz Klimsch hat einen Auftrag für ein Firmendenkmal.33 Auch Mutter Irma ist die ätherisch schöne Ilse Heye, das »süße liebe Frau Ilsekind«34, seit Langem bekannt. Woher? Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Klimschs mit der Düsseldorfer Industriellenfamilie Heye befreundet. Jetzt hat diese zarte, kränkelnde Ilse durch Ehemann Alex plötzlich viel Geld. Eine Villa in der Schweiz, ein Automobil samt Chauffeur, einen kleinen süßen Sohn, den Fritz auch bald modellieren kann, das schleust von dem unermesslichen Reichtum der Röchlings ein wenig in die klamme Familienkasse der Klimschs.
Mit dem Geld der Stahlbarone gründet Ilse Heye einen Verlag. In kleinen, teuren Auflagen bringt er edle Bücher heraus. Sein Name: Pontos, die Verlagsräume liegen in der Kirchstraße in Freiburg. Sein Redakteur: Uli Klimsch. Klimschs Drama Der Toten Heimkehr über die Flucht aus Sibirien ist 1922 einer der ersten Titel, die Ilse Heye ins Programm aufnimmt, das Kriegsstück Die Schillschen folgt 1923. Die letzten Bücher tragen die Jahreszahl 1928, dann verschwindet der Verlag von der Bildfläche – und seine Verlegerin gleich mit.35 In diesen sechs Jahren wird der Verlag keine zwanzig Titel herausbringen.
Nun wird der Hierahof zum literarischen Ort. Und die schillernde Pontos-Verlegerin zur Romanfigur. Uli Klimsch und andere Schriftsteller werden ihre Novellen auf einem hoch gelegenen Bauernhof im Schwarzwald spielen lassen. Hätte Katharina Kippenberg, der er seine Erzählung namens Timo im Herbst 1925 vergeblich anbietet, sie für den S. Fischer Verlag angenommen,36 wäre das abgeschiedene Gehöft womöglich groß herausgekommen.
Timo und Lisa, die Hauptpersonen der Geschichte, das sind wenig retuschiert Uli und Ilse. Was geschildert wird, hat im Großen und Ganzen so auch stattgefunden. Lisa alias Ilse Heye lebt mit ihrem Mann Philipp alias Alexander Röchling in einer großzügigen Villa. Die Ortsangaben in der Novelle und einige erhaltene Briefe weisen auf die Siedlung Rehag, irgendwo im Schweizer Jura zwischen Basel und Solothurn. Man ist dort, wie Saig auf der anderen Seite des Rheins, auf ziemlich genau tausend Metern Höhe. Philipp ist oft auf Geschäftsreisen und oft krank. Im Frühsommer 1922 kommen Timo und Lisa sich näher. Ab da steht Timos Forderung im Raum, Lisa möge sich für ihn von ihrem Mann trennen. Das wird sie sanft, aber dauerhaft zurückweisen.
In diesen Wochen nimmt sich Irma Klimsch eine Auszeit auf dem Hierahof. »Könnte Ilse nicht mit Dir nur ein paar Stunden herauf kommen?«, schreibt sie ihrem Sohn nach Freiburg hinunter. »Im Auto? Es ist doch gar nicht weit. Ich leide so unter der gänzlichen Abwesenheit von Jugend.«37 Uli und Ilse lassen sich nicht blicken. Sie machen lieber Autofahrten in die Alpen und baden in Bergseen. »Die hohe Stirn, unter der Wölbung die glücklichen Mädchenaugen, die sie jetzt gerade zeigte, die mädchenhaft schmalen Schultern und kleinen Brüste. Ihre Füße waren klein und überzart wie ihre Hände und von auserlesener Schönheit.«38 Im Jahr 1925 wird im Pontos-Verlag ein Buch mit einem Nacktfoto erscheinen, an dem die Beschreibung abgeglichen werden kann.
Dem Sommer der ersten Liebe folgt ein Herbst der belanglosen Begegnungen in den Freiburger Verlagsräumen. Timo alias Uli ist gehemmt, seine Gefühle auszuagieren – ein Plot mit tieferer Wahrheit, der im Insel-Verlag wohl nicht zu Unrecht für schwer verkäuflich gehalten wird.
Lisas alias Ilses Ehemann drücken schwere Sorgen. Alexander Röchling muss sich im weit verzweigten Familienkonzern behaupten. Er ist ein jüngerer Cousin des Patriarchen Hermann Röchling.39 In der Stahldynastie toben erbitterte Machtkämpfe. Zudem bedroht die anschwellende Inflation das Vermögen. Alex ist ein Getriebener, voller Angst, dass ihm das Geld abgejagt wird. Er kränkelt, er erleidet Zusammenbrüche. Den Winter über muss er mehrmals ins Spital. Das eröffnet Raum für Zweisamkeiten. Mutter Irma fiebert mit Uli, dass Alex ganz hinter Klinikmauern verschwindet und der Weg für das Paar frei ist. Auch ihre finanziellen Sorgen wären die Klimschs dann los. Aber Alex räumt das Feld nicht. Immer kehrt er wieder zurück und macht seine Besitzansprüche geltend. Die Novelle berichtet wahrheitsgemäß von kürzeren Behandlungen, von seltenen Begegnungen im Winter 1922/23 und von einer Schlittenpartie zu dritt auf den Feldberg. Und es gibt viel zu tun im Verlag. Uli Klimsch bereitet die Edition seines Dramas Die Schillschen vor. Bode arbeitet an seinem Bildband über das bildhauerische Werk von Fritz Klimsch. Auch eine größere Anzahl Aktskizzen will Bode beigeben, eine delikate Angelegenheit, da sie mehr oder weniger durchweg jenes eine Modell zeigen, von dem halb Berlin und München reden.
