Beschreibung

Die Leiterin eines Therapiezentrums für Frauen verschwindet plötzlich. Maria Kallio, neu als Kommissarin bei der Polizei in Espoo, übernimmt den Fall. Bei den Ermittlungen stößt sie auf eine religiöse Fanatikerin, eine Stripperin sowie einen undurchsichtigen Dichterfreund der Vermissten. Sie alle benehmen sich verdächtig, doch Beweise fehlen. In dieser Situation bricht ein Bankräuber aus dem Gefängnis aus und schwört, er werde Maria, die ihn einst verhaftet hat, töten.

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MOBI

Seitenzahl: 459


Leena Lehtolainen

Weiß wie die Unschuld

Maria Kallios dritter Fall

Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

Prolog

Ich weiß nicht, wer mehr Angst hatte, die Richterin, vor der ich stand, oder ich. Meine Kommilitonin Riina hatte noch nie jemanden getraut. Sie zitterte, als sie im Festsaal der Villa Elfvik mit der Zeremonie begann. Aber auch für mich war es die erste Trauung. Meine Beine waren wie Pudding, und von meiner Hand, die Anttis Hand umklammerte, fielen Schweißtropfen auf den Fußboden.

«Maria Kristiina Kallio, wollen Sie den hier anwesenden Antti Johannes Sarkela…»

Ich hatte ganz vergessen, dass man auch bei einer standesamtlichen Trauung Ja sagen muss. Das Wort wollte mir nicht über die Lippen kommen, und Antti sah mich an, als fürchte er, ich würde doch noch einen Rückzieher machen. Endlich wisperte ich meine Zustimmung, worauf Antti sein Ja so laut von sich gab, dass er Riina vollends aus der Fassung brachte. Später behaupteten unsere Gäste allerdings, ihnen wäre nichts aufgefallen.

Riina erklärte uns zu Mann und Frau, wir wandten uns dem Publikum zu, küssten uns und nahmen die Gratulationen entgegen. Wir hatten ohne Klimbim heiraten wollen, und da Antti nicht der Kirche angehörte, beließen wir es bei der standesamtlichen Trauung. Mein Verhältnis zum Glauben war so verschwommen, dass es mir nicht schwer fiel, auf den Segen der Kirche zu verzichten.

Ich wurde pausenlos umarmt, von Eltern, Geschwistern, Freunden. Koivu stemmte mich hoch und sagte nur halb im Spaß zu Antti:

«Sieh bloß zu, dass du Maria anständig behandelst!»

Die Abordnung meiner Kollegen war ungewöhnlich schweigsam. Mein Chef, Kriminalrat Jyrki Taskinen vom Dezernat für Gewaltdelikte und Gewohnheitskriminalität bei der Kripo Espoo, gratulierte kurz und sachlich, die beiden anderen, Palo und Ström, wirkten peinlich berührt, als glaubten sie, die Heirat würde mein Arbeitsengagement mindern. Obendrein piepte Taskinens Handy genau in dem Moment, als er Antti die Hand schüttelte.

«Hoffentlich keine Vergewaltigung, dafür hab ich jetzt keine Zeit», stöhnte ich. Ein Kollege Anttis von der Universität, der mir gerade gratulieren wollte, sah mich befremdet an.

Während ich weiteren Gästen die Hand schüttelte, kam Taskinen zurück. Es war also nichts passiert, was die Anwesenheit des Dezernatsleiters erforderlich machte. Ich unterdrückte meine Neugier und konzentrierte mich wieder auf die Gäste. Wenn wir in zwei Wochen von der Hochzeitsreise zurückkamen, würde genug Arbeit auf meinem Schreibtisch liegen.

Ich bin sicher nicht die Einzige, die zwar als kleines Mädchen von ihrer Hochzeit geträumt, aber schon bald gemerkt hat, dass ein weißer Schleier und ein reicher Mann als Lebensziel nicht genug sind. Zwischen fünfzehn und dreißig war ich mit Leib und Seele Single gewesen, und gelegentlich fragte ich mich immer noch, was mich bewogen hatte, Anttis Heiratsantrag anzunehmen. Ich liebte Antti, das schon. Aber meine Freiheit liebte ich noch mehr, und meinen Job mochte ich auch ganz gern, trotz der unregelmäßigen Arbeitszeit.

«Heißt du jetzt trotzdem noch Kallio?», fragte Anttis Schwester.

«Wir behalten beide unseren Namen», beeilte sich Antti zu erklären. Im Frack, der nicht recht zu seinen schulterlangen schwarzen Haaren passen wollte, sah er noch größer und dünner aus als sonst. Mein Brautkleid war weniger konventionell, zwar lang und cremefarben, aber mit blutroten Rosetten benäht, wie sie auch meine Frisur schmückten. Pumps und Handschuhe waren ebenfalls in frivolem Rot. Das kleine Mädchen, das ich einmal war, hätte an meinem Brautkleid sicher einiges auszusetzen gehabt, doch den Hochzeitsgästen schien es zu gefallen.

«Wie schön, dich mal nicht in den ewigen Jeans oder in deinem einzigen Kostüm zu sehen», frotzelte Palo, als wir uns auf unserer Runde durch den Saal kurz zu meinen Kollegen setzten. Pertti Ström grinste. Vor einigen Jahren hatte er mich nämlich im Zusammenhang mit einem Mordfall in Ledermini und Netzstrümpfen zu Gesicht bekommen.

«Hast du mir den Bericht über den Fall Vilén auf den Tisch gelegt?», fragte er unfreundlich, doch bevor ich antworten konnte, wies Taskinen ihn zurecht:

«Nichts Dienstliches, Pertti, wir sind hier auf Marias Hochzeit!»

«Wenn der Bericht nicht da ist, muss ich sie auf der Hochzeitsreise stören», knurrte Ström.

«Beruhige dich, er liegt schon auf deinem Schreibtisch», flötete ich honigsüß und ging an den Nachbartisch. Ström lauerte ständig darauf, dass ich Fehler machte. So wie wir zueinander standen, fragte ich mich, warum er überhaupt zu meiner Hochzeit gekommen war.

Das Hochzeitsmahl schmeckte mir vorzüglich, zumal ich vor dem Fest natürlich keinen Bissen heruntergebracht hatte. Unsere Väter und Freunde hielten Reden, wobei sie mit Klischees nicht geizten. Zum Glück verschonten sie uns wenigstens mit der Jungfrau Maria. Den Hochzeitswalzer legten wir so gut hin, wie es einem fast zwei Meter großen Mann und einer kleinen Frau gelingen kann. Später tanzte ich gerade mit Palo, als Ström auf uns zutrat.

«Raitio ist geschnappt worden, in Turku am Flughafen. Wir müssen ihn abholen.»

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Raitio war eine Schlüsselfigur in dem Drogenring, dem wir seit längerem auf der Spur waren. Vor ein paar Wochen war er abgetaucht, und wir hatten bereits befürchtet, er wäre ins Ausland entkommen.

«Verschieb deine Hochzeitsnacht und komm mit nach Turku. Was Neues erlebst du heute Nacht sowieso nicht!», sagte Pertsa so gehässig, wie ich es selbst von ihm nicht erwartet hätte.

«Ich mach es heute zum ersten Mal in meinem Leben legal», gab ich im gleichen Ton zurück und wünschte meinen Kollegen eine gute Fahrt. Taskinen gab mir zum Abschied die Hand, Palo verabschiedete sich mit einer unbeholfenen Umarmung. Pertsa, der als Letzter an der Reihe war, flüsterte mir ins Ohr:

«Selbst Polizisten können heiraten, aber glaub mir, es wird nichts daraus. Du würdest doch am liebsten mitkommen, gib’s zu! So was lässt sich kein Mann lange bieten.»

«Danke für die freundlichen Worte, Pertsa», säuselte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Während er verlegen den Rückzug antrat, überlegte ich, ob er wohl Recht hatte. Zum Glück zog Antti mich auf die Tanzfläche, und ich vergaß meine Zweifel.

Eins

Der Wind rüttelte an meinem kleinen Fiat und fegte Schnee auf die Windschutzscheibe. Der Dezember war ungewöhnlich düster. Schon um drei Uhr herrschte fast völlige Dunkelheit. Obwohl ich oft nach Nuuksio fuhr, schien mir die Straße plötzlich fremd. Ich rief mir die Streckenbeschreibung ins Gedächtnis: Kurz hinter der Kurve am See rechts abbiegen, dann zweimal links. Das letzte Wegstück würde schmal und wahrscheinlich zugeschneit sein. Zum Glück hatte ich eine Schneeschaufel im Kofferraum.

Wie sich bald herausstellte, brauchte ich sie nicht, denn jemand hatte den Weg zum Gutshaus Rosberga, das hell erleuchtet auf einem Hügel stand, freigeschaufelt. Die steile Auffahrt zum rosafarbenen Portal war sogar gestreut. Im Sommer sah Rosberga sicher bezaubernd aus, doch jetzt wirkten die Rosenbüsche, die sich an der Mauer entlangrankten, kahl und abweisend.

