Die Farben der Magie - Terry Pratchett - E-Book

Die Farben der Magie E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Seit mehr als dreißig Jahren begeistern Terry Pratchetts Romane von der bizarren Scheibenwelt Millionen Leser weltweit. Die neun ersten Scheibenweltbände zählen unbestritten zu den besten. Sie liegen nun vollständig neu bearbeitet und aktualisiert vom Originalübersetzer Andreas Brandhorst vor - mit Sammelcover und in einzigartiger Ausstattung, die das Regal jedes Fans zum Pratchett-Schrein werden lässt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 324

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Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst

© 1983 Terry Pratchett

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Colour of Magic«, Colin Smythe Ltd., Great Britain 1983

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München 2004

Covergestaltung: Guter Punkt, München

Covermotiv: Anke Koopmann, Guter Punkt unter der Verwendung eines Motivs von Katarzyna Oleska

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Prolog

In einer fernen und gebrauchten Dimension, in einer astralen Sphäre, die das Unmögliche zur Norm erhebt, wogen die Sternennebel und teilen sich …

Seht nur …

Dort kommt die Schildkröte Groß-A’Tuin. Langsam schwimmt sie durch den interstellaren Ozean – Wasserstoffeis klebt an ihren dicken Beinen, und Meteore haben zahllose Krater im riesigen alten Panzer hinterlassen. Aus tränenden Augen groß wie Meere, von Asteroidenstaub verklebt, blickt die Schildkröte einzig und allein zum Ziel.

Mit geologischer Trägheit ziehen Gedanken durch ein Gehirn, das größer ist als eine Stadt, und die meisten gelten dem Gewicht.

Für das Gewicht sind in erster Linie Berilia, Tubul, Groß-T’Phon und Jerakeen verantwortlich, die vier riesigen Elefanten, auf deren breiten, vom Sternenschimmern gebräunten Schultern die Scheibenwelt ruht. Ein langer Wasserfall schmückt ihren Rand, und darüber wölbt sich das himmelblaue Firmament.

Bisher haben die Astropsychologen noch nicht herausgefunden, woran die Elefanten denken.

Die Existenz der Sternenschildkröte galt nur als Hypothese, bis man im kleinen geheimnisvollen Königreich von Krull, wo die randnächsten Berge über den Wasserfall hinausreichen, ein Flaschenzuggerüst auf der steilsten Klippe baute. Von dort aus ließ man mehrere Beobachter in einer mit Quarzfenstern ausgestatteten Messingkapsel über den Rand hinab; sie sollten feststellen, was sich unter der Welt befand.

Jene frühen Astrozoologen – ganze Sklavenheere zogen an Seilen und Tauen, um sie von ihrer ersten Forschungsmission zurückzuholen – sammelten viele Informationen über Gestalt und Natur A’Tuins und der Elefanten, aber grundsätzliche Fragen nach Sinn und Zweck des Universums blieben unbeantwortet.

Zum Beispiel: War A’Tuin weiblichen oder männlichen Geschlechts? Die Astrozoologen wiesen mit wissenschaftlicher Autorität darauf hin, dass man nur mithilfe eines noch größeren und leistungsfähigeren Flaschenzuggerüsts (ganz zu schweigen von längeren Seilen) Aufschluss gewinnen könne. Bis dahin ließ der bekannt gewordene Kosmos nur Spekulationen zu.

Einige Theoretiker behaupteten, A’Tuin sei aus dem Nichts gekommen und setze ihren Weg ins Nichts mit gleichmäßigem Kriechen – beziehungsweise mit beständigem Schreiten – fort, bis in alle Ewigkeit. Diese Theorie erfreute sich bei Akademikern großer Beliebtheit.