Im Frühling 1923 ist ein längerer Klinikaufenthalt des Ehemanns nötig. Jetzt könnte doch Saig ins Spiel kommen, das verwaiste Paradies. Der Hierahof versetzt Mutter Irma schmerzende Gedankenstiche, zumal sie im Sommer ihren Hund Lucki dort zurückgelassen hat.40 Nur selten war Uli über den Winter oben. Mit Ilse ungestört in Italien, mit Ilse seelenruhig im Schwarzwald, solche Wunschträume lebten nur in Ulis Fantasie und Mamas Briefen. Jetzt scheinen sie wie ein Wunder wahr zu werden. Timo alias Uli muss gar nicht drängen: Ilse mit Söhnchen zieht zu ihm in den Hierahof. Und schon fließt ihm die schönste Literatur in die Feder, die jemals über einen Flecken Schwarzwald geschrieben wurde. »Lisa (…) liebte den Bauernhof, weil es Timos Haus war; zwar nur vom Bauern gemietet und doch sein innerer Besitz; das waren Wände, Giebel, Schiebefenster, Scheunentor, Eschen, Linden, Tannen, Bergwind, Bachgemurmel, Holzaxt, Brunnen, Holzfeuer, alles wie ein zweites grösseres Gewand um Timo, zu ihm ebenso gehörig, wie seine Hand, sein Schritt, sein Atem. (…) Es war Mittag, der Bauer läutete seine kleine Dachglocke, und auf dieses Zeichen wurde die Herde heimgetrieben. Ein Flimmern ging durch den Eschenhain; da erschien das weisse, gelbe, braunweisse Gewimmel der Kühe und Schafe. (…) Die Wiese aber stand über ihnen bis in den Hochwald hinein. Oben zeichnete sich der schwarze Tannenwipfelkamm in einen wolkenlockeren grenzenlosen Himmel.«41
Um September 1923 geht Ilse zurück zu ihrem Mann, der seinen Klinikaufenthalt beendet hat. Ab und zu sieht man sich noch in den Räumen des Pontos-Verlags.
Überraschend kündigt sich Ilse im Dezember auf dem Hierahof an. Sie möchte von Uli am Bahnhof Titisee abgeholt werden, sie komme in Begleitung eines blinden Schriftstellerkollegen. Uli hat ihn noch nie gesehen. Die Besucher nehmen einen Schlitten, der den flacheren Weg übers Rotkreuz nach Saig fährt. Timo alias Uli geht allein zu Fuß die Seesteige hinauf. »Plötzlich breitete sich eine Lichtung vor ihm aus, ein schon abendlich matter und doch so bezaubernder Fernblick weit über Land und Land. Timo hatte die Höhe erreicht.«42 Seine dunkle Ahnung lässt die Saiger Höhe aufscheinen wie das Tor zum Jenseits.
Längst zu Hause, wundert er sich über ihr Ausbleiben. Draußen ist es tiefe Nacht geworden. Nach quälendem Warten kommen sie endlich. Ilse wird begleitet von Adolf von Hatzfeld, in der Novelle nur Der Blinde genannt. Uli bemerkt, dass kein Rotwein im Haus ist. Man brauche doch Wein, sagt er, er werde gleich zum Seehof hinablaufen, eine Stunde dauere das sicher, dort sei noch am ehesten Wein zu bekommen. Draußen heftiger Schneesturm. Doch den Gästen ist überhaupt nicht nach Wein, sie sind sich selbst genug. An dem nüchternen Abend sortieren sich die Beziehungen neu. Uli Klimsch geht früh zu Bett. In der schlaflosen Nacht reift ein wilder Entschluss. Durch tiefen Schnee bricht er nächtens vom Hierahof auf und lässt Ilse mit dem Blinden allein zurück. Wenn sie ihn wirklich liebe, werde sie nachkommen, ruft er ihr hinterher.
Aber Ilse Heye kommt nicht. Ihre Nacht mit Hatzfeld auf dem im Schnee versinkenden Hierahof ist eine ganz eigene Geschichte. Auch sie wird in Literatur gegossen. Hatzfeld schreibt sie sich 1927 in der Erzählung Vor dem Mikrophon von der Seele. In Klimschs Novelle ist Hatzfeld komplett blind. Hatzfeld selber sieht die Geliebte und die in Weiß gehüllte Gegend mit denkbar sehendem Auge. Er schildert just jene Ereignisse, über die sich Uli in Grübeln verzehrte. »Von Titisee fuhr uns ein Schlitten durch die Luft, die wie aus Glas gemacht schien, in ein Bauernhaus, das in der Entfernung von mehreren Stunden hoch in den Bergen lag. Nachmittags begann es zu schneien, und eine undurchsichtige Hülle wob sich um das Haus. Schnee fiel in Wolken, die sich licht zerstäubten, auf die Erde, und schon reichte die Schneedecke bis über den unteren Rand des Fensters. Es schneite den Nachmittag, den Abend und die Nacht, es wurde wie ein Sturm, es schneite weiter den ganzen Tag hindurch, der folgte. Die Zimmer waren angefüllt von einem fahlen Licht. Es schneite, als wolle der Himmel einen Vorhang ziehen vor dem, was sich zwischen zwei Menschen begab. In der Nacht hatte ich am Fenster gestanden und hatte in die Dunkelheit geschaut, die sich vor mir bewegte. Ich lauschte dem Fallen des niederrieselnden Schnees und sah, wie sich ein Wall um das Haus zu schließen begann. Ich stand fernab von allem, das mir im letzten Jahr begegnet war, und ich war entrückt jeder bösen und schmerzhaften Erinnerung. Ich hatte mich von der Frau verabschiedet, um allein zu sein, und stand am Fenster vor dem Dunkel der Nacht. Da wurde plötzlich der Schnee im Ausschnitt des Fensters hell, als falle ein Lichtschein von irgendwoher auf ihn ein. Ich wandte mich um. Die Tür des Nebenzimmers hatte sich lautlos geöffnet, und ich sah, wie die Frau sich langsam entkleidete. (…) In dieser Stunde, da ich den Traum ahnungsvoller Nächte leibhaftig vor meinen Augen Blut und Gestalt annehmen sah, erhob sich in meiner Brust das Gefühl und die Gewißheit einer ewigen Heimat, jener seligen Ruhe, in der die Götter leben und atmen.«43
Einige Wochen nach der denkwürdigen Winternacht auf dem Hierahof taucht Uli bei Ilse in Rehhag auf. Vor den Augen ihres Mannes stellt er sie zur Rede wegen ihrer neuen Liebesbeziehung zu Hatzfeld. Er nimmt eigene Gedichte an sich, die noch bei ihr liegen. Zudem fordert er alle Briefe zurück, die er an sie geschrieben hat. Das weist sie empört zurück. Damit ist die Beziehung zerbrochen.
