Die Todesspirale - Leena Lehtolainen - E-Book
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Die Todesspirale E-Book

Leena Lehtolainen

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Beschreibung

Mord eiskalt Aufregung in Helsinki: Eine bekannte Eiskunstläuferin wird tot aufgefunden – man hat sie mit ihren eigenen Schlittschuhen brutal erschlagen. Bei der Untersuchung des Falls gerät Kommissarin Maria Kallio unversehens in die Dopingszene und die politischen Machtspiele rund um den Leistungssport. Im Morddezernat ist es für sie unterdes auch nicht eben leicht, da einer ihrer Kollegen sie rücksichtslos schikaniert. Und das ausgerechnet jetzt, wo Maria ein Baby erwartet ... «Unverwechselbar skandinavisch.» (Hamburger Abendblatt)

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Seitenzahl: 454

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Leena Lehtolainen

Die Todesspirale

Maria Kallios vierter Fall

 

 

Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara

 

Über dieses Buch

Mord eiskalt

 

Aufregung in Helsinki: Eine bekannte Eiskunstläuferin wird tot aufgefunden – man hat sie mit ihren eigenen Schlittschuhen brutal erschlagen. Bei der Untersuchung des Falls gerät Kommissarin Maria Kallio unversehens in die Dopingszene und die politischen Machtspiele rund um den Leistungssport. Im Morddezernat ist es für sie unterdes auch nicht eben leicht, da einer ihrer Kollegen sie rücksichtslos schikaniert. Und das ausgerechnet jetzt, wo Maria ein Baby erwartet …

 

«Unverwechselbar skandinavisch.» (Hamburger Abendblatt)

Vita

Leena Lehtolainen, 1964 geboren, lebt und arbeitet als Kritikerin und Autorin in Degerby, westlich von Helsinki. Sie ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Finnlands.

 

Weitere Veröffentlichungen:

 

Maria-Kallio-Krimis:

Alle singen im Chor

Auf die feine Art

Weiß wie die Unschuld

Der Wind über den Klippen

Wie man sie zum Schweigen bringt

Im schwarzen See

Wer sich nicht fügen will

Auf der falschen Spur

Andere Romane:

Zeit zu sterben

Du dachtest, du hättest vergessen

Ich war nie bei dir

Die Leibwächterin

Impressum

Die Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel «Kuolemanspiraali» bei Tammi Publishers, Helsinki.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, August 2011

Copyright © 2004 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg «Kuolemanspiraali» Copyright © 1997 by Leena Lehtolainen

Redaktion Stefan Moster

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung Shutterstock

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-644-44831-5

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

Für Konsta

Prolog

Die Waffe war direkt auf das Herz gerichtet. Aus weit aufgerissenen Augen sah das Mädchen den Jäger an, der ihrem flehenden Blick nicht lange standhielt. Sobald er das Gewehr sinken ließ, floh das Mädchen, die Schlittschuhe trugen sie an den Waldrand, und die Lichtung füllte sich mit fröhlich tanzenden Tieren.

Doch die Leidensgeschichte des Mädchens war noch nicht zu Ende. Es wurde von Raubtieren angegriffen, und die Zwerge, in deren Haus es sich rettete, nahmen es nur zögernd bei sich auf. Dann kam die böse Stiefmutter, als alte Frau verkleidet, und reichte ihm einen vergifteten Apfel.

Wer auch immer für die Maske zuständig war, er verstand sein Geschäft. Es war ihm gelungen, Silja Taskinen in ein runzliges altes Weib und Noora Nieminen, die das Schneewittchen darstellte, in eine strahlende Schönheit zu verwandeln. Aber auch die beiden Mädchen selbst trugen das Ihre zur perfekten Illusion bei, sie spielten ihre Rollen fabelhaft.

Mich hat Eiskunstlauf schon immer fasziniert, weil er so geschickt auf der Grenze zwischen Melodram und Kitsch balanciert und mit tausendfach gehörten Melodien intensive Emotionen weckt. Trotz der strengen Regeln werden immer wieder neue, originelle Bewegungsabläufe erfunden, und viele Läufer zeigen bei ihren Darbietungen höchste schauspielerische Qualität.

Als Schneewittchen ihren Prinzen endlich bekam, konnte ich meine Rührung kaum verbergen. Dass ich nah am Wasser gebaut hatte, mochte man zwar meiner Schwangerschaft zuschreiben, trotzdem wollte ich nicht, dass mein Chef Jyrki Taskinen, der mit seiner Frau Terttu neben mir saß, meine Tränen sah. Erwachsene weinen nun mal nicht bei Märchen. Der sonst so zurückhaltende Jyrki johlte begeistert, als sich Silja nach der Aufführung verbeugte. Auch ich applaudierte und trampelte mit den Füßen, vor allem, als Noora Nieminen vortrat.

Eigentlich wäre Silja für die Rolle des Schneewittchens wie geschaffen gewesen. Sie war schön, während Noora mit ihren breiten Hüften und ihrem unauffälligen Gesicht nach traditionellen Vorstellungen diejenige hätte sein müssen, die anderen ihr Aussehen neidet. Dennoch hatte Noora in der Frühlingsshow des Eislaufvereins Espoo die Titelrolle erhalten, denn sie hatte im Paarlauf internationales Niveau erreicht und war bei den letzten Wettkämpfen der Saison im Kurzprogramm ebenfalls als Schneewittchen aufgetreten. Janne Kivi, ihr Partner, war für die Rolle des Prinzen bestens geeignet. Er sah geradezu unverschämt gut aus: Er war gut gebaut, fast zu groß für einen Eiskunstläufer, hatte weißblondes, knapp schulterlanges Haar und leuchtend grüne, katzenartige Augen. Wie immer drängten sich auch an diesem Abend im Eisstadion in Matinkylä junge Mädchen, die auf ein Autogramm und eine Berührung ihres Idols hofften. Auch ich seufzte jedes Mal, wenn bei Fernsehübertragungen seine hohen Wangenknochen und sein voller Mund zu sehen waren. Schöne Männer zu betrachten zählte zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Noora und Janne kamen noch einmal aufs Eis und belohnten das begeistert klatschende Publikum mit einem dreifachen Salchow und der Todesspirale. Das Baby in meinem Bauch strampelte.

Plötzlich hörte ich Taskinen laut Luft holen. Am Rand der Eisfläche war ein Mann aufgetaucht, mit blonden Strähnen im dunklen Haar und einem schwarzen Schnurrbart. Er warf Noora einen Strauß blutrote Rosen zu. Sie ließ die Blumen achtlos liegen, bald waren sie von den Kufen der Nachwuchsläufer zerfetzt, die als Tiere, Schlossbewohner und Zwerge aufgetreten waren und nun ihren Applaus entgegennahmen.

«Ist das der Kerl, der die Nieminens terrorisiert hat?», fragte ich. Der Fall fiel zwar nicht in die Zuständigkeit unseres Dezernats, doch ich hatte von dem Mann gehört, der Nooras Familie, vor allem ihre Mutter, in den letzten Jahren bedroht hatte und schließlich wegen Hausfriedensbruch zu einer Geldstrafe verurteilt worden war.

«Ja, das ist Vesku Teräsvuori, der Karaokekönig», sagte Taskinen und zuckte resigniert mit den Schultern. Die Polizei konnte Teräsvuori nicht verbieten, eine öffentliche Veranstaltung zu besuchen und Blumen aufs Eis zu werfen. Nach außen hin war das eine übliche nette Geste. Doch als die kleinsten Eiskunstläufer sich schließlich verabschiedeten, hinterließen sie abgerissene Blütenblätter, die mich an Bluttropfen erinnerten.

«Wir holen Silja an der Umkleidekabine ab und fahren dich dann nach Hause», sagte Terttu Taskinen.

Als Jyrki vor einigen Wochen mit Eintrittskarten für die Eisshow in der Dienststelle erschienen war, hatte ich sofort zwei gekauft, aber Antti, mein Mann, hatte dann doch nicht mitkommen können. Dass ich mit den Taskinens auf einem der besten Plätze sitzen würde, weitab von den anderen Kollegen, hatte ich nicht geahnt.

«Ich kann doch den Bus nehmen», wandte ich ein, doch davon wollte Terttu nichts hören. Eigentlich war es ja auch ganz nett, einen Blick in die Umkleideräume zu werfen. Vielleicht bekam ich sogar ein Autogramm von Janne Kivi. Aber als Erstes brauchte ich eine Toilette. Ich verabredete mich mit den Taskinens an der Tür zum Umkleideraum und machte mich auf den Weg durch die kahlen Gänge des Eisstadions.

Auf drei Männerklos kam eins für Frauen, vor dem sich eine lange Schlange gebildet hatte. Da ich Polizistin und außerdem im siebten Monat schwanger war, nahm ich mir das Recht, die freie Toilette mit der abweisenden Aufschrift Nur für Mitarbeiter zu benutzen.

Ich kämpfte noch mit dem komplizierten Verschluss der Umstandshose, als die Tür zum Vorraum aufgerissen wurde.