Das Tor war geschlossen, und das Schild, das daran hing, machte nicht gerade einen freundlichen Eindruck. Als das Kurszentrum Rosberga vor einigen Jahren gegründet wurde, hatte vor allem dieses Schild Aufsehen erregt. ZUTRITT FÜR MÄNNER VERBOTEN stand in nüchternen schwarzen Buchstaben darauf. Die katzengroße Bärenskulptur auf dem Tor sah wesentlich freundlicher aus.

Elina Rosberg, die Gutsherrin, ließ keinen Mann ins Haus. Ihre Therapiegruppen und Selbstverteidigungskurse waren exklusiv für Frauen reserviert. Reparaturen ließ sie angeblich nur von Handwerkerinnen ausführen. Und als sie für ihren Kurs «Geistige Selbstverteidigung» den Vortrag eines Polizisten einplante, lud sie natürlich eine Frau ein.

Die Polizeibehörde von Espoo, bei der ich angestellt war, hatte in den letzten Jahren besonderes Gewicht auf die Öffentlichkeitsarbeit gelegt. In den Schulen hatte man Quartettspiele verteilt, auf denen einzelne Mitarbeiter vorgestellt wurden, und auf den verschiedensten Veranstaltungen sprachen die Beamten bereitwillig über ihre Arbeit. Daher hatte kaum jemand gelacht, als Elina Rosberg eine Polizistin angefordert hatte, die einen Vortrag über speziell für Frauen relevante Verbrechen und über das Verhältnis zwischen Frauen und der Polizei halten sollte.

«Genau das Richtige für Kallio», hatte Pertti Ström während der Kaffeepause gewitzelt. «Wenn wir wollen, dass diese Emanzen auf die Polizei hören, schicken wir am besten eine von ihrer Sorte hin.»

«Schade, dass Männer keinen Zutritt haben. Sonst könnte ich dich als Demonstrationsobjekt mitnehmen: Hier sehen Sie ein chauvinistisches Polizistenschwein in Reinkultur», gab ich zurück.

«Pertsa ein Chauvi? Dabei hat er doch sogar seiner Frau erlaubt, arbeiten zu gehen. Was nicht ohne Folgen blieb», warf Palo ein und duckte sich unter den Tisch, um Pertsas Fausthieb zu entgehen, der nicht ganz so spaßhaft war, wie er schien. Ströms Scheidung lag schon einige Jahre zurück, doch sie war immer noch ein wunder Punkt.

Ich hatte mich darauf eingestellt, möglichst realistisch zu berichten, sowohl über die Arbeit einer Polizistin als auch über Frauen, die mit der Polizei in Berührung kamen. Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, was für ein Publikum mich erwartete. In der Öffentlichkeit war Rosberga zur Festung der fanatischsten Feministinnen abgestempelt worden, umso mehr, da die Kurse zum Teil in Zusammenarbeit mit dem Frauenverband Union und der Organisation für sexuelle Gleichberechtigung, Seta, veranstaltet wurden. Als Mitglied beider Vereine wusste ich, dass ihnen sehr unterschiedliche Frauen angehörten. Wahrscheinlich würde ich meinen Berufsstand verteidigen müssen. Auf jeden Fall würde es anders zugehen als in den Rentner- und Hausfrauenclubs, in denen ich bisher aufgetreten war.

Man ließ mich auch deshalb gern die Behörde repräsentieren, weil ich dem traditionellen Polizistenbild so gar nicht entsprach. Erstens bin ich eine Frau und zweitens nur knapp über eins sechzig. Meine Wuschelhaare haben einen natürlichen Rotton, den ich oft künstlich verstärke. Ich habe eine Stupsnase und Sommersprossen, die zum Glück im Winter verschwinden. Mein Körper ist eine seltsame Mischung aus Kurven und Muskeln. Vermutlich habe ich es meinem runden Mund und meinem görenhaften Kleidungsstil zu verdanken, dass ich im Alkoholgeschäft immer noch den Ausweis vorzeigen muss, obwohl ich schon dreißig bin. Jetzt trug ich Jeans, ein Polohemd und ein maskulin geschnittenes Jackett. Ich hatte versucht, mich älter zu schminken. Am Tor war weder eine Klingel noch ein Klopfer zu sehen. Ich wollte gerade aussteigen, um mich irgendwie bemerkbar zu machen, als das Tor wie von selbst aufschwang. Ich fuhr auf den von kahlen Rosenbüschen gesäumten Innenhof. Das Klicken, mit dem das Tor ins Schloss fiel, klang irgendwie bedrohlich, obwohl Mauer und Tor ja gerade die von außen drohenden Gefahren abwehren sollten.

Die Wände des Gutshauses Rosberga waren ebenfalls rosenrot gestrichen und von Rosen berankt. Als das für Männer unzugängliche Kurszentrum gegründet wurde, war natürlich über das «Dornröschenschloss» gespottet worden. «Warten die Feministinnen auf den Kuss des Märchenprinzen?», hatte ein Boulevardblatt gehöhnt. Die Rosen hatte angeblich Elina Rosbergs Urgroßmutter gepflanzt.

Elina Rosberg stand in der weiß gerahmten Tür und begrüßte mich mit einem festen Händedruck. Sie war etwa zwanzig Zentimeter größer als ich, hatte breite Schultern und einen großen Busen, war aber im Übrigen schlank. Der Wind plusterte ihre kurzen blonden Haare auf, das seitlich fallende Licht hob ihre lange schmale Nase und die hohen Backenknochen hervor. Selbst in Jeans und zerschlissenem Lammfellmantel wirkte sie wie eine Gutsherrin. Ihre tiefe, sympathische Stimme klang wie die eines Menschen, der gern lacht.

«Möchtest du eine Tasse Tee, bevor du anfängst?», fragte sie. «Die Entspannungsübung ist noch nicht vorbei.»

Ich fragte sie, was für ein Publikum mich erwartete.

«Eine außergewöhnlich große Gruppe, rund zwanzig Frauen. Es ist ja unser erster Kurs über geistige Selbstverteidigung. Die Gruppe ist sehr diskussionsfreudig und oft kontrovers.»

Sie führte mich in eine geräumige Wohnküche. In der Ecke bullerte ein aus Ziegelsteinen gemauerter Backofen, auf der Ofenbank räkelte sich eine Katze.

«Aira, wärst du so lieb, Hauptmeister Kallio eine Tasse Tee einzuschenken? Ich sehe inzwischen im Saal nach, wie weit die Entspannungsübung gediehen ist.» Damit ging Elina Rosberg hinaus. Die Frau, die sie als Aira angeredet hatte, stand am Herd.

«Aira Rosberg», stellte sie sich vor. «Elinas Tante.»

Auch ohne diesen Zusatz hätte ich eine Verwandte in ihr vermutet, die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Aira Rosberg musste über siebzig sein, doch sie war fast so groß wie ihre Nichte und hielt sich mindestens ebenso gerade. Sie hatte die gleiche lange schmale Nase und die gleichen hellblauen Augen. Nur die Haare sahen anders aus: Sie trug eine Helmfrisur in elegantem Stahlgrau.

Der Tee war heiß und schmeckte nach Johannisbeeren. Das Brot, das Aira Rosberg mir anbot, lehnte ich dankend ab. Ich setzte mich in einen Sessel in der Ecke und versuchte, meinen Vortrag zu rekapitulieren, sah aber unwillkürlich immer wieder zu der Frau mit der grau gestreiften Marimekko-Schürze hin, die die Spülmaschine ausräumte. Welche Funktion hatte sie in Rosberga? War sie die Köchin? Sie arbeitete konzentriert und zügig, ohne sich weiter um mich zu kümmern, fragte nur einmal, ob ich noch Tee wolle.

Die Zeit schien mir länger, doch der Uhr nach waren erst sieben Minuten vergangen, als Elina Rosberg zurückkam.

«Wir sind bereit, wenn es dir recht ist.» Ich folgte ihr zurück in die Eingangshalle mit der breiten Treppe. Eine Flügeltür führte in einen Raum, der früher einmal der Festsaal gewesen sein musste. An den Wänden hingen kostbare Tapeten mit Rosenmuster, doch auf dem blank gewienerten Parkett standen keine Stilmöbel, sondern leicht gebaute Tische und Stühle, die sich bequem beiseite räumen ließen. Leider waren sie aufgestellt wie in einer Schulklasse. Elina zeigte mir das Rednerpult und den Overheadprojektor. Nachdem sie mich vorgestellt hatte, begann ich meinen Vortrag abzuspulen, zuerst ein wenig nervös, doch schon nach wenigen Minuten ganz locker und gelassen. Elina saß in der ersten Reihe und hörte aufmerksam zu, ihr hellblauer Pullover betonte die Farbe ihrer Augen. Sie hatte ihre langen Beine um die Stuhlbeine geschlungen, einer ihrer grauen Wollstrümpfe war nachlässig mit lila Garn gestopft. Nach einer Weile schlich sich Aira in die letzte Reihe. Sie hatte die Schürze abgelegt und wirkte eckig in ihrem grauen Flanellhemd und der dunkelblauen Hose. Die Frauen saßen still da und hörten zu, sie wirkten interessiert, eine schrieb sogar mit. Gerade so hatte ich mir die Teilnehmerinnen an einem Kurs für geistige Selbstverteidigung in Rosberga vorgestellt: durchschnittlich fünfunddreißig, leger gekleidet, mindestens die Hälfte mit rötlichen Haaren. Fast alle trugen Kalevala-Ohrringe, zwei von ihnen dieselben wie ich, mit kleinen Mondgöttinnen als Anhängern. Wenn ich im Publikum gesessen hätte, wäre ich nicht aufgefallen, niemand hätte mit dem Finger auf mich zeigen und mich als Polizistin identifizieren können.