Wer dazu neigte, die Welt aus einer religiösen Perspektive zu betrachten, zog folgende Alternative vor: A’Tuin kroch (oder lief?) vom Geburtsort zur Paarungszeit, wie alle Sterne am Himmel, die natürlich ebenfalls von Himmelsschildkröten getragen wurden. Dort stand ihm – oder ihr – eine kurze und leidenschaftliche Paarung bevor, die erste und letzte in seinem (ihrem) Leben, und das Ergebnis dieser feurigen Vereinigung bestand aus neuen Schildkröten, denen das Schicksal neue Welten auf den Rücken legte. Man sprach in diesem Zusammenhang von der sogenannten Urbums-Hypothese.

An diesem ereignisreichen Abend beschloss ein junger Spezialist für kosmische Schildkröten – ein Mitglied der Kriechen/Laufen-Fraktion –, sein neues Teleskop zu testen, in der Hoffnung, die genaue Albedo vom rechten Auge Groß-A’Tuins festzustellen. Als er während seiner Experimente mittwärts blickte, sah er Rauch über der ältesten Scheibenweltstadt.

Später in der Nacht vertiefte er sich so sehr in seine Studien, dass er den Qualm völlig vergaß. Trotzdem war er der erste unbeteiligte Beobachter, der ihn bemerkte. Es gab noch andere …

Die Farben der Magie

Feuer loderte in der Zwillingsstadt Ankh-Morpork. Als es das Viertel der Zauberer erreichte, flackerte es blau und grün; hier und dort stoben sogar Funken in der achten Farbe Oktarin. Einige besonders kühne Flammen erreichten die Bottiche und Ölfässer an der Kaufmannsstraße, woraufhin Explosionen krachten und prasselnde Fontänen entstanden. In den Gassen der Parfümmischer gewann der beißende Rauch einen süßlichen Duft. Wo die Glut hungrig durch Lagerkammern von Arzneimeistern und Drogisten knisterte und dabei seltene getrocknete Kräuter verschlang, verloren Menschen den Verstand und sprachen zu Gott.

Inzwischen brannte die ganze Innenstadt von Morpork. Die wohlhabenderen und würdigeren Bürger von Ankh auf der anderen Seite des Flusses reagierten ausgesprochen tapfer auf diese bedrohliche Situation, indem sie in fieberhafter Eile die Brücken zerstörten. Aber die Schiffe an den Morpork-Docks – ihre Ladung bestand aus Korn, Baumwolle und Holz, und hinzu kam ein Anstrich aus Teer – standen bereits lichterloh in Flammen. Ihre Vertäuung verwandelte sich in Asche, und daraufhin trieben sie mit der Ebbe fort, entzündeten Villen und Lauben am Ufer und glitten wie langsam ertrinkende Glühwürmchen zum Meer. Funken flogen in der Brise und landeten weit entfernt in abgelegenen Gärten und trockenen Heuschobern.

Der Rauch des fröhlichen Feuers stieg meilenweit hoch und bildete eine vom Wind zerfaserte Säule, die man auf der ganzen Scheibenwelt sehen konnte.

Sie sah auch noch recht beeindruckend aus, wenn man sie einige Wegstunden entfernt von der kühlen, dunklen Hügelkuppe beobachtete, auf der zwei Gestalten standen und der Rauchsäule beträchtliches Interesse entgegenbrachten.

Der größere Mann knabberte an einem Hähnchenschenkel und stützte sich auf sein Schwert, das nur etwas kürzer war als ein durchschnittlicher Mensch groß. Eine Aura wachsamer Intelligenz umgab ihn – andernfalls hätte man ihn vielleicht für einen Barbaren aus der mittwärtigen Wildnis gehalten.

Sein Gefährte war wesentlich kleiner und von Kopf bis Fuß in einen braunen Umhang gehüllt. Später, wenn er Gelegenheit bekommt, sich zu bewegen, werden wir sehen, dass seine Bewegungen die leichtfüßige Eleganz einer Katze haben.

