Das Erbe des Zauberers - Terry Pratchett - E-Book

Das Erbe des Zauberers E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Als der Magier Drum Billet seinen Zauberstab gemäß guter Sitte an den achten Sohn eines achten Sohnes übergeben will, macht er einen folgenschweren Fehler: Denn das Neugeborene ist ein Mädchen, und diesen ist der Zutritt zur Unsichtbaren Universität verwehrt. Nun kann nur noch Oma Wetterwachs den Zauberern in Sachen Gleichberechtigung auf die Sprünge helfen …

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Entdecke die Welt der Piper Fantasy:

Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst

ISBN 978-3-492-97229-1

Mai 2015

© 1987 Terry Pratchett

Titel der englischen Originalausgabe:

»Equal Rites«, Victor Gollancz Limited, London, in association with Colin Smythe Ltd 1987

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2005

Covergestaltung: Guter Punkt, München

Covermotiv: Anke Koopmann, Guter Punkt unter der Verwendung eines Motivs von Katarzyna Oleska

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Ich danke Neil Gaiman,

der uns das letzte überlebende Exemplar des

Liber Paginarum Fulvarum lieh.

Mein besonderer Gruß gilt allen Jungen und Mädchen

vom H. P. Lovecraft Holiday Fun Club.

Ich möchte hier betonen, dass dieses Buch keineswegs

verrückt ist. Eine solche Bezeichnung trifft nur auf

verkalkte Mathematiker zu, die Geometrie mit Lebensfreude verwechseln.

Und es ist auch nicht beknackt.

In der folgenden Geschichte geht es um Magie, wohin sie verschwindet und – was vielleicht noch wichtiger ist – woher sie kommt. Es sollen die Gründe dafür dargelegt werden, ohne dass Anspruch auf vollständige Beantwortung der aufgeworfenen Fragen erhoben wird.

Vielleicht könnte dieses Buch zu erklären helfen, warum Gandalf nie heiratete und Merlin ein Mann war. Denn es ist auch eine Geschichte über Sex, wobei der Autor allerdings nicht die athletisch-gymnastische Variante Zähl-die-Beine-und-teil-die-Summe-durch-zwei im Sinn hat. Es sei denn, die Protagonisten geraten außer Kontrolle. Was durchaus passieren könnte.

Hauptsächlich geht es um die Welt. Achtung, jetzt kommt der große Augenblick! Passen Sie gut auf; die Spezialeffekte sind ziemlich teuer.

Die musikalische Untermalung besteht aus einem bedeutungsvollen Summen, einer dumpfen Vibration, die den Zuhörer auf einen kosmischen Fanfarenstoß vorbereitet. Ungeachtet aller physikalischen Gesetze durchhallt das Brummen den leeren Raum, und das Bild zeigt einige Sterne, die wie Schuppen auf der Schulter Gottes funkeln.

Und dann gerät sie in Sicht, größer als der größte für den nächsten intergalaktischen Krieg ausgerüstete Schlachtkreuzer, den sich ein erfolgreicher C-Film-Regisseur vorstellen kann: eine zehntausend Meilen lange Schildkröte. Es ist Groß-A’Tuin aus der seltenen Gattung der Astrochelonia. Sie (oder er, in diesem Punkt sind die Gelehrten nicht ganz sicher) stammt aus einem Universum, in dem die Dinge weniger ihrer eigenen Natur entsprechen und mehr den Vorstellungen der Menschen und anderen Bewohner. Auf ihrem (oder seinem) meteoritenzernarbten Panzer stehen vier riesige Elefanten, die die runde Scheibenwelt auf gewaltigen Schultern tragen.

Die Perspektive verändert sich, und kurz darauf sieht der Zuschauer die ganze Welt im Licht der kleinen Sonne, die sie umkreist. Er beobachtet Kontinente, Archipele, Seen, Meere, Wüsten, Gebirge und sogar eine kleine Eiskappe in der Mitte. Mit Theorien über planetare Kugeln oder ähnlich haarsträubenden Unsinn können die Bewohner der Scheibenwelt natürlich nichts anfangen. Ihre Welt wird von einem runden Meer begrenzt, das in einem ewigen Wasserfall über den Rand der Scheibe ins All strömt, und sie ist so flach und platt wie eine geologische Pizza, der allerdings die Artischocken fehlen, von den Zwiebeln und der Salami ganz zu schweigen.

Auf einer derartigen Welt (die nur existiert, weil die Götter Sinn für Humor haben) gibt es genug Platz für Magie. Und natürlich auch für Sex.

Der alte Mann stapfte durchs Gewitter. Er trug einen langen Mantel und hielt einen Holzstab mit eigentümlichen Schnitzmustern in der Hand, doch was ihn in erster Linie als Zauberer verriet, war die Tatsache, dass die Regentropfen einen halben Meter über seinem Kopf verdampften.

Die Spitzhornberge stellten eine für ordentliche Gewitter bestens qualifizierte Region dar. Die Landschaft bestand größtenteils aus schroffen Graten, zerklüfteten Hängen, dichten Wäldern und so tiefen Flusstälern, dass das Tageslicht den Rückzug antreten musste, kaum hatte es den Boden erreicht. Faserige Wolkenfetzen klebten an den nicht ganz so hohen Berggipfeln unterhalb des Pfades, über den der Zauberer rutschte und schlitterte. Ein paar schlitzäugige Ziegen beobachteten ihn mit vagem Interesse. Solche Tiere werden schnell neugierig.

Gelegentlich blieb der alte Mann stehen und warf seinen Stab hoch in die Luft. Wenn er in den Matsch fiel, zeigte er immer in dieselbe Richtung, und dann seufzte der Zauberer, hob ihn auf und watete weiter durch den Schlamm.

Auf Beinen aus flackernden Blitzen marschierte das Unwetter durchs Gebirge, donnerte und knurrte grollend.

Der Zauberer verschwand hinter einem Felsvorsprung, die Ziegen zuckten mit den Achseln und fraßen nasses Gras.

Bis etwas anderes sie aufblicken ließ. Sie erstarrten, blinzelten überrascht und meckerten erschrocken.

Was eigentlich seltsam war, denn es befand sich niemand auf dem Pfad. Was die Ziegen jedoch nicht weiter kümmerte; sie sahen dem Nichts nach, bis es sich im grauen Wogen verlor.

Die Hütten des Dorfes standen in einem schmalen Tal zwischen hoch aufragenden bewaldeten Hängen. Das Dorf war nicht besonders groß und auf keiner Karte der Berge verzeichnet. Es hätte sogar Mühe gehabt, auf einer Karte des Dorfes zu erscheinen.

