Das dunkle Haus - Åke Edwardson - E-Book

Das dunkle Haus E-Book

Åke Edwardson

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Beschreibung

Nach zwei Jahren Auszeit kehrt Kommissar Erik Winter nach Göteborg zurück. Er kommt genau zur rechten Zeit. Die Stadt wird von dem blutigen Mord an einer jungen Frau und ihren beiden kleinen Kindern erschüttert. Bald hält man ihren Mann für den Mörder, doch Winters Instinkt sagt ihm etwas anderes. Gegen alle Widerstände beginnt er zu ermitteln. Kann er eine Treibjagd verhindern?

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Über das Buch

Einst war Erik Winter Schwedens jüngster Kriminalkommissar, wenig später schon Schwedens erfolgreichster. Sein Gespür für das Böse im Menschen und seine Methoden, manchmal auch nur ein gutes Glas Whisky und die Musik von John Coltrane, führten ihn zum Erfolg. Nun kehrt er nach einer Auszeit aus der Sonne Marbellas in die Dunkelheit Göteborgs zurück. Er fühlt sich mit fünfzig noch zu jung für den Ruhestand. Außerdem hat er eine schreckliche Vorahnung. Schon wenige Stunden nach seiner Rückkehr steht er mit seinen alten Kollegen vor einem Haus, in dem drei Menschen sterben mussten. Das Bild der Mutter und ihrer beiden toten Kinder brennt sich Winter ein. Doch warum ließ der Mörder das jüngste Kind leben?

Über den Autor

ÅKE EDWARDSON, geboren 1953, lebt mit seiner Frau in Göteborg. Einige Monate im Jahr verbringt das Ehepaar im Süden Spaniens, in Marbella. Bevor Edwardson einer der weltweit erfolgreichsten Krimiautoren wurde, arbeitete er als Journalist u. a. im Auftrag der UNO im Nahen Osten. Das dunkle Haus ist der elfte Roman der Erik-Winter-Serie.

Åke Edwardson

Das dunkle Haus

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

Ullstein

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Die Originalausgabe erschien 2012

unter dem Titel Hus vid världens ände

bei Albert Bonniers Förlag, Stockholm.

ISBN 978-3-8437-0709-1

© 2012 by Åke Edwardson

© der deutschsprachigen Ausgabe

2014 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: © Briljans / plainpicture

Alle Rechte vorbehalten.

Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung,

Verbreitung, Speicherung oder Übertragung

können zivil- oder strafrechtlich

verfolgt werden.

eBook: LVD GmbH, Berlin

… love supreme, a love supreme,

A love supreme, a love supreme …

John Coltrane, A Love Supreme

Für Rita

0

Er hatte angefangen, die Steine in Paseon zu zählen, in der ver­gangenen Woche oder irgendwann vor Weihnachten. Eins, zwei, drei, vier, fünf, zwanzig, hundert, die Steine wirkten größer, wenn die Sonne auf der anderen Seite hinter Marokko ins Meer tauchte, wenn sich die Schatten vor ihm auf die Strandpromenade senkten, bis hin zu den Wellenbrechern im Osten. Er zählte wieder Steine.

Es war Zeit, nach Hause zurückzukehren.

Wald und Wüste fließen ineinander. Er trägt immer noch das Gewehr, dasselbe Gewehr, ein Husqvarna, mit dem er zwanzig wilde Tiere getötet hat, hundert. Jetzt geht er durch eine Stadt. Es ist seine Stadt. Hier ist er zu Hause. Hier ist er Jäger, der beste Jäger überhaupt. Ich habe es vermisst, sagt er zu einem Mann, dem er vor dem Einkaufszentrum Nord­stan begegnet. Der Mann trägt eine Lederjacke, Mütze, Fäustlinge, derbe Schuhe. Demnach ist es Winter. Der Mann deutet mit dem Kopf auf das Gewehr an seiner Schulter. Er zielt auf niemanden, hält das Gewehr nur vor sich, während er durch die Straßen geht. »Schön, dass du wieder hier bist!«, ruft der Mann. »Waidmannsheil. Hier gibt es reichlich Bes­tien!« Er hört Schreie aus dem Abgrund, vor sich, hinter sich, rechts und links von sich. Himmel, wie habe ich das alles vermisst. Er schreit selber, die ganze Zeit schreit er, bis Angela ihn schüttelte und zurück in die Wirklichkeit holte.

Es war noch nicht Winter. Hier würde es nie Winter werden, deshalb waren sie ja hier.

»Der Januar ist wirklich der perfekte Monat, um nach Göteborg zurückzukehren«, sagte sie. »Super Wetter.«

»Ich weiß«, sagte er. »Deshalb will ich auch bis Februar warten.«

»Dasselbe Mistwetter.« Sie lächelte nicht. Es war kein Scherz mehr, wenn es überhaupt jemals ein Scherz gewesen war.

»Ziehen dich deine Alpträume zurück?«

»Ja.«

»Du musst mit jemandem darüber sprechen, Erik.«

»Ich spreche doch mit dir.«

»Manchmal bist du wie ein kleiner bockiger Junge.«

»Wir tragen jedes Alter mit uns herum«, sagte er.

»Aber wir sollten nicht jedes Alter zeigen.«

»Jetzt sind wir schon zwei Jahre hier, Angela. Ich … ich weiß nicht …«

»Lass uns bis zum Sommer warten. War das nicht der Sinn? Nicht ausgerechnet im Januar nach Göteborg zurückzugehen?«

»Februar.«

»Cojones, Erik!«

»Du bist in deinem Element, wenn du auf Spanisch fluchst.«

»Genau. Wir reden über den eigentlichen Sinn.«

»Cojones«, sagte er.

»Lilly hat kürzlich gefragt, was das bedeutet. Sie hat auch gefragt, was conjo bedeutet.«

»Was hast du geantwortet?«

»Die Wahrheit.«

»Ihr Ärzte seid auch kein bisschen diskret.«

»Wir haben zu viel gesehen«, sagte sie. »Und du hast auch genug gesehen.«

»Ich weiß, Angela. Es ist nur … ich kann nicht mehr ohne sein. Es ist kein Gift. Es ist etwas anderes.«

»Herr im Himmel.«

»In Bergen ist es noch schlimmer. Bergen ist im Winter die schlimmste Stadt der Welt.«

»Wie sind wir denn jetzt dort gelandet?«

»Eine Reise in der Phantasie.«

»Soll ich etwa froh sein, nicht in der Phantasie nach Bergen reisen zu müssen? Ich soll froh sein, dass wir nur in das zweitschlimmste Winterwetter der Welt fahren?«

»Verdammt conjo-froh«, sagte er.

Sie saßen auf dem Balkon. Es war spät. Die Kinder waren eingeschlafen, Elsa gerade eben, Lilly schon vor mehreren Stunden. Das Brausen der alten Stadt hörten sie nicht mehr. Winter hörte es auch nicht. Teil ihres neuen Lebens war es, Teil der spanischen Stadt zu werden. Warum zum Teufel wollte er zurück in das alte Leben im Norden, zu dem alten Tod im Norden?

»Ich bin noch zu jung«, sagte er. »Zu jung, um in Pension zu gehen. Weißt du, dass ich einmal der jüngste Kriminalkommissar in Schweden war?«

»Ich glaube, das habe ich irgendwann mal gelesen.«

Er hob das Weinglas und trank einen Schluck. Der Wein schmeckte nach Eisen und Blut. Es war eine der billigeren lokalen Marken und trotzdem besser als die Weine im Norden. In Andalusien war die Erde rot.

»Möchtest du als Schwedens ältester Kriminalkommissar enden?«, fragte sie.

»Das weiß ich nicht. Das glaube ich nicht.«

»Heute ist es gefährlicher als früher, als du jung warst«, sagte sie.

»Ich bin immer noch jung.«

»Göteborg hat inzwischen eine Kriminalität von Weltklasse. So war das nicht, als du noch grün warst.«

Er schwieg. Sie hatte recht. Trotzdem war er in seinem ­sogenannten Beruf dem Tod in den vergangenen fünfzehn Jahren mehrere Male nah gewesen. Gefährlich war es immer. Das war der Sinn. Er trank noch einen Schluck Wein. Er fühlte sich nicht betrunken. In einem Land, in dem der Wein nie versiegt, wird man nicht betrunken.

»Ich weiß nicht, warum«, sagte er. »Ich weiß nur, dass ich noch nicht fertig bin.«

»Ich will nicht nörgeln«, sagte sie. »Das habe ich nie getan.«

»Nein.«

»Vor gut zwei Jahren bist du fast in einem Swimmingpool ertrunken«, sagte sie.

»Das habe ich nicht vergessen.«

»Was wird es das nächste Mal sein?«

»Es wird kein nächstes Mal geben.«

»Wie soll ich das nun verstehen? Was bedeutet es?«

»Möchtest du noch etwas Wein?« Er griff nach der Flasche, der zweiten an diesem Abend.

»Ich komme nicht mit«, sagte sie. »Wir bleiben hier, die Kinder und ich. Elsa muss erst die zweite Klasse beenden.«

»Natürlich.«

»Vielleicht auch noch die dritte.«

»Natürlich.«

»Du bist nie erwachsen geworden.« Sie stand auf und ging ins Zimmer. Die Balkontür ließ sie hinter sich offen. Er drehte sich um und sah sie über den Steinfußboden gehen. Es ist ein schönes Gefühl an den Füßen, dachte er, es ist schön geworden, nachdem wir Fußbodenheizung haben einbauen lassen. Die Leute hier haben gedacht, wir wären verrückt.