Während der letzten zwanzig Minuten hatten die beiden Männer kaum ein Wort gewechselt – abgesehen von einer kurzen Diskussion, die ohne schlüssiges Ergebnis blieb und bei der es um die Frage ging, ob eine besonders eindrucksvolle Explosion auf das zentrale Öllager oder die magische Werkstatt des Hexenmeisters Keribel zurückging. Geld stand auf dem Spiel.

Der Hüne leckte die letzten Fleischreste vom Knochen, warf ihn ins Gras und lächelte kummervoll.

»Schade um die kleinen Gassen«, sagte er. »Sie gefielen mir.«

»Und die Schatzkammern«, murmelte der Kleine. Nachdenklich fügte er hinzu: »Ob Diamanten brennen? Man sagt, sie bestehen aus Kohle.«

Der größere Mann ging nicht darauf ein. »Und dann das Gold. Schmilzt jetzt und fließt durch den Rinnstein. Und der Wein. Kocht in den Fässern.«

»Es gab Ratten in der Stadt«, sagte sein brauner Begleiter.

»Ratten, ja. Lässt sich nicht leugnen.«

»Und der Gestank. Im Hochsommer hielt man’s dort nicht aus.«

»Zugegeben. Trotzdem wird einem irgendwie, äh, anders ums Herz. Ich meine …«

Der Hüne brachte den Satz nicht zu Ende, doch dann erhellte sich seine Miene. »Wir schulden dem alten Fredor vom Scharlachroten Blutsauger acht Silberlinge«, sagte er. Der kleine Mann nickte.

Sie schwiegen, während mehrere Explosionen eine rote Furche durch ein bis dahin dunkles Viertel der größten Stadt der Scheibenwelt brannten. Dann trat der Große vom einen Bein aufs andere.

»Schleicher?«

»Ja?«

»Ich frage mich, wer dafür verantwortlich ist.«

Der kleine Schwertkämpfer namens Schleicher gab keine Antwort. Er beobachtete die Straße im rötlichen Zwielicht. Nur wenige Reisende waren aus jener Richtung gekommen, denn das Deosil-Tor gehörte zu den ersten Pforten, die in einer Wolke aus glühender Asche einstürzten.

Doch jetzt näherten sich zwei Personen. Schleichers Augen, die in Dämmerung und Halbdunkel am besten sahen, erkannten zwei Reiter, denen ein kleines Tier folgte. Zweifellos handelte es sich um reiche Kaufleute, auf der Flucht mit wertvollen Dingen, die sie schnell zusammengerafft hatten. Schleicher richtete entsprechende Worte an seinen großen Begleiter, der leise seufzte.

»Nun, eigentlich sind wir keine Straßenräuber«, erwiderte der Barbar. »Aber eins steht fest: Die Zeiten sind hart, und heute Nacht gibt’s keine weichen Betten.«

Er schloss die Hand fester um das Heft des Schwerts. Als der erste Reiter herankam, trat er auf die Straße, hob die Hand und zeigte ein Grinsen, das sowohl beruhigen als auch drohen sollte.

»Entschuldige bitte, Herr«, begann er.

Der Reiter zügelte sein Pferd und schob die Kapuze zurück, woraufhin der Barbar ein Gesicht mit mehreren leichten Verbrennungen und den Resten eines versengten Barts sah. Selbst die Augenbrauen waren verschwunden.

»Hau ab!«, knurrte der Reiter. »Du bist Bravd der Mittländer*, nicht wahr?«

Bravd spürte, dass man ihm die Initiative gestohlen hatte.

»Geh mir aus dem Weg, hast du verstanden?«, fuhr der Fremde fort. »Ich habe jetzt keine Zeit für dich, kapiert?«

Er blickte sich um und fügte hinzu: »Das gilt auch für deinen verlausten Gefährten, der die Schatten liebt – wo immer er sich jetzt versteckt.«

Schleicher näherte sich dem Pferd und musterte die recht mitgenommen wirkende Gestalt.

