Der Duft von Milch und Honig - Hans J Muth - E-Book

Der Duft von Milch und Honig E-Book

Hans J. Muth

0,0

Beschreibung

Sie wollten nicht so enden wie ihr Vater. Doch wenn sie hierblieben, würde sie das gleiche Schicksal erreichen wie ihn. "Seht zu, dass Ihr es nach Europa schafft", hatte Mutter Miriam ihren Söhnen, Ahmed und Bashir zugeflüstert, als sie sie zum Abschied in die Arme nahm. "Wenn Ihr bleibt, werden sie euch töten." "Wir werden es nach Europa schaffen", riefen sie zum Abschied ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern zu. "Wir gehen nach Alemannia! Dort gibt es eine Frau, die sie Mama nennen! Dort wird es uns an nichts fehlen!"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hans J Muth

Der Duft von Milch und Honig

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Personen

Inhalt

Prolog

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Kapitel fünfundzwanzig

Kapitel sechsundzwanzig

Kapitel siebenundzwanzig

Kapitel achtundzwanzig

Kapitel neunundzwanzig

Kapitel dreißig

Kapitel einunddreißig

Kapitel zweiunddreißig

Kapitel dreiunddreißig

Kapitel vierunddreißig

Kapitel fünfunddreißig

Kapitel sechsunddreißig

Kapitel siebenunddreißig

Kapitel achtunddreißig

Kapitel neununddreißig

Kapitel vierzig

Kapitel einundvierzig

Kapitel zweiundvierzig

Kapitel dreiundvierzig

Kapitel vierundvierzig

Kapitel fünfundvierzig

Kapitel sechsundvierzig

Kapitel siebenundvierzig

Kapitel achtundvierzig

Kapitel neunundvierzig

Epilog

Bisher von Hans J. Muth erschienen:

erschienen:

Bisher von Hannes Wildecker (Pseudonym von Hans Muth)

Impressum neobooks

Impressum

Hans J. Muth

DER DUFT VON MILCH UND HONIG

Roman

Texte: Copyright by Hans MuthUmschlaggestaltung & Satz: Hans Muth

Umschlagsfotos: Pixabay

Verlag: Rosalibre 54316 Lampaden [email protected]

Druck: ein Service der neopubli GmbH Berlin

Printed in Germany

*

Es gibt zu viele Flüchtlinge, sagen die Menschen.

Es gibt zu wenig Menschen,

sagen die Flüchtlinge.

Ernst Ferstl,

österreichischer Lehrer und Schriftsteller

*

Sie haben Angst vor Rückführung und Abschiebung und leben deshalb anonym und im Untergrund.

Doch, nicht registrierte Flüchtlinge sind Freiwild und fallen oft, von der Justiz und der Öffentlichkeit unbemerkt, Verbrechen zum Opfer.

Denn da ist niemand, der sie vermisst.

*

„Wer sich den Gesetzen nicht fügen will, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten.

Johann Wolfgang von Goethe“

Personen

Zwei Brüder auf der Flucht aus Somalien:

Bashir Timcade

Ahmed Timcade

Korrupter Schlepper:

Muhammad Said

Freund und Fluchtbegleiter auf dem Schlepperboot:

Yussuf Idris Abdullah, 

Familienangehörige von Bashir und Ahmed:

Mutter Miriam

Vater Hassan

Schwester Talibe

Schwester Samira

Mitbewohner im Auffanglager:

Karim

Gang-Boss 1

Abdul

Nichtregistrierter Bruder von Abdul wird vermisst:

Raoul

Gang-Boss 2

Mohib

Zwielichtige Verräter im Auffangheim:

Ali Salao

Hanad al Sabir

Ein Zeuge:

Mohammad Agir

Mitarbeiter der Ausländerbehörde-Auffangheim:

Hermann Berger, Abteilungsleiter

Fred Garber, Sachbearbeiter 

Karl Wolters, Registratur im Auffangheim

Schwester von Wolters:

Mariele Wolters

Nachfolge von Wolters:

Katharina Keller

Bekannte mit Bashir in Zweier-WG

Fatima

Deutschlehrerin:

Helina Markwart, Lehrerin

Security im Auffangwohnheim:

Yilmaz Izdemir, Deutscher, türkischer Abstammung

Olaf Steinle, stammt aus Leipzig

Die Ermittler:

Julian Thalbach, Kriminalhauptkommissar 

Alexander Laufenberg, Kriminaloberkommissar

Simone Esslinger, Kriminalhauptkommissarin

Klaus Peters, Erkennungsdienst

Staatsanwalt Philipp Rodermund

Obduzent Theodor Habermann

Inhalt

Sie wollten nicht so enden wie ihr Vater. Doch wenn sie hierblieben, würde sie das gleiche Schicksal erreichen wie ihn. „Seht zu, dass Ihr es nach Europa schafft“, hatte Mutter Miriam ihren Söhnen, Ahmed und Bashir zugeflüstert, als sie sie zum Abschied in die Arme nahm. „Wenn Ihr bleibt, werden sie euch töten.“

„Wir werden es nach Europa schaffen“, riefen sie zum Abschied ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern zu. „Wir gehen nach Alemannia! Dort gibt es eine Frau, die sie Mama nennen! Dort wird es uns an nichts fehlen!“

Prolog

Die Jagd

Brennender Atem entwich seiner keuchenden Kehle, während er barfuß auf dem Gehweg der menschenleeren Seitenstraße der Innenstadt entlang hastete. Er hörte ihre hämmernden Schritte in einiger Entfernung hinter sich und irgendwie spürte er, dass er es nicht schaffen würde.

Die Straße war menschenleer. Niemand, der ihm hätte helfen können. Er war auf sich allein gestellt. Er musste laufen, um ihnen zu entkommen.

