Showdown Jerusalem - Hans J Muth - E-Book

Showdown Jerusalem E-Book

Hans J. Muth

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Beschreibung

Achmed schauderte. Nur der Mund Merlots lächelte. Seine Augen waren eiskalt. Das letzte Mal, dass er diesen Ausdruck in seinem Gesicht gesehen hatte, hatte ein Mensch dran glauben müssen. Wer war jener geheime Apostel Christi, der den Tribun, Besitzer des unter dem Kreuz verlosten Rockes, erschlug, um sich des Gewandes Christi zu bemächtigen? Eine todbringende Jagd beginnt nach den aramäischen Schriften aus dem Jahr 33 nach Chr., in die ein französischer ehemaliger Legionär, eine Archäologen-Gruppe, ein Abgesandter des Vatikans sowie ein Beauftragter des Bistums Trier verwickelt sind. Commissario Sparacios erster Fall führt ihn während seiner Ermittlungen in Rom auch in die ägyptische Wüste bis hin nach Jerusalem. Krimi & Co.urteilt: Und schon wieder eine Perle! Das Buch ist ein Thriller, der alles beinhaltet was ein spannendes Lesevergnügen ausmacht: Klasse Plot, Abenteuer, geschliffener Schreibstil und interessante Protagonisten. D Wer auf Geschichten á la Dan Brown steht, wird "Showdown Jerusalem" lieben.

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Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Hans J Muth

Showdown Jerusalem

Dr erste Fall für Commissario Sparacio

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Showdown Jerusalem

Impressum

Über den Autor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Zur Geschichte des Heiligen Rockes

Anhang

Impressum neobooks

Showdown Jerusalem

Hans J. Muth

Rom-Thriller

Der erste Fall für Commissario Sparacio

Impressum

Texte: © Copyright by Hans MuthUmschlagfoto I-Stock

Umschlag © Copyright by Hans Muth

Verlag: Hans Muth

Kapellenstr. 6 54316 [email protected]

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Nach dem Roman „Nahtlos“, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Stephan Moll, Burg Ramstein 2012

Von Krimi & Co. Als „Buch-Highlight“ bewertet

Der Mensch ist das religiöse Tier. Er ist das einzige Tier, das seinen Nächsten wie sich selber liebt und, wenn dessen Theologie nicht stimmt, ihm die Kehle abschneidet.

Mark Twain

Über den Autor

Hans J. Muth war Kriminalbeamter und ist Autor zahlreicher Kriminalromane, lyrischer und literarischer Abhandlungen, erschienen in Anthologien der Bibliotheken München-Gräfelfing, Jena und Frankfurt.

Muth ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Familie im näheren Umkreis von Trier, der ältesten Stadt Deutschlands.

Kapitel 1

Rom, Petersplatz

Angst hatte sich in seinem Körper breitgemacht. Sie schien seinen Schlund von innen zu erfassen und ihm die Luft von innen her abzupressen. Die Zunge klebte an seinem Gaumen und er hatte das Bedürfnis auszuspucken. Doch der wenige Schleim, der sich in seinem Mund gesammelt hatte, haftete am Inneren seiner Lippen. Er wagte nicht sich umzudrehen, einen Blick nach hinten zu werfen. Er fürchtete, dass sie ihn verfolgten, ihm seine Zukunft zu stehlen imstande waren.

Doch was für ihn schlimmer zählte, er selbst hatte vergangene Nacht sein Geheimnis preisgegeben. In einer Sekunde des durch Alkohol entmachteten Körpers hatte er seine Zunge nicht im Zaum halten können. Es war die Freude über seinen Schatz gewesen, die ihn die Gefahr vergessen ließ, in die er sich begab. Er hätte sich ohrfeigen können, als die Worte seinen Mund verlassen hatten.

Nun war es zu spät. Dass er noch lebte, glaubte er dem Umstand zu verdanken, dass er den Aufbewahrungsort seines Schatzes nicht offenbarte, nicht offenbaren konnte. Sein Gegenüber hatte nur gelächelt, als er auf seine Frage keine Antwort erhielt. Es war ein eiskaltes Lächeln, doch er hielt es für das Lächeln eines ihm wohlgesonnenen Freundes.

Luigi Zanolla hastete durch die Via del Conciliazione auf die Piazza San Pietro zu, den vom Schweiß verschleierten Blick auf den Petersplatz vor sich gerichtet.

Er rannte nun schon über einen halben Kilometer. Gleich würde er sein Ziel erreicht haben. Mit seinem Wissen, das sein Leben verändern würde. Das Wissen um eine Tatsache, die ein Kapitel der kirchlichen Geschichte in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen würde.

Zanolla spuckte auf das Pflaster der Piazza Pio XII, doch es verließ nur weißer flockiger Schaum seine Lippen, der sich zum größten Teil am Revers seines Sakkos verteilte. Mit einer hastigen Bewegung seiner flachen Hand wischte er ihn weg und hastete von der rechten Seite des Platzes über den Fußgängerüberweg auf der Via della Conciliazione. Er überquerte jenen über dem Largo degli Allcorni, ohne auf die Fahrzeuge zu achten, deren Fahrer ihm angesichts seiner leichtfertigen Verhaltensweise ein Hupkonzert widmeten.

Dann war er am Beginn des Ovals der Piazza San Pietro angelangt. Er hielt in seinem Lauf inne. Seine Lunge brannte und sein Atem verließ unter Schmerzen seine Brust. Er sah sich um, suchte nach einer Sitzgelegenheit.

Langsam ging er weiter und als er schließlich an dem linken Halb-Oval der St. Peters Collonnade angelangt war, ließ er sich auf dem Sockel einer der 284 dorischen Säulen, den Colonnaden Gian Lorenzo Bernini nieder, gerade neben einem turtelnden Liebespärchen, das sich angesichts seiner aufgewühlten Erscheinung erhob und ihn von der Seite her argwöhnisch betrachtend Arm in Arm davoneilte.

Warum laufe ich eigentlich? fragte er sich, während sein Atem ruhiger wurde und er sich mit den flachen Händen gegen den ausgeprägten Bauchansatz drückte. Das, was ich zu sagen habe, wird die Welt verändern. Aber ob das zehn Minuten früher oder später sein wird …

Zanolla lehnte sich mit dem Rücken gegen die steinerne Säule und spürte, wie die harten Strukturen gegen sein Gesäß und seine Rippen drücken. Er tat ihm gut, dieser leichte Druckschmerz, den der warme Stein erzeugte. Er war eine Wohltat zu dem, was er eben an sportlicher Aktivität hinter sich gebracht hatte. Seine Kondition war nicht die beste, sie war es noch nie. Sport ist Mord! Diesen Wahlspruch hatte er mit Winston Churchill gemeinsam.

Er lächelte, als ihm dieser Vergleich kam. Sein Beruf verschaffte ihm ausreichend Bewegung, daran glaubte er. In sengender Sonnenglut Ausgrabungen in der gebirgigen Wüste Ägyptens vorzunehmen … wenn das für ihn als Mittfünfziger keine körperliche Herausforderung war …?

Zanolla erhob sich langsam aus seiner hockenden Position und strich sich das graue Sakko über seinem leichten Bauchansatz glatt. Er sah auf das Revers. Die Spucke hatte keine Flecken hinterlassen.

Sein Atem hatte sich beruhigt. Er fuhr sich über das spärliche hellbraune Haar über dem verschwitzten runden Schädel und richtete seinen Blick über den Petersplatz hinweg auf die Gebäude des Vatikans, dessen Mächtigkeit ihn schier zu erschlagen schienen.

Obwohl er seine Wohnung in Rom hatte er lebte das Leben eines Singles und das schon seit Jahren war es das erste Mal, dass er im Begriff war, den Petersplatz zu betreten. Zu oft war er unterwegs gewesen, in fremden Ländern, im Auftrag der Regierung oder aus reiner Abenteuerfreude. Ausgrabungen an den verschiedensten Orten der Erde waren für ihn zur Faszination geworden und er würde wahrscheinlich dieser Beschäftigung auch in den nächsten Jahren nachgehen, hätte sich ihm nicht diese Gelegenheit geboten, die alle seine Pläne über Bord warf.

Er sah vorbei an dem riesigen Obelisken in der Mitte des Platzes, streifte mit den Augen den nördlichen Brunnen von Carlo Maderno, dann hinüber dem zweiten, dem Werk von Carlo Fontana. Seine Blicke wanderten über die 140 Statuen der Heiligen auf die Kuppel des Petersdoms, um schließlich am Ende der trapezförmigen Piazza Retta innezuhalten.

Zanolla kniff seine Augen zusammen und richtete seinen Blick auf die linke Seite des Platzes, an dessen Ende er zwei Wachhäuschen ausmachte, vor denen jeweils ein Gardist der Schweizer Garde patrouillierte. Plötzlich wurde ihm klar, dass man ihm dort nicht ohne Weiteres Einlass gewähren würde. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft.