«Was bildest du dir eigentlich ein?», fauchte jemand, ob Mann oder Frau, war an der Stimme nicht zu erkennen. Die Antwort ging im Lärm eines Handgemenges unter, der Mülleimer kippte laut scheppernd um. Mir blieb nichts anderes übrig, als einzugreifen, ich musste nur erst die verflixte Hose zukriegen.

«Ich will dich nie mehr sehen, ist das klar?»

Die Tür ging auf, der Unbekannte mit der fauchenden Stimme schien die andere Person auf den Gang zu stoßen. Als ich endlich angezogen war, war der Waschraum leer. Nur der auf dem Boden verstreute Abfall und der schief hängende Spiegel bewiesen, dass ich nicht geträumt hatte.

Ich entschloss mich, den Vorfall einfach zu vergessen, und machte mich auf den Weg zu den Umkleideräumen. Dutzende kleiner Eiskunstläufer suchten nach ihren Eltern und legten ihre Maskerade ab: Fuchsbärte, Zwergennasen und Hasenzähne. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen, das einen verschnupften Zwerg gespielt hatte, wischte sich die rote Schminke von der Nase, die Adjutanten des Prinzen lieferten sich einen Schwertkampf. Eine stark geschminkte Frau im knöchellangen Pelzmantel versuchte vergeblich, sich Gehör zu verschaffen.

«Jetzt aber Ruhe!», rief plötzlich eine tiefe Frauenstimme, die so viel Autorität ausstrahlte, dass sie kaum laut zu werden brauchte. Das war die Trainerin, Elena Grigorieva. Im Nu beruhigte sich die lärmende Schar, und die Trainerin dankte ihren Schützlingen für die gelungene Aufführung und die zurückliegende Saison. Ich hörte aufmerksam hin. War das die Stimme, die gerade auf der Toilette so drohend gefaucht hatte? In dem Moment zupfte Jyrki mich am Ärmel.

«Es dauert noch eine Weile. Rami und Elena haben zum Saisonschluss Saft und Kekse mitgebracht.»

«Champagner wäre mir lieber», seufzte jemand hinter mir. Ich drehte mich um und sah in die gelangweilten Augen von Janne Kivi.

«Du hast in Edmonton genug Champagner getrunken», lachte Silja Taskinen neben ihm.

«Das ist doch schon zwei Monate her!», gab Janne zurück.

Die jungen finnischen Eiskunstläufer hatten bei der Weltmeisterschaft in Edmonton recht gut abgeschnitten. Anstelle der erkrankten finnischen Meisterin Mila Kajas hatte der Verband Silja Taskinen aufgestellt, die zur allgemeinen Überraschung einen hervorragenden zwölften Platz belegte. Bei den Männern und im Eistanz war der Erfolg zwar ausgeblieben, doch dafür hatten Noora Nieminen und Janne Kivi mit ihrem neunten Rang im Paarlauf für einen echten Knüller gesorgt, denn Finnland hatte seit Jahrzehnten keine international erfolgreichen Paarläufer hervorgebracht. Die Kommentatoren von Eurosport hatten Noora und Janne sogar als die Weltmeister von morgen bezeichnet.

«Lass uns gehen, Vati», drängte Silja. «Was sollen wir feiern, für uns hat die nächste Saison längst angefangen.»

Nach der WM hatten sich Silja, Janne und Noora zwei Wochen Urlaub gegönnt, bevor die Proben für die Eisshow begannen. Am Ende des Schuljahrs sollten die drei mit ihren Trainern Elena Grigorieva und Rami Luoto zwei Monate in Kanada an sich arbeiten.

«Janne, ich glaube, du kennst Maria noch nicht», meinte Terttu Taskinen. «Maria Kallio, eine Kollegin von Jyrki.»

«Freut mich», sagte Janne höflich, obwohl es ihn offensichtlich nicht interessierte, wer ich war. Plötzlich drängte sich jemand zwischen uns. Noora Nieminen.

Sie war mindestens fünf Zentimeter kleiner als ich, obwohl ich selbst nur knapp eins sechzig messe. Die Sechzehnjährige wirkte kindlich, nur ihre grauen Augen waren die einer Erwachsenen, sie schienen viel zu viel gesehen zu haben.

«Hallo, Noora. Eine tolle Show, gratuliere! Hoffentlich hat Teräsvuori mit seinen Blumen dir nicht den Abend verdorben», sagte Jyrki mitfühlend.

«Der Kerl könnte uns langsam in Ruhe lassen», seufzte Noora theatralisch. «Er weiß genau, dass ich seine Blumen nicht anrühre! Meine Mutter ist garantiert ausgeflippt. Haben sich meine Eltern übrigens schon blicken lassen?»

«Dein Vater steht drüben am Vorderausgang», sagte Janne, der mit seinen Einsfünfundachtzig den besseren Überblick hatte. Auf dem Eis waren Janne und Noora ein perfekt aufeinander abgestimmtes Paar, doch aus der Nähe waren der Größenunterschied und die fünf Jahre Altersdifferenz nicht zu übersehen.

«Ich geh jetzt», erklärte Janne und schob sich durch die Menge zum Hinterausgang.

«Bis morgen, Silja», flüsterte Noora. Sie ging in der anderen Richtung davon, zu ihrem Vater, einem glatzköpfigen Mann mit rotem Gesicht. Er machte keine Anstalten, ihr die riesige Sporttasche abzunehmen, sondern drehte sich unwirsch um und marschierte davon. Noora folgte ihm, fast wäre sie mit ihrer Tasche nicht durch die Tür gekommen.

Als ich Noora Nieminen das nächste Mal sah, war sie tot.

Eins

Kati Järvenperä parkte ihren uralten dunkelblauen Mercedes auf dem leeren Oberdeck des Parkhauses beim Einkaufszentrum von Matinkylä. Auf dem unteren Parkdeck wäre auch noch Platz gewesen, aber sie hatte keine Lust, ihren Straßenkreuzer mühsam in eine Lücke zu manövrieren. Es war zwanzig vor acht, gerade noch Zeit, die Einkäufe zu erledigen. Beim HNO-Arzt hatten sie zwei Stunden warten müssen, bis Olli behandelt wurde. Nun blieb ihr keine andere Wahl, als ihre beiden Söhne in den Laden mitzunehmen, wo Jussi mit der Ausrede, sein kleiner Bruder wäre krank, bestimmt um Süßigkeiten betteln würde.

Kati klappte den Kofferraum auf und nahm Ollis Buggy und eine Getränkekiste heraus. Später, wenn die Kinder schliefen, würde sie sich eine Flasche eisgekühlten Cider gönnen, den hatte sie sich verdient. Sie machte sich nicht die Mühe, den Kofferraum abzuschließen. Das tat sie selten, und trotzdem war noch nie etwas weggekommen. Wer würde in ihrer Rostlaube schon Wertgegenstände vermuten! Sie setzte den knapp zweijährigen Olli in den Buggy, schärfte dem vierjährigen Jussi ein, sich an der Getränkekiste festzuhalten, seufzte vernehmlich und zog los.

Eine Minute vor acht kamen sie zurück. Jussi hatte so lange gequengelt, bis Kati für beide Kinder Schokopudding und eine große Tüte Xylitolkaugummi gekauft hatte. Sie hatte nicht die Nerven gehabt, konsequent zu bleiben. Der Arbeitstag an der Sommeruniversität war die reine Hölle gewesen, und der Anruf aus der Tagesstätte, Olli klage schon wieder über Ohrenschmerzen, hatte ihr den Rest gegeben. Da ihr Mann um sechs Uhr eine Vorlesung halten musste, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als mit beiden Jungen zur Poliklinik zu fahren.

Kati setzte Olli in den Kindersitz, hob Jussi auf das Sicherheitspolster auf dem Vordersitz und schnallte die Kinder an. Sie klappte den Buggy zusammen und öffnete den Kofferraum.

Einige Sekunden stand sie nur da und starrte auf das, was sie vor sich sah. Das Mädchen im Kofferraum konnte nicht zurückschauen, seine Augen waren von getrocknetem Blut verklebt. Kati spürte, wie ihre Beine nachgaben und die Welt um sie herum ihre Konturen verlor. Erst als Jussi nach ihr rief, wurde ihr klar, dass sie handeln musste.

Vorsichtig tastete sie am Handgelenk des Mädchens nach dem Puls, wie sie es im Erste-Hilfe-Kurs gelernt hatte. Die Hand war noch warm, doch einen Pulsschlag spürte sie nicht.

Kati schlug den Kofferraum zu und verriegelte ihn. Dann öffnete sie auf Ollis Seite die Tür und sagte:

«Raus mit euch, das Auto ist kaputt. Wir müssen ein Taxi bestellen und die Polizei rufen.»

«Nein, einen Mechaniker», protestierte Jussi. «Polizisten reparieren keine Autos.»

«Die Polizisten kennen sicher auch einen Mechaniker», sagte Kati. Seltsam, wie ruhig ihre Stimme klang. Genau wie immer. Die Jungen durften nichts merken. Wo war ein Telefon? Und wie in aller Welt war das tote Mädchen in ihren Kofferraum gekommen?