Ihm geht auf, Ilse Heye ist nichts weiter als eine jener nervösen Migräneschönheiten, von denen es jetzt viele gibt in den Städten. Sie lassen sich nur auf flache, hybride Beziehungen ein. Er hingegen reklamiert innere und äußere Pflichten der Liebe. Deren bedürfte er, um die Schatten des Kriegs und der Familie zu vertreiben. Eine bürgerliche Beziehung mit Frau und Kind auf dem Hierahof, aus diesem stillen Glück will er die dichterische Produktivität nähren. Aber er ahnt auch das Mittelmäßige, das diese Konstellation zeitigen würde. Er gibt zu, dass die Enttäuschung ihn künstlerisch in eisigere Höhen befördern wird.44
Verworren ahnt er noch etwas anderes. Ilse Heye würde ihr Provisorium ganz anders auflösen, um in höhere Sphären zu dringen. Sie braucht keinen Geruch von feuchtem Fichtenwald und grasenden Kühen. Sie braucht die Vision des Selbstmords. Diesen Gedanken hat sie gelegentlich geäußert, doch Uli Klimsch deutete ihn falsch. Mit ihren Suizidfantasien sucht sie Zugang zu verborgenen, mythischen Dimensionen ihrer Existenz. In ihrer Seele schlummern Ahnungen eines früheren Lebens, zu dem sie nur durch die Tür des Todes gelangen könnte. Das ist ihre künstlerische Kraftquelle. Davon wird Uli Klimsch erst aus der Novelle Der Dolch erfahren, mit der Ilse Heye die Ereignisse um Klimsch und Hatzfeld verarbeitet. Für Uli Klimsch hat der Tod gewiss ebenso seinen Schrecken verloren, aber auch jegliche Magie.
»Übrigens kennen Sie die Schriften des Adolf von Hatzfeld? Und was halten Sie von dem?«, fragt Uli Klimsch im März 1924 Otto von Taube in bemühter Beiläufigkeit.45 Zwei schmale Bücher Hatzfelds erscheinen nun bei Pontos: eine Gedichtsammlung und Positano über die Reise eines Ich-Erzählers nach Kampanien.
Hatzfeld ist blind wegen eines missglückten Selbstmordversuchs mit Pistole, die Kugel steckt noch im Kopf. Nichtsdestoweniger nimmt er nach Positano einen Fotoapparat mit und knipst. Man macht Ausflüge mit dem Segelboot zu den Sirenenfelsen und nach Capri. Man badet im Meer, man steigt weglos durchs Küstengebirge, man besucht Neapel und Pompeji. Hatzfeld ist bei dem Schriftsteller Gilbert Clavel zu Gast, der aus Basel stammt und nach Kunstprojekten mit den italienischen Futuristen und dem Roman Ein Institut für Selbstmorde (1917), in dem die ästhetisierte Selbsttötung durch Saufen, Wollust und Opium Thema ist, sich auf einem ehemaligen Wachturm in Positano niedergelassen hat. Der Turm ist auf einem Felsvorsprung spitz über das Tyrrhenische Meer gebaut. Für Hatzfeld ist der Turm »das schönste Haus der Welt«.46
Hatzfeld fasst die kampanische Landschaft nach einem dreiteiligen Schema auf. Die unterste Schicht sind die Städte, teils in Schutt und Asche versunken wie Pompeji, teils in morbider Unrast gefangen wie Neapel. Geht man durch ihre Gassen, weht einen der alte Glanz an, doch verdunkelt von den Gewalten der Natur und des sozialen Elends. Darüber liegt die Pracht der Gemüsefelder, Zitronenhaine und Blumenrabatten im Umland. Der Weg führt weiter zur Amalfiküste. Felsig springt dort das Gebirge ins Meer vor und stellt steinerne Posten bereit. Dort sind die Kräfte zu sammeln für den Sprung ins Weite. Mehrere Fotos des Pontos-Bands zeigen nackte Menschenleiber, die auf einem vom Meer umspülten Felsen stehen oder auf einem Boot, das soeben abgelegt hat. Das zielt auf die dritte und äußerste Stufe der Wirklichkeit, ferne Gebirge über einem Meer von Nebel und Wasser. Dort wartet die völlige Seligkeit der Götter: Li Galli, die Sireneninseln, und Capri. In Hatzfelds Essay wird die äußerste Sphäre auch erreicht: Man fährt tatsächlich zu den Sirenen und nach Capri hinüber. Dort hat Clavels Freund Baron Fersen den Eingang in die Ewigkeit per Kokain gerade in die Tat umgesetzt.
