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Im Feuer der Vergangenheit Eine verschlüsselte Nachricht, offensichtlich aus der Zeit der Inquisition, ein mysteriöser und offensichtlich religiös fanatischer Mann in Schwarz und ein geheimer Gang in den Katakomben einer Klosterkirche stehen im Mittelpunkt der spannenden Story. Kann Kommissar Werner Meyfahrt die Schriften entschlüsseln und so weitere Morde verhindern? Ein Krimi mit historischem Hintergrund, der jedoch in der Gegenwart angelegt ist. Der Leser erfährt einiges über die Zeit der Hexenverfolgung im späten Mittelalter, ein Thema, das man sonst nur in Fachbüchern zu lesen bekommt. Die Erzählebenen aus Vergangenheit und Gegenwart sind interessant miteinander verwoben. Eine diskrete Prise Humor und die zarte Liebesgeschichte am Rande der eigentlichen Handlung stellen einen willkommenen Gegenpunkt dar. Das Erbe des Foltermeisters ist ein schnörkellos erzählter Krimi und eine spannende Abenteuergeschichte gleichzeitig. Sympathische Helden, dramatische Verfolgungsjagden, ein fanatischer Killer und eine Schatzsuche bilden hier eine sehr unterhaltsame Krimi- Mischung, die man so nicht jeden Tag zu lesen bekommt. Markus Walther, Saarkrimi.de
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hans J. Muth
Das Erbe des Foltermeisters
Ein teilhistorischer Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Erbe des Foltermeisters
Impressum
Die Feuer der Vergangenheit
1.Kapitel
Anno 1587
Das Hexenregister
2.Kapitel
3. Kapitel
4.Kapitel
5.Kapitel
6.Kapitel
7.Kapitel
8.Kapitel
9.Kapitel
10.Kapitel
11.Kapitel
12.Kapitel
13.Kapitel
14.Kapitel
15.Kapitel
16.Kapitel
17.Kapitel
18.Kapitel
19.Kapitel
20.Kapitel
21.Kapitel
22.Kapitel
23.Kapitel
24.Kapitel
25.Kapitel
26.Kapitel
27.Kapitel
28.Kapitel
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Impressum neobooks
Hans J. Muth
Teilhistorischer Roman
Texte: © Copyright by Hans J. MuthUmschlag: © Copyright by Hans J. MuthVerlag: Hans J. Muth
Kapellenstr. 654316 [email protected]
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Der Originaltitel „Cruciatus - das Vermächtnis“ ist im Jahr 2010 im Südwestbuch-Verlag Stuttgart erschienen. Die Rechte wurden mit freundlicher Genehmigung des Verlags SWB an den Urheber zurückgegeben. Die vorliegende Fassung wurde neu lektoriert.
Zum besseren Verständnis der Handlung dieses Buches (bei dem es sich trotz aller Aufklärung um einen erfundenen Roman handelt) lassen wir uns in die Zeit von 1584 bis 1798 zurücktreiben, in welcher die päpstliche Bulle von Papst Innozenz VIII die Inquisition befugte, ein „für die Öffentlichkeit schädliches Organ“ der damaligen Zeit auszurotten: das Hexenwesen.
Zur Zeit dieses Hexenwahns, der insbesondere zwischen 1550 und 1650 seinen Höhepunkt erfuhr, glaubte man, dass die Christenheit von Millionen schädlichen Hexen befallen sei, die sich der Vernichtung der christlichen Welt verschrieben hätten.
Die angeblichen Aktivitäten der Hexen veröffentlichte und verbreitete man unter Titeln wie "Hexenhammer" auch "Handbuch für Hexenjäger" genannt, in welchen die Praktiken der Hexen und die Gegenmaßnahmen durch die Inquisitionsgerichte dargestellt wurden.
Heinrich Kramer, einer der Autoren des "Hexenhammer", war Inquisitor für Tirol. Da seine Grausamkeit gegenüber angeblichen Hexen ihm mächtige Feinde geschaffen hatte, verbannte ihn der örtliche Bischof.
Kramer seinerseits wandte sich nun an den Papst und bat diesen um Unterstützung. Papst Innozenz VIII gewährte ihm Audienz und nach einer Aussprache erließ dieser dann ein für die Menschheit folgenschwerstes Dokument:
Die Bevollmächtigungsbulle von 1484, worin er den Klerikern und Laien auferlegte, den Kampf der Inquisitoren gegen das Hexentum nicht zu behindern.
Diese Bulle, die das Aufspüren von Hexen indirekt befahl, bewirkte, dass nun auch bei den Deutschen die Sache richtig in Schwung kam und unserem Land ihr Brandmal aufdrücken sollte.
Es wurden daraufhin Inquisitionsgerichte in Form von Unterstützungs-Komitees eingerichtet, die jedoch vollkommen einseitig agierten.
Nach Erscheinen der päpstlichen Bulle, in der man die Hexerei unmissverständlich als Ketzerei bezeichnete, legten die Inquisitoren ihre ganze Kraft in den Kampf gegen das Hexenwesen und man setzte Hexenjäger ein, um diesem Übel ein Ende zu bereiten.
Nach Ansicht der Hexenjäger nistete sich der Teufel im menschlichen Körper ein und beeinflusste diesen, indem er durch ihn sprach und handelte.
Man unterstellte den Hexen, sie würden ihre Kräfte dazu benutzen, um Krankheit, Wahnsinn, Unfälle und Tod herbeizuführen.
Ferner breitete sich der Glaube aus, sie könnten Ehen zerstören, Unfruchtbarkeit oder Todgeburten bei Frauen bewirken oder Impotenz oder Sterilität bei Männern.
Sie würden Feldfrüchte verderben, Haustiere töten, und mit Hilfe des Teufels reiten, der in Gestalt eines schwarzen Pferdes, Bockes oder Hundes daherkomme. Ihr Ziel seien dann Tanzplätze, wo sie sich mit Ihresgleichen versammelten.
Der Teufel kam zu immer größerem Ansehen, weil zwei Faktoren hierzu beitrugen:
Die römische Kirche betonte die Sündhaftigkeit der Menschen sehr stark und entwickelte eine tiefe Abneigung und Furcht vor allem Geschlechtlichen.