 

Noch nie war es im Mai so kalt gewesen. Eisiger Wind schlug mir ins Gesicht, als ich auf den Radweg einbog, der unter der Autobahn durchführte. Wir hatten nicht einmal zehn Grad, die Finken zwitscherten kläglich. Noch zwei Wochen bis zum Sommeranfang – man mochte es kaum glauben, bei diesem Oktoberwetter. Am Abend zuvor und die ganze Nacht hindurch hatte es heftig geregnet, nun zogen im Osten schon wieder dunkle Wolken auf.

Ich fror an den Brüsten und mir lief die Nase, als ich endlich beim Polizeipräsidium von Espoo ankam. Da mir Jogging im siebten Monat schwer fiel, versuchte ich mich durch Radfahren und Krafttraining fit zu halten. Die Schwangerschaft war bisher problemlos verlaufen, manchmal vergaß ich sogar, dass ich ein Baby erwartete. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Art Schutzmechanismus, ich war nämlich ungewollt schwanger geworden, weil die Spirale versagt hatte.

Ich arbeitete als Kriminalhauptmeisterin im Dezernat für Gewaltdelikte und Gewohnheitskriminalität der Polizei von Espoo. Ab und zu freute ich mich auf den Mutterschaftsurlaub, auf eine Zeit ohne Totschlag und Körperverletzung. Von einigen Monaten Arbeitslosigkeit abgesehen, hatte ich seit dem Abitur vor dreizehn Jahren wie eine Verrückte geschuftet.

«Du sollst dich sofort bei Jyrki melden!», rief mir die Sekretärin zu. Ich brachte rasch die Jacke in mein Büro und vertauschte die Turnschuhe mit bequemen Schlappen.

Jyrki Taskinen saß an seinem Schreibtisch und sprach aufgeregt am Telefon. Bei meinem Anblick beendete er das Gespräch hastig. Mein Vorgesetzter schien in der letzten Nacht kaum geschlafen zu haben: Sein ohnehin blasses, hageres Gesicht war hefegrau, die Augen waren geschwollen, und er hatte sich nicht rasiert. Er bot mir einen Stuhl an, machte den Mund auf, brachte aber kein Wort heraus.

«Guten Morgen, Jyrki. Was gibt’s?»

«Gestern Abend ist ein Tötungsdelikt gemeldet worden, ich möchte, dass du die Ermittlungen übernimmst. Du bekommst Pihko und Koivu als Mitarbeiter, und bei Bedarf natürlich noch weitere. Ström möchte ich den Fall nicht geben, weil …» Er zuckte mit den Achseln. Kommissar Pertti Ström war berüchtigt für sein gegen null tendierendes Taktgefühl und seine grobe Ausdrucksweise.

«Worum handelt es sich?», fragte ich zögernd. Da ich in knapp einem Monat in Mutterschaftsurlaub gehen würde, musste ich bei neuen Fällen damit rechnen, sie nicht selbst abschließen zu können.

«Du erinnerst dich doch sicher an die Eisshow vor zwei Wochen …» Taskinen kämpfte sichtlich um Beherrschung. «Noora Nieminen wurde gestern im Kofferraum eines Pkw aufgefunden. Sie ist erschlagen worden.»

«Um Himmels willen! Wem gehört der Wagen?»

Taskinen warf einen Blick in die Akte.

«Einer gewissen Kati Järvenperä, Studienberaterin an der Sommeruniversität, wohnhaft in der Kalastajankuja in Tiistilä. Sie sagt, sie habe den Kofferraum nicht abgeschlossen, als sie um zwanzig vor acht mit ihren Kindern zum Einkaufen ging. Als sie zurückkam, ihrer Aussage nach eine Minute vor acht, fand sie die Leiche im Kofferraum.»

Vergeblich versuchte ich, die Bilder zu verdrängen, die vor mir aufzogen. Nooras ängstlicher Blick, Schneewittchens Blick, als es den Jäger anflehte, es zu verschonen. Ihr konzentrierter Gesichtsausdruck vor dem Sprung, das triumphierende Lächeln nach der gelungenen Darbietung …

Ich bekam Sodbrennen wie so oft in letzter Zeit, mein Herz raste. Ich zwang mich, Fragen zu stellen, obwohl ich die Antworten nicht hören wollte.

«Was weiß man über den Tathergang?»

«Sie wurde am Kopf und Oberkörper mit einem bisher unbekannten Gegenstand misshandelt. Offenbar handelte es sich nicht um eine Stichwaffe. Die Todesursache ist Schädelbruch, verursacht durch einen Schlag auf den Hinterkopf. In der Wunde wurden Erde, Moos und Steinsplitter gefunden, sie ist also möglicherweise gestürzt und mit dem Kopf auf einen spitzen Stein gefallen. Die Leiche war nass. Gestern hat es ja geregnet, was ebenfalls vermuten lässt, dass Noora im Freien getötet wurde, auf dem Heimweg. Sie hat das Eisstadion in Matinkylä gegen sieben Uhr verlassen und wollte offenbar zu Fuß nach Hause gehen.»

Jyrkis Stimme zitterte. Ich hatte ihn bisher erst einmal weinen sehen, als ein Kollege bei einer Geiselnahme erschossen worden war.

«Was ist bisher unternommen worden? Sind die Angehörigen benachrichtigt?»

Taskinen berichtete, die zuerst alarmierten Streifenbeamten hätten die Leiche nicht identifizieren können. Ihr Gesicht war übel zugerichtet und voller Blut, und sie hatte weder eine Tasche noch eine Geldbörse bei sich. Der Arzt in der Poliklinik, der Nooras Tod offiziell festgestellt hatte, war ein Eissportfan und hatte sie erkannt. Daraufhin hatte Lähde, der mittlerweile herbeigerufene Beamte aus unserem Dezernat, Taskinen benachrichtigt. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass es sich tatsächlich um die junge Sportlerin handelte, war er persönlich zu Nooras Eltern gefahren, die sich bereits Sorgen machten.

«Da hast du wohl die ganze Nacht nicht geschlafen? Weiß Silja es schon?»

«Ich bin vor einer Stunde nach Hause gefahren und habe es ihr gesagt. Sie ist völlig aufgelöst. Terttu konnte nicht bei ihr bleiben, weil sie heute früh eine Sitzung hat. Silja war gestern auch beim Training, ist aber früher gegangen, sie war schon um halb sieben zu Hause. Mirjam, unsere Nachbarin, war gerade bei uns, als sie kam. Janne und Noora waren mit den Trainern noch in der Halle geblieben, um eine neue Sprungkombination zu üben.»

Bei allem Schmerz war aus seinen Worten auch Erleichterung herauszuhören. Sicher war Silja nicht die Hauptverdächtige, doch für die Koordination der Ermittlungen konnte es nur von Vorteil sein, dass die Tochter des Dezernatsleiters ein Alibi besaß. Da sie mit dem Opfer befreundet gewesen war, befand sich Taskinen ohnehin in einer heiklen Situation.

Ich trat an die Übersichtskarte von Espoo, die hinter seinem Schreibtisch hing. Zwischen dem Eisstadion und dem Ortsteil Koukkuniemi, wo Noora gewohnt hatte, lag ein Park. Bei schönem Wetter sicher ein angenehmer Spaziergang, aber warum war Noora im strömenden Regen zu Fuß gegangen?

«Ist die Strecke vom Stadion nach Koukkuniemi schon abgesucht worden?»

«Die Kriminaltechniker haben sich gegen sechs auf den Weg gemacht. Koivu befragt mit ein paar Kollegen die Leute, die im Parkhaus einen festen Stellplatz haben. Wir hängen als Erstes im Geschäft einen Ausruf aus, und wenn das nichts bringt, schalten wir die Lokalsender und die wichtigsten Zeitungen ein. Der Film aus der Überwachungskamera wird gerade analysiert, sie nimmt aber nur die ein- und ausfahrenden Wagen auf. Notfalls überprüfen wir natürlich jeden Pkw, der zwischen sieben und acht ins Parkhaus gefahren ist. Das ist allerdings ein ziemlicher Zeitaufwand, außerdem war die Linse stark verschmutzt, es kann sein, dass nicht alle Nummernschilder zu entziffern sind.»

Taskinen hatte die Ermittlungen also zügig eingeleitet. Aber warum hatte er mich nicht sofort angerufen, als Noora identifiziert wurde, sondern gewartet, bis ich regulär zum Dienst erschien? Natürlich kannte ich den Grund: mein Zustand. Seine Rücksichtnahme, so rührend sie war, irritierte mich. Seit die Schwangerschaft publik geworden war, hatte ich Verwandten und Kollegen immer wieder versichert, ich sei durchaus fähig, weiterzuarbeiten wie bisher. Schließlich saß ich die meiste Zeit am Schreibtisch, befragte Zeugen und Verdächtige oder schrieb Berichte. In gefährliche Situationen war ich in meiner Laufbahn als Kriminalistin nur selten geraten.