Er rannte um sein Leben!

Es machte ihm normalerweise nichts aus, barfuß zu laufen, er war es gewohnt und hatte es sein ganzes Leben getan. In seiner Heimat, in staubigem Sand und lehmigem Boden auf afrikanischer Erde. Das hier war etwas anderes. Das hier war Asphalt und er spürte, wie der Schmerz begann, sich über seine Fußsohlen auszubreiten und sich stechend und brennend auf Fersen und Fußballen festzusetzen.

Seine einzige Tarnung in diesen späten Stunden der lauen September-Nacht war seine Hautfarbe. Sie war so dunkel wie die hereingebrochene Nacht und wenn er sich an eine Hauswand presste, um sich vor seinen Verfolgern zu verstecken, verschmolz seine schlanke jugendliche Figur förmlich mit ihr.

Den Gegensatz zu seiner Hautfarbe bildete seine Kleidung. Er trug immer noch das, was er seit dem Tage seiner Flucht vor der Terrormiliz IS aus seinem Dorf in Eritrea und später in einem überfüllten nussschalenförmigen Boot auf dem Mittelmeer am Leib hatte: eine zerschlissene Jeans der billigsten Ware, ein blau-kariertes Hemd und darüber eine Steppjacke, die ihm einer seiner Stammesbrüder vor der Abfahrt zugeworfen hatte.

„Verlier‘ sie nicht, Bruder!“, hatte der schwarze Mann, den er unter dem Namen Ali flüchtig kennengelernt hatte, gerufen. „Das Meer ist kalt und es stirbt sich leichter in einer warmen Jacke! Überleg es dir! Bleib hier! Deine Chancen stehen nicht gut!“

Er meint es gut, hatte er gedacht und dem Mann dankend zugewunken. „Ich werde es schaffen, du wirst sehen!“, hatte er zurückgeschrien. „Ich schaffe es nach Alemannia! Viele sind schon dort gelandet! Sie schreiben uns! Über Smartphone! Sie sagen, wir sollen kommen! Dort gibt es Frieden und Freiheit! Ein gutes Leben!“

Ali hatte mit beiden Händen vom Ufer aus winkend die Luft geteilt, während er selbst auf das Wasser zugelaufen war, das Boot, dem auch zahlreiche andere zustrebten, im Auge. Er hatte die Stimme Alis in der Ferne in Fetzen wahrgenommen. „Frieden und Freiheit gibt es nur, wenn du das Meer mit dieser verdammten Nussschale überlebst! Ist dir dein Leben nicht mehr wert?“

Er hatte abgewunken. „Wir sind zu dritt!“, hatte er geschrien. „Wir werden es gemeinsam schaffen!“

Ali hatte weiter gewunken und er hatte den Eindruck gemacht, dass dessen Lippen Sätze formten. Doch er war bereits zu weit weg gewesen, und das Schlagen der Wellen hatte alle menschlichen Stimmen aus dieser Entfernung übertönt. Er hatte noch einmal in Richtung des Mannes, den er gerne zum Freund gehabt hätte, gewunken. Doch er würde ihn nie wiedersehen, das wusste er. Entweder er kam in Alemannia an oder das Meer würde ihn in seine unendlichen Tiefen ziehen wie Tausende vor ihm. Er hatte sich entschieden. Wie sagte man doch in den sogenannten kultivierten Ländern? Hopp oder Topp. So sollte es sein. Hopp oder Topp. Tod oder Leben. Freiheit oder Unendlichkeit.

Er hatte noch einmal zurückgesehen und mit den Armen in der Luft gerudert. Dann hatte er sich auf das Boot geschwungen, wobei ihm die kräftigen Arme seiner beiden Freunde geholfen hatten, bis er sich auf den nassen Holzplanken des Bootes, das sein Schicksal bestimmen sollte, wiederfand.

*

Seine Fußsohlen brannten und der Gedanke, dass ihn seine Kleidung verraten würde, irgendwann in den nächsten Minuten, ließ sein Herz bis zum Hals schlagen. Er überlegte schon, ob er sich ihrer nicht einfach entledigen und nackt weiterlaufen sollte.

Er entschied sich dagegen.

Nun lief er durch die Dunkelheit einer Stadt, deren Namen er vor kurzem erst zum ersten Mal gehört hatte, durch eine Dunkelheit, die seine letzte Hoffnung war, in deren Mantel er hoffte, sich irgendwo, wenn es sich bot, vor seinen Verfolgern zu verstecken.

Plötzlich wandte sich diese Dunkelheit gegen ihn und die dichten Wolken machten einem runden, kräftigen und hellen Mond Platz. Mit einem Schlag schien ihm alles taghell und er erwog schon, zu resignieren, einfach stehen zu bleiben und seinem Tod voller Stolz und Stärke entgegen zu sehen.

Nein! Er musste leben! Sie brauchten seine Hilfe!

Er lief weiter. Auf die vierspurige Kreuzung zu. Auf der anderen Straßenseite gab es eine Gasse. Sie war nur spärlich beleuchtet. Dort aber glaubte er seine Chancen größer, seine Verfolger abzuschütteln zu können.

Er machte den letzten großen Fehler in seinem Leben.

Er spurtete los, wollte über die Straße, wollte in diese Gasse hinein. Mit Gassen kannte er sich aus. Seine Heimatstadt war voll davon. Zahlreiche Verfolgungsjagden hatte er dort überstanden. In den Gassen konnte er seine Verfolger an der Nase herumführen, ja, vielleicht sogar sie zu Verfolgten machen.

Er hatte die andere Fahrbahnseite erreicht.

Die Gasse!

Nur noch wenige Meter!