»He, du bist der Zauberer Rincewind, nicht wahr?«, fragte er in einem erfreuten Ton und merkte sich die Worte des Magiers, um später genüsslich Rache dafür zu nehmen. »Die Stimme klingt vertraut.«

Bravd spuckte und schob das Schwert in die Scheide. Es lohnte nur selten, sich auf einen Kampf mit Zauberern einzulassen – es steckte fast nie etwas Wertvolles in ihren Taschen.

»Für einen Gossenzauberer riskiert er eine ziemlich dicke Lippe«, brummte er.

»Ihr versteht nicht«, erwiderte Rincewind erschöpft. »Ich habe solche Angst vor euch, dass sich mein Rückgrat in Brei verwandelt. Allerdings leide ich derzeit an einer Überdosis Entsetzen. Ich meine, wenn ich mich davon erholt habe, finde ich bestimmt Gelegenheit, euch angemessen zu fürchten.«

Schleicher deutete zur brennenden Stadt.

»Kommst du aus dem Feuer?«, fragte er.

Der Zauberer hob eine rote, von einigen Brandblasen gezierte Hand. »Ich bin dort gewesen, als es begann. Seht ihr ihn?« Er nickte zur Straße hinüber. Sein Begleiter war noch immer damit beschäftigt, sich zu nähern; er hatte eine besondere Methode des Reitens entwickelt, bei der er alle paar Sekunden aus dem Sattel fiel.

»Und?«, fragte Schleicher.

»Er ist schuld an den Flammen«, sagte Rincewind schlicht.

Bravd und Schleicher beobachteten den Mann. Er hüpfte nun über den Weg, mit einem Fuß im Steigbügel.

»Ein Brandstifter, wie?«, knurrte Bravd schließlich.

»Nein«, widersprach Rincewind, »nicht unbedingt. Lasst es mich so ausdrücken: Wenn vollständiges, absolutes Chaos in Form von Blitzen kommt, so steht er während eines Gewitters auf der Kuppe eines hohen Hügels, trägt dabei eine Kupferrüstung und ruft: ›Zur Hölle mit allen Göttern!‹ Habt ihr was zu essen?«

»Leckere Hähnchen«, sagte Schleicher. »Für eine Geschichte.«

»Wie heißt er?«, fragte Bravd, der bei Gesprächen oft den Anschluss verlor.

»Zweiblum.«

»Zweiblum?«, wiederholte der Barbar. »Ein seltsamer Name.«

»Ja.« Rincewind stieg ab. »Und das ist noch längst nicht alles. Hähnchen, wie?«

»Scharf gewürzt«, sagte Schleicher. »Und knusprig gebraten.«

Gebraten, dachte Rincewind und stöhnte leise. Dieses Wort weckte höchst unangenehme Erinnerungen in ihm.

»Da fällt mir ein …« Schleicher schnippte mit den Fingern. »Vor etwa einer halben Stunde kam es zu einer besonders großen Explosion …«

»Damit hat sich das zentrale Öllager verabschiedet.« Rincewind verzog das Gesicht, als er sich an den brennenden Regen erinnerte.

Schleicher drehte sich um, sah seinen Gefährten an und lächelte erwartungsvoll. Bravd brummte leise und gab ihm eine Münze. Kurz darauf ertönte ein Schrei von der Straße; Rincewind blickte nicht von seinem Hähnchenschenkel auf.

»Es gibt viele Dinge, die er nicht kann, und dazu gehört auch das Reiten«, sagte er. Dann ballte sein Gedächtnis die Faust und rammte sie in die Magengrube des Gewissens. Rincewind ächzte leise, wirbelte herum und stürmte davon. Als er zurückkehrte, lag Zweiblum schlaff auf seiner Schulter. Der Mann – das Wesen – war klein und dürr, trug eine seltsame Kniehose und ein buntes Hemd. Die Farben seiner Kleidung bildeten einen so grellen Kontrast zueinander, dass Schleichers empfindsame Augen selbst im Zwielicht schmerzten.

