Beschreibung

Böse Menschen kennen keine Lieder
Im flachen Uferwasser eines Sees wird eine Leiche gefunden: Ein Mann wurde ermordet. Als Maria Kallio die Ermittlungen übertragen werden, befindet sie sich in einer schwierigen Situation: Sie kennt Jukka Peltonen aus Studienzeiten gut – ebenso wie die anderen Männer und Frauen, die mit ihm das Wochenende auf dem Land verbrachten. Sie alle sind Mitglieder eines Chors, seit Jahren befreundet, in ihrer Hingabe zur Musik und in wechselnden Liebschaften einander verbunden. Und doch hat jemand aus dem Chor Jukka ermordet. Maria Kallio, die finnische Kommissarin, muss den Mörder im Freundeskreis entlarven.
Maria Kallios erster Fall

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MOBI

Seitenzahl: 329


Leena Lehtolainen

Alle singen im Chor

Roman

Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

Stromab treibet mein Boot

Stromab treibet mein Boot, welches Schicksal ihm droht?

Um Kiel und Planken Gischtwellen branden.

Was ist menschliches Sein?

Unruhvoller Irrlichtschein, unruhvoller Irrlichtschein

und Wandern über trügerisches Gelände.

Einem ward die Freude, dem Andern nichts als Leid,

und jeder trägt im Herzen das Uhrwerk seiner Zeit.

Wenn es stillesteht, so nahet Todesstunde.

Stromab treibet mein Boot, welches Schicksal ihm droht,

kann keines von uns Menschenkindern wissen.

Erde, Himmel und Meer, alles muss vergehn,

weshalb Menschenseele sollt bestehen?

Doch süß ist es zu hegen den wunderselgen Traum,

Strahlt einstmals neuer Frühling und neues Morgenrot,

und Auferstehungswinde wehen von den Fjelden.

Ist es Selbstbetrug nur?

Stromab treibet mein Boot.

Eino Leino (dt. v. Friedrich Ege),

vertont v. Toivo Kuula

Präludium

Jyri wachte auf, weil ihn die Blase drückte. Er hatte den üblen Geschmack im Mund, den man von Whisky, Bier, Knoblauch und zu vielen Zigaretten nun mal bekommt, und hoffte inständig, dass rote Jaffa-Limonade im Haus war. Die trank er literweise, wenn er einen Kater hatte – außer es stand so schlimm, dass nur noch ein Bier half.

Es war ein traumhaft schöner Morgen. Tuulia und Mirja saßen auf der Veranda und bereiteten das Frühstück vor, dabei unterhielten sie sich über die Vorzüge verschiedener Käsesorten. In Wahrheit konnten die beiden Frauen einander nicht ausstehen. Aber da die eine der beste Sopran und die andere der beste Alt im ILO, dem Chor der Ostfinnischen Landsmannschaften, war, mussten sie sich irgendwie arrangieren. Mirja war geradezu das Urbild einer Altistin, dunkelhaarig, mollig und melancholisch. Die passende Besetzung für die Zigeunerin in Verdis Troubadour, wie hieß die noch gleich…

Die Sonne stach in die Augen. Jyri nahm vorsichtshalber zwei extrastarke Kopfschmerztabletten, gegen leichtere war er längst immun. Rote Jaffa war nicht zu finden, aber immerhin gab es Orangensaft. Die ganze Umgebung sah deprimierend frisch und blühend aus: Das Meer schimmerte, die Möwen kreischten am Bootssteg, die Nachmittagshitze war schon zu ahnen. Es würde nicht leicht sein, in dieser Glut zu singen.

«Na, Jyri, hast du ’nen Brummschädel?», feixte Tuulia. Sie sah selber blass aus, wahrscheinlich hatten sie alle zu wenig geschlafen. Aber who cares? Zur Arbeit brauchten sie erst morgen wieder.

«Schlafen die andern noch?»

«Piia wollte schwimmen gehen. Sonst hat sich noch keiner blicken lassen. Die könnten allmählich mal aufstehen, sonst kriegen wir überhaupt nichts mehr getan!» Mirja war sauer, sie hielt nichts von Faulenzerei. Schließlich war die optimale Doppelquartettbesetzung des ILO nicht zum Saufen ins Sommerhaus von Jukkas Eltern gekommen, sondern um für einen wichtigen Auftritt zu proben. Also nichts wie raus aus den Federn, Kaffee trinken und einsingen!

Jyri stand auf. Schwimmen war eine gute Idee. Das Wasser hatte um die zwanzig Grad, genau richtig. Er schlurfte zum Bootssteg. Piia lag am Strand vor der Sauna, züchtig im Bikini. Bis zum Strand war es Jyri zu weit, und eine Badehose brauchte er auch nicht; einfach die Klamotten runter und ins Wasser!

Jukka war auch schwimmen gegangen, er lag an einen Uferfels gelehnt im flachen Wasser. Der Kerl musste höllische Kopfschmerzen haben, mit der klaffenden Wunde. Und auch sonst sah er nicht gerade munter aus… Jyri drehte sich der Magen um, er kotzte ins Schilf.

Es dauerte ein paar Minuten, bevor er aufstehen und sich zur Veranda schleppen konnte, wo jetzt mehr Leute saßen. Jyri hatte eine helle Tenorstimme, um die ihn manche beneideten, aber jetzt brachte er keinen Ton heraus.

«Was hüpfst du denn da nackig rum?», lästerte Tuulia.

«Jukka… Da am Steg, Scheiße… Er ist tot! Ertrunken!»

«Was sagst du?»

Antti rannte ans Ufer, Mirja ihm nach. Kurz darauf kam Mirja zurück und lief zum Telefon. Man hörte ihren tiefen Alt auf der Veranda, als sie atemlos die Polizei und erst danach den Krankenwagen rief.

Eins

Stromab treibet mein Boot, welches Schicksal ihm droht?

Als das Telefon klingelte, stand ich unter der Dusche und spülte mir das Salz von der Haut. Ich hörte meine eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter, dann die eines Kollegen, der dringend um Rückruf bat. Mein freier Sonntag hatte überraschend lange gedauert, aber es war mir selbst am Strand nicht gelungen, mich zu entspannen. Aus irgendeinem Grund hatte ich mich verpflichtet gefühlt, an meinem ersten freien Hitzetag in diesem Sommer in der Sonne zu braten, obwohl ich es eigentlich hasste. Im letzten Winter war ich regelmäßig ins Fitnessstudio gegangen, sodass meine Bikinifigur so ansehnlich war wie seit Jahren nicht mehr. Die Speckröllchen am Bauch war ich allerdings nicht losgeworden. Dazu müsste ich meinen Bierkonsum einschränken.

