Beschreibung

Eine Tote auf dem Spielplatz ist erst der Anfang
Die Sexualstraftäterin Tuula Lahti-Haapala wird nach Verbüßung ihrer Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – und noch am selben Abend auf einem Kinderspielplatz ermordet. Ist eines ihrer früheren Opfer der Täter?
Unter Tuulas Hinterlassenschaften entdeckt Ermittlerin Maria Kallio mehrere Zeitungsauschnitte über den bekannten Sänger Tarmo Mättö. Zuerst deutet nichts auf einen Zusammenhang hin, bis sich herausstellt, dass eines von Tuulas Opfern gleichzeitig Pflegekind von Mättös Ex-Frau Hannele war. Als Hanneles Leiche in ihrem Haus aufgefunden wird, beginnt Kallio nach Verbindungen zwischen den rätselhaften Toden zu suchen. Die Spur führt zu einem Verbrechen, mit dessen Ausmaßen niemand gerechnet hätte …

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EPUB

Seitenzahl: 565


Leena Lehtolainen

Das Ende des Spiels

Maria Kallio ermittelt

Roman

Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Eine Tote auf dem Spielplatz ist erst der Anfang.

 

Die Sexualstraftäterin Tuula Lahti-Haapala wird nach Verbüßung ihrer Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – und noch am selben Abend auf einem Kinderspielplatz ermordet. Ist eines ihrer früheren Opfer der Täter?

Unter Tuulas Hinterlassenschaften entdeckt Ermittlerin Maria Kallio mehrere Zeitungsausschnitte über den bekannten Sänger Tarmo Mättö. Zuerst deutet nichts auf einen Zusammenhang hin, bis sich herausstellt, dass eines von Tuulas Opfern gleichzeitig Pflegekind von Mättös Exfrau Hannele war. Als Hanneles Leiche in ihrem Haus aufgefunden wird, beginnt Kallio nach Verbindungen zwischen den rätselhaften Toden zu suchen. Die Spur führt zu einem Verbrechen, mit dessen Ausmaßen niemand gerechnet hätte …

Über Leena Lehtolainen

Leena Lehtolainen, 1964 geboren, lebt und arbeitet als Kritikerin und Autorin in Degerby, westlich von Helsinki. Sie ist eine der auch international erfolgreichsten finnischen Schriftstellerinnen. 1994 erschien in Deutschland der erste Roman mit der Anwältin und Kommissarin Maria Kallio, 2012 der erste Teil der Leibwächterinnen-Serie.

Für Mikko

 

Ich habe dir lange tief in die Augen geblickt

– danke für dreißig Ehejahre

1

Niemand wartete vor dem Gefängnistor. Als die Frau sich auf den Weg zur Fernstraße machte, wärmte die Morgensonne ihre Wangen. Bis zum Bahnhof waren es fast sieben Kilometer, so weit war sie seit Jahren nicht mehr gelaufen. Die Luft roch anders als auf der Freifläche der Haftanstalt: nach feuchtem Gras, welkendem Laub, zerdrückten Vogelbeeren. Es war Erntezeit. Bald würde man das Getreide mähen, die Kartoffeln würden ausgebuddelt. Was gelebt hatte, musste sterben.

Nach einem Kilometer war die Frau außer Atem, und obwohl sie mit leichtem Gepäck unterwegs war, taten ihr die Beine weh. Doch es fiel ihr leicht, den Schmerz zu ignorieren. Sie hatte jahrelang außerhalb des sogenannten normalen Lebens gelebt und glaubte nicht, dass sie wieder in die Normalität zurückkehren konnte. Ihre Besitztümer befanden sich in einem Lagerhaus an der westlichen Ausfallstraße, den Mietvertrag für ihre Wohnung hatte sie gleich nach ihrer Verurteilung gekündigt. Sie hatte kein Zuhause, in dem sie sich vor sich selbst und ihren Taten verstecken konnte.

Nach und nach fanden ihre Schritte einen gleichmäßigen Rhythmus, auf den sie sich ganz und gar konzentrierte. Ihre Gedanken verflüchtigten sich, es gab nichts anderes als die langsam voranschreitende Bewegung. Der Bus zum Bahnhof bremste genau in dem Moment, als sie an die Haltestelle kam, doch sie stieg nicht ein. Auf der Fußgängerbrücke über die Fernstraße blieb sie kurz stehen. Der Vormittagsverkehr war nicht besonders lebhaft; bei einem Sprung in die Tiefe würde sie vielleicht gar nicht unter ein Auto kommen. Und sie wollte keine Unschuldigen mehr in Angst und Schrecken versetzen. Der Storch würde zu leicht davonkommen, wenn sie sich umbrachte.

Der Nahverkehrszug nach Helsinki sollte eine Viertelstunde nach ihrer Ankunft am Bahnhof abfahren. Sie hatte Zeit, zur Toilette zu gehen und sich eine Flasche Cola zu kaufen. Die Fahrkartenverkäuferin musterte sie wie eine x-beliebige, schwitzende Vierzigjährige. Im Zug schreckte niemand bei ihrem Anblick zurück, die Schaffnerin lächelte sogar ein wenig und betrachtete bewundernd ihre langen schwarzrot lackierten Fingernägel. Hätten die Leute gewusst, wer sie war, hätten sie ihren Abscheu nicht verbergen können.

Sie stieg in Pasila aus und löste ein Ticket für den Lokalzug. Gegenüber der Sozialarbeiterin im Gefängnis hatte sie behauptet, sie werde die erste Nacht bei ihrer Cousine in Kirkkonummi verbringen. Dort konnte sie sich natürlich nicht blicken lassen. Wenn sie ein Nachtquartier brauchte, würde sie in ein Hotel gehen. Das Geld, das sie bei sich hatte, reichte für ein paar Nächte in einer billigen Pension. Außerdem waren für die Arbeit im Gefängnis ein paar Hunderter auf ihr Konto überwiesen worden. Die musste sie abheben. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wo sich die Bankfilialen befanden. In vier Jahren hatte sich vieles geändert.

Die Bibliothek war allerdings noch an ihrem alten Platz. Die Frau schlüpfte in ihre schützende Anonymität, fand einen freien PC und bestätigte ihre Planung für den Abend. Alles war, wie es sein sollte. Sie empfand weder Freude noch Frieden, sie hatte nur das Gefühl, dass etwas Unausweichliches und Richtiges eintreten würde. Am Bahnhof aß sie einen Hamburger, nicht weil sie Appetit darauf hatte, sondern weil sie sich nach langer Zeit ihr Mittagessen selbst aussuchen konnte. Dann stieg sie in den nächsten Zug.

Die Umgebung des Bahnhofs von Kera war so trist wie früher. Sie ging zu dem verlassenen Verkehrsübungsplatz. Der Storch hatte ihr die Chance versprochen, wenigstens bei einem etwas wiedergutzumachen. Deshalb musste sie an den Ort zurückkommen, den sie aus der Kindheit kannte. Obwohl die Birken bereits einen Teil ihres Laubs verloren hatten, schützten die Bäume noch vor dem Nieselregen. Sie setzte sich an den Waldrand, lehnte den Kopf an einen dicken Baumstamm und dachte an Olli. Sie hatte den Jungen hierher gebracht, um mit ihm Fahrradfahren zu üben, wie es sich für eine ältere Stiefschwester gehört. Sie erinnerte sich an den unschuldigen Blick seiner blauen Augen, über den sich allmählich ein Schatten gelegt hatte. Sie hatte versucht, den Schatten zu vertreiben, aber mit den falschen Mitteln.

In ihrem Tagtraum vermischte Olli sich mit all den anderen, den Braunäugigen, Goldlockigen, Weichhändigen. Zu spät wurde sie von den Schritten aufgeschreckt. Der Storch hatte sie überrascht und stürzte sich sofort auf sie. Ihre Muskeln, vom Leben hinter Gittern geschwächt, konnten keine Gegenwehr leisten, als er eine Kette um ihren Hals legte und zuzog.

Sekundenschnell begriff sie, was sie tun musste, und versuchte, dem Storch die Augen zu zerkratzen. Eben zu diesem Zweck hatte sie sich die Fingernägel wachsen lassen. Es kümmerte sie nicht, dass der Nagel am rechten Mittelfinger sofort abbrach und dass sie keine Luft mehr bekam. Sie kämpfte, bis ihre Lungen zu zerreißen drohten und die Dunkelheit übermächtig wurde. Ihr letzter Gedanke, bevor sie das Bewusstsein verlor: Endlich war es ihr gelungen, den Storch zu besiegen.

2

«Ki-Ju-Abteilung, Kallio.»

Ich musste mich immer noch konzentrieren, um mich am Diensthandy korrekt zu melden. Es war kurz nach acht Uhr am Freitagabend, und ich war längst von meinem Arbeitsplatz im Polizeipräsidium von Espoo nach Hause gegangen. Um diese Zeit rief niemand ohne Grund an.

«Pohjola hier, hallo. Es gibt Arbeit für uns. Noch dazu beinahe hinter dem Präsidium. Bist du zu Hause, oder feierst du irgendwo ins Wochenende?»

Ich stand vom Sofa auf und ging ins Schlafzimmer, damit Antti das Gespräch nicht hörte. Die heutige Folge der Lustigsten Home Videos würde ich verpassen.

«Was ist los?»

«Eine Leiche auf dem alten Verkehrsübungsplatz in Karamalmi», erklärte Kristo Pohjola. «Eine Frau, offenbar stranguliert.»

«Eine Frau? Wie alt ist die Tote, hat sie Papiere bei sich?»

«Knapp vierzig.»

Beinahe wäre mir das Handy aus den Fingern gerutscht. Ich arbeitete nicht mehr im Gewaltdezernat, sondern in einer Sondereinheit der Espooer Polizei, die sich einerseits mit Verbrechen an Kindern und Jugendlichen und andererseits mit minderjährigen Tätern befasste. Morde an Volljährigen fielen nicht in unsere Zuständigkeit.

«Warum alarmierst du mich bei einem erwachsenen Opfer? Oder wurde der Täter gefasst und ist minderjährig?»