»Offenbar sind keine Knochen gebrochen«, sagte Rincewind. Er atmete schwer. Bravd zwinkerte Schleicher zu und trat dann an das Etwas heran, das sie für ein Lasttier hielten.

»Haltet euch davon fern!« Rincewind untersuchte noch immer den bewusstlosen Zweiblum. »Eine große Macht schützt es, glaubt mir.«

»Ein Zauber?«, fragte Schleicher und ging in die Hocke.

»Nein, das nicht, aber eine Art Magie. Glaube ich jedenfalls. Allerdings nicht die übliche Sorte. Ich meine, es kann Gold in Kupfer verwandeln, obwohl es Gold bleibt. Es macht Männer reich, indem es ihr Eigentum zerstört. Es erlaubt den Schwachen, unerschrocken unter Dieben zu wandeln. Es marschiert durch die dicksten Türen, um streng bewachte Schätze zu erreichen. Mich hat es versklavt, und deshalb bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diesem Wahnsinnigen zu folgen und ihn vor allem Übel zu bewahren. Es ist stärker als du, Bravd. Ich glaube, es ist sogar schlauer als du, Schleicher.«

»Und wie heißt diese mächtige Magie?«

Rincewind hob die Schultern. »In unserer Sprache nennt man sie Widerhallendes-Geräusch-wie-von-unterirdischen-Geistern.Habt ihr auch Wein?«

»Weißt du, ich bin nicht ohne Geschick, soweit es Magie betrifft«, sagte Schleicher. »Im letzten Jahr habe ich, mithilfe meines Gefährten hier, den mächtigen Erzmagus von Ymitury um seinen Stab, den Gürtel mit Mondjuwelen und sein Leben gebracht – etwa in dieser Reihenfolge. Ich fürchte dieses Widerhallende-Geräusch-wie-von unterirdischen-Geistern nicht, aber du hast mein Interesse geweckt. Darf ich dich bitten, uns mehr zu erzählen?«

Bravd betrachtete das Etwas auf der Straße. Es war jetzt näher, und seine Umrisse zeichneten sich im schwachen Licht des Morgengrauens deutlicher ab. Sonderbarerweise sah das Ding aus wie …

»Eine Truhe mit Beinen?«, brachte er hervor.

»Ich erkläre euch alles«, bot sich Rincewind an. »Vorausgesetzt, ihr habt Wein.«

Unten im Tal donnerte und zischte es. Jemand, der vernünftiger war als die meisten anderen Bürger, hatte den Befehl gegeben, die großen Schleusentore dort zu schließen, wo der breite Ankhstrom aus der Zwillingsstadt floss – daraufhin trat er über die Ufer und erreichte schon nach kurzer Zeit die vom Feuer heimgesuchten Straßen. Aus dem Kontinent der Flammen wurden einige Inseln, die rasch schrumpften, als die dunkle Flut höher stieg. Dampf gesellte sich Rauch und Qualm über der Stadt hinzu und verschlang das Licht der Sterne. Schleicher verglich die Form der Wolke mit der eines riesigen Pilzes.

Die Zwillingsstadt des stolzen Ankh und schäbigen Morpork – keine andere Stadt in Raum und Zeit kann es mit ihr aufnehmen – hat in ihrer langen und recht bewegten Vergangenheit viele Katastrophen überstanden, um anschließend wieder aufzublühen. Das Feuer und die Flut, die alles zerstörte, was nicht dem Feuer zum Opfer fiel (und die den Überlebenden einige weitere scheußliche Probleme bescherte), bedeuteten keineswegs das Ende der Metropole. In diesem Zusammenhang handelte es sich eher um ein Satzzeichen, um ein kohleschwarzes Komma oder ein feuriges Semikolon in einer Geschichte mit vielen weiteren Kapiteln.