Ich schaltete den Anrufbeantworter aus und wählte die Nummer des Präsidiums. Die Zentrale verband mich mit Rane.

«Hallo, schöne Frau. Ich steh in einer Viertelstunde bei dir vor dem Haus. Das Köfferchen ist schon gepackt. Wir hätten da ’ne Leiche in Vuosaari, vor einer halben Stunde vom Streifenwagen gemeldet. Du brauchst wohl nix aus deinem Büro? Dann bis gleich!»

Es geht wieder los, dachte ich, während ich im Schrank nach einem respektablen Kleidungsstück suchte. Mein Dienstrock hing im Präsidium in Pasila, also musste es die bessere Jeans tun. Meine Haare waren nass, aber föhnen wollte ich sie lieber nicht, sonst plusterten sich die roten Zotteln allzu wild auf. Ich schmierte mir Make-up ins gerötete Gesicht und zog meinem Spiegelbild eine Grimasse. Die Frau, die mir entgegenblickte, sah nicht aus wie eine seriöse Kriminalbeamtin: Die gelbgrünen Augen schienen einer Katze zu gehören, die Hanfseillocken verdankten ihre rote Farbe der Chemie (nur Melody und ich…), und das letzte Restchen Seriosität wurde durch meine Stupsnase verdorben, auf der sich obendrein Sommersprossen gebildet hatten. Meinen Mund hatte irgendwer einmal sinnlich genannt, was im Klartext bedeutete, dass die Unterlippe eine Spur zu wulstig war.

Und diese Göre sollte im hintersten Winkel des Vororts Vuosaari für Recht und Ordnung sorgen?

Ranes Martinshorn war schon von weitem zu hören. Er liebte es, mit heulenden Sirenen herumzufahren, wie ungefähr die Hälfte aller finnischen Polizisten. Tote laufen nicht weg, aber das brauchte man ja keinem auf die Nase zu binden.

«Die Jungs von der Technik sind schon vorgefahren», erklärte Rane, als ich zu ihm in den Saab stieg. «Also: eine Leiche in Vuosaari, ertrunken, aber irgendwas scheint nicht zu stimmen. Ein Mann um die dreißig, er heißt Peltonen oder so ähnlich. Die sind da zu zehnt oder so in irgendeiner Villa übers Wochenende, von irgendeinem Chor, und heute Morgen haben sie den Peltonen im Meer gefunden.»

«Hat ihn jemand reingestoßen?»

«Keine Ahnung. Wir haben ziemlich wenig Fakten gekriegt.»

«Wie war das mit dem Chor?»

«Das sind irgendwelche Sänger.» Rane bog so rasant auf den Ostring, dass ich zur Seite geschleudert wurde und mein Ellbogen schmerzhaft an die Autotür stieß. Seufzend ergab ich mich in mein Schicksal und legte den Sicherheitsgurt an. Er war auf Männerhöhe eingestellt und scheuerte am Hals.

«Wo ist Kinnunen? Und die anderen? Hast du nicht auch heute frei?»

«Die Jungs sind noch mit der Messerstecherei von gestern beschäftigt. Hinter Kinnunen hab ich ’ne halbe Stunde hertelefoniert, aber du weißt ja, wie das ist am Sonntag… Der wird in irgendeiner Straßenwirtschaft sitzen und seinen Kater auskurieren.»

Rane seufzte resigniert. Wir hatten beide keine Lust, weiter über das Thema zu reden. Der Leiter unserer Abteilung, Kommissar Kalevi Kinnunen, war Alkoholiker. Punkt. Ich war in der Hierarchie die Nächste und würde die Ermittlungen leiten, bis Kinnunen seinen Rausch oder seinen Kater überwunden hatte. Punkt.

«Hör mal, Rane, es kann sein, dass ich den Toten kenne, oder kannte… Das ist eine blöde Situation…»

«Mein Urlaub fängt morgen an, und den werd ich nicht verschieben. Das ist jetzt dein Fall, ob’s dir gefällt oder nicht. Danach fragt bei uns keiner.»

Ich wusste, was er dachte. Wenn ich mir meine Fälle aussuchen wollte, wäre ich besser Rechtsanwältin geworden. Rane war mir von Anfang an mit Misstrauen begegnet, wie viele andere im Präsidium auch. Ich war eine Frau, jung obendrein, außerdem war ich keine richtige Polizistin, nicht fest angestellt auf Lebenszeit wie die anderen, sondern nur eine Vertretung, deren Zeit im Polizeipräsidium in zwei Monaten ablief.

Nach dem Abitur hatte ich mich zum Erstaunen meiner Umgebung an der Polizeischule beworben und war aufgenommen worden. Dabei war ich in der Schule eine Art Rebellin gewesen, eine Punkerin in Lederjacke, und hatte zu allem Überfluss auch noch ein Einser-Abitur hingelegt. Na ja, die zweite Punkerin und schlimmste Schulschwänzerin in unserer Klasse war inzwischen Grundschullehrerin geworden. Mir schwirrten damals idealistische Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft im Kopf herum. Ich bildete mir ein, als Polizistin könnte ich sowohl den Verbrechern als auch ihren Opfern helfen und nebenbei die Welt verbessern.

Aber schon die Polizeischule war eine Enttäuschung gewesen, obwohl ich mich überraschend gut gegen die Männer behaupten konnte. Immerhin hatte ich schon während der Schulzeit in einer Männerband Bass und mit den «anderen Jungs» Fußball gespielt.

Klassenbeste blieb ich auch auf der Polizeischule, aber die Arbeit als Polizistin wurde mir letzten Endes zu viel. Nach ein paar Jahren hatte ich genug davon, Berichte zu schreiben, Leibesvisitationen an Stadtstreicherinnen vorzunehmen und das soziale Umfeld von Ladendieben zu untersuchen. Ich brachte damit nur den langweiligsten und diensteifrigsten Teil meiner Person zur Geltung. Nach meinem Mitgefühl fragte niemand, und mein Gehirn – das ich immer gern strapaziert hatte – wurde nicht gebraucht.