«Über den Täter wissen wir nichts, aber die Leiche konnte anhand der Personalpapiere vorläufig identifiziert werden. Es ist Tuula Lahti-Haapala. Sie wurde heute früh aus dem Gefängnis in Hämeenlinna entlassen, nachdem sie eine Strafe von vier Jahren und zehn Monaten wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen verbüßt hatte. Deshalb haben wir den Fall am Hals, jedenfalls fürs Erste, so hat es unser stellvertretender Polizeichef Nummi angeordnet. Kannst du gleich kommen? Ich bin an der Fundstelle, der Fotograf, die KTU und ein paar Streifen sind auch hier. Nimm Regenzeug mit, dem Regenradar nach soll es in einer Viertelstunde wie aus Kübeln gießen.»

«Wer hat die Leiche gefunden?», fragte ich noch, aber Kristo hatte schon aufgelegt. Ich seufzte, stieg aus der Jeans und zog stattdessen eine dicke Sportleggings an. An meinem Pullover hingen Haare von unserer Katze Venjamin, und Hakkarainen, der Einsatzleiter der Kriminaltechnik, würde ausflippen, wenn ich sie am Leichenfundort verstreute. Also zog ich mir einen anderen über. Goretex-Jacke und Wanderschuhe boten besseren Schutz als ein Regenschirm. Ich packte Handy, Stirnlampe, Schreibzeug und einen Nussriegel in meinen wasserfesten Rucksack. Dann band ich mir die Haare zusammen und setzte eine Reflektormütze auf. Mit Lippenpflegestift komplettierte ich mein Dienst-Outfit.

Im Wohnzimmer lachte Antti über die Perserkatze im Fernsehen, die sich auf der gerade geöffneten, noch warmen Klappe des Geschirrspülers räkelte. In der Küche duftete es nach der Steinpilzpasta, die wir essen wollten, wenn Taneli vom Krafttraining kam. Iida richtete schon den Salat an.

«Wohin gehst du?», fragte sie. Es kam selten vor, dass Iida an einem Freitagabend zu Hause war. Eigentlich hatten wir nach dem Abendessen Brettspiele spielen wollen. Die anderen würden ohne mich anfangen müssen.

«Zur Arbeit. Ich weiß nicht, wie lange es dauert. Wartet nicht auf mich.»

Iida machte große Augen, begnügte sich aber damit, die Hand auszustrecken und mir auf die Schulter zu klopfen. Antti schüttelte den Kopf, doch auch er verkniff sich jeden Kommentar. Meine Familie wusste, dass ich nicht erzählen durfte, was passiert war. Taneli radelte gerade auf den Hof, als ich mein Fahrrad aus dem Schuppen holte. Auf zwei Rädern kam ich schneller ans Ziel als mit dem Auto.

«Fährst du zum Verkehrsübungsplatz?» Taneli war offenbar an der Fundstelle vorbeigekommen.

«Wieso?»

«Da ist irgendwas los, die Polizei sperrt die Wege ab.»

Ich nickte seufzend. Meine Familie hatte sich daran gewöhnt, dass wir nicht über meine Fälle sprachen, aber sie hatte auch gelernt, ihre Schlüsse zu ziehen. Zum Glück führte Tanelis Weg von der Eishalle nach Hause seitlich am Verkehrsübungsplatz vorbei und nicht mitten durch den Park.

Meine frühere Abteilung, die Einheit für Untypische Gewaltdelikte, die Ville Puupponen in Club der Seltsamen Wesen umgetauft hatte, war im Frühjahr aufgelöst worden. In den ersten Wochen meiner Arbeitslosigkeit hatte ich eigentlich nur dagesessen und abwechselnd die Wände und das Treiben unserer Katzen angestarrt. Wie erschöpft ich war, hatte ich erst begriffen, als ich endlich Zeit hatte, die Müdigkeit zu spüren. Allmählich hatte ich mich dazu aufgerafft zu joggen, war aber oft ins Schlendern verfallen und hatte mich in der Betrachtung der Natur verloren. Mitunter hatte ich minutenlang das Gewimmel in einem Ameisenhaufen oder die Schatten der Bäume auf dem Asphalt betrachtet. Nach zwei Monaten hatte ich sogar das Gewürzregal geputzt, einen Haufen zu klein gewordener Kleidung auf den Flohmarkt gebracht und – mit wechselndem Erfolg – für meine Familie gekocht.

Nach vier Monaten Arbeitslosigkeit hatte die Polizeiabteilung des Innenministeriums mich kontaktiert und mir ein Projekt angeboten. Ich sollte untersuchen, wie sich gegen Kinder und Jugendliche gerichtete Straftaten und auch die von dieser Altersgruppe begangenen Delikte im 21. Jahrhundert entwickelt hatten. Rekrutiert hatte mich der leitende Referent Mikko Rajajoki, mein früherer Kommilitone an der juristischen Fakultät. Ich hatte Statistiken analysiert und Polizisten, Sozialarbeiter und jugendliche Straftäter interviewt. Mein Bericht war einige Tage lang Thema in den Medien gewesen, doch zu meinem Verdruss konzentrierten sich die meisten Artikel nur darauf, dass die fehlende Strafandrohung Jugendliche unter fünfzehn Jahren zu Gesetzverstößen animierte. Meine Arbeit hatte zur Folge, dass in zwei Polizeibezirken, in West-Uusimaa und in Oulu, eine auf fünf Jahre befristete Ki-Ju-Einheit gegründet worden war. Wenn das Experiment sich als fruchtbar erwies, würde das Konzept möglicherweise auf das ganze Land ausgeweitet werden.

Die ersten Tropfen fielen, als ich aus der Bahnunterführung fuhr. Ich zog die Kapuze in die Stirn und strampelte schneller. Der Verkehrsübungsplatz in Karamalmi war ein merkwürdiger vergessener Fleck in der Nähe der neuen Hauptgeschäftsstelle von Nokia und der Bahnstrecke. Der neue Bebauungsplan sah eine gründliche Umgestaltung des Areals vor, der der alte Park zum Opfer fallen würde. Die Bauarbeiten sollten im Spätherbst beginnen.

Die hellen Lampen verrieten, dass im Park etwas vor sich ging. Trotz des Regens standen ein paar Gaffer an der Absperrung. Der Streifenbeamte Kinnunen ließ mich passieren und strich sich das Wasser aus dem Schnurrbart. Kristo stach mit seiner orangen Regenjacke aus der Schar der Overallträger hervor; seine Glatze glänzte, als er unter den Scheinwerfer trat. Ich ging zu dem Zelt, das die Techniker aufgestellt hatten. Hakkarainen kam gerade rückwärts heraus und verstaute irgendetwas Kleines in einem Indizienbeutel.

«Kallio, ist das etwa deine Leiche?», fragte er ungläubig.

«Zumindest vorläufig. Hättet ihr einen Schneemannanzug für mich? Ich komme direkt von zu Hause.»

Hakkarainen winkte seinem Assistenten, der mir einen Schutzanzug samt Zubehör brachte. Kristo hatte mich entdeckt und lachte, als ich mir auf einem Bein balancierend die Schuhüberzüge anzog.

«Du warst schnell», lobte er. «Ich habe noch mal mit Nummi gesprochen, und er meint, wir sollten den Fall behalten, falls die Zentralkripo kein Interesse anmeldet. Rantos Mannschaft ist zu schwach besetzt, wie üblich.»

«Dann tun wir, was der Polizeichef sagt», seufzte ich. Timo Ranto, der Leiter des Gewaltdezernats, würde vielleicht Einwände gegen diese Arbeitsteilung haben, doch dann sollte er sich mit Polizeichef Nummi auseinandersetzen. Ich würde die Aufgabe erledigen, die man mir zuwies. Ich setzte die Haube auf, vergewisserte mich, dass sie meine Haare bedeckte, und zog zum Schluss Einweghandschuhe an. Dann schlüpfte ich halb gebückt ins Zelt.

Die Frau lag halb bäuchlings, halb seitlich auf dem trockenen Gras. Ihr Gesicht zeigte die typischen Merkmale für einen Tod durch Strangulation: blauschwarze Schwellungen, heraushängende Zunge, vorgewölbte Augäpfel. Am Hals sah ich einen dunklen Streifen, knapp einen Zentimeter breit, mit noch dunkleren Vertiefungen. Der rautenförmige braunviolette Leberfleck am Hals sah aus, als wäre er ein separater Teil der Würgemale. Die langen sandbraunen Haare der Frau waren zum Pferdeschwanz gebunden, der dunkelblaue Popelinmantel und die zu weite Jeans wiesen Grasflecken auf. Die hellbraunen Ballerinas waren schon verschlissen gewesen, bevor sie verzweifelt auf die Erde getrommelt hatten. Die Spuren im Gras wiesen darauf hin, dass die Frau sich gewehrt hatte.

Der Kriminaltechniker Ivic beobachtete mich genau und nahm jede meiner Bewegungen mit der Videokamera auf. Er war Hakkarainens rechte Hand und wurde zum Nachfolger des demnächst in Rente gehenden Chefs der kriminaltechnischen Abteilung ausgebildet. Hakkarainen erlaubte nicht einmal dem ermittelnden Kommissar, in diesem Fall also mir, mit der Leiche allein zu bleiben. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. DNA-Untersuchungen waren teuer, deshalb musste jede Kontaminierung vermieden werden.

Ich betrachtete die Frau noch einmal. Der Name Tuula Lahti-Haapala war mir ein Begriff, wie wahrscheinlich allen finnischen Polizisten und allen Zeitungslesern und Fernsehzuschauern, die Berichte über Kriminalfälle verfolgten. Ihre Taten waren außergewöhnlich gewesen, denn statistisch bildeten weibliche Sexualverbrecher eine verschwindend kleine Minderheit unter den gefassten Tätern.

Die Hände der Frau waren verkrampft wie bei einem Raubtier, und die langen Nägel, deren Farbe getrocknetem Blut glich, unterstrichen den Eindruck. Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand saß ein ähnliches Muttermal wie am Hals. Einige Nägel waren abgebrochen, auch das wies auf einen Kampf hin. Hatte Lahti-Haapala das Gesicht des Angreifers blutig gekratzt?