Zwei der Frauen stachen jedoch deutlich von den anderen ab. Die jüngere hatte extrem kurze, violett und schwarz gestreifte Haare und mehr Schminke im Gesicht als alle anderen Kursteilnehmerinnen zusammen. Während die anderen Frauen, offenbar wegen der Entspannungsübung, vorwiegend Trainingsanzüge anhatten, trug die mit den gestreiften Haaren ein schwarzes Minikleid, das ihr kaum über den Po reichte und sich über ihren Rundungen spannte, dazu eine schwarze Lederjacke und violette Stiefel mit Pfennigabsätzen. Trotz des Make-ups merkte man bei genauerem Hinsehen, dass sie kaum über zwanzig sein konnte. Sie starrte gelangweilt auf ihre langen, tiefvioletten Fingernägel und verzog unwillkürlich das Gesicht, sooft das Wort Polizei fiel.

Die zweite Frau, die sich von den anderen unterschied, wirkte abgezehrt, wie jemand, der sein Leben lang schwer gearbeitet hat. Ihre stumpfen blonden Haare waren zu einem festen Dutt aufgesteckt, die regengrauen Augen blickten in die Ferne. Ihr Alter war schwer zu bestimmen, in der omahaften braunen Strickjacke und dem braun karierten Kleid hätte jede Frau ältlich gewirkt. Ich hätte sie gern von nahem gesehen und ihre Stimme gehört. Sie saß reglos da, und es war, als stecke sie unter einer Glasglocke, die sie von den anderen isolierte. Die anderen Frauen lächelten über meine Geschichten, fassten sich gegenseitig am Arm, warfen sich Blicke zu, während die beiden Außenseiterinnen in ihrer ureigenen Einsamkeit hockten, der Streifenschopf laut und unruhig, der Dutt in beklemmender Lautlosigkeit.

Im Anschluss an meinen Vortrag konnten Fragen gestellt werden. Es überraschte mich nicht, dass die Zuhörerinnen über die zunehmende sexuelle Belästigung sprechen wollten, der sie überall in der Stadt ausgesetzt waren.

«Die Polizei sagt immer nur, Frauen sollten bei Dunkelheit nicht allein aus dem Haus gehen», entrüstete sich eine Rothaarige in meinem Alter. «Ich will in Ruhe joggen können, und zwar dann, wenn es mir passt, nämlich abends, wenn mein Mann zu Hause ist und die Blagen im Bett liegen. Ich bin schließlich nicht die Kriminelle, warum soll ich mir also meinen Tagesablauf von irgendwelchen Scheißkerlen diktieren lassen?»

«Ich stimme dir voll zu, das dürfte nicht sein. Aber es ist besser, kein unnötiges Risiko einzugehen. Wo joggst du denn?» Ich kannte die Angst, die einen manchmal auf einer dunklen, einsamen Laufstrecke überfällt, wenn man auf jedes Knacken im Gebüsch horcht und sich fragt, ob irgendwo ein Mörder lauert. Eine der Frauen erzählte, wie sie einen Angreifer durch Bisse abgewehrt hatte, eine andere berichtete von ihrer Kollegin, die nicht mehr begrapscht wurde, seit sie auf einem Betriebsfest der Frau des Betreffenden gesagt hatte, was ihr Mann am Arbeitsplatz trieb. Ich merkte, dass ich zur Therapeutin wurde, bei der die Frauen ihre Erlebnisse abluden, und fühlte mich peinlich berührt. Schließlich war ich gekommen, um über meine Arbeit zu sprechen, und nicht, um Lebensregeln auszuteilen. Ich fühlte mich geradezu erleichtert, als eine der Frauen wütend erzählte, bei einem Verkehrsunfall hätte der Polizist automatisch sie für die Schuldige gehalten und mitfühlend gesagt: «Da wird Ihr Mann aber sauer sein, wenn er sieht, dass seine liebe Frau den Wagen zu Schrott gefahren hat.» Dabei hatte sie das Auto von ihrem eigenen Geld gekauft und sich konsequent geweigert, ihren rücksichtslos fahrenden Mann ans Steuer zu lassen. Dieses Muster kannte ich, diese Art weiblicher Solidarität, und ich musste lächeln, als mir bewusst wurde, wie Recht die Zeitungen hatten: In Rosberga wurden die Männer tatsächlich systematisch schlecht gemacht. Meine praktischen Ratschläge für den Umgang mit Polizisten wurden plötzlich unterbrochen. Die Gestreifte, die sich fast den ganzen Vortrag hindurch auf das Lackieren ihrer Nägel konzentriert hatte, sprang auf und rief:

«Ihr mit euren mickrigen Problemchen, ihr seid doch bestusst! ’ne Delle im Blech, o weh, o weh! Braucht ihr dafür etwa geistige Selbstverteidigung, oder traut ihr euch nicht, über eure wahren Probleme zu reden? Na, was ist?»

Sie war nach vorn gekommen, ein schwerer Moschusduft umwaberte sie, und unter der dicken, zu hellen Puderschicht auf ihrer Stirn drangen kleine Schweißtropfen hervor.

«Ich bin in meinem Leben so oft vergewaltigt worden, dass ich’s nicht mehr zählen kann. Inzest natürlich, und dann ein Haufen andere Kerle, meistens war ich so blau, dass ich vergessen hab, wie die Schweine aussahen. Aber an den Letzten erinnere ich mich. Ich bin eine von denen, die die meisten von euch verachten, ich sag immer, ich bin Sexarbeiterin. Aber keine Hure, ich schlaf nicht mit jedem, ich tanz nur für Geld. Ein Nachbar hat sich immer wieder meine Show angeguckt, und wie ich eines Abends Kartoffeln aus dem Keller geholt hab, ist er über mich hergefallen. Er meinte, weil ich nackt tanze, kann er mich einfach so flachlegen. Da hat er mich dann auf dem Betonboden gefickt, er fand das geil.»

Die mit dickem, schwarzem Lidstrich umrandeten, matten Augen starrten mich an, die gepiercten Nasenflügel flatterten wie bei einem gereizten Tier.

«Du hast ihn doch hoffentlich angezeigt?», fragte ich hilflos.

«Nee! Glaubst du etwa, die Bullen würden anders denken als mein Nachbar? Aber ich hab ihm geschrieben, ich hätte Aids», erwiderte sie wütend. «Ich hab’s nicht», fügte sie rasch hinzu, als wäre der soziale Druck übermächtig, «außer wenn dieser Scheißkerl mich angesteckt hat.»

«Was erwartest du dir eigentlich von diesem Kurs, Milla?» Zu meiner Erleichterung mischte sich Elina Rosberg in das Gespräch ein, das mich einfach überforderte.

«Was ich erwarte? Du, das weiß ich echt nicht. Ich frag mich, was ich hier soll. Aber du», Milla wandte sich wieder an mich, «bist du ’ne feministische Polizistin oder was? Was hättest du zu mir gesagt, wenn ich den Kerl angezeigt hätte? Hättest du mich ernst genommen?»

«Natürlich.»

«Du hättest mir keine feministische Moralpredigt gehalten, weil ich Stripperin bin?»

«In so einer Situation hält man keine Moralpredigten.» Mein Versuch, freundlich zu sein, verpuffte wirkungslos, ich spürte die Feindseligkeit, die Milla ausstrahlte, wie beißend kaltes Eis.

«Aber wer keine Anzeige erstattet, macht sich doch erst recht zum Opfer!», wetterte eine üppige Frau in der ersten Reihe, die eifrig mitgeschrieben hatte. «Durch dein Verhalten bestätigst du diesen Kerl und seinesgleichen ja nur in ihrer Auffassung, dass sie dich, und damit jede Frau, einfach missbrauchen können. Wann ist das passiert? Vielleicht kannst du jetzt noch Anzeige erstatten?»

«Keinen Bock», sagte Milla. «Und der Typ hat sich zum Glück seitdem nicht mehr blicken lassen.»

«Diese Inzestgeschichte…», begann Elina mit der ruhigen, einfühlsamen Stimme eines Menschen, der daran gewöhnt ist, schmerzhafte Dinge anzusprechen. «Gibt es in diesem Zusammenhang etwas, worüber du mit einer Polizistin sprechen möchtest? Ich halte es für sinnvoll, dass wir uns auf polizeiliche Fragen konzentrieren, solange Kriminalhauptmeister Kallio bei uns ist.»

«Ach was, alles längst verjährt», schnaubte Milla. «Über mich zu reden bringt nichts. Sprecht ihr ruhig über eure Autos oder über entlaufene Kätzchen. Ich geh eine rauchen.» Milla drehte sich um und stolzierte zur rosaroten Tür hinaus.