Der Schlag traf ihn im Rücken, warf ihn nach vorne. Dann noch einer und ein weiterer. Er spürte keinen Schmerz. Sein Blick richtete sich gegen den Himmel, wo sich der Mond anschickte, hinter einer dunklen Wolke zu verschwinden. Dann fiel er auf beide Knie und Dunkelheit umgab seine Sinne.

„Freiheit“, war sein letzter Gedanke. „Ich bin frei.“

Sein Körper war nur noch ein lebloser Fleischklumpen, als ihn starke Männerhände in eine dunkle Nische zogen, um ihn dort auf die Ladefläche eines kleinen Pickups zu werfen, der seine Ladung kurz darauf zu dem Fluss brachte, den die Menschen, deren Vorfahren hier die erste Römerstadt erbaut hatten, an Karneval liebevoll Mosella nannten.

Kapitel eins

Der Beginn der Flucht

Vier Wochen zuvor

Als sie die Schüsse und das Geschrei der wilden Horden wahrnahmen, wussten sie, dass es an der Zeit war, zu handeln. In der Weite ihrer somalischen Heimat erschienen die fanatischen Rufe so nah, als hätten die mörderischen Banden ihr Dorf bereits erreicht. Doch der Schall wurde über die trockene Fläche getragen und erreichte ihre Ohren, obwohl die Herannahenden noch mehrere Kilometer von ihnen entfernt waren.

„Es wird Zeit, meine Söhne!“

Mutter Myriam hatte Tränen in ihren dunkelbraunen Augen, als sie auf Ahmed und Bashir zuging. Sie hatte das lange Tuch des buntes Thobes, einem Schal ähnlichen Textil, doch um vieles länger, um ihren Körper gelegt und mit dem Ende einen Teil ihres schwarzen Haars bedeckt. In ihren Händen hielt sie zwei zerschlissene Rucksäcke, die sie vor den beiden abstellte.

„Nun ist es so weit. ihr müsst uns verlassen. Habt keine Angst um mich und eure Schwestern. Ich bin zu alt und die beiden sind zu jung. Sie werden uns in Ruhe lassen. Mit der Rekrutierung der jungen Männer im Dorf haben sie ausreichend zu tun. Euch wird man nicht rekrutieren, denn ihr werdet nicht mehr hier sein, wenn sie das Dorf erreicht haben.“

Sie blickte von einem zum anderen, als denke sie nach. Dann sagte sie: „Wartet noch einen Moment!“

Myriam eilte mit kurzen Schritten in das kleine Haus zurück, einer der primitiven Bauten in ihrem kleinen Dorf, in dem es rund weitere zwanzig davon gab. Als sie zurückkam, hielt sie ein kleines Päckchen in der Hand und reichte es Ahmed.

„Du bist mit deinen zwanzig Jahren der Ältere. Du kümmerst dich um alles. Hier ist das Geld. Es reicht gerade aus, um es diesen Aasgeiern in den Rachen zu werfen. Aber es ist eure einzige Chance. Ihr müsst Europa erreichen. Dort seid ihr in Freiheit. Dort werdet ihr euer Leben gestalten. Es muss ein gutes Leben werden. Tut es für euch und die Familie. Denkt immer an uns und an euren Vater. Er darf nicht umsonst gestorben sein. Diese Verbrecher!“

Die Tränen schossen ihr erneut in die Augen, als ihre Gedanken kurz zurück schweiften und die grausamen Bilder sich wieder in ihrem Hirn manifestierten.

Vater Hassan war von den verbrecherischen Milizen der IS gegen seinen Willen rekrutiert worden. Rund 60 bewaffnete Kämpfer der Terrormiliz IS, erwachsen aus der Miliz al-Shahab, eine der Al-Kaida nahestehende Gruppierung, hatten den Ort eingenommen und die Männer zum Kämpfen aufgefordert. Hassan hatte sich mit Worten und Gesten gegen seine Verschleppung gewehrt. Zwei Tage später fanden ihn seine Söhne Ahmed und Bashir etwa fünfhundert Meter hinter dem Dorf, aufgedunsen von der Sonne, ein Opfer der Maden und Vögel. Man hatte ihm den Kopf abgeschlagen und ihn in der Sonne liegen gelassen, so, wie er vor ihre Füße gefallen war.

Als ihre Söhne an diesem Tag nach Hause kamen, den alten hölzernen Handkarren hinter sich herziehend, wusste sie gleich, was sie erwarten würde.

„Sie wollen, dass wir gegen Christen kämpfen“, hatte Ahmed gesagt und ihr dabei in die Augen gesehen. „Doch das werden wir nicht tun.“

Bashir hatte genickt, trotzig, mit zu Boden geneigtem Kopf. „Wir werden gegen niemanden kämpfen mit diesen Barbaren. Lasst uns alle von hier fortgehen, fort in ein anderes Leben, in ein Land, wo wir überleben werden. Hier wird das nicht möglich sein. Hier werden wir sterben, so oder so, wie unser Vater. Auch du musst mit uns kommen, Mutter. Auch unsere Schwestern. Wir können Euch doch nicht hier zurücklassen.“

Talibe und Samira waren im Haus. Sie hatten sich bereits unter Tränen von ihren Brüdern verabschiedet und lagen sich nun weinend in den Armen. Sie hätten es nicht verkraftet, die Silhouetten ihrer Brüder in der Ferne verschwinden zu sehen. Sie wollten ihre lieben Gesichter aus der Nähe in ihren Gedanken eingeprägt wissen.