Ich schlängelte mich aus dem Zelt und ging zu Kristo zurück. Der Regen war heftiger geworden und durchnässte meine Schutzhaube im Nu, sodass ich sie abnahm und die Kapuze wieder überzog. Erneut fragte ich, wer die Leiche gefunden hatte.

«Ein Junge namens Jason Talas, fünfzehn Jahre alt. Er war hier, um ungestört mit seinem Mofa herumzurasen, und ist dabei auf die Leiche gestoßen. Hat nicht gerade das große Los gezogen.»

Kristo wischte sich das Wasser vom blanken Schädel. «Ein kluges Kerlchen, er hat den Notruf verständigt und dann auf die Streife gewartet. Seine Mutter hat ihn abgeholt, als ich gerade ankam. Er war ziemlich still.»

«Hat Jason Fotos von der Leiche gemacht?»

«Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen.» Kristo verzog das Gesicht und schüttelte sich wie ein nasser Hund. «Er schien hauptsächlich Angst zu haben, wir könnten merken, dass er sein Mofa frisiert hat. Und seine Mutter hat ein fürchterliches Getue gemacht, einfach unglaublich.»

Die Streife 525 hatte den Einsatz übernommen, und gleich nach ihr war der Rettungswagen aus der Klinik in Jorvi eingetroffen. Doch er wurde nicht mehr gebraucht: Das Opfer war bereits tot. Ein Rucksack, der vermutlich der Toten gehörte, war einige Meter weiter unter einem Baum gefunden worden. In der Seitentasche hatte ein Portemonnaie mit Geld und Ausweisen gesteckt.

«Wir wissen natürlich nicht mit letzter Sicherheit, ob es sich um Lahti-Haapala handelt, aber die Ähnlichkeit mit dem Foto auf dem Personalausweis ist deutlich. Gehen wir also davon aus», stellte Kristo fest.

«Die Fingerabdrücke werden uns bald Gewissheit verschaffen. Fahren wir aufs Präsidium, um das weitere Vorgehen zu besprechen?», schlug ich vor und versuchte, den Overall auszuziehen, der sich in der Nässe schon auflöste. Kristo nickte und ging auf das Absperrband zu. Dahinter warteten ein Mann, der mit seiner Kamera umging wie ein Profi, und ein Rentnerpaar in Regenkleidung mit zwei durchnässten Jack-Russell-Terriern.

«Pena, ist das nicht der aus dieser Sendung Kammer des Schreckens? Der vor ein paar Jahren gewonnen hat? Guck doch mal, Pena», rief die Frau aufgeregt, als sie Kristo erblickte. «Kann ich ein Autogramm bekommen? Wir haben Ihre Sendung mit unseren Enkeln geguckt, die mochten Sie so gern. Wir haben immer für Sie gestimmt.»

Kristos Lächeln war eigens für solche Situationen vorgesehen. Wenn man nur kurz hinsah, schien es bis zu den Augen zu reichen. Er holte eine der Autogrammkarten hervor, die er in der Brusttasche bei sich trug.

«Für Kinder ist immer Zeit …», sagte er schmunzelnd. «Wie heißen die Kleinen denn?»

«Onni, Väinö und Veeti», antwortete die Frau hingerissen. Kristo schützte die Karte mit der freien Hand, während er mit wasserfestem Filzstift die Widmung schrieb. Das Motto Angst ist dazu da, überwunden zu werden war fertig aufgedruckt, aber seine Unterschrift und das Datum fügte Kristo jedes Mal extra hinzu. Ein fester Händedruck zum Ende der Begegnung besiegelte das Image des netten Kerls. Die Streifenbeamten verfolgten das Ereignis im Hintergrund.

Nachdem ich den schlimmsten Matsch abgewischt hatte, legte ich mein Rad in den Kofferraum von Kristos Kombi. Der Regen hatte sich zum Wolkenbruch gesteigert, die Scheiben waren im Nu beschlagen. Auf den Straßen waren nicht einmal Menschen mit Hunden zu sehen, der Parkplatz vor dem Polizeigebäude war leer. Mir knurrte der Magen, doch da half nichts. Die Ermittlungen mussten so schnell wie möglich eingeleitet werden.

Im Lift fiel mir etwas ein, worüber wir früher am Tag gesprochen hatten.

«Sollte Juuli nicht das Wochenende bei dir verbringen?»

Kristo seufzte. «Sie ist jetzt bei meiner Schwester. Ich weiß, was du sagen willst, also spar es dir. Als Nummi angerufen hat, konnte ich einfach nicht ablehnen. Ich habe damals im Fall Lahti-Haapala ermittelt, kenne die Hintergründe also besser als die meisten finnischen Polizisten. Ich habe alles dafür getan, dass die Opfer entschädigt wurden. Deshalb ist es mir mehr als recht, die Sache zu Ende zu führen.»

Ich gab keine Antwort. Ein persönlicher Kreuzzug war nicht der optimale Ausgangspunkt für die Polizeiarbeit, Ermittler mussten unparteiisch bleiben. Gegen diese Regel hatte ich selbst ein paarmal verstoßen, aber ich hatte es trotzdem geschafft, meinen Job zu erledigen. Ich kannte Kristo noch nicht gut genug, um einschätzen zu können, ob auch er dazu fähig war.

«Hakola muss sofort ins Bild gesetzt werden. Wenn die Identität des Opfers publik wird, drehen die Medien durch.» Kristo warf seinen nassen Regenmantel nachlässig über eine Stuhllehne. Ich wollte mir gerade die Regenhose ausziehen, als mir einfiel, dass ich darunter nur die Leggings trug. Also begnügte ich mich damit, die Jacke abzulegen.

«Ich habe die Streifen schon beauftragt, die Leute in der näheren Umgebung zu befragen, alle Leute mit Hunden und dergleichen. Sie checken auch die Überwachungskameras im Gebiet ab. Jason und seine Mutter kommen morgen um zehn Uhr her. Außerdem habe ich den stellvertretenden Leiter des Gefängnisses in Hämeenlinna und die Sozialarbeiterin, die sich um Lahti-Haapalas Entlassung gekümmert hat, um Rückruf gebeten. Mal sehen, wie genau sie es dort mit den Dienstzeiten nehmen.»

«Und die nächsten Angehörigen der Toten?»

«Keine Ahnung, ob sie welche hat. Vor fünf Jahren war sie jedenfalls ledig und kinderlos, aber sie kann natürlich im Knast geheiratet haben. Ich hole mir Kaffee, möchtest du auch einen?»

Ich würde ohnehin nicht einschlafen können, also bat ich um einen Latte. Kristo machte sich auf den Weg zum Automaten auf dem Flur. Wir teilten uns das Dienstzimmer, aber ich hatte auf eigene Kosten einen Wandschirm angeschafft, hinter dem ich mich verstecken und mir die Haare raufen konnte, wenn mir danach war. Die beiden anderen in unserer Abteilung, Ville Puupponen und Johanna Al-Sharif, arbeiteten im Nachbarzimmer. Wir mussten sie für den nächsten Morgen zu einer Besprechung rufen. Ich nahm Stift und Notizblock von meinem Schreibtisch und begann die anstehenden Aufgaben aufzulisten. Kristo amüsierte sich darüber, dass ich immer noch mit der Hand schrieb. Doch so konnte ich mich besser konzentrieren. Außerdem war es befriedigender, Erledigtes durchzustreichen, als Einträge auf einer Computerliste zu löschen. Allerdings standen wir im Moment ganz am Anfang, also gab es noch nichts zu tilgen.

Die Techniker verstanden ihr Geschäft, ihnen brauchte ich keine Anweisungen zu geben. Über eventuelle DNA-Analysen würden wir allerdings verhandeln müssen. Als die Polizei vor rund zwanzig Jahren die neue Technologie in Gebrauch genommen hatte, waren Amateurdetektive überzeugt gewesen, sie werde die Polizeiarbeit revolutionieren. Die DNA lieferte zwar exakte wissenschaftliche Fakten, aber die Analyse kostete Geld. Die teuren und zeitaufwändigen Tests konnten nicht unbegrenzt in Auftrag gegeben werden. Deshalb schmunzelte ich zufrieden, als Ivic mir per SMS mitteilte, dass die Fingerabdrücke der Toten auf dem Verkehrsübungsplatz mit den registrierten Abdrücken von Tuula Lahti-Haapala übereinstimmten.

Ich verstand durchaus, weshalb Nummi den Fall unserer Einheit zugeschanzt hatte. Dennoch erschien es mir wie eine Ironie des Schicksals, dass es mir einfach nicht gelingen wollte, Ermittlungen zu Gewaltverbrechen zu entgehen, sosehr ich es auch versucht hatte. Die Abteilung für Delikte gegen Kinder und Jugendliche war mir in vielerlei Hinsicht wie ein Traumjob vorgekommen: Ich durfte jungen Menschen helfen, deren Leben noch eine neue Richtung nehmen konnte, auch wenn Mobbing in der Schule, sexuelle Belästigung und Internetpornos Narben hinterließen, die nicht immer völlig verschwanden.

Obwohl ich seit über zwanzig Jahren im Polizeidienst stand, verursachten Grausamkeiten, denen Kinder ausgesetzt waren, mir immer noch geistige und körperliche Übelkeit. Am schwersten war es mir gefallen, mir einzugestehen, wie grausam Kinder und Jugendliche miteinander umgehen konnten. Nicht alles war mit dem familiären Hintergrund oder schlechter Erziehung zu erklären. Oft waren Kinder aus sogenannten guten Familien besonders verhärtet. Kristo und ich waren sogar ein paar angehenden Psychopathen begegnet.