Es war einer der Orte, die nur existieren, damit jemand Angaben über seine Herkunft machen kann. Im Universum wimmelt es davon: in Schluchten verborgene Dörfer, halb vergessene Provinznester in weiten Savannen, einsame Schuppen in dunklen Wäldern. Sie gehen nur deshalb in die Geschichte ein, weil bedeutsame Ereignisse in einer so gewöhnlichen und langweiligen Umgebung ihren Anfang nahmen. Manchmal erinnert nur eine kleine Gedenktafel daran, dass entgegen aller gynäkologischen Möglichkeiten irgendeine Berühmtheit in halber Höhe einer Mauer geboren worden war.

Nebel wallte zwischen den Häusern, als der Zauberer eine kleine Brücke überquerte, unter der ein angeschwollener Wildbach rauschte. Er verharrte kurz, um sich zu orientieren, und hielt dann auf die Dorfschmiede zu. Der Nebel wird hier nur erwähnt, um die richtige Stimmung entstehen zu lassen; sein Wallen hat mit den folgenden Geschehnissen nichts zu tun. Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass es ein recht erfahrener Nebel war, der die Kunst des Wallens außerordentlich gut beherrschte.

In der Werkstatt des Dorfschmieds herrschte natürlich ziemliches Gedränge. Immerhin kann man guten Gewissens darauf vertrauen, dort nicht nur ein gut geschürtes Feuer vorzufinden, sondern auch einen Gesprächspartner. Mehrere Dorfbewohner hatten es sich im warmen Schatten gemütlich gemacht, und als der Zauberer eintrat, setzten sie sich erwartungsvoll auf und versuchten mit mäßigem Erfolg, intelligent zu wirken.

Der Schmied hielt es nicht für notwendig, sich so unterwürfig zu geben. Er nickte dem Zauberer zu und begrüßte ihn damit als Gleichrangigen – wenigstens sah er sich in einer solchen Rolle. Seiner Meinung nach kannte sich jeder halbwegs geschickte Schmied zumindest ein bisschen mit Magie aus.

Der Zauberer verneigte sich. Eine weiße Katze, die hinter dem Ofen lag, erwachte aus ihrem Schlummer und beobachtete ihn wachsam.

»Wie heißt dieser Ort, Herr?«, fragte der alte Mann.

Der Schmied hob die Schultern.

»Blödes Kaff«, sagte er.

»Blödes …?«

»Kaff«, wiederholte der Schmied herausfordernd und hob die Brauen. Offenbar befürchtete er eine Verletzung seines Heimatstolzes.

Der Zauberer dachte kurz nach.

»Gewiss ein Name, hinter dem sich eine interessante Geschichte verbirgt«, erwiderte er schließlich und fügte hinzu: »Die ich unter anderen Umständen gern hören würde. Leider bleibt mir nicht genügend Zeit. Ich bin gekommen, um mit dir über deinen Sohn zu sprechen.«

»Welchen meinst du?«, fragte der Schmied, und die Zuhörer kicherten leise. Der Zauberer lächelte.

»Du hast sieben Söhne, nicht wahr? Und du selbst bist ein achter Sohn, stimmt’s?«

Die Miene des Schmieds verhärtete sich. Er überlegte einige Sekunden und wandte sich den Dorfbewohnern zu.

»Na schön«, brummte er. »Ich glaube, es hört auf zu regnen. Haut ab! Ich und …« Er sah den Zauberer an und hob die Brauen.

»Drum Billet«, sagte der Alte.

»Ich und Drum Billet haben einiges zu besprechen.« Er winkte mit dem Hammer, und die anderen Männer gingen im Gänsemarsch zur Tür. Mehrmals blickten sie über die Schulter zurück, als hofften sie auf eine Zugabe, obwohl die Vorstellung noch gar nicht begonnen hatte.

Der Schmied zog zwei Stühle unter der Werkbank hervor, nahm eine Flasche aus dem Schrank neben dem Wasserbehälter und schenkte die beiden kleinsten Gläser voll, die er finden konnte.

Dann nahm er zusammen mit dem Zauberer Platz. Eine Zeit lang beobachteten sie den Regen und den Nebel, der mit kunstvoller Eleganz über die Brücke wallte. Schließlich sagte der Schmied: »Ich weiß, welchen Sohn du meinst. Die alte Oma Wetterwachs ist gerade oben bei meiner Frau. Der achte Sohn eines achten Sohns. Hm, ich verstehe. Der Gedanke ging mir durch den Kopf. Hab ihm aber keine große Beachtung geschenkt, um ganz ehrlich zu sein. Na so was. Ein Zauberer in der Familie, wie?«

»Wäre durchaus möglich«, entgegnete Billet. Die weiße Katze verließ ihren Schlafplatz, stolzierte würdevoll über den Boden, sprang auf den Schoß des Zauberers und rollte sich dort zusammen. Die dünnen Finger des alten Mannes streichelten sie geistesabwesend.

»Na so was«, wiederholte der Schmied. »Ein Zauberer im Blöden Kaff, mhm?«

»Ist nicht auszuschließen«, antwortete Billet. »Natürlich muss er zuerst die Universität besuchen. Aber er könnte es weit bringen.«

Der Schmied betrachtete diese Idee von allen Seiten und entschied, dass sie ihm gut gefiel. Dann erinnerte er sich an etwas.

»Einen Augenblick«, brummte er. »Ich versuche mich zu erinnern, was mir mein Vater erzählt hat. Ein Zauberer, der weiß, dass er nicht mehr lange lebt, kann seine Zauberei auf einen Nachfolger übertragen, nicht wahr?«

»Du hast es bemerkenswert klar ausgedrückt, ja«, bestätigte der Zauberer.

»Du wirst also sterben?«

»O ja.« Die Katze schnurrte, als der alte Mann sie hinter den Ohren kraulte.

Der Schmied wirkte verlegen. »Wann?«

Der Zauberer überlegte. »In etwa sechs Minuten.«

»Oh.«

»Sei unbesorgt«, fügte der Zauberer hinzu. »Ich freue mich sogar darauf, wenn ich ganz offen sein darf. Wie ich hörte, ist das Sterben völlig schmerzlos.«

Der Schmied runzelte die Stirn. »Wer hat dir das gesagt?«, fragte er.

Der Zauberer überhörte diese Frage. Er blickte aus dem Fenster zur Brücke und hielt im wogenden Dunst nach verräterischen Hinweisen Ausschau.

»Du solltest mir besser erklären, wie man einen Zauberer erzieht«, sagte der Schmied. »In dieser Gegend gibt es nicht besonders viele …«

»Das wird sich von allein regeln«, erwiderte Billet munter. »Die Magie hat mich zu dir geführt, und bestimmt kümmert sie sich auch um den Rest. Wie üblich. Habe ich da einen Schrei gehört?«

Der Schmied starrte zur Decke. Im Zimmer über der Werkstatt füllten sich zwei kleine Lungenflügel mit Luft und ließen sie voller Begeisterung entweichen. Das dabei erklingende Geräusch übertönte sogar das laute Prasseln des Regens.