Elina Rosberg wirkte wie vor den Kopf geschlagen, ihr war momentan die Kontrolle entglitten. Sie sah abwechselnd die Kursteilnehmerinnen und mich an, als erwarte sie, dass eine von uns etwas sagte. Leicht gezwungen erklärte ich die Prozedur der Anzeigenerstattung, obwohl ich selbst verwirrt war, weniger von Millas Verhalten als von Elinas Reaktion. Elina Rosberg war mir seit langem ein Begriff. Vor fünfzehn Jahren hatte sie als Psychologin für eine Jugendzeitschrift geschrieben, die meine Schwester abonniert hatte. Ich ging damals schon in die Oberstufe und fühlte mich über das Blatt erhaben. Nur Elinas Seite las ich regelmäßig, weil sie weder moralisierte noch die Probleme Jugendlicher beschönigte, sondern sachlich und bestimmt auf die Fragen der Leser antwortete. Elina war eine Art Vorbild für mich. Als ich mich an der Polizeischule bewarb, hatte ich gehofft, die zupackende, verständnisvolle Art, die ich an ihr bewunderte, in meinen Beruf einbringen zu können. Obwohl mir diese Illusion bald genommen wurde, war ich davon ausgegangen, dass Elina ihre Arbeit immer noch mit derselben Begeisterung tat wie damals mit knapp dreißig Jahren. Im Kurszentrum Rosberga konnte sie sich auf die Fälle konzentrieren, die sie besonders interessierten, auf Essstörungen und andere frauentypische psychische Symptome.

Es schienen keine Fragen mehr zu kommen. Ich wollte gerade meine Unterlagen einpacken, da stand plötzlich die Frau mit dem Dutt auf. Sie öffnete den Mund, machte ihn wieder zu und sah Elina Hilfe suchend an. Als Elina ihr zunickte, holte sie tief Luft:

«Kann man jemanden daran hindern, seine Kinder zu sehen?»

Ihre Stimme zitterte und brach wie ein zu laut gespieltes Instrument, ihr farbloses Gesicht rötete sich. Es schien eine gewaltige Anstrengung für sie, diese wenigen Worte auszusprechen.

«Worum geht es konkret? Ohne die Einzelheiten zu kennen, kann ich nichts Genaues sagen.»

Die Frau sah verschreckt aus und senkte den Kopf. Elina nahm ihr die Antwort ab:

«Johanna hat ihren Mann und die Kinder verlassen, sie will die Scheidung. Beide fordern das Sorgerecht für die Kinder, aber Johannas Mann lässt es nicht zu, dass sie ihre Kinder besucht.»

«Dazu hat er kein Recht, wenn dir der Kontakt nicht per Gerichtsbeschluss verboten wurde.» Ich sah die Frau an, die bei dem Wort «Gerichtsbeschluss» zusammenzuckte. «Warum will dein Mann dich nicht zu den Kindern lassen?»

Diesmal antwortete sie selbst, fast trotzig, obwohl ihr die Stimme zu versagen drohte:

«Weil ich unser jüngstes Kind getötet habe.»

Es war, als hätten sich die Kursteilnehmerinnen schlagartig in kalte, starre Schneefrauen verwandelt. Nach einem kollektiven Stöhnen des Entsetzens wurde es mäuschenstill, aber alle hatten den Blick auf Johanna geheftet, deren Gesicht nun wieder grau geworden war. Auch ich starrte sie an, ihren gesenkten Kopf, das Kleid, das an ihrem ausgemergelten Körper schlotterte. Hatte sie im Gefängnis gesessen, sah sie deshalb so verhärmt aus?

Wieder unterbrach Elinas ruhige Stimme die Stille:

«Es handelt sich hier um eine kleine Begriffsverwirrung. Ich nehme an, keine der hier Anwesenden hält Abtreibung für Mord, umso weniger, als vermutlich weder Johanna noch das Kind die Geburt überlebt hätten. Johanna hat neun Kinder zur Welt gebracht und wäre schon bei der letzten Entbindung fast gestorben.»

«Hätten die Ärzte dich denn nicht sterilisieren können? Oder dir eine Spirale einsetzen?», rief die Frau, die Milla vorgeworfen hatte, sich mit der Opferrolle abzufinden.

«Unsere Gemeinde billigt das nicht. Empfängnisverhütung ist gegen Gottes Willen.» Johanna leierte die Phrase ausdruckslos herunter.

«Bist du katholisch?», hakte die andere Frau nach.

«Johanna gehört einer der orthodoxesten altlaestadianischen Gemeinden an», nahm ihr Elina die Antwort ab.

«Hat sie einen Rechtsanwalt?» Ich richtete meine Frage an Elina, obwohl es mich irritierte, dass wir über Johannas Kopf hinwegredeten, als wäre sie geistig minderbemittelt. Elina gab mir keine Antwort, sondern sagte mit fester Stimme:

«Wenn niemand mehr Fragen an Kriminalhauptmeisterin Kallio hat, ist es wohl an der Zeit, ihr zu danken und die Diskussion zu beenden.» Sie begann zu applaudieren, und die verdutzten Frauen taten es ihr nach. Während sie den Saal verließen, wandte sich Elina an mich.

«Wir erledigen dann gleich die Honorarfrage. Aber es wäre schön, wenn du vorher noch Zeit hättest, mit Johanna zu sprechen.»

Natürlich hatte ich dafür Zeit. Ich war geradezu versessen darauf, Johannas Geschichte zu hören. Während Elina die Tür zumachte, trat Johanna an meinen Tisch. Zum ersten Mal sah sie mir ins Gesicht. Die Beklemmung, die ich aus ihren grauen Augen las, war so stark, dass es mir schwer fiel, ihrem Blick standzuhalten.

«Wie alt sind deine Kinder?», fragte ich, weil mir nichts Gescheiteres einfiel. Ich fühlte mich der Situation nicht gewachsen. Wie hätte ich die Sehnsucht einer Mutter nach ihren Kindern nachempfinden können, wo ich mir kaum einzugestehen wagte, dass ich vielleicht doch Kinder haben wollte – aber frühestens in ein paar Jahren.

«Johannes, mein Ältester, ist vierzehn, und Maria, die Jüngste, ist anderthalb.» Ihre Stimme gewann Festigkeit, als sie von ihren Kindern sprach, mit diesem Thema war sie vertraut.

«Maria… meine Namensschwester. Und der zweite Name meines Mannes ist Johannes», sagte ich mit verzweifelter Munterkeit, als könnte das Johannas Schmerz lindern. «Warum will dein Mann verhindern, dass du deine Kinder besuchst? Nur wegen der Abtreibung? Oder weil du ihn verlassen hast?»

«Das Wort des Mannes ist bei uns Gesetz, und Kinder sind eine Gnade Gottes.» In ihrer Stimme lag kein Hohn. «Wenn ich bei der Niederkunft sterbe, ist es Gottes Wille.»

«Aber du hast ja schon neun Kinder, was ist das für ein Gott, der so etwas will!» Meine Berufsethik ließ mich im Stich, ich war außer mir vor Wut. Johanna wandte das Gesicht ab, und Elina trat rasch zu ihr, wie um sie zu schützen. Ich schämte mich. Würde ich denn nie lernen, mich zu beherrschen?

«Entschuldige bitte, wir wollen uns nicht über deinen Glauben streiten. Reden wir lieber über praktische Fragen. Verhindert dein Mann ganz konkret, dass du deine Kinder zu Gesicht bekommst?»

«Johanna lebt in einer kleinen nordostbottnischen Gemeinde, wo siebzig Prozent der Einwohner Laestadianer sind, einschließlich des Arztes und aller Polizisten, bis auf einen», erklärte Elina. Dann erzählte sie, dass die Kinder nicht mit der Mutter telefonieren durften und dass der Vater Johannas Briefe zuerst abgefangen und später dem Briefträger verboten hatte, sie zuzustellen. Als Johanna versuchte, ihre Kinder zu besuchen, hatte ihr Mann die Polizei gerufen, die sie kurzerhand aus der Ortschaft auswies. Obwohl ich gleich mehrmals bis zehn zählte, verspürte ich den Drang, gegen irgendetwas zu treten. Was für eine haarsträubende Geschichte! War so etwas im Finnland der neunziger Jahre überhaupt möglich? Laestadianer und Zeugen Jehovas hatte es in meiner Heimatstadt auch gegeben. Ihre Kinder durften in der Schule nicht an der Musikgymnastik teilnehmen, noch nicht einmal im Takt des Tamburins im Kreis gehen, und das Schulfernsehen war für sie auch verboten, aber sonst unterschieden sie sich kaum von anderen. Sicher, diese Leute hatten Unmengen von Kindern, doch ich hatte nie gehört, dass eine Frau bei der Entbindung gestorben wäre.

«Wenn du nicht aggressiv geworden bist, haben die Polizisten falsch gehandelt. Du solltest dich mit diesem einen Beamten in Verbindung setzen, der nicht zu eurer Gemeinde gehört. Und natürlich mit der Provinzialpolizei. Name und Beruf deines Mannes?»