Weiterhin wurde der Geschlechtsverkehr zu bestimmten Zeiten verboten, so am Samstag, Mittwoch und Freitag, in der sechswöchigen Fastenzeit und vierzig Tage nach Weihnachten.
Diese strengen Regeln konnten natürlich nicht eingehalten werden und man fürchtete sich so vor den eigenen sexuellen Wünschen. Für die hierdurch entstehenden Probleme auf Seiten der Männer schob man der Frau die Schuld zu, insbesondere von Seiten der Kirche.
Dem Teufel wurde die Verantwortung für die Wünsche der Menschen zugeschoben und um ihre Schuldgefühle loszuwerden, brauchten die Verfolger jemanden, den man angreifen und bestrafen konnten. Im Mittelalter war dies die Hexe, deren Figur die Menschen selbst geschaffen hatten.
Schuld daran, dass der Hexenwahn so weit verbreitet war, war die Preisgabe weiterer Personen unter dem Zwang der Folter oder durch Versprechen. Ferner das Denunzieren, denn jede x- beliebige Person, die eine andere der Hexerei bezichtigte, brauchte hierfür keinen Beweis anzutreten.
Der Beweis unschuldig zu sein, musste von dem Festgenommenen erbracht werden, was in den seltensten Fällen gelang. Das Schicksal des Betroffenen war somit in den meisten Fällen besiegelt.
Die Tatsache, dass man eher hundert Unschuldige mit einem Schuldigen hinrichtete, als einen Schuldigen laufen zu lassen, trug dazu bei, dass in einem Fall im Trierer Land 165 Personen als Mitschuldige benannt worden.
Kam es zur Festnahme einer Person, so war es doch nur natürlich, dass diese ihre Unschuld bis aufs letzte verteidigte. Doch unter der Folter der Hexenjäger und Henkersknechte wendeten sich Unschuldsbeteuerungen allzu schnell in Geständnisse, in der Hoffnung, einer weiteren Folter zu entgehen.
Doch in diesem Punkt irrte sich jeder der Angeklagten. Nun erst begann die eigentliche peinliche Befragung, welche die Unglücklichen zwang, Mittäter zu benennen. In ihrer Qual gaben sie dann Namen von Personen an, wie sie ihnen gerade einfielen oder wie sie ihnen in den Mund gelegt wurden, in der steten Hoffnung, weiteren unmenschlichem Marterungen zu entgehen. Doch lagen einmal Namen von Mittätern und Geständnisse vor, konnte der Angeklagte mit dem Leben abschließen.
Durch diese erpressten Geständnisse ergab sich eine Welle von Festnahmen und Folterungen, in denen die Betroffenen nun ihrerseits weitere Namen preisgaben, Namen, die ihnen in ihrer großen Not einfielen, sicherlich insbesondere Namen persönlicher Feinde. So folgte Festnahme auf Festnahme, Folterung auf Folterung, Tod auf Tod.
Über die Mitwirkung der Kirche an der Verbreitung haben sich bedeutende Literaten oftmals gegensätzlich geäußert, jedoch ist eine Mitwirkung Geistlicher eben an dieser Verbreitung oftmals schriftlich belegt, wobei man als Hauptverbreitungsmittel ohne Zweifel die kirchliche Kanzel ansehen kann, wie aus zahlreichen gedruckten Predigten aus dieser Zeit zu ersehen ist.
Die Geistlichen waren aufgefordert, sogenannte Hexenpredigten zu halten, und es wurden sogar Todesurteile gegen Hexen und Zauberer von der Kanzel verlesen, wodurch das Volk in seinem Glauben an die Existenz von Hexen nur noch bestärkt wurde.
Bekannt ist, dass während der Prozesse im Trierer Land um 1590 jahrelang Geständnisse und sogar die Namen der Mitbeschuldigten öffentlich verlesen wurden, wodurch die Verdächtigungen und die Verhaftungen neuer Opfer intensiv gefördert wurden.
Obwohl man die Scharfrichter und alle an den Prozessen mitwirkenden Beamten mit Schweigepflicht belegte und Vergehen unter Strafe stellte, gelang es jedoch nicht, ein Durchsickern der ‚Besagungen‘ zu verhindern. Zeugen wurden durch Handschlag zum Schweigen verpflichtet, aber bei der extrem großen Anzahl von Zeugen war es unwahrscheinlich, dass alle schwiegen. Eine Negativbilanz für den Trierer Raum gibt Auskunft über das schreckliche Ausmaß:
Johann von Schönberg, Erzbischof und Kurfürst von Trier, ließ im Jahre 1585 so viele Hexen verbrennen, dass in zwei Ortschaften des damaligen Kurfürstentums nur zwei Frauen übrigblieben.
"Es soll der hartnäckigste Inquisit also auseinandergezogen werden, dass man durch seinen Bauch ein Licht scheinen sieht, das hinter ihm gehalten wird..."
(aus der ‚Peinlichen Gerichtsordnung‘, 1532 von Kaiser Karl V. erlassen, auch ‚Carolina‘ genannt).
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Die Schreie hatten kaum noch etwas Menschliches.
Sie widerhallten in den steinernen und kalt anmutenden Gemäuern und erfüllten den Raum mit Unmenschlichkeit, Pein und Leid.
Doch die Schmerzenslaute drangen nicht nach außen. Es gab nicht die geringste Chance, dass irgendjemand außerhalb dieser Räumlichkeiten von dem erfuhr, was jener Mensch an Torturen über sich ergehen lassen musste. Die Folterkammer, um eine solche handelte es sich, befand sich zum größten Teil unter der Erde, hinter dicken Mauern und kräftigen Türen.
Zugleich befand sich der Raum des Schreckens im Inneren eines gewaltigen Traktes und bei den Gemäuern handelte es sich nicht um die Außenwände des Anwesens, sondern um mächtige innere Trennwände und diese boten somit doppelten Schutz vor neugierigen Ohren.