Hatzfeld schreibt oft im Wir, und damit ist nicht Clavel gemeint. Es muss, wie auch die Bilder preisgeben, jemand dabei gewesen sein. Vermutlich ist es jene blonde Frau mit Pagenschnitt um die dreißig, die auf Seite 49 des Positano-Buchs unbekleidet auf einem Felsen am Wasser steht. Welche Zwanzigerjahreschönheit zeigt das Foto?
Für des Rätsels Lösung braucht es zwei Schlüssel. Der eine ist das Datum der Reise. Hatzfeld war mehrmals in Kampanien, der Buchtext ist schon vor Jahren entstanden. Die Bilder des Positano-Buchs aber zeigen den erst 1924 vollends fertiggestellten Turm. Sie stammen also von der Fahrt im Frühjahr 1924. Der andere Schlüssel ist Ilse Heyes Briefe an Hatzfeld. Das Schloss springt auf: Die schöne Unbekleidete im Positano-Buch ist die rätselhafte Ilse Heye, verheiratete Röchling, nachmalige Gräfin Falvella.
HIERAHOF SOMMER 1924
Im Juni 1924 hat Uli Klimsch das Trauerspiel Bastarde abgeschlossen. Hauptsächlich ist es in Berlin entstanden, während Ilse an der Amalfiküste weilt und er seine Episode mit Oda Schaefer laufen hat. In den Bastarden geht es um die inzestuöse Beziehung zwischen Vater und Tochter. Am 19. September 192447 schickt er das Typoskript an das Ehepaar Hauptmann. Sie empfehlen es nach Dresden.48 Irma Klimsch versucht es bei Max Reinhardt. Reinhardt kümmert sich um Uli, zu jeder Generalprobe schickt er einen Diener mit Freikarten vorbei.
Die Bastarde bleiben in der Schublade. Reinhardt bringt es nicht, auch in Dresden will niemand das Stück aufführen. Die Aufführung der Schillschen am Freiburger Stadttheater am 24. April 1924 ausgenommen, ist noch keines seiner Stücke über eine Bühne gegangen. »Ja, die Komödie ist im Gang, aber nebenbei hat der Unglücksmensch schon wieder ein Drama angefangen.«49 Langsam schwindet Irmas Hoffnung.
Um die Wucht des neuen Dramas zu ermessen, müssen wir tiefer in die Gedankenwelt Uli Klimschs einsteigen. Eine Rolle dabei spielt Wilhelm von Bode. Im Sommer 1924, gerade war seine Klimsch-Monografie bei Pontos herausgekommen, hatte Bode dem kleinen Freiburger Verlag schon das nächste Buchmanuskript übergeben, einen Bildband über den Bildhauer Bertoldo di Giovanni.50 Bertoldo ist ein Schüler Donatellos. Donatello wiederum ist für Fritz Klimsch der größte Bildhauer aller Zeiten, schreibt er später in den Saiger Erinnerungen. Bodes Band erscheint 1925. Auf das Titelbild setzt die Verlegerin eine der berühmtesten Arbeiten Bertoldos, eine Medaille, die die Ermordung von Giuliano de’ Medici zeigt. Der Mord wurde während der Messe am 26. April 1478 im Dom von Florenz durch Francesco de’ Pazzi verübt. Er ist als Pazzi-Verschwörung in die Geschichte eingegangen. Das Attentat galt auch Giulianos Bruder Lorenzo, der aber mit einer harmlosen Stichwunde davonkam. Bode fasziniert das Objekt auch, weil zwei Exemplare der Medaille von 64 Millimeter Durchmesser in seinem Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin liegen.51
Die Medaille zeigt einen achteckigen Chorrahmen, der damals zentral im großen Achteck des Chors von Santa Maria del Fiore stand. Anstelle der berühmten Kuppel des Brunelleschi thront auf der einen Seite der Medaille monumental Lorenzo, auf der anderen sein Bruder Giuliano. Am Altar zelebriert Kardinal Riario, vermutlich ein Sohn des amtierenden Papsts Sixtus IV. Weil der Papst ein Interesse am Tod Lorenzos hat und den Mord wohl selbst in Auftrag gab, muss Riario als Mitwisser gelten. Das Medici-Brüderpaar wird von den Verschwörern mit Dolchen attackiert. Lorenzo wehrt sich gegen die Stiche mit seinem Mantel, Giuliano liegt bereits tödlich getroffen am Boden. Es sind im Bild wie in der realen Geschichte neun Attentäter, darunter Pazzi. An einer Säule ganz rechts lehnt eine Frau. Von der Tat, die dicht vor ihren Augen abläuft, nimmt sie keine Notiz. Sie schaut ins Leere der riesigen Kuppel und reicht Lorenzo einen Kranz hinauf.
Bertoldos Darstellung des Geschehens auf der kleinen Medaille ist von atemberaubendem Realismus. Wahrscheinlich wohnte Bertoldo dem Hochamt selber bei. So gut wie alle Personen der Medaille kann man identifizieren – bis auf die Frau mit dem Kranz. Im Pontos-Bildband bringt Bode sie mit der rätselhaften Inschrift SALVS PVBLICA in Verbindung, die Bertoldo auf dieser Lorenzo-Seite der Medaille angebracht hat.52 Warum soll eine junge Frau, die dem Verbrechen tatenlos zuschaut, das Wohl des Volks verkörpern?