«Leevi Säntti. Prediger», antwortete Johanna. Auch das hörte sich so unglaublich an, dass ich beinahe lachen musste.

«Er hat also Einfluss im Ort?»

«Er ist der Laienprediger unserer Kirche.»

«Genauer gesagt, ein weithin bekannter Prediger», ergänzte Elina. Ich überlegte, was die beiden eigentlich von mir wollten. Wieder fragte ich nach einem Rechtsanwalt. Wie sich herausstellte, gab es auch in dieser Hinsicht Probleme. Der kommunale Rechtshelfer war ebenfalls Laestadianer, aber einen anderen Anwalt konnte Johanna nicht bezahlen.

Ich musste mir in Gedanken einen Tritt geben, damit ich nicht anfing, Versprechungen zu machen. Neben der polizeilichen Ausbildung hatte ich auch Jura studiert und nach dem Examen knapp ein Jahr in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, die dann Konkurs machte. Ab und zu reizte es mich sehr, auch meinen zweiten Beruf auszuüben. Aber woher die Zeit nehmen, auf meinem Schreibtisch lag ohnehin Arbeit genug. Außerdem befürchtete ich, hier in einen Interessenkonflikt zu geraten, obgleich Johannas Wohnsitz weit entfernt lag.

Plötzlich fiel mir Leena ein, eine Kommilitonin, die ab und zu beim juristischen Auskunftsdienst der Frauenunion mitarbeitete. «Ich habe da eine Bekannte», sagte ich. «Die könnt ihr anrufen, sie hilft bestimmt. Und ich auch… Ich frage bei der Provinzialpolizei nach, vielleicht kenne ich da jemanden. Hast du die Scheidung schon eingereicht?»

«Noch nicht», wisperte Johanna.

«Soweit ich es beurteilen kann, bist du weder psychisch krank noch alkoholsüchtig. Und ein anderer Mann ist auch nicht im Spiel, oder?» Johanna schüttelte entsetzt den Kopf. «Es ist kaum anzunehmen, dass das Gericht die Kinder deinem Mann zuspricht.» Ich wollte ihr Mut machen, obwohl ich wusste, dass die Entscheidung weitgehend vom Richter abhing. In diesem Moment schlug mein Piepser Alarm.

«Tut mir Leid, ich muss telefonieren. Ich habe Bereitschaftsdienst.»

«Das nächste Telefon ist in der Küche. Aira kann inzwischen die Papiere fertig machen. Du hast vermutlich keine Zeit, zum Abendessen zu bleiben?»

«Es sieht nicht so aus. Aber haltet mich über Johannas Fall auf dem Laufenden», murmelte ich, während ich rasch Leenas Telefonnummer aufschrieb.

In der Küche war Aira mit dem Abendessen beschäftigt, dem Duft nach gab es Gemüseeintopf mit Kräutern. Ich füllte die Honorarquittung aus und rief beim Dezernat an. Pertsa meldete sich. Mürrisch erklärte er, in Suvela habe eine Frau ihren Lebensgefährten erstochen, das falle in mein Ressort. Ich versprach, direkt hinzufahren.

Ohne mich von Elina und Johanna zu verabschieden, ging ich zu meinem Wagen. Hinter einem der gardinenlosen Fenster sah ich fröhlich schwatzende Frauen, die sich um einen langen, von Kerzen beleuchteten Tisch scharten. Elina setzte sich gerade hin, Aira trug Brotkörbe auf. Johanna war nicht zu sehen. Als ich den Motor anließ, ging die Haustür auf. Ich erkannte Millas violett gestreiften Schopf, dann fiel die Tür zu, und es wurde wieder dunkel. Nach einer Weile sah ich im Rückspiegel eine Zigarette aufglühen. Ich fuhr zum Tor, das wieder von selbst aufschwang und sich hinter mir lautlos schloss. Rosberga blieb hinter der Mauer zurück, weit weg vom Rest der Welt.

Zwei

Müde starrte ich durch das Bürofenster auf die Autobahn Helsinki– Turku, auf der selbst jetzt am Nachmittag kaum Verkehr herrschte. Eine unbegreifliche Müdigkeit hatte mich erfasst, der Kopf wollte auf den Tisch sinken, und das Sofa in der Ecke schien mir einladend zuzuwinken.

Vielleicht war es nur Weihnachtsmüdigkeit. Heute war der erste Tag nach Weihnachten. Antti und ich hatten die Feiertage faulenzend und lesend zu Hause verbracht. Ich hatte mich für die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr zum Dienst eingetragen, eine gute Idee, hatte ich gedacht, denn dadurch hatten wir einen Vorwand, weder Anttis Eltern in Inkoo noch meine in Nordkarelien besuchen zu müssen. Jetzt wäre es mir allerdings lieber gewesen, noch ein paar Tage Urlaub zu haben, mit unserem Kater Einstein am Kamin zu sitzen, Hercule Poirots Weihnacht von Agatha Christie zu Ende zu lesen und Schokolade zu futtern.

Nein, keine Schokolade, bääh. Beim Gedanken an Süßigkeiten wurde mir plötzlich übel. Vielleicht hatte ich an den Feiertagen zu viel davon gegessen.

Seufzend legte ich auf dem PC ein neues Dokument an und tippte meinen Bericht über die Vernehmung ein, die ich gerade geführt hatte. Nicht alle Einwohner von Espoo hatten so friedliche Weihnachtstage erlebt wie ich. An Feiertagen häuften sich die Fälle häuslicher Gewalt, und nach der Rückkehr aus dem Weihnachtsurlaub hatte ich Akten über mehrere Körperverletzungen und eine Messerstecherei mit Todesfolge auf meinem Schreibtisch vorgefunden. Kein Wunder, dass einige meiner Kollegen eine ausgesprochen zynische Einstellung zu Ehe und Familienleben hatten. Auch in unserer Abteilung war jeder Zweite geschieden, und Palo war mittlerweile beim dritten Eheversuch angelangt.

Woher kam nur diese Müdigkeit? Ich hatte doch gar nichts Besonderes getan. Selbst unsere täglichen Skitouren waren bei dem starken Frost kürzer und ruhiger ausgefallen als sonst. Antti und ich wohnten seit dem letzten Sommer in Henttaa, in einem renovierungsbedürftigen Einfamilienhaus mit anderthalb Etagen, das den Erben des Bruders eines Kollegen von Antti gehörte. Das Haus war schwer verkäuflich, weil die geplante Umgehungsstraße direkt an ihm vorbeiführen sollte. Noch hatten wir freie Aussicht über die langsam verwaldenden Brachäcker, auf denen sich Hasen und Maulwürfe tummelten, doch die Verwirklichung der Baupläne würde uns eine grau asphaltierte Umgebung bescheren. Dass wir nur auf Abruf in unserem neuen Heim lebten, störte mich eigentlich nicht. Im Gegenteil, vielleicht war mir die Gewissheit, dass es Veränderungen geben würde, sogar willkommener als früher, weil ich jetzt eine feste Anstellung und dazu noch einen Ehemann hatte. Im Allgemeinen hatte ich es nie lange an einem Ort ausgehalten, befristete Jobs und Vertretungen waren mir ganz recht gewesen. Dass ich inzwischen schon zweieinhalb Jahre mit Antti zusammenlebte, war eine reife Leistung für mich. Vielleicht hatte ich nur deshalb den Mut gehabt, ihn zu heiraten, weil es heutzutage so leicht ist, sich scheiden zu lassen.

Im Gegensatz zu mir hatte Antti in Henttaa bereits Wurzeln geschlagen und trauerte um die bald verlorene Landschaft. Er hatte sich mit den Gegnern der Umgehungsstraße in Verbindung gesetzt, doch der Kampf schien aussichtslos: Was sich die Straßenbaubehörde und die zuständigen Beamten in Espoo einmal in den Kopf gesetzt hatten, das wurde verwirklicht, selbst wenn die neue Straße überflüssig war. Schon damals, als der Ausbau des westlichen Zubringers in Tapiola die Landschaft seiner Kindheit zerstört hatte, war Antti verzweifelt gewesen, und letzten Endes war die Landschaftsverschandelung wohl auch der Grund, weshalb seine Eltern ihr Haus in Tapiola verkauft hatten und nach Inkoo in ihr bisheriges Sommerhaus gezogen waren.

Antti war ein vehementer Gegner des Straßenbauprojekts geworden und hatte gleichzeitig ein so ausgeprägtes Umweltbewusstsein erworben, dass ich ihm halb im Spaß prophezeit hatte, er würde bei der nächsten Kommunalwahl für die Grünen kandidieren.

«Obwohl du lieber die Sozis oder die Sammlungspartei unterwandern solltest, die treiben den Straßenbau doch am eifrigsten voran», meinte ich schließlich. Es war nicht zu übersehen, dass Antti eine neue Freizeitbeschäftigung brauchte. Mir genügten Joggen, Bodybuilding und das regelmäßige Training auf dem Schießstand der Polizei, mit dem ich nach einem Vorfall im Sommer des letzten Jahres begonnen hatte. Ich hatte damals zum ersten Mal in meiner Laufbahn von der Waffe Gebrauch machen müssen und festgestellt, dass meine Treffsicherheit zu wünschen übrig ließ. Inzwischen hatte sich meine Schießtechnik verbessert, aber ich hoffte inständig, meine Fertigkeiten nicht unter Beweis stellen zu müssen.