«Vielleicht lasse ich Nooras Eltern vorläufig noch in Ruhe. Ich glaube, ich nehme mir zuerst die drei vor, die in der Halle waren, als Noora ging.»

«Es waren mehr als drei. Als Silja das Stadion verlassen hat, waren jedenfalls Elenas Mann Tomi Liikanen und Ulrika Weissenberg, die Vorsitzende des Eislaufvereins, dort. Und Vesku Teräsvuori können wir auch nicht ausklammern. Nooras Eltern halten ihn für den Täter.»

«Er ist zweifellos der Hauptverdächtige. Ich hole mir in der zuständigen Abteilung seine Akte.»

«Noch eine andere Idee: Ström meint, es könnte sich um den Kerl handeln, der das ganze Frühjahr über in Matinkylä und Olari kleine Mädchen belästigt hat.»

«Die Mädchen waren aber viel jünger als Noora, ungefähr zehn. Das ist Ströms Fall, nicht wahr?» Wollte Ström etwa unter dem Vorwand, es könne sich um denselben Täter handeln, die Ermittlungen über Nooras Tod an sich ziehen? Der Konkurrenzkampf zwischen uns beiden war hart genug, ich hatte keine Lust, auch noch über diesen Fall zu streiten.

«Ström kommt nicht voran. Ich halte eine Verbindung auch nicht für wahrscheinlich, aber wir müssen die Möglichkeit immerhin in Betracht ziehen.»

Taskinens Stimme war vor Müdigkeit eine halbe Oktave tiefer als sonst, er gähnte unablässig.

«Klar. Jyrki, solltest du dich nicht eine Weile aufs Ohr hauen? Silja wäre sicher auch froh, wenn du zu Hause wärst.»

«Geht nicht, ich habe heute mein Interview bei der Führungsgruppe.»

In den letzten Jahren war die Polizei von Espoo radikal umstrukturiert worden. Die einzelnen Dezernate hatten größere Handlungsfreiheit erhalten, strenge Hierarchien waren nach Möglichkeit aufgelöst worden. Nun setzte die bevorstehende Pensionierung des Polizeipräsidenten das Beförderungskarussell in Gang, und Taskinen war einer der aussichtsreichsten Anwärter auf den Posten des Kripochefs. Dummerweise gehörte er keiner Partei an. Einige Herren in der Polizeiführung aber schienen ein Parteibuch, gleich welcher Couleur, für wichtiger zu halten als die berufliche Kompetenz. Falls sie Taskinen dennoch wählen würden, ergab sich daraus in unserem Dezernat eine interessante Situation, denn für seinen Posten gab es zwei praktisch gleich qualifizierte Kandidaten: Pertsa Ström und mich. Wir hatten beide das juristische Examen abgelegt, meine Abschlussnote war etwas besser, doch dafür hatte Pertsa mehr Erfahrung im Polizeidienst. Mein größtes Handicap bestand darin, dass ich im Mutterschaftsurlaub war, wenn die Stelle neu besetzt wurde.

Ich wusste nicht, ob ich Taskinen die Daumen drücken sollte oder nicht. Er würde sicher ein guter Kripochef werden, aber Ström als Vorgesetzter, das war eine unerträgliche Vorstellung.

«Was ist mit der Frau, die die Leiche gefunden hat? Liegt das Vernehmungsprotokoll schon vor?»

«Nein, sie ist noch gar nicht richtig vernommen worden. Als der erste Streifenwagen eintraf, wirkte die Frau völlig gefasst, sie packte ihre Einkäufe zusammen und wollte ein Taxi bestellen. Die Beamten haben sie und ihre Kinder dann nach Hause gefahren. Aber sobald sie ihrem Mann die Kinder übergeben hatte, setzte der Schock ein. Schließlich musste ein Arzt gerufen werden.»

Ich nickte. Ich hatte selbst einmal eine Leiche gefunden, und das war entsetzlich gewesen, obwohl ich schon zuvor in dienstlicher Eigenschaft mehrere Tote in Augenschein genommen hatte. Obendrein war Noora Nieminens Leiche offenbar schlimm zugerichtet. Später würde ich sie mir selbst im Rechtsmedizinischen Institut ansehen müssen. Aber bis dahin war das Blut bereits abgewaschen, die Glieder waren geradegerückt worden und die Todesangst war aus den Augen geschwunden.

Erst jetzt setzte bei mir der Schock über Nooras Tod ein. Ich hätte es vorgezogen, mir keine Gedanken über das Opfer zu machen, den Fall als Routinesache zu behandeln. Aber wann hatte ich das bei einem Mordfall je fertig gebracht?

«Vielleicht fange ich mit Elena Grigorieva an», sagte ich und machte mich an die Arbeit.

 

Ich klopfte an die Tür zum Dienstzimmer von Koivu und Pihko. Glücklicherweise war Pihko da und hatte Zeit, mich zu den Zeugen zu begleiten. Ich warf einen Blick auf meine Stoffschuhe. Sie waren viel zu dünn für das kalte Wetter, aber in Tennisschuhen mochte ich den Hinterbliebenen auch nicht gegenübertreten.

Elena Grigorieva wohnte in einem der Hochhäuser in Kuitinmäki. Natürlich wäre es vernünftiger gewesen, durch einen Anruf festzustellen, ob sie überhaupt zu Hause war, aber ich wusste nicht, ob sie bereits von Nooras Tod erfahren hatte. Am Telefon wollte ich es ihr nicht mitteilen.

Ich überließ Pihko das Fahren und rief mir ins Gedächtnis, was ich über Elena Grigorieva wusste. Sie musste mindestens vierzig sein, denn ihre aktive Zeit als Eiskunstläuferin lag mehr als zwanzig Jahre zurück. Elena und ihr Mann Anton hatten der sowjetischen Mannschaft zur gleichen Zeit angehört wie Irina Rodnina und Aleksander Saizew. Die Grigorievs waren technisch perfekte Läufer gewesen, aber ihnen hatte die persönliche Ausstrahlung gefehlt, die das andere, bekanntere Paar auszeichnete. Dennoch hatten sie sowohl bei Europa- als auch bei Weltmeisterschaften Medaillen gewonnen. Anton Grigoriev war vor etwa acht Jahren ums Leben gekommen, bei einem Autounfall, soweit ich mich erinnerte. Die mittlerweile elfjährige Tochter Irina galt als talentierte Nachwuchsläuferin.

Wo Elena ihren zweiten Mann Tomi Liikanen, Besitzer eines Fitnesscenters, kennen gelernt hatte, wusste ich nicht. Sie hatten vor einigen Jahren geheiratet, und Elena war mit ihrer Tochter nach Finnland gezogen. Der hiesige Eislaufverein, der ELV Espoo, hatte sie als Trainerin engagiert, und die ersten Resultate zeigten sich bereits. Silja Taskinen würde mir sicher manches über ihre Trainerin erzählen können. Ich hatte sie als zielstrebige und strenge, fast ein wenig einschüchternde Läuferin in Erinnerung, die so gut wie nie lächelte. Den Namen ihres zweiten Mannes hatte sie nicht angenommen.

Tomi Liikanen kannte ich flüchtig, denn ich trainierte gelegentlich in seinem Fitnesscenter «Tommy’s Gym» in Olari. Tomi war ein ziemlicher Muskelprotz und genoss es, sich vor den Frauen, die bei ihm trainierten, zur Schau zu stellen. Zwar hatte die Polizeibehörde von Espoo einen eigenen Fitnessraum, den wir einmal wöchentlich in der Arbeitszeit benutzen durften, doch ich trainierte ungern in Gesellschaft meiner Kollegen, weil ich bei der Schinderei an den Geräten nicht an berufliche Dinge denken wollte. Manchmal ging ich nach Tapiola oder Kamppi, und manchmal eben in «Tommy’s Gym». Mit einer Schlüsselkarte hatte man jederzeit Zutritt, ich war schon ganz allein dort gewesen.

«Da sind wir.» Pihko parkte am Rand eines Sportplatzes, auf dem halbwüchsige Jungen Fußball spielten, während der Lehrer versuchte, sie an Regeln zu erinnern. In dem Alter hatte ich auch Fußball gespielt, als einziges Mädchen in einer Jungenmannschaft. Ich war damit ganz gut zurechtgekommen, war aber froh, dass mein Kind, falls es ein Mädchen war und eines Tages Fußball spielen wollte, in einer Mädchenmannschaft kicken konnte, ohne schief angeguckt zu werden.

Wir fuhren mit dem Aufzug in den siebten Stock. Pihko hielt geflissentlich Abstand von meinem Bauch, der sich unübersehbar wölbte. Es war mir gelungen, bis Anfang April meine Schwangerschaft vor den Kollegen zu verbergen, obwohl Ström meinen Zustand bereits im Januar erkannt hatte. Es wunderte mich immer noch, dass er den Mund gehalten hatte, abgesehen von dummen Bemerkungen unter vier Augen. Im April hatte ich mich dann entschlossen, Taskinen zu informieren, nicht zuletzt, damit er eine Vertretung besorgen konnte. Lange hätte ich meinen Zustand ohnehin nicht mehr geheim halten können.