Weil sie die schönste lebende Frau auf Erden ist. Sie ist die Göttin, die dem Künstler erscheint, leibhaftig und unbekleidet ihm Modell stehend: Simonetta Vespucci. Simonetta, so heißt das neue Drama des Unglücksmenschen Uli. Beim Schreiben hat er Bodes Bildband neben sich liegen, frisch herausgebracht von der Pontos-Verlegerin, mit der er die traumwandlerischen Monate auf dem Hierahof verbrachte.
Pazzi hat Simonetta auf den Partys der Medici getroffen und vergeblich versucht, einen Blick von ihr zu erhaschen. Stattdessen musste er mit ansehen, wie die verheiratete junge Frau – der Gemahl, ein Cousin des Abenteurers Amerigo Vespucci, ist meist beruflich unterwegs und überdies gerade krank – mit den Medici-Brüdern flirtete. Auch leuchteten ihre Augen, wenn sie sich mit Sandro Mariano Botticelli unterhielt. Was fand die junge Frau an dem alten Maler, nur weil sie Modell für sein Bild der Venus aus der Muschel war, das die Florentiner so aus dem Häuschen brachte, weil sie nichts anhatte wie Eva im Garten Eden. Wusste der Maler auch, wie sich das Orange ihrer Haut anfühlte? Pazzi hatte schon auf der Party mit einem Fleischspieß dicht vor Giulianos Gesicht herumgefuchtelt. Aber Giuliano war dazwischengegangen und feixte, mit so einer Stricknadel habe man ihn gerade umbringen wollen. Die ganze Gesellschaft war in Gejohle ausgebrochen und er, Pazzi, bis auf die Knochen blamiert. Simonetta hatte schon damals reglos an einer Wand gelehnt und wie abwesend in ihr Weinglas geschaut. Als alle sich wieder beruhigt hatten, rief sie ein paar Anwesende zusammen und sprach mit irrem Lächeln: »Kommt zu den bunten Sternen, kommt mit mir! Wie mich das Leben süss durchströmt, ich bin da, ich lebe, nie küsste mich so das Leben, nie fühlte ich so die berauschende Nähe der Götter. Dort rufen sie.«53
In Santa Maria del Fiore hat Pazzi scharfe Waffen dabei und führt den Mord wirklich aus. Mitten in der Messerstecherei wirft er einen Blick nach rechts zu einer Säule. Dort steht – Simonetta. Er rächt doch auch die vielen lüsternen Blicke der Medici-Brüder, und wieder nimmt sie keine Notiz von ihm und starrt in die Kuppel hinein. Als Pazzi von zwei Mönchen überwältigt und ins Freie gezerrt wird, bleibt sie reglos stehen. Selbst als Botticelli an ihr vorbeigeht, aufgewühlt von dem Geschehen, blickt sie ihm nur stumm in die Augen. Dann stürzt sie zu Boden und ist tot.
Die Stricknadelattacke ist von Uli Klimsch frei erfunden. Derartige Partys aber gab es damals zweifellos. Nur in einem Punkt retuschiert seine Version die Realität: Wenn während des Mords im Dom tatsächlich eine Frau an der Säule lehnte, kann es nicht Simonetta Vespucci gewesen sein. Denn sie war am 26. April 1476 gestorben, genau zwei Jahre vor dem Attentat. Aber warum soll der Augenzeuge Bertoldo nicht tatsächlich eine Frau an der Säule beobachtet haben? Eine Frau, die ihre Augen weder den Mördern noch den Opfern schenkte, vielleicht weil sie deren lüsterne Blicke zur Genüge kannte und lieber zum Göttlichen hinaufsieht? Auch die frisch geborene Venus schaut nicht ihren Geburtshelfer und Lover Botticelli an, sie blickt an ihm vorbei ins Nichts. Simonetta als Maria, Simonetta als junge Frau am Fenster, Simonetta als Nymphe, Simonetta als vom Sex mit einem Faun betäubte Nymphe, in allen diesen Bildern, für die sie ihm Modell und Muse war, geht Simonettas Blick am Künstler vorbei und über ihn hinweg. Der Künstler spiegelt Simonetta mit seiner kongenialen Kunst, er verehrt und begehrt sie »wie ein Wahnsinniger« wegen ihrer Göttlichkeit, sie verehrt und begehrt ihn wegen seiner göttlichen Schöpferkraft. Natürlich geben sie sich einander auch hin. Von Pazzo zur Rede gestellt, gibt Simonetta zu, vor der Party bei Sandro gewesen zu sein, und nicht nur, um gemalt zu werden. Aber daraus folgt im realen Leben nichts. Kein Modell heiratet seinen Künstler, auf dass es ihm die Wäsche macht, statt Modell zu sitzen. Simonetta gehört niemandem, wie Klimsch sie einmal zu Sandro sagen lässt. Wenn aber die Folgen so mächtig sind, dass tatsächlich Ehen auf dem Spiel stehen, dass psychische Reflexe ihr Eigenleben beginnen und der Tag danach ohne Alkohol nicht mehr auszuhalten ist, dann ist »eine Zeit (…) gestorben. Ein grosses Spiel ist aus. (…) Gottes Schwert steht am Himmel.«
Die These Uli Klimschs lautet also: Kein Modell, das Widerschein des Göttlichen ist, gibt sich wirklich seinem Künstler hin. Die Schwalbe ist frei von ihrem Künstler Fritz Klimsch, der sie in Gips und Bronze modelliert. Ilse Heye ist frei von Alex, der sie auf den Bühnen des Geldadels vorführt. Sie ist frei von Uli, der sie im Timo und in der Simonetta in die Literatur einschreibt.