Der Zauberer lächelte. »Lass ihn herbringen!«, sagte er.

Die Katze richtete sich auf und blickte interessiert in Richtung Tür. Als der Schmied zur Treppe trat und etwas rief, sprang sie auf den Boden, näherte sich den Stufen und schnurrte wie eine Bandsäge.

Kurze Zeit später kam eine hochgewachsene weißhaarige Frau herein und zeigte dem Schmied ein deckenumhülltes Bündel. Er nickte knapp und führte sie zum Zauberer.

»Aber …«, begann sie.

»Dies ist eine sehr wichtige Angelegenheit«, sagte der Schmied ernst. »Was tun wir jetzt, Herr?«

Der Zauberer hob seinen fast zwei Meter langen armdicken Stab. Die Schnitzmuster schienen sich zu verändern, während der Schmied sie betrachtete, als wollten sie ihm nicht zeigen, was sie darstellten.

»Das Kind muss ihn halten«, sagte Drum Billet. Der Schmied nickte und tastete im Deckenbündel umher, bis er eine winzige rosafarbene Hand entdeckte. Behutsam führte er sie zum Stab, und die kleinen Finger schlossen sich fest um das Holz.

»Aber …«, wandte die Hebamme ein.

»Es ist alles in Ordnung, Oma«, sagte der Schmied. »Mach dir keine Sorgen.« Und an den Zauberer gerichtet: »Sie ist eine Hexe, Herr. Laß dich von ihr nicht stören. Was nun?«

Der Zauberer schwieg.

»Was sollen wir jetzt …?« Der Schmied brach ab, beugte sich vor und betrachtete das Gesicht des Alten. Billet lächelte, doch es blieb ein Rätsel, was ihn so sehr erheiterte.

Der Schmied reichte den Säugling der Hebamme zurück, die inzwischen der Verzweiflung nahe zu sein schien. Dann löste er die dürren, blassen Finger des Magiers so behutsam wie möglich vom Zauberstab.

Er fühlte sich sonderbar schmierig an, und etwas knisterte wie statische Elektrizität. Das Holz war fast schwarz, aber die Verzierungen wirkten ein wenig heller, und als er den Blick auf sie richtete, entwickelten sie ein beunruhigendes Eigenleben.

»Bist du jetzt zufrieden?«, fragte die Hebamme.

»Wie? O ja, eigentlich schon. Warum?«

Die weißhaarige Frau zog einen Deckenzipfel beiseite. Der Schmied starrte auf eine bestimmte Stelle des winzigen Körpers und schluckte.

»Nein«, hauchte er. »Er sagte …«

»Und Leute wie er sind natürlich Experten auf diesem Gebiet, nicht wahr?«, erwiderte Oma spöttisch.

»Aber er war sich sicher, dass es ein Sohn ist!«

»Sieht mir ganz und gar nicht nach einem Söhnchen aus, du Dummkopf.«

Der Schmied ließ sich ächzend auf den Stuhl sinken und schlug die Hände vors Gesicht.

»Was habe ich getan?«, stöhnte er.

»Du hast der Welt die erste Zauberin gegeben«, stellte die Hebamme fest. »Pudiepudiepuh.«

»Wie?«

»Ich meinte das Kind.«

Die weiße Katze schnurrte und krümmte den Rücken, als striche sie um die Beine eines alten Freundes. Was seltsam erschien, denn es war niemand da.

»Ich glaube, mir ist ein schwerer Fehler unterlaufen«, sagte eine Stimme, die kein Sterblicher zu hören vermag. »Ich dachte, die Magie weiß, was sie tut.«

VIELLEICHT STIMMT DAS AUCH.

»Wenn ich doch nur eingreifen könnte …«

ES GIBT KEIN ZURÜCK, KEIN ZURÜCK, lautete die dunkle, hohl klingende Antwort. Es hörte sich an, als fiele die Tür einer Gruft zu.

Der aus reinem Nichts bestehende Nebelstreif namens Drum Billet dachte nach.

»Aber sie wird eine Menge Probleme bekommen.«

PROBLEME SIND DAS GEWÜRZ DES LEBENS. BEHAUPTET MAN JEDENFALLS. ICH SPRECHE NATÜRLICH NICHT AUS EIGENER ERFAHRUNG.

»Wie wär’s mit einer Reinkarnation?«

Der Tod zögerte.

DAS GEFIELE DIR BESTIMMT NICHT, GLAUB MIR, erwiderte die Grabesstimme.

»Und doch scheint so etwas seit einiger Zeit in Mode gekommen zu sein.«

MAN MUSS ES GELERNT HABEN. DIE MEISTEN FANGEN GANZ UNTEN AN UND ARBEITEN SICH LANGSAM HOCH. ACH, DU HAST JA KEINE AHNUNG, WIE SCHRECKLICH ES IST, EINE AMEISE ZU SEIN!

»Üble Sache, was?«

NOCH WEITAUS SCHLIMMER, ALS DU DIR VORSTELLEN KANNST. UND MIT DEINEM KARMA WÄRE DIE WIEDERGEBURT ALS AMEISE NOCH SEHR GROSSZÜGIG.

Inzwischen weilte das Baby wieder bei der Mutter. Der Schmied saß betrübt in seiner Werkstatt und starrte in den Regen hinaus.

Drum Billet kraulte die Katze hinter den Ohren und erinnerte sich an sein Leben. Es war recht lang gewesen – einer der Vorteile, ein Zauberer zu sein –, und er hatte viele Dinge angestellt, die er nun zu bedauern begann. Er hielt den Zeitpunkt für gekommen, seine guten Vorsätze endlich ernst zu nehmen …

WEISST DU, ICH HABE NICHT DEN GANZEN TAG ZEIT, sagte der Tod ein wenig vorwurfsvoll.

Der Zauberer blickte auf die Katze und bemerkte erst jetzt, wie komisch sie aussah.

Die Lebenden begreifen nur in den seltensten Fällen, wie kompliziert die Welt aussieht, wenn man sie aus der Perspektive eines Toten betrachtet. Der Tod befreit den Geist zwar aus der Zwangsjacke dreier Dimensionen, aber er trennt ihn auch von der Zeit, der vierten Dimension. Die Katze, die an Billets unsichtbaren Beinen entlangstrich, war zweifellos das Tier, das er vor einigen Minuten gestreichelt hatte. Gleichzeitig aber sah er ein noch blindes Junges, eine greise Katzendame und alle Stadien dazwischen, was, gelinde gesagt, verwirrend war. Das hypertemporale Geschöpf begann klein und endete dick, sah dadurch aus wie eine weiße katzenförmige Karotte – eine Beschreibung, die genügen muss, bis jemand vierdimensionale Adjektive entwickelt.