Im Bett lauschte er auf die Geräusche der Nacht. Er hörte nichts, was er nicht kannte. Das Brausen in seinen Ohren war da, aber daran hatte er sich inzwischen auch gewöhnt, seine Gedanken hatten einen Soundtrack bekommen.

Er stand auf und ging in Lillys Zimmer. Der Steinfußboden war ein wenig kühl, aber nicht kalt, nie kalt. Lilly schnarchte. Er drehte sie vorsichtig um und ging zu Elsa. Sie murmelte etwas im Schlaf, was er nicht verstehen konnte. Er verließ ihr Zimmer. Vorm Fenster dämmerte der Morgen herauf. Er öffnete die Balkontür und trat hinaus. Es duftete nach Kiefernnadeln, Sand, Steinen, Salz und Benzin, als wären Wald, Wüste, Meer, Stadt und Berge eins. Er kehrte ins Wohnzimmer zurück, ohne die Balkontür zu schließen. Auf dem Sofatisch lag ein CD-Cover, Pharoah Sanders Save Our Children, die Musik, die sie spät am vergangenen Abend gehört hatten, Jazz aus Afrika. Rettet unsere Kinder. Er schauderte wie in einem Windhauch vom Mittelmeer. Er wusste, dass etwas Entsetzliches geschehen würde, wenn er in den Norden zurückkehrte, etwas, das er noch nie erlebt hatte. Es zog ihn an. Es wartete auf ihn.

1

Eine der kleineren Anzeigen unter der Rubrik »Tiere«; kleiner Hund, kleine Annonce. Ein Mischlingswelpe. Er rief an, bekam eine Adresse von der Frau, die sich meldete. Er wusste nicht genau, wo in der Stadt es war, aber er fragte nicht, irgendwo in Richtung Süden, er würde es finden. GPS hatte er nicht, aber ganz hinten in den Gelben Seiten gab es ja einen Stadtplan; wer weiß, wie lange es die Gelben Seiten noch geben würde. Bald war alles digitalisiert, aber er beklagte sich nicht, es war sinnlos zu klagen, zu jammern, das kümmerte ja doch niemanden, nur Idioten jammerten.

Er sei der Erste, der anrief, hatte sie gesagt. Das war etwas merkwürdig, die Leute müssten doch wie verrückt anrufen, etwas anderes hatten sie ja kaum noch zu tun. Aber natürlich mochten viele keine Mischlingsrassen, er gehörte auch zu denen, aber das galt nicht für Hunde. Er würde der Erste sein, wenn er gleich losfuhr, dann würde er den Zuschlag bekommen.

Liv erzählte er nichts.

»Ich fahr zum Frölunda torg«, sagte er. »Ich brauche einen Schraubendreher.«

Etwas anderes war ihm nicht eingefallen. Er hatte tausend Schraubendreher mit Aufsätzen aller Art, mehrere davon im Auto. Etwas musste man ja sagen. Sie glaubte ihm. Wenn es um Werkzeug ging, hatte er das letzte Wort.

»Brauchen wir nicht noch etwas?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht.«

»Ich schau mal nach.«

Er hörte sie in die Küche gehen und den Kühlschrank öffnen. Die Tür quietschte wie immer. Niemand kümmerte sich darum. Er würde sich kümmern, wenn er wieder nach Hause kam, und die Scharniere ölen, vielleicht sogar ein Scharnier austauschen. Er besaß das richtige Werkzeug.

»Du kannst eine Dickmilch und eine Milch mitbringen«, rief sie.

Zum Frölunda torg fahren, um Dickmilch und Milch zu kaufen, dachte er. Er wollte nicht einmal in die Richtung.

»Okay«, sagte er.

»Du könntest auch einen Film ausleihen«, rief sie.

Er antwortete nicht.

»Hast du gehört?«

»Ich bin doch nicht taub«, rief er zurück.

»Kannst du einen Film mitbringen?«

»Was willst du haben?«

»Nichts Gruseliges.«

Über Näset kreisten im blassen Sonnenlicht Möwen, schwarz wie Raben. Die Sonne hing knapp über der Schäre draußen in der Bucht, dünn und schüchtern wie eine 25-Watt-Birne. Aber immerhin war es die Sonne, obwohl sie Winter hatten. Der Himmel war fahl und diesig. Es lag nicht viel Schnee. Die Straßen waren trocken. Es gab keinen Grund zu jammern. Er sah seine eigenen Augen im Rückspiegel. »Ich jammere nicht«, sagte er.

Er bog nach Billdal und dann wieder nach rechts zu den Amund-Inseln ab. Als er den höchsten Punkt erreichte, lag das Meer vor ihm. Die Bucht sah aus wie ein Gemälde: schwarzweiß, ein wenig gelb, ein wenig blau.

Das Haus musste nahe Stora Amundö liegen. Er hielt auf einem Stellplatz beim Fähranleger an, gleich neben dem Jacht­hafen. Hier war er schon viele Male gewesen. Er studierte den Stadtplan. Es war nicht mehr weit. Er startete wieder, fuhr an einem großen Parkplatz vorbei und bog in eine kleinere Straße ein. Die Häuser lagen nicht direkt am Meer, immer noch im Stadtgebiet und doch weit entfernt. Es war ganz still. Hier gab es mehr Wald als Meer. Trotzdem roch es nach Meer. Noch einmal kontrollierte er die Adresse. Es war die richtige Nummer, das richtige Haus, ein erst kürzlich erbautes Holzhaus, musste teuer gewesen sein, sah aber nicht teuer aus. Kein Name am Briefkasten, so ein altmodischer aus grünem Plastik. Das gefiel ihm, die neuen aus Blech und mit Schloss waren abartig, groß wie Freizeithäuser, sie waren sogar überdacht. Die Klingel klang mehr wie ein Bohrergeräusch und nicht wie eine Glocke. Er hörte Stimmen, vielleicht Kinderstimmen. Ein Hundebellen. Er hatte die richtige Adresse gefunden. Die Tür wurde geöffnet. Die Frau sah ­ungefähr aus, wie ihre Stimme am Telefon geklungen hatte, nicht jung, nicht alt. Sie trug eine Art Hemd und Jeans. Rote Strümpfe, sein Blick wurde von den roten Strümpfen an­gezogen. Unten neben ihrem Knie sah er ein kleines Gesicht. Die Augen schauten mit einem Ausdruck zu ihm auf, als wäre er gefährlich. Als wäre ich unheimlich, dachte er.

Der Welpe hüpfte um seine Füße herum. Kleiner Kopf, die langen Beine erstaunten ihn, aber andererseits hatte er keinen blassen Schimmer von Hunden.

»Christian … Runstig?«, fragte sie.

»Ja. Und Sie sind Frau Mars?«

Sie nickte.

»Und das ist Lassie.« Er deutete mit dem Kopf auf den Welpen. Der war jetzt auf dem Weg zurück in die Diele, lief, spielte.

»Sie heißt nicht Lassie«, sagte das kleine Gesicht weiter unten.

»Ich hab nur Spaß gemacht«, sagte er. »Wie heißt du denn?«

Das Kind antwortete nicht. Sein Gesicht verschwand. Er hörte Schritte, die sich entfernten, dünn wie raschelndes Laub, und vor seinem inneren Auge sah er ein Bild von Laub, das über den Fußboden im Haus geweht wurde, durch die Diele, durch alle Räume.

»Die Kinder sind traurig«, sagte die Frau.

»Ich verstehe.« Er glaubte jedenfalls, es zu verstehen. Er verstand, dass Kinder Hunde mögen, vielleicht alle Tiere. Es liegt in der Natur von Kindern, dass sie Tiere mögen; manche Kinder reißen Fliegen die Beine aus, aber die gehören zur Minderheit. Es ist besser, Tiere zu mögen als Menschen. Tiere sind immer unschuldig.

»Wir haben sie erst eine Woche«, hörte er die Frau sagen. »Aber schon nach vierundzwanzig Stunden bekam ich Ausschlag.«

Er sah keinen Ausschlag, aber sicher stimmte es, aus welchem Grund sollte sie lügen?

»Das ist schade«, sagte er.

Er hörte ein Kind im Haus schreien. Es war die Stimme eines sehr kleinen Kindes.

»Die Kleine ist aufgewacht«, sagte die Frau.

»Wie viele Kinder haben … Sie?«

»Drei«, antwortete die Frau, drehte sich zur Diele um und dann wieder zurück zu ihm.

»Wer konnte auch ahnen, dass ich gegen Tierhaare allergisch werde«, sagte sie. »Jedenfalls gegen Hunde. Oder diesen Hund.« Sie schien zu lächeln.

»So was kann man im Voraus nicht wissen«, sagte er.

»Ich bin noch nie gegen irgendetwas allergisch gewesen, soweit ich weiß.«

Der Hund war auf die Treppe hinausgelaufen und wieder zurück ins Haus. Es war ein kleiner Hund mit großer Zunge; er bildete sich ein, irgendwo gelesen zu haben, dass die heraushängende Zunge etwas mit der Atmung zu tun hatte. Menschen waren sich zu fein, die Zunge heraushängen zu lassen.

»Sie ist eine Mischung aus Labrador und Border Collie«, sagte die Frau. »Angeblich soll man nicht allergisch gegen Collies sein, oder waren es Pudel?«

Er stieß ein Lachen aus.