HIERAHOF SILVESTER 1924
Um das Ehepaar Heye-Röchling ist eine namhafte Bohème versammelt. Melchior Lechter, der Grafiker Stefan Georges. Bruno Cassirer, der Verleger, der mit großem Erfolg Hatzfelds Franziskus (1918) und An Gott (1919) herausgebracht hat. Ernst Gräfenberg, der Gynäkologe und Entdecker des G-Punkts, samt Frau Rosa Gräfin von Waldeck, genannt Rosi.54 Fritz Klimsch und die Schwalbe. Joachim von Winterfeldt. Und viele andere nennt Ilse Heye in ihren Briefen an Hatzfeld.
Rehhag, »6. November 24. / Mein Freund / Die Hunde haben dich gesucht und das Kätzchen lag auf deinem verlassenen Stuhl am Kamin. Man kann das ja nicht so schreiben, du weißt schon wie es ist. (…) Lechter ödete nur mit George und Maximin bis mir ganz elend wurde. (…) Jetzt muß ich aufstehen, in einer halben Stunde wollen wir auf den ›Hirahof‹ fahren. Bruno sehen wir nicht. Er ist mit seinem ›Zarten‹ auf einer Lustreise. (…) Denk an mich, glaub an mich – / Gib mir deine Hand: / wir sehen uns bald. / Immer deine Freundin.«55
Mit solchen Postillen hält sie ihn bei Laune. Den Hierahof findet sie vor wie ausgestorben, vor Nebel kann man keine fünf Meter weit sehen. Aber sie hält natürlich eine Gedenkminute an die Schneenacht vor einem knappen Jahr ab, schreibt sie ihm anschließend. Dann wieder spielt sie mit der Vision vom Suizid. »Vielleicht war ich deine Schwester vor tausend Jahren. Wer weiß das! Gute Nacht mein Brüderchen, ich küsse deine Stirn.«56 Hatzfeld hat tatsächlich einmal den Abzug gezogen, Ilse Heye lamentiert lieber. Im kalt-trüben Berlin, ein paar Tage später, vergeudet sie ihre Zeit nutzlos bei Ärzten und Anwälten. Das warme Kampanien und die einschlägigen Goetheverse kommen ihr in den Sinn, allzu romantische Ambitionen muss sie aber gleich unterbinden. »Dahieen! dahieen – möcht ich mit dir … Aber du bist Dichter und ich habe auch nichts.«57
Doch Hatzfeld fährt und telefoniert ihr hinterher und fordert echte Liebe ein wie damals Uli Klimsch. Das setzt sie unter Stress. Sie versucht ihn mit Berliner Geschichten abzulenken. In der Lobby des Adlon sei ihnen verlegen Fritz Klimsch und die Schwalbe über den Weg gelaufen. Uli sei ohnehin krank. Auf einer heiteren Party habe sie Rosi Gräfenberg getroffen, der »Novellenkranz« um den Zirkel sei erwähnt worden.58 Sie vertröstet ihn auf Ende Januar 1925 und küsst ihm per Post die Augen.59 Einen Tag später, am 30. Dezember, telegrafiert sie ihm unerwartet aus Freiburg, sie erwarte ihn umgehend auf dem Hierahof.60 Dann lassen sich Ilse Heye, ihr Mann und Sohn Wolfgang vom Privatchauffeur nach Saig fahren. Vermutlich sind sie mit Fritz und Irma Klimsch zu Silvester verabredet und kommen auch im Hierahof unter.
Ilse Heye möchte mit Hatzfeld die Fahnen des Positano-Buchs Korrektur lesen, darum hatte er gebeten. Das lässt sich ungestört im Ochsen tun. Hatzfeld soll am besten im Ochsen auch unterkommen. Auf dem Hierahof ist es zu voll, zudem ist dann zwischen Hatzfeld und ihrem Mann etwas Abstand. Es soll nicht zu Eifersuchtsszenen kommen. Vielleicht kann sie, wenn sie mit Hatzfeld im Ochsen unter vier Augen spricht, einige Misstöne ausräumen. Hatzfeld insistiert neuerdings auf dem Wort Liebe. Das Wort ist für sie selbstverständlich, auch sexueller Intimität hat sie sich nicht verweigert. Aber jetzt scheint Hatzfeld weitere Ansprüche zu stellen.
Irgendetwas an diesem Plan geht schief. Bei der Silvesterparty auf dem Hierahof macht Hatzfeld vor aller Augen Alex eine Szene. Er sagt ihm hässliche Dinge: Seine Frau sei nur wegen des Geldes bei ihm geblieben. An seiner Krankheit müsse das ganze Umfeld mitleiden, die Atmosphäre im Rehhag sei unerträglich. Für die Literatur seiner Frau habe er keinerlei Verständnis. Für ihre Migräne sei er mitverantwortlich. Sie habe sich innerlich schon lange von ihm abgewandt, sie liebe ihn, Hatzfeld. Schließlich, Röchling habe es darauf abgesehen, ihn moralisch zu diskreditieren und finanziell zu ruinieren. Das zwingt Ilse Heye, vor versammelter Runde die Dinge klarzustellen. Von Liebe könne keine Rede sein, vielleicht sei da einmal etwas gewesen, aber das sei vorbei. Sie stehe zu ihrem Mann.
Hatzfeld verliert die Fassung. Er stürzt hinaus in die kalte Silvesternacht. Jemand begleitet den Blinden zum Ochsen hinüber und sorgt dafür, dass er in sein Zimmer gelangt. Hatzfeld ist aufgewühlt und findet nicht in den Schlaf. Er schreibt einen wirren Brief an Ilse Heye, den er durch einen Boten beim Hierahof abgeben lässt.