Das Telefon klingelte, die Zentrale teilte mit, Aira Rosberg wolle mich sprechen. Erst nach einigen Sekunden erinnerte ich mich wieder an Aira, Elina und das Gutshaus Rosberga. In der Hektik der Weihnachtsvorbereitungen hatte ich sie ebenso vergessen wie mein Versprechen, in Johannas Angelegenheit meine Fühler bei der zuständigen Provinzialpolizei auszustrecken.

Sobald die Verbindung hergestellt war, sagte Aira merklich zögernd:

«Ich weiß nicht, ob ich die Polizei damit belästigen sollte, aber… Elina ist verschwunden…»

«Verschwunden? Wie denn das?»

«Seit gestern Abend hat sie niemand mehr gesehen. Ihr Bett sieht unberührt aus, aber ihr Nachthemd und ihr Morgenmantel sind nirgends zu finden. Dafür liegt ihre Straßenkleidung im Zimmer, als wäre sie im Nachthemd weggegangen.»

«Wann wurde sie zuletzt gesehen?»

«Ich habe gestern Abend gegen zehn kurz mit ihr gesprochen, als sie von ihrem Abendspaziergang zurückkam und in ihr Zimmer ging. Wir haben über Weihnachten vier Frauen hier, aber von denen hat sie auch keine gesehen.»

«Und sie hat keine Nachricht hinterlassen?»

Aira schien mit der Antwort zu zögern. «Nein.»

«Gibt es jemanden, zu dem sie gegangen sein könnte? Wer sind ihre engsten Freunde?»

«Ich habe natürlich sofort bei Joona angerufen… bei Joona Kirstilä. Er ist Elinas Freund. Aber bei ihm ist sie auch nicht.»

«Joona Kirstilä, der Dichter?», fragte ich neugierig. Elina stand immer wieder im Licht der Öffentlichkeit, aber von einer Liebesbeziehung hatte ich nie gehört.

«Ja, genau der. Sie sind seit ein paar Jahren befreundet. Elina übernachtet ab und zu bei ihm in der Lapinlahdenkatu, deshalb dachte ich, sie wäre vielleicht dort.»

«Besteht irgendein besonderer Grund zur Besorgnis, was Elinas Verschwinden betrifft? Ist an Weihnachten etwas Außergewöhnliches vorgefallen? Gab es Streit? Wer hält sich denn zur Zeit in Rosberga auf?»

«Johanna Säntti und Milla Marttila hast du ja, wenn ich mich recht entsinne, bereits kennen gelernt. Die beiden haben seit dem Kurs Anfang Dezember praktisch hier gewohnt. Tarja Kivimäki, eine alte Bekannte von Elina, ist kurz vor Weihnachten angekommen, Niina Kuusinen am ersten Feiertag. Sie hat ebenfalls an Elinas Kursen teilgenommen.»

Es wunderte mich, dass Milla immer noch in Rosberga war, obwohl sie sich dort gar nicht wohl zu fühlen schien. Und Johanna… hatte sie mit ihren Kindern nicht einmal Weihnachten feiern dürfen? Ich schob den Gedanken beiseite und fragte weiter:

«Elina geht also normalerweise nicht weg, ohne Bescheid zu sagen?»

«Nein! Es ist wirklich merkwürdig, ich…»

«Sie wird seit weniger als vierundzwanzig Stunden vermisst. Bei Erwachsenen unternimmt die Polizei nach so kurzer Zeit noch nichts. Hat Elina andere Freunde oder Verwandte, bei denen sie sich aufhalten könnte?» Wieder verneinte Aira, schien aber nicht geneigt, das Gespräch zu beenden. Ich fragte mich, was sie eigentlich von mir erwartete. Vielleicht hatte sie mich nur angerufen, um sich von einer Sachkundigen bestätigen zu lassen, dass kein Grund zur Sorge bestand, dass immer wieder Menschen ohne Erklärung verschwinden und nach einer Weile unversehrt wieder auftauchen. Aber diesen Trost brachte ich nicht über die Lippen, denn auch mir kam Elina Rosbergs plötzliches Verschwinden seltsam vor.

«Ruf mich wieder an, wenn du bis morgen früh nichts von ihr gehört hast», sagte ich schließlich. Es kam mir komisch vor, die vierzig Jahre ältere Aira zu duzen, aber sie hatte ja damit angefangen. Das war in Rosberga wohl so üblich. «Ruf sicherheitshalber auch an, wenn sie zurückkommt», setzte ich hinzu und gab ihr meine Privatnummer, obwohl ich wusste, dass ich das nicht tun sollte. Ich versuchte mir einzureden, ich wäre nur neugierig, wusste aber, dass ich mir etwas vormachte.

Ich war besorgt.

Um nicht weiter über Elina nachzugrübeln, tippte ich meinen Bericht zu Ende. Bevor ich nach Hause fuhr, rief ich Antti an und bat ihn, meine Skier zu wachsen. Den ganzen Tag über hatte dichtes Schneetreiben geherrscht, und die Felder lagen unter einer dicken weißen Decke. Jetzt am Abend klarte es auf, das Thermometer sank unter null, genau das richtige Wetter zum Skilaufen. Einer der vielen Vorzüge unseres Hauses in Henttaa war die Möglichkeit, direkt von der Haustür aus loszulaufen.

Auf dem Flur kam mir Pertti Ström entgegen. Er hatte über Weihnachten Dienst geschoben, seine Familie brauchte ihn nicht, wie er sagte. Seine Exfrau und ihr neuer Mann waren mit den Kindern auf die Kanarischen Inseln geflogen. Pertsa schaute noch bärbeißiger drein als gewöhnlich, seine großporige Gesichtshaut war von tiefen Falten durchzogen, und die an den Schläfen schütter werdenden hellbraunen Haare klebten am Kopf, als seien sie schweißnass. Die zweimal gebrochene Nase leuchtete rot in seinem winterblassen Gesicht. Ob er eine Erkältung ausbrütete?

«Diese verfluchte Schießerei in Perkkaa hat mich einen ganzen Tag gekostet! Angeblich kann sich keiner an irgendwas erinnern», knurrte Pertsa als Antwort auf meinen Gruß. «Herrgottsackzement, ich bin sicher, dass die sich erst hinterher zugedröhnt haben, nachdem sie den Kerl erschossen hatten, damit sie behaupten können, sie hätten totale Mattscheibe gehabt! Und was hat unsere Jungvermählte über Weihnachten getrieben? Gegessen und gebumst, was?»

An Ströms Ausdrucksweise hatte ich mich schon auf der Polizeischule gewöhnt. So begnügte ich mich damit, zustimmend zu lächeln. Gar so drastisch hätte ich mich zwar nicht ausgedrückt, aber er hatte richtig geraten.

«Und, schon was Kleines unterwegs?», fuhr Pertsa fort und maß mich unverfroren von Kopf bis Fuß.

«Das geht dich zwar nichts an, aber da es dich so brennend zu interessieren scheint, darf ich dich davon in Kenntnis setzen, dass nichts dergleichen geplant ist. Meine Spirale bleibt, wo sie ist», gab ich zurück und verzog mich, bevor er mit weiteren Kommentaren aufwartete. Ich war nicht in der Stimmung für einen verbalen Schlagabtausch. Unsere Gespräche arteten immer wieder in Streit aus, wir kamen einfach nicht miteinander klar. Ich hatte mich von Anfang an davor gefürchtet, mit Pertsa Ström zusammenarbeiten zu müssen, obwohl mir zu Ohren gekommen war, dass ausgerechnet er unserem Chef Jyrki Taskinen vorgeschlagen hatte, mir die Stelle bei der Espooer Polizei anzubieten. Vor einigen Jahren, als ich noch in der Anwaltskanzlei in Tapiola arbeitete, waren wir im Zusammenhang mit einem Mordfall heftig aneinander geraten. Pertsa hatte einen Unschuldigen verhaftet, der mich als Rechtsbeistand engagiert hatte. Dass die Aufklärung des Falles letzten Endes nicht der Polizei, sondern mir zu verdanken war, hatte Pertsa natürlich nicht verdauen können. Erst später hatte ich erfahren, dass damals gerade seine Scheidung lief und er sich kaum auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Er selbst hatte darüber nie ein Wort verloren, aber Palo, dessen Ehefrau Nummer drei mit Pertsas Ex befreundet war, tratschte mit Vergnügen über Ströms Privatleben.

In Henttaa waren die Straßen von Schneewehen wie aus dem Bilderbuch gesäumt, sie brachten die weihnachtliche Beleuchtung der Häuser doppelt schön zur Geltung. Unsere rote Bruchbude sah geradezu anheimelnd aus. Antti hatte als Willkommensgruß eine Stalllaterne angezündet und schaufelte gerade den Hof frei. Es hatte wieder angefangen zu schneien.