„Doch, meine Söhne, ihr könnt und ihr müsst. Vielleicht will Allah ja, dass wir irgendwann nachkommen können. Glaubt mir, wir werden uns wiedersehen, meine Söhne. Ganz bestimmt werden wir das. Und jetzt geht! Es wird Zeit!“

Myriam zeigte in die Ferne, über das flache, steinige Land zum Horizont. „Wenn Ihr diese Berge dort erreicht habt, gelangt ihr zu einem Dorf namens Bade. Fragt nach Muhammad Said. Er wird euch weiterhelfen. Ihm müsst ihr das Geld geben. Dann werdet ihr in Europa eure Zukunft finden. Allah sei mit euch!“

Ahmed zögerte. Er sah auf den Umschlag in seiner Hand und öffnete ihn. „Mutter, wo hast du das viele Geld her?“, stammelte er, als er den für ihre Verhältnisse riesigen Betrag sah. „Das geht doch nicht …!“

„Du kannst es unbesorgt nehmen. Ich habe einen Teil unserer Ziegenherde verkauft. Jetzt, wo wir alleine hierbleiben, brauchen wir nicht mehr so viele. Und wer weiß, vielleicht werden sie uns den Rest auch noch wegnehmen. Verstehst du nun, dass das Geld bei euch besser angelegt ist? Lasst niemanden einen Blick darauf werfen. Versteckt das Geld an euren Körpern. Sagt ihnen, dass ihr nicht mehr Geld habt, als jenes, das ihr ihnen zeigt, denn sie werden versuchen, euch alles wegzunehmen.

Kapitel zwei

Der Schleuser

Einen Tag und eine Nacht marschierten Ahmed und Bashir Timcade ohne einen Zwischenfall, dann hatten sie das Dorf Bade erreicht. Sie fragten nach Muhammad Said und ernteten mitleidvolle Blicke. Doch die Gefragten zeigten wortlos auf ein Haus, vor dem ein mit einer Plane versehenes Lastauto stand. Ein Mann von gedrungener Statur, mit dichtem dunklen Bart und einem speckigen Turban hantierte unter der Motorhaube. Sein bodenlanger Kaftan war irgendwann einmal weiß gewesen, doch offensichtlich war er der einzige, den der Mann besaß. Unter dem Saum lugte ein Teil des linken Fußes hervor, der offensichtlich in einer Sandale steckte, die man jedoch nicht sehen konnte. Der Fuß hatte vermutlich lange kein Wasser gesehen, die Fußnägel begannen sich bereits nach unten zu krümmen.

„Muhammad Said?“, fragte Ahmed zögernd.

Der Mann sah nur kurz auf und musterte die beiden, die er, wie es den Anschein hatte, bereits erwartete. „Habt ihr das Geld dabei?“ Seine Augen hatten etwas Lauerndes, seine Worte waren fordernd.

Ahmed nickte.

Said grinste über das ganze Gesicht und hielt die offene Handfläche in ihre Richtung.

Ahmed schreckte zurück und schüttelte den Kopf. „Wir zahlen, wenn wir losfahren. Wir können doch nicht ...“

„Geht! Verschwindet!“, unterbrach ihn Said und machte Bewegungen mit beiden Armen, als wollte er Hühner davon scheuchen. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Die Brüder hörten seine Stimme. „Es gibt genügend Leute, die eure Plätze einnehmen wollen.“

„Aber es war doch abgemacht ...“, unternahm Ahmed den Versuch, zu vermeiden, dass er jetzt schon sein Geld loswürde und unter Umständen letztendlich mit seinem Bruder zurückbleiben würde.

Doch Said unterbrach ihn erneut. „Habt ihr denn kein Vertrauen?“, fragte er langsam und mit schräg angewinkeltem Kopf.

„Wir vertrauen niemandem mehr in diesem Land“, würgte Bashir hervor. Und dann fügte er hinzu: „Wir werden erst bezahlen, wenn wir wissen, dass wir Teil des Transports sind. Und wenn Ihnen das nicht passt … es gibt auch andere, die uns gegen Geld dahin bringen, wohin wir wollen. Komm Ahmed, lass uns weitergehen.“

Ahmed hatte es ob der Courage seines Bruders den Atem verschlagen und er überlegte, ob er nicht klein beigeben sollte. Dann entschied er sich dagegen. Sein jüngerer Bruder stellte sich diesem Widerling mit allem Stolz entgegen. Dann wollte auch er diese Haltung einnehmen.

„Du hast recht, Bruder. Komm!“

In der Fortbewegung hörten sie die krächzende Stimme des Schleppers, die ihre Schritte stoppte und sie zum Umdrehen veranlasste. Sein gestreckter Arm zeigte zum Ende des Gebäudes, in dem er offensichtlich wohnte.

„Seid heute Abend bei Einbruch der Dunkelheit hier“, sagte er in ruhigem Tonfall, als habe es den kleinen Disput nie gegeben. Es schien, als imponierte ihm die Haltung der beiden Brüder. „Haltet euch dort in dem Schuppen auf und rührt euch nicht, bis ich euch ein Zeichen gebe. Ihr werdet nicht alleine sein.“

Die beiden folgten mit ihren Blicken seinem Arm und erkannten den Vorsprung eines kleinen Geräteschuppens, der hinter dem Wohnhaus hervorlugte. Sie sahen sich an und nickten. Er würde sie mitnehmen, auch wenn die Bezahlung erst am Abend erfolgen würde.

Nachdem Said die Worte gesprochen hatte, humpelte er davon, seinem bescheidenen Haus entgegen. Den Kaftan hatte er bis zu den Kniekehlen hochgezogen, als er die Treppe zum Hauseingang hinaufstieg. Dabei sahen Ahmed und Bashir den Grund für die schleppende Fortbewegungsweise des Mannes. Das rechte Bein wies grob verheilte, großflächige Wunden auf, die Muskel des rechten Unterschenkels fehlten zu einem großen Teil.

Die beiden Brüder sahen sich an. „Eine Mine“, flüsterte Bashir mit dem Verständnis eines jungen Mannes, für den eine solche Erkenntnis keine Seltenheit oder Neuigkeit darstellte und lenkte seinen Blick wieder zu Said, der gerade humpelnd in seinem Haus verschwand.