Die Folterkammer hatte die Ausmaße von mehr als das Zehnfache der einfachen Wohnungen, welche die Bürger im Jahr 1587 bewohnten und ihr Dasein auf engstem Raum fristeten. Die mächtigen Quader, auf denen das Gebäude ruhte, waren von dunkelbraunem Sandstein, in gleichmäßiger Anordnung und in sauberer Arbeitsweise aufeinandergeschichtet. Sie mussten einem extremen Druck standhalten, denn über dem Verlies unter der Erde reckte sich ein gewaltiges Gebäude gen Himmel und zu bestimmten Stunden am Tag wurde die Stille durch gregorianische Choräle unterbrochen, dem monoton-einstimmigen Gesang männlicher Stimmen, dem meist ein gewaltiges Glockengeläute folgte.
Das Benediktiner-Kloster lag einsam auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von mehreren kleinen Tannenwäldchen und nur zu erreichen über einen geschotterten steil ansteigenden Zufahrtsweg, den schon mancher Lenker eines Ochsengespanns höllisch verflucht hatte.
Der dem Kloster am nächsten liegende Ort an der Saar war eine Marschstunde weit entfernt, lag hinter einer Hügelwand und nur am Abend konnte man in der Ferne die aufsteigenden Rauchfäden aus den Kaminen im silbern glänzenden Mondschein schemenhaft erkennen.
Ein gewaltiges Portal aus Eichenholz, dick wie zwei Männerfäuste, trennte das mächtige Kloster von der Außenwelt und ein gewaltsames Eindringen schien schier unmöglich. Gleich einer Festung gab es in den unteren Bereichen der Gemäuer keinerlei Fenster oder Türen.
Diejenigen, die man in großer Höhe über dem Erdboden angeordnet hatte, waren durch in das Mauerwerk eingelassene massive Gitterstäbe gesichert. Ein wahres Gefängnis für den, der seine Zeit hinter den rotbraunen Mauern fristen musste. Eine Festung gegen jene, die den Versuch unternahmen, sich gewaltsam Einlass zu verschaffen.
Das Leben in jenem Kloster spielte sich ausschließlich hinter diesen Mauern ab. Ein großer Innenhof mit riesigen Gartenanlagen und Wegen zwischen den Pflanzungen diente den Patres dazu, das Brevier zu lesen und sich dabei versunken in Gebeten in den Windungen der zahlreichen Pfade die Beine zu vertreten.
In den vorgeschriebenen Schweigestunden arbeiteten die Mönche an den Gartenanlagen, ernteten die Früchte, deren Saat sie ausgebracht hatten, jäteten, hackten und gruben. So verfügten Sie das ganze Jahr über ihre eigenen Erzeugnisse, ohne die Mauern ihres selbsterkorenen Gefängnisses verlassen zu müssen.
Doch das Kloster hatte einen weiteren Zugang, dessen Existenz nur wenigen auserwählten Menschen bekannt war. An der Rückseite des riesigen Komplexes befand sich eine Tür aus eben demselben Eichenholz wie das riesige Portal an der Vorderseite, gleichfalls zwei Männerfäuste dick.
Zudem machte schwerer Eisenbeschlag auf der Innenseite der Planken jeden Versuch gewaltsamen Eindringens zunichte. Hatte man diesen Zugang durchschritten, folgte man einem Gang, der mehrere massive Türen passierte und schließlich in einem großen Raum inmitten des Komplexes endete.
Wer diese Tür an der Rückseite des Klosters gegen seinen Willen durchschritt, dessen Hoffnung schwand, das Tageslicht je wieder als freier Mensch zu erblicken. Er erkannte sein Schicksal spätestens nach den ersten beiden Tagen, in denen Folter, Hohn und Menschenverachtung Besitz über ihn ergriffen hatten.
Immer wieder waren es Menschen, denen die gleichen Anschuldigungen galten, die man herbeischleppte, verraten durch nicht selten hasserfüllte Münder, angereichert mit Rache und Denunziation. Man unterstellte ihnen, Sie stünden im Verdacht, Hexen oder Zauberer zu sein und mit dem Teufel einen Bund geschlossen zu haben.
Das verräterische Wort eines beliebigen Denunzianten, der entgegen aller Wahrheit nur eines im Schilde führte, reichte, diesen Menschen aus den niedrigsten Beweggründen aus seiner Nähe zu entfernen. Dazu genügte eine kleine Lüge, eine vage Vermutung oder aber auch nur ein linker Hinweis. In den meisten Fällen war es dann um diesen Menschen geschehen.
Die Gerichtsbarkeit, die Geltung für diese Art der Strafverfolgung hatte, war eine andere als die derjenige, die Straftaten wider die bürgerlichen oder hoheitlichen Gesetze ahndete. Letztere wurden vor den ordentlichen Gerichten verhandelt, wobei das Strafmaß in Anwesenheit der Öffentlichkeit verkündet oder das Urteil vor aller Augen vollstreckt wurde.
Was aber hinter diesen wuchtigen Gemäuern geschah, unterlag eigenen Gesetzen als jene anderen dort draußen, gerade in diesem Jahr 1587, als der Hexenwahn in zahlreichen Gebieten Deutschlands und darüber hinaus seinen Höhepunkt erfuhr.
Man glaubte, dass die Christenheit von Millionen schädlicher Hexen befallen sei, die sich der Vernichtung der christlichen Welt verschrieben hätten.
Und so sah sich die Kirche einer unmittelbaren Bedrohung durch die Aktivitäten der angeblichen Hexen gegenüber und der „Hexenhammer“, auch „Handbuch für Hexenjäger“ genannt, beschrieb ihre angeblichen Praktiken und die Gegenmaßnahmen durch die Inquisitionsgerichte.
Und als Papst Innozenz VIII. die Bevollmächtigungsbulle von 1484 erließ, worin er den Klerikern und Laien auferlegte, den Kampf der Inquisitoren gegen das Hexentum nicht zu behindern, kam auch in unserem Land die Sache richtig in Schwung und drückte ihm ihr Brandmal auf. Die Inquisitoren legten ihre ganze Kraft in den Kampf gegen das Hexenwesen und man setzte Hexenjäger ein, um diesem Übel ein Ende zu bereiten.
Es war kalt hier unten in den Gemäuern der Kellergewölbe und des Raumes, bei dem es sich um eine solche Folterwerkstatt handelte, wie die unterschiedlichsten Werkzeuge an den Wänden oder im Raum verteilt erkennen ließen.