»Mir ist es egal, was sie ist«, sagte er.

»Ich hoffe, Sie mögen den Hund.«

Hinter ihm fuhr ein Auto vorbei. Er drehte sich nicht um. Das Autogeräusch entfernte sich in Richtung Meer. Vom Himmel schwebten einzelne dünne Flocken. Er hob den Blick, der Schnee fiel aus einem farblosen Himmel. Jetzt waren die blassen Farben ganz verschwunden.

»Es soll eine Überraschung für meine Frau werden«, sagte er.

»Wir wollen nur hoffen, dass sie nicht allergisch ist.«

»Ist sie nicht. Ich weiß es.«

»Ja … dann kommen Sie herein«, sagte sie.

»Es dauert nicht lange«, sagte er.

2

Winter trat über die Schwelle, obwohl es eigentlich nie eine Schwelle gegeben hatte. Das Polizeipräsidium sollte im Takt mit der neuen Zeit modernisiert werden. In den vergangenen zwei Jahren hatte sich viel verändert. Sein Parkplatz war in einem Loch verschwunden. Er empfand es wie ein Verbrechen. Der Platz war das Zuhause seines Mercedes gewesen. Es schneite, Schnee bedeckte den Krater, aber das war ja nun egal.

Auf dem Weg nach oben betrachtete er sein Gesicht im Fahrstuhlspiegel. In dem gnadenlosen Licht wirkte es ge­altert, das drohende Alter war schon eingeritzt. Aber noch war es nur eine Drohung, noch war alles, wie es sein sollte. Wer zweiundfünfzig ist, hat das Gesicht, das er verdient. Er sah die Liftwände im Spiegel, Wände wie in einer Zelle, wie eine Vorahnung dessen, was ihn erwartete. Der Spiegel schien neu zu sein. Beim Abmontieren des alten war er dabei ge­wesen. Ein Festgenommener hatte sich daran verletzt, oder es zumindest versucht. Doch diesen Spiegel hatte ein anderer ausgesucht, jemand, der eitel war, vielleicht Halders.

Die Wände oben im Dezernat waren dieselben, nur der Name seiner Abteilung hatte sich geändert: Dezernat für Schwerstverbrechen. Die Wände waren von unbestimm­barer Farbe, die ihre Inspiration aus Kaufhäusern und Folterkammern bezog. Himmel, wie er diese Nicht-Farbe hasste. Sie hatte zu seinem Entschluss beigetragen, den ganzen Mist hinzuschmeißen. Alle anderen Anlässe hatte er auf dem Grund eines Swimmingpools in Nueva Andalucia zurückgelassen.

Aber dies war die Zukunft, für die er sich selbst entschieden hatte. Dies waren seine Wände, seine Gruppe. Seine Jäger. Winter klopfte an die offene Tür zum Konferenzraum. Die Köpfe am Tisch wandten sich ihm zu. Die meisten kannte er, zum Glück.

»Der verlorene Sohn«, sagte Fredrik Halders, erhob sich, kam auf ihn zu und umarmte ihn. Dass Halders jemanden umarmte, und überdies einen Mann – das musste mit dem Umbau des Gebäudes zusammenhängen, an manchen Stellen lockerte sich etwas, Hartes konnte weich werden.

»Wenn er verloren wäre, würde er ja nicht vor dir stehen«, sagte Aneta Djanali. Sie hatte sich ebenfalls erhoben.

»Willkommen beim KGB«, sagte Halders und trat einen Schritt zurück. »Oder sind wir beim GRU? Das ganze Haus soll einen neuen Namen kriegen. Rate mal, welchen!«

»Lubjanka?«, fragte Winter.

»Genau!« Halders trat einen weiteren Schritt von Winter zurück. »Ich hab schon befürchtet, du wärst noch fetter geworden, Erik.«

Robert Krol war der erste Zeuge. Nur wenige Stunden nach der Entdeckung erzählte er Erik Winter von seinem üblichen Vormittagsspaziergang auf einem der Pfade zum Wasser hin­unter, und was er auf halber Höhe bei den Häusern bemerkt hatte.

Vor einer Stunde, erzählte er, habe es wieder angefangen zu schneien, die gleichen dicken Flocken wie erst kürzlich. Das hatte ihm nicht gefallen. War der Boden über Silvester schneefrei gewesen, dann konnte er es auch bleiben, bald würde es ja ohnehin Frühling werden, oder? Der Boden hatte keine Sehnsucht, jetzt noch weiß zu werden, da es auch im Dezember keinen Schnee gegeben hatte. Die Kinder würden sich vielleicht freuen, aber man lebte in Göteborg, hier sind die Kinder an schneefreien Boden gewöhnt. Wer Weiß sehen wollte, konnte ja in die Berge fahren. Er wollte kein Weiß sehen. Seine Farben waren Grün und Blau. Auf dem Spielplatz, wo sich der Fahrradweg und die Amundöviksschleife kreuzten und wo er wohnte, liefen Kinder herum. Einige waren schon halb oben im Kletterturm, der wie die Brücke auf einem Handelsschiff aussah. So kam es ihm jedenfalls vor. Das passte auch hierher, an die Bucht mit dem Meer dahinter.

Der Weg, auf dem er ging, war mit Schneematsch bedeckt, mäandernde Autoreifenspuren, als wäre hier jemand mit einigen Promille im Blut entlanggefahren. Er war froh, dass er seine Gummistiefel angezogen hatte, jedes andere Schuhwerk wäre verdorben worden. Es schneite weiter, die Flocken wurden kleiner und härter; das bedeutete, dass es kälter geworden war. Er spürte den Wind durch die Jacke. Während seines Spaziergangs war die Temperatur stark gefallen. Die gefrorenen Reifenspuren auf der Straße sahen aus wie Wellen, die mitten in der Bewegung zu Eis erstarrt waren.

Aus Sandras Briefkasten, so ein altmodischer grüner ohne Schloss, ragten einige Zeitungen. Sie waren traurig durchnässt, eingeschneit. Er hatte sie schon auf dem Weg zur Amundöbrücke gesehen. Er ging zum Briefkasten, versuchte, die Zeitungen hineinzudrücken. Es gelang ihm nicht, denn sie waren in der Kälte zu knisterndem Eis erstarrt. Im Briefkasten lagen noch eine Zeitung und Post. Drei Zeitungen, drei Tage. Sandra und die Kinder könnten plötzlich verreist sein, vielleicht waren sie zu Jovan gefahren. War der inzwischen nicht in eine eigene Wohnung gezogen, nachdem er lange im Hotel gelebt hatte? Hatte sie ihm nicht bei einer ihrer Begegnungen erzählt, wann immer das gewesen sein mochte, Jovan wohne nun in Stockholm? Sie hatte nicht froh ausgesehen, aber wer konnte in ihrer Situation froh sein? Er erinnerte sich glasklar an alles, an das, was kürzlich passiert war, was vor einem halben Jahrhundert passiert war. Er hatte ein gutes Gedächtnis.

In den vergangenen drei Tagen war er jeden Vormittag hier vorbeigekommen, und die ganze Zeit hatte Sandras V70 vor dem Haus gestanden. Sie fuhr ihn nie in die Garage, wenn sie allein mit den Kindern war. Er vermutete, dass sie sich nicht traute, Frauen trauten sich selten, Autos in die Garage zu fahren. Ihnen fiel es schwer, Abstände richtig einzuschätzen. Woran mochte das liegen? Das Auto war schon eine ganze Weile nicht mehr bewegt worden. Es war von altem und neuem Schnee bedeckt. Innerhalb von drei Tagen musste sie doch irgendetwas in der Stadt einkaufen? Allein mit drei kleinen Kindern kam man von hier ohne Auto nicht weg. Er sah sich um. Betrat das Grundstück, ging zur Tür und klingelte. Drinnen hüpfte der Klingelton wie ein Echo, vor und zurück. Es klang, als wäre das Haus größer, als es wirklich war. Als wäre es aus Stein erbaut und nicht aus Holz. Er klingelte noch einmal. Niemand öffnete, drinnen keine Schritte. Der Klingelknopf fühlte sich kalt an, als könnte der Finger festfrieren. Er sah sich wieder um. Drinnen erstarben die Signale. Er meinte, einen Schrei zu hören. Ein Säugling, der im Haus schrie. Er rief: »Hallo, Sandra, hallo! Seid ihr da?« Sie hatten nie Kinder bekommen, er und Irma. Zu ihr ging er dann nach Haus, so schnell es sein Knie zuließ, er wusste, dass sie immer zu Hause auf ihn warten würde. Es hatte aufgehört zu schneien, und es war kalt, verflixt kalt.

»Ruf die Polizei!«, rief er laut, als er im Vorraum stand, eingehüllt in die Kälte des Nordwindes, den er mit hereingebracht hatte. Er rief noch einmal.

Die Zentrale dirigierte einen Wagen nach Amundövik. Niemand wusste etwas, außer dass in einem Haus offenbar ein Säugling eingesperrt war. Polizeiinspektor Vedran Ivankovic suchte sich zwischen neuen Schneewehen und einigen Tretschlitten, die an einer Pforte abgestellt waren, einen Weg zu der angegebenen Adresse.