Ahmed nickte ernst. „Ich glaube dennoch, dass wir ihm nicht vertrauen können.“

Kapitel drei

Durch die Wüste

Die Fahrt in dem klapprigen Lastwagen dauerte nun schon sechs Tage, und es kam Ahmed und Bashir wie eine Ewigkeit vor. Am Abend vor der Abfahrt hatte Ahmed Said das Geld gegeben. Nicht alles, einen Betrag hatte er abgezweigt und am Körper versteckt. Er und sein Bruder würden es noch brauchen können, davon war er überzeugt. Ahmed beobachtete immer wieder die restlichen Menschen, die sich der Gefahr einer Meeresüberquerung aussetzen wollten. Er sah den Kummer und den Gram in ihren teils faltigen, teils ungewaschenen Gesichtern. Er sah die Angst in den Mienen der Frauen, die ihre Kinder fest umklammerten und mit lauernden Blicken ihre männlichen Mitfahrer fixierten. Aber er sah auch die lauernden Blicke einiger Männer und er hatte das Gefühl, dass ihre Blicke immer wieder zu seinem Gepäck und dem seines Bruders wanderten. Unbewusst zog er seinen Rucksack zu sich, zwischen seine angewinkelten Beine, dicht an seinen Körper. Er glaubte, ein höhnisches Grinsen bei einem der Männer festzustellen.

Ahmeds Blick glitt zu seinem Bruder Bashir, der ihm schräg gegenüber auf dem Boden des Gefährts kauerte, neben zwei anderen jungen Burschen, deren Hautfarbe etwas heller war als ihre eigene. Er tippte auf Äthiopien, verwarf seine These jedoch wieder. Obwohl, die Gesichtszüge waren etwas härter, kantiger als die seiner Landsleute. Somali waren sie nicht. Vielleicht …

Immer wieder hatte sich Ahmed während der Fahrt seine Mitinsassen genau angesehen. Er hatte sie studiert, denn er wollte gewappnet sein, wenn es zu irgendwelchen Zwischenfällen kommen sollte. Sicherlich, es waren Menschen, die wie er und sein Bruder die Flucht in ein neues Leben antreten wollten. Dennoch lauerten Gefahren überall. Die lange Fahrt unter menschenunwürdigen Umständen ließen die Nerven schnell blank liegen, die verschiedenen Religionen brachten ausreichend Aggressionspotential mit sich.

Ahmed zählte unauffällig die Anzahl seiner Begleiter. Zweiunddreißig. Unter normalen Umständen hätten auf dieser Ladefläche acht, maximal zehn Menschen Platz gehabt. Doch der Anlass war kein normaler. Alle diese Leute waren Menschen, die vor der größten Gefahr des schwarzen Kontinents flohen, der Miliz des Islamischen Staates, wie sich die Verbrecher nun selbst bezeichneten. Sie nannten es Krieg, den heiligen Krieg gegen alle und alles, was sich nicht ihrer Ideologie untertan machte. Doch es war nur eine Aneinanderreihung von zahlreichen Morden, die ihre schwarzen Fahnen befleckten. Mörder, die man ausrotten musste, dachte Ahmed.

Dieser Lastwagen war nicht der einzige, der sich auf die Fahrt begeben hatte, um seine menschliche Ladung ein Stück näher an die Freiheit heranzubringen. Davon gab es Hunderte, ebenso wie die Schiffe und Boote, auf denen sie hoffentlich irgendwann über das Meer schippern und in dem gelobten Land Europa anlegen würden.

Ahmeds Blick musterte die Personen, überwiegend junge Männer, ein Ehepaar mit einer Tochter, vielleicht acht Jahre alt und einige ältere Männer, auf der Suche nach dem besseren Leben. Nach Alemannia wollten die meisten, das hatte Ahmed aus den Gesprächen erfahren, die sie mal leise, mal mit Wucht untereinander führten. Er und sein Bruder hatten sich vorgenommen, sich so wenig wie möglich an Gesprächen zu beteiligen. Alemannia war ein Land, in dem man willkommen schien, ein Land, in dem hohe Politiker die Willkommenskultur des überwiegenden Teils der Bevölkerung mit großen Worten unterstützten. Eine Frau stand dort an der Spitze der Regierung. Er hatte über sie in den Nachrichten gehört. „Wir werden niemanden abweisen, der unsere Hilfe benötigt“, hatte sie versprochen und aus Dankbarkeit hatten in Alemannia angekommene Flüchtlinge sie bereits Mama getauft.

Es wurde plötzlich laut im vorderen Bereich. Einer der Männer klopfte mit der Faust gegen das Zwischenfenster des Fahrerraumes, wo ein jüngerer Mann hinter dem Lenkrad saß. Offensichtlich der Sohn des hinkenden Schleppers, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Ihm war es wohl kaum mehr möglich, wegen seiner Verletzungen ein Fahrzeug zu führen. Der Alte drehte sich zu dem Fenster und begann zu gestikulieren.

„Anhalten! Wir wollen eine Pause!“, rief derjenige, der gegen das Fenster gehämmert hatte.

Der Alte im Fahrerraum gestikulierte weiter und zeigte auf seinen linken Unterarm, auf eine billige Armbanduhr. Dann streckte er den rechten Zeigefinger in die Höhe: eine Stunde noch.

Der Mann resignierte und unterhielt sich schimpfend mit seinem Nachbarn. Doch bald darauf hielt der Wagen und der Fahrer gab den Leuten Hilfestellung beim Aussteigen. Die meisten verrichteten in einiger Entfernung ihre Notdurft, dann riefen einige nach Wasser. Ahmed wusste nicht, wie viele Tage sie noch auf dem Lastwagen verbringen mussten. Aber er wusste: Ohne Wasser würde es hier zu großen Komplikationen kommen. Er ahnte, was nun kommen würde.