Man wird mich anhören müssen, sagte er sich und fragte sich geleichzeitig, wie er es anstellen musste. Nun, da er hier auf dem Petersplatz stand, begann er sich darüber Gedanken zu machen. Er war ohne Plan einfach drauflosgelaufen, euphorisch in der Ansicht, nun stehen ihm alle Türen offen. Doch plötzlich sah er das ganz anders. Wer wird mir Gehör schenken? fragte er sich im gleichen Atemzug. Wer wird mir glauben? Der Papst? Ja, der Heilige Vater wäre für ihn der richtige Ansprechpartner. Doch diesen Gedanken verwarf er sofort wieder. Nein, daraus würde nichts würde nichts werden. Er musste sich der Schweizer Garde anvertrauen … oder nein, es wäre fatal, wenn sie sein Geheimnis nicht für sich behielten und vielleicht sogar selbst Kapital daraus schlügen.

Er musste zur Obrigkeit vordringen, zu einem Monsignore, zu einem Bischof, zu einem Kardinal. Immer wieder beschlichen ihn Zweifel. Sie werden mir nicht glauben. Sie werden Beweise wollen, dachte Zanolla und seine rechte Hand tastete seine Jackentasche ab. Ja, Beweise hatte er. Doch wie musste er es anstellen, damit sie ihm seine Nachricht bezahlten? Diese wertvolle Nachricht! Sie würde sein Leben verändern. Sie würde es ihm ermöglichen, bis ans Lebensende sorgenfrei zu leben. So wie er es sich schon immer ersehnte: Auf einer Insel auf den Malediven … oder den Seychellen … oder gar auf Bali? Er würde es sich aussuchen können. Aber dem Lohn stand noch eine Menge Arbeit gegenüber. Arbeit in Form von Überzeugungskraft, die er leisten musste.

Also auf! spornte er sich selbst an, erhob sich aus seiner kauernden Haltung und schritt über den Petersplatz, vorbei an den Touristen und Gläubigen, von denen es immer einige Hundert hier gab, auf das Tor zu, vor dem die beiden Gardisten Wache schoben. Beide hatten ihre Wachhäuschen verlassen, standen in der Mitte des mächtigen schmiedeeisernen Tores und unterhielten sich angeregt, die passierenden Menschen beobachtend.

Zanollas Blick blieb auf dem Älteren der beiden Hellebardiere haften und glitt über deren orangeblau vertikal gestreifte Kleidung. Die Ärmel der Blousons waren bis zum Ellenbogen und die Beinkleider ebenso nach der mittelalterlichen spanischen Mode gepufft, letzte unterhalb des Knies zusammengebunden.

Diese Renaissanceuniformen wurden von Michelangelo entworfen, kam es ihm in den Sinn. Irgendwo hatte er es einmal gelesen, in einer Zeitschrift bei seinem Friseur oder in der Bordlektüre eines Fliegers. Er wusste es nicht mehr. Es war ihm egal. Was scherte ihn die Kleidung der Garde? Es gab Wichtigeres für ihn.

Zanolla sah, dass sich die beiden Gardisten trennten und jeder zu seinem Wachhäuschen marschierte. Er entschloss sich, einen Versuch zu wagen und steuerte zielstrebig auf den Wachmann an der linken Seite des Portals zu. Angesichts der vermeintlichen Bedrohlichkeit, die sein Gegenüber auf ihn ausstrahlte, straffte sich der Körper des Gardisten und seine Augen verengten sich, bereit, jederzeit auf einen Angriff reagieren zu können. Auch der Wachmann an der anderen Seite des Tores sah zu ihnen herüber, bereit, im Falle einer Notwendigkeit einzuschreiten.

„Ich habe eine Meldung zu machen“, begann Luigi Zanolla mit zittriger Stimme, als er die Wache erreicht hatte und innerlich bebend vor dem Gardisten stehenblieb. Schweiß hatte sich auf seiner Oberlippe gebildet und er leckte ihn mit einer schnellen Zungenbewegung weg.

Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, hätte er sich auch sogleich ohrfeigen können. Was rede ich da? Geht man so mit einer weltbewegenden Meldung um? Ich bin es doch, der die Forderungen stellt.

Er sah in das Gesicht seines Gegenübers, der mit zusammengekniffenen Augen voller Erwartung vor ihm stand. Dann atmete er tief durch und wagte einen neuen Versuch.

„Ich muss mit jemandem sprechen!“, begann er und überlegte fieberhabt, wie er einen glaubwürdigen Satz zustandebringen konnte.

„Was heißt: Sie wollen mit jemandem sprechen? Haben Sie was getrunken?“ Der Hellebardiere baute sich in bedrohlicher Haltung vor Zanolla auf.

„Nein, ich habe nichts getrunken“, stotterte Luigi. „Aber ich muss mit jemandem reden. Mit jemandem, der befugt ist, Erkenntnisse entgegenzunehmen, die fundamental für die katholische Kirche sein werden. Bitte, bringen Sie mich mit Ihrem Vorgesetzten oder einem Monsignore zusammen. Es ist äußerst wichtig!“

Zanolla versuchte, seine Stimme forsch klingen zu lassen, doch ihm selbst kam sie vor wie das Krächzen eines ungeölten Türscharniers.

„Einer wie Sie wird das Fundament der Kirche nicht zum Schwanken bringen. Gehen Sie weiter!“ Die Anordnung des Gardisten war kurz und knapp. Er sah Zanolla auffordernd und drohend zugleich an. Trotz aller Ernsthaftigkeit in der Miene des Gardisten konnte Zanolla darin den Hauch eines mitleidigen Lächelns erkennen.

„Hören Sie!“, begann Zanolla erneut und versuchte seiner Stimme einen eindringlichen Klang zu geben. Sein Herz schlug ihm fast zum Hals heraus. „Sie werden Ihre Konsequenzen ziehen müssen, wenn sie verhindern, dass meine Nachricht den Vatikan erreicht. Ich würde es mir an Ihrer Stelle gut überlegen.“

Zanolla hatte eine Idee, die ihm Oberwasser geben würde. „Wenn Sie mich nicht augenblicklich zu jemand Kompetentem geleiten, werde ich mich von hier aus zur Presse begeben. ‚La Stampa“ oder ‚La Republica‘ oder auch ‚Libero‘ werden mir aufmerksam zuhören, darauf können Sie sich verlassen.“

Zanollas Stimme klang nun fest und fordernd, so dass er über sich selbst erstaunt war. Er stellte mit Genugtuung fest, dass der Gardist zusammenzuckte und hörte seine knappe Frage.

„Und um was genau geht es?“

Ich habe gewonnen, dachte Zanolla hocherfreut. Er wird mich vorlassen. Siegessicher sah er den Gardisten an. „Ich kann es Ihnen nicht sagen. Aber ich verspreche Ihnen: Man wird es Ihnen danken, wenn Sie mich melden.“

„Warten Sie hier!“ Kopfschüttelnd drehte sich der Gardist ab und winkte seinen Kollegen achselzuckend zu sich. Sie wechselten einige Worte, worauf der andere den Platz des ersten einnahm und Zanolla weiterhin den Weg in das Innere des Gebäudes versperrte.

Der von Zanolla angesprochene Wachmann drehte sich um und begab sich hinter dem wuchtigen schmiedeeisernen Tor in das Innere des Gebäudes, dessen Tür er hinter sich ins Schloss fallen ließ.

Es wird klappen! Es muss einfach klappen! Luigi Zanolla umfasste seine kleine hochauflösende Digitalkamera in seiner Hosentasche. Wenn sie Beweise wollen, dann bekommen sie Beweise, frohlockte er. Alles ist festgehalten. Klar und deutlich. Makro-Aufnahmen. Man kann alles genau erkennen.

Natürlich befanden sich nicht alle Aufnahmen auf dem Chip der Kamera. Oh nein! dachte Zanolla. Die eigentlichen Trümpfe habe ich versteckt. Dort bleiben sie bis zu dem Moment, an dem man mich entlohnt hat. Nur ich weiß von dem Versteck. Und Merlot, mein Freund. Falls mir etwas zustoßen sollte.

Zanolla hatte sich alles genau überlegt. Jean-Pierre Merlot, einen Franzosen mit Wohnsitz in Paris, hatte er im Suff eingeweiht. Er war der einzige, dem er sich anvertrauen konnte, der so war wie er selbst. Einer, der das Leben nicht allzu ernst nahm und stets auf seine Chance lauerte. Das glaubte Zanolla ernsthaft.

Dass er selbst im Moment dabei war, seinem Forscherteam in den Rücken zu fallen, es zu verraten und die gesamte Arbeit der vergangenen Monate in Frage zu stellen, kam ihm nicht in den Sinn. Zanolla sah nur seinen Profit. Geld, das er durch den Verrat für sich herausschlagen würde. Viel Geld. Man würde eine große Summe zahlen für sein Wissen, dessen war er sich sicher.

Der erste Schritt war getan. Obwohl Zanolla innerlich bebte, war er dennoch zufrieden. Es lief alles nach seinem Plan. Er drehte sich langsam um und betrachtet das rege Treiben auf dem Petersplatz. Menschen, die teils eilig umher eilen, andere, die über den riesigen Platz flanieren und sich an den Schönheiten dieser Stelle Roms ergötzen.