Ilse Heye antwortet aus dem Hierahof mit einer knappen Aufforderung. »Es ist besser, daß du morgen fortfährst. Ich habe dir offen gesagt wie die Dinge liegen. Alex wird morgen zu dir kommen um dir alles zu erleichtern, du mußt nur sagen wohin du willst. (…) Ich schicke dir 2 Codeonal. Gute Besserung!«61
Doch Hatzfeld denkt nicht daran, Saig zu verlassen. Hier würde Ilse Heye sich vielleicht doch noch einmal an die legendäre Schneenacht auf dem Hierahof erinnern und an die Schwüre, die sich damals ins Liebesgeflüster gemischt hatten. Aber er bekommt keinen Besuch im Ochsen. Kurz nach Neujahr verlässt die Familie Röchling den Ort, ohne Hatzfeld noch einmal getroffen zu haben. Röchling hat vermutlich beim Ochsenwirt zugesagt, die Rechnung für Hatzfeld zu übernehmen. Hatzfeld hat es jedenfalls nicht eilig, abzureisen, wo soll er auch hin. Er drängt auf die Trennung Ilse Heyes von ihrem Mann. Die Scheidung würde hässlich werden, aber Geld genug für ein paar sorgenfreie Jahre müsste doch übrig bleiben. Auf ihn kommen jetzt prekäre Zeiten zu. Das Erfolgsbuch Franziskus hatte reichliches Honorar eingebracht, das bei den vielen Reisen aber ausgegeben wurde, der Rest verflog in der Inflation. Hatzfeld stellt sich weitere Reisen mit Ilse Heye vor, das Reisen beflügelt seine Dichtung. Mit seinen blinden Augen muss er Formen und Farben sehen, er braucht den Reiz von außen, er will etwas beschreiben können. Reine Seelenlandschaften oder ideenschwere Geschichten sind seine Sache nicht. Das bebilderte Positano-Buch könnte wieder ein Erfolg werden, von der Sorte würde er weitere schreiben. Ilse Heye ist rundherum abgesichert. Dennoch heischt sie fortwährend Vorsicht, dabei hätte er Vorsicht verdient. Wie vor einem Jahr bei Uli Klimsch lautet sein Angebot, ein bemühter und ernsthafter Lebensgefährte zu sein, der sie in Ruhe lässt mit repräsentativen Pflichten, die sie doch langweilen und auszehren, wie sie ihm immer vorjammert. Er will nicht länger Verständnis aufbringen, warum sie weiter in ihrem goldenen Käfig bleibt. Auch was sie an dem kalten Schwarzwald findet, bleibt ihm im Grunde rätselhaft, sie sagt doch selber, dass die Kälte ihr Kopfweh macht, warum geht sie mit ihm nicht einfach in den Süden. Halb gekränkt, halb flehend schreibt er Ilse Heye weitere Briefe, nun an die Verlagsadresse in Freiburg.
Ilse Heye antwortet jetzt härter und endgültiger. Sie habe ihn keineswegs auf den Hierahof eingeladen, sondern nur auf seine Bitte reagiert, mit ihm Korrektur zu lesen. Mit der Liebe sei es vorbei. Sie bittet ihn dringend, ihre Briefe an ihn auszuhändigen und vor allem den finalen Brief Ulis an sie, der in Hatzfelds Hand ist. Vor allem möge er umgehend abreisen und zunächst keine Briefe mehr schreiben.62
Am 23. Januar ist Adolf von Hatzfeld immer noch in Saig. Auf kariertem Briefpapier des Ochsen tippt er: »Ich werde dir weder heute noch später moralische Vorlesungen halten wie dies seinerzeit Herr Klimsch tat, wenn mir dein Benehmen auch völlig unverständlich war. (…) Gegen die Verwandlung eines Gefühls zu kämpfen, ist sinnlos, aber ich muss auch dir gegenüber nochmals die Schuld ablehnen, die man mir unterschieben will. Nach deinem Benehmen mir gegenüber bis zu deinem letzten Telegramm konnte ich nicht annehmen, dass ich auf dem Hierahofe auf eine Gesellschaft stosse, die mich als einen Menschen ansieht, den man zu meiden hat, und der verfehmt ist dadurch, weil er so handelt wie er handelte, und schon deswegen, weil er überhaupt kam.« Sie solle ruhig lieben, wen sie wolle. Aber sie solle zu ihren Verpflichtungen stehen. Eine teure Hotelrechnung, die er mit ihrem Einverständnis gemacht habe, habe sie nicht beglichen, sondern an seine Düsseldorfer Adresse weiterleiten lassen. »Ich muss darin dieselbe Art wie bei deinem Manne sehen, nämlich den Versuch, mir zu schaden und, wo du kannst, mir Schwierigkeiten zu machen, und zwar grosse Schwierigkeiten. (…) Was die Rückforderung deiner Briefe angeht, so erinnere ich dich daran, wie du dies Ansinnen des Herrn Klimsch an dich bezeichnetest. Du nanntest es eine Schweinerei.«63
Die Briefe Ilse Heyes an Hatzfeld bleiben bis zum Tod Hatzfelds 1957 in seinem Besitz. Auch den finalen Brief mit den »moralischen Vorlesungen«, den Uli Klimsch im März 1924 an Ilse Heye schrieb, behält er bei sich.
Im Sommer 1925 ist Gras und Segge über die Sache gewachsen. Alle machen sie die Geschichten auf dem Hierahof zu Literatur: Hatzfeld in der Mikrophon-Erzählung und im Positano-Buch, Ilse Heye in der Suizidgeschichte Der Dolch, Uli Klimsch in der Timo-Novelle. Ein hübscher »Novellenkranz«, wie Ilse Heye formulierte. Einige Blüten darin sind vermutlich noch unentdeckt.