Der Fahrer öffnete eine verschlossene Klappe unter der Ladefläche und brachte einige Wasserflaschen zum Vorschein.

„Mehr gibt es heute nicht!“, rief er. „Morgen kommen wir in Selime an. Dort werden wir essen und trinken.“

Ahmed kannte den Ort Selime nicht. Er interessierte ihn auch nicht. Er hoffte, dass diese Fahrt bald zu Ende ginge und sie das Meer erreichten.

In Selime trafen sie am Morgen des kommenden Tages ein. Es war eine Wohltat, denn es gab zu Essen und Trinken, spärlich zwar, aber es gab etwas. Sie füllten die Wasservorräte auf, unverderbliche Nahrung in Konserven. Alles wurde in dem Lkw, unterhalb der Ladefläche verstaut und die Klappe von dem hinkenden Schlepper verschlossen.

Dann begann die Hölle.

Tagelang fuhren sie mit dem klapprigen Gefährt durch die Sahara, vorbei an Tierskeletten, vorbei an toten Flüchtlingen. Das Essen war knapp und auch an den Getränken musste gespart werden. Unter der Plane des Lastwagens war Lethargie ausgebrochen. Nicht einmal das Kind weinte mehr. Auch aus den Körpern von Ahmed und Bashir war die Kraft gewichen und der Schlaf übermannte sie immer wieder.

Ab und zu passierte der Wagen eine Oase, die der Fahrer offensichtlich kannte. Dann schleppten sich alle zu dem Wassertümpel und saugten sich die Mägen voll. Kanister wurden gefüllt und als Reserve unter dem Wagen eingeschlossen. Zu essen gab es an den Oasen meist nichts. Ein paar Kanten Fladenbrot höchstens, das man von den wenigen Wüstenbewohnern erhielt, und die man wie ein Tier in sich hineinstopfte.

Einmal beobachtete Ahmed, wie der Fahrer mit zwei Wüstenbewohnern diskutierte und schließlich zwei Kanister erhielt, die offensichtlich Treibstoff für den Lastwagen enthielten. Er sah, wie ein Geldbetrag den Besitzer wechselte.

Dann lagen alle, allein bedeckt mit ihrer Kleidung in der kalten Wüstennacht, bevor es am anderen Morgen weiterging.

Kapitel vier

Das Boot

Tripolis, die Hauptstadt Libyens, erreichten sie kraftlos und dahinvegetierend, nach wochenlanger Fahrt. Dort kamen sie mit anderen Flüchtlingen zusammen, die ihnen erzählten, dass sie nicht so ein Glück hatten wie Ahmed und dessen Bruder.

„Wir wurden immer nur ein Stück auf dem Weg mitgenommen“, erzählte ein junger Mann aus Eritrea. „Wenn wir keinen Transport fanden, sind wir manchmal nächtelang zu Fuß gegangen. Wir schliefen tagsüber am Wegesrand, denn in der kühlen Nacht hatten wir mehr Energie, um größere Strecken zu schaffen.“ Er sah sich nach allen Seiten um. „Hütet euch vor den Leuten in Uniformen. Sie wollen euer Geld, wenn sie welches bei euch vermuten. Wenn sie merken, dass ihr Geld habt, es ihnen aber nicht geben wollt, helfen sie euch nicht. Im Gegenteil, es kann sein, dass sie euch schlagen, wenn sie keinen Vorteil erkennen. Wir sind Freiwild für sie. Niemand stört sich daran.“ Dann reichte er den beiden Brüdern die Hand. „Ich bin Yussuf. Yussuf Idris Abdullah“, fügte er noch schnell hinzu. „Falls wir uns irgendwann gegenseitig suchen müssen. Und ihr? Ich meine, eure Namen?“

„Ich bin Ahmed Timcade und das ist mein Bruder Bashir. Wir kommen aus dem Norden Somalias. Und du? Du kommst aus …?“

„Eritrea. Sieht man doch. Ich bin etwas dunkler auf der Haut als ihr beide“, lachte er verhalten.

Yussuf war etwa im selben Alter wie Ahmed. Er war schlank, aber er wirkte drahtig, kräftig und belastbar. „Wir sollten zusammenbleiben“ dachte Ahmed bei sich.

„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte er und blickte über die Menschenansammlung, die sich inzwischen oberhalb der Meeresküste gebildet hatte. Er schätzte rund 150 Personen. Es kamen immer mehr hinzu. Der Ansturm auf die Boote würde gleich beginnen.

„Die wollen alle übers Meer, so wie wir auch.“ In der Stimme Yussufs schwang etwas mit, das Ahmed nicht deuten konnte.

„Los, vorwärts!“ Die Stimme ertönte hinter ihnen und gleich darauf hörten sie weitere Männer, die Befehle riefen. „Alle runter zum Ufer! Beeilung, wenn ihr mitwollt!“

„Kommt!“, rief Yussuf den beiden zu und lief los. „Wir müssen uns im Boot Plätze sichern, oder wollt ihr die gesamte Überfahrt auf den schlechtesten verbringen?“

Sie waren bei den ersten, die die Anlegestelle erreichten, die eigentlich keine Anlegestelle war. Das Boot lag etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt im Meer und sie mussten durch das Wasser, das ihnen schließlich bis zum Hals reichte.