Die Tür, an der «Grigorieva» und «Liikanen» stand, wies einige Dellen auf. Hatte jemand versucht, gewaltsam hier einzudringen? Auf Pihkos Klingeln wurde sofort geöffnet, als hätte Elena Grigorieva uns erwartet.

«Kriminalhauptmeisterin Kallio und Kriminalpolizeimeister Pihko von der Polizei Espoo, guten Tag. Sie sind Elena Grigorieva?»

Die Frau sah uns zuerst verblüfft, dann wütend an, ihre dunkelbraunen Augen funkelten.

«Wollen Sie schon wieder meine Aufenthaltserlaubnis sehen? Sie ist in Ordnung, wie oft muss ich Ihnen das sagen! Unglaublich, dass man selbst in diesem Land nicht in Ruhe seine Arbeit tun darf!» Sie wollte die Tür zumachen, aber ich schob meinen Bauch dazwischen.

«Es handelt sich nicht um Ihre Aufenthaltserlaubnis. Es geht um Noora Nieminen. Dürfen wir hereinkommen?»

«Noora? Was ist mit ihr? Hat der Verrückte ihr etwas angetan?» Erschrocken winkte sie uns herein und führte uns in ein enges Wohnzimmer mit unzähligen Spitzendeckchen, Beistelltischen und Nippes.

«Sie haben es also noch nicht gehört. Es tut mir Leid, Noora Nieminen ist tot.»

Ihr Aufschrei ließ uns beide zusammenfahren.

«Njet! Njet! Das kann nicht sein! Ich sollte Noora zur Weltmeisterin machen!»

In letzter Sekunde konnte ich der Kristallvase ausweichen, die haarscharf an meinem Kopf vorbeiflog und das Balkonfenster zerschlug. Pihko fasste die Frau am Arm und führte sie mit sanftem Druck zur Couch. Ich schüttelte die Glassplitter aus den Haaren, schritt vorsichtig über die Scherben und setzte mich zu ihr. Elena Grigorieva war in Tränen ausgebrochen, Pihko holte aus der Küche Haushaltspapier und ein Glas Wasser, das sie ablehnte. Nach einigen Minuten beruhigte sie sich jedoch. Sie barg den Kopf in den Händen, atmete ein paar Mal tief ein, hielt die Luft an, stieß sie heftig aus. Dann hob sie den Kopf und wischte sich die Tränen ab.

«Sie sind sicher nicht hier, um mir beim Weinen zuzusehen, sondern um Fragen zu stellen. Bitte, fragen Sie!»

Ich fand es seltsam, dass sie gar nicht wissen wollte, wie Noora ums Leben gekommen war, mochte daraus aber keine voreiligen Schlüsse ziehen. Vielleicht war sie einfach noch durcheinander. Trotzdem wollte ich die Gelegenheit nutzen, schließlich konnte ich nicht wissen, wann sie den nächsten Tobsuchtsanfall bekam.

«Sie haben gestern mit Noora trainiert. Um welche Zeit war das Training beendet, und wann hat Noora das Eisstadion verlassen?»

«Mmmh … Gegen sieben haben wir Schluss gemacht. Noora hat noch geduscht und sich umgezogen. Ungefähr um zehn nach sieben waren wir an der Tür.»

«Wer ist wir?»

«Noora und Janne, mein Mann Tomi und ich. Raimo Luoto, der zweite Trainer, war schon früher gegangen, glaube ich. Hören Sie … Sie sind doch von der Espooer Kripo? Kennen Sie Kriminalrat Jyrki Taskinen?»

«Er ist unser Vorgesetzter», antwortete Pihko.

«Warum hat er mich nicht benachrichtigt?» Erneut funkelten die kleinen braunen Augen vor Zorn.

«Er wird sicher noch mit Ihnen sprechen. Wir führen nur die ersten Vernehmungen», versuchte ich sie zu beruhigen.

«Vernehmungen? Wozu denn? Wissen Sie etwa nicht, wer Noora überfahren hat?»

Nun war zur Abwechslung ich verblüfft.

«Ööh … es war kein Verkehrsunfall. Wie kommen Sie darauf?»

Elena Grigorieva schüttelte den Kopf, ihr Blick schweifte ab. Ganz offensichtlich kämpfte sie erneut um Beherrschung. Zum Glück stand auf dem Couchtisch keine Vase.

«Entschuldigung. Wissen Sie … Anton, mein erster Mann, ist überfahren worden … Was ist Noora passiert?»

«Die genaue Todesursache steht noch nicht fest», antwortete ich ausweichend. Hatte es überhaupt Sinn, jetzt mit der Frau zu sprechen? Sie war ja völlig konfus. Ich fragte trotzdem weiter.

«Wie hat sich Noora gestern verhalten? Ist irgendetwas Besonderes vorgefallen, oder war es eine ganz normale Trainingsstunde?»

«Normal!» Elena Grigorieva spie das Wort geradezu aus. «Die Situation war bestimmt nicht normal! Die verdammte Ulrika Weissenberg, diese blöde Kuh … Pardon.» Sie atmete tief durch, sprach dann ruhiger weiter. «Ulrika Weissenberg und Noora haben sich wegen der Werbegelder gestritten. Ich weiß nichts Genaueres, Rami muss mit Noora und Janne darüber gesprochen haben. Jedenfalls war Noora mit dem Vertrag nicht einverstanden.»

«Hat Noora selbst ihre Verträge geschlossen? Mit sechzehn?»

«Noora ist nicht wie andere Sechzehnjährige. Sie ist … war sehr talentiert, aber furchtbar dickköpfig. Sie hat auch an den Choreographien mitgearbeitet. Und wenn Janne einen Fehler machte, hat sie ihn angebrüllt …» Sie schlug die Hände vors Gesicht, diesmal weinte sie still vor sich hin. Pihko sah mich fragend an, ich zuckte die Achseln. Mochte sie weinen, vielleicht war sie danach fähig, weiterzureden.

Um nicht untätig dazusitzen, stand ich auf und sammelte die größten Scherben ein. Zum Glück hatte die Vase mich verfehlt. Und wie gut, dass ich den ruhigen, besonnenen Pihko als Partner hatte. Pertti Ström hätte an seiner Stelle sicher darauf bestanden, Elena Grigorieva wegen tätlichen Angriffs auf eine Beamtin festzunehmen. Wo mochte sie Besen und Kehrblech aufbewahren? Oder den Staubsauger?

Elena Grigorieva schaute plötzlich auf. Sie schien verärgert.

«Um Himmels willen, nun fangen Sie nicht an zu putzen! Wühlt die Polizei nicht immer alles durcheinander, ohne sich ums Aufräumen zu kümmern? So war es jedenfalls bei uns in Moskau. Haben Sie noch Fragen?»

«Wenn es Ihnen nichts ausmacht, erzählen Sie uns noch etwas über das gestrige Training. Janne und Noora waren auf dem Eis, nicht wahr? Und Silja Taskinen.»

«Genau. Verstehen Sie etwas vom Eiskunstlauf?»

«Ich sehe es mir gern an. Ich war übrigens mit Kriminalrat Taskinen bei der Frühjahrsshow Ihres Vereins.»

«So. Also gut, die Wettkampfsaison war mit der WM im März beendet. Im Prinzip geht es jetzt vor allem um die Kondition, auf dem Eis trainieren wir nur zweimal wöchentlich, wir üben neue Figuren ein. Silja übt schwierige Kombinationen und feilt am dreifachen Lutz, Noora und Janne arbeiten gerade am dreifachen Salchow, an ein paar Hebesprüngen und an einer neuen Variante der Todesspirale.»

Bei diesem Wort verzog sie das Gesicht und sagte nachdenklich: «Die haben sie zuletzt geübt, vor der Gymnastik zum Schluss. Die Todesspirale … Nooras Haltung wurde immer besser, ihr Hinterkopf berührte das Eis …»

«Und Frau Weissenberg hat das Training unterbrochen?»

«Allerdings! Immerzu kommandiert sie herum, als wären ihre Angelegenheiten das Allerwichtigste. Und für unsere Erfolge steckt sie sich die Federn an den Hut. Noora und Janne waren noch beim Stretching, während Silja eine Kombination von dreifachem Lutz und dreifachem Toeloop geübt hat. Das ist bei den Frauen die schwierigste Sprungkombination», fügte sie stolz hinzu.

«Und Frau Weissenberg kam dazu», mischte sich Pihko ein. Offenbar wollte er sich keinen Vortrag über die Finessen des Eiskunstlaufs anhören.

«In der Garderobe wurde es furchtbar laut, Noora hat die Weissenberg angebrüllt. Was gesagt wurde, habe ich nicht mitbekommen, ich habe mich ganz auf Siljas Sprung konzentriert.»

«Sie haben auch später nicht erfahren, worüber sich die beiden gestritten haben, Sie wissen nur, dass es um Werbung ging?»

«So ist es. Noora konnte die Weissenberg nicht leiden, und die wiederum mag nur Leute, die ihr blind gehorchen.»

«Frau Weissenberg hat das Stadion aber lange vor Noora verlassen?»