Zu einer Durchsicht von Hatzfelds Positano im Ochsen war es nicht mehr gekommen. Doch die Verabredungen mit dem Pontos-Verlag sind getroffen, die Fotos liegen auf dem Tisch. Die Fertigstellung des Buchs gestaltet sich schwierig, Hatzfeld kommuniziert mit der Verlegerin nur noch per Rechtsanwalt.64 Das Buch und eine Gedichtsammlung erscheinen dann tatsächlich 1925.
Im Sommer 1925 nimmt sich Hatzfeld das Schauspiel The Broken Heart des Shakespeare-Zeitgenossen John Ford vor und bearbeitet es für eine Aufführung im Dezember 1925 in Köln. Er fühle sich wie Orgilus, der Protagonist des Stücks, der eine Frau liebt, die einem höhergestellten Mann versprochen ist und von diesem wie in einem Gefängnis gehalten wird.65 Sie liebt auch ihn, ist aber unfähig, die tragische Kluft zwischen Liebe und Ehe anzunehmen. So spielt sie ihre Gefühle gegenüber Orgilus herunter und lässt Orgilus an sich selber irre werden. Genauso schreibt es im Sommer 1925 auch Uli Klimsch im Timo.
Es fehlt noch das lieto fine. Hatzfelds Schicksal kippt ins Heitere, in Champagnerlaune geradezu. Noch im Sommer 1925 lernt er Mathilde Wegeler kennen, Tochter der Koblenzer Sektdynastie Deinhard. Das Paar fährt kurzerhand nach Kampanien, bereist Capri, Neapel, man kann annehmen: auch Positano, und gibt sich in einer neapolitanischen Kirche im Oktober 1925 das Jawort. Kein Jahr später kommt Tochter Elisabeth zur Welt.
Auch Ilse Heye fährt erneut in das Land, wo die Zitronen blühn, doch nicht mit einem Geliebten. Im Mai 1925 hält sie sich mit Ehemann Alexander in Capri auf. Sie haben »ein kleines Haus gemietet mit traumhaftem Ausblick zum Meer«. Auf illustren Partys sind Melchior Lechter und Karl Wolfskehl zu Gast. Die Gräfin Lovatelli lädt in die Villa Lysis, wo bis vor Kurzem die Opiumgelage des Barons Fersen stattfanden. Man lagert auf der mit Kissen, Fellen und Teppichen ausstaffierten Marmorterrasse. Gräfin Lovatelli und Ilse Heye bezaubern alle, die Gräfin mit ihrer Schönheit und ihrem Geschmack, Heye mit ihrer Schönheit und ihren Gedichten, für die sie sogar das Lob der strengen Georgeaner erntet.66
In einer dieser Sommernächte auf Capri angelt sich Ilse Heye einen italienischen Grafen. »Dort lernte sie, im Badeanzug mit einem kostbaren Juwelenkreuz auf der immer noch schönen Brust, den italienischen Grafen Falvella kennen, einen Neffen des Papstes. Sie trennte sich von Alexander Röchling, erhielt Dispens, da sich plötzlich bei ihm eine Nervenkrankheit gezeigt haben sollte, wurde katholisch und heiratete Falvella.«67
Und was geschieht mit Alexander Röchling? Er wandert 1927 aus nach Sumatra und wird Teilhaber an einer Teeplantage. Das Investment ist erfolglos wie seine Aktivität im Familienkonzern. 1937 wird er in der Justizvollzugsanstalt Tegel tot aufgefunden.68
Kriegserfahrung, diese Sorte Erfahrung hat Otto Dix als junger Mann zur Genüge gesammelt. Von August 1914 bis 1917 war er mehr oder weniger ununterbrochen an der Front in Frankreich. Nach einem kurzen Einsatz in Weißrussland im Herbst 1917 meldete er sich zur Fliegerausbildung und kämpfte bis Kriegsende wieder in Frankreich. Dabei skizzierte er unablässig.
Als Otto Dix, frisch verheiratet und Vater geworden, 1923 nach Düsseldorf übersiedelt, komponiert er aus den Skizzen ein düsteres, epochales Mappenwerk: fünfzig Radierungen mit dem Titel Der Krieg. Eine erste Arbeitsphase mit dem Werk verbringt er im Frühherbst 1923 in Düsseldorf, eine zweite im Spätherbst in St. Goar.
Um Januar 1924 mietet er sich mit seiner Frau Martha Dix und Töchterchen Nelly im Haus Kaltenbach ein, direkt gegenüber der Kirche und eine Etage über ihr im Saiger Amphitheater. Dort bleibt er, bis das Mappenwerk vollendet ist. Im April reist die Familie wieder ab.69
Von den Künstlern und Dramen auf dem Hierahof nimmt Dix keine Notiz.
SAIG JANUAR 1920
An einem Nachmittag um Dreikönig 1920 wandeln Martin Heidegger und seine Studentin Lili Szilasi auf den Höhen über dem verschneiten Saig. Es ist ein »gemeinsames Schreiten und Gleiten in den verlöschenden Tag«. So schreibt ihr der entflammte Philosoph wenig später.70 Zwischen dem 2. und 5. Januar hat er Lili und Vilmos Szilasi in Saig besucht.71 Das vermögende junge Ehepaar hört Heideggers Vorlesung in Freiburg, hält sich aber ansonsten oben im Schwarzwald auf. Auch Heideggers Frau Elfride war eingeladen, konnte aber »natürlich leider nicht mitkommen«.72