Einige Tage vor dem Brand kam ein Schiff mit der Dämmerungsflut über den Ankh, steuerte wie viele andere das Morpork-Ufer an und erreichte schließlich das Labyrinth aus Docks und Kais. Die Fracht bestand aus rosaroten Perlen, Milchnüssen, Bimsstein, einigen offiziellen Briefen für den Patrizier von Ankh – und einem Mann.

Dieser Mann weckte die Aufmerksamkeit des Blinden Hugo, eines Bettlers, der schon früh am Perlendock arbeitete. Er gab dem Rheumatischen Wa einen Stoß in die Rippen und zeigte in die entsprechende Richtung.

Der Fremde wartete nun auf der Anlegestelle und beobachtete einige schnaufende Seeleute, die eine große Truhe mit Messingbeschlägen über die Laufplanke trugen. Neben ihm stand ein anderer Mann, offensichtlich der Kapitän. Er wirkte seltsam aufgeregt, ebenso die Matrosen … Die Nerven des Blinden Hugo vibrierten selbst dann, wenn sie fünfzig Schritte entfernt die Anwesenheit einer kleinen Menge von unreinem Gold spürten, und jetzt heulten sie geradezu – der Kapitän und die Seeleute wähnten sich in der Nähe von Reichtum.

Und tatsächlich: Als die Truhe auf dem Kopfsteinpflaster stand, öffnete der Fremde einen Beutel, und eine Münze blitzte. Mehrere Münzen. Aus Gold. Der Blinde Hugo zitterte wie eine Wünschelrute, die nahes Wasser fühlt, und pfiff leise. Dann stieß er Wa noch einmal in die Rippen und schickte ihn durch eine nahe Gasse ins Herz der Stadt.

Als der Kapitän an Bord seines Schiffes zurückkehrte und einen verwirrten Fremden auf dem Kai zurückließ, griff der Blinde Hugo nach seinem Bettelnapf, überquerte die Straße und grinste einschmeichelnd. Der Reisende bemerkte ihn und tastete nach seinem Beutel.

»Ich wünsche dir einen guten Tag, Herr«, begann der Blinde Hugo und starrte in ein Gesicht mit vier Augen. Er wandte sich zur Flucht.

»!«, sagte der Fremde und hielt ihn am Arm fest. Hugo hörte das Lachen der Seeleute, die an der Reling des Schiffes standen, und gleichzeitig nahmen seine spezialisierten Sinne die Nähe von viel Geld wahr. Er erstarrte. Der Reisende ließ ihn los, zog ein kleines Buch hinter seinem Gürtel hervor und blätterte eilig darin. »Hallo«, sagte er schließlich.

»Was?«, erwiderte Hugo. Der Mann sah ihn groß an.

»Hallo?«, wiederholte er etwas lauter als notwendig. Er sprach so sorgfältig artikuliert, dass Hugo hörte, wie die Vokale an ihren Platz rückten.

»Selber hallo«, sagte er. Der Fremde lächelte, schob erneut die Hand in den Beutel und zog eine große Goldmünze daraus hervor – sie war sogar noch größer als eine ankhianische Krone im Wert von achttausend Dollar. Das Muster darauf sah der Blinde Hugo nun zum ersten Mal, aber es fiel ihm ganz und gar nicht schwer, die Sprache der Münze zu verstehen. Mein gegenwärtiger Besitzer braucht Beistand und Hilfe, sagte sie. Du solltest ihm beides gewähren. Dann können wir beide losziehen und uns irgendwo amüsieren.

Kleine Veränderungen in der Haltung des Bettlers sorgten dafür, dass sich der Fremde entspannte. Erneut warf er einen Blick in das kleine Buch.

»Ich möchte zu einem Hotel, Taverne, Pension, Gasthaus, Hospiz, Herberge, Karawanserei«, sagte er.

»Was, alles auf einmal?«, entfuhr es Hugo verblüfft.

»?«, entgegnete der Mann.