Die knöcherne Hand des Todes klopfte Billet sanft auf die Schulter.

KOMM JETZT, MEIN LIEBER!

»Kann ich ihr überhaupt nicht helfen?«

DAS LEBEN IST FÜR DIE LEBENDEN. JEDENFALLS, DU HAST IHR DEINEN ZAUBERSTAB GEGEBEN.

»Ja, das stimmt.«

Die Hebamme namens Oma Wetterwachs war eine Hexe. Daran hatten die Bewohner der Spitzhornberge nichts auszusetzen. Sie begegneten Hexen mit freundlichem Respekt, denn sie wollten morgens in der gleichen Gestalt erwachen, in der sie abends zu Bett gingen.

Der Schmied starrte noch immer finster in den Regen, als Oma in die Werkstatt zurückkehrte und ihn mit warziger Hand am Arm berührte.

Er blickte zu ihr auf.

»Was soll ich nur tun, Oma?«, fragte er und versuchte erst gar nicht, das Flehen aus seinem Tonfall zu verbannen.

»Wo befindet sich die Leiche des Zauberers?«

»Ich habe sie in den Schuppen gebracht. Ist das in Ordnung?«

»Ich denke schon«, entgegnete Oma Wetterwachs energisch. »Wir kümmern uns später darum.« Sie holte tief Luft. »Du musst jetzt den Zauberstab verbrennen.«

Sie drehten sich beide um und beobachteten den dicken Stab, den der Schmied in die dunkelste Ecke des Zimmers gestellt hatte. Er schien ihre Blicke zu erwidern.

»Aber er ist magisch«, flüsterte der achtfache Vater.

»Na und?«

» Kann ihm Feuer überhaupt etwas anhaben?«

»Er besteht aus Holz. Und Holz brennt.«

»Aber ist es richtig? Ich meine …«

Oma Wetterwachs schloss die breite Tür, stemmte die Arme in die Hüften und schnaufte.

»Hör mir mal gut zu, Gordo Schmied!«, sagte sie. »Zauberinnen sind ebenfalls nicht richtig! Derartige Magie eignet sich nicht für Frauen, nur für Männer. Es geht dabei um Bücher, Sterne und Gehmetrie. Das ist zu hoch für deine Tochter. Und außerdem: Wer hat jemals von einer Zauberin gehört?«

»Was ist mit Hexen?«, fragte der Schmied unsicher. »Und Beschwörerinnen?«

»Hexen stehen auf einem ganz anderen Blatt«, sagte Oma Wetterwachs scharf. »Ihre Magie kommt aus dem Boden, nicht vom Himmel. Und Männer könnten nicht damit umgehen. Was Beschwörerinnen angeht …« Die Hebamme schnitt eine Grimasse. »Sie sind nicht besser als ihr Ruf. Vertrau mir: Verbrenn den Stab, begrab die Leiche und vergiss die ganze Sache.«

Gordo Schmied nickte zögernd, trat zum Feuer und betätigte den Blasebalg, bis Funken flogen. Dann wandte er sich dem Zauberstab zu.

Er ließ sich nicht bewegen.

»Er lässt sich nicht bewegen!«

Schweiß perlte auf der Stirn des Mannes, als er an dem Holz zerrte. Es verharrte trotzig in der Ecke.

»Lass es mich mal versuchen«, sagte Oma Wetterwachs und schob sich an ihm vorbei. Es knallte dumpf, und der Schmied nahm einen Geruch wahr, der an verbranntes Zinn erinnerte.

Mit einem leisen Wimmern eilte Gordo durch die Kammer und beugte sich über Oma Wetterwachs, die an der gegenüberliegenden Wand zu Boden rutschte.

»Wie geht es dir? Hast du dir was gebrochen?«

Oma öffnete zwei Augen, die wie zornige Diamanten funkelten. »Ich verstehe. So ist das also.«

»So ist was?«, fragte der Schmied verdutzt.

»Hilf mir auf, du Narr, und besorg mir eine Axt.«

Die Schärfe in ihrer Stimme wies darauf hin, dass es eine sehr gute Idee war, ihr zu gehorchen. Der Schmied kramte weiter hinten in einem Hafen Gerümpel, bis er eine alte doppelköpfige Axt fand.

»Gut. Und jetzt nimm die Schürze ab.«

»Warum denn? Was hast du vor?« Der Schmied hatte das unangenehme Gefühl, dass er allmählich die Übersicht verlor. Oma Wetterwachs seufzte laut.

»Sie besteht aus Leder, du Idiot. Ich möchte sie um den Griff wickeln. Der Zauberstab soll mich nicht noch einmal auf diese Weise erwischen.«

Der Schmied nahm die große Schürze ab und reichte sie vorsichtig der Hexe. Oma Wetterwachs nahm sie entgegen, prüfte das Leder, umhüllte damit den Stiel der Axt und holte mehrmals versuchsweise aus. Dann schlich sie durch den Raum – eine spinnenartige Gestalt im Schein des flackernden Feuers –, näherte sich geduckt dem Zauberstab, hob ihre Waffe und ließ den geschärften Stahl mit einem triumphierenden Ächzen auf den magischen Widersacher herabsausen.

Etwas klickte. Etwas schnatterte wie ein aufgeregtes Rebhuhn. Es folgte ein Pochen.

Dann herrschte Stille.

Gordo Schmied hob zögernd die Hand, ohne den Kopf zu bewegen, und berührte die Klinge der Axt. Der Schaft fehlte, und das glänzende Metall steckte einen Millimeter über Gordos linkem Ohr in der Tür.

Oma Wetterwachs starrte auf den Axtgriff in ihrer Hand, verzog das Gesicht und schüttelte sich benommen. Ihre Gestalt wirkte ein wenig verschwommen und schien zu vibrieren.

»Nnnaaa ssschön«, stieß sie hervor. »Innn diesemmm Falll …«

»Nein«, sagte der Schmied fest und rieb sich das Ohr. »Ganz gleich, was du vorschlagen willst, die Antwort lautet: Nein. Lass es gut sein. Ich schiebe einige Sachen in die Ecke. Niemand wird das Ding bemerken. Mach dir nichts draus, Oma. Ist doch nur ein Holzstab.«

»Nur ein Holzstab?«

»Hast du eine bessere Idee? Vorzugsweise eine, bei der ich den Kopf auf den Schultern behalte?«

Oma Wetterwachs starrte wütend auf den Zauberstab. Er gab vor, ihr keine Beachtung zu schenken.