Ich aß rasch eine Banane und zog mich um. Die frische Luft blies meine Müdigkeit davon, das Geräusch der gleitenden Skier war vertraut und doch von einem Winter zum anderen wieder ganz neu. Aber so sehr ich mich auch bemühte, mich ganz auf das Skilaufen zu konzentrieren, meine Gedanken kehrten immer wieder zu Elina Rosberg zurück. Wo war sie bloß abgeblieben? Natürlich kann man niemanden nach seinem öffentlichen Image beurteilen, aber ich hatte nicht den Eindruck gewonnen, dass Elina Rosberg zu impulsivem Handeln neigte. Sie hatte in den letzten Jahren häufig an Fernsehdebatten teilgenommen, bei denen es unter anderem um Probleme der Sexualität und der Geschlechterrollen ging. Während die anderen Teilnehmer sich in Rage geredet und gegenseitig niedergeschrien hatten, war Elina geradezu aufreizend ruhig geblieben, bis die anderen nach und nach still wurden und ihr zuhörten. Nein, sie schien mir nicht der Typ zu sein, der sich ohne Ankündigung in den Zug setzte und Freunde in einer anderen Stadt besuchte. Schon gar nicht, wenn sie Gäste hatte.

Nach ein paar Kilometern kehrte die Müdigkeit zurück. Meine Beine waren schlapp und kraftlos, ich schaffte es kaum noch, die Skier vorwärts zu schieben. Antti fuhr in gleichmäßigem Tempo vor mir her, und es fuchste mich, dass ich ihn bitten musste, langsamer zu laufen.

«Na, Schneefrau, was ist los?», lachte er. Ich schüttelte den Schnee aus dem Haar.

«Meine Beine fühlen sich ganz komisch an. Vielleicht kriege ich die Grippe? Ach ja, meine Tage müssten bald kommen, wahrscheinlich liegt es nur daran.»

«Kehren wir lieber um», schlug Antti vor. Irgendwie schaffte ich es, mit meinen Wackelpeterbeinen zu wenden. Ich gab mir Mühe, nicht an meine Mattigkeit zu denken, sondern mich auf Anttis Rücken zu konzentrieren. Sein grüner Anorak leuchtete vor dem Schnee im Dämmerlicht, sein Schatten sah aberwitzig lang und dünn aus. Als er sich umdrehte und fragte, ob das Tempo richtig sei, erinnerte er mich mit seiner großen Hakennase mehr denn je an einen Indianer. Es war ein herrliches Gefühl, unser Haus wieder zu sehen, zu wissen, dass die heiße Sauna auf mich wartete und danach das warme Bett, wo sich Einstein satt und zufrieden am Fußende einrollte. Doch trotz meiner Müdigkeit musste ich immer wieder an Elina denken, selbst im Traum ließ sie mir keine Ruhe. Ich sah sie über das Eis gehen, im flatternden weißen Nachthemd. Plötzlich fuhr der Wind in das Hemd und hob Elina in die Luft, wirbelte sie immer weiter in die Höhe, bis sie nur noch ein kleiner Punkt unter den Schneeflocken am Himmel war.

Am nächsten Morgen hatte ich kaum mein Dienstzimmer betreten, als Aira Rosberg wieder anrief. Elina hatte immer noch nichts von sich hören lassen. Bedauernd erklärte ich ihr, dass Vermisstenfälle, sofern keine Hinweise auf ein Verbrechen vorlagen, nicht in unser Ressort fielen, sondern von der Schutzpolizei bearbeitet wurden.

«Entschuldige bitte, dass ich dich damit belästige, aber… als Polizistin hast du einen besseren Blick dafür, was wichtig ist und was nicht. Ich hatte gehofft, dass… dass du vorbeikommen könntest.» Airas Stimme klang zugleich besorgt und verlegen. «Wenn ich bei der Schupo anrufe, schicken sie natürlich einen Mann, und das wäre Elina gar nicht recht.»

«Bei der Schutzpolizei arbeiten heutzutage auch eine ganze Reihe Frauen, aber ich werde sehen, was ich tun kann.» Der Nachmittag war noch nicht völlig verplant, vielleicht würde ich Zeit für einen Abstecher finden. «Ich rufe dich nach zwei Uhr an, aber melde dich, falls du vorher etwas von Elina hörst!»

Im selben Moment kam Taskinen herein und drängte mich, endlich in den Vernehmungsraum zu kommen. Neben den allweihnachtlichen Körperverletzungen bearbeiteten wir einen ziemlich verwickelten Fall von Geldwäsche. Das Dezernat für Wirtschaftskriminalität hatte uns hinzugezogen, weil es sich bei einem der Hauptakteure um einen Betriebswirt aus Haukilahti handelte, der seine Karriere als Konkursbetrüger bereits in den siebziger Jahren begonnen und die Geldwäsche diesmal von seiner Zelle im Bezirksgefängnis aus aufgezogen hatte. Heute hatten wir seinen Schwager vorgeladen, der zwar einer der Hauptaktionäre der Scheinfirma war, aber den Unschuldigen mimte. Wir hatten vereinbart, ihn pausenlos mit unseren Fragen zu bombardieren, um ihn wenigstens zeitweise aus dem Konzept zu bringen. Nachdem wir ihm drei Stunden lang zugesetzt hatten, konnten wir zufrieden sein. Er hatte sich mehrmals in Widersprüche verwickelt und dabei unwillentlich so viel preisgegeben, dass wir beinahe genug Material für die Anklageerhebung hatten. Seit dem Sommer hatten wir an diesem Fall herumgedröselt, es war phantastisch, ihn bald abschließen zu können.

«Hast du Zeit, mit mir zu essen?», fragte Taskinen, als wir den Vernehmungsraum verließen.

«Ja, gern. Ich wollte sowieso etwas mit dir besprechen.» Ich berichtete meinem Chef von dem seltsamen Verschwinden Elina Rosbergs, denn ich wollte ihn um Erlaubnis bitten, wenigstens inoffiziell nachzuprüfen, ob Hinweise auf ein Verbrechen zu finden waren. Allerdings hatte ich insgeheim bereits beschlossen, notfalls auch ohne Taskinens Einwilligung nach Rosberga zu fahren.

«Ich habe das Gefühl, Aira Rosberg verschweigt mir den wahren Grund, weshalb sie sich solche Sorgen um Elina macht und unbedingt die Polizei einschalten will. Und überhaupt…»

Wir beluden unsere Tabletts. Taskinen wählte entrahmte Milch und nahm keine Butter zum Brot. Ich nahm reichlich Ketchup zum Nudelauflauf und Knoblauchsoße zum Salat und registrierte Taskinens amüsierten Blick. Zu Elinas Verschwinden äußerte er sich erst, als wir am Tisch saßen.

«Fahr ruhig hin. Aber wenn dir etwas faul erscheint, bittest du Aira Rosberg, eine offizielle Vermisstenanzeige zu erstatten. Natürlich kannst du auch die Ausreisen überprüfen. Bei Erwachsenen sind solche Fälle immer etwas heikel. Mit ihrem Freund würde ich an deiner Stelle auch reden.»

«Daran hatte ich auch schon gedacht.» Ich stopfte mir eine Ladung Nudelauflauf in den Mund und betrachtete Taskinens Hände, die fein säuberlich eine Scheibe Roggenbrot zerteilten.

Kriminalrat Taskinen war stets sauber und gepflegt. Er war etwas über eins achtzig groß und trug das glatte blonde Haar seitlich gescheitelt. Der Scheitel war wie mit dem Lineal gezogen, und Schuppen oder Haare auf dem blauen Anzugkragen waren schlichtweg unvorstellbar. Die Fingernägel hatte er immer kurz geschnitten, seine Zähne waren makellos weiß. So schmal und stromlinienförmig wie sein Gesicht war auch sein Körper: sehnig wie der eines Marathonläufers. Tatsächlich lief er mit fast fünfzig die zehn Kilometer immer noch in weniger als vierzig Minuten. Die einzige Abweichung von der schmalen Linie war der fast zentimeterbreite, abgewetzte Ehering.

Wegen seines Aussehens hatte ich Taskinen anfangs für einen Pedanten gehalten, doch er hatte sich als angenehmer Vorgesetzter entpuppt. Er erledigte seine Aufgaben gewissenhaft und forderte denselben Einsatz auch von seinen Mitarbeitern, aber er sagte immer klipp und klar, was er wollte und ob er zufrieden war oder nicht. Gelegentlich regte er sich darüber auf, dass ich die Dienstvorschriften allzu großzügig auslegte, doch davon abgesehen hatten wir keine Probleme miteinander. Nach den Erfahrungen mit meinen bisherigen Chefs, einem versoffenen Helsinkier Kriminalbeamten und einem geheimniskrämerischen Juristen, war die Zusammenarbeit mit Taskinen eine wahre Freude. Über sein Privatleben wusste ich wenig, seine Frau arbeitete, wenn ich mich nicht täuschte, bei der Stadt Espoo als Koordinatorin der Kindertagespflege, die gemeinsame Tochter war im Teenageralter und in ihrer Altersklasse finnische Meisterin im Eiskunstlauf. Abgesehen von Pertti Ström kam ich auch mit meinen übrigen Kollegen ganz gut zurecht, obwohl ich nach wie vor die einzige Frau in unserem Dezernat war. Zum Glück arbeiteten in den anderen Abteilungen und bei der Schupo ein paar echt gute Frauen, mit denen ich einmal wöchentlich Volleyball spielte. Ich fühlte mich nicht mehr als Fremdkörper, wie damals auf der Polizeischule, sondern nur als Vertreterin einer Minderheit.