Hugo stellte fest, dass einige Marktweiber, Muscheltaucher und freiberufliche Gaffer interessiert zusahen.

»Nun, ich kenne eine gute Taverne. Genügt das?« Er schauderte bei der Vorstellung, dass die Goldmünze aus seinem Leben entkam. Hugo wollte sie in jedem Fall behalten, auch wenn Ymor den Rest beschlagnahmte. Und die Truhe, die den größten Teil des Gepäcks darzustellen schien … Sie erweckte den Eindruck, mit Gold gefüllt zu sein.

Der Vieräugige blickte in sein Buch.

»Ich möchte zu einem Hotel, Ruhestätte, Taverne …«

»Ja, schon gut«, unterbrach Hugo den Fremden hastig. »Komm!« Er hob eins der Bündel auf und ging mit langen Schritten über den Kai. Der Reisende zögerte kurz und folgte ihm dann.

Ein bestimmter Gedanke zog durch die Aufregung hinter Hugos Stirn. Er hielt es für einen ausgesprochenen Glücksfall, dass er den Fremden einfach so zur Gebrochenen Trommel bringen konnte – Ymor würde ihn vielleicht dafür belohnen. Andererseits: Sein neuer Bekannter wirkte recht freundlich, aber irgendetwas an ihm bereitete Hugo Unbehagen. Er überlegte angestrengt, fand jedoch keine Erklärung. Es ging dabei nicht um die beiden zusätzlichen Augen, so seltsam sie auch sein mochten. Nein, es gab einen anderen Grund. Vorsichtig blickte er zurück.

Der kleine Mann schlenderte hinter ihm über die Straße und beobachtete seine Umgebung mit großem Interesse.

Dann sah Hugo etwas, das ihn erschauern ließ.

Die große Holztruhe, die bis eben auf dem Kopfsteinpflaster gestanden hatte, folgte ihrem Herrn und schaukelte dabei von einer Seite zur anderen. Hugo bückte sich ganz langsam – um zu vermeiden, dass ihm eine plötzliche Bewegung die Kontrolle über seine Knie raubte – und spähte unter die Kiste.

Viele kleine Beine ragten aus ihr hervor.

Der Blinde Hugo drehte sich sehr bedächtig um und setzte den Weg zur Gebrochenen Trommel fort.

»Seltsam«, sagte Ymor.

»Er hatte eine große Holztruhe«, fügte der Rheumatische Wa hinzu.

»Wahrscheinlich ist er Kaufmann – oder Spion.« Ymor löste ein Stück Fleisch vom Schnitzel in seiner Hand und warf es hoch. Es hatte noch nicht den Zenit der Flugbahn erreicht, als aus einer finsteren Ecke des Raums ein Schatten heransauste und nach dem Brocken schnappte.

»Ein Kaufmann oder Spion«, wiederholte Ymor. »Ein Spion wäre mir lieber. Spione bezahlen doppelt – man bekommt eine Belohnung, wenn man sie meldet. Was meinst du, Withel?«

Der zweitgrößte Dieb von Ankh-Morpork saß Ymor gegenüber, hatte das eine Auge halb geschlossen und zuckte die Schultern.

»Ich habe den Kahn überprüft«, erwiderte er. »Ein freies Handelsschiff, das gelegentlich die Braunen Inseln anläuft. Die Leute dort sind Wilde und haben keine Ahnung von Spionen. Und Kaufleute stecken sie vermutlich in den Kochtopf.«

»Eigentlich sah er eher wie ein Händler aus«, sagte Wa. »Abgesehen davon, dass er nicht dick ist.«

Flügel knisterten am Fenster. Ymor stemmte sich hoch, durchquerte das Zimmer und kehrte mit einem großen Raben zurück. Nachdem er die Nachrichtenkapsel vom Bein gelöst hatte, flog der Vogel zu seinen Artgenossen, die zwischen den Dachsparren hockten. Withel sah dem Tier skeptisch nach. Ymors Raben standen in dem Ruf, ihrem Herrn treu ergeben zu sein, und seine eigenen Erfahrungen bestätigten das: Withels Versuch, sich zum größten Dieb von Ankh-Morpork zu befördern, hatten Ymors rechter Hand das linke Auge gekostet. Aber wenigstens nicht das Leben. Ymor warf einem Mann nie seinen Ehrgeiz vor.