Und Tauben. Graue Tauben, keine weißen, dachte Zanolla. Und das hier auf dem Petersplatz. Eigentlich müsste es hier doch von weißen Tauben wimmeln. Wenn nicht hier, wo denn dann?

Zanolla schaute langsam wie aus der Sicht eines Weitwinkelobjektivs von links nach rechts über den Platz und nahm plötzlich einen kleinen weißen Blitz wahr, der auf dem Dach des ersten Hauses an der linken Seite der Piazza Pio XII für den Bruchteil einer Sekunde aufflammte.

Als er den Schmerz mitten in seiner Brust verspürte, war das kleine Licht schon erloschen und mit ihm das seines Lebens, das so viele Hoffnungen in sich trug.

Er spürte nicht einmal mehr den Aufprall auf dem Pflaster vor der Wache der Schweizer Garde, spürte nicht, wie sich sein Blut den Weg durch die brutal geschaffene Öffnung seines Körpers suchte, um die Pflastersteine des Petersplatzes um seinen Körper herum mit einem tiefen Rot zu färben.

Kapitel 2

Vier Tage zuvor. Ägypten, Jabal ar Rukbah Gebirge

Henri Lafettes Magen rebellierte. Lange würde er diese Fahrt nicht mehr durchhalten können. In seinem Mund bildete sich Kinnwasser. Er würde sich gleich übergeben. Er kannte diesen Zustand nur zu gut. Er kannte ihn aus den Zeiten, wo der Alkohol sein liebster Freund gewesen war. Ein Freund, der ihn vergessen ließ, der ihm sein Wohlbefinden in beschissenen Situationen zurückbrachte. Der von einer Sekunde zur anderen auch zu seinem Feind werden konnte. Er, der verlangte, in den zerrütteten Körper geschüttet zu werden, um mit seiner Essenz das Vergessen zu beschleunigen, hatte oft auf sein Recht gepocht, den Körper auf gleichem Wege wieder zu verlassen, so, als habe er mit seiner Umhüllung nur gespielt.

Heute war es nicht der Alkohol. Es war schon lange nicht mehr der Alkohol, der ihn an den Rand seiner selbst trieb. Nein, darüber war er hinweg. Er hatte es geschafft. Alleine. Trotz seiner Einsamkeit. Ohne Freunde, ohne eine Frau, die ihm beigestanden hätte. Alleine eben. Konsequent, diszipliniert. Aus Angst vor dem Tod, der allgegenwärtig war und ihm Tag für Tag die volle Flasche gereicht hatte. Morgens, mittags und abends.

Henri Lafette sah die Flasche förmlich vor sich und sein Magen schien sich vom bloßen Anblick umzudrehen. Seine Hand klammerte sich an den metallenen Haltegriff über der Beifahrertür, denn seine Füße berührten kaum noch den Boden des Land Rovers, der, bedingt durch die tiefen Unebenheiten der trockenen und steinigen Wüstenlandschaft, mit seiner Federung auf eine harte Probe gestellt wurde.

Lafette wollte seinem Fahrer etwas zuschreien, wollte ihn auffordern, anzuhalten, doch er bekam kein Wort heraus. Sein Mageninhalt schnürte ihm die Kehle zu. Verzweifelt schlug er mit der linken Hand in Richtung des Fahrzeuglenkers, mehrfach und hektisch, die rechte Hand vor den Mund pressend.

Dann wurde er nach vorne geschleudert. Der Sicherheitsgurt fing ihn auf und presste ihm gegen Brust und Magen. Mit der rechten Hand stieß er die Tür des ausrollenden Wagens auf und übergab sich, in dem noch befestigten Gurt hängend, in die Steinwüste mitten im bergreichen Gebiet zwischen Kairo und der israelischen Grenze.

Hustend und laut fluchend, sich mit dem Rücken der rechten Hand über den Mund wischend, entledigte sich Lafette des Sicherheitsgurtes und stieg aus dem Fahrzeug, wo er mit dem Fuß auf dem steinigen Boden ausrutschte und sich gerade noch mit den Handflächen abstützen konnte, um nicht der Länge nach hinzuschlagen.

„Merde! J'en suis las! Wie ich diese Wüste hasse!“

Lafette schlug sich mit der flachen Hand den Staub aus der Hose, breitete seine Arme aus und drehte sich wie suchend im Kreise.

„George, wo bleiben Sie?“, rief er, während seine Blicke die öde Landschaft streiften. „Leisten Sie mir Gesellschaft beim Betrachten dieses unendlichen Nichts!“

Lafette sah hinüber zu seinem Fahrer, der keine Anstalten machte, der sarkastischen Aufforderung nachzukommen und aus dem Landrover auszusteigen.

„Wir müssen weiter! Wir müssen unser Ziel erreichen, bevor es dunkel wird. Die Nacht wird unangenehm kühl werden“, rief ihm der Fahrer zu, den Lafette George genannt hatte und trat zur Bekräftigung seiner Aufforderung das Gaspedal mehrfach durch.

George hat Recht, dachte Lafette. Er hat immer Recht. Gott sei Dank ist es so. Einer muss immer einen klaren Kopf bewahren, hier draußen, in der Wildnis, in einem Umfeld, in dem auch schon mal eine Gefahr lauern kann.

Lafette nickte und ging langsam zurück zum Landrover. Doch er vermied es vorerst einzusteigen. Er hob sein linkes Bein an und stellte den Fuß auf den Einstieg der Beifahrerseite. Es bereitete ihm keine Mühe, denn Lafette war groß. Ein Meter neunzig, kräftig, braungebrannt mit tiefschwarzem, leicht gewellten und nach hinten gekämmtem Haar, in diesem Land eher ein auffälliger Typ.

Er lächelte zu George hinüber und zeigte dabei ein Paar blendend weiße Zähne. Sein Magen schien sich wieder erholt zu haben, Lafette verschwendete keinen Gedanken mehr daran.

„Wie lange noch?“, fragte er sein Gegenüber.

„Na ja, an die zwei Stunden werden es noch sein“, erwiderte der. „Aber das wissen Sie doch selbst. Kommen Sie! Steigen Sie ein! Der Professor erwartet uns.“

George Dumont legte den ersten Gang ein und sah spitzbübisch zu Lafette. Er war ein krasser Gegensatz zu ihm, körperlich, aber auch von der Mentalität her. Er liebte das Leben und er liebte es überall. Diese steinige Wüste konnte ihm nichts anhaben, solange sie ihn in Ruhe ließ.

Er war Single, war noch nie verheiratet und begründete seine Ausgewogenheit mit dieser Tatsache. Bei ihm schien es tatsächlich zuzutreffen. Sein Leben spielte sich außerhalb dessen ab, was andere ihre Heimat, ihren Wohnsitz, ihr Zuhause nannten. Dumont war überall zu Hause und eines wusste er: Wenn seine Zeit gekommen war, in rund fünfzehn Jahren, dann würde er sechzig sein, würde er sich irgendwo auf der Erde an einem paradiesischen Plätzchen niederlassen und sein Lebensende genießen. Doch bis dahin wollte er nicht allzu viele Gedanken daran verschwenden. Das sei hinderlich in dem Leben, das er führte, betonte er stets, wenn Gespräche in diese Richtung gelenkt wurden.

Er sah Lafette von der Seite her prüfend an. Der würde noch weitere zehn Jahre brauchen, bis er die Brocken hinwerfen könnte und ihm würde es schwerer fallen als ihm, durchzuhalten. Vielleicht ist es das Leben, das er geführt hatte, dachte Dumont. Das Leben in Paris, der Stadt, aus der Lafette stammt, die ihn geprägt hat, in Gutem wie in Schlechtem.

Er selbst war Provinzler. Kam aus einem kleinen Ort bei Lyon. Obwohl Lyon eine große Stadt ist, bleibt sie dennoch Provinz, sagte Lafette immer, wenn er ihn ärgern wollte. Wie die Pariser so sind. Alles, was nicht Paris ist, ist eben Provinz. Man muss nur überzeugt davon sein. Die Pariser sind es. Mais oui!

Lafette ließ sich auf den von der Sonnenglut aufgeheizten Sitz fallen und schlug die Beifahrertür zu.

„Also los! Bringen wir es hinter uns!“, rief er. „Auf in den Schlund der Wüste!“

Eine Stunde später erreichten sie die Road Al Hosna Al Arish, der sie in östlicher Richtung folgten, verließen sie aber nach einer weiteren halben Stunde wieder und strebten in holpriger Fahrt den Schluchten südlich des Jabal ar Rukbah Gebirges zu, eine Abkürzung zu ihrem eigentlichen Ziel, dem Ausgrabungszentrum am Ende der kleinen Gebirgskette.

Die Temperatur begann langsam zu sinken und ein angenehmer frischer Fahrtwind wehte durch die offenen Fenster des Geländewagens, umspülte das Gesicht der beiden Insassen und kühlte die Oberkörper unter den durchschwitzten Hemden.

Lafette und Dumont hatten während der letzten Stunde kaum miteinander gesprochen. Lafette kämpfte mit der Übelkeit und Dumont konzentrierte sich auf den Weg, der nun endlich zunehmend ebener und damit befahrbarer wurde.