Mein Kollege stellte die Kaffeebecher auf den Besprechungstisch in der Mitte unseres Büros und fuhr seinen Computer hoch. Bis zur Gründung unserer Einheit hatte er bei der Internetabteilung der Polizei in Helsinki gearbeitet, davor als Revierpolizist in Espoo. Aus dieser Zeit hatte ich eine vage Erinnerung an ihn, wir hatten gelegentlich zur gleichen Zeit im Fitnessraum des Präsidiums trainiert. Der Polizei-Overall hatte ihm gut gestanden, und er trug immer noch gern Uniform.

«Da Jason um zehn Uhr kommt, treffen wir uns am besten um halb neun hier. Ich schicke eine SMS an Ville und Johanna. Kannst du mir ein Briefing über das Opfer geben?»

«Das Ermittlungsmaterial und das Gerichtsurteil findest du im Archiv. Da hast du eine schöne Gutenachtgeschichte. Aber ein bisschen kann ich dir erzählen, das hilft mir selbst, mich zu erinnern. Allerdings würde ich das Weibsstück und den Schaden, den es angerichtet hat, lieber vergessen.»

Tuula Lahti-Haapala war Mitte der siebziger Jahre in der Vorortsiedlung Matinkylä in Espoo geboren. Ihre Mutter Päivi hatte bei der Gasfabrik Aga gearbeitet, ihr Vater war irgendein One-Night-Stand-Partner und hatte in Tuulas Leben nie eine Rolle gespielt. Päivi hatte zahlreiche unverbindliche Beziehungen gehabt, bis sie sich mit Veli-Matti «Vemme» Haapala zusammentat. Dieser hatte einen damals vierjährigen Sohn namens Olli, für den Vemme, wie er sagte, dringend eine Mutter suchte. Vemme zeigte allerdings mehr Interesse an Tuula als an seiner frisch angetrauten Ehefrau.

«Lahti-Haapalas Verteidigung hat mit aller Macht versucht, die Taten ihrer Mandantin damit zu mildern, dass sie selbst als Kind missbraucht worden war. Als Tuula gefasst wurde, hatten ihre Mutter und ihr Stiefvater sich schon zu Tode gesoffen. Aber Haapalas Sohn hat gegen seine Stiefschwester ausgesagt. Tuula hatte ihn zum ersten Mal missbraucht, als sie vierzehn war. Zu dem Zeitpunkt war Olli fünf Jahre alt.»

Man konnte Tuula Lahti-Haapala als Monster oder als Opfer darstellen, je nachdem, wie man die Geschichte färbte. Kristo bemühte sich um einen neutralen Ton, wie ein Polizist, der vor Gericht aussagt. Mir kam der Kaffee hoch, während ich seiner gleichmäßigen tiefen Stimme lauschte. Wie sehr ihn die Geschichte aufwühlte, die er mir erzählte, verrieten nur seine Finger, die den leeren Kaffeebecher in kleine Stückchen rissen.

Ich musste eine Weile in den Datenbanken suchen, bevor ich die Akten zu Tuula Lahti-Haapala fand. Ich speicherte sie, durch ein Passwort geschützt, auf einem USB-Stick ab. Cloud-Diensten und Mail-Anhängen traute ich nicht: Das Datenschutzsystem der Polizei war zwar erstklassig, bot aber keine hundertprozentige Sicherheit vor Hackern. Die Mails einer einfachen Maria Kallio mochten niemanden interessieren, doch wenn die Adresse auf polizei.fi endete, lag die Sache anders.

«Kannst du das Wochenende mit Juulis Mutter tauschen?», fragte ich Kristo, als wir aufbrachen, um uns ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Er wohnte ebenfalls in der Nähe des Präsidiums, in Lansankallio.

«Das würde nur Ärger bringen. Kreetta kümmert sich gern um Juuli, sie hat ja selbst keine Kinder. Soll ich dich nach Hause fahren, damit du nicht noch mal nass wirst?»

Da der Regen ein wenig nachgelassen hatte, beschloss ich, den knappen Kilometer nach Hause mit dem Rad zurückzulegen. Die feuchten Äpfel dufteten nach Leben, das bald der Fäulnis weichen würde. Meine Familie spielte «Villa Paletti», Taneli zog gerade die dickste Säule unter der tragenden Ebene hervor. Es wunderte mich, dass die vierstöckige Konstruktion nicht einstürzte.

«Die Pasta steht im Wasserbad», sagte Antti. Ich setzte mich zum Essen auf einen Hocker am Beistelltisch und sah zu, wie Antti das Spiel vermasselte und die Klötze auf den Boden purzelten. Bei dem Lärm schrak sogar Venjamin vom Sofa auf. Ich hatte schon befürchtet, die Katze würde allmählich taub, da sie auf meine Ansprache nicht mehr zu reagieren schien.

Iida fragte, ob ich Zeit hätte mitzuspielen. Wir spielten zwei Runden «Stern von Afrika», dann merkte ich, dass es klüger wäre, schlafen zu gehen. Da Antti sich noch einen japanischen Film im Spätprogramm ansehen wollte, steckte ich den USB-Stick in den Laptop und überflog die Akte über Tuula Lahti-Haapala. Als sie ins Gefängnis kam, war sie vierunddreißig, kinderlos und ledig gewesen. Auch Tuula hatte den Nachnamen Lahti-Haapala bekommen, als ihre Mutter und Vemme geheiratet hatten. Der gemeinsame Name hatte das Familienglück jedoch nicht gesichert.

Tuula hatte das Gymnasium besucht und danach eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht – inzwischen lautete die Berufsbezeichnung Dentalhygienikerin. Sie hatte zunächst in der kommunalen Zahnklinik in Espoonlahti gearbeitet, in den letzten Jahren vor ihrer Verurteilung dann in einer privaten Zahnklinik in Espoo.

Auf dem Foto, das der Polizeiakte beilag, blickte Tuula direkt in die Kamera. Ihr Gesicht war ungeschminkt und ernst, ihre hellen Augenbrauen hoben sich nur minimal von ihrem Teint ab. Ihre Haare waren so kurz geschnitten, dass sie kaum einen Kamm brauchten. Die Tote auf dem Verkehrsübungsplatz hatte längere Haare, lang genug für einen Pferdeschwanz.

Die Augen, die in die Kamera schauten, waren blassblau, die schweren Lider wären mit zunehmendem Alter so tief herabgesunken, dass nur ein chirurgischer Eingriff geholfen hätte, doch mit diesem Problem würde Tuula nicht mehr konfrontiert werden. Mit einunddreißig war sie auf eigenen Wunsch sterilisiert worden. Zuvor hatte sie mit vierzehn einen Schwangerschaftsabbruch gehabt. Aus den Unterlagen ging nicht hervor, wer der Vater des ungeborenen Kindes war, vielleicht hatte man nicht einmal nachgeforscht, obwohl es sich möglicherweise um ein Sexualdelikt an einer Minderjährigen handelte. Tuula hatte weder eine Ehe noch eine eingetragene Partnerschaft geschlossen. Bis zu ihrer Verurteilung waren keine Vorstrafen und auch kein Zahlungsverzug registriert.

Tuula Lahti-Haapala war für vierfachen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen sowie für schweren sexuellen Missbrauch und Körperverletzung in jeweils einem Fall zu vier Jahren und zehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Alle Opfer waren Jungen gewesen. Ihre Daten waren aus den mir vorliegenden Akten gestrichen worden, doch ich würde sie in den internen Ermittlungsunterlagen finden. Die Körperverletzung hatte sich gegen einen erwachsenen Mann gerichtet.

Ein weiterer Anklagepunkt war fallengelassen worden, weil die Tat bereits verjährt war, doch die Anklage hatte sie als Beweis dafür gewertet, dass Tuula über einen langen Zeitraum und vorsätzlich gehandelt hatte.

Viele Sexualverbrecher verbüßten ihre Strafe im Maßregelvollzug, einer psychiatrischen Anstalt für Strafgefangene, aber Tuula hatte in der normalen Frauenabteilung in Hämeenlinna gesessen. Hatte man sie mit triebdämpfenden Medikamenten, Psychotherapie oder Arbeitsmaßnahmen behandelt, und wäre sie nach Verbüßung ihrer Strafe fähig gewesen, sich in die Gesellschaft zu integrieren? Diese Informationen waren geheim, aber vielleicht konnten die Zuständigen in der Haftanstalt mir weiterhelfen.

Tuulas Verbrechen zählten zu einer Kategorie, für die viele Menschen lebenslänglich forderten. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie man in Kneipen und Onlineforen über ihren Fall debattiert hatte. Von Gnade war dort selten die Rede.

Mein Team und ich durften uns darum nicht kümmern. Es ging uns nichts an, ob Tuulas Mörder einen guten Grund für seine Tat gehabt hatte. Unsere einzige Aufgabe war es, ihn zu fassen und vor Gericht zu bringen.

3

Am Morgen, als ich zur Arbeit radelte, war vom Regen nur  noch Dunst übrig. Auf dem Parkplatz stand Ville Puupponen, er hatte das Gesicht zur Sonne gewandt und saugte ihr Licht auf wie eine Erscheinung, die bald verschwinden würde. Die beiden letzten Winter waren schwarz und matschig gewesen, und obwohl wir noch nicht einmal die Herbst-Tagundnachtgleiche erreicht hatten, nahm die Dunkelheit Tag für Tag zu.

Ville winkte, als er mich sah. Seine Schläfen schimmerten silbrig, aber auf dem Scheitel waren seine Haare so karottenrot wie immer. Ich schloss mein Fahrrad sorgfältig ab, es wäre zu verrückt, wenn es mir ausgerechnet auf dem Parkplatz am Polizeipräsidium geklaut würde.

«Ich habe die Hintergrundinfos bekommen, die Kristo geschickt hat. Gibt es Hinweise auf den Täter? Wann wird die Identität des Opfers bekanntgegeben? Wurde sichergestellt, dass der Junge, der die Leiche gefunden hat, sich nicht in den sozialen Medien darüber auslässt?»

Puupponen erschien trotz der frühen Morgenstunde erstaunlich munter, während ich selbst nach einem halben Liter Kaffee noch nicht ganz wach war.