«Sie ist nur kurz geblieben. Silja ging gegen sechs, wir haben dann noch die Todesspirale geübt. Ich hatte den Eindruck, dass Janne Noora nach Hause bringen wollte. Sie hatte so viel Zeug bei sich, ihre neuen Schlittschuhe zum Beispiel, die hat sie gestern Abend ausprobiert.»

«Ihrer Erinnerung nach hatte Noora also ihre Sporttasche dabei, als sie die Halle verließ?»

Die Grigorieva nickte. Da ihr Mann sie abgeholt und zum Aufbruch gedrängt hatte, wusste sie leider nicht, ob Noora tatsächlich in Jannes Auto eingestiegen oder zu Fuß gegangen war. Offenbar war Janne Kivi der Einzige, der darüber Auskunft geben konnte.

«Was hat man Noora angetan?»

Die Frage traf mich unvorbereitet. Bevor ich mir eine Antwort zurechtgelegt hatte, fragte die Trainerin weiter:

«Ist sie vergewaltigt worden?»

Davon hatte Taskinen nichts gesagt, nicht einmal, als wir über Pertsas Theorie sprachen. Deshalb verneinte ich, sagte kurz, es handle sich keinesfalls um einen Unfall. Noora sei erschlagen worden.

«Wann ist sie gestorben? Gleich nach dem Training?»

«Ihre Leiche wurde gegen acht Uhr gefunden.»

Aus ihrem Gesichtsausdruck wurde ich nicht schlau. Wut lag darin, Angst … aber was noch?

«Dann hat sie ja heute früh bei der Ballettstunde gefehlt! Warum hat mir denn niemand etwas gesagt …»

Ihre Stimme wurde wieder schriller, hastig fragte ich, ob sie von der Halle direkt nach Hause gefahren war. Sie zögerte.

«Ja, wir sind nach Hause gefahren. Unterwegs haben wir noch eingekauft, und dann habe ich gekocht. Fischsuppe.»

Ich hatte noch viele Fragen an Elena Grigorieva. Vorher wollte ich jedoch mit allen sprechen, die gestern im Eisstadion gewesen waren. Beim Abschied versuchte ich ihr klar zu machen, dass sie in ihrer Verfassung lieber nicht allein sein sollte, doch sie begann verwundert ihre Termine aufzuzählen.

«Um vier ist das Gruppentraining der Junioren. Das muss ich noch vorbereiten. Arbeit kuriert den schlimmsten Schmerz, das weiß ich aus Erfahrung.»

«Ja, ja, Arbeit macht frei», murrte Pihko, als wir uns wieder in den Aufzug zwängten. In zwei Wochen würde er uns verlassen, um sich auf die Aufnahmeprüfung zum Jurastudium vorzubereiten. Pihko war ehrgeizig, er wollte es mindestens zum Kriminalkommissar bringen. Wenn er die Zulassung schaffte, würde er nur noch vertretungsweise in den Semesterferien bei uns arbeiten.

«Ob Raimo Luoto zu Hause ist? Ich ruf mal an. Er hat Noora und Janne schon seit Jahren betreut, also werden die Nieminens ihn sicher informiert haben.»

Ich erreichte jedoch nur den Anrufbeantworter des Trainers. Eine angenehme, jungenhafte Stimme bat darum, eine Nachricht zu hinterlassen, worauf ich aber verzichtete.

«Kivi oder Weissenberg?», fragte Pihko. In dem Moment klingelte das Telefon. In einem Gehölz in Koukkuniemi, nicht weit vom Haus der Nieminens, war Nooras Sporttasche gefunden worden. Nun stand auch fest, womit der Täter auf das Mädchen eingeschlagen hatte: Ihre neuen Schlittschuhe lagen blutverschmiert in der Tasche.

Zwei

In dem sumpfigen Wäldchen zwischen der Siedlung und dem Park wimmelte es von Polizisten. Auch Koivu war dabei, offenbar hatte er seine Runde durch das Einkaufszentrum und das Parkhaus abgeschlossen.

«Du möchtest die Sachen sicher sehen, bevor wir sie ins Labor schicken», sagte Karttunen, einer der Kriminaltechniker. Als ich nickte, fuhr er fort: «Die Tasche war da drüben hinter dem Felsen versteckt, wenn wir nicht gezielt gesucht hätten, wäre sie sicher nicht so bald gefunden worden. Die Schlittschuhe lagen zuoberst. Guck mal.»

Er zog den Reißverschluss auf. Schweißgestank schlug mir entgegen und verdeckte fast den leicht metallischen, widerlichen Geruch von getrocknetem Blut, der von den Schlittschuhen aufstieg. Ich musste an den flehenden Blick denken, den Noora als Schneewittchen auf den Jäger geheftet hatte. Hatte sie ihren Mörder genauso angesehen?

«Vor der Untersuchung im Labor können wir natürlich nicht definitiv davon ausgehen, dass es sich um die Tatwaffe handelt, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß», sagte ich mehr zu mir selbst als zu Pihko und Koivu, die jetzt hinter mir standen. «Schickt alles ins Labor. Den restlichen Inhalt sehe ich mir nach der Analyse der Schlittschuhe an. Ist sonst noch etwas gefunden worden, Kampfspuren zum Beispiel oder ein blutbefleckter Stein?»

«Nichts dergleichen. Aber letzte Nacht hat es geregnet, durchaus möglich, dass Petrus die Spuren weggewaschen hat. Wir suchen trotzdem weiter», seufzte Karttunen.

«Verdammt gute Mordwaffe», ertönte eine bekannte Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah direkt in Pertsa Ströms pockennarbiges Gesicht, in dem die zweimal gebrochene Nase leuchtete wie eine weich gegarte Rote Bete.

«Was willst du denn hier, Pertsa? Das ist nicht dein Fall!»

«Ich war zufällig in der Nähe, als die Zentrale dich alarmiert hat. Ich dachte, das schau ich mir mal an, aus purer Neugier. Schlittschuhe also … Die Kufen sind verflucht scharf, das weiß ich, als Kind hat mich beim Eishockey mal ein gegnerischer Verteidiger an der Backe erwischt. Hier, die Narbe sieht man heute noch. Bei den Eiskunstläufern ist vorn ja auch noch eine Säge dran. Damit kann man schon jemanden abmurksen.»

«Halt den Mund, du Idiot! Wie Noora Nieminen umgebracht worden ist, kann ich mir auch ohne deine Hilfe vorstellen!»

Das Verhältnis zwischen Pertsa und mir war nahezu unerträglich, seit feststand, dass wir um Taskinens eventuell frei werdenden Posten konkurrierten. Pertsa glaubte, die schlechteren Karten zu haben, weil der Trend momentan dahin ging, Frauen zu fördern. Sollte ich Taskinens Nachfolgerin werden, würde Pertsa garantiert überall verkünden, ich hätte die Stelle nur meinem Geschlecht zu verdanken.

«Herrgott nochmal, in Joensuu spielen nur die Skinheads verrückt, aber hier in Espoo spinnen sogar die Polizisten», motzte Koivu, der erst vor zwei Monaten in unser Dezernat gekommen war. Ich hatte vor einigen Jahren als Urlaubsvertretung bei der Kripo Helsinki mit ihm zusammengearbeitet. Koivu war dann nach Joensuu versetzt worden, und ich hatte im Sommer vor zwei Jahren ganz in der Nähe, in meiner Heimatstadt Arpikylä, den Ortspolizeidirektor vertreten. Dort hatten wir gemeinsam den Mord an einer Künstlerin aufgeklärt. In Espoo hatte ich Koivu vermisst. Umso mehr freute ich mich, nun wieder mit ihm zusammenarbeiten zu können. Eigentlich war er mehr als ein Kollege, eher sah ich in ihm den Bruder, den ich mir immer gewünscht hatte.

«Hast du bei deiner Runde durch die Geschäfte etwas herausgefunden?», fragte ich ihn. Er meinte, am aussichtsreichsten seien die Zettel, die er im Parkhaus verteilt hatte. Vielleicht erinnerte sich jemand an Kati Järvenperäs alten Mercedes und an den Wagen des Mörders, der vermutlich daneben gestanden hatte. Dass Noora mit einem Pkw in das Parkhaus transportiert worden war, stand außer Zweifel. Der Täter hatte ein ziemliches Risiko auf sich genommen. Auch Kati Järvenperä war eine Schlüsselfigur, denn vermutlich hatte sich der Mörder bei ihrer Ankunft bereits im Parkhaus aufgehalten und gesehen, dass sie ihren Kofferraum nicht abschloss.

«Als Tatort käme das Gehölz durchaus in Frage», dachte ich laut. Auf dieser Straßenseite standen keine Häuser, hier war nichts als das vermoorte Wäldchen, das in ein Weidengebüsch auslief. Dahinter erhob sich ein grasbewachsener Hügel mit zahlreichen Spazierwegen. Das Weidengebüsch und einige Kiefern verdeckten die Sicht auf den Waldstreifen. Noora hatte am Südende der Straße gewohnt, nur zwei Blocks von hier. Was mochten ihre Eltern beim Anblick der Streifenwagen und der rot-gelb-schwarzen Absperrung empfinden? Würden sie je wieder an dem Wäldchen vorbeifahren können, ohne daran zu denken, dass dort ihre Tochter erschlagen worden war?