»Im Augenblick nicht«, räumte sie ein. »Aber wenn ich genügend Zeit habe, gründlich nachzudenken …«

»Schon gut, schon gut! Jedenfalls, es wartet Arbeit auf mich. Ich muss einen Zauberer begraben und so weiter. Du weißt ja, wie das ist.«

Gordo griff nach einem Spaten und zögerte.

»Oma?«

»Ja?«

»Weißt du, wie Zauberer begraben werden möchten?«

»Und ob!«

»Wie denn?«

Oma Wetterwachs blieb an der Treppe stehen.

»Widerwillig.«

Später wurde es dunkel, als das letzte Licht des Tages langsam aus dem Tal floss und der Nacht wich. Ein fahler, regennasser Mond kletterte über den schwarzen Himmel, begleitet von funkelnden Sternen. Im dunklen Garten hinter der Schmiede war das gelegentliche Klirren eines Spatens oder ein gedämpfter Fluch zu hören.

Im Zimmer über der Werkstatt schlief die erste Zauberin der Scheibenwelt in einer Wiege und träumte von … nicht viel.

Die weiße Katze döste auf einem Schemel hinter dem Ofen. Das einzige Geräusch in der warmen Schmiede stammte von den Kohlen, die leise knisternd unter grauer Asche abkühlten.

Der Zauberstab stand in der Ecke und fühlte sich recht wohl. Die Schatten in seiner Nähe schienen etwas dunkler zu sein, als es Schatten normalerweise sind.

Die Zeit nahm ihre Pflicht wahr und verstrich.

Irgendwo klimperte etwas, und verdrängte Luft zischte kaum hörbar. Nach einer Weile hob die Katze den Kopf und beobachtete aufmerksam, was im Zimmer geschah.

Der Morgen graute. Von den Spitzhornbergen aus gesehen war die Dämmerung immer sehr beeindruckend, erst recht dann, wenn ein ordentlicher Regenguss den Staub aus der Luft gespült hatte. Die kleineren Gipfel und Berge vor dem Kaff-Tal erstrahlten in violetten und orangefarbenen Tönen, als das Morgenlicht über sie hinwegtropfte. (Manche Leute sprechen in diesem Zusammenhang von »goldenem Sirup«. Es sei daran erinnert, dass die Scheibenwelt in ein ausgedehntes magisches Feld gehüllt ist, in dem Licht zu Trägheit und regelrechter Faulenzerei neigt.) In der fernen Ebene verharrten einige dunkle Pfützen der Nacht, und jenseits davon deutete ein gelegentliches Funkeln auf die Fluten des Meeres hin.

Tatsächlich konnte man vom Blöden Kaff bis zum Rand der Welt sehen.

Das ist keineswegs metaphorisch gemeint, sondern eine Tatsache. Immerhin ist die Scheibenwelt flach wie ein Pfannkuchen, und jedermann weiß, dass sie von vier Elefanten getragen wird, die ihrerseits auf dem Rücken der riesigen Sternenschildkröte Groß-A’Tuin stehen.

Das Dorf erwacht allmählich. Der Schmied hat bereits seine Werkstatt aufgesucht und dort mit ziemlichem Erstaunen festgestellt, dass sie so gut aufgeräumt ist wie schon seit hundert Jahren nicht mehr: Alle Werkzeuge befinden sich an ihrem Platz; der Boden ist gefegt und ein Feuer entzündet. Gordo nimmt auf dem großen Amboss Platz, der mitten im Raum steht (wo er hingehört), betrachtet den Zauberstab und versucht nachzudenken.

Während der nächsten sieben Jahre beschränkten sich die erwähnenswerten Ereignisse darauf, dass im Garten hinter der Schmiede ein Apfelbaum wesentlich schneller wuchs als die anderen. Häufig kletterte ein kleines Mädchen daran hinauf. Es hatte braunes Haar, eine deutlich sichtbare Zahnlücke und ein Gesicht, das zwar nicht unbedingt hinreißende Schönheit versprach, aber zumindest auffällige Attraktivität.

Das Mädchen hieß Eskarina, wofür es keinen besonderen Grund gab; seine Mutter fand einfach nur Gefallen am Klang dieses Namens. Oma Wetterwachs behielt es aufmerksam im Auge, ohne Anzeichen von Magie zu erkennen. Sicher, Eskarina verbrachte mehr Zeit damit, auf Bäume zu klettern und schreiend herumzulaufen als andere Mädchen, aber immerhin lebte sie mit vier älteren Brüdern unter einem Dach, und das erklärte eine Menge. Nach einer gewissen Zeit entspannte sich die Hexe und kam erleichtert zu dem Schluss, dass die Zauberei ohne Einfluss geblieben war.

Aber Magie hat die Angewohnheit, so auf der Lauer zu liegen wie eine Harke, die jemand im hohen Gras vergessen hat.

Erneut zog der Winter ins Gebirge, und diesmal war es ein sehr strenger. Die Wolken hingen wie fette Schafe über den Gipfeln der Spitzhornberge, füllten die Täler mit Schnee und luden ihre kalten Lasten auch über den Wäldern ab, deren Bäume unter dem schweren Weiß ächzten. Die hohen Pässe wurden geschlossen, und die nächsten Karawanen erwartete man erst im kommenden Frühjahr. Blödes Kaff verwandelte sich in eine Oase der Wärme und Geborgenheit.

»Ich mache mir Sorgen um Oma Wetterwachs«, sagte Esks Mutter beim Frühstück. »Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.«

Gordo Schmied stocherte in seinem Haferbrei.

»Darüber beklage ich mich nicht«, erwiderte er. »Sie …«

»Sie hat eine lange Nase«, warf Eskarina ein.

»Von taktlosen Bemerkungen dieser Art halte ich nichts«, tadelte sie ihre Mutter.

»Aber Vater hat mehrmals gesagt, dass sie ihre lange Nase immer wieder in seine Angelegenheiten ste…«

»Eskarina!«

»Aber er hat gesagt …«

»Ich habe gerade gesagt …«

»Ja, ich weiß, aber er hat gesagt …«

Gordo beugte sich vor und gab seiner Tochter eine Ohrfeige. Er schlug natürlich nicht hart zu, und außerdem bereute er es sofort. Seine Söhne bekamen eine Tracht Prügel, wenn sie es verdienten, und manchmal bestrafte er sie auch mit einem Lederriemen. Eskarina war nicht in dem Sinne ungezogen. Die Schwierigkeiten mit ihr bestanden in erster Linie darin, dass sie selbst dann hartnäckig an einem Thema festhielt, wenn man sie aufforderte, davon abzulassen. So etwas machte ihn immer nervös.