Ich antwortete nicht, sondern öffnete die Tür und grüßte den Beamten, der am Schalter Dienst schob. Wie lange würde er seinen Job noch behalten dürfen? Inzwischen war ja auch die Erstattung von Strafanzeigen weitgehend ins Internet verlegt worden. Puupponen bot dem Diensthabenden einen Apfel aus seiner Papiertüte an. Die Ki-Ju-Einheit pflegte eine gesunde Lebensweise. Ab und zu vermisste ich Koivus Donuts, aber mehr noch Pekka Koivu selbst.

Kristos Laptop stand eingeschaltet auf dem Besprechungstisch, er selbst war nicht zu sehen, aber hinten im Flur ratterte der Kopierer. Eija Hakola, die Pressereferentin des Präsidiums, bestätigte per WhatsApp, sie werde um halb zehn da sein, um die Informationsstrategie zu besprechen. Polizeichef Nummi spielte zwar in Haikko Golf, war aber zwischen den Schlägen erreichbar. Ich hatte mit ihm telefoniert, während ich meine zweite Tasse Kaffee trank.

«Pohjola und du, ihr habt das nötige Know-how, um mit dem Fall klarzukommen. Rantos Abteilung ist unterbesetzt, seine Leute haben teils sogar noch Resturlaub vom Sommer. Ich habe so ein Bauchgefühl, dass der Täter minderjährig sein könnte. Wenn nötig, komme ich nach Espoo und rede mit Ranto. Die Kollegen von der Streife helfen euch bei der Laufarbeit, sie haben gestern schon mit den Befragungen angefangen.»

Dagegen hatte ich kaum etwas einwenden können. Natürlich mussten auch wir in der Ki-Ju-Abteilung oft abends und am Wochenende arbeiten, aber nur wenige Fälle, in denen wir ermittelten, erforderten Alarmbereitschaft rund um die Uhr und an jedem Tag der Woche. Fahrrad- oder Handydiebstähle fielen nur dann in unser Ressort, wenn sie zum Beispiel Teil eines Mobbingproblems waren.

Johanna Al-Sharif spähte aus ihrem Dienstzimmer in den Flur. Sie hatte ihre hellblonden Haare wie üblich locker zusammengebunden, ihre Brille mit dem Hello-Kitty-Muster stand in schreiendem Gegensatz zu ihrem eins fünfundsiebzig großen, stämmigen Körper. Johanna hatte den Freitag damit verbracht, nach zwei dreizehnjährigen Asylbewerberinnen zu forschen, die aus dem Aufnahmezentrum verschwunden waren. Der Familienname, den Johanna von ihrem Mann, einem gebürtigen Ägypter, bekommen hatte, erleichterte ihr den Kontakt zu Muslimen, und bei Bedarf trug sie ein Kopftuch wie der Chirurg seine Maske: Bei manchen Tätigkeiten brauchte man Schutzkleidung. Im Alltag übten Johanna und ihr Mann Babafemi, genannt Bob, keine Religion aus.

«Kristo kopiert irgendein Vernehmungsprotokoll. Himanen von der Streife ist vorbeigekommen, um zu sagen, dass er nichts zu berichten hat. Im Erdgeschoss werden die Aufnahmen der Überwachungskameras am Bahnhof von Kera überprüft, die Aufzeichnungen von der Nokia-Geschäftsstelle bekommen wir später, aber auch noch heute. Im Park selbst gibt es keine Kameras.»

Johanna schnappte den Apfel, den Puupponen ihr zuwarf, so geschickt, wie man es von ihr als ehemaliger Meisterin im finnischen Baseball erwarten durfte. Als wir Kristo in seinen eisenbeschlagenen Wanderstiefeln im Flur hörten, gingen wir ins Besprechungszimmer. Wir sprachen die gestrigen Ereignisse durch, dann erteilte ich Kristo das Wort. Er sollte im Einzelnen berichten, wofür Tuula Lahti-Haapala verurteilt worden war.

«Es gab sechs Opfer, aber in einem Fall wurde die Anklage fallengelassen, weil die Straftat verjährt war. Es handelte sich um eine Person, die mit Lahti-Haapala im selben Haushalt gelebt hatte, um ihren Halbbruder. Oder vielmehr Stiefbruder, sie hatten kein gemeinsames Elternteil. Die anderen Jungen waren zur Tatzeit elf bis dreizehn Jahre alt. Der als schwer eingestufte Missbrauch begann, als das Opfer zwölf war, und setzte sich über drei Jahre fort. Die anderen Taten wiederholten sich je zwei- bis viermal. Lahti-Haapala suchte sich ihre Opfer unter den Patienten, denen sie zum Beispiel Zahnstein entfernte. In dieser Situation ist man in der Regel zu zweit im Behandlungsraum. Die Jungen sagten aus, die Berührungen sollten entspannend wirken. So war es ihnen zumindest erklärt worden.»

Wir schwiegen, selbst Puupponen verschonte uns mit albernen Zahnarztwitzen. Den Protokollen zufolge hatte es sich bei den sexuellen Handlungen um Berührungen mit den Händen oder dem Mund gehandelt, Geschlechtsverkehr im eigentlichen Sinn hatte die Täterin nur mit dem Opfer des als schwer eingestuften Missbrauchs gehabt. Tuula Lahti-Haapalas Verteidigerin hatte sich darauf berufen, dass es ihrer Mandantin nur darum gegangen sei, dass die Jungen sich wohl und geliebt fühlten. Ich suchte den Namen der Verteidigerin heraus. Er war mir bekannt, Elsi Evola-Isakson hatte zu denjenigen gehört, die sich auch an hoffnungslose Fälle wagten. Vor rund zwei Jahren war sie bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden: In einer Nacht im Spätherbst, bei Bodenfrost, war ein entgegenkommendes Fahrzeug auf ihre Fahrspur geraten, Evola-Isakson hatte tagelang bewusstlos im Koma gelegen und war nicht mehr in das kommunale Rechtshilfebüro zurückgekehrt. Ich wusste nicht einmal, ob sie noch lebte, und bat Johanna, sich nach ihr zu erkundigen.

«Das Opfer der Körperverletzung war ein Erwachsener namens Juho Valokari, der Vater des missbrauchten Lauri Valokari. Er hat Tuula in flagranti erwischt und mit seiner Anzeige den Ermittlungsprozess in Gang gesetzt. Die anderen missbrauchten Jungen sind noch am Leben, nur Luka Holm, das Opfer des schweren Missbrauchs, hat vorletztes Jahr kurz vor Weihnachten Selbstmord begangen.»

Kristos Stimme klang ruhig und gelassen. Genau so hatte er auch gesprochen, bevor er eine Seeschlange töten, abhäuten und verspeisen oder in einen Brunnen kriechen musste, in dem es von Skorpionen wimmelte. Ich hatte die Sendung Kammer des Schreckens nicht verfolgt, aber als Kristo mein Kollege wurde, hatte ich mir im Internet die Szenen angesehen, in denen er aufgetreten war. Seine Ruhe war beeindruckend, er wirkte wie jemand, dem man ohne Zögern sein Leben anvertrauen würde.

«Also müssen wir uns jetzt mit Lahti-Haapalas Opfern und ihren Familien in Verbindung setzen und sie fragen, was sie am Nachmittag oder Abend des zweiten Freitags im September gemacht haben. Und wir müssen in Kauf nehmen, dass die Medien die Ereignisse wieder aufrollen, von denen sich die Opfer vielleicht ansatzweise schon erholt hatten», stellte Puupponen trocken fest. Er war blass.

«Das Ermittlungsmaterial ist weiterhin geheim. Vom Prozess waren die Medienvertreter ausgeschlossen. Allerdings konnte vor fünf Jahren leider nicht geheim gehalten werden, in welcher Zahnklinik Lahti-Haapala arbeitete. Einem Skandalreporter ist es daraufhin gelungen, sich Zugang zum Patientenarchiv zu verschaffen, um auf diesem Weg die Identität der Opfer festzustellen. Auch dieser Fall kam vor Gericht, der Mann erhielt eine Geldstrafe.»

«Haben wir in Finnland nicht eine gut funktionierende Schulgesundheitspflege? Warum lässt jemand die Zähne seiner Kinder privat behandeln?», fragte Johanna verwundert.

«Wenn man schlau genug war, die richtige Versicherung abzuschließen … Allerdings ist Luka Holm Lahti-Haapala schon in der Schulgesundheitspflege in die Finger geraten. Sie hat erst einige Monate nach der ersten Begegnung mit dem Jungen zu der Privatklinik gewechselt.»

Puupponen warf einen Apfel aus seiner Tüte in die Luft, fing ihn auf, wischte ihn am Ärmel ab und sah Kristo an. «Du vermutest offenbar, dass wir den Täter unter Tuula Lahti-Haapalas Opfern oder deren Familien suchen sollten. War unter ihnen jemand, der zu einem Mord fähig sein könnte?»

«Das ist eine der Richtungen, in die wir ermitteln sollten. Es kann sich natürlich auch um puren Zufall handeln», antwortete Kristo. «Doch dass Lahti-Haapala nichts gestohlen wurde, weckt den Verdacht, dass es nicht um einen gewöhnlichen Raubüberfall geht. Es kann zwar sein, dass jemand den Täter vorzeitig vertrieben hat, aber die Tatsache, dass eine mehrfache Sexualverbrecherin am Tag ihrer Freilassung getötet wird, legt eine Verbindung zu den Opfern doch mehr als nahe.»

Eben deshalb wünschte ich mir alternative Theorien. Wie hatte Tuula Lahti-Haapala sich während der Haft verhalten? Ich suchte in den Gerichtsprotokollen nach Hinweisen auf eventuelle Komplizen oder auf Kontakte zur organisierten Kriminalität, doch Lahti-Haapala hatte immer wieder betont, dass sie aus eigenem Antrieb und ganz allein gehandelt hatte.

«Ich kläre ab, wo Lahti-Haapalas Opfer, ihre Familien und die Angehörigen von Luka Holm heute leben. Die Mutter und der Stiefvater von Lahti-Haapala sind tot, aber Olli Haapala hat vor fünf Jahren noch in Lintuvaara gewohnt.»