Nach zwei Jahren bei der Polizei war mein Lerneifer wieder erwacht. Ich absolvierte kurz hintereinander zwei Führungskurse. Es gab zu wenig Frauen im höheren Dienst, und vielleicht wurde ich ein bisschen schneller befördert als üblich. Darüber zerrissen sich natürlich die neidischen Männer das Maul. Noch mehr schienen sie sich aber daran zu stören, dass ich mit meinem Beruf nicht zufrieden war. Schließlich meldete ich mich zum Jurastudium an, schaffte die Aufnahmeprüfung und hatte endlich das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Rechtsprechung interessierte mich, und mit meinen dreiundzwanzig Jahren glaubte ich zu wissen, was ich von meinem Leben erwartete.

Während des Studiums hatte ich in den Semesterferien Urlaubsvertretungen bei der Polizei übernommen und war auch sonst gelegentlich eingesprungen, und jetzt, fünf Jahre später, war ich wieder Polizistin. Ich hatte allmählich die Lust am Studium verloren und kam auf die Idee, eine sechsmonatige Vertretung im Gewaltdezernat der Helsinkier Kripo zu übernehmen, zumal ich mich auf Strafrecht spezialisiert hatte. Ich hatte geglaubt, in dem halben Jahr Abstand zum Studium gewinnen und neue Lebensperspektiven entdecken zu können. Aber danach sah es vorläufig nicht aus. Seit ich als Ermittlerin arbeitete, war ich so geschafft, dass ich nach dem Dienst über nichts mehr nachdenken mochte. Stattdessen ging ich ab und zu ein Bier trinken und etwas öfter joggen oder ins Fitnessstudio.

Obendrein leistete Kinnunen, mein direkter Vorgesetzter, nur zehn Prozent der Arbeit, die er hätte tun sollen. Die restliche Zeit verbrachte er damit, zu trinken oder seinen Kater auszukurieren. Wir mussten seine Aufgaben mit erledigen, was vor allem jetzt im Sommer fast unmöglich war. Die Gelder für Vertretungen waren schon im April ausgeschöpft gewesen, wir waren in der Urlaubszeit hoffnungslos unterbesetzt.

Im Übrigen war ich längst nicht mehr so kaltschnäuzig, wie ich es früher, zumindest in meinen eigenen Augen, gewesen war, aber das zuzugeben wäre ein großer Fehler gewesen. Meine Kollegen achteten beflissen auf meinen nervlichen Zustand, penibel beobachteten sie, wie ich reagierte, wenn ich die von Erbrochenem und dem Inhalt verätzter Gedärme besudelte Leiche eines Penners untersuchte, der mit Schwefelsäure versetztes Wasser getrunken hatte. Vermutlich ekelten sich die anderen genauso, aber ich durfte nicht grün im Gesicht werden – weil ich eine Frau war. Und ich gab mich natürlich hart und riss hinterher in der Polizeikantine die geschmacklosesten Witze, obwohl ich alle Mühe hatte, mein Hühnerfrikassee herunterzubekommen.

Gegen mein Äußeres war ich machtlos: Ich sah nun mal aus wie eine Frau. Meine Haare musste ich lang tragen, sonst hätten mir die Locken in allen Richtungen vom Kopf abgestanden. Neben den Männern war ich ein Winzling. An der Körpergröße wäre meine Aufnahme in die Polizeischule beinahe gescheitert, aber einer meiner Bekannten war Arzt und schummelte auf dem Attest die fehlenden fünf Zentimeter dazu. Mein Körper war eine seltsame Mischung aus weiblichen Kurven und männlichen Muskeln. Für eine kleine Frau bin ich stark, und ich kann meine Kräfte so weit einschätzen, dass ich selbst vor gefährlichen Situationen keine Angst habe.

Jetzt hätte ich allerdings eine Stärkung meines Selbstvertrauens brauchen können, zum Beispiel in Form einer imposanten Polizeiuniform. Alle meine bisherigen Fälle waren mehr oder weniger unpersönlich gewesen. Aber bei den Wörtern «Chor» und «Peltonen» hatten bei mir die Alarmglocken geläutet. Wenn meine bösen Ahnungen mich nicht trogen, würde ich gleich einer Reihe von Bekannten gegenüberstehen, die mich in einer ganz anderen als der Polizistenrolle kennen gelernt hatten.

Im ersten Semester an der Universität hatte ich in einer ungemütlichen Studentenwohnung draußen im Stadtteil Itäkeskus gewohnt. Meine beiden Mitbewohnerinnen stritten sich ständig, weil die eine dauernd sang. Manchmal johlte ein ganzes Quartett in Jaanas Zimmer, ein Quartett, dessen Bassist Jaanas Freund war: Jukka Peltonen, der Charmeur mit den Paul-Newman-Augen und dem vom Segeln braun gebrannten Gesicht. Jaana hatte nächtelang überlegt, ob sie mit ihm zusammenziehen sollte, ein paar Mal hatte sie das Problem auch mit mir bei einer Flasche Rotwein gewälzt.

Nach den dämlichen Bodybuildern bei der Polizei war Jukka eine wahre Augenweide gewesen. Jaanas Geträller störte mich nicht weiter, sie hatte eine ziemlich reine Stimme, und ich konnte ja jederzeit Kopfhörer aufsetzen und in voller Lautstärke meine Musik hören, wenn ich von Klassik die Nase voll hatte.

Dann starb meine Großtante. Die Erben wollten ihre Einzimmerwohnung im Stadtteil Töölö nicht verkaufen, sondern abwarten, bis die Wohnungspreise stiegen. Bis dahin hütete ich die Wohnung, konnte mietfrei in der Innenstadt wohnen und zahlte nur die Nebenkosten. Als die Wohnungspreise anzogen, fürchtete ich schon, ausziehen zu müssen, aber meine geldgierigen Verwandten wollten noch mehr herausschlagen und hatten dann das Nachsehen, als die Rezession kam und die Preise in den Keller stürzten. So wohnte ich also nach wie vor in der Nachbarschaft des Restaurants «Elite». Ab und zu lief ich Jaana an der Universität über den Weg, sie hatte inzwischen mit Jukka Schluss gemacht. Später verliebte sie sich bei einer Deutschlandreise des Chors in den Sohn ihrer Gastgeber und blieb als Hausfrau in Deutschland. Seither schickten wir uns gegenseitig Weihnachtskarten.

Ich erinnerte mich vage an andere Bekannte von Jaana. Außer Jukka war noch ein zweiter Augenschmaus dabei gewesen… Sicher würde ich in der Gruppe in Vuosaari bekannte Gesichter entdecken, denn viele blieben ewig im Studentenchor, um ihre Jugend zu verlängern. Vermutlich sind Chorsänger eine Sorte für sich, lauter Masochisten, die es lieben, gemeinsam mit anderen schlechten Sängern unter Leitung eines sinnlos mit den Armen fuchtelnden Peinigers nichts sagende Lieder zu trällern.