Das Mädchen brach in Tränen aus. Gordo stand auf und stapfte zur Schmiede, verlegen und wütend auf sich selbst.

Kurz darauf ertönte ein lautes Knacken, gefolgt von einem dumpfen Pochen.

Esks Mutter und ihre Sprösslinge fanden den Schmied reglos auf dem Boden liegen. Als er nach einer halben Stunde zu sich kam, behauptete er steif und fest, er sei mit dem Kopf gegen die Tür gestoßen. Was seltsam war, denn dem nicht sehr großen Gordo hatte die Tür bisher immer genug Platz geboten. Die schemenhafte Bewegung in einer besonders dunklen Ecke seiner Werkstatt, so wollte der Schmied glauben, hatte nichts damit zu tun.

Dieser Zwischenfall drückte dem folgenden Tag irgendwie seinen Stempel auf: Geschirr zerbrach; man trat sich gegenseitig auf die Füße, und es herrschte eine gereizte Stimmung. Esks Mutter ließ einen Krug fallen, der von ihrer Großmutter stammte, und als sie wenig später den Dachboden aufsuchte, musste sie feststellen, dass in einer Kiste alle Äpfel verfault waren. Das Feuer in der Schmiede qualmte verdrießlich und weigerte sich, richtig zu brennen. Der älteste Sohn Jaims rutschte auf dem vereisten Weg aus und verletzte sich am Arm. Die weiße Katze (oder eine ihrer Nachkommen – die Katzen führten ein privates und recht kompliziertes Familienleben im Heuschober neben der Schmiede) kletterte im Kamin der Spülküche hoch und lehnte es ab, wieder herunterzukommen. Selbst der Himmel schien grauer zu sein als sonst, und trotz des Schnees roch die Luft schal und stickig.

Angespannte Nerven, Langeweile und schlechte Laune drohten die figürliche Lunte zu entzünden und das symbolische Pulverfass zur Explosion zu bringen.

»So, jetzt reicht’s mir!«, entfuhr es Mutter Schmied. »Ich hab endgültig die Nase voll. Cern, geh mit Gulta und Esk zu Oma Wetterwachs und … He, wo ist Eskarina?«

Die beiden Jungen führten einen halbherzigen Kampf unter dem Tisch und legten eine kurze Pause ein.

»Im Garten«, antwortete Gulta. »Schon wieder.«

»Dann holt sie und verschwindet.«

»Aber es ist kalt draußen.«

»Und es schneit.«

»Folgt einfach der Straße. Sie ist deutlich genug zu sehen. Und was die Kälte angeht: Es kann gewiss nicht schaden, wenn sich eure erhitzten Gemüter ein bisschen abkühlen. Außerdem: Wer wollte denn unbedingt einen Schneemann bauen, als die ersten Flocken fielen? Los, bewegt euch! Und kehrt erst zurück, wenn ihr euch wieder daran erinnert, wie man sich benimmt!«

Esk saß in einer Astgabel des großen Apfelbaums. Die Jungen mochten ihn nicht besonders, und das hatte mehrere Gründe. Zum Beispiel war er so voller Misteln, dass er sogar im Winter grün blieb. Die Früchte wurden nicht größer als Herzkirschen: An einem Tag schmeckten sie so sauer, dass sich der ganze Mund zusammenzog, und am nächsten verdarben sie bereits und dienten Wespen als Heimstatt. Wenn man ihn so sah, konnte man es für leicht halten, in ihm zu klettern, aber er neigte dazu, dem ahnungslosen Kletterer seltsame Streiche zu spielen. Äste gaben nach, und Füße rutschten dort ab, wo sie eben noch festen Halt gehabt hatten. Cern behauptete, einmal sei ein Zweig nur deshalb geknickt, um ihn fallen zu lassen. Wie dem auch sei, der Baum tolerierte Eskarina, die ihn immer dann erstieg, wenn sie sich über irgendetwas ärgerte oder schlicht allein sein wollte. Und die Jungen spürten, dass ihr brüderliches Recht, die Schwester aufzuziehen, am Fuß des Stamms endete. Aus diesem Grund warfen sie nur einen Schneeball nach ihr. Er verfehlte das Ziel.

»Wir besuchen die Wetterwachs.«

»Aber du brauchst nicht mitzukommen.«

»Du würdest uns ohnehin nur aufhalten und weinen.«

Esk sah ernst auf sie hinab. Sie weinte nur selten, weil sie wusste, dass es kaum etwas nützte.

»Wenn ihr wollt, dass ich hierbleibe, komme ich mit«, erwiderte sie. Ein typisches Beispiel für die unter Geschwistern gebräuchliche Logik.

»Oh, wir wären dir sehr dankbar, wenn du uns begleitest«, sagte Gulta hastig.

»Freut mich, das zu hören«, entgegnete Eskarina, sprang und landete im hohen Schnee.

Ihre beiden Brüder hatten einen Korb dabei, der geräucherte Würstchen, eingelegte Eier und – da ihre Mutter ebenso klug wie großzügig war – auch einen Krug mit Pfirsichmarmelade enthielt, die in der Familie keinen großen Anklang fand. Trotzdem zog Frau Schmied jedes Jahr im Sommer los und pflückte wilde Pfirsiche, um erneut einen großen Vorrat anzulegen, auf den niemand sonderlichen Wert legte.

Die Bewohner des Blöden Kaffs hatten sich an die harten Winter gewöhnt und entlang der aus dem Ort führenden Straßen hohe Zäune errichtet, die Schneewehen auf dem Weg verhindern und Wanderern, vor allem Besuchern aus anderen Tälern, als Orientierungshilfe dienen sollten. Wenn sich Einheimische verirrten, so gerieten sie kaum in Gefahr: Irgendein unbesungenes Genie des Dorfrates hatte vor einigen Generationen vorgeschlagen, jeden zehnten Baum im Wald außerhalb des Ortes mit bestimmten Kennungen zu versehen, und zwar bis in eine Entfernung von fast zwei Meilen. Es hatte viele Jahre gedauert, all die Bäume zu markieren, und oft widmeten sich Männer in ihrer freien Zeit der verantwortungsvollen Aufgabe, die Schnitzzeichen in den vielen Stämmen zu erneuern. Manchmal tobten im Winter so heftige Schneestürme, dass man nicht einmal dann nach Hause zurückfand, wenn man einige Meter vor der eigenen Tür stand, und hilfreiche Kerben, von Fingern unter dem Schnee ertastet, hatten schon so manches Leben gerettet.

Es begann erneut zu schneien, als Eskarina und ihre Brüder die Straße verließen und den schmalen Pfad zum Haus der Hexe beschritten. Im Sommer wuchsen dort Himbeersträucher und große Büsche, doch jetzt war alles weiß.