Kristo schien der Meinung zu sein, dass wir lange genug geredet hatten und endlich aktiv werden sollten. Ich mochte seine energische Art; zumindest bisher hatte sie noch nicht zu unbedachten Handlungen geführt.

«Okay. Wir beide befragen Jason Talas. Dabei könntest du die aktivere Rolle übernehmen, der Junge kennt dich vielleicht aus der Kammer des Schreckens. War die Sendung nicht bei Teenagern besonders beliebt? Jason wird von einem Elternteil begleitet?»

«Von seiner Mutter, Janna Haavisto-Talas. Sie ist Patentanwältin, das steht auf der Visitenkarte, die sie den Streifenbeamten gestern gegeben hat.» Kristo wandte sich ab und konzentrierte sich auf seinen Computer, Ville Puupponen verschwand, um sich nach der Analyse der Überwachungskameras zu erkundigen. Mein Telefon klingelte, die Nummer zeigte, dass der Anruf aus der Haftanstalt kam. Die Sozialarbeiterin, die sich in Hämeenlinna um Tuula Lahti-Haapalas Angelegenheiten gekümmert hatte, rief mich zurück.

«Wir haben für sie den üblichen ‹Weg in die Freiheit›-Plan erstellt, und sie hat auch an ‹Neue Richtung› teilgenommen, einem Programm, das speziell auf Sexualverbrecher zugeschnitten ist. Natürlich wollten wir ihr helfen, in ein deliktfreies Leben zurückzufinden, und in ihrem Fall waren die Aussichten durchaus gut.»

Die Sozialarbeiterin räusperte sich. «Tuula hatte auch eigene Pläne. Sie hat mir erzählt, sie würde fürs Erste bei ihrer Cousine Sari in Kirkkonummi übernachten, die in einem großen Einfamilienhaus wohnt. Außerdem wollte sie sich so schnell wie möglich beim Arbeitsamt melden. Die Gesundheitsbehörde hat ihr nach den Vorfällen zwar die Zulassung als Dentalhygienikerin entzogen, aber sie war bereit, jede Arbeit anzunehmen.»

Der Sozialarbeiterin zufolge hatte Tuula Lahti-Haapala alle Entlassungsanweisungen befolgt, ihre Pläne aber weitgehend für sich behalten.

«Ich weiß nicht, ob sie Angst vor der Freilassung hatte. Sie hat sich mir nicht groß anvertraut.»

«Gab es da vielleicht eine andere Person?»

«Jedenfalls ging sie regelmäßig zum JVA-Gottesdienst.»

«Wer hält die Gottesdienste dort?»

«Der Gefängnispastor, Aleksi Alho. Ich kann Ihnen seine Telefonnummer geben, weiß aber nicht, ob er Ihnen etwas sagt. Wahrscheinlich beruft er sich auf seine Schweigepflicht.»

Die Frau klang säuerlich. Vielleicht sprach sie immer so, doch der Tonfall machte mich neugierig. Ich notierte Alhos Telefonnummer auf einem Zettel.

«Wie ist Lahti-Haapalas Haftzeit verlaufen? Hatte sie zum Beispiel Streit mit anderen Insassinnen? Ist es denkbar, dass ihr nach ihrer Entlassung jemand etwas heimzahlen wollte?»

Die Sozialarbeiterin tippte auf ihrem Computer herum.

«Ungewöhnlich war, dass sie nie Besuch bekam. Und vor zwei Jahren gab es kurz vor Weihnachten ein Handgemenge in der Wäscherei.»

«Was für ein Handgemenge?»

«Tuula hat eine Schlägerei mit einer anderen Inhaftierten angefangen. Dadurch hat sich ihre Entlassung auf Bewährung etwas verzögert. Ansonsten ging sie den anderen eher aus dem Weg, sie war nicht gesellig. Ganz verständlich bei der Art ihrer Verbrechen.»

«Sie meinen, dass sie in der Gefängnishierarchie ganz unten stand?»

«So könnte man es ausdrücken. Jetzt muss ich mich verabschieden, ich habe einen Termin.» Die Frau legte auf, bevor ich mich für die Auskünfte bedanken konnte.

Johanna saß neben mir. Sie seufzte und fingerte an ihrem Pferdeschwanz herum, während sie in ihrem Laptop etwas suchte.

«Es ist schwierig, exakte Angaben darüber zu finden, wie hoch der Frauenanteil bei Sexualverbrechen ist. Die internationalen Schätzungen bewegen sich zwischen knapp drei und gut acht Prozent. Weil die Straftaten so außergewöhnlich sind, bekommen sie reichlich Aufmerksamkeit. Man glaubt ja immer noch, Männer könnten nicht vergewaltigt werden.»

Ich bat Johanna, die Kinderporno-Ringe, die in den letzten zehn Jahren aufgeflogen waren, und die entsprechenden Gerichtsurteile zu überprüfen. So hätten wir wenigstens ein ungefähres Bild vom Hintergrund. Dann rief ich Aleksi Alho an, erreichte aber nur seinen Anrufbeantworter. Ich hinterließ eine vorsichtige Bitte um Rückruf, aus der mein Anliegen nicht hervorging. Gleichzeitig überlegte ich, wie unsere Pressemitteilung aussehen sollte. Bei einem ungeklärten Fall waren alle Beobachtungen von Augenzeugen wichtig, aber da der gewaltsame Tod einer Sexualverbrecherin mit Sicherheit für Schlagzeilen und wüste Diskussionen im Internet sorgen würde, wollte ich die Identität des Opfers so lange wie möglich geheim halten.

Tuula Lahti-Haapala hatte jahrelang im Gefängnis gesessen und vorher allein gelebt. Was war aus ihrer Wohnung geworden? Hatte sie eine auf Kredit gekaufte Eigentumswohnung besessen, die sie für die Zeit ihrer Haft vermietet hatte, oder war sie obdachlos geworden? Wo befanden sich im letzteren Fall ihre Sachen? Was sie bei sich gehabt hatte – Rucksack und Handtasche – lag vermutlich schon in der Asservatenkammer. Ich wollte die Sachen möglichst bald in Augenschein nehmen. Wessen Fotos hatte Tuula in ihrer Brieftasche oder auf dem Handy aufbewahrt? Vielleicht fand sich ein Kalender, vielleicht waren auf dem Handy Adressen gespeichert. Im Gefängnis durfte man das Telefon nicht frei benutzen, aber sie hatte doch wohl eins gehabt.

Eija Hakola und Puupponen kamen gleichzeitig herein. Es war Puupponen am Gesicht abzulesen, dass er etwas Wichtiges zu berichten hatte.

«Die Überwachungskamera am Bahnhof von Kera hat einen Treffer ergeben. Tuula Lahti-Haapala ist gestern um 16.32 Uhr aus dem Lokalzug ausgestiegen. Nun wissen wir wenigstens, wie sie an den Tatort gekommen ist.»

«Das ging ja schnell. Gibt es auf den Aufnahmen irgendwelche Hinweise, dass sie mit einem Mitreisenden gesprochen hat oder dass ihr jemand gefolgt ist?»

Puupponen erklärte, das werde gerade anhand der Zeitlupe überprüft. In Kera waren etwa zwanzig Personen ausgestiegen, am Freitagnachmittag waren die Lokalzüge immer voll. Wir konnten alle, die den Zug in Kera verlassen hatten, einfach bitten, sich bei der Polizei zu melden. Die Tote brauchten wir dabei gar nicht zu erwähnen.

Eija Hakola meinte, es sei sinnvoll, eine Pressemitteilung herauszugeben, um Gerüchten zuvorzukommen, aber vorläufig sollten wir den Namen des Opfers nicht publik machen. Das würde uns ein wenig Spielraum geben, obwohl die investigativen Reporter und die leidenschaftlichsten Internetdetektive möglicherweise wussten, an welchem Tag die Sexualverbrecherin das Gefängnis verlassen würde. Vielleicht hatte jemand die Jungen, die Tuula missbraucht hatte, oder ihre Angehörigen darüber informiert. Es war mir unangenehm, sie mit der Sache zu behelligen, aber als Polizistin hatte ich keine andere Wahl.

«Schreib eine Kombination aus Pressemitteilung und der Bitte um Hinweise und gib außer der Telefonnummer der Zentrale auch …» Ich unterbrach mich und überlegte kurz, wie ich die Arbeit aufteilen sollte. «Ville, übernimmst du die Leute, die das Opfer eventuell im Zug gesehen haben? Du brauchst das Handy dafür nicht Tag und Nacht eingeschaltet zu lassen. Schau dich nach Lahti-Haapalas Sachen um und bring sie her, wenn sie im Haus sind. Und verschieb alle Treffen und Befragungen, die für Montag vorgesehen waren, auf später. Dieser Fall hat jetzt absolute Priorität.»

 

Mutter und Sohn Talas kamen fünf Minuten zu früh, allerdings gähnte Jason so ausgiebig, als wäre er unverschämt früh aus dem Bett geholt worden. Seine Augen waren hinter einer Sonnenbrille verborgen. Immerhin hatte er Zeit gehabt, seine Haare sorgfältig mit Gel hochzukämmen und sein Gesicht mit Aknecreme einzureiben. Der kamelfarbene Hosenanzug seiner Mutter Janna hatte nicht die kleinste Knitterfalte, ihre nudefarbenen Stöckelschuhe glänzten derart, dass sie darin ihr Make-up hätte überprüfen und feststellen können, dass alle Lidstriche an den richtigen Stellen saßen und ihr Gesicht gut gepudert war.

Jason holte eine Dose Cola aus seiner Anoraktasche, und Janna Haavisto-Talas legte ihr Smartphone auf den runden Tisch. Hatte sie vor, unser Gespräch aufzuzeichnen? Ich beschloss, mich nicht einzumischen, denn wir hatten ja vereinbart, dass Kristo die Befragung leitete. Janna Haavisto-Talas wischte mit dem Finger über das Display ihres Smartphones und schien geistig ganz woanders zu sein als im Vernehmungsraum.