Ich musste mich in Gedanken zur Ordnung rufen, um nicht zu viel über die Gefühle anderer Menschen nachzugrübeln. Nützlicher war es zu überlegen, wie der Mörder an Nooras Schlittschuhe gekommen war. Spitzensportlerinnen wie Noora ließen meines Wissens sowohl die Stiefel als auch die Kufen nach Maß anfertigen und kümmerten sich sorgfältig um ihre Ausrüstung. Sicher hatte Noora ihre nagelneuen Schlittschuhe nicht mit blanken Kufen, sondern in weichen Stoffbeuteln transportiert. Die Kufenschoner aus Plastik, die man verwendete, wenn man die Schuhe an den Füßen trug, konnten Rost verursachen. Warum waren die Schlittschuhe aus der Sporttasche genommen worden? Und von wem – von Noora selbst oder von ihrem Mörder? Und wo steckten die Kufenschoner?

Ich ging ein Stück zur Seite, um zu telefonieren, und erreichte Taskinen auf dem Heimweg. Er hatte sich nun doch entschlossen, vor dem Interview nach Silja zu schauen.

«Ulrika Weissenberg? Besonders gut kenne ich sie nicht. Einmal waren wir bei ihr eingeladen, aber wir sind ihr nicht glamourös genug.» Taskinen klang ungewohnt bissig, ganz offensichtlich hatte er genauso wenig für die Vereinsvorsitzende übrig wie Elena Grigorieva. Die wichtigsten Fakten hatte er jedoch parat.

Ulrika Weissenberg war Vorsitzende des ELV Espoo und Vizevorsitzende des Finnischen Eislaufverbandes. Da sie nicht berufstätig war, konnte sie sich ganz der Vereinstätigkeit widmen, an der sie vor rund zwanzig Jahren Geschmack gefunden hatte, als ihre Tochter noch Schlittschuh lief. Die Tochter hatte das Hobby bald aufgegeben, doch Ulrika war im Verein geblieben. Soweit ich wusste, gab es im Finnischen Eislaufverband ständig Fehden, wozu die machtlüsterne Weissenberg sicher das Ihre beitrug. Sie liebte es, alles Mögliche zu organisieren, überwarf sich aber häufig mit den Sportlern.

Von Taskinen erfuhr ich außerdem, dass Ulrika Weissenbergs Mann einer der wichtigsten Branchendirektoren bei Nokia war. Es lockte mich nicht gerade, sie zu vernehmen, aber ich wollte unbedingt wissen, worüber sie am Vorabend mit Noora gestritten hatte.

«Koivu, tu mir einen Gefallen und ruf bei Ulrika Weissenberg an. Gib dich meinetwegen als Spendensammler aus. Ich möchte wissen, ob sie zu Hause ist, sie soll aber noch nicht erfahren, worum es geht.»

«Wieso gerade ich? Warum rufst du nicht selbst an, oder Pihko?»

«Na, weil ich mit Pihko hinfahre, wenn sie zu Hause ist.»

Koivu murrte, ging aber zu seinem Wagen und kam bald darauf grinsend zurück.

«Eine ziemliche Schreckschraube! Sie hat lauthals gezetert, sie würde mehrere Tausender im Jahr für die Kinderklinik und die Mission spenden, andere Bettler bekämen von ihr nichts.»

«Wofür hast du denn Geld verlangt?», erkundigte sich Pihko.

«Für ein Asyl für pensionierte Polizeihunde … Quatsch, natürlich nicht. Ich hab gesagt, ich wäre von der Aids-Hilfe, aber das war offenbar nicht das Richtige.»

«Trotzdem vielen Dank, Koivu. Wir sehen uns sicher nachher noch. Wie wäre es mit einer Lagebesprechung, sagen wir, um zwei? Na los, Pihko, komm schon!»

Ich wollte endlich was tun und aus dem erdig riechenden Wäldchen rauskommen. Auch mein Baby war das Stillstehen leid, es schwamm unruhig herum. Am liebsten wäre ich auf den grasbewachsenen Hügel gestiegen, um den Wolken zuzuschauen und den Bewegungen in meinem Bauch nachzuspüren, mich zu beruhigen und auf die bevorstehenden Vernehmungen zu konzentrieren. Aber aktives Handeln war das beste Mittel gegen den Schmerz über Nooras Tod.

Die Weissenbergs wohnten in der Mäntytie im Ortsteil Nöykkiö, einer Ansammlung prachtvoller Villen, umgeben von großen Gärten. Das scheinbar einstöckige Haus lag an einem Hang. Es dauerte eine Weile, bevor wir zwischen Rosenstöcken die Haustür entdeckten. Ich klingelte, aber niemand machte auf. Wir wollten gerade wieder gehen, als aus dem Haus zuerst ein Kratzen, dann Gebell zu hören war, das auf ein scharfes Kommando hin verstummte. Die Tür wurde aufgerissen, und ich stand der Frau gegenüber, die bei der Eisshow im Pelzmantel aufgekreuzt war und vergeblich versucht hatte, die Eisläufer zum Schweigen zu bringen.

Auch jetzt war sie stark und sorgfältig geschminkt. Die schwarzbraunen Haare hatte sie im Nacken aufgesteckt, das gebräunte Gesicht mit dem Adlerprofil war von goldenem Schmuck eingerahmt. Das schwarze Nadelstreifenkostüm wirkte schlicht, kostete aber sicher so viel, wie ein Kriminalmeister im Monat verdient. Die schwarzen Pumps hatten mindestens zehn Zentimeter hohe Absätze. Ulrika Weissenberg war genau der Typ Frau, bei dessen Anblick mir bewusst wird, dass meine Haare ungekämmt und meine Kleider zerknittert sind. Heute früh hatte ich mich nicht einmal geschminkt, weil ich mit dem Rad zur Arbeit gefahren war.

«Kriminalhauptmeisterin Kallio und Kriminalpolizeimeister Pihko von der Polizei Espoo», brachte ich heraus. «Dürfen wir eintreten?»

Die Frau scheuchte den kläffenden weißen Pudel zur Seite. Sie musterte uns.

«Es geht sicher um den Tod von Noora Nieminen», meinte sie.

«Sie haben es also bereits gehört?» Ich trat einfach ein, obwohl sie uns immer noch nicht dazu aufgefordert hatte.

«Nooras Vater hat mich vor einer Stunde angerufen. Kommen Sie bitte, ich will gern versuchen, Ihnen behilflich zu sein, auch wenn ich Ihnen nicht viel sagen kann. Gehen wir in mein Arbeitszimmer.» Sie drehte sich um, und wir folgten dem Jasminduft ihres Parfüms.

Das Haus war ebenso gepflegt wie seine Besitzerin. Das Arbeitszimmer befand sich am Nordende, mit Blick auf Felsen und Bäume. Der Kontrast zu Elena Grigorievas Wohnung war gewaltig, obwohl zwischen Nöykkiö und Kuitinmäki nur ein paar Kilometer lagen. In Frau Weissenbergs Arbeitszimmer standen grazile italienische Designermöbel. Pihko setzte sich vorsichtig auf einen dreibeinigen Stuhl, als fürchte er umzukippen, während ich in einem schwarzen Ledersofa versank.

«Hoffentlich dauert es nicht lange, ich muss zu Nooras Eltern und außerdem noch eine Pressemitteilung aufsetzen. Ich habe bereits versucht, Kriminalrat Taskinen zu erreichen, vielleicht kennen Sie ihn. Seine Tochter ist auch Mitglied unseres Vereins. Jyrki war nicht zu sprechen, aber Sie können mir sicher sagen, wie die Ermittlungen vorankommen. Haben Sie den Verrückten schon gefasst, der die arme kleine Noora ermordet hat?»

Sie wusste offenbar nicht, wer von uns beiden in der Hierarchie höher stand, an wen sie also ihre Frage richten sollte. Ich war die Ältere und hatte bisher das Reden übernommen, andererseits war ich eine Frau und zudem schwanger. Als sich mein Bauch zu runden begann, hatte ich erstaunt festgestellt, dass manche Menschen Schwangere offenbar für geistig minderbemittelt halten. Vermutlich war eine schwangere Kripobeamtin tatsächlich ein ungewohnter Anblick. Pihko wiederum war zwar ein Mann, aber jünger und wortkarger als ich. Auch jetzt überließ er das Reden mir.

«Vorläufig hat es noch keine Festnahme gegeben. Was hat es mit der Pressemitteilung auf sich?»

«Der ELV Espoo und der Finnische Eislaufverband müssen selbstverständlich ein offizielles Kommuniqué herausgeben! Der Tod einer Spitzensportlerin interessiert die Medien. Nooras Eltern haben zurzeit natürlich nicht die Kraft, sich um die Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern, daher werde ich das übernehmen.»