Schon beim Anblick des Bootes war Ahmed ein Schreck durch die Glieder gefahren. Es ähnelte einer Nussschale, allerdings war es von einer Größe, die ohne Mühen dreißig Leute aufnehmen konnte. Was in ihm den Schreck erzeugte, war der allgemeine Zustand des Fahrzeugs und die Form. So etwas sollte geeignet sein, um über das Meer zu schippern? Er schaute den steinigen Strand entlang und entdeckte zwei weitere Boote. Eines schien ein altes Fischerboot zu sein, das andere war ein riesiges Schlauchboot in einem militärischen Grau-Oliv.

Er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Die Befehle der Leute, denen sie die Flucht in diesen fragwürdigen Objekten zu verdanken hatten, gaben Befehle zum Einsteigen und nun kam Bewegung in die Menschen, von denen Ahmed glaubte, dass sie von Sekunde zu Sekunde mehr wurden.

„Kommt! Schnell!“ Es war Yussuf, der Ahmed und Bashir zur Eile antrieb und ihnen voran durch das Wasser eilte, um sich an der Schiffswand hochzuziehen. Andere benutzten die Leiter aus starken Tauen und halfen den Männern an Bord. Es waren tatsächlich nur Männer, die dieses Boot bestiegen. Ahmed und Bashir taten es Yussuf gleich und schließlich saßen sie, eingepfercht zwischen einer riesigen Menge von Personen, für die dieses Schiff absolut ungeeignet schien. Ahmed sah Bashir an, dann Yussuf. Sein Gesichtsausdruck war geprägt von Unverständnis.

„Das sind zu viele“, stammelte er, während der Druck auf seine Körperseiten wuchs. „Das Schiff fasst doch höchstens dreißig Personen. Und sieh doch: die Wasseroberfläche. Ich kann meine Hand hinein tauchen. Wir werden das nicht schaffen!“

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten!“, rief Yussuf in das lauter werdende Stimmengewirr. „Entweder ihr geht zurück ans Ufer oder ihr fahrt mit übers Meer. Ihr müsst euch entscheiden. Wollt ihr die Freiheit? Wollt ihr für die Freiheit sterben?“ Er sah Ahmed und Bashir mit eindringlichem Blick an.

„Was sollen wir tun, Bruder?“, wandte sich Ahmed an Bashir. Sollen wir aufgeben?“

„Nein, nein!“ Bashir schüttelte den Kopf und wedelte mit beiden Armen, als wolle er die Frage erst gar nicht an sich heranlassen. „Nein, wir fahren. Gleich, was geschieht. Sie haben doch Schiffe auf den Routen, die wir fahren. Man wird uns finden und an Bord nehmen. Du wirst sehen.“

„So viele von uns sind ertrunken, wurden vom Meer verschluckt“, antwortete Ahmed schwer atmend. „Ist es das Risiko wert?“

Es gab keine Antwort auf seine Frage. Hinter ihnen ertönte eine laute Männerstimme, die versuchte, die Menschen an Bord zum Schweigen zu bringen. Als dies einigermaßen gelungen war, zeigte der riesige, bartlose Mann, zu dem die Stimme gehörte, auf den Außenbordmotor, den Ahmed erst jetzt erblickte.

„Wer von euch kann den Motor bedienen?“, rief der Mann.

„Was soll das?“, rief Yussuf, der dem Mann am nächsten war, zurück. „Haben wir denn keinen Kapitän?“

„Ihr müsst euren Kapitän schon selbst stellen“, lachte der Mann verächtlich. „Wer dieses Schiff steuern will, soll sich sofort melden. Er bekommt von mir diesen Kompass und dann müsst ihr los. Es wird allerhöchste Zeit.“ Er grinste über das ganze Gesicht. „Europa wartet.“

Ahmed entging nicht der höhnische Unterton in den Worten des Schleppers. Doch er überlegte nicht lange. Es war zwar lange her, aber ein Boot hatte er schon mal gesteuert. Und so lange der Motor lief, brauchte er nur das Ruder festzuhalten. Er sah zu seinen neuen Freunden hin. „Ihr werdet mich ablösen, später, auf dem Meer, wenn ich euch erklärt habe, was zu tun ist.“

„Ich werde steuern!“ Yussuf hatte sich erhoben und kämpfte sich zu dem riesigen Mann hin. „Was muss ich tun?“

Ahmed beobachtete, wie der Mann Yussuf einige Dinge erklärte und in eine Richtung auf dem Meer zeigte. Er klopfte mit einem Finger auf den handtellergroßen Kompass und nickte zufrieden. Dann überreichte er ihn an Yussuf. Er beugte sich über den Außenborder, hantierte eine Zeitlang daran und plötzlich hörte man das Tuckern des Motors.

Der Mann erhob sich und hielt plötzlich einen Kanister in der Hand. „Eine Reserve!“, rief er. „Los jetzt! Alles Gute! Good luck to Europe!“

Dann sprang er ins Wasser und watete zum Ufer zurück. Yussuf hantierte an der Lenkung des Motors und kurz darauf setzte sich das Boot in Bewegung. Die Richtung war klar: hinauf aus das offene Meer, dorthin, wo sie die Freiheit erhofften: das gelobte Land, in dem angeblich Milch und Honig flossen:

Europa!

Kapitel fünf

Alemannia: das Übergangswohnheim

Zwei Wochen zuvor

Durch die Windschutzscheibe des Reisebusses konnte man in der Ferne die Umrisse der Stadt sehen. Ahmed und Bashir Timcade hatten das Glück, nach Passieren der österreichischen Grenze bei den ersten zu sein, die man mit starken Armbewegungen in das deutsche Gebiet schob. Man hatte von ihnen nicht einmal wissen wollen, wie sie hießen, wo sie herkamen. Nur weiter, ab zur Grenze, so schnell wie möglich. Das verstanden die beiden auch, ohne der ihnen entgegenschallenden Sprache mächtig zu sein.