Jason starrte auf seine Coladose, als Kristo sagte, es tue ihm leid, dass der Junge in diese schreckliche Situation geraten war. Als Kristo fragte, wie er bei der Leiche gelandet war, wurde er rot.

«Ich bin da hin, um Donuts und Stoppies zu üben. Im Park hat man meistens seine Ruhe. Eetu wollte mein Training auf Video aufnehmen, wir haben da so einen YouTube-Kanal mit Stunts. Schon gut, Ma, ich hab dir nichts davon erzählt, aber du hast auch nicht gefragt», fügte Jason hastig hinzu, als das Wort «YouTube» an die Ohren seiner Mutter drang.

«Machst du diese Stunts schon lange? Bei welchem Tempo kriegst du einen Stoppie hin? Das kann schiefgehen, wenn man zu wild trainiert.»

Jasons picklige Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, als er merkte, dass Kristo die Terminologie beherrschte.

«Ich hab schon ein paar …»

«Jason hat den Mopedführerschein im April bekommen, als er fünfzehn wurde, seitdem fährt er. Aber du hast doch den Online-Simulator», mischte sich seine Mutter ein. Jasons Gesicht rötete sich noch mehr, er trank so hastig von seiner Cola, dass ein paar Tropfen auf seinem Hemdkragen landeten.

«Dieser Eetu ist also dein Freund?», fuhr Kristo fort.

«Ja. Er hat mir gewhatsappt, dass er doch nicht kommen kann, seine Mom ist ausgeflippt, weil er … Na, egal. Und es hat geregnet, ich wusste, dass meine Klamotten nach ein paar Minuten total verschlammt sind, aber ich weiß ja, wie die Waschmaschine funktioniert. Da gibt’s so ’ne lange Gerade, wo man gut beschleunigen und einen Stoppie machen kann, und weil die am Rasen endet, dachte ich, da kann ich auch ein bisschen was riskieren, nicht so schlimm, wenn ich umkippe.»

Jason sah Kristo an, als erwarte er Anerkennung für seinen Mut. «Aber wie ich gerade am Ende von der Geraden war, hab ich die Frau gesehen, die irgendwie komisch an dem Baum lehnte. Also, die hat da im Regen gesessen oder so halb gelegen. In irgendeinem Spiel gab’s immer eine Leiche genau in der Haltung. Dann dachte ich, das ist kein Spiel, sondern real life, die ist bestimmt besoffen oder high, aber die hat überhaupt nicht reagiert, als ich direkt neben sie gekurvt bin, und dann hab ich die eine Hälfte von ihrem Gesicht gesehen … Da hab ich dann den Notruf angerufen.»

Die Röte war einer grünlichen Blässe gewichen, der Junge schlug die Hände vor seine Sonnenbrille. «Vielleicht hätte ich künstliche Beatmung machen müssen oder so, aber ich war bei der Erste-Hilfe-Stunde nicht dabei und …»

«Den genauen Todeszeitpunkt kennen wir zwar noch nicht, aber als du die Frau gefunden hast, war ihr wohl nicht mehr zu helfen», beruhigte Kristo ihn.

«Wer war diese Person eigentlich?», erkundigte sich Janna Haavisto-Talas.

«Kam dir an der Toten irgendwas bekannt vor?» Kristo setzte Jasons Befragung unbeirrt fort.

«Ich wollte sie nicht angucken. Sie sah so anders aus, als ich mir eine Leiche vorgestellt hatte, so merkwürdig. Irgendwie richtig tot.»

Kristo bat Jason noch, die Position der Toten zu beschreiben, und fragte, wo ihre Sachen gelegen hatten und ob noch andere Personen auf dem Verkehrsübungsplatz gewesen waren, doch das Ergebnis war mager. Als Jason auf seinem Moped zu Hause abgefahren war, war er einem Nachbarn begegnet, der seinen Hund ausführte, und auf dem Weg zum Verkehrsübungsplatz hatte er zwei Radfahrer gesehen, die es im Regen eilig hatten.

«An einen grauen Mercedes erinnere ich mich noch, weil der überhaupt nicht aufgepasst hat und direkt vor mir durch eine Pfütze gerast ist, sodass ich den ganzen Dreck abgekriegt habe.» Der Junge erinnerte sich weder an das Modell noch an das Kennzeichen oder den Fahrer, versprach aber, sich bei Kristo zu melden, wenn ihm noch etwas einfiel. Damit war die Befragung beendet. Während des gesamten Gesprächs hatten weder Mutter noch Sohn mich beachtet. Die Mutter hatte permanent das Display ihres Handys fixiert und ein paarmal etwas getippt.

«Bei wem können wir Schadensersatz beantragen?», fragte Janna Haavisto-Talas plötzlich, als sie aufgestanden war und das Telefon in ihrer Designerhandtasche verstaut hatte.

«Bitte?»

«Für das, was Jason durchgemacht hat. Und ich auch. Es ist doch schrecklich, wenn das eigene Kind in eine solche Situation gerät.»

«Wir erstatten Ihnen natürlich die Kosten für die Fahrt zum Präsidium, nach dem niedrigsten ÖPNV-Tarif», antwortete Kristo. «Wenn der Täter strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird, können Sie wegen seelischen Leids gegen ihn klagen. Ob die Klage angenommen wird, entscheidet die Staatsanwaltschaft, nicht die Polizei.»

«Das heißt also, wenn Jason Albträume bekommt und Angst hat, nach draußen zu gehen, müssen wir die Medikamente und die Therapie selbst bezahlen?»

«Lass doch, Mama … Ich bin okay.»

«Und wenn Sie den Mörder finden, wird er uns die Kosten vielleicht erstatten. Das ist doch bestimmt ein Gewohnheitsverbrecher, der sowieso schon auf Kosten der Gesellschaft lebt.» Nun blickte Janna Haavisto-Talas auch mich endlich an. «Woher sollen wir wissen, ob der Kerl unseren Jason nicht gesehen hat und ihn jetzt beobachtet und …»

«Mama, dazu hat er keinen Grund. Ich hab doch nichts gesehen.»

«Aber das kann er ja nicht wissen! Hier sind neuerdings alle möglichen Typen zugange. Wurde die Frau vergewaltigt?», wandte Haavisto-Talas sich an mich.

«Derartige Informationen können wir leider nicht weitergeben. Aber melden Sie sich, wenn Sie merken, dass jemand Ihr Haus beobachtet oder Ihren Sohn verfolgt. Wir machen seine Identität nicht publik.»

«Ich erlaube Jason auch nicht, in den sozialen Medien darüber zu schreiben, Eetu habe ich es auch schon verboten … Es heißt doch immer, die Polizei hätte keine Ressourcen und zu wenig Arbeitskräfte. Werden Sie den Täter überhaupt fassen?»

«Wir tun unser Bestes. Die Aufklärungsquote bei Verbrechen gegen das Leben liegt in Finnland bei fast hundert Prozent.» Kristo verstand sich darauf, überzeugend zu lächeln, er stand breitbeinig da, die Arme in die Hüften gestützt, und wirkte stark und zuverlässig. Das genügte allerdings nicht, um Janna Haavisto-Talas zu überzeugen. Ihr Blick wanderte ratlos zwischen ihrem Sohn und uns hin und her. Jason starrte auf den Boden.

«Mama, ich hab wirklich nichts gesehen. Komm schon, das Fußballtraining fängt bald an …» Jasons Stimme kiekste, sie hatte sich noch nicht ganz auf den hohen Bariton eingependelt. Kristo begleitete die beiden zum Ausgang. Als Puupponen sie weggehen sah, kam er mit Asservatenbeuteln ins Zimmer, legte sie auf den Tisch und reichte mir Einweghandschuhe.

Tuula Lahti-Haapalas Kleidung war noch in der KTU, aber Rucksack und Handtasche waren bereits überprüft worden. Die Handtasche aus dunkelbraunem Kunstleder maß acht mal zehn Zentimeter, die Metallkette war lang genug, um die Tasche über der Schulter zu tragen. Die Ecken waren verschlissen und das Leder zerkratzt, auf dem Boden hatte ein Kugelschreiber einen Fleck hinterlassen.

Die Handtasche enthielt eine Geldbörse, eine kleine Blechdose mit Rosenmuster, einen Schlüssel für ein Zylinderschloss, ein Handy – ein Nokia 3110 – sowie ein fast volles Fläschchen dunkelroten Nagellack der Marke Maybelline. Ich drückte auf den grünen Knopf am Handy, und es erwachte zum Leben, doch der Akku war fast leer.

«Wir brauchen ein Ladegerät. Ich trau mich nicht, das Ding auszuschalten, weil wir den PIN-Code nicht kennen. Ersparen wir den Technikern die Mühe.»

«Ich besorg eins», versprach Puupponen und verschwand. Ich legte das Handy beiseite und öffnete die Blechdose. Sie enthielt etwa zehn Tabletten von drei verschiedenen Sorten. Nach der Markierung zu schließen, handelte es sich um Paracetamol und Medipam, den dritten Handelsnamen kannte ich nicht, doch der Wirkstoff deutete auf ein Antidepressivum hin, das den Sexualtrieb dämpfte.

Die Geldbörse fühlte sich leicht an. Sie gehörte einem Menschen, der keinen Stapel Kundenkarten mit sich herumtrug. Dafür hatte Tuula ja auch gar keine Verwendung gehabt. In den kleinen Fächern steckten nur drei Karten: eine Krankenversicherungskarte, die auch als Personalausweis diente, und eine Pappkarte, die sich als Organspenderausweis erwies. In dieser Situation war er nutzlos, allerdings würden Tuulas Organe nach Abschluss der Ermittlungen möglicherweise als Lehrmaterial für Medizinstudenten dienen. Auf der dritten, grünen Karte standen das Wort Pelikanolari, die Nummer 251 sowie ein Code aus sechs Ziffern.