»Hier ist es wie auf dem Land«, sagte seine Kollegin Paula Nykvist und zeigte auf die altmodischen Tretschlitten. »Richtig idyllisch.«

»Wir sind auf dem Land«, sagte Ivankovic. »In einem kleinen Dorf auf dem Land.«

»Da steht jemand.« Nykvist deutete mit dem Kopf auf einen älteren Mann, der vor dem Haus auf und ab trippelte. Er hatte einen grauen Bart und trug eine Wollmütze. »Er sieht aus wie ein alter Seebär.«

Sie parkten das Auto und stiegen aus.

»Irgendetwas stimmt hier nicht«, sagte Krol, als er auf sie zukam. Er zog ein Bein etwas nach. »Das Kind schreit. In diesem Haus gibt es ein Baby, es schreit, aber niemand öffnet.«

Nykvist nickte. Sie ging auf das Haus zu. Es wirkte groß und gleichzeitig klein. Es war die hellste Zeit am Tag, doch das Haus schien im Dunkeln zu liegen, wie in ständiger Dunkelheit. Eine böse Dunkelheit, dachte sie, ich habe so eine Situation schon mehrere Mal erlebt, ich erkenne das Böse, bevor ich ihm ins Gesicht schaue.

»Die Tür ist abgeschlossen«, sagte Krol hinter ihr. »Niemand öffnet. Ich habe mehrmals geklingelt.«

Auch jetzt öffnete niemand auf ihr Klingeln.

Sie warteten darauf, dass die Signale im Haus verstummten.

»Ich höre das Baby!«, sagte Nykvist.

Sie hatte Angst. Sie hatte keine Angst. Sie hatte Angst. Sie …

»Das Auto ist seit drei Tagen nicht bewegt worden«, hörte sie den Seebär sagen. »Niemand hat die Post aus dem Briefkasten genommen.«

Wieder hörte sie das Baby schreien. Das Schreien scheint jetzt schwächer zu werden, dachte Nykvist. Es klingt, als käme es von dort. Sie ging zu einem Fenster einige Meter links von der Haustür. Von drinnen hörte sie das Kind. Sie wischte ein Guckloch in die zugefrorene Scheibe, spähte hinein, sah ein Gitterbett, etwas, das sich einige Meter tiefer im Zimmer bewegte. Das Zimmer musste direkt links von der Diele liegen.

»Wir gehen rein!«, rief sie Ivankovic zu.

Er brauchte fünfzehn Sekunden, um das Schloss zu öffnen. Das war eine sehr lange Zeit.

Sie betraten das Haus, Ivankovic als Erster, gefolgt von Nykvist. Sie ging sofort zu dem Kind, hob es aus dem Bett, alles war nass und heiß und kalt zugleich, alles war schlimmer, als es jemals gewesen war.

Ivankovic nahm den Geruch wahr, der sich aus den Türen tiefer im Flur auf ihn zu stürzen schien. Er kannte den Geruch, ein Gestank, aber er wollte es nicht wissen. Jetzt war er auf dem Weg zu den Türen. Er sah die Leichen und rief das Revier an, die Nachricht wurde weitergeleitet, alles innerhalb von Sekunden, hoffte er, sie sollte das Dezernat für Schwerstverbrechen bereits erreicht haben. Paula kam mit etwas im Arm von links, der Alte hinter ihr sagte etwas.

Winter und Ringmar fuhren in südlicher Richtung. Es schneite immer noch. Das Askimbad war ein weißes Feld, das Meer eine weiße bewegungslose Masse. Mitten auf dem Feld stand ein einsames Fahrrad. Es erinnerte an etwas. Winter kam nur nicht darauf, an was.

»Als die Kinder noch klein waren, sind wir manchmal abends mit dem Rad hierhergefahren.« Ringmar betrachtete das Fahrrad auf dem Feld und die alten Gebäude der Bade­anstalt. »Zu der Zeit war es abends häufig schön.« Er drehte sich zu Winter um. »Kannst du dich noch daran erinnern, Erik? Dass es früher häufig schöne Abende gegeben hat?«

Die Ampel sprang um, Winter fuhr an. Er dachte daran, dass es hier früher keine Ampeln gegeben hatte. Es war die Hölle gewesen, sich vom Parkplatz des Bades auf die Säröumgehung einzufädeln. Sie hätten öfter mit dem Rad fahren sollen. Ringmar hatte recht. Aber Ringmar war zweihundert Jahre älter, er hatte mehr in seinem Leben getan, all das, was Winter noch vor sich hatte. Im nächsten Jahr würde Bertil in Pension gehen oder erst im übernächsten. Oder ein Jahrzehnt später. Bertil war größer als das Leben, ihn würde es immer geben.

»Es waren schöne Abende«, wiederholte Ringmar. »Die Migranten haben gegrillt. Überall am Strand roch es nach gegrilltem Fleisch. Sie brachten immer ihren eigenen Grill mit.«

»Daran erinnere ich mich«, sagte Winter. »Es hat wahnsinnig gut gerochen.«

»Ich weiß nicht, wie es jetzt ist«, sagte Ringmar. »Vielleicht kommen sie nicht mehr hierher.«

»Wir können im Sommer mal mit dem Rad herfahren«, sagte Winter und fuhr weiter Richtung Süden.

»Lieber mit dem Auto«, sagte Ringmar. »Ich glaube, ich möchte nicht mehr so weite Strecken mit dem Rad fahren.«

»Mit dem Auto ist es nicht dasselbe, Bertil. Und du hast eine bessere Kondition als ich.«

Ringmar antwortete nicht.

»Ich mag nicht, was ich gleich sehen werde«, sagte er nach einer Weile.

Sie kamen am Hallenbad vorbei, das linker Hand lag. Dorthin hatte Ringmar Moa und Martin früher zum Schwimmtraining gebracht. Während die Kinder trainierten, war er eine Runde gelaufen, an der Kirche vorbei, über die Umgehung, hinunter zum Hovåsbad, an dem stillge­legten Bahnhof vorbei und wieder zurück. Es war eine andere Welt gewesen, am anderen Ende der Welt, in der er jetzt lebte. Ihm war es vorgekommen, als liefe er durch ein fremdes Land, in dem es anders duftete. Als die Kinder mit dem Schwimmtraining aufhörten, war er trotzdem ein paar Mal in der Woche hierhergefahren, um diese verdammte Runde zu laufen. Er wusste, dass es eine Art Therapie war, wusste aber nicht wofür. Das wurde ihm erst später klar, als er weder einen Sohn noch eine Ehefrau und nur noch selten eine Tochter hatte. Da hatte er erwogen, sich zu Tode zu laufen, wie ein alter Traber, der den ganzen Scheiß satthat. Mit dem Gedanken beschäftigte er sich hin und wieder immer noch. Er wollte es nicht tun. Das war destruktive Selbsttherapie.

Winter verließ die Umgehung und bog bei dem alten Kodakhaus ab, das ihn daran erinnerte, wie er und Angela mit den Kindern nach Stora Amundö zum Baden gefahren waren, wegen der Klippen, der Sonne. Alles hier erinnerte ihn an die Kinder. Kinder waren es auch, die ihn erwarteten, so viel Information hatte er von der Funkstreife bekommen.

Das war der Grund, warum er nach Hause zurückgekehrt war, schon am ersten Arbeitstag in seiner neuen Inkarnation. Willkommen zu Hause, Winter.

Die Polizisten warteten auf der Straße vor dem Haus zusammen mit einem älteren Mann, der etwas zu erklären schien. Er sah Winter und Ringmar aus dem Auto steigen und kam ihnen leicht o-beinig entgegen.

»Das Kind ist bei meiner Frau«, sagte er.

»Es sieht schlecht aus. Der Krankenwagen ist unterwegs«, sagte Nykvist. »Er müsste eigentlich schon hier sein. Es ist verdammt eilig.«

»Das Baby bekommt ein wenig Flüssigkeit von Frau Krol«, sagte Ivankovic und deutete mit dem Kopf auf den Mann.

»Sie ist Krankenschwester, jedenfalls war sie es früher«, sagte Krol. »Sie weiß, was zu tun ist.«

Aber Winter hörte ihnen nicht zu. Er horchte nach etwas anderem. Es hing mit all dem zusammen, was er im Augenblick sah: das Haus, das Auto in der Auffahrt, die Straße, im Hintergrund die Klippen, die Bäume im Wind, der Schnee, der weiße Schnee, der alles wie mit einem verschlissenen Tuch zuzudecken versuchte.

In seinem Innern hörte er einen Schrei, der jeden anderen Laut erstickte, etwas in der Tiefe des Brausens in seinen ­Ohren, und dieser Schrei würde für immer bleiben, aber nur hier, in dem, was er sah, wie ein schwarzer Kreis um dieses Haus am Ende der Welt. Jetzt sah er nur das Haus, der Schnee, der es stellenweise bedeckte, war schwarz. Es war, als stünde das Haus in einem Krater, in den sich der Wind gesenkt hatte und aus dem er sich nie mehr erheben würde.

Er wandte sich an Ivankovic.

»Wie viele Leichen haben Sie gesehen?«

»Ich bin nicht sicher. Zwei oder drei.«

»Wo?«

»Da bin ich mir auch nicht sicher.«

»Hat die Frau hier allein mit den Kindern gelebt?«

»Ihr Mann wohnt offenbar vorübergehend woanders.«

»Warum?«, sagte Winter mehr zu sich selbst. Auf diese Frage konnte noch niemand eine genaue Antwort geben. Immer dieses verdammte Warum, das jedes Mal zu früh auftauchte und das immer sehr schwer, unmöglich zu beantworten war, es war wie eine Frage von Gott.