Taskinen und ich arbeiteten bis weit in den Nachmittag hinein an unserem Ermittlungsbericht über den Geldwäschefall. Die Sonne ging bereits unter, als ich meinen Fiat nach Nuuksio steuerte. Nach dem Umzug hatten wir uns dazu durchgerungen, einen Gebrauchtwagen zu kaufen. Im Sommer konnte ich zwar bequem zur Arbeit radeln oder, wenn ich es nicht eilig hatte, sogar zu Fuß gehen, und Antti machte es nichts aus, mit dem Bus zur Uni zu fahren, obwohl die Haltestelle einen Kilometer entfernt war, der Bus nur einmal in der Stunde fuhr und er unterwegs einmal umsteigen musste. Aber für Einkäufe und dergleichen war das alles zu umständlich, und so hatten wir für zehntausend Finnmark einen alten schwarzen Fiat erstanden. Der kleine Italiener war ganz offensichtlich nicht für Glatteis gebaut; das Heck schlug immer wieder aus, als ich über die kurvenreiche, hügelige Nuuksiontie auf Rosberga zufuhr.

Das Tor war wieder fest verschlossen und schwang diesmal nicht von selbst auf. Aira kam über den Hof und öffnete es. Die letzten Sonnenstrahlen fielen schräg auf die Hauswand und ließen den zartrosa Putz glutrot aufleuchten. Milla stand rauchend vor dem Haus. In ihren schwarzen Kleidern erinnerte sie eher an die böse Fee als an Dornröschen.

«Guck mal an, die Kriminalhauptmeisterin. Suchste Elinas Leiche?»

Aira fuhr bei Millas Worten zusammen – ich ebenfalls, aber ich brachte es trotzdem über mich, Milla ins Gesicht zu sehen. Unter der gewollt spöttischen Miene glaubte ich echte Besorgnis zu erkennen.

«Hoffentlich nicht», gab ich zurück und ging an ihr vorbei in die Eingangshalle. Von irgendwoher war gedämpftes Klavierspiel zu hören, jemand versuchte sich an einem Stück von Satie, das auch Antti manchmal übte.

«Schau dir bitte Elinas Zimmer an, dann verstehst du vielleicht, weshalb ich mir Sorgen mache.» Aira führte mich nach links, an der Küchentür vorbei. «Wir haben das Gutshaus aufgeteilt, die rechte Hälfte der unteren Etage enthält die öffentlichen Räume, Speisesaal, Auditorium und Bibliothek. Die Küche ist hier in der Mitte, neben der Treppe. In der oberen Etage haben wir Gästezimmer für die Kursteilnehmerinnen.»

«Wie viele Gäste könnt ihr unterbringen?»

«Etwa zwanzig, wir haben oben acht Schlafzimmer. Unsere Räume sind hier.» Aira öffnete eine schmale, blau gestrichene Tür. «Das ist mein Zimmer.»

Offensichtlich sollte ich nicht eintreten, sondern nur einen Blick in das Zimmer werfen. Es schien sich um die ehemalige Dienstbotenkammer zu handeln, denn die zweite Tür führte, wenn mich mein Orientierungssinn nicht trügte, direkt in die Küche. Der Raum war spärlich und konventionell möbliert: Bett, Schreibtisch, kleines Sofa, an der gegenüberliegenden Wand ein Bücherregal mit einem kleinen Fernseher. Über dem Bett hing ein Kunstdruck von einem Schutzengel, der zwei kleine Kinder, Junge und Mädchen, über eine Brücke führt.

«Und hier sind Elinas Räume. Das Wohnzimmer benutzen wir allerdings beide.»

Diesmal ließ mich Aira eintreten. Ich machte große Augen. Die romantischen Blumenständer und Spitzengardinen passten natürlich in das rosarote Gutshaus, doch Elinas Geschmack hatte ich mir anders vorgestellt. Ich hatte schnörkellose Designermöbel erwartet, von Artek oder Kukkapuro… Die Rüschen an den Stuhlbeinen und die Spitzendeckchen auf den Beistelltischen passten nicht im Geringsten zu dem Bild, das ich mir von Elina Rosberg gemacht hatte. Aira hatte mein Erstaunen wohl bemerkt, denn sie erklärte:

«Das war das Zimmer meiner Mutter, also Elinas Großmutter. Sie hat die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens hier unten gewohnt, weil ihr das Treppensteigen schwer fiel. Außerdem liebte sie die Aussicht.»

Ich schaute durch das große Fenster, konnte im Dämmerlicht aber keine Einzelheiten erkennen. Auf dieser Seite des Gebäudes fiel das Gelände ab, und die Mauer, die das Grundstück umgab, war hier so niedrig, dass sie den Blick ins Tal freigab. Die weiße Fläche, die in der Ferne aufschimmerte, musste der See Pitkäjärvi sein.

«In diesem Zimmer wollte Elina nichts verändern. Das Schlafzimmer hat sie sich nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet.»

Aira öffnete die nächste Tür. Ich betrat Elinas Schlafzimmer, das meinen Erwartungen ebenfalls nicht entsprach. Zwar waren die Möbel schlicht und modern, doch die Farben waren viel zu grell, leuchtendes Rot und Gelb, dazu Hellblau. Ein breites Bett, offenbar ein Wasserbett, beherrschte den Raum. Die Tagesdecke war zurückgeschlagen, doch das Bett schien unberührt. Am Fenster stand ein unbequem aussehender Sessel mit dreieckiger Fußbank. Ein Schreibtisch mit Computer, daneben ein Regal, das mit psychiatrischer Fachliteratur gefüllt war. Über dem Bürostuhl lagen eine sorgfältig gefaltete lila Samthose, eine weiße Bluse und ein rauchgrauer Pullover. «Das hat sie vorgestern angehabt. Meistens zieht sie mehrere Tage nacheinander dieselben Sachen an, wenn sie nicht schmutzig sind. Und da sie ihre Kleider über den Stuhl gelegt und nicht in den Wäschekorb gesteckt hat…»

Airas Schweigen war beredt.

«Das Nachthemd legt sie immer neben das Kissen, aber wie du siehst, liegt es nicht da. Morgenmantel und Pantoffeln sind gewöhnlich im Badezimmer, die habe ich auch nicht gefunden.»

«Wie ist es mit Mänteln und Winterschuhen? Fehlt etwas?»

«Die hat sie im Nebenflur, um Verwechslungen mit den Mänteln der Kursteilnehmerinnen zu vermeiden. Komm mit.»

Aira führte mich zurück in die Eingangshalle und weiter in einen mit der Küche verbundenen Seitengang, der zum hinteren Hof führte. An der Garderobe hingen mehrere Mäntel.

«Das sind meine.» Aira zeigte auf einen abgetragenen, altmodischen Persianer und einen dunkelblauen Steppmantel. Daneben hingen der Lammfellmantel, den ich an Elina gesehen hatte, eine violette Steppjacke und, sorgfältig auf einen Bügel gehängt, ein eleganter dunkelgrauer Wollmantel.

«Andere Wintermäntel hat Elina nicht. Und die Schuhe sind auch alle noch da, Winterstiefel, Gummistiefel und Wanderschuhe.»

«Könnte es sein, dass eine der Kursteilnehmerinnen ihr etwas zum Anziehen geliehen hat?»

«Da fragst du sie am besten selbst. Jedenfalls hat niemand etwas davon gesagt. Aber gehen wir zurück in Elinas Zimmer. Den wichtigsten Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt, habe ich im Bad gefunden.»

Das Bad, das an das Schlafzimmer anschloss, war auf alt renoviert. Die Badewanne hatte Füße, der Toilettendeckel war aus Holz. Es gab sogar Platz für einen kleinen Schminktisch voller Tiegel und Tuben. An der Wand war eine elektrische Zahnbürste angebracht.

«Elina nimmt es mit der Gesichtspflege sehr genau, aber sie hat sämtliche Reinigungsemulsionen und Cremes hier gelassen.»

Ich sah mir die Flaschen und Tiegel der teuren Hautpflegeserie genau an.

«Vielleicht verwendet sie Reisepackungen? Die werden ja von vielen Herstellern angeboten. Außerdem ist es kein Problem, Ersatz zu kaufen.»

«Aber ihr Antibiotikum hätte sie niemals zurückgelassen! Elina hat eine Atemwegsinfektion und gerade erst mit der Kur begonnen. Sie hatte einen schlimmen Husten, ihre Stimme war fast weg. Aber die Tabletten sind hier, schau!»

Auf dem Schminktisch stand eine kleine weiße Plastikdose mit der Aufschrift «Erasis 400mg». Dem aufgeklebten Etikett