Yussuf, den sie vor der Abfahrt über das Meer kennengelernt hatten, hatte es offensichtlich nicht in diesen Bus geschafft. Aber sie waren sich sicher: Er wird nachkommen und dann werden wir ihn wiedersehen. Es war gut, Freunde zu haben, besonders in einem fremden Land, in dem man nicht wusste, was auf einen zukam.

Ahmed legte einen Arm um die Schultern seines jüngeren Bruders Bashir. „Wir sind in Freiheit, mein Bruder“, sagte er leise. „In einer Freiheit, wie wir sie nie gekannt haben. Es liegt an uns, was wir daraus machen. Unsere Mutter und unsere Schwestern sollen stolz auf uns sein.“

Ahmed unterdrückte die aufkommenden Tränen und sah seinen Bruder an. „Versprich mir, dass wir uns in diesem Land nie aus den Augen verlieren.“

Bashir nickte. „Ich verspreche es. Werden wir Mutter und unsere Schwestern hierher nachholen können?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Ahmed nachdenklich. „Die höchste Politikerin dieses Landes hat es versprochen. Dann wird es doch sicher so sein, irgendwann.“

Die letzten Kilometer schwiegen beide. Ihre Gedanken drehten sich um ihre neue Heimat. Was würde sie erwarten? Würde das Land so sein, wie man es ihnen beschrieben hatte? Würden sie willkommen sein? Ahmed war nicht in Euphorie verfallen, als er die zahlreichen Menschen mit ihren hochgehaltenen Schildern „Refuges Wellcome“ sah, die sie laut rufend am Bahnhof einer deutschen Stadt, deren Namen er nicht mehr wusste, begrüßten.

„Warum ist man hier so froh mit uns?“, fragte er sich. „Was haben wir dafür getan? Wir sind doch nur von zuhause weggelaufen, aus einem Land, das von Kriegswirren überzogen ist.“

Ihm war nicht wohl dabei, als er daran dachte, was man von ihm, von den anderen Männern, die zu Tausenden mit ihm in dieses Land kamen, halten würde. Ahmed hatte keine besondere Bildung genossen, ebenso wie sein Bruder Bashir. Er wünschte sich, er hätte sie genießen können, doch die Umstände in seinem Land hatten dagegengesprochen. Würde man ihm und den anderen vorhalten, dass sie nicht für ihr Land kämpften? Er erinnerte sich an ein Gespräch mit einem syrischen Flüchtling seines Alters.

„Wir sind hunderttausende von Männern, die auf der Flucht sind. Ich schäme mich“, hatte der junge Syrier zu ihm gesagt.

„Warum schämst du dich?“, hatte er gefragt.

„Wenn all die jungen Männer, die auf der Flucht sind, zu den Waffen gegriffen hätten, hätten wir die Ursache unserer Flucht vielleicht beseitigen können“, hatte der Syrer leise geantwortet. „Aber unsere Angst war größer. Unsere Angst vor dem Tod auf dem Schlachtfeld, vor der Unbarmherzigkeit der IS. Doch das ist nicht alles.“

„Was bedrückt dich denn noch?“

„Das wir unsere Familienangehörigen zurücklassen mussten. Wer soll sie nun beschützen?“

„Man wird sich nicht an wehrlosen Frauen und Kindern vergreifen. Sie werden nachkommen, du wirst sehen“, hatte ihm Ahmed geantwortet, doch in seiner Stimme waren Zweifel gewesen.

„Wir sind da“, sagte plötzlich eine Stimme auf Englisch durch das krächzende Busmikrophon. Der Bus bog nach links in eine Häusereinfahrt ein und hielt inmitten eines mehrstöckigen Häuserblocks.

„Sie steigen einer nach dem anderen langsam aus und bleiben vor dem Bus stehen“, verkündete eine raue, männliche Stimme im Befehlston. „Wir werden Sie dort vorläufig registrieren. Dann teilen wir Ihnen Ihre Zimmer zu. Haben Sie das verstanden?“

Manche der Angesprochenen nickten, andere schauten einfach nur unter sich. Ahmed sah aus dem Busfenster und registrierte die Umgebung. Hinter ihnen hielten zwei weitere Busse mit Flüchtlingen. Muskulöse, teils tätowierte Männer in dunkelblauen Uniformen rannten geschäftig hin und her, gaben hier und da scharfe Anweisungen. Security stand auf ihren Rücken geschrieben.

Ahmed hatte kein gutes Gefühl. Mit einem letzten Blick auf die stiernackigen, kahlköpfigen Aufpasser wandte er sich an seinen Bruder.

„Bashir, hör zu!“

Sein Bruder wandte sich ihm mit fragender Miene zu. „Was ist?“

„Wir werden nicht in dieses Haus gehen, hörst du? Wir werden ...“

„Warum gehen wir nicht dort hinein? Ich habe Hunger und bin müde. Man wird uns zu Essen geben und ein Bett ist bestimmt auch da.“

„Nein, Bashir, wir werden von hier verschwinden. Wir haben nun fünf Wochen hinter uns, die teilweise die Hölle waren. Wir werden in dieser Stadt auch eine Lösung finden. Vielleicht kommen wir später hierher, aber das hier, das wird nicht gut gehen. Sieh dich doch nur um. Alles Männer in unserem Alter. Das wird Machtkämpfe geben. Wir werden verlieren, weil wir beide jede Art von Gewalt ablehnen. Schau dir die Security an. Ich trau ihnen nicht. Lass die anderen aussteigen. Wir folgen als letzte. Wenn wir draußen sind, bleib dicht hinter mir. Vertrau mir.“

„Aber ...“

„Keine Widerrede!“ Es klang barscher, als Ahmed es wollte. „Glaub mir“, sagte er leise und legte versöhnend seine Hand auf die Schulter von Bashir. „Ich bin doch dein großer Bruder.“