Die freie endlose Steinwüste verwandelte sich langsam in ein hügeliges Land und mündete schließlich in ein Gebirge, das den Weg zu verschlucken schien. Gleichzeitig brach die Dämmerung herein und Dumont schaltete die Fahrzeugbeleuchtung ein.

Dann hörten sie Motorenlärm hinter sich. Und Schüsse. Kurz darauf folgte ein Einschlag im Fahrzeugheck.

„Dieses Pack!“, schrie George Dumont, trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und sah zu seiner Genugtuung, wie das verfolgende Fahrzeug, ein Geländewagen, das konnte er gerade noch erkennen, in einem Schwaden aus feinstem rotem Staub verschwand.

„Von Reisen in entlegene Wüstenregionen wird dringend abgeraten“, schrie Lafette zurück und umfasste krampfhaft den Haltegriff oberhalb des Türrahmens. „Wir hätten uns daran halten sollen! Wer sind diese Leute? Können Sie sie abhängen?“

„Ich gebe mein Bestes! Es sind Banditen, Terroristen, Wegelagerer, wer weiß das schon so genau!“, schrie Dumont zurück. „Wir sind bald da! Sie werden es nicht wagen, in das Lager einzudringen!“

Im Rückspiegel sah Dumont plötzlich das verfolgende Fahrzeug wir durch einen Schleier näherkommen. Der Fahrer schien die Gegend zu kennen, denn er gab seinem Wagen die Sporen, ohne sich von den dichten Staubwolken einschüchtern zu lassen.

„Sie holen auf!“, schrie Dumont. „Halten Sie sich fest! Ich versuche sie abzudrängen. Sie werden nicht damit rechnen!“

Mit einem kräftigen Tritt stieg Dumont in die Bremsen und sah das andere Fahrzeug auf seiner Seite seitlich auf sie zuschießen. Sofort beschleunigte er den Rover wieder und riss das Lenkrad mit einem starken Ruck nach links herum.

Es krachte, als die beiden Wagen aufeinanderprallten. Lafette klammerte sich verzweifelt mit der rechten Hand am Rahmen des offenen Fensters und der linken am Unterteil seines Sitzes fest. Sein Magen begann erneut zu rebellieren

Mit den linken Türholmen seines Rovers erwischte Dumont das gegnerische Fahrzeug im Bereich der rechten vorderen Stoßstange und hielt mit aller Kraft so lange dagegen, bis sich der andere Geländewagen um seine eigene Achse drehte und von einer riesigen Staubwolke umhüllt wurde. Im Rückspiegel sah Dumont, wie der Wagen nach rechts auf die Beifahrerseite kippte, bevor er endgültig in der riesigen Staubwolke verschwand.

„Ja!“, schrie Dumont triumphierend. „Ja! Es hat funktioniert. Wow! Haben Sie das gesehen, mon ami? Ich habe ihn ausgeschaltet!“

„Ich habe es gesehen“, stöhnte Lafette und als Dumont zu ihm hinüberschaute und sein bleiches Gesicht sah, überkam ihn ein wenig Mitleid.

„Halten Sie noch etwas durch. Zehn Minuten etwa. Dann sind wir da. Wenn es sein muss, nehmen sie sich eine Plastiktüte vom Rücksitz. Müssten noch einige vom letzten Einkauf dort liegen.“

„Wer waren diese Leute? Was wollten sie von uns?“, rief Lafette in das Aufheulen der beschleunigten Gänge.“

„Mit Überfällen dieser Art muss man hier ständig rechnen“, erwiderte Dumont. „Das ist bereits der zweite, der mir in den vergangenen acht Monaten widerfahren ist.“

„Also sind das Wegelagerer? Räuber?“

„Und Halsabschneider. Oder Terroristen. Falls man hier Unterschiede macht. Anschläge in diesem Gebiet sind keine Seltenheit.“

Dumont lachte. Es klang irgendwie erleichtert. „Wie beschrieben Sie es gerade eben so treffend: „Von Reisen in entlegene Wüstenregionen wird dringend abgeraten!“

Es dauerte noch eine knappe halbe Stunde, bis Dumont und Lafette im Lager eintrafen. Man hatte mehrere weiße Zelte in einer kleinen Schlucht aufgebaut, an dessen Ende eine Steilwand wie in einer Einbahnstraße einen Zugang von dieser Seite her verhinderte. So schützte man sich vor eventuellen Überraschungsangriffen der Wegelagerer und Diebe.

Nur vereinzelt waren Einheimische zu sehen, die mit irgendwelchen Dingen durch den aufgewehten roten Sand durch einen Spalt zwischen den Felsen verschwanden. Lafette schaute ihnen nach. Wahrscheinlich lag dort unten der Bereich der Ausgrabungen.

„Hier also graben Sie seit einem halben Jahr?“, fragte er, als er, vor dem Rover stehend die Arme in die Höhe reckte und seinen Körper nach allen Seiten dehnte.

Er ließ seinen Blick über die kleine Zeltstadt streifen und fragte: „Und hier erhoffen Sie sich wertvolle Funde?“ Zweifelnd und stirnrunzelnd schüttelte er den Kopf. „Ich sehe nur Sand. Roten Sand, Felsen und Steine.“

„Wir werden hier etwas finden. Mit Ihrer Hilfe. Sie werden schon sehen!“

Die Stimme ertönte hinter den beiden und Lafette drehte sich erstaunt um. Vor ihm stand ein gütig dreinschauender vollbärtiger Herr, den Lafette um die Siebzig schätzte, gekleidet, wie man sich eben hier in der Wüste kleidete: Khaki unten, Khaki oben und zum Abschluss einen khakifarbenen Stoff-Hut. An den Füßen trug er schwarze enganliegende Stiefel.

Sie erinnerten Lafette an Gamaschen, wie das Militär sie früher getragen hatte. Das deutsche Militär, glaubte er sich zu erinnern. Oder die Polizei? Er kam nicht zu weiteren Überlegungen.

„Darf ich vorstellen?“ George Dumont trat vor und zeigte auf seinen Mitfahrer.

„Henri Lafette, Diplom-Archäologe und unser zukünftiger Mitarbeiter. Professor Benjamin Rosenbaum, unser gemeinsamer Chef.“

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, junger Mann“, sprach der Professor drauflos und der weiße Schnäuzer, der sich von dem übrigen rotbraunen Bart-Wirrwarr in seinem braungebrannten, von der Sonne gegerbten Gesicht absetzte, hüpfte auf der leicht wulstigen Oberlippe.

Lafette sah die Narbe, die von dem Backenknochen der linken Gesichtshälfte des Professors bis unter dessen Haaransatz verlief. Er tippte auf einen Autounfall. Dann fiel ihm die wilde Horde ein, die ihn und Dumont verfolgt hatten. Vielleicht ein Überfall? Kein Wunder in dieser Gegend.

Rosenbaums Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen.

„Ich habe Sie schon erwartet. Es freut mich sehr, dass Sie unsere Arbeit in Zukunft unterstützen werden.“

Er fasste Lafette am rechten Arm und führte ihn in Richtung der Zelte, von wo aus man den Bereich einsehen konnte, in dem die eigentlichen Arbeiten stattfanden. Ein Trupp Männer der verschiedensten Altersklassen, ausnahmslos Einheimische, schaufelten in einem abgesteckten Bereich, als wollten sie Dinge ausgraben, von denen sie wussten, dass sie hier lagerten.

„Diese Leute arbeiten nur ordentlich, wenn sie beaufsichtigt werden“, sagte Rosenbaum fast leise, als könnten die Männer ihn hören. Er musste zu Lafette aufschauen, denn der war mindestens einen Kopf größer als er selbst.

„Nun sind wir zu viert. So kommen auf einen von uns vier oder fünf dieser Leute. Es wird sie motivieren, wenn wir uns persönlich mehr um sie kümmern können.“

Lafette schaute eine Weile den grabenden Arbeitern zu, dann glitt sein Blick hinüber zu den Zelten und schließlich über den roten Sand und die umherliegenden Felsbrocken bis hin zu dem im Abendlicht schimmernden Gebirge des Jabal ar Rukbah Gebirges.

„Auf den ersten Blick sieht es aus, als eigne sich dieser Ort gerade mal dazu, diesen verdammten roten Sand von einer Stelle zur anderen zu bewegen. Aber der Schein trügt.“ Die Stimme des Professors hatte sich leicht angehoben und eine gewisse Euphorie, begleitet von einem heftigen Augenzwinkern, war seinem Tonfall zu entnehmen.

„Ich habe diesen Ort nicht willkürlich ausgesucht, Monsieur Lafette. Im Gegenteil. Als Ägyptologe besitze ich historische Karten, die vermuten lassen, dass hier, in diesem Bereich …“

Rosenbaum machte mit seinem Arm eine weitausholende Bewegung. „Dass in diesem Bereich alte Kulturen gelebt haben. Kulturen aus der Zeit vor Christi Geburt und danach. Wir befinden uns zwar abseits der Pyramiden und der Gräber der Pharaonen, die hinreichend untersucht und erforscht wurden. Aber hier, Monsieur Lafette … hier, fernab von Kairo und den anderen großen Städten, abseits des Meeres, hier an dieser Stelle … ich bin sicher … hier gab es eine Zivilisation. Eine kleine, zugegeben, aber eine Zivilisation.