Die Straße zur Villa schlängelte sich durch die sommerlich grüne Landschaft. Rane hatte das Martinshorn abgestellt, fuhr aber mit weit überhöhter Geschwindigkeit. Ich las die Streckenbeschreibung, und wir fanden tatsächlich die richtige Abzweigung. Es ist verdammt peinlich, wenn Polizisten sich verfahren, das wusste ich, denn mir war das ein paar Mal passiert. Hinter den Feldern glitzerte das Meer, ein Hase hoppelte über den Weg, und eine Wespe versuchte durch das Fenster ins Auto zu fliegen.

«Irgendwelche reichen Leute haben sich hier draußen ein paar alte herrschaftliche Villen renovieren lassen», erklärte Rane.

Nachdem wir eine etwa zehn Meter breite Landenge überquert hatten, befanden uns auf einer Art Insel. Wir fuhren unter einem hohen Torbogen hindurch. Auf einem Messingschild stand «Villa Maisetta». Ein schmaler, grasbewachsener Weg führte zu einem Anwesen, das genauso aussah, wie ich mir mein Traumhaus vorstellte. Zwei Etagen, weiße Fensterrahmen, Zierschnitzereien. Auf dem Rasen vor dem Haus standen ein Streifenwagen und der alte Volvo der Kriminaltechnik.

«Die Jungs waren aber schnell. Und was machen wir?» Ich steigerte mich bewusst in eine zynische, aggressive Stimmung hinein. Bloß keine Tränen über die Leichen hübscher Exfreunde ehemaliger Wohnungsgenossinnen.

Einer der Streifenpolizisten kam mit einem dunkelhaarigen, mürrisch dreinschauenden Mädchen auf uns zu. Beide sahen mich misstrauisch an, und obwohl ich auf skeptische Blicke gefasst war, ärgerte ich mich. Die Dunkelhaarige kam mir bekannt vor. Als ich hörte, dass sie Mirja hieß, fielen mir Jaanas wenig schmeichelhafte Bemerkungen über die schlimmste Nörglerin im Chor ein, die nicht mal Alkohol trank, was in diesen Kreisen vor fünf Jahren als unverzeihlich galt.

Mirja führte uns ans Ufer, wo die Jungs von der Technik gerade die Leiche fotografierten. Der Arzt war auch schon da. Offenbar hatten wir lange auf uns warten lassen, denn alle anderen waren schon fertig. Wegen mir hätten sie nicht damit warten müssen, die Leiche aus dem Wasser zu holen. Ich wollte den Kadaver ja gar nicht anschauen, wollte ihn nicht identifizieren und nicht sehen, was man Jukka angetan hatte.

«Wie sieht’s aus?», fragte ich Mahkonen, den Gerichtsmediziner, der mindestens fünfzig Kilo Übergewicht mit sich herumschleppte und wie immer einen Zigarillo paffte. Er hasste mich fast so sehr wie ich ihn. Allerdings gab es einen Unterschied: Ich wusste, dass er ein Ass in seinem Fach war, was er von mir nie behauptet hätte.

«Wo ist Kinnunen?», erkundigte er sich misstrauisch.

«Der ist, wo er ist», versetzte ich. «Wir werden jedenfalls nicht auf ihn warten. Fangen wir an. Was meinst du zur Todesursache?»

«Dem Gesicht nach ist der Mann ertrunken. Allerdings sieht das Loch im Kopf ganz interessant aus, ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Erst mal muss ich präparieren.» Mahkonens Worte waren nicht an mich gerichtet, sondern an Ranes Schuhspitzen.

«Kann es sein, dass er erst k.o. geschlagen und dann ins Wasser geworfen wurde?», wollte Rane wissen.

«Gut möglich. Das Loch sieht irgendwie seltsam aus. Wenn man nur wüsste, womit er niedergeschlagen wurde.»

«Vielleicht mit einem Stein?» Rane ließ den Blick über die Uferfelsen schweifen, zwischen denen Steinbrocken in allen Größen lagen, auch faustgroße.

«Na ja… da habt ihr aber zu tun, wenn ihr alle Steine am Strand umdrehen wollt», schnaufte der Arzt.

Ich gab den Sanitätern einen Wink, die Leiche aus dem Wasser zu holen. Sie drehten sie vorsichtig um. So abstoßend das Gesicht unter den von Salzwasser verklebten blonden Haaren auch aussah, ich erkannte es wieder. Es war aufgedunsen, aber immer noch lag Entsetzen in den offenen Augen, die wie blaue Signallampen aus der violett gescheckten Haut leuchteten. Seetang schmückte den weißen Anorak, die Jeans klebten an den Beinen.

Es tat weh, an den Charmeur, den ich vor ein paar Jahren gekannt hatte, zurückzudenken. Jukka war ein oder zwei Jahre älter als ich, wahrscheinlich noch keine dreißig. Natürlich hatte ich schon jüngere Tote zu Gesicht bekommen, aber die waren von Schnaps oder Drogen zerfressen gewesen. Ich schluckte die Tränen herunter und räusperte mich. Dann herrschte ich die Techniker an: Sie sollten gefälligst herausfinden, woher das Loch in Jukkas Kopf stammte. Vielleicht war er auf dem Steg ausgerutscht. Ich wusste, dass ich einen nervösen Eindruck machte und meine Betroffenheit auch durch den Befehlston nicht überdecken konnte, aber ich wollte auf gar keinen Fall in aller Öffentlichkeit weinen.

«Dann wollen wir mal sehen, was die da oben in der Villa wissen», sagte ich zu Rane und wandte mich dem Haus zu. Erst jetzt bemerkte ich die Leute auf der zum Meer gelegenen Veranda. Sie mussten mein Gebrüll gehört haben, aber alle sahen weg, als wollten sie es nicht wahrhaben, dass die Polizei da war.

Aus der Nähe sah die Villa wie eine Fälschung aus: Vielleicht war es die Kopie einer alten Holzvilla, die früher hier gestanden hatte. Der Anstrich war verblichen und sicher an die zwanzig Jahre alt, aber das Haus konnte nicht sehr viel älter sein als ich.

Die Sonne schien auf die Veranda, und ich verfluchte meine viel zu warmen Jeans. Einige aus dem Septett, das dort saß, kamen mir bekannt vor.

«Maria!» In der klaren, hellen Stimme lag Verblüffung. «Bist du etwa Polizistin geworden? Kennst du mich noch? Ich bin Tuulia.»