Zahlreiche Peitschen, davon einige mit Lederriemen, an den Enden verstärkt oder mit kleinen Perlen versehen, Stricke zum Fesseln, Daumenschrauben, Kopfpressen und Beinschrauben, auch Spanische Stiefel genannt, waren an einer Wandseite aufgereiht und mitten im Raum standen ein Spanischer Bock, ein Folterstuhl mit Dornen und eine Streckbank, deren dicke Seile auf der Drehvorrichtung mit starken Abnutzungsspuren ihren täglichen Gebrauch bewiesen.
Das "Hexenregister des Claudius Musiel" enthält in Listenform Besagungen (also unter der Folter erpresste Geständnisse) von 306 wegen Hexerei hingerichteten Personen aus 36 Ortschaften innerhalb der Abtei St. Maximin, sowie aus weiteren Dörfern der unter kurtrierischen Landeshoheit stehenden Hochgerichte St. Matthias, St. Paulin und der kurfürstlichen Ämter Pfalzel, Saarburg und Grimburg.
(Das Register befindet sich in gebundener Form in der Stadtbibliothek in Trier)
***
Die Frau schrie und die Männer lachten.
Es waren insgesamt drei Kerle, versoffene Halunken, das sah man ihnen gleich an. Die beiden Jüngeren waren um die dreißig Jahre alt, aber man hätte ihnen durchaus mindestens zwanzig Jahre mehr geben können. Sie waren Folterknechte und gehorchten ihrem Foltermeister, so wie es die Hierarchie verlangte.
Ihnen hingen die schulterlangen schwarzen vor Fett triefenden Haare mal ins Gesicht, mal über den Nacken, mal über die Schulter, je nachdem, wohin ihr Kopf sich gerade bewegte. Ihre Oberkörper waren ohne Bekleidung und der Schweiß ließ sich in den Speckfalten ihrer Bäuche nieder und perlte bei jeder Bewegung auf den Leibriemen der vor Dreck strotzenden Bundhose, um sogleich im Stoff zu versickern.
Der Blick des einen, er war „Jakob, des listigen Theisen`s Sohn“, war verschlagen, jedoch nicht listig, nein, es war eher eine gehörige Portion Dummheit, die ihm förmlich aus dem Gesicht sprang und der ständig offenstehende Mund wies riesige Zahnlücken auf und man konnte förmlich den faulen Atem riechen, den er lüstern ob des Anblicks der Gefolterten stoßweise von sich gab.
Der andere hätte sein Zwillingsbruder sein können, so sehr sah ihm „Leonarz` Mattheis“, wie ihn die Bevölkerung beim Namen rief, ähnlich. Doch Schmutz, Schweiß und die Prägung der Mimik seines Gesichts verwischten die feinen Konturen. Seine Haare waren ebenso lang und fettig, doch sein Gesichtsausdruck war ein anderer. Es war ein brutaler Ausdruck, bar jeglichen Mitleids.
Dann war da noch der ältere der drei. „Schmitz Steffan, des lahmen Müllers Sohn“. Das Anhängsel an seinem Namen hatte man ihm, wie es derzeit üblich war, in Bezug auf ein besonderes Merkmal seines Vaters gegeben.
Er war der Foltermeister, der auch die Bezeichnung Scharf- oder Nachrichter trug und er war zugleich Henker, wenn es zur Vollstreckung eines Urteils kam. Der Mann konnte fünfzig aber auch sechzig sein, sein Alter war äußerst schwer zu schätzen und wie die anderen beiden war sein Oberkörper ohne Kleidung und schweißnass.
Doch dann gab es da noch eine weitere Person: Ein kleines mickriges Männchen mit einem undefinierbaren Alter, bekleidet mit einer dunklen Bundhose und einer dunkelfarbigen Jacke und einem Hemd darunter, das an den Ärmeln und am Kragen mit großen weißen Rüschen versehen war.
Der Schreiberling hörte auf den teils lateinischen, teils französisch klingenden Namen Claudius Musiel. Er kauerte auf einem Schemel vor einem kleinen Tisch, auf dem mehrere Blätter Schreibpapier, Tinte und Federkiel abgelegt waren. Musiel war der Gerichtsschreiber der unter kurtrierischer Landeshoheit stehenden Hochgerichte und notierte alles, was hier unten passierte, insbesondere das, was die jeweiligen Opfer in ihrer Not von sich gaben. Er notierte die Namen der angeblichen Mittäter, die von den Gefolterten in ihrer Not in den Raum geschrien wurden und er schrieb die Namen der Hingerichteten auf, mit Datum des Todestages und der Todesart.
Die Frau hatte man ihnen vor zwei Tagen gebracht. Schergen der zweifelhaften Gerichtsbarkeit hatten „Marie, des Schneider Jakobs Tochter“ in das Verlies geschleppt und den lüsternen Folters - Leuten übergeben. Ihr Nachbar, „Kobel Hanneß“, mit dem die Frau seit Jahren wegen eines Grenzfalles im Streit lag, war zur Obrigkeit gekrochen und hatte ihr den Bund mit dem Teufel nachgesagt. In den Jahren ihrer Uneinigkeit hatte der Mann nie an eine solch rigorose Anschuldigung gedacht, doch als das Neugeborene seiner Frau vor einigen Tagen an Unterernährung starb, da sah er zu dieser Frau hin und gewahrte eine Schuldige. Eine Schuldige für den Tod seines Kindes, den diese Nachbarin mit einem Fluch bewirkt hatte. Sie war eine Hexe! Das stand nun fest für ihn. Das bedurfte einer Bestrafung!
Dass er sich irrte, daran verschwendete er keinen Gedanken. Nein, es würde Beweise dafür geben. Die Wasserprobe würde den Beweis liefern. Die Frau würde nicht untergehen, wenn man sie ins Wasser würfe, denn nur Schuldige würde dieses Schicksal ereilen, dass der Wassergeist sie zu sich in die Tiefe zog. Dennoch musste sie sich aus eigener Kraft befreien. Es ist noch keiner gelungen, sich zu retten also waren sie alle schuldig, alle! hatte der Mann vor sich hingesagt.