„Sie glauben, dass hier Menschen lebten, leben konnten?“ Lafette lächelte mitleidig. „Zum Leben gehört Wasser, Professor. Wo zum Teufel gibt es hier Wasser?“

„Es gab Wasser hier. Glauben Sie mir. Ich habe mich in den vergangenen Jahren intensiv mit dieser Frage befasst. Das Wasser kam aus den Bergen und hat den Fellachen ausgereicht, ihren Ackerbau zu betreiben. Sehen Sie, dort hinten, diese flachen Landstreifen? Das waren diese Ackerflächen.“

Professor Rosenbaum atmete schwer. Er nahm seinen Hut kurz ab und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn unter seinem dichten vollen weißen Haar, um dann einige Schweißtropfen mit Daumen und Zeigefinger von seiner orientalisch anmutenden gekrümmten Nase zu wischen.

„Und in der Nähe dieser bewirtschafteten Ebene haben Menschen gelebt.“ Seine Stimme war fest und bestimmt, als er sagte: „Ich werde ihr Dorf oder Teile davon finden.“

„Fellachen sind Bewohner des Niltals, Professor. Dort lebten bereits zur Zeit der Pharaonen Bauern, die damals den größten Teil der ägyptischen Bevölkerung stellten. Eben, weil dort der Nil die Voraussetzungen für gute Ernten bot. Aber wem erzähle ich das? Sie wissen das doch so gut wie ich und die anderen hier.“

„Ja, ja“. Der Professor klang ungeduldig, fast unwirsch. „Aber diese Bauern, wie Sie sie nennen, waren auch den Launen der Steuereintreiber und vor allem der unregelmäßigen Gefahr der Nilüberschwemmungen ausgesetzt.“

„Jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Sie sind der Ansicht, dass sich ein Teil der Fellachen aus dem Niltal abgesetzt hat, um sich an anderer Stelle niederzulassen.“

„Genau! Und zwar dort, wo es zum einen Wasser gab …“

„Und wo man sie nicht vermutete. Wo man sie in Ruhe ließ ...“

„Wo sie sich ein neues Leben aufbauen konnten. Ich sehe, ich beginne Sie zu überzeugen.“

„Na ja, soweit würde ich noch nicht gehen, Professor. Aber wenn Sie sich derart sicher sind, werden Sie doch Beweise haben.“

„Meine Beweise sind hier drin!“ Rosenbaum klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust und sah Lafette mit großen Augen an.

„Es ist meine innere Überzeugung, die mich hier arbeiten lässt. Die geografische Lage dieser Gegend spricht eindeutig für die Existenz ehemaliger Kulturen.“

„Aber, wenn das stimmt, was Sie sich in Ihrer Überzeugung erhoffen, was versprechen Sie sich von den Ausgrabungen? Was die Bauern und die Fellachen betrifft, ist im Verlauf der Geschichte doch eigentlich alles gesagt worden.“

„Was die Fellachen im Nil-Delta betrifft, sicherlich. Aber hier … hier beginnt die Geschichte dieser Menschen neu. Wir werden es sehen, wenn wir das Dorf gefunden haben. Vergangene Epochen haben uns immer schon Überraschungen bereitet.“

„Sie sagten, wir seien zu viert“, wechselte Lafette geschickt das Thema. „Gibt es da …?“

„Hat Ihnen George unterwegs die Mannschaft nicht vorgestellt? Sieht ihm ähnlich.“

Rosenbaum schüttelte verständnislos den Kopf. „Ja, wir sind zu viert. Mit Ihnen. Luigi Zanolla ist der Vierte im Bunde. Er ist ebenfalls Geologe und er kümmert sich außerdem um unser Wohlergehen. Luigi ist gleichzeitig unser Koch.“

Der Professor packte Lafette erneut am Arm und zog ihn mit sich.

„Verzeihen Sie einem unhöflichen alten Mann. Sie müssen hungrig und durstig sein. Kommen Sie!“

Er nestelte eine silberfarbene Taschenuhr aus einer der zahlreichen Taschen seiner khakifarbenen Jacke und ließ den Deckel aufspringen.

„Passt genau. Luigi wird uns bereits erwarten. Es ist Essenszeit.“

*

In den folgenden beiden Wochen waren die Männer um Professor Benjamin Rosenbaum damit beschäftigt, den roten Sand an der einen Stelle abzutragen und ihn fünfzig Meter weiter entfernt wieder aufzuhäufen. Die so künstlich geschaffene Düne wuchs, ohne dass sich in irgendeiner Weise ein sichtbarer Erfolg, die Grabungen betreffend, einstellen wollte.

„Wir werden ab sofort dort unterhalb des Felsmassivs graben“, hatte Rosenbaum vor drei Tagen verkündet und damit die Arbeit der vergangenen zwei Wochen mit diesem einen Satz in einem Nichts verschwinden lassen.

Der riesige rote Felsblock lag einen guten Steinwurf von der ersten Grabungsstelle entfernt, war an die dreißig Meter hoch und nahezu senkrecht in seiner Anordnung. Eine riesige Sandanhäufung hatte sich mit den Jahren vor dem Felskoloss gebildet.

„Die Leute werden unruhig. Auch sie wollen Erfolge sehen.“

Lafette ließ sich im Schatten des Verpflegungszeltes auf einen geflochtenen Korbstuhl fallen und sah den Professor abwartend an. Dass Rosenbaum trotz der hohen Temperaturen genüsslich eine Tasse heißen Kaffees schlürfte, war Lafette unbegreiflich.

„Die innere Wärme bekämpft die äußere Hitze“, pflegte der Professor in solchen Situationen zu sagen, doch Lafette konnte er mit solchen Thesen nicht überzeugen. Er hob den Arm und zog damit die Aufmerksamkeit von Zanolla auf sich.

„Ein kaltes Wasser bitte, mein Freund. Wenn es so etwas überhaupt hier gibt“, rief er Luigi zu, der beschäftigt hinter der Ausgabetheke des Verpflegungsbereichs hantierte. Lafette sah, wie er die Überreste des Mittagsmahls in Kühlboxen verstaute.

Er wird sie morgen wieder aufwärmen, dachte er. Wie sonst will er mit dem geringen Lebensmittelvorrat, den man mühselig hierherschaffen musste, auskommen? Er wird sie am kommenden Tag mit frischen Lebensmitteln verarbeiten.

Lafette beobachtete Luigi, der aus einer Flasche Wasser in ein Glas füllte und es schließlich zu ihm herüberbrachte.

Sein Blick glitt an der Gestalt des Italieners hoch, als der ihm das Glas in die Hand drückte. Zanolla schwitzte und fuhr sich mit der flachen Hand über den runden Schädel.

Seine Gesichtshaut war nicht braun, wie es Lafette von einem Italiener gewohnt war. Sie war rot, ja, nahezu dunkelrot. Nicht verbrannt von der Sonne. Einfach rot. Ohne Sonnenbrand. Die Arme hingegen, die aus dem weiten geblümten Hemd ragten, waren braun. Tiefbraun. Auf den Fingerrücken der fleischigen breiten Hände hatte sich ein dunkler Haarbewuchs gleichmäßig in eine Richtung gebildet und Lafette fragte sich, ob Zanolla ihn täglich mit einem Kamm durchforstete.

Zanolla trottete davon, dem Schatten spendenden Zelt entgegen. Lafette nahm einen Schluck des kalten Wassers und fühlte das Rinnsal durch seine Kehle hinabfließen, fühlte, wie sich die Erfrischung in seinem Magen ausbreitete. Er nahm einen weiteren Schluck und noch einen. Genüsslich. Jedes Rinnsal, das er durch seine Kehle rinnen fühlte, gab ihm ein Stück Kraft in dieser sengenden Hitze zurück.

Lafette hörte die Stimme des Professors hinter sich und erhob sich aus seiner bequemen Position.

„Die Arbeiter sind dabei, einen Höhleneingang freizulegen“, sagte Rosenbaum und nahm seinen khakifarbenen Hut ab.

„In diesem Felsen gibt es tatsächlich Höhlen. Der Wind hat den Sand weit in den Felsen hineingeblasen und schließlich die Öffnungen verschlossen. Setzen Sie sich! Wir haben es nicht eilig“, forderte der Professor Lafette auf. „George ist bei den Arbeitern. Er wird uns auf dem Laufenden halten. Einen Drink?“

Rosenbaum hielt zwei kleine Flaschen in seiner linken Hand und reichte eine davon Lafette, der sie dankend entgegennahm.

„Sie glauben immer noch an Fellachen-Dörfer … hier, unter dem roten Sand, zwischen den Felsen?“

Lafette sah den Professor fragend von der Seite an und sein Blick hatte einen Hauch von Mitleid.