Ich erinnerte mich gut an Tuulia. Sie war oft in unserer Studentenwohnung gewesen, und manchmal hatten wir uns auch in der Cafeteria der Uni getroffen. Sie war mir sympathisch gewesen, wir hatten beide den gleichen Sinn für Humor. Sie war schöner, als ich sie in Erinnerung hatte, ihre aufrechte Gestalt wirkte erwachsen und stolz.

«Ja, ich erinnere mich.» Ich brachte es nicht fertig zu lächeln. «Also… Ich bin Kriminalhauptmeister Maria Kallio vom Gewaltdezernat, guten Tag. Das hier ist Kriminalmeister Lahtinen. Vielleicht stellen Sie sich erst einmal vor und berichten dann, was letzte Nacht passiert ist.» Ich wusste selbst, wie lächerlich das klang, und wagte niemanden direkt anzusehen.

Mirja sprach in gleichmäßigem Tonfall, als läse sie von einem Manuskript ab. Vielleicht hatte sie sich vorher überlegt, was sie sagen wollte.

«Ich bin Mirja Rasinkangas. Ja, und wir gehören zum Chor der ostfinnischen Landsmannschaften. Jukka Peltonens Firma will ein Sommerfest mit Musik veranstalten. Sie haben ein ordentliches Honorar versprochen, und so hat Jukka ein Doppelquartett aufgestellt, das auf dem Fest singen soll.»

Mirja zufolge handelte es sich bei den Anwesenden um Jukkas eigenes Quartett sowie um vier weitere Sänger, die zufällig den Sommer in der Stadt verbrachten. Da Jukkas Eltern gerade auf einem Segeltörn waren, konnten die Proben in ihrer Sommervilla stattfinden.

Das Doppelquartett war am Nachmittag angekommen, hatte ein paar Stunden geprobt und anschließend den Sommerabend so verbracht, wie man es in Finnland eben tut: mit Sauna und Saufen. Bald nach Mitternacht war einer nach dem anderen schlafen gegangen, aber was Jukka getan hatte, schien niemand zu wissen. Gegen zwei war er zuletzt lebend gesehen worden.

«Ich habe mich heute früh gewundert, dass Jukka sich nicht blicken ließ», erklärte Mirja. «Aber dann kam Jyri und rief, Jukka sei ertrunken, und da lag er dann auch… am Ufer.» Ihre Stimme zitterte leicht.

«Als Sie hingegangen sind, haben Sie die Leiche da irgendwie bewegt?»

«Ich habe versucht, seinen Puls zu fühlen. Bewegt haben wir ihn nicht», warf eine Bassstimme aus dem Hintergrund trocken ein. «Ach ja, ich bin Antti Sarkela, wie du dich vielleicht erinnerst. Es war kein Puls festzustellen, und überhaupt, er war ertrunken, man sah gleich, dass es keinen Zweck mehr hatte, irgendwas zu tun.»

Klar, an Antti erinnerte ich mich auch noch. Zwei Wochen lang war ich beinahe in ihn verliebt gewesen, nachdem er einmal in der Straßenbahn neben mir gesessen und sich mit mir über das Buch von Henry Parland unterhalten hatte, das ich während der Fahrt lesen wollte. Wie viele Männer hätten überhaupt gewusst, wer Henry Parland war? Dann hatte ich beschlossen, Antti zu vergessen und Henry anzuhimmeln, aber seit jenem Gespräch bekam ich Antti nicht aus dem Kopf. Sein Aussehen gefiel mir, sein schmales Indianergesicht, seine große Hakennase, sein fast zwei Meter langer Körper. Es war schwer, seinen Gesichtsausdruck zu deuten, in seinen Augen lag sowohl Trauer als auch Furcht. Ich entsann mich, dass Jukka ein guter Freund von Antti gewesen war.

«Okay. Ich leite die Ermittlungen, das heißt, die Vernehmungen finden in Pasila statt. Aus ermittlungstechnischen Gründen schlage ich vor, dass ihr die Villa jetzt gleich verlasst. Ich möchte heute Abend noch mit den Befragungen anfangen. Wer keine Fahrgelegenheit hat, kann bei mir mitfahren, hier ist wohl nicht mal eine Bushaltestelle in der Nähe. Für den Anfang wüsste ich aber gern, wer ihr seid, Beruf, Adresse und so weiter. Rane, notierst du das mal? Wer bist du?», fragte ich den jungen Mann, der mir am nächsten saß. Er war ziemlich klein gewachsen, offenbar noch sehr jung und sah aus, als sei ihm schlecht.

«Ich bin Jyri Lasinen», gab die hohe, klare Tenorstimme Auskunft. «Ich bin dreiundzwanzig und studiere Mathematik und Informatik.» Es klang wie bei einem Vorstellungsgespräch.

«Ich bin Mirja Rasinkangas», wiederholte das stämmige dunkelhaarige Mädchen. «Sechsundzwanzig, Geschichtsstudentin.»

«Piia Wahlroos», wisperte die Nächste. Sie hatte große braune Augen, kastanienbraunes Haar, einen Trauring mit prächtigen Steinen, war schlank, trug ein elegantes Strandkleid… Ich registrierte die Einzelheiten bunt durcheinander, zusammenhanglos. «Ich bin sechsundzwanzig und studiere Skandinavistik.»

«Sirkku Halonen, dreiundzwanzig. Ich studiere Chemie. Ich bin Piias Schwester, aber sie ist verheiratet, deswegen heißt sie anders.» Sirkku war eine gedämpfte, alltäglichere Ausgabe ihrer zierlichen schönen Schwester. Neben ihr saß ein leicht untersetzter junger Mann mit störrischen Haaren, der ihr tröstend die Hand hielt. Offenbar ihr Freund.

«Ich bin Timo Huttunen, Forstwissenschaftler. Fünfundzwanzig.»

«Tuulia Rajala, neunundzwanzig. Nichtstuerin.»

«Antti Sarkela. Mathematiker, Assistent an der Uni. Neunundzwanzig. Obwohl mir nicht klar ist, was unser Alter für eine Rolle spielt.» Rane ächzte, er hatte das «obwohl» automatisch mitgeschrieben und funkelte Sarkela böse an, als wäre es dessen Schuld.

«Okay… Packt eure Sachen zusammen, wir wollen möglichst bald los.» Ich ging ans Ufer, um noch einmal mit den Leuten von der Technik zu reden. Auf dem Uferpfad kamen mir die Bahrenträger entgegen. Jukkas nächste Adresse war die Pathologie.