Vielleicht würde man aber auch auf eine andere Methode zurückgreifen. Er hatte von mehreren gehört, denn unter dem Volk sprach man darüber und es gab kaum jemanden, der sein Gegenüber nicht mit Blicken auf ein solches Mal hin abtastete.
Es war die Suche nach dem Hexenmal. Man würde es finden. Alle Hexen besaßen mindestens ein solches Mal, einen kleinen braunen Fleck, irgendwo am Körper, ein Muttermal, wie es die Schuldigen in ihrer Not nannten. Man würde hineinstechen und wenn kein Blut austrat, dann war sie schuldig. Auch wenn diese Hexen Gerüchte verbreiteten, dass ihre Verfolger mit zurückweichenden Nadeln arbeiteten bewies doch nur, wie sehr sie sich gegen die Wahrheitsfindung wehrten.
Und da war noch eine weitere sichere Methode: Das Hexenwiegen. Der Verräter grinste verschlagen in sich hinein. Da wird es kein Entrinnen geben. Man wird diese Frau auf eine Waage stellen und auf der anderen Seite Gewichte auflegen. Erhebt sich die Frau nach oben, ist sie von einem Luftgeist besessen, bleibt sie aber am Boden, zieht der Erdgeist an ihr. Nur wenn Sie mit dem Gegengewicht im Einklang bleibt, ist sie unschuldig. Sie wird den Klägern nicht entkommen!
Oder die Feuerprobe! Ihr wird es nicht gelingen, eine weite Strecke mit Glut in den Händen zu laufen, ohne sich zu verbrennen! Es wird zahlreiche Wege geben, die Schuld aus ihr herauszupressen!“ Der Mann nickte in seinen Gedanken. „Ich habe meine Pflicht getan. Ihr wird nichts geschehen, wenn man sie für unschuldig befindet.
Doch keine dieser von dem Denunzianten durchdachten Methoden wurde in der Folterkammer unter der Erde angewandt. Man hatte sich eines anderen besonnen. Die vorgenannten Maßnahmen hätten nur dazu geführt, dass die Frau eine davon nicht überlebt hätte und dann wäre man ja um den Spaß gekommen, die anderen, Erfolg versprechenden Methoden anzuwenden.
Die Methoden, die das Geständnis aus ihrem Mund pressen würden und das würden sie, da waren sich die Folterknechte sicher, hatte man genussvoll ausgewählt. Sie würde gestehen. Eine solche Tortur hatte bisher immer zu einem Geständnis geführt.
Doch was die Männer bisher auch unternommen hatten, es war nichts dergleichen geschehen. Die Frau hatte ihren Peinigern standgehalten. Zu groß war ihr Stolz, sich mit einer Schuld zu beladen, derer sie nicht fähig war. Sie hatte nichts Unrechtes getan und sie würde in den Tod gehen, wenn es sein musste. Aber eine nicht begangene Tat zugeben, nein, das wollte sie nicht, das würde sie nicht tun. Dann sollte der Herr sie zu sich befehlen. Was sollte sie auch in einer Welt wie dieser, wo ihr und ihren Angehörigen schon morgen das gleiche Schicksal erneut widerfahren konnte.
Hinzu kam, dass sie selbst für sich keinen Hoffnungsschimmer mehr sah. Sie hatte sich bereits in ihr Schicksal ergeben, hatte in den folterfreien Phasen gebetet und irgendwann wunderte sie sich, dass sie immer weniger Schmerzen verspürte. Doch sie schrie weiter, denn wenn ihre Peiniger merkten, dass ihre Arbeit zur Farce wurde, würden sie sich in ihrer Brutalität steigern.
Man hatte ihr bereits Daumenschrauben angelegt und ihr die Knochen und die Gelenke zerquetscht und zerbrochen und sie als zweiten Foltergrad auf die Streckbank gebunden.
Die Männer hatten mehr Spaß und Freude, wenn dort ein Mann lag. Der nämlich wehrte sich über einen längeren Zeitraum und gemäß der schriftlichen Anleitung zum gerichtlichen Prozess, in der es hieß, dass der „hartnäckigste Inquisit also auseinandergezogen werden soll, dass man durch seinen Bauch ein Licht scheinen sieht, das hinter ihm gehalten wird“, hatte man ihnen die Gewalt gegeben, die Beendigung dieses Foltergrades selbst zu bestimmen.
Mit der Frau waren sie auf der Streckbank schonend vorgegangen. Sie hatten mehr davon, sie an den auf den Rücken gefesselten Händen frei in der Luft aufgehängt zu sehen und ihren nackten Leib zu betrachten. Ab und zu zog einer der Knechte an den Beinen der Frau und brachte ihren Körper zum Wippen und in diesen Momenten schaute man gespannt zu, denn es konnte sein, dass die Arme aus ihren Schultergelenken sprangen. Noch war dies nicht der Fall und noch hatten die Folterknechte keine Gewichte an die Beine der Frau gebunden, eine Erleichterung für die Männer, die so nur abzuwarten brauchten, bis derartiges geschah.
Das Männlein an seinem kleinen Tisch notierte alle durchgeführten Maßnahmen an der Delinquentin, denn als Gerichtsschreiber war es seine Aufgabe, alles für die Nachwelt festzuhalten. Es war eigentlich nicht oft der Fall, dass er alleine mit den Folterknechten hier unten seine Zeit verbrachte. Meist waren mindestens zwei der hohen Herren dabei und dann ging es nicht gerade so grausam zu, wie an diesem Tage, da die drei Halunken freie Hand für ihre perversen Gedankenspiele hatten.
Der Tag näherte sich dem Abend zu und die Frau in ihrer Aufhängung spürte die Schmerzen nicht mehr. Sie war zwischenzeitlich ohnmächtig geworden und so schwand für die drei Peiniger das Interesse.
Sie banden die Frau los und brachten sie in ihre Zelle, einen Gang entfernt in dem unterirdischen Verlies und warfen sie auf eine hölzerne Pritsche. Das Männlein packte seinen Schreibkram zusammen, klemmte alles unter den Arm und zog in leicht gebeugter, schon demütig anmutender Haltung durch die Gänge, dem Ausgang mit dem kleinen, aber überaus stabilen Tor zu.