Rosenbaum nickte, fast unmerklich. Dann zog er einen der Korbstühle neben den von Lafette und setzte sich mit einem Seufzer nieder. Er hob die Flasche mit einer auffordernden Geste in Richtung Lafette und beide nahmen einen Schluck.

„Ja, ich glaube noch daran“, sagte er und Lafette meinte der Stimme ein leichtes Beben entnehmen zu können. „Was sollte ich noch hier, in dieser staubigen Hölle, wenn mich mein Glaube an den Erfolg verließe?“

„Ihr Name“, hub Lafette an. „Ihr Name … „

„Rosenbaum?“ Der Professor lächelte. „Glauben Sie, dass mich dieser Flecken Erde fesselt, weil ich Jude bin? Wollen Sie darauf hinaus? Oder wundern Sie sich, dass ein Deutscher einen solchen Namen trägt? Einen so untypisch deutschen Namen?“

„Aber Sie leben in Deutschland?“

„Sehen Sie … wie soll ich es ausdrücken? Ich bin Deutscher, ja. Aber dieses sogenannte Vaterland sehe ich nur allzu selten. Ich habe dort meinen Wohnsitz, meine Staatsangehörigkeit. Aber verlangen Sie nicht von mir, dass ich die Nationalhymne singe.“

„Es klingt verbittert, wie Sie das sagen.“

Lafette musterte den Professor und zum ersten Mal betrachtete er die Narbe an der linken Stirnseite, die sich vom Jochbein bis unter den Haaransatz ausbreitete. Es musste eine sehr tiefe Wunde gewesen sein, die sich Rosenbaum dort irgendwann einmal zugezogen hatte.

Ein Verkehrsunfall vielleicht, dachte Lafette. Oder ein Überfall dieser … Räuberbanden, denen George Dumont und ich fast in die Hände gefallen wären.

Der Professor spürte den Blick Lafettes auf seinem Gesicht und strich unwillkürlich mit der Hand durch sein Haar.

„Auch das ist ein Andenken an das Land, dessen rechtschaffener Bürger ich immer war. Rechtschaffen wie meine Eltern, deren einziger Makel daraus bestand, nicht in die grundlegenden Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung zu passen. Denn wir Juden strebten ja als fremdartige und minderwertige Rasse die Weltherrschaft an.“

Es klang sarkastisch und traurig zugleich. Der Professor verstummte, wische sich mit der Linken die Haare zurück und setze seinen Hut wieder auf. Er wendete seinen Kopf aus der Blickrichtung Lafettes und schaute über die sonnenreflektierende Ebene, dort wo sich seiner Meinung nach vor langen Zeiten Wasserstellen befanden. Dort, wo er glaubte, dass sich vor langer Zeit die Fellachen niedergelassen hatten.

„Diese Hitze ist manchmal unerträglich“, sagte er, nur um etwas zu sagen, um von dem Thema abzuschweifen, das er eigentlich nicht hatte anschneiden wollen.

„Was ist mit Ihren Eltern geschehen?“

Lafette ahnte die Antwort bereits.

„Sie starben 1944“, antwortete Rosenbaum knapp.

„Im Konzentrationslager?“

„Was wissen Sie denn schon von Konzentrationslagern, Monsieur Lafette? Sie als Franzose …“

„Ich als Franzose war zu dieser Zeit noch nicht geboren, das stimmt. Aber glauben Sie, unser Land würde sich nicht auch zur Zeit meiner Generationen und auch davor und danach mit dem beschäftigen, was damals geschah?“

„Dennoch werden Sie von den Geschehnissen nie die Spur einer Ahnung haben.“

Rosenbaum hielt kurz inne. „Aber was rede ich? Es tut mir leid, Monsieur.“

„Sie waren damals zu jung ...“

„Zu jung, um im KZ zu verfaulen?“ Der Professor lachte kurz auf, doch es war kein Lachen. Es war eine verbitterte Geste.

„Niemand von uns war zu jung dafür. Der gewaltsame Tod machte vor keinem Alter halt.“

„Verzeihen Sie, Herr Professor, ich möchte nicht …“

„Nein, es ist schon gut. Verzeihen Sie einem alten Mann, dem schon wenige Sätze genügen, ihn wieder mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren.“

Rosenbaum erhob sich von seinem Stuhl und ging ein paar Schritte. Lafette sah ihm nach und plötzlich kam ihm dieser Mann zerbrechlich vor, wie er mit dem Rücken zu ihm stand, leicht nach vorne übergebeugt. Ein alter Mann, der die Bürde seiner Vergangenheit nicht abwerfen konnte.

Schließlich drehte Rosenbaum sich um, nahm seinen Hut ab, schlug aus ihm imaginären Sand auf seinem Oberschenkel aus und setzte ihn wieder auf.

Die Sonne brannte.

Es ist zu heiß hier draußen. Wir sollten das Zelt aufsuchen, dachte Lafette. Doch etwas hielt ihn zurück, ließ ihn die brennende Sonne aushalten. Der Jude Rosenbaum fesselte ihn. Es war wie ein Bann. Etwas in ihm wollte seine ganze Geschichte erfahren. Doch der Professor musste bereit sein, sich preiszugeben. Noch war er es nicht, das spürte Lafette.

„Meine Eltern hat man im Konzentrationslager umgebracht“, hörte Lafette den Professor sagen. „Sie hatten große Schuld auf sich geladen. Sie waren Juden. So wie ich Jude bin. Doch ich habe überlebt. Obwohl ich eigentlich tot sein sollte.“

Rosenbaum setzte sich wieder neben Lafette.

„Man hat Sie also doch ins KZ gebracht?“

„Nein, nein, das wäre mein sicherer Tod gewesen. Nein, es war anders.“ Der Professor erhob sich. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Seine Miene schien wie eingefroren.

„Ich möchte Sie nicht mit meiner Lebensgeschichte belasten, Monsieur Lafette. Kommen Sie, sehen wir nach, wie weit George mit seiner Gruppe ist!“

Kaum hatten Lafette und Rosenbaum sich von ihren Stühlen erhoben, kam ihnen auch schon George Dumont entgegengelaufen, roten Sand mit seinen schweren Schuhen nach hinten aufwirbelnd.

„Herr Professor, Sie müssen kommen! Sofort!“, rief er außer Atem schon von weitem, gerade mal, dass er in Hörweite der beiden war.

„Das klingt gut“, lächelte der Professor und sein Gesicht zeigte einen verklärten Ausdruck. als er Lafette ansah. „Sie werden sehen, Monsieur: Die Fellachen hat es doch hierhergezogen.“

*

George Dumont hatte sich auf einem Felsbrocken am Rande der Grabungsstätte niedergelassen, löste die Schnürriemen an seinen knöchelhohen Lederschuhen und streifte sie ab. Als er sie mit der Sohle nach oben kehrte, suchte sich ein Rinnsal von feinem rotem Sand den Weg nach außen und rieselte zu seinen Füßen nieder.

Seine Fußsohlen brannten. An diesem Tag hatte er kaum Gelegenheit zum Ausruhen gehabt, war nicht dazu gekommen, seine Beine mit den schmerzenden Füßen auszustrecken oder sie vorübergehend in kühles Wasser einzutauchen.

Während er die brennenden Bereiche mit dem Handballen massierte, schweiften seine Blicke über das Tal bis hin zu den Erhebungen des Jabal ar Rukbah Gebirges.

Hinter sich hörte er die scharrenden und hackenden Geräusche der Arbeiter, die damit beschäftigt waren, den Eingang der Höhle von Sand und Geröll zu befreien. Abweichend von der eigentlichen Suche würden sie anschließend das Innere der Höhle durchsuchen und feststellen, dass die ganze Arbeit umsonst gewesen war.

Warum sich der Professor auf diese Gegend hier versteift hatte, war selbst George, der das innigste Verhältnis von allen zu Rosenbaum hatte, nie klargeworden. Das geistige Konzept des Professors, nach welchem sich die Fellachen gerade an diesem Ort angesiedelt haben sollten … na ja. Ihm sollte es gleich sein, solange man ihn für seine Arbeiten bezahlte, auch wenn sie sich als nicht allzu befriedigend herausstellten.

„Ich glaube, Sie denken das gleich wie ich“, hörte er von leichtem italienischen Akzent durchsetzte Stimme von Luigi Zanolla hinter sich.

„Ich weiß nicht, was der Alte sich dabei denkt. Ich verstehe es einfach nicht“, sagte Zanolla in ruhigem Ton, doch der Unterton seiner Stimme war umso vielsagender.

„Was gedenkt er hier zu finden? Was gibt es hier außer Wüstenreptilien und Spinnen Interessantes zu erforschen?“

Zanolla ließ sich seufzend auf den Felsbrocken neben Dumont nieder und wischte sich mit einem riesigen Tuch, das er anscheinend stets mit sich führte, über die Stirn und das spärliche Kopfhaar. Seine khakifarbene Hose und das dunkelgrüne Hemd waren völlig durchschwitzt. Kaum hatte er sein Tuch in der Tasche seiner Hose verschwinden lassen, stand ihm bereits wieder der Schweiß auf der Stirn.