«Den Inhalt Ihrer Pressemitteilung stimmen Sie bitte mit der Polizei ab», sagte ich verärgert, denn Weissenbergs Alleingang konnte die Ermittlungen behindern.

«Eben darüber wollte ich mit Kriminalrat Taskinen sprechen.» Ihre Stimme klang wie ein Eiszapfen, der gegen Metall schlägt, die langen Fingernägel trommelten ungeduldig auf die Tischplatte. Nur der Nagel des rechten Zeigefingers war kurz, aber wie die anderen blutrot lackiert.

«Wenn Sie jetzt ihre Fragen stellen würden, Frau Wachtmeisterin.»

Ich machte mir nicht die Mühe, den Titel zu korrigieren, obwohl sie es ganz offensichtlich darauf anlegte, mich zu beleidigen. Egal, wie sie mich anredete, es lag in meiner Macht, ihr das Leben schwer zu machen. In anklagendem Ton begann ich:

«Sie sind eine der Letzten, die Noora Nieminen lebend gesehen haben. Gestern Abend soll es zu einem heftigen Streit zwischen Ihnen gekommen sein. Sie haben nicht etwa vor dem Eisstadion auf Noora gewartet und die Auseinandersetzung fortgesetzt, in Ihrem Auto zum Beispiel?»

Pihko machte einen raschen Atemzug, er war sicher entsetzt über meine Vernehmungstechnik. Der Parfümduft wurde intensiver, unter dem Rouge breitete sich auf Frau Weissenbergs Gesicht echtes, dunkleres Rot aus.

«Wollen Sie andeuten, ich hätte … Hören Sie, Wachtmeisterin, wie war noch der Name, wenn ich so behandelt werde, sage ich kein Wort mehr! Ich spreche nur noch mit Jyrki Taskinen. Verlassen Sie sofort mein Haus!»

Pihko holte erneut Luft, dann sagte er mit einer Autorität, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte:

«Kriminalhauptmeisterin Kallio hatte keineswegs die Absicht, Sie zu beschuldigen.» Sein Blick forderte mich auf, mich zu entschuldigen, damit wir die Vernehmung fortsetzen konnten. Mein Stolz war dagegen, doch die Vernunft setzte sich durch.

«Es tut mir Leid, wenn ich mich missverständlich ausgedrückt habe. Dennoch möchte ich wissen, worum es bei Ihrer Auseinandersetzung ging. Möglicherweise hat Noora später mit jemand anderem über die gleiche Angelegenheit gestritten.» Jetzt war auch ich rot im Gesicht, so zuwider war mir diese Kriecherei, aber ich hatte mir die Suppe ja selbst eingebrockt.

Zögernd akzeptierte Ulrika Weissenberg meine Entschuldigung.

«Es ging um eine Fernsehreklame für Eiskrem. Es war mir gelungen, eine für den Eislaufverband sehr einträgliche Werbekampagne auszuhandeln. Noora, Janne Kivi und Silja Taskinen sollten die Stars sein. Daraus wird nun natürlich nichts. Zumindest muss das Drehbuch umgeschrieben werden. Silja und Janne könnten …»

Ich hörte förmlich, wie die Rechenmaschine in ihrem Kopf ratterte, und wurde erneut wütend.

«Wie war das mit dem Werbespot?»

«Noora fand die Idee der Werbeagentur nicht gut. Es geht um ein neuartiges Joghurteis. Der Gag dabei war, dass Noora selbstvergessen ihr Eis schleckt und sich gar nichts daraus macht, dass Janne mit Silja Pirouetten dreht. Ein lustiger, humorvoller Spot, meiner Meinung nach sehr gelungen.»

«Aber Noora war dagegen?»

«Was bildet die Göre sich ein!» Ihr alter Groll kam hoch, offenbar hatte sie sekundenlang vergessen, dass Noora tot war. «Was bildete sie sich ein, besser gesagt. Von Toten soll man nicht schlecht reden, aber Noora war unglaublich launisch. Alles hätte immerzu nach ihrem Willen gehen müssen. Aber ich habe sie durchschaut. Sie wollte nicht mitmachen, weil sie in dem Spot mit Silja um Jannes Aufmerksamkeit konkurrieren sollte. Und wen Janne lieber angeschaut hat, ist ja klar. Noora war nun wirklich keine Schönheit mit ihrem ausladenden Hinterteil.»

«Ist das nicht ziemlich hart?» Natürlich wusste ich, dass das Aussehen im Eiskunstlauf eine große Rolle spielt, dennoch fand ich ihren Kommentar unangemessen. Was hatte Noora getan, um sie derart in Rage zu bringen?

«Hart? Gewiss, aber es ist ein Faktum, das man nicht ignorieren darf. Ein Wunder, dass Noora es mit ihrem Gesicht und ihrem Körperbau im Eiskunstlauf so weit gebracht hat. Für den Einzellauf hatte sie viel zu kurze Beine und zu breite Hüften, deshalb hat man sie ja mit Janne zusammengetan.»

«Noora hat sich also geweigert, bei dem Spot mitzumachen?»

«Sie hat es versucht. Aber das kann ich nicht zulassen, immerhin geht es um viel Geld! Außerdem war bereits alles vereinbart, sogar der Termin für die Aufnahmen. Noora hat natürlich keine Ahnung, wie schwierig es ist, Sponsoren zu finden. Damit will ich die Sportler auch gar nicht belasten. Sie tun ihre Arbeit, ich tue meine.»

Der Pudel kam hereingerannt und fing an zu winseln. Sein Frauchen erhob sich wortlos und verschwand mit dem Tier. Wahrscheinlich musste es mal. Ich versuchte meine Antipathie zu verdrängen und mir vernünftige Fragen auszudenken. Elena Grigorieva hatte ausgesagt, die Weissenberg habe das Stadion lange vor dem Ende des Trainings verlassen. Hatte sie womöglich draußen auf Noora gewartet hatte, um sie weiter unter Druck zu setzen? War der Mord in ihrem Auto geschehen?

«Die anderen hätten also bei dem Werbespot mitgemacht?», fragte ich, als Ulrika Weissenberg, wieder ohne ein Wort der Erklärung, zurückkam.

«Selbstverständlich! Silja und Janne sehen die Dinge realistisch. Trainingslager und Reisen zu Wettkämpfen sind kein billiges Vergnügen!»

Sie schüttelte heftig den Kopf, was ihrem straffen Haarknoten jedoch nichts anhaben konnte.

«Wann haben Sie das Stadion verlassen, und was haben Sie anschließend getan?»

«Gegen sechs bin ich nach Hause gefahren. Aber was geht Sie das an? Warum belästigen Sie mich überhaupt? Wieso verhaften Sie nicht endlich diesen Mann, der Nooras Familie terrorisiert hat, der ist doch mit Sicherheit der Täter!»

Pihko warf mir einen verwunderten Blick zu, er schien nicht zu wissen, von wem Ulrika Weissenberg sprach. Als Vesku Teräsvuori es besonders schlimm getrieben hatte, war Pihko noch nicht bei uns beschäftigt, auch ich hatte damals gerade erst angefangen.

«Kann jemand bezeugen, wann Sie nach Hause gekommen sind?», hakte ich nach.

«Nein! Mein Mann war noch bei der Arbeit. Was soll das überhaupt, wollen Sie mich der Tat bezichtigen?»

«Keineswegs. Diese Fragen sind Routine, wir werden sicher noch darauf zurückkommen müssen. Was das Kommuniqué betrifft, darf ich Sie bitten, sich mit Kriminalrat Taskinen abzustimmen.»

Wenn ich nicht bald aus diesem Haus herauskäme, würde ich wieder explodieren, das spürte ich. Ich hatte erwartet, die Schwangerschaft würde meinen Charakter verändern, aber ich war immer noch so aufbrausend wie früher und machte mir schon Sorgen, wie ich erst auf ein schreiendes Baby reagieren würde. Das Frühjahr war allerdings so schnell vergangen, dass ich kaum dazu gekommen war, an die Zeit nach der Entbindung zu denken. Vielleicht hatte ich mich auch davor gedrückt.

Erleichtert klemmte ich mich hinter das Lenkrad und fuhr zügig an. Gleich darauf legte ich eine Vollbremsung hin, denn ein Dackel, vier Kleinkinder, eine breite Zwillingssportkarre und eine Frau kamen uns entgegen. Offenbar waren die Kinder gut abgerichtet, routiniert wichen sie an den Straßenrand aus und starrten das Polizeifahrzeug an. Eines der Kinder, ein blonder Lockenschopf mit runden Augen, rief begeistert: «Tatütata.»

«Ob alle sechs ihre eigenen Kinder sind?», murmelte ich. Pihko gab keine Antwort. Sobald er im Auto saß, hatte er seinen juristischen Wälzer aufgeschlagen. Er war fest entschlossen, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Die Angst, Ström als Vorgesetzten zu bekommen, sporne ihn an, meinte er. Diesmal ließ ich ihn jedoch nicht in Ruhe lesen, sondern erklärte ihm, was es mit Teräsvuori auf sich hatte.