Als ich ins Haus zurückkam, leerte Mirja gerade den Kühlschrank.

«Übrigens… wer hat wo geschlafen?»

«Jukkas Zimmer ist in der oberen Etage. Jyri und Antti haben auf der anderen Seite des Gangs geschlafen, im Zimmer von Jukkas Bruder. Timo und Sirkku waren im Zimmer von Jukkas Eltern am Ende des Gangs, und Piia, Tuulia und ich haben hier unten im Wohnzimmer übernachtet, auf dem Fußboden.»

«Jukka war also der Einzige, der allein geschlafen hat?»

«So war’s wohl. Allerdings wurde nicht viel geschlafen, die ganze Zeit schien irgendwer unterwegs zu sein. Alle naselang rannte jemand aufs Klo, Jyri sogar hier unten, obwohl oben auch eine Toilette ist. Ich hab jedenfalls die ersten Stunden furchtbar unruhig geschlafen. Tuulia hat fürchterlich geschnarcht, obwohl ich immer wieder versucht hab, sie wachzurütteln.»

«Tut mir Leid, dass ich deinen Schlaf gestört hab.» Tuulia tauchte plötzlich in der Küche auf. «Piia konnte offenbar auch nicht schlafen, vor schlechtem Gewissen wahrscheinlich…» Tuulia warf einen Blick in den Kühlschrank. «Jetzt sind wir gar nicht dazu gekommen, die Meeresfrüchte zu dünsten. Kommt doch zum Essen zu mir, wenn ihr das Verhör hinter euch habt. Ein Abendmahl zum Gedenken an Jukka… Die Tomatensoße hat genau die richtige Farbe. Schade, dass wir nur Weißwein haben.»

«Hör auf damit», fauchte Mirja. Sie hatte das Zittern in Tuulias Stimme nicht bemerkt. Ich ging in den ersten Stock hinauf und landete in einem Vorraum, wo Jyri gerade seinen Schlafsack aufrollte. Ein schmaler Flur schloss sich an, an dessen Ende ein großes Schlafzimmer lag, offenbar gehörte es Jukkas Eltern. Die Tür stand einen Spaltbreit offen, auf dem Bett sah ich die Beine einer Frau. Eine Männerhand streichelte sie. Sicher Sirkku und Timo.

In Jukkas Schlafzimmer war niemand. Ein Teenager-Zimmer, in dem in den letzten zehn Jahren wohl nichts verändert worden war. Meerblaue Textilien, an der Wand Segelposter, im Bücherregal zwei leere Rumflaschen, Segelbücher, daneben eine Gitarre. Auf dem Stuhl lag ein Pullover, die Schuhe waren unters Bett geschoben. Jukka war in seiner Todesnacht barfuß unterwegs gewesen – wahrscheinlich hatte er niemanden wecken wollen. Das Bett war nicht gemacht. Wohin Jukka auch gegangen war, offenbar hatte er vorher geschlafen und wollte danach wieder ins Bett.

Auf dem schmalen Bett im letzten Zimmer lag Antti Sarkela, die Hände im Nacken verschränkt. Bei meinem Anblick sprang er auf wie ein Rekrut vor dem Feldwebel.

«Und? Heiße Spuren entdeckt?» Seine Stimme klang gehässig.

«Vielleicht. Du hast in diesem Zimmer geschlafen?»

«Ja.»

«Du kennst… kanntest Jukka ziemlich gut. Würdest du mal eben in sein Zimmer kommen und nachsehen, ob etwas fehlt?»

Antti schien zu groß für das kleine Zimmer.

«Sieht nicht so aus, als ob was fehlt.» Er warf einen Blick in den Kleiderschrank. «Die gleichen Klamotten wie immer. Das meiste, was Jukka fürs Wochenende brauchte, hatte er hier im Haus, auf der Herfahrt hatte er nur eine kleine Tasche bei sich. Da steht sie ja… Ist weiter nichts drin, Noten, frische Socken… Das Zimmer sieht jedenfalls genauso aus wie sonst.»

Anttis Blick fiel auf eine abgegriffene Chormappe, die auf dem Tisch lag. Sie war bei Kuulas Lied «Stromab treibet mein Boot» aufgeschlagen. Für gereimte Verse habe ich eigentlich nichts übrig, aber Eino Leinos Gedicht, das Kuula vertont hat, mag ich sehr. Jukka hatte am Seitenrand eine Menge Notizen gemacht. Antti wandte den Blick ab, ich sah, dass er sich auf die Lippe biss.

«Habt ihr das gestern geübt?», fragte ich, um überhaupt etwas zu sagen.

«Unter anderem. Es waren finnische Lieder bestellt.»

Jukkas Brieftasche lag neben dem Notenbuch, ich nahm sie an mich. Ich hatte das seltsame Gefühl, nicht alles zu registrieren, was mir das Zimmer verriet.

Endlich konnten wir aufbrechen. Die Techniker blieben noch da und suchten nach einem Gegenstand, der als Mordwaffe infrage kam. Das Ufer wurde abgesperrt. Die Streifenbeamten blieben ebenfalls, sie sollten Jukkas Eltern in Empfang nehmen, die im Lauf des Abends eintreffen mussten.

Ich musterte das verwirrte Grüppchen, das ich bald vernehmen würde. Im Prinzip konnte irgendein Herumtreiber Jukkas Tod beobachtet oder gar verursacht haben, diese Möglichkeit durfte ich nicht außer Acht lassen, aber vorläufig stand das vom Doppelquartett übrig gebliebene Septett im Vordergrund. Das eine oder andere Chormitglied wusste mit Sicherheit mehr, als es mir erzählt hatte. Falls einer der sieben der Täter war, hatte ich es nicht mit einem kaltblütigen Berufsverbrecher zu tun, sondern mit einem ganz gewöhnlichen Menschen, der bald unter seiner Schuld zusammenbrechen würde, dachte ich optimistisch.

Antti und Tuulia standen am Ufer und gaben seltsame Töne von sich. Dann schienen sie den Schutzleuten etwas zu erklären. Ich ging hin, um sie zum Aufbruch zu mahnen.

«Was ist los?»

«Einstein. Meine Katze», erwiderte Antti. «Sie hat sich seit zwei Stunden nicht blicken lassen, ich kann doch nicht ohne sie abfahren.»

«Meinst du, sie hat sich verlaufen?», fragte Tuulia besorgt.

«Die ist doch hier geboren! Sie wird auf einem ihrer Streifzüge sein.»