»Keine Fußspuren«, sagte Cern.

»Nur die von Füchsen«, fügte Gulta hinzu. »Angeblich kann sich Oma in einen Fuchs verwandeln. Auch in andere Geschöpfe. Sogar in einen Vogel. Dadurch weiß sie immer, was vor sich geht.«

Sie blickten sich vorsichtig um. Und tatsächlich: Eine in die Jahre gekommene Krähe hockte auf einem nahen Baumstumpf und beobachtete sie.

»Auf Ritzenhöhe soll es eine ganze Familie geben, die sich in ein Wolfsrudel verwandeln kann«, sagte Gulta, der gern bei einem vielversprechenden Thema blieb. »Wisst ihr, eines Nachts schoss jemand auf einen Wolf, und am nächsten Tag humpelte die Familientante mit einer Pfeilwunde im Bein durch die Gegend …«

»Ich glaube nicht, dass sich Menschen in Tiere verwandeln können«, erwiderte Esk langsam.

»Und warum nicht, Fräulein Schlaukopf?«

»Oma ist ziemlich groß. Wenn sie sich in einen Fuchs verwandeln würde, wo blieben dann all die Teile, für die es keinen Platz gibt?«

»Sie würde sie einfach wegzaubern«, meinte Cern.

»Ich bezweifle, dass Magie auf diese Weise funktioniert«, sagte Eskarina. »Man kann nicht einfach irgendwelche Dinge beschwören. Es gibt da eine Art … Wippe. Wenn man aufs eine Ende drückt, kommt das andere in die Höhe …« Sie verstummte.

Ihre beiden Brüder starrten sie groß an.

»Oma Wetterwachs auf einer Wippe?«, fragte Gulta skeptisch. Cern lachte.

»Nein, ich meine: Wenn etwas geschieht, muss auch etwas anderes passieren. Glaube ich.« Eskarina runzelte verwirrt die Stirn und wich einer ungewöhnlich hohen Schneewehe aus. »Nur in der anderen … Richtung.«

»Das ist doch Unsinn«, sagte Gulta. »Erinnerst du dich noch an das Fest im letzten Sommer, an den Zauberer, der lebende Tauben und die merkwürdigsten Dinge aus dem Nichts erscheinen ließ? Er murmelte einfach ein paar magische Worte, hob die Arme – und schon flatterten Vögel aus seinem Hut. Es gab nirgends eine Wippe.«

»Aber eine Schaukel«, warf Cern ein. »Und eine Bude, in der man Dinge nach Dingen werfen musste, um Dinge zu gewinnen.«

»Und du hast nichts getroffen.«

»Du auch nicht. Du hast gesagt, die Dinge seien an Dingen befestigt, damit sie gar nicht herunterfallen konnten …«

Auf diese Weise ging es eine Zeit lang weiter, und schon nach wenigen Minuten vergaßen Gulta und Cern die Bemerkungen ihrer Schwester: Esk hörte ihnen nur mit halbem Ohr zu. Ich weiß genau, was ich meine, dachte sie. Magie ist ganz leicht. Man muss nur die Stelle finden, wo sich alles im Gleichgewicht befindet, und dort Druck ausüben. Ein Kinderspiel. Hat überhaupt nichts Magisches an sich. Die ganzen komischen Worte und Gesten sind nur dazu da, um … um …

Sie unterbrach ihre Überlegungen überrascht. Natürlich wusste sie, was sie meinte: Sie hatte es ganz deutlich vor dem inneren Auge. Aber sie konnte es nicht beschreiben, ihr fehlten die Worte.

Es ist nicht sehr angenehm, ein Puzzlespiel im eigenen Kopf zu finden und nicht zu wissen, wie man es zusammensetzen soll …

»Komm endlich, wenn du nicht die Nacht hier verbringen willst.«

Eskarina schüttelte den Kopf und folgte ihren beiden Brüdern.

Das Heim der Hexe bestand aus so vielen Erweiterungen und Anbauten, dass man kaum mehr erkennen konnte, wie das ursprüngliche Gebäude ausgesehen und ob es überhaupt eins gegeben hatte. Während des Sommers wuchsen überall Pflanzen, die Oma Wetterwachs ganz allgemein »Kräuter« nannte: seltsame Gewächse, die aus haarigen Stängeln, stacheligen Blättern und schlangenartigen Ranken bestanden, ausgestattet mit sonderbaren Blüten, bunten Früchten und seltsam aufgedunsenen Schoten. Nur Oma wusste, wozu sie dienten. Und wenn eine Ringeltaube hungrig genug war, um von dem exotischen Angebot zu kosten, so gab es zwei Möglichkeiten: Entweder kehrte sie schon nach kurzer Zeit kichernd und taumelnd in den Wald zurück, oder sie blieb für immer verschwunden.

Jetzt lag alles unter einer hohen Schneedecke. Ein zerfranster Windsack flatterte an einem Pfahl. Oma hielt nicht viel vom Fliegen, aber einige ihrer Freundinnen benutzten noch immer Besenstiele.

»Scheint verlassen zu sein«, sagte Cern.

»Kein Rauch«, stellte Gulta fest.

Die Fenster sahen wie finster starrende Augen aus, fand Esk, behielt diesen Gedanken aber für sich.

»Es ist nur Omas Haus«, sagte sie. »Weiter nichts.«

Eine Aura der Leere hüllte die Hütte ein, das spürten sie ganz deutlich. Und vor dem Hintergrund des Schnees wirkten die Fenster tatsächlich wie schwarze, drohend blickende Augen. Außerdem ließ im Winter kein Bewohner der Spitzhornberge sein Feuer ausgehen; das war eine Frage des Stolzes.

Eskarina hätte am liebsten vorgeschlagen: »Lasst uns nach Hause zurückkehren!« Doch sie wusste, dass ihre Brüder sofort einverstanden gewesen wären, und deshalb sagte sie: »Mutter hat von einem Schlüssel im Abort gesprochen.« Cern und Gulta zuckten unwillkürlich zusammen. Selbst ein völlig normaler unbekannter Abort hielt banale Schrecken bereit, zum Beispiel Wespennester, große Spinnen, geheimnisvolle Dinge, die unter der hohen Decke raschelten und möglicherweise (in einem besonders kalten Winter) einen kleinen Bären im Winterschlaf, der bei der ganzen Familie Verstopfung verursachte, bis man ihn überreden konnte, im Heuschober weiterzuschlafen. Wer mochte wissen, was einen im Abtritt einer Hexe erwartete?

»Soll ich mal nachsehen?«, fragte Eskarina.