»Jovan ist zu einer Art Ausbildung in einer anderen Stadt«, sagte Krol.

»Heißt er Jovan?«

»Ja. Manpower.«

»Heißt er Jovan Manpower?«, fragte Ringmar.

Krol sah ihn an, als zweifle er an seinem Verstand.

»Wir gehen durch die Garage ins Haus«, sagte Winter und setzte sich in Bewegung.

Das Garagentor war nicht ganz geschlossen, es war einge­froren. Winter, dessen Hände in Lederhandschuhen steckten, zog daran, und das Tor gab langsam nach. In der Garage war es dunkel, aber in der hinteren Wand konnte Winter eine Tür ausmachen. Er ging über den Betonboden darauf zu. Hinter sich hörte er Bertil atmen. Niemand sagte etwas.

Die Tür führte in einen kleinen Vorraum. Winter sah eine weitere Tür. Die Stille dröhnte. Er durchquerte den Raum und öffnete die zweite Tür. Auf der anderen Seite war ein weiterer Vorraum, größer, etwas heller, eine Diele. Sofort nahm er den Geruch wahr, den Geruch des Todes. Es gab nichts, das diesem Geruch glich, nichts auf der ganzen Welt.

Er bemerkte einen Kinderschuh. Auf dem Fußboden lag ein kleiner Fäustling, er lag neben Winters Stiefel. Er sah, dass auch Bertil ihn sah. Bertil ging gerade durch die linke von zwei weiteren Türen rechts von der Diele und blieb auf der Schwelle stehen, drehte sich um und schaute Winter schweigend an. Winter spürte, dass er sich bewegte, stellte sich neben Bertil, musterte den Raum, der das Wohnzimmer sein musste: ein Sofa, einige Sessel, ein Flachbild-Fernseher, ein Bücherregal, eine Vitrine mit Porzellan und Gläsern, auf dem Sofa eine Jeans, über den Tisch verstreut Figuren, vielleicht Teile eines Gesellschaftsspiels, auf dem Fußboden eine zerrissene Bluse und ein übel zugerichteter kleiner Körper, halb verborgen unter einer Art Plaid. Bertil hob eine Hand, zeigte mit dem Pistolenlauf auf das Kind, bisher hatte noch keiner von ihnen ein Wort gesagt, sie hatten sich nur vorsichtig bewegt. Winter wusste, dass das Rauschen in seinem Ohr jetzt laut war, hörte es jedoch nicht, solchen Scheiß fegte das Adrenalin einfach beiseite. Er versuchte zu sehen, alles zu ­erfassen, jetzt und nur jetzt, ein weiteres Mal würde es nicht geben, alles in diesem Raum musste gesammelt, gekennzeichnet, analysiert, durchleuchtet und obduziert werden, Speichelproben mussten genommen werden, aber es gab nur diese einzige erste Chance, erste Eindrücke wie diese, nicht die Rekonstruktion, Wiederholung, sondern dieses scharfe Bild, auf dem der Täter selber ihm erzählte, was geschehen war, in welcher Reihenfolge, wie es geschehen war, es ging eher um das, was fehlte, als um das, was am Platz war.

»Das Schlafzimmer.« Er drehte sich um und betrat das letzte Zimmer, das von der Diele abging. Die Tür stand offen. Das Erste, was er wahrnahm, war das tote Licht draußen. Es versuchte durch das einzige Fenster einzudringen – ein sinnloser Versuch, genauso sinnlos wie der Versuch, die Frau und das Kind, die auf dem Doppelbett lagen, das einen großen Teil des Raumes füllte, wieder zum Leben erwecken zu wollen. Die Menschen im Schlafzimmer waren sehr weit vom Leben entfernt, und das schon mehrere Tage, so viel verstand er von Kriminaltechnik, und derjenige, der sie um ihr Leben gebracht hatte, war keine Risiken eingegangen.

»Jesus«, hörte er Bertils Stimme hinter sich, wie eine Bestätigung seiner eigenen Gedanken.

Winter schwieg.

»Ich krieg keine Luft«, sagte Ringmar. Im selben Moment hörte Winter Geräusche vom Fenster. Zuerst glaubte er, jemand klopfe von draußen an die Scheiben. Aber es war ein Vogel, der gegen die Scheibe pickte; der Vogel wollte herein, vielleicht war er ein Freund des Mädchens, das auf dem Bett vor ihm lag. Komm hier nicht rein. Winter sah die Konturen des kleinen Vogelkörpers wie ein Schattenspiel. Komm niemals in dieses Zimmer.

Das Bett war gemacht, die Leichen lagen auf dem Bettüberwurf. Ihre Köpfe reichten nicht bis zu den Kopfkissen hinauf. Die Frau lag in einer eigentümlich gekrümmten Position, als ob sie Yoga machte. Das würde ihr jetzt nicht mehr helfen, vielleicht im Jenseits. Das Metall der Pistole war wie Eis an seiner Handfläche. Die Waffe war sinnlos, wie das Licht im frühen Februar, er könnte die Sig Sauer so oft abfeuern wie er wollte, ohne dass es für die Toten in diesem Haus etwas ändern würde. Konnte er selber noch etwas ändern? Das war es, weswegen er nach Hause zurückgekehrt war, sich nach Hause gesehnt, nach genau dem hier gesehnt hatte, der Jagd. Diese Jagd würde die größte von allen werden, sie begann in diesem Moment.

Der Welpe, der noch keinen Namen hatte, betrachtete ihn mit einem Blick, der alles oder nichts ausdrückte. Hinter den Augen eines Hundes verbirgt sich nicht viel Intelligenz und auch keine Erinnerung. Er bezweifelte, dass sich Hunde nach einigen Tagen überhaupt an etwas erinnern konnten, vielleicht nie. Er war kein Experte. Liv war auch keine Expertin, aber sie hatte sich gefreut, als er mit dem neuen Familienmitglied nach Hause gekommen war.

»Wie heißt sie?«

»Den Namen müssen wir uns selber einfallen lassen.«

»Ist das nicht seltsam?«

»Ich hab jedenfalls keinen Namen mitgekriegt.«

»Hoffentlich bin ich nicht allergisch«, sagte Liv.

»Wir testen es fünf Tage lang.«

»Habt ihr das so abgesprochen?«

»Ja. Die Frau ist allergisch. Ist es geworden, als sie sich den Köter angeschafft haben.«

»Dann können sie ihn doch nicht zurücknehmen.« Liv streichelte den Hals des Welpen. »Das brauchen sie auch nicht. Du bleibst hier, mein Freund.« Sie sah zu ihm auf. »Sie ist im Januar zu uns gekommen. Wir nennen sie Jana.«

Liv streichelte die Schnauze des Hundes. »Willkommen zu Hause, Jana.« Sie schaute auf. »War sie teuer?«

»Nein. Vier Hunderter, ein symbolischer Preis, hat die Frau gesagt, vor allen Dingen, um Idioten fernzuhalten, die die Anzeige gelesen haben.«

Er stand auf.

»Ich hab vergessen einzukaufen.«

»Es geht auch ohne«, sagte sie. »Ich hab sowieso keine Lust auf einen Film.«

»Aber ich brauche einen neuen Schraubendreher. Der alte ist kaputt.«

Die Leute von der Spurensicherung bewegten sich wie Marsmenschen durch das Haus. Draußen von dem weißen Rasen, wo er stand, sah Winter durch das Fenster die weißgekleideten Gestalten. Alles war vertraut und fremd zugleich. Er hörte einen Schrei, schaute hinauf und sah schwarze Vögel wie ein Netz am Himmel über dem Meer verschwinden. Es war der richtige Instinkt: Flieht aus dieser Hölle, so schnell und so angenehm wie möglich.

Bertils Blick war irgendwo anders. Winter sah Halders und Aneta aus einem Wagen der Fahndung steigen. Gut, dass sie hier waren. Sie würden alle zusammen sein, bis es vor­über war. Er würde diesen Teufel vom einen Ende der Welt bis zum anderen jagen. Es war ein wahrer Gedanke, banal, kompliziert.

»Fucking Jesus, was ist passiert?«, fragte Halders.

»Zwei Kinder, eine Frau«, sagte Ringmar. »Messer, wie es aussieht.«

»Küchenmesser?«

»Weiß ich nicht.«

Halders schaute sich um. Er konnte nichts entdecken, was ihm gefiel. Sackgassen hatten ihm noch nie gefallen. Vororte, Villenviertel und Idyllen waren Sackgassen. Noch nie hatte er Tatorte gemocht. Noch nie hatte er Verbrechen gemocht. Eigentlich hatte er auch Gewalt noch nie gemocht, selbst wenn das niemand verstand. Eigentlich mochte er fast gar nichts, nur seine Kinder und Aneta und die Menschen, mit denen er zusammenarbeitete.

»Ein Baby hat überlebt«, fuhr Ringmar fort.

»Das Familienoberhaupt hat die Familie wohl mit Küchenwerkzeug zurechtgewiesen.« Halders begegnete Anetas Blick. »Es war keine Frage«, sagte er. »Auch keine Behauptung.«

Doch alle wussten, dass es im Augenblick genau um die Frage ging. Es war die üblichste Frage, und es war die ganz übliche Antwort. Banal, kompliziert und wahr.