Auch die beiden jüngeren Folterknechte packten ihre dreckigen Hemden und streiften sie über die schweißnasse Haut. Dann trotteten sie davon. Sie würden sich in der Dorf-Schänke an dem Weine gütlich tun, und das zur Genüge, denn die Zeche bezahlte die Obrigkeit meist aus der Habe der Verhafteten.
Die Verfolgung vermeintlicher Hexen diente nicht selten auch wirtschaftlichen Interessen, denn das Vermögen der Abgeurteilten wurde von der zuständigen Obrigkeit eingezogen, sowohl zur Deckung der Verfahrenskosten als auch zur persönlichen Bereicherung. Die hinterbliebenen Familien mussten ein sogenanntes Ablassgeld bezahlen, dass viele von Ihnen zwang, ihr Hab und Gut zu Schleuderpreisen zu verkaufen.
Die Käufer waren entweder die Kirchenleute selber oder Verwandte, das Ablassgeld wanderte dann wieder in die Taschen des Probstes. Davon profitierten auch die Folterknechte, die im Wirtshaus prassen konnten, denn die Obrigkeit zahlte die angeschriebenen Gelage und den Alkohol, der während der Folterungen verzehrt wurde. Das ließ die Hemmungen schwinden und der Peinigung freien Lauf geben und war ganz im Sinne der hohen Gerichtsbarkeit.
Die beiden lachten, bis ihnen der Speichel aus den Mundwinkeln lief, während sie ihrem Trunke entgegenstrebten. Dass ihnen das Geld ausginge, davor hatten sie keine Sorge, denn man würde weitere Festnahmen durchführen. Ein Prozess, bei dem es nicht zu erben gab, war weniger interessant, es sei denn, dass persönliche Feinde den Leidensweg gingen.
So lag die Folterkammer nahezu verlassen da, wenn dort nicht noch der Foltermeister gewesen wäre, der, so hatte es den Anschein, nur darauf gewartet hatte, dass er ungestört und in aller Ruhe einer Erledigung nachgehen konnte.
Er schloss die Türen, die Einlass zu diesem Verlies gewährten, indem er die mächtigen Riegel vorschob und nahm eine der Pechfackeln aus ihrer Halterung von der Wand. Dann schlich er gebückt, als trage er eine schwere Last auf seinen Schultern, zum Ende des Raumes und verharrte vor einem mächtigen Tisch aus Eichenholz, der genau in der Ecke des Raumes stand.
Mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihm, den Tisch, auf dem einige der eisernen Folterwerkzeuge abgelegt waren, von der Wand wegzuschieben. Dann bückte er sich und betrachtete einen bestimmten Stein, der nicht ganz die Ausmaße der anderen besaß. Der Stein saß passgenau in der Mauer und fügte sich ohne Mörtel so ein, dass ein Außenstehender der fehlenden Verbindung nicht gewahr wurde.
Der Mann griff unter seinen Gürtel und brachte ein kleines, rund geschmiedetes Eisen hervor, das als Schaft einen kleinen Holzgriff besaß und an der Spitze rechtwinklig abgebogen war, wodurch sich die Form eines dünnen Dietrichs ergab und schob das Metall in eine kleine, kaum sichtbare Lücke in der unteren Fuge, eine Unterarmlänge tief in das Innere hinein.
Offenbar hatte er dort bereits eine Vorarbeit getätigt, denn er drehte mit dem hölzernen Knauf das dünne Metall, so dass sich die Nase an der Spitze nach oben drehte und irgendwo Halt fand. Dann zog er an diesem Holzgriff und mehr und mehr schaffte er dadurch den Stein nach außen, bis schließlich die Öffnung in der Wand vor ihm lag.
Der schweißnasse Foltermeister sah sich, während er dort auf dem Boden kniete, noch einmal im Raum um, obwohl niemand dort anwesend sein konnte und griff in die Öffnung. Ein erleichtertes Lächeln legte sich auf die derben Züge seines Gesichts und als er die Hand wieder herauszog, hielt er darin einen Gegenstand, von der Größe seines Handtellers, eingewickelt in ein schmutziges Tuch, das er mit langsamen Bewegungen und gierigem Blick auseinanderfaltete.
Plötzlich hörte er Geräusche, die näherkamen. Irgendjemand musste das kleine Tor geöffnet haben und bahnte sich offensichtlich den Weg durch die dunklen Gänge des Kellerverlieses. Es mussten mehrere Personen sein, denn sie redeten laut, forsch und zwischendurch glaubte er, Ketten und Waffengerassel zu hören.
Schnell schlug er das Tuch um den offensichtlich wertvollen Gegenstand, verstaute das Ganze in der Öffnung und schob den Stein wieder bis zum Anschlag hinein und entriegelte die Ausgangstür der Folterkammer. Niemand würde Verdacht schöpfen, dass sich hinter diesem Quader in dem Gemäuer einer Folterkammer ein solches Versteck befand.
Der Foltermeister lächelte. Doch als die Stimmen und Geräusche immer näherkamen, überfiel ihn doch eine gewisse Portion Sorge. Was wollten sie hier? Wussten sie, dass er noch hier unten verweilte. Um diese Zeit war die Folterkammer verlassen, ihn und seine Knechte konnte man dann im Wirtshaus antreffen. Was bewog also die Leute, gerade heute, um diese Zeit, hierher zu kommen?
Dass der Besuch ihm allein galt, wusste er gleich, als er die schwer bewaffneten Männer sah. Zwei von ihnen stürzten sich sogleich auf ihn, warfen ihn zu Boden und fesselten seine Hände auf dem Rücken. Dann stellten sie ihn wieder auf die Beine und einer der Männer, der offenbar der Garde des Kurfürsten angehörte, trat vor ihn. Er war unbewaffnet, sein Gehrock von feiner Qualität, die Bundhose aus glänzendem Stoff, sein breitkrempiger Hut schien sich durch die Schatten werfenden Fackeln auf dem breiten weißen Kragen seiner bauschigen Jacke widerzuspiegeln.