»Wenn du unbedingt willst«, erwiderte Gulta wie beiläufig, und es gelang ihm fast, seine Erleichterung zu verbergen.

Schnee bildete eine hohe Barriere vor der Tür, und als es Esk schließlich gelang, sie aufzuziehen, hob sie überrascht die Brauen. Ihr Blick fiel in eine saubere, ordentliche Kammer, die nichts Unheilvolleres als einen alten Almanach enthielt. Genauer gesagt: die Hälfte eines alten Almanachs, die an einem Nagel hing. Oma Wetterwachs las mindestens ebenso gern, wie Fische am Strand liegen und sich sonnen, aber sie vertrat die Auffassung, dass Bücher – insbesondere die Exemplare mit angenehm dünnen Seiten – durchaus einen gewissen Zweck erfüllten.

Der Schlüssel teilte sich die Leiste an der Tür mit einer Schmetterlingspuppe und einem Kerzenstummel. Eskarina griff vorsichtig danach, achtete darauf, die metamorphierende Raupe nicht zu stören, und eilte zu den wartenden Jungen zurück.

Es war zwecklos, es an der Vordertür zu versuchen. Im Blöden Kaff wurden Vordertüren nur von Bräuten oder Leichen benutzt, und Oma hatte immer sorgfältig vermieden, das eine oder andere zu werden. Hinter der Hütte stießen Esk und ihre Brüder auf weitere Schneewehen und bemerkten eine dicke Eisschicht auf dem Wasser in der Regentonne.

Das Tageslicht strömte bereits vom Himmel, als sie sich zur Tür durchgruben und den Schlüssel ins Schloss steckten.

Die große Küche begegnete ihnen mit Dunkelheit und Kühle, und es roch dort nur nach Schnee. In solchen Zimmern war es natürlich immer dunkel, aber normalerweise sollte im breiten Kamin ein großes Feuer brennen und den blubbernden Inhalt eines großen Kessels erhitzen. Esk hatte keine Ahnung, was Hexen immerzu kochten, aber sie wusste vom Hörensagen, dass man von den Dünsten Kopfschmerzen bekam oder plötzlich seltsame Dinge sah.

Voller Unbehagen wanderten sie umher und riefen mehrmals Omas Namen, bis Esk schließlich entschied, dass sie es nicht länger vermeiden konnten, den ersten Stock aufzusuchen. Die ins Treppenhaus führende Tür quietschte lauter als gewöhnlich.

Oma Wetterwachs lag mit verschränkten Armen auf dem Bett. Das kleine Fenster stand offen, und vom Wind hereingewehter pulvriger Schnee lag auf dem Boden, bis zum Bett.

Esk starrte auf die Flickendecke unter der alten Frau, denn manchmal konnten kleine Details die ganze Welt ausfüllen. Wie aus weiter Ferne hörte sie Cerns Schrei. Ihre Gedanken kehrten in die Vergangenheit zurück, und sie erinnerte sich daran, wie Vater Schmied diese Decke angefertigt hatte, vor zwei Wintern, als der Schnee fast ebenso hoch gelegen und es in der Werkstatt nicht viel zu tun gegeben hatte. Er hatte Fetzen all der Stoffe verwendet, die es durch eine Laune des Schicksals nach Blödes Kaff verschlug, zum Beispiel Seide, Dilemmaleder, Wasserwolle und Thargaleinen. Da man mit einem Schmiedehammer nicht besonders gut nähen konnte, bestand das Ergebnis aus einem unansehnlichen Etwas, das kaum wie eine Steppdecke aussah, sondern eher einer flachen Schildkröte ähnelte. Esks Mutter hatte daraufhin klugerweise beschlossen, Oma Wetterwachs ein großzügiges Geschenk zu machen …

»Ist sie tot?«, wandte sich Gulta an Eskarina, als wäre seine Schwester eine Expertin auf diesem Gebiet.

Esk starrte auf die Hexe hinab. Ihr Gesicht war eingefallen und grau, und die reglose Brust deutete darauf hin, dass sie das Atmen für unnötig und lästig hielt. Traf diese Beschreibung auf Tote zu?

Gulta straffte tapfer die Schultern.

»Wir sollten gehen und jemandem Bescheid geben«, brachte er heiser hervor. »Und wir sollten uns sofort auf den Weg machen, denn es wird bald dunkel.« Er holte tief Luft und fügte hinzu: »Aber Cern bleibt hier.«

Sein Bruder sah ihn entsetzt an.

»Warum?«, fragte er.

»Jemand muss Totenwache halten«, sagte Gulta. »Erinnerst du dich? Als der alte Onkel Derghart starb, hat Vater die ganze Nacht im Kerzenschein an seinem Bett gesessen. Wenn man eine Leiche einfach im Stich lässt, kommt was Grässliches, raubt einem die Seele und bringt sie … irgendwohin«, fügte er unsicher hinzu. »Und dann ist man verhext. Ich meine: Dann spukt es dauernd, und …« Er brach ab.

Cern öffnete den Mund, um noch einmal zu schreien.

»Ich bleibe«, warf Eskarina schnell ein. »Es macht mir nichts aus. Ist doch nur die alte Oma.«

Gulta musterte sie erleichtert.

»Steck ein paar Kerzen an oder so«, schlug er vor. »Das tut man in solchen Fällen. Glaube ich. Und dann …«

Vom Fenster her vernahmen sie ein leises Kratzen. Eine Krähe hockte auf der Fensterbank und beäugte sie argwöhnisch. Gulta erschrak und warf seinen Hut nach ihr. Der Vogel flog mit einem vorwurfsvollen Krächzen davon, und Esks Bruder klappte rasch die Fensterläden zu.

»Ich hab sie hier schon mal gesehen«, sagte er. »Ich glaube, Oma füttert sie. Hat sie gefüttert«, berichtigte er sich. »Jedenfalls, wir holen jemand und sind in null Komma nichts wieder hier. Verlass dich drauf. Komm, Ce!«

Sie eilten die dunkle Treppe hinab. Eskarina ließ die beiden Jungen aus dem Haus und verriegelte die Tür hinter ihnen.

Die Sonne schwebte als rote Scheibe dicht über den Bergen, und einige frühe Sterne funkelten bereits am Himmel.

Esk ging durch die finstere Küche und fand nach kurzer Suche eine kleine gezogene Kerze und eine Zunderbüchse. Es dauerte eine Weile, bis es ihr gelang, die Kerze anzuzünden, aber das flackernde Licht erhellte das Zimmer nicht; es bevölkerte die Dunkelheit nur mit Schatten. Sie entdeckte Omas alten Schaukelstuhl, machte es sich darin gemütlich und wartete.

Die Zeit verstrich. Nichts geschah.