„Ich weiß nicht, ob ich das hier noch lange mitmachen werde“, hörte ihn George Dumont, der immer noch dabei war, die Berge mit seinen Blicken abzutasten, sagen.

„Wenn dieses Projekt abgeschlossen sein wird, werde ich nach Italien zurückkehren. Eine ruhige Anstellung in einem Museum, es muss ja nicht gerade der Nachtwächterposten sein, für die restlichen Arbeitsjahre meines Lebens, das wäre schon okay.“

Zanolla stieß Dumont mit dem Ellbogen in die Seite.

„Hören Sie mir eigentlich zu?“, fragte er amüsiert und folgte dem Blick seines Kollegen in die Ferne.

Dumont schien die Frage Zanollas zu überhören.

„Glauben Sie, dass es die Fellachen irgendwann aus dem fruchtbaren Gebiet des Nils nach hier gezogen hat? In diese Einöde, von der der Professor glaubt, dass es einmal hier Wasser gab?“

„Sie zweifeln also auch an der These des Professors?“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Warten wir es einfach ab. Die nächsten Tage werden über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.“

„Ja, warten wir es ab“, seufzte Zanolla erneut und erhob sich. „Ich werde das Essen vorbereiten.“

Dumont sah noch eine Weile hinter Zanolla her, bis dieser in einem der großen Zelte verschwand. Mit einem letzten Blick über die Berge erhob er sich und trottete der Stelle zu, die seiner Meinung nach bisher kein Fellache zu sehen bekommen hatte.

Schon von weitem sah Dumont, dass das Team gute Arbeit geleistet hatte. Der Eingang der Felsenhöhle lag frei vor ihnen. Die Arbeiter hatten ihre Arbeit eingestellt, denn mit den weiteren Maßnahmen hatten sie nichts zu tun. Sie waren von Professor Rosenbaum instruiert, Zurückhaltung zu üben, wenn Forschungszentren freigelegt worden waren oder die Annahme bestand, dass bestimmte Terrains erst einmal analysiert werden mussten.

Genau das war nun der Fall und so wartete man auf den Professor oder einen seiner Kollegen, um neue Anweisungen zu erhalten.

George Dumont nickte den wartenden Arbeitern freundlich zu und betrat die Höhle durch den türrahmengroßen Eingang. Er musste nicht einmal den Kopf einziehen oder sich gar bücken, so groß war die Öffnung. Er folgte dem freigelegten Gang einige Meter in das Innere und bemerkte erstaunt, dass die Höhle mehr und mehr an Höhe gewann.

Mit seiner Taschenlampe tastete er Meter für Meter der rötlichen Steinformation ab. Erst die Wölbung über ihm, dann die Wände.

Schließlich ließ er den Lichtschein auf fünf nebeneinanderliegenden kleinen Öffnungen in den Seitenwänden des Felsens verharren.

Für ihn hatte es nicht den Anschein, dass diese Öffnungen ein Werk der Natur waren. Dafür waren sie zu gleichmäßig angeordnet. Allerdings befanden sie sich schätzungsweise vier Meter über dem Erdboden. Also vielleicht doch eine Laune der Natur?

Dumont tastete sich mithilfe des Lichtscheins seiner Taschenlampe bis zum Ende der Höhle, die nach sieben bis acht Metern wieder in ihrer Höhe verebbte, um schließlich auf dem Erdboden zu enden.

Der leuchtende Kegel kletterte suchend über den dunklen Felsen, tastete Stein um Stein ab, bis er schließlich an einer dunklen Stelle nahe der Felsendecke innehielt.

„Was mag der Sinn dieser Öffnungen zu sein.“ Dumont strengte seine Augen an, doch das diffuse Licht ließ sich nicht so weit durchdringen, um Einzelheiten wahrzunehmen.

„Da sind noch mehrere solcher Löcher im Gestein.“ Einer der Arbeiter war nähergetreten und zeigte mit seinem gestreckten Arm in die Richtung, in welcher er die Öffnungen wahrnahm.

„Wir brauchen eine Leiter“. Dumont sah den Mann, der sich nach vorne gedrängt hatte, fordernd an. Dieser deutete eine leichte Verbeugung an und verschwand aus dem Inneren der Höhle. Kurze Zeit später kam er zurück, über der Schulter eine ausziehbare Leiter aus Aluminium.

Zumindest die Ausrüstung lässt nichts zu wünschen übrig in dieser Einöde, in der wir nichts Anderes tun, als auf einen großen Erfolg zu warten, dachte Dumont bei sich. Einen Erfolg, an den kaum noch jemand zu hoffen wagt.

Auf sein Zeichen stellte der Mann die Leiter an und setzte einen Fuß unterhalb der unteren Sprosse an, um ein Verrutschen der Planken zu vermeiden.

Dumont stieg zaghaft eine Sprosse nach der anderen hinauf, den Lichtkegel seiner Taschenlampe auf den Felsen gerichtet.

Schließlich war er so hoch gestiegen, dass die Öffnungen vor ihm lagen. Um in sie hineinzublicken hätte er gerade noch zwanzig Zentimeter höher steigen müssen, doch dann hätte er den Haltegriff an der oberen Leitersprosse aufgeben müssen. Mit dem rechten Arm in die Aushöhlungen zu greifen war jedoch durchaus möglich.

Dumont setzte an, seine Hand in die Öffnung zu stecken, doch dann zuckte er zurück. Er sah nach unten in die erwartungsvollen Gesichter seines Arbeiterteams, dann wieder zu der angeleuchteten Öffnung im Felsgestein in der Wand über ihm.

Ein leichter Schauer und ein Kribbeln in der Bauchgegend überkamen ihn, als er sich vorstellte, dass diese Öffnung vielleicht ausschließlich Nester von irgendwelchen Reptilien oder giftigen Insekten sein würden.

Er schaute erneut nach unten und sah in die Gesichter, in denen sich Zweifel und Erwartung, aber auch Schadenfreude wiederspiegelten.

Ich sollte einen von ihnen beauftragen, fuhr es ihm durch den Kopf. Doch er verwarf den Gedanken sogleich wieder.

Es wäre unfair, dachte er bei sich. Sie profitieren nicht von den großen Funden, wenn es denn welche gibt. Sie erhalten ihren Lohn für getane Arbeit, nicht für offensichtliche Risiken.

Dumont kam eine Idee. „Ein paar kräftige Handschuhe bitte!“, rief er nach unten und wenige Minuten später fing er die von einem der Gruppe hochgeworfenen Arbeitshandschuhe auf, zog sie über und wagte einen erneuten Versuch.

Vorsichtig, sich mit der linken Hand am oberen Ende des linken Holmes festhaltend, wagte er den Vorstoß mit der rechten in die erste, ihm am nächsten liegende Öffnung. Vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter, glitt erst seine Hand, dann der Unterarm in die Felsöffnung.

Bis zum Ellbogen war sein Unterarm verschwunden, als Dumont mit dem Kopf schüttelte und den Arm herauszog.

„Da ist nichts“, rief er nach unten. Er tat dies lauter, als es notwendig gewesen war. Es war die Erleichterung darüber, dass im Inneren des Felsen keine Überraschung auf ihn gewartet hatte.

„Diese Höhle ist leer!“, rief er, immer noch in der erhöhten Lautstärke. „Ich werde es mit der zweiten versuchen.“

Kaum, dass er den Unterarm in die Öffnung gesteckt hatte, spürte er einen Widerstand und zuckte unwillkürlich zurück, dass es ihn fast von der Leiter gehauen hätte.

Als sich die Phobie in seinem Inneren etwas gelegt hatte, wagte er einen erneuten Versuch und die Tatsache, dass die Berührung seiner Hand einen harten Gegenstand ertastete, beruhigte ihn einigermaßen. Es war kein Tier, das seine Hand gefühlt. Es war kein Fell und auch keine glatte Haut, wie die einer Schlange. Das, was in der Höhle lag, war einfach nur hart.

Dumont tastete mit der rechten Hand, stehend auf den letzten Leitersprossen, die Linke den Holmen umklammernd, in der Höhle. Dann hatte er wieder diesen Kontakt. Er fühlte den Gegenstand ab und projizierte ihn von seiner Hand auf sein Gehirn.

Leder, dachte er. Es fühlt sich an wie Leder.

Er tastete weiter und konnte schließlich den Gegenstand greifen. Mit Daumen und Zeigefinger fasste er dieses Etwas wie mit einer Zange und zog vorsichtig daran. Schließlich war er imstande, mit der gesamten Hand zuzugreifen und beförderte den Gegenstand schließlich ans Tageslicht.

In seiner Hand hielt er ein Stück gegerbtes und ausgehärtetes Tierfell, dessen glatte Seite nach außen zeigte. Offensichtlich hatte man in dieses Fell etwas eingeschlagen. Etwas, das so groß war wie eine kleine Frauenhandtasche.

Dumont wusste gleich, dass er etwas in der Hand hielt, das eine lange Zeit überdauert hatte. Die Oberfläche des Fells war so trocken, dass er Bedenken hegte, der Druck seiner Hand würde es zerstören.