«Ich schlage vor, du fährst trotzdem mit. Du kannst ja später zurückkommen und nach deiner Katze suchen», sagte ich unfreundlicher, als ich eigentlich wollte. Ich trug den zurückbleibenden Beamten auf, die Katze einzufangen, wenn sie auftauchen sollte. Sie sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. «Katzen fangen, das fehlt uns noch!», brummte der eine wütend.

Jukkas Auto blieb vorläufig vor der Villa stehen, weil die Technik eine Voruntersuchung durchführen wollte. Später würde es irgendwer zum Labor fahren, die Schlüssel steckten. In den BMW von Piia Wahlroos passten fünf Chormitglieder. Es war sinnlos, einen Beamten mitfahren zu lassen, damit sie ihre Aussagen nicht absprechen konnten, denn das hatten sie längst tun können. Ich hätte wetten mögen, dass Mirja Rasinkangas und Antti Sarkela als Einzige bereit waren, im Polizeiauto mitzufahren. Die Wette hätte ich glatt gewonnen. Ich spürte Anttis Knie im Rücken und schob meinen Sitz nach vorn.

«Was machst du eigentlich bei der Polizei, Maria?», fragte Antti, als wir von dem Waldweg auf die Straße bogen. «Als ich dich zuletzt gesehen hab, hast du doch Jura studiert.»

«Ich hatte vorher die Polizeischule besucht. Und die Vertretungsstelle kam mir jetzt gerade recht.»

«Hast du viele… Mordfälle gelöst?»

«Genügend.»

«Unterschätz mir das Mädchen nicht, die hat Grips genug, um den Schuldigen zu finden», mischte sich Rane pikiert ein. Ich feixte innerlich. Das Größensyndrom machte sich wieder mal bemerkbar. Rane, der das Mindestmaß für Polizisten nur um Haaresbreite überschritt, verhielt sich automatisch ablehnend gegenüber Männern, die wesentlich größer waren als er selbst. Dass er mich schon wieder Mädchen nannte, ließ ich ihm diesmal durchgehen, immerhin hatte er ja Partei für mich ergriffen. Nach außen hielten Polizisten eben zusammen, trotz allem.

«Du hast doch mit Jaana zusammengewohnt», rief Mirja auf einmal. «Jetzt erinnere ich mich…» Es klang, als hätte sie mich nicht gerade in guter Erinnerung. Vielleicht war ihr der bierselige Abend eingefallen, an dem ich den Fehler begangen hatte, meine Ansichten über Sinn und Zweck des Chorgesangs kundzutun.

Ich nahm mir vor, Jaana in Deutschland anzurufen. Sie war Jukkas Freundin gewesen und konnte mir vielleicht wichtige Informationen geben. Außerdem kannte sie vermutlich die meisten der in den Mord verwickelten Chormitglieder – die schicksalhafte Deutschlandtournee lag ja erst zwei Jahre zurück.

Den Rest des Weges legten wir schweigend zurück. Bevor ich mit den Vernehmungen anfing, wollte ich rekapitulieren, was ich bisher erfahren hatte. Nach dem vorläufigen Urteil des Gerichtsmediziners hatte Jukka einen Schlag auf den Kopf erhalten, der von vorn und aus leicht erhöhter Stellung mit einem stumpfen, ungleichmäßig geformten Gegenstand ausgeführt worden war. Der Täter war also entweder wesentlich größer als Jukka – dann kam von den Anwesenden nur Antti infrage–, oder Jukka hatte vor ihm gesessen oder gekniet. Vorgebeugt hatte er sich jedenfalls nicht, sonst hätte ihn der Schlag aus einem anderen Winkel getroffen.

War Jukka am Bootssteg mit jemandem verabredet, mit dem er ungestört sprechen wollte? Oder war er einfach so nach draußen gegangen und überraschend angegriffen worden?

Das war nur mit harter Arbeit herauszufinden, indem ich mit Leuten redete und ihnen zuhörte. Die Tötungsdelikte, mit denen ich es bisher zu tun gehabt hatte, waren klare Fälle gewesen: Betrunkene, die ihrem Kumpel ein Messer in die Rippen gerammt oder ihrer Frau eine Axt über den Kopf gezogen hatten. Totschlag jedes Mal. War dies mein erster Mord?

Zwei

Um Kiel und Planken Gischtwellen branden

Kinnunen hatte sich immer noch nicht im Präsidium blicken lassen. Der Diensthabende hatte beim x-ten Anruf in Kinnunens Wohnung endlich dessen neue Freundin erreicht, die ihm erzählt hatte, mein Vorgesetzter säße beim vierten Bier auf der Terrasse des «Kappeli». Rane und ich beschlossen, ohne ihn anzufangen, damit wir die Leute nicht den ganzen Abend auf dem Präsidium behalten mussten.

Ich wollte mir die Chormitglieder in alphabetischer Reihenfolge vornehmen, da mir nichts Besseres einfiel. Rane sollte nur mitschreiben, denn er würde sowieso nicht mehr lange an dem Fall mitarbeiten. Er war in Gedanken schon beim Montag, an dem er ausschlafen und alle Mordfälle vergessen konnte. Immerhin würde er aber hören, was die Zeugen zu sagen hatten, und sein Urteil darüber abgeben können, bevor er in Urlaub ging. In den wenigen Monaten, die ich mit ihm zusammengearbeitet hatte, war mir klar geworden, dass Rane trotz seiner Vorurteile und seiner gelegentlichen Boshaftigkeit ein scharfsichtiger Beobachter war. Wahrscheinlich fuchste es ihn, einer fast zehn Jahre jüngeren Frau unterstellt zu sein.

Sirkku Halonen war als Erste an der Reihe. Sie wirkte sehr nervös, darum stellte ich ihr zuerst einfache Routinefragen, um sie zu beruhigen. Ich bin nicht mütterlich veranlagt, sanfter Umgang mit verletzlichen Menschen liegt mir nicht. Mit hartgesottenen Typen komme ich besser zurecht als mit zu Tode erschrockenen kleinen Mädchen, die ein böser Onkel belästigt hat. Timo Huttunen wollte unbedingt mitkommen, um seiner Freundin beizustehen, aber ich scheuchte ihn zurück auf den Gang.

Sirkku erzählte, sie hätte Jukka vor ungefähr drei Jahren kennen gelernt. Bevor sie in den Chor eingetreten war, hatte sie ihn ein paar Mal auf Feten getroffen, die Piia und ihr Mann veranstaltet hatten. Mit Timo Huttunen war sie seit etwa einem Jahr befreundet. Jukka war ihrer Meinung nach «ganz nett», und sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wer ihn umgebracht haben könnte.