»Er hält sich angeblich in Stockholm auf«, sagte Winter. »Bei irgendeiner Ausbildung. Wir haben ihn noch nicht erreicht.«

Torsten Öberg kam aus dem Haus. Er war der Chef der Spurensicherung, eigentlich Stellvertreter, aber niemand wusste, wie der oberste Chef hieß. Öberg nahm Raumfahrerhelm und Mundschutz ab.

»Da drinnen riecht es nicht gut. Es ist schon einige Tage her«, sagte er, »mindestens drei, vielleicht mehr. Elf Messerstiche bei der Frau, soweit wir im Moment sehen. Mehrere davon können tödlich gewesen sein.«

»Und die Kinder?«, fragte Djanali.

»Derselbe Scheiß.« Öberg atmete tief ein und aus. »Aber keine sexuelle Gewalt, soweit wir es im Augenblick beurteilen können.«

»Nur Mord«, sagte Djanali. Mehr gab es in diesem Moment nicht zu sagen. Nur Mord.

»Warum so viele Stiche?«, sagte Ringmar wie zu sich selber.

Öberg zuckte mit den Schultern. Es war keine gleichgültige Geste. Wir werden sehen. Die Arbeit lag noch vor ihnen.

»Es kann eine große Rolle spielen«, sagte Halders. »Hast du ein Messer gefunden, Torsten?«

»Nein, noch nicht.«

»Ist es dasselbe?«

»Dasselbe was?«

»Du weißt schon.«

»Im Moment weiß ich gar nichts.«

Winter sah Öberg an. Er fragte sich, ob Torsten es sagen würde. Es gab nichts mehr. Öberg war zurückhaltend mit der Weitergabe von Informationen an Kollegen. Es war etwas anderes. Da war etwas, was Öberg für sich behielt, weil er die Bilder in seinem Gehirn noch nicht sortiert hatte. Sie würden kommen, bei jedem in der Gruppe, die hier unter dem unbarmherzigen Himmel zusammen stand. Sie würden alle die Fotos sehen. Winter und Ringmar hatten die Wirklichkeit gesehen.

3

Die Stille hing tief über der Bucht. Tief. Als würde sie heruntergedrückt und sich wie Betonstaub über alles legen, über ihn. Der Himmel war ein Dach, das niemand wollte und das niemand brauchte.

Der Himmel über Spanien setzte sich fort zu anderen Sonnensystemen. Im Norden verbarg er alles, was es rundum auf der Welt gab. Hier begann und endete die Welt, an dieser Stelle, wo Winter stand.

Er bewegte sich durch den grauen Sand, spürte den Wind, der von Südwesten kam. Der hatte gerade sein Grundstück fünfzehn Kilometer weiter südlich passiert, den Strand, der ihm allein gehörte, seiner Familie, ein eigener Strand, von dem er innerhalb von zwei Sekunden Steine zurück ins Meer schleudern konnte, die zehn Millionen Jahre gebraucht hatten, um an die Wasseroberfläche zu gelangen.

Die Stille im Haus war heiß und klebrig. Er sah all das Weiße vor dem Fenster, es hatte aufgehört zu schneien, und dann hatte es wieder angefangen. Draußen rührte sich nichts. Es dämmerte bereits. Er schaute auf seine Armbanduhr, halb drei. Seit drei Stunden war er hier, drei Stunden in dem Haus am Ende der Welt. Die Räume waren erfüllt vom Tod und dem Geruch des Todes. Alles um ihn herum trug Spuren von Leben, aber es war Leben aus vergangener Zeit. Vergangener Zeit von drei Tagen, oder einigen mehr. Oder weniger.

Er betrat das Zimmer, das noch nach Leben duftete. Von hier aus sah man die Schären im Meer. Das Babybett hatte nah am Fenster gestanden, und auf die Stelle fiel jetzt das verblassende Tageslicht.

Warum war dieses Kind am Leben geblieben? War es ein Zufall? Oder war es umgekehrt, noch teuflischer: einem langen Sterben überlassen, einem einsamen Tod, ohne etwas zu verstehen, nur den Schmerz, den Hunger, die Kälte, die Hitze, ohne Sprache. Ohne Erinnerung. Hatte das Baby den Mörder gesehen? Hatte er es aus dem Bett gehoben? Hatte er es gar nicht bemerkt? Das Kind hatte einen Namen, Greta. Ihre Person existierte noch in ihrem Namen im Unterschied zu den anderen, die nur noch Erinnerung waren, in der Erinnerung Lebender.

Torstens Leute hatten das Bett und alles andere aus dem Zimmer mitgenommen. Winter verließ sich auf Torsten, Spuren waren entscheidende Beweise, wichtiger als jemand, der ein Geständnis ablegte, die Leute konnten alles Mög­liche gestehen, sich in den Abgrund phantasieren.

Er ging einmal um das Bett herum, sah es immer noch dort stehen. Hier war er hereingekommen, in dem Moment, das Kind war schon weg gewesen, es war bei Frau Krol, aber alles andere war noch da gewesen, das Bettzeug, das auf dem Fußboden lag … was hatte auf dem Boden gelegen?

Was habe ich gesehen? Etwas Weiches habe ich gesehen, irgendein kleines Kuscheltier, so eins wie Elsa und Lilly gehabt haben, Kuscheltiere, die ich selber gekauft habe, schadstofffrei und groß genug, damit die Kinder sie nicht verschlucken konnten. Warum hat es an der Stelle gelegen? Greta hatte noch keine Kraft, es so weit zu werfen. Warum lag es ganz hinten in der Ecke?

Was hatte er im Bett gesehen?

Was hatte er nicht gesehen?

Was habe ich gesehen?

Was habe ich nicht gesehen?

Jetzt wusste er, was er nicht gesehen hatte. Nicht auf dem Fußboden. Nicht im Bett. Nirgends.

Er nahm sein iPhone aus der Tasche und gab Torstens Kurzwahl ein. Der Kollege meldete sich nach dem dritten ­Signal.

»Ich bin in dem Haus bei Amundö. Habt ihr hier einen Nuckel gefunden?«

»Nuckel? Das muss ich überprüfen. Ich gehe gerade alles durch. Wie du weißt, habe ich mit dem Kinderzimmer nicht viel zu tun gehabt.«

»Ja, das waren Lisbeth und Mario, nicht?«

»Genau. Ich werde sie fragen. Lisbeth ist gerade im Haus. Ich kann sie sofort fragen.«

»Bitte.«

Torsten bohrte nicht weiter nach. Ihm brauchte Winter nie etwas zu erklären. Fragen brachten nichts. Winter lauschte nach Geräuschen außerhalb des Hauses, aber da draußen gab es nur die Stille des Winters. In seinem Kopf brauste es, er machte ein paar Schritte über den leeren Fußboden.

»Erik?«

»Ich bin hier.«

»Kein Treffer.«

»Seid ihr sicher?«

»Was zum Teufel denkst du denn?«

»Entschuldige, Torsten.«

»Kein Nuckel in dem Zimmer. Es hätte eigentlich einen geben müssen.«

»Vielleicht hat das Kind an den Fingern gelutscht«, sagte Winter. »Das hat Lilly immer gemacht. Tut es jetzt sogar noch manchmal, wenn ich ehrlich sein soll. Sie hat nie einen Nuckel besessen.«

»Du wirst den Vater fragen müssen.«

»Er wird sagen, das Baby habe einen Nuckel gehabt«, sagte Winter.

»Dann …«

»Nein, ich weiß nicht. Oder der Mörder hat den Nuckel mitgenommen.«

»Warte mal«, sage Öberg. »Lisbeth kommt gerade herein.«

Winter hörte Stimmen im Hintergrund.

»In einer Küchenschublade haben wir mehrere Nuckel gefunden«, sagte Öberg in den Hörer. »Es war offenbar ein Nuckelkind, oder sie haben die Nuckel der älteren Kinder zur Erinnerung in der Schublade aufbewahrt.«

»Der Scheißkerl hat den Nuckel mitgenommen. Er hat ihn angefasst. Er wusste, dass er ihn angefasst hat.«

»Schon möglich. Warum hat er ihn berührt?«

»Er hat versucht, das Kind zu beruhigen.«

Winter stand im Wohnzimmer, sah aus dem Fenster, inside looking out, dachte er, vielleicht Marsalis. Jetzt wusste er, an was ihn die Felsen oberhalb des Hauses erinnerten. An einen Zweimaster, ein Segel aus Stein, abgetrennt vom Meer.

Der Junge hatte teilweise verborgen unter der Decke ge­legen, einem Plaid. Warum? Wollte der Mörder ihn nicht mehr sehen? Winter kauerte sich vor der Kontur des ermordeten Kindes auf dem Fußboden hin. Der Junge hatte Erik geheißen, heißt immer noch Erik, dachte Winter. Er war fünf Jahre alt geworden. An den Wänden hingen Fotos von ihm, Fotos standen auf Kommoden, überall, zusammen mit der kleinen Schwester, allein, zusammen mit der großen Schwester, die Anna geheißen hatte. Anna heißt, dachte er.

Das andere Schlafzimmer betrat er nicht, nicht jetzt.

Er stellte sich vor die Eingangstür in der Diele. Sie hatten keine Spuren von einem Einbruch gefunden. Torstens Männer hätten sie sofort entdeckt, so etwas sah man.