Die Geldbörse enthielt außerdem 235 Euro in Scheinen und 2 Euro 25 Cent in Münzen. Zwei Bahnfahrkarten, die eine von Hämeenlinna nach Pasila, die andere für den Lokalverkehr im Großraum Helsinki, bestätigten, dass Tuula mit dem Zug nach Kera gekommen war. Unter das Münzfach war ein Stück Pappe geschoben, das sich als Foto herausstellte. Darauf hielt ein mageres Mädchen mit Zöpfen einen Jungen mit langen goldbraunen Locken an der Hand. Der Kleidung nach war die Aufnahme Anfang der 1990er Jahre entstanden, ein Datum war nicht vermerkt. Bei dem Mädchen konnte es sich um Tuula Lahti-Haapala handeln, jedenfalls hatten Augen und Augenbrauen die gleiche Form wie auf dem Foto des Personalausweises.

Auch der dunkelblaue Fjällräven-Rucksack war verschlissen. In der Seitentasche fand ich einen Geisha-Schokoriegel, zwei Beutel Pfefferminztee und einen Plastikkamm. Der Kosmetikbeutel enthielt einen längeren Kamm, unparfümiertes Deodorant, Zahnpasta und ein Stück Marseille-Seife. Zahnbürste und Gesichtscreme lagen ganz unten im Rucksack, unter zwei beigefarbenen Slips und einem BH in gleicher Farbe. Der Rucksack enthielt außerdem zwei Paar rot-weiß gestreifter Socken, ein buntes Jerseykleid, das ebenso gut ein Nachthemd sein konnte, sowie ein Pilzbuch im Taschenformat. Bei Pfifferling, Stachelschwamm und Steinpilz standen Nummernreihen, die wie Termine aussahen. Vielleicht hatte Tuula notiert, wann sie eine bestimmte Pilzsorte gefunden hatte. Dann wären die Pfifferlinge früh reif gewesen, denn sie hatte die ersten bereits in der Woche nach Mittsommer entdeckt, in ihrem letzten Sommer in Freiheit.

Die Abbildung des Fichten-Reizkers war umkringelt. Warum in aller Welt hatte Tuula das Pilzbuch aufbewahrt, wenn sie nicht einmal einen Kalender oder ein Tagebuch hatte? Oder zog ich voreilige Schlüsse? Dass Tuulas Geldbörse und ihr Handy vorhanden waren, schloss ja nicht aus, dass man ihr etwas anderes gestohlen hatte. Von wem konnte ich erfahren, was sie aus der Haftanstalt mitgenommen hatte?

Puupponen kam mit einem Ladegerät, das er an die Steckdose und das Handy anschloss. Der Piepton war sanfter als bei den neueren Modellen, er war das Echo einer Zeit, als das Handy für den Menschen da war und nicht der Mensch für sein Smartphone. Die Liste der Telefonate war leer, es waren auch keine SMS gespeichert, Mail- oder Internetverbindung hatte das Gerät nicht. Die KTU würde nachprüfen, was sich auf der SIM-Karte fand. Das Adressbuch enthielt drei Einträge: Aleksi, Sozialamt, Kontrolle. Die beiden letzten erkannte ich auf den ersten Blick als Dienstnummern, die erste war die, bei der ich früher am Tag vergeblich angerufen hatte. Der Klingelton war Nokia Tune. Die Spielliste verriet, dass Tuula gegen halb eins zwei kurze Partien Tetris gespielt hatte.

Mein eigener Klingelton ließ mich zusammenzucken, obwohl auf meinem Diensthandy nur die neutrale Standardmelodie eingestellt war. Die Nummer des Anrufers war dieselbe, die ich gerade auf Tuulas altem Handy gesehen hatte.

«Polizei von West-Uusimaa, Kallio.»

«Aleksi Alho. Sie hatten um Rückruf gebeten.»

«Ja. Es geht um Tuula Lahti-Haapala. Sie hat ja bei Ihnen die Gefängnisseelsorge in Anspruch genommen.»

«Wen ich betreue, unterliegt der Schweigepflicht.»

«Soweit ich weiß, nahm sie regelmäßig an den Gottesdiensten teil, die Sie im Gefängnis von Hämeenlinna gehalten haben. Unterliegt auch das der Schweigepflicht?»

«Warum fragen Sie nach Tuula? Ist mit ihr alles in Ordnung?»

Ich war davon ausgegangen, dass der Gefängnispastor eine ebenso abgebrühte Amtsperson war wie wir alle, die ihr Brot im Umgang mit Verbrechern verdienten, doch in Aleksi Alhos Stimme schwang echte Besorgnis mit. Dennoch unterließ ich es, ihn schonend auf das vorzubereiten, was ich ihm zu berichten hatte.

«Ihre Leiche wurde gestern Abend in Espoo gefunden. Wir haben Grund zu der Annahme, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt.»

Ich hörte ein Stöhnen, dann polterte es, als wäre das Handy heruntergefallen. Mit gepresster Stimme sagte der Mann, wie zu sich selbst:

«Mein Gott. Sie hatte also doch recht.»

4

Anfangs glaubte ich, Aleksi Alho hätte aufgelegt. Doch  gleich darauf kehrte seine Stimme zurück.

«Entschuldigung, die Nachricht hat mich schlimmer getroffen, als ich es für möglich gehalten hätte. Aber ich glaube nicht, dass ich der Polizei helfen kann, denn ich bin an meine absolute Schweigepflicht gebunden. Es stimmt, dass Tuula Lahti-Haapala an den Andachten im Gefängnis teilgenommen hat, aber auch diese Information ist nicht öffentlich. Von wem haben Sie es erfahren?»

«Das wiederum brauche ich nicht zu sagen.» Auch ich konnte mich hinter der Schweigepflicht verschanzen. «Was meinten Sie damit, dass Tuula Lahti-Haapala recht hatte?»

Aleksi Alho legte erneut eine Pause ein, bevor er antwortete.

«Natürlich kann ich versuchen, Ihnen zu helfen, aber was ich sagen darf, ist wirklich begrenzt, und ich muss jede Einzelheit genau abwägen. Genügt ein Telefongespräch?»

«Ich würde Sie gern persönlich treffen, und zwar möglichst bald. Am liebsten noch heute.» Alho überlegte kurz und schlug dann vor, uns lieber bei ihm zu Hause in Riihimäki zu treffen als im Gefängnis in Hämeenlinna.

«Das wäre auch für Sie leichter, weil es Ihnen den Metalldetektor und die Sicherheitskontrolle erspart. Außerdem ist es vielleicht besser, wenn meine Schäfchen mich nicht im Gespräch mit der Polizei sehen, sie könnten das falsch verstehen.»

Ich versprach, mich zu melden, wenn ich das Präsidium verlassen konnte. Das Gespräch mit dem Gefängnispastor wollte ich unbedingt selbst führen. Ich war gerade zu Tuula Lahti-Haapalas spärlicher Habe zurückgekehrt, als Kristo hereinschaute.

«Ich habe den derzeitigen Wohnort von Lahti-Haapalas Opfern eruiert. Von den fünf wohnt nur noch einer in Espoo. Einer ist mit seiner Familie nach Spanien gezogen und einer nach Tampere. Ein anderer lebt mit seiner Mutter in Kirkkonummi, die Eltern haben sich getrennt. Luka Holm ist tot, wie ich schon erwähnt hatte. Er hat sich vorletztes Jahr umgebracht.» Kristo setzte sich auf die Tischkante, warf ein Kaugummi in die Luft und fing es mit dem Mund auf wie eine Robbe, die Tricks vorführt. «Die Nachricht von seinem Selbstmord werde ich nie vergessen. Dein Exkollege Pekka Koivu saß in der Kantine zufällig neben mir, als die Leute von der Streife kamen und mir davon berichteten. Pekka nahm es genauso schwer wie ich, obwohl er den Jungen gar nicht gekannt hatte.»

«Koivu konnte es nicht ertragen, wenn Kindern Unrecht geschieht», antwortete ich leise.

Ich vermisste meinen langjährigen Kollegen unbeschreiblich. Als seine Tochter Sennu schwer erkrankte, hatte er sich krankschreiben lassen und war nie mehr zur Arbeit zurückgekehrt. Sennu war vor einem halben Jahr beerdigt worden. Koivus Frau Anu Wang-Koivu arbeitete weiterhin bei der Zulassungsstelle, während Koivus Krankschreibung mindestens bis Ende Oktober andauern würde. Zuletzt hatte ich vor einem Monat mit ihm gesprochen, und er hatte mir gesagt, er werde sich eine Stelle in einer ganz anderen Branche suchen. Mit der Polizeiarbeit sei es für ihn vorbei.

«Hat Luka Holm Familie?»

«Die Mutter und eine Schwester, aber beide sind in Einrichtungen untergebracht. Wie gehen wir bei den anderen Opfern vor? Setzen wir uns direkt mit den Jungen in Verbindung oder zuerst mit den Erziehungsberechtigten?»

Kristo hatte bei der Kammer des Schreckens gewonnen, weil er sich vor nichts zu fürchten schien. Weder Drachenfliegen noch eine Höhle, in der es von Spinnen wimmelte, hatten ihm den Angstschweiß auf die Stirn getrieben, den Kampf mit Softairwaffen und den Tauchgang unter Eis hatte er so gelassen absolviert, als wäre dergleichen für ihn alltäglich. Doch jetzt schien auch er zu zaudern.

«Es gibt wohl keine Möglichkeit, sie mit Samthandschuhen anzufassen. Fang trotzdem bei den Erwachsenen an, bei den Eltern. Du kannst sie fragen, wo sie selbst und ihre Söhne gestern Abend waren. Mit der Familie in Spanien brauchst du dich nicht in Verbindung zu setzen, es sei denn, sie tauchen in den Passagierlisten von Schiffen oder Fliegern auf. Alle Jungen sind noch minderjährig, oder?»

«Jesse Kaunisto, der jetzt in Tampere wohnt, ist im Sommer achtzehn geworden. Eetu Kurki ist fünfzehn, er wohnt in Leppävaara. Lauri Valokari aus Kirkkonummi ist siebzehn. Kaunisto kann also ohne Anwesenheit der Eltern befragt werden. Soll ich die Kollegen in Tampere um Amtshilfe bitten?»