Vorsichtig stieg er die Leiter hinab, den Fund wie einen wertvollen Schatz in seiner gestreckten Hand haltend. Die Arbeiter, die seine Leiter stützen, wichen zurück und machten Dumont Platz, der seinen Fund nun mit beiden Händen zum Körper zog, um ihn so vor einem Herabfallen zu schützen.

Die Schar der Arbeiter wie in einem Schlepptau hinter sich herziehend, suchte Dumont zielstrebig das Zelt auf, das er mit Lafette teilte und wischte mit einer Bewegung seines Unterarmes die Reste des Frühstückmahls beiseite.

Als er schließlich seinen Fund vor sich auf dem Tisch betrachtete, fielen ihm die überkreuzten Schnüre auf, die ihm durch die Staubschicht auf dem Fell verborgen geblieben waren.

Etwas ist in das Fell eingeschlagen, dachte er. Der Professor muss her. Die Öffnung muss er vornehmen. Das hier ist seine Grabungsstelle. Ein wichtiger Fund wird sein Verdienst sein. Und nach einem wichtigen Fund sieht es verdammt noch mal aus.

Dumont nahm eine Wolldecke von seinem Lager und legte sie vorsichtig über den noch unbekannten Fund. Dann wandte er sich an den Vorarbeiter, eine Art Capo, der sein Vertrauen genoss.

„Du lässt das hier nicht aus den Augen! Hast du verstanden? Ich werde den Professor verständigen.“

„Sie werden sehen, Monsieur Lafette: Die Fellachen hat es doch hierhergezogen.“ Professor Rosenbaum wandte sich zu Dumont, der keuchend durch den Sand pflügte und rief:

„Na, mein Lieber, ich hoffe, Sie bringen gute Nachrichten. Haben Sie etwa den Beweis für die ehemalige Existenz von Fellachen an dieser Stätte gefunden? Was glauben Sie, Lafette, treibt diesen Mann durch den heißen Wüstensand?“

Dumont blieb kurz stehen und legte die letzten Meter gemächlich, aber atemlos zurück.

„Nein, keine Fellachen“, keuchte er, kaum wahrnehmbar. „Es ist etwas Anderes. Sie sollten es sich selbst ansehen.“

Rosenbaum schlug das Herz bis zum Hals, als er das in Fell eingeschlagene Paket in seinen Händen hielt.

Er betrachtete die Schnüre aus Lederstreifen, die den Fund zusammenhielten und unter der dicken Staubschicht kaum zu erkennen waren.

Was erwartet uns? dachte er. In fast ängstlicher Erwartung sah Rosenbaum erst George Dumont, dann Henri Lafette an. Sein Blick glitt weiter zu Luigi Zanolla, der sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn wischte.

Rosenbaum erhielt keine Antwort auf seine Frage, aber er sah die Erwartung in den Gesichtern seiner Mitarbeiter.

Er legte das Bündel vorsichtig auf dem Tisch ab und sah noch einmal in die Runde, als wolle er bereits in diesem Moment um Verzeihung bitten, sollte bei der Öffnung des Pakets etwas schiefgehen.

„Der Knoten ist nicht zu öffnen“, sagte er nach einiger Zeit des Bemühens, ihn mit den Fingernägeln zu öffnen.

Er sah eine Bewegung zu seiner rechten und blickte auf die glänzende Schneide eines langschäftigen Dolches.

„Versuchen Sie es damit“, sagte Lafette aufmunternd. „Ein zerschnittener Lederriemen wird die Geschichte nicht verändern.“

Rosenbaum nickte und nahm das Messer. Dann machte er sich daran, die Klinge mit vorsichtigen Bewegungen über den Lederriemen zu führen.

Dann hatte er es geschafft. Doch das Ziel war noch nicht erreicht. Das in sich verklebte Leder, in das der Inhalt eingeschlagen war, musste er mit dem Messer voneinander lösen. Während der gesamten Prozedur war es totenstill im Inneren des Zeltes. Auch die nach und nach hinzugeeilten einheimischen Arbeiter schienen den Atem anzuhalten.

Rosenbaum legte das Messer beiseite und schlug vorsichtig die Enden des Felles auseinander. Die Enttäuschung war seinem Gesicht anzusehen.

„Papiere“, stöhnte Rosenbaum. „Nur Papiere.“

„Vielleicht haben die Fellachen uns eine Nachricht hinterlassen“, kam die trockene Bemerkung von Dumont, der sofort verstummte, als ihn der strafende Blick des Professors traf.

Rosenbaum wandte sich kopfschüttelnd wieder dem Bündel, bestehend aus aufeinanderliegenden Schriftstücken zu und versuchte die zum Teil verblassten und sichtlich porösen Blätter vorsichtig voneinander zu lösen.

„Pergament“, sagte er leise vor sich hin. „Das ist Pergament. Beschriebenes Pergament. Für die Ewigkeit haltbar gemacht. Was zum Teufel ist das?“

Plötzlich klang seine Stimme erregt.

„Monsieur Dumont, die Leute sollen den Rest des Tages freimachen. Zanolla, Lafette, vor uns liegt ein gutes Stück Arbeit. Noch weiß ich nicht, was das hier zu bedeuten hat. Schieben Sie die Tische zusammen! Wir werden die Blätter voneinander trennen und einzeln sichten. Mein Gott, was kommt hier an Arbeit auf uns zu?“

*

Die Dunkelheit war hereingebrochen. Die einheimischen Arbeiter hatten sich in einem Zelt versammelt und genehmigten sich einen Schluck erfrischenden schwarzen Tees, angereichert mit Gewürzen wie Safran, Rosmarin und Nelken.

Rosenbaum hatte ihnen in seiner Euphorie ausnahmsweise Alkohol erlaubt, den die muslimischen Helfer jedoch mit weit ausholenden Gesten ablehnten. Doch nach Anbrechen der Dunkelheit, in der sie glaubten, dass Allah sie nicht sah, griffen sie hier und da verstohlen nach einem der gefüllten Gläschen.

Der Professor und seine Partner hatten den ganzen Nachmittag damit zugebracht, die einzelnen Pergament-Lagen voneinander zu trennen und auf den Tischen zu verteilen. Rosenbaum zählte rund dreißig Blätter. Dass es sich um Briefe handelte, hatte er bereits während der mühevollen Arbeit festgestellt. Kaum ein Wort war während dieser Zeit gewechselt worden. Jeder der vier Wissenschaftler versuchte konzentriert, keinen der Briefe zu beschädigen. Doch ab und zu verweilten sie über einem der Exemplare, um dem verblassten Text, der sich ihnen offenbarte, einen Inhalt zu entlocken.

„Aramäisch“, sagte der Professor plötzlich. „Sie sind in Aramäisch verfasst“.

„In der Sprache, in der Jesus Christus sich verständigte?“

Lafette sah den Professor erstaunt und erschrocken zugleich an.

„Jesus hat als Muttersprache sehr wahrscheinlich Aramäisch gesprochen, denn sie war zu jener Zeit Umgangssprache in Palästina“, antwortete Rosenbaum und beugte sich näher an eine der Schriften heran. „Aramäisch blieb bis zum Ende des 7. Jahrhunderts im Orient dominant. Erst als das Arabische populärer wurde, verdrängte es das Aramäisch nach und nach.“

„Heißt das, die Schriften könnten aus der Zeit um Christus stammen?“

„Möglich wäre das. Aber auch die anschließenden Jahrhunderte sind möglich. Wir werden die Expertisen abwarten müssen.“

Rosenbaum drehte sich zu seinen Kollegen um. „Ich schlage vor, wir machen Fotoaufnahmen von jedem einzelnen Blatt. Dann können wir den Inhalt in Ruhe digital auswerten.“

„Ich werde das übernehmen, wenn es Ihnen recht ist.“ Es war die Stimme Luigi Zanollas, der sich zum wiederholten Mal mit seinem Taschentuch über die schweißnasse Stirn fuhr.

Rosenbaum nickte und Zanolla traf seine Vorkehrungen für die Aufnahmen. Der Blick des Professors war weiterhin auf die Pergamente gerichtet. Nicht alles, aber ein Großteil von dem, was dort geschrieben stand, konnte er entziffern und deuten.

„Es scheint sich um Briefe zu handeln“, sagte er vor sich hin, was Lafette und Dumont veranlasste, näherzutreten und sich über die Schriften zu beugen, obwohl sie nicht in der Lage waren, auch nur ein Wort zu entziffern.

Auch Rosenbaum tat sich schwer, denn der Schreiber war offensichtlich kein Gelehrter gewesen. Ein einfacher Mann, dachte Rosenbaum. Des Schreibens kundig, wenn auch nur im Mittelmaß, aber immerhin.

Rosenbaum suchte nach einem Absender, einem Namen, den der Schreiber auf dem Pergament hinterlassen hatte.

Dann wurde er fündig. Unter einem der Texte, der in der Mitte eines der Blätter endete stand in der Ungelenkigkeit des ganzen Textes geschrieben: „Der Herr mit uns. Joshua.“

Also kein Apostelbrief, dachte Rosenbaum. Joshua ist kein Apostelname. Es wäre auch zu schön gewesen.