Winter drehte sich um. Auf dem Fußboden zeichneten sich noch Schleifspuren ab. Jemand war hereingekommen, und die Frau hatte dort gestanden, dort, eins der Kinder dort, vielleicht beide. Es hatte Streit gegeben, Bewegung, eine Art Widerstand, vielleicht nicht von Anfang an. Oder gar kein Widerstand. So etwas ließ sich im Nachhinein arrangieren, war arrangiert von einem kaltblütigen Mörder. Gestylt, dachte er, alles lässt sich stylen. Das meiste ließ sich im Nachhinein arrangieren, jedoch nicht alles. In der Diele gibt es Blut, schon hier hat es angefangen. Die Blutbilder werden ihre Geschichte erzählen, in Torstens Team gibt es zwei Männer mit Spezialwissen, wie man Blutbilder interpretiert. Das Bild kann viel über einen Täter verraten, die Absicht, anderes. Blutspritzer in verschiedene Richtungen, aus verschiedenen Richtungen. Die Reihenfolge, nettes Wort, Richtung, Anzahl der Stiche. Der Teufel hatte seine eigene Waffe mitgebracht. Alles war schon in Bewegung.

Blut über Blut, dachte er, das Blut über dem Blut.

Sein Handy klingelte.

»Ja?«

»Bist du immer noch da draußen?«

»Ja.«

»Was fühlst du?«, fragte Ringmar.

»Warum fragst du danach?«

In der Leitung wurde es still. Warum frage ich das? War­um sage ich das? Ich habe ganz vergessen, wie es in der früheren Inkarnation war, und muss wieder lernen, mich auf Bertil einzustellen. Die Methode. Ich muss wieder lernen, der Phantasie freien Lauf zu lassen. Wahrscheinlich habe ich zu viel in der Sonne gelegen.

»Ich habe das Gefühl, er hat sie gekannt, Bertil. Oder andersherum ausgedrückt, sie kannte den Mörder.«

»Wie?«

»Naher Freund.«

»Wie nah?«

»Nah genug.«

»Aber warum nicht warten?«

»Der Hunger begann schon im Vorraum.«

»Der Hunger?«

»Ja.«

»Hat sie ihm die Tür geöffnet?«

»Ja.«

Winter kehrte in das Kinderzimmer zurück. Er schaute aus dem Fenster, sah die Straße, Häuser, Autos, weiße Felder, Felsen, Himmel, Meer, er konnte alles sehen.

»Er konnte alles sehen«, sagte er.

»Was? Alles im Haus?«

»Mit diesem Fenster ist irgendetwas«, sagte Winter.

»Welchem Fenster?«

»Im Kinderzimmer, in dem das Baby war.«

»Er konnte das Baby sehen? Von draußen?«

»Er konnte alles sehen«, wiederholte Winter, aber seine Stimme klang wie aus einem anderen Winkel des Zimmers, fast so, als könnte er sie selber kaum hören. Er wusste selbst nicht, was es bedeutete, was er gesagt hatte, doch er würde es herausfinden, davon war er überzeugt.

Um halb zehn rief Angela an. Er hatte gerade die Balkon­türen geschlossen. Es war kalt im Zimmer, das war gut. Er hatte sich noch zwei Fingerbreit Springbank eingeschenkt, 21er, aber nur zwei. Innerlich wurde ihm warm, äußerlich war ihm kalt.

»Was machst du gerade?«

»Dämmerstunde.«

»Dämmert es bei euch nicht schon seit sechs Stunden?«

»Es ist den ganzen Tag dämmrig.«

»Das habe ich dir ja prophezeit, als du weggefahren bist. Als du uns verlassen hast.«

»Du hattest recht.«

»Hast du etwas getrunken?«

»Vier Fingerbreit.«

»Deine Stimme klingt so gedämpft.«

»Hm.«

»War der erste Arbeitstag schwer? Kannst du es mir erzählen?«

»Lieber nicht.«

»Ist es so furchtbar?«

»Schlimmer.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Schlafen die Kinder schon?«

»Ja. Elsa ist vor einer halben Stunde eingeschlafen. Siv ist gerade nach Hause gefahren.«

»Wie viele Fingerbreit hat meine liebe Mutter denn getrunken?«

»Ha, ha.«

»Bist du sicher, dass Elsa schon schläft?«

»Ja. Wolltest du mit ihr sprechen?«

»Ja.«

»Soll ich sie wecken?«

»Nein, nein.«

»Hängt es mit dem zusammen, was heute passiert ist, dass du ihre Stimme hören möchtest?«

Er antwortete nicht. Unten auf dem Vasaplatsen rief ­jemand etwas. Es klang wie ein Schrei, konnte aber auch ein Lachen sein, ein Betrunkener, der mit Lichtgeschwindigkeit zwischen Himmel und Hölle unterwegs war.

»Erik? Was ist passiert?«

»Genau das muss ich herausfinden.«

Er schloss die Augen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und versuchte sich zu entspannen, versuchte durch die Matratze hindurchzusinken, die Bilder loszulassen, zu spüren, wie sich all das Harte auflöste und durch Weiches ersetzt wurde, und dann Schlaf ohne Träume. In seinen Ohren hob und senkte sich das Brausen des Meeres, ohne auf die siebte Welle zu warten, dort gab es keinen Respekt vor dem Gleichmaß. Tagsüber und an den meisten Abenden ging es gut, aber im Moment des Einschlafens, der nicht kam, dröhnte das Brausen durch seinen Kopf. Er wollte nicht aufstehen, wollte keine Schlaftablette nehmen, er wollte nicht noch einen Whisky trinken, er wollte nur wegschlafen von dem Brausen, ein Leben in Saus und Braus, wie die Schwachen den Tinnitus nennen. Er nannte ihn eine Selbstverständlichkeit, vielleicht eine Notwendigkeit: Die Kopfschmerzen in den vergangenen Jahren waren schließlich explodiert, seltsamerweise erst, nachdem alles vorbei war, und seine Ärzte – darunter Angela – hatten ihm gratuliert, dass sein Gehirn nicht durch eine irreparable Blutung vernichtet worden war. Hieß das so? Irreparabel? Keine Reserveteile mehr zur Verfügung.

Er drehte sich um. Das Brausen wurde leiser, als hätte sich das Meer zurückgezogen. Aber ganz würde es sich nie zurückziehen, das wusste er. Schließlich hatte er all die Jahre auf der Überholspur gelebt, den Tank voller Adrenalin, und als er das endlich aufgegeben hatte, war er verrückt geworden, jedenfalls für einen Augenblick, zehn Minuten lang, er hatte an einem Swimmingpool in Nueva Andalucia, diesem verfluchten Ort, gestanden und zugesehen, wie ein Mann versuchte, sich selbst zu ertränken, und wie ein anderer Mann versuchte, das Leben des Mörders zu retten. Er, Winter, war leer gewesen, vollständig leer, und als sich Hände nach ihm ausstreckten, Gefahr? Rettung?, hatte er sie ohne Billigung des Gehirns ergriffen, wie in einem Reflex, und er war unter Wasser gezogen worden, hatte festgesteckt wie in einem Kreuz. Wasser war in seinen Kopf geströmt und hatte die Leere gefüllt; das blaue Wasser hatte gereicht, das künstliche Wasser, er hatte sich entspannt und zum Grund sinken lassen. Dann war er langsam unter den Körpern entlanggeschwommen, die immer noch an der Oberfläche kämpften, hatte die Leiter erreicht und sich hochgestemmt, und sein einziger Gedanke in dem Moment war, dass er nicht einmal das Bedürfnis empfunden hatte, Luft zu holen. Der Schmerz war erst gekommen, als er gezwungen war, die spanische Nachtluft in seine Lungen einzuziehen. Sie war kalt gewesen, das Wasser im Pool war noch warm gewesen von der Sonne des Tages. Das Wasser hatte ihn umarmt.

Und dann befand er sich plötzlich an anderen Orten, die immer fremd waren. Der Schlaf ging unmittelbar in Traum über. Er folgte einem Schatten, der sich scharf gegen die schrägen Sonnenstrahlen abzeichnete, ein langer Schatten, länger als alles andere. Der in der Mitte abbrach, als er hinter einer Hauswand verschwand, die weiß war wie eine angestrahlte Filmleinwand, auf der sich nichts bewegte. Er passierte die Wand, bog um die Ecke und sah den Schatten in einiger Entfernung, der sich wie ein perfekter Graben durch das Feld bis zum Meer hinunterzog. Er folgte der geraden Linie, die sich langsam von ihm entfernte, und ganz vorn beim Kopf, wenn es denn ein Kopf war, verschwand der Schatten im Wasser, bewegte sich weiter ins Meer hinein wie eine rußige Linie über den Wellen, teilte das Wasser, und Winter stand jetzt am Ufer und hörte das Brausen, das Einzige, was er hörte, war das Brausen. Er drehte sich um, jemand rief nach ihm, er sah einen Arm, der an einem Fenster winkte, eine zeigende Hand, er sah mehrere Hände, die auf etwas zeigten. Alle schienen auf das Meer zu deuten, und er drehte sich wieder um. Der Schatten war auf dem Weg zurück, aber diesmal war er nicht allein.

Huh!

Er zuckte im Bett zusammen, als hätte er einen Schlag bekommen.

Er war schon im Begriff aufzustehen, wie auf der Flucht, als wäre er noch halb im Alptraum gefangen. Er sah die Schatten angreifen. Er hatte einen ihrer Köpfe gesehen.

Huh!

Winter schauderte, als stürme ein Wind durch seine Wohnung. Er war nackt. In seinem Kopf brauste es stark. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte drei. Er hatte etwa zwei Stunden geschlafen und das Gefühl, als hätte er die ganze Zeit geträumt. Hatte der Traum so lange gedauert, wo hatte er angefangen? War noch mehr passiert? Hatte er sich auch noch an einem anderen Ort abgespielt? War es gar nicht am Meer gewesen?