„Wir verhaften dich im Namen des Kurfürsten, auf, dass es dir so ergehe wie jenen, denen du Tag für Tag Geständnisse entlocken musst.“
„Wessen bezichtigt Ihr mich, oh Herr? Ich bin ein untergebener Diener deines Herrn!“
„Ein Lump bist du, ein verdammter Dieb! Du hast den Herrn bestohlen. Du hast ihn einer seiner teuersten Schätze beraubt. Dafür sollst du büßen. Aber erst, wenn du uns verraten hat, wo du das Diebesgut versteckt hast.“
„Sie werden mich umbringen“, dachte der Foltermeister. „Ein Pardon gibt es in dieser Zeit nicht. Sie werden sagen, ich hätte es auf Befehl des Teufels getan. Mein Leben habe ich verwirkt, so oder so. Ich werde also leugnen. Wenn ich Hoffnung auf ein weiteres Leben haben will, dann nur, wenn ich leugne. Niemand kann mir etwas nachweisen. Niemand! Und wenn ich dann wieder ein freier Mann sein sollte, werde ich reich sein. Unendlich reich. Nein, ich werde schweigen.“
„Ich weiß nichts von einem Diebesgut, ich habe nichts Unrechtes getan! Ihr müsst mir glauben!“, flehte der Foltermeister und Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Ich werde doch meinen Herrn nicht bestehlen. Würde ich eine solch frevelhafte Tat begangen haben, der Tod solle mir gewiss sein.“
„Er wird dir gewiss sein, verlasse dich darauf!“
Der Mann nickte den bewaffneten Männern zu, die den sich wehrenden Foltermeister packten und dem Ausgang zu schleppten.
Ich werde schweigen und abstreiten, dachte der bei sich. Sie müssen mir glauben. Sie werden mir nichts beweisen können. Und finden werden sie erst recht nichts. Der Schatz gehört mir!
Sibelius legte den Hörer auf. Was sein Freund und langjähriger Wegbegleiter ihm soeben angedeutet hatte, weckte alle Neugier in ihm. Woran arbeitete Armin Kottelkamp derzeit eigentlich? fragte er sich, doch Sibelius wusste es nicht. Dass Armin stets auf der Suche nach Sensationen war, nach Unerforschtem aus vergangenen Tagen, war ihm schon bekannt. Daraus hatte sein Freund nie einen Hehl gemacht. Dennoch, er hielt Armin für einen Fantasten, immer auf der Suche nach dem Nichterreichbaren. Sein Verhalten heute jedoch ihm gegenüber war anders als sonst. War seine Arbeit von Erfolg gekrönt worden? Was hatte er denn so Wichtiges gefunden? Zu Übertreibungen hatte Kottelkamp eigentlich nie geneigt, wenn er auch oft einem Phantom hinterherjagte.
Sibelius schaute auf die Uhr. Die zwei Stunden waren nahezu verstrichen. Kottelkamp müsste jeden Moment bei ihm auftauchen. Doch nun schlug seine Neugier in Ungeduld um. Nach mehreren Blicken auf seine Armbanduhr entschloss er sich, außerhalb seiner Wohnung auf Armin zu warten. Etwas frische Luft würde ihm guttun. Der nahende Sommer weckte bei ihm mehr und mehr die in der Winzerzeit in den Hintergrund getretenen Wünsche nach Bewegung und so warf er sich eine dünne, aber dennoch gefütterte Jacke über die Schultern und begab sich aus seiner Wohnung im dritten Stock gemächlich Stufe für Stufe, nach unten.
Mit 65 Jahren war er auch nicht mehr der Jüngste und die rechte Hüfte bereitete ihm seit einem halben Jahr erhebliche Probleme. Um eine Operation würde er wohl nicht herumkommen, doch er verschob dieses Vorhaben immer wieder. Andere Dinge hatten für ihn Vorrang.
Draußen war es verhältnismäßig still. Sibelius wohnte abseits der verkehrsträchtigen Straßen am Stadtrand, ebenso wie Armin Kottelkamp es jenseits am anderen Ende der Stadt tat und die Anzahl der vorbeifahrenden Fahrzeuge hielt sich deshalb in Grenzen. Jetzt, da sich der Tag dem Abend zuneigte, hatten auch diese Fahrzeuge ihre Strecken hinter sich gebracht, die Insassen waren nach getaner Arbeit zu Hause bei ihren Familien.
Es war doch kühler als Sibelius es noch vorhin geglaubt hatte und so schlüpfte er in die Ärmel seiner Jacke, zog den Reißverschluss über dem kleinen Bauchansatz zu und schlug den Kragen hoch.
Plötzlich glaubte er, einen Schatten an der Hauswand der Straße auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung wahrgenommen zu haben. Er strengte seine Augen an, um deutlicher sehen zu können, denn seine Brille hatte er in der Eile in seiner Wohnung gelassen.
Ich habe mich getäuscht, lächelte er in sich hinein. Armin wird sich ja wohl nicht vor mir verstecken wollen.
Dann ging ihm ein Licht auf. Er will nicht gesehen werden, so wichtig scheint ihm das zu sein, was er mir nicht vorenthalten will.
Die Spannung in Sibelius stieg. Was Armin entdeckt hatte, konnte nur mit der Zeit der Inquisition des späten Mittelalters zusammenhängen. Ihnen beiden, ihm und seinem Freund, hatte es die Zeit der Hexenverfolgung angetan, mit dem kleinen Unterschied, dass sich Sibelius immer noch damit befasste, Prozess um Prozess ans Licht zu bringen und sie auszuwerten, insbesondere, was seinen heimatlichen Bereich betraf.
Alleine aus seiner Heimatstadt hatte er über 15 hingerichtete Personen ermittelt und sie den heute noch lebenden Familien zugeordnet. Eine genaue Recherche der Verfolgung im Kurfürstentum Trier war ihm durch den fast völligen Verlust der Gerichtsakten, die vermutlich zu einem großen Teil einer gezielten Vernichtungsaktion am Ende der Verfolgungsperiode zum Opfer gefallen waren, nicht mehr möglich gewesen. Aber allein das Verzeichnis des Amtmannes Claudius Musiel wies für den Zeitraum von 1588 bis 1594 die Hinrichtung von ca. 400 Personen aus rund 36 Dörfern der Abtei St. Maximin bei Trier und weiteren umliegenden Orten, darunter auch solche mit kurtrierischer Zugehörigkeit, aus.