«Das Wochenende hatte so schön angefangen… Ich hab einen Ferienjob in einem Kaufhaus in der Parfümerieabteilung, das ist wahnsinnig anstrengend. Ich hatte mich so auf die paar Tage gefreut!» Anscheinend trauerte Sirkku eher dem verpatzten Ausflug nach als ihrem toten Bekannten.

Anfangs glaubte ich, nichts Brauchbares aus ihr herausholen zu können. Ihren Worten nach war am Samstag nichts Besonderes vorgefallen. Sie hatten eine Weile gesungen, es hatte ganz gut geklappt, dann waren Antti und Jukka losgezogen, um die Sauna zu heizen, Jyri hatte Klavier gespielt, Timo und Sirkku hatten auf der Terrasse gesessen und Erdbeerwein getrunken, und Mirja und Tuulia hatten sich um das Essen gekümmert.

«Es war sehr lecker, Ratatouille oder so was. Tuulia kann echt gut kochen – obwohl sie für meinen Geschmack zu viel Knoblauch genommen hat. Dann sind Timo und ich eine Weile gerudert… Die anderen waren inzwischen in der Sauna. Wir wollten ungestört sein und sind erst reingegangen, als die anderen fertig waren. So gegen elf, glaub ich, sind wir dann ins Haus.»

Als das Liebespaar aus der Sauna kam, saßen die anderen im Erdgeschoss am Kamin. Alles war ruhig und friedlich.

«Wann seid ihr ins Bett? Vor oder nach Jukka?»

«Wir sind wohl als Erste gegangen. Timo und ich haben oben im großen Schlafzimmer geschlafen. Ich war in der Nacht einmal auf der Toilette, und zwar oben, draußen war ich nicht. Timo auch nicht, der hat die ganze Nacht geschlafen.»

Ich fragte mich, woher Sirkku das so genau wissen wollte, wenn sie selbst geschlafen hatte.

«Hat sich Jukka deiner Meinung nach tagsüber irgendwie anders verhalten als sonst?»

«Nein. Er war gut gelaunt. Bei der Probe hat er nicht mal die Nerven verloren, obwohl Piia dauernd gepatzt hat. Sie singt den zweiten Sopran und müsste bei Kuulas «Stromab treibet mein Boot» als Erste einsetzen, aber das wollte und wollte nicht klappen. Aber mit Piia hat… hatte Jukka viel Geduld…»

Sirkku schien anzudeuten, dass Piia nicht wegen ihrer Gesangskünste, sondern wegen anderer Verdienste in die Gruppe aufgenommen worden war.

«Na, zwischen Piia und Jukka lief bestimmt was, wo doch Peter, Piias Mann, fast ein halbes Jahr in Amerika ist, zum Regattasegeln. Schrecklich lange, nicht? Jukka hat sich gleich auf Piia gestürzt. Das hätte ich vielleicht jetzt nicht sagen sollen… Aber Piia wird das bestimmt selbst sagen, es ist ja auch nichts dabei. Dass sie zusammen ins Kino gehen und so. Aber zum Glück ist Peter noch auf der «Marlboro of Finland», so heißt nämlich sein Boot, denn er hätte immerhin einen Grund gehabt, Jukka umzubringen. Das heißt eigentlich keinen richtigen Grund, aber er ist ziemlich eifersüchtig…»

«An Frauen hat es Jukka wohl nicht gemangelt? Wie war es denn mit Jukka und dir, ist da auch mal was… gelaufen?» Ich erinnerte mich vage, dass Jaana bei unserem letzten Treffen ärgerlich gesagt hatte, Jukka hätte «überhaupt kein Niveau» mehr und würde neuerdings «alle möglichen kleinen Gören abschleppen».

«Ja, das war so ein Urlaubsflirt in Deutschland, nichts Ernstes.» Sirkku ließ sich durch meine direkte Frage nicht aus dem Konzept bringen. Sie hatte ihre Nervosität verloren und sprach inzwischen schon mit einem gewissen Stolz. «Jukka und Jaana hatten schon vorher Schluss gemacht, aber Jukka hat sich trotzdem geärgert, als Jaana anfing, mit diesem Franz zu flirten. Es war schön mit Jukka, und von Timo hatte ich damals ja noch keine Ahnung. Aber die Sache war gleich nach der Reise zu Ende, ich war ja damals noch mit Jari zusammen…»

«War Timo eifersüchtig auf Jukka?»

«Wegen der Sache in Deutschland? Glaub ich nicht, warum auch? Danach war ja nichts mehr zwischen uns. Ich würde Timo nie betrügen!»

Aber deinen damaligen Freund hast du sehr wohl betrogen, dachte ich belustigt. «Als du nachts auf der Toilette warst, hast du da irgendwen gesehen oder gehört?»

«Die Toilette ist ja gleich nebenan, da sieht man nicht viel, außerdem war ich halb im Schlaf und ein bisschen betrunken und bin gleich wieder eingeschlafen. Aber dass Tuulia unten schnarchte, hab ich schon gehört. Ich begreif nicht, wie Piia und Mirja bei dem Krach schlafen konnten. In Jukkas Bett hätte es Piia viel bequemer gehabt. Eingeladen war sie ja.» Sirkku sah plötzlich schuldbewusst drein. «Ich war nach der Sauna kurz oben, da haben sie sich scheinbar gerade gestritten. Jukka hat Piia gebeten, bei ihm zu schlafen, aber sie wollte nicht. Aber sonst hab ich wirklich nichts gehört.»

«Wovon bist du denn mitten in der Nacht wach geworden?»

«Na, ich musste eben aufs Klo!» Sie wurde nachdenklich. «Ich weiß nicht… Vielleicht hab ich ein Poltern gehört, aber ich bin mir nicht sicher. Ich muss meistens nachts aufs Klo, wenn ich abends spät noch was trinke.» Sie warf Rane einen Blick zu und wurde rot.

Kleinmädchengehabe mag ich nicht – womöglich nur, weil ich selber diese Kunst nicht beherrsche. Ich sagte Sirkku, ich würde mich Anfang der Woche noch einmal bei ihr melden, dann ließ ich sie gehen und bat sie, Timo Huttunen hereinzuschicken.

«Warum macht sie so einen Wind um Jukkas Techtelmechtel mit ihrer Schwester? Glaubt sie vielleicht, dass etwas dahinter steckt?», überlegte ich halblaut. «Auf jeden Fall muss die ‹Marlboro of Finland›