Das Rauschen aus dem Wasserhahn klang fast genauso wie das Brausen in seinen Ohren. Er ließ das Wasser laufen, stand mit dem Glas in der Hand da, füllte es schließlich und trank. Die fuchtelnden Arme ließen sich nicht aus seiner Erinnerung verscheuchen. Sie wollten ihn warnen, dessen war er sicher, aber da war noch etwas anderes. Als er sich umdrehte, hatte er das Haus in Amundövik erkannt. Jemand hatte aus dem Obergeschoss gewinkt. Dort, fast unter dem Dach, hatte er den ersten Arm wie eine wehende Fahne ge­sehen. Aber im Obergeschoss war doch gar nichts passiert. Dort war es still gewesen, sauber, ein fast obszöner Kon­trast. Torstens Leute hatten das Zimmer natürlich auch untersucht, aber bis dorthin war das Entsetzen nicht gedrungen, nicht die siebzehn Treppenstufen hinauf. Er hatte sie gezählt. Die Hölle auf Erden befand sich im Erdgeschoss.

Winter stellte das Glas auf der Marmorbank ab. Das Obergeschoss. Dort gab es etwas. Er hatte nicht genau genug hingesehen, nicht genau genug gelauscht. Nicht verstanden.

Er ging zurück ins Schlafzimmer und zog sich rasch an. Als er sein Hemd zuknöpfte, hörte er das Gebell aus seinem Traum, hörte es ganz klar, aber erst jetzt, als hätte es mehr Zeit gebraucht, um die Schichten des Bewusstseins zu durchdringen. Ein einsamer Hund, der ein einsames Gebell von sich gab. Woher kam es? Hatten sie einen Hund gehabt? Hatte die Familie Mars einen Hund gehabt? Hatte Torsten etwas von einem Hund gesagt? Es hatte so viel anderes gegeben. Hatten sie den Mann gefragt, Jovan Mars? Er würde heute aus Stockholm kommen. Gestern war er nicht ansprechbar gewesen.

Winter rief Egil Torner an, Sandras Vater. Er versuchte, sein Beileid auszudrücken, oder wie zum Teufel man es nennen sollte, es gelang natürlich nie, nicht ein einziges Mal.

»Ich möchte gern mit Ihnen sprechen«, sagte er.

»Wir sprechen ja schon«, sagte Torner.

»So habe ich es nicht gemeint.«

»Ich habe keine Kraft.«

»Wer könnte so etwas getan haben?«, fragte Winter.

»Niemand«, antwortete Torner. »Im Augenblick versuche ich mir einzureden, dass es nicht passiert ist. Es ist sinnlos, mich jetzt zu verhören. Es ist nicht passiert.«

»Ich schicke Ihnen Hilfe«, sagte Winter.

»Auf keinen Fall. Ich werde nicht ins Meer springen. Aber ich kann im Augenblick keinen klaren Gedanken fassen, ich kann überhaupt nicht denken.«

Janas Bellen hallte über das Wasser. Hier kann dich niemand hören. In dieser Bucht kann dich niemand bellen hören.

Die Schären in der Bucht waren leer und einsam, sie blitzten wie Gold im Sonnenschein. Er hatte seine Sonnenbrille aufgesetzt, als sie das Meer erreichten. Auch Februarsonne kann den Augen schaden.

»Nun lauf schon!«, rief er dem Welpen zu. »Du darfst laufen!« Er zeigte über die Felsen. »Dahin!«

Der Hund sah ihn mit einem Ausdruck an, der vielleicht Misstrauen war. Wer wusste, was Hunde wussten? Viel konnte es nicht sein. Nach wenigen Tagen war alle Erin­nerung weg. Das hatte er irgendwo gelesen. Nach einer ge­wissen Zeit empfinden Hunde keinen Verlust mehr. Es konnte sich nur um Tage handeln. Vielleicht verhielt es sich mit Menschen ähnlich. Alles andere war ein Spiel, ein Schauspiel. Er hasste Schauspiele. Alles muss real sein, dachte er, bückte sich, hob ein Stöckchen auf und warf es über die Klippen. Der Blick des Hundes folgte dem Bogen in der Luft.

»Lauf, Jana! Hol es!«

Jana blieb, wo sie war. Sie drehte den Kopf zur Bucht hin und bellte wieder. Dort gab es nichts, vielleicht nur etwas, das allein Tiere wahrnehmen können. Gab es Dinge, die nur Tiere sahen? Konnten sie sich an etwas erinnern, was nur sie gesehen hatten?

Er setzte sich in Bewegung. Endlich begriff der Hund. Er ging neben ihm her, hüpfte vielmehr und zappelte, ungefähr wie ein kleines Kind.

Er hatte Liv aufgefordert, auf die Schäre mitzukommen. Es wird dir guttun, hatte er gesagt. Massenhaft frische Luft.

»Ich bin müde«, hatte sie geantwortet.

»Genau aus dem Grund.«

»Es ist kalt.«

»Es ist Februar! Die Sonne scheint!«

»Nein. Geht ihr nur.«

Geht ihr. Als wären sie eine Gesellschaft, die das Zuhause ohne sie verlassen sollte. Der Rest der Familie. Geht ihr. Es half nichts, was er auch versuchte. Sie verließ die Wohnung nicht. Wenn es eine Depression war, brauchte sie Hilfe. Sie wollte keine Hilfe. In jedem Winter dasselbe. Es war zu dunkel, zu lange dunkel. Gerade deswegen sollte sie hinausgehen. Jetzt schien die Sonne.

»Die Sonne scheint!«, hatte er wiederholt.

»Christian, ich habe Kopfschmerzen«, hatte sie gesagt. »Vielleicht morgen.«

»Womöglich lässt sich die Sonne dann mehrere Wochen nicht mehr blicken, Liv.«

»Morgen. Ich hab gelesen, dass es noch eine Weile schön bleiben soll.«

»Morgen kommst du also mit?«

»Ja.«

»Versprichst du das?«

»Versprochen.«

Aber er wusste, dass ihr Versprechen nichts wert war. Morgen war ein neuer Tag mit neuen Problemen. Jetzt war er allein mit Jana, und daran würde sich wohl auch in Zukunft nichts ändern.

Der Welpe war ein Stück vorausgerannt. Er begann sich daran zu gewöhnen. Vielleicht erschienen ihm die Felsen nicht mehr so bedrohlich.

»Ist es nicht schön hier!«, rief er. Jana drehte sich um. Er meinte ein Lächeln bei der Kreatur zu erkennen. Das war gut, Lächeln steht allen Wesen gut.

»Der Mörder bringt also die Familie um und nimmt den Hund mit«, sagte Halders.

»Den Hund?«

»Es hat einen Hund im Haus gegeben. Sie haben einen Hund gehabt, hat Torsten gesagt, bevor er ins Dezernat zurückgefahren ist. Selbst ich erkenne Hundehaare, hat er gesagt. Aber er war nicht ganz sicher. Vielleicht hatten sie Besuch, der einen Hund dabeihatte. Allzu viele Spuren gab es nicht.«

»Die Sache wird ja immer seltsamer«, sagte Djanali.

»Womöglich ist der Mörder zusammen mit seinem Hund gekommen und hat die Familie umgebracht.«

»Nicht die ganze Familie«, sagte Djanali. »Er hat nicht die ganze Familie getötet.«

»Umso schlimmer«, sagte Halders.

»Wie meinst du das?«

Halders antwortete nicht sofort. Sie lagen in dem Bett, das für sie beide groß genug war. Sie waren nicht verheiratet, aber es war ihr Bett. Das Haus hatte ihm und Margareta gehört, aber nun war es ihr beider Haus. Magda und Hannes waren ihre Kinder. Das hatte sich so ergeben. Möchtest du ein Kind haben, Aneta?, hatte er sie einmal gefragt, vielleicht war er angetrunken gewesen. Ich habe zwei, hatte sie geantwortet. Drei übrigens, hatte sie nach einer Weile hinzugefügt.

Er stand auf, ging zum Fenster und schaute auf die Lichter der Millionenstadt hinunter. Sie bedeckten die ganze Fläche unterhalb Lunden, zogen sich hin bis zum Meer, das Meilen entfernt war. Großgöteborg hatte im letzten Jahr die Millionengrenze weit überschritten, nun lebten sie in einer Großstadt am dünnbesiedelten Rand der Welt. Vor langer Zeit, als er als junger Polizist hierhergekommen war, hatte es ein einziges Pferd in der Stadt gegeben, einen Saloon, ein Hotel, eine Straße. Wie schnell das alles gegangen war. Die Stadt lag noch immer am Ende der Welt, aber sie hatte sich mit diesen Menschenmassen bevölkert. Woher waren sie gekommen? Nicht alle waren hier geboren. Nicht alle würden hier sterben, dachte er und drehte sich um.

»Ich glaube, er hat das Baby zum Sterben zurückgelassen«, sagte er. »Das ist noch teuflischer.«

»Wir wissen es nicht.« Sie stand ebenfalls auf, stellte sich neben ihn und schaute durch die großen Fenster. »Vielleicht wusste er nichts von dem Baby. Es befand sich in einem anderen Zimmer.«

»Das ist Wunschdenken«, sagte Halders, aber seine Stimme klang sehr weich.