Sibelius blickte nach allen Seiten die Straßen entlang, die von der Kreuzung vor seinem Haus wegführten, eine in die Innenstadt, zwei weitere aus der Stadt hinaus. Er kniff seine Augen zusammen, doch er sah Armin Kottelkamp nicht.
Dann fiel ein Schuss!
Und dann noch einer!
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, in der Einmündung einer Gasse auf die Kreuzung zu, stand sein Freund Armin. Offensichtlich hatte er die Passage des kleinen Kaufhauses benutzt, um den Weg über die Straße zu vermeiden.
Sibelius hob die Hand, um Kottelkamp zuzuwinken, ihn auf sich aufmerksam zu machen, ihm mitzuteilen, dass er sich die Treppe zu seiner Wohnung ersparen könne, doch er hielt mitten in der Bewegung inne. Sibelius stand wie angewurzelt, den Arm in halb erhobener Position und beobachtete, wie sein Freund, fast wie in Zeitlupe erst auf die Knie, dann nach vorne über mit dem Gesicht auf den Erdboden schlug und sich nicht mehr rührte.
Sibelius rannte über die Straße, über die Kreuzung, so schnell es seine lädierte Hüfte zuließ, den Namen seines Freundes laut rufend. Fast hätte er dabei eine Person umgerannt, die mit gesenktem Kopf, ebenfalls aus Kottelkamps Richtung kommend, einen Haken schlug und in Richtung Stadtmitte davonrannte. Es war offensichtlich ein Mann, der die Wollmütze tief in die Stirn gezogen hatte und damit die Erkennung seines Gesichts unmöglich machte.
Sibelius schaute nur kurz in seine Richtung, während der Hauch eines extrem maskulinen After Shaves an ihm vorbeiwehte.
Dann stand er vor Sibelius und beugte sich zu ihm herab. Armin Kottelkamp atmete, er lebte noch. Auf seinem Rücken hatten sich Blutflecken um zwei Einschusslöcher gebildet, die sich rasch ausbreiteten.
„Einen Notarzt, rufen Sie einen Notarzt!“, schrie er den herbeieilenden Leuten, zu. Offensichtlich war die gesamte Nachbarschaft durch die Schüsse aufgescheucht worden und witterte nun eine Sensation, an der sie zumindest als Gaffer teilhaben wollten.
„Du wirst das schaffen, Armin, es kommt gleich Hilfe!“, sprach er zu seinem Freund, während er ihn vorsichtig aus seiner Bauchlage auf die Seite drehte und sein Gesicht aus dem Straßenstaub entfernte.
Sibelius sah, dass Kottelkamp die blutverschmierten Finger seiner Hand mehrfach krümmte, als wolle er ihn zu sich herab winken und beugte sich aus seiner knienden Haltung zu ihm hinunter.
„In meiner Brusttasche … schnell ...!“
„Du darfst dich nicht bewegen, Armin, gleich kommt Hilfe. Es wird alles gut!“
„Meine Briefmappe … der Zettel … schnell! Nimm sie an dich … ehe es zu spät ist!“
Kottelkamp hustete, sein Gesicht wurde auf einmal fahl und blass. Seine Augen schauten Sibelius an, doch sie sahen ihn nicht mehr.
„Leb wohl, mein Freund“, kam es ihm mit Tränen in den Augen über die Lippen, doch dann dachte er an Armins Worte. Während er in der Ferne die Sirenen von Polizei und Krankenwagen vernahm, fasste er in die Innentasche des Jacketts, nahm die Brieftasche seines Freundes an sich und schob sie mit unbewegtem Kopf, nur die Augen nach beiden Seiten bewegend, unter seinen Hosengürtel und zog seine Jacke darüber. Er war sich sicher, dass ihn niemand dabei beobachtet hatte. Dennoch oder gerade deswegen kam er sich vor wie ein Dieb, der soeben seinen besten Freund bestohlen hatte.
Dann wurde er plötzlich unsanft zur Seite geschoben und als er aufsah, konnte er die Leute des Rettungsdienstes in ihren rot-weißen Kleidungen erkennen, die sich um Armin Kottelkamp zu kümmern begannen. Er hatte sie in seinem Schmerz nicht kommen hören, es spielte auch keine Rolle mehr. Sibelius wusste, dass es zu spät war, dass es keine Hilfe mehr für seinen Freund geben würde. Er drehte sich um und wollte gerade mit gesenktem Kopf durch die sich inzwischen angesammelte Menschenmenge zurück zu seiner Wohnung gehen, als er eine Hand auf seiner rechten Schulter spürte.
„Sie kannten den Toten?“ Die Hand gehörte einem Mann in den Fünfzigern, der ihn mit großen blauen Augen fragend ansah. Sein grauer Mantel, in der Taille gebunden mit einem Gürtel derselben Farbe und sein grauer Hut erweckte in Sibelius Erinnerungen an Humphrey Bogart, nur, dass der vor ihm stehende gut einen Kopf größer war. Sibelius wusste gleich, dass es sich nur um einen Polizisten handeln konnte, einen Kriminalbeamten und er wurde in dieser Ansicht auch sofort bestätigt.
„Entschuldigen Sie! Meyfarth, Kriminalhauptkommissar Werner Meyfarth, Kripo Trier. Sie kannten den Mann?“, wiederholte er und sah Sibelius direkt an, wobei er ihm kurz seine Dienstmarke unter die Nase hielt.
Sibelius nickte.
„Mein Name ist Sibelius, Peter Sibelius. Er war mein Freund“, sagte er. „Mein einziger Freund. Wer hat das getan? Warum?“
„Sie haben neben dem Toten gekniet. Ich habe sie beobachtet. Waren sie zusammen, als es geschah? Er wurde erschossen, das kann man deutlich sehen. Meine Kollegen vom Erkennungsdienst werden es mir gleich bestätigen.“ Meyfahrt zeigte zu der Gruppe Männer, die in gebückter Stellung in weißen Overalls dabei waren, den Tatort aufzunehmen. Der Rettungstrupp und der Notarzt hatten sich inzwischen zurückgezogen.
„Er war auf dem Weg zu mir. Wir hatten eine Verabredung.“