»B12«, sagte der Meisterdieb, legte die kleine Phiole beiseite und entrollte den Zettel.

»Gorrin die Katze«, sagte Withel automatisch. »Im Glockenturm des Tempels der Geringen Götter postiert.«

»Er schreibt, dass Hugo den Fremden zur Gebrochenen Trommel gebracht hat. Nun, das sind gute Neuigkeiten. Breitmann ist ein … Freund von uns, nicht wahr?«

»Ja«, brummte Withel. »Solange für ihn was dabei herausspringt.«

»Offenbar gehörte heute auch dein Mann Gorrin zu seinen Kunden«, sagte Ymor wie beiläufig. »Denn er schreibt hier von einer Truhe mit Beinen, wenn ich das Gekritzel richtig entziffere.« Er musterte Withel über den Zettel hinweg.

Der zweitgrößte Dieb von Ankh-Morpork andte den Blick ab. »Ich werde ihn dafür zur Rechenschaft ziehen«, versprach er leise. Wa sah, wie sich der ganz in Schwarz gekleidete Withel zurücklehnte und dabei so harmlos wirkte wie ein Randland-Puma, der sich auf einem Dschungelast zum Sprung duckte. Er glaubte, dass Gorrin bald eine Reise zu den vielen Gottheiten in den multiplen Dimensionen des Jenseits bevorstand. Und er schuldet mir noch drei Kupfermünzen!, dachte er.

Ymor zerknüllte den Zettel und warf ihn fort. »Wir sollten der Trommel später einen Besuch abstatten. Vielleicht probieren wir das Bier, das dein Mann so gern trinkt.«

Withel antwortete nicht. Ymors rechte Hand zu sein … Es fühlte sich an, als würde man man mit parfümierten Schnürsenkeln langsam zu Tode geprügelt.

Die Zwillingsstadt Ankh-Morpork, urbanes Zentrum am Runden Meer, war die Heimat von vielen Banden, Verbrechergilden, Syndikaten und ähnlichen Organisationen – einer der Gründe für ihren Reichtum. Die ärmeren Bürger auf der entgegengesetzten Seite des Flusses, in Morporks Irrgarten aus kleinen Gassen und dunklen Nebenstraßen, verdienten sich etwas zu ihrem geringen Einkommen hinzu, indem sie kleine Aufgaben für die rivalisierenden Banden erledigten. Als Hugo und Zweiblum den Hof der Gebrochenen Trommel erreichten, wussten die Anführer der wichtigsten kriminellen Vereinigungen, dass sich jemand in der Stadt befand, der viel Gold besaß. Die Berichte der aufmerksamsten Spione enthielten Einzelheiten über ein Buch, das dem Fremden mitteilte, was er sagen sollte, und über eine Truhe, die sich von ganz allein bewegte. Diese Hinweise hielt man für absurd: Kein Zauberer, der solche Magie beschwören konnte, wagte sich näher als eine Meile an die Morpork-Docks heran.

Die meisten Bewohner der Stadt standen entweder gerade auf oder gingen zu Bett, und deshalb gab es in der Gebrochenen Trommel nur wenige Leute, die beobachteten, wie Zweiblum die Treppe herabkam. Als die Truhe hinter ihm erschien und selbstbewusst über die Stufen wankte, starrten die wenigen Gäste an den Holztischen argwöhnisch in ihre Becher.

Breitmann trieb gerade den kleinen Troll an, der die Theke putzte, als das Trio an ihm vorbeimarschierte. »Meine Güte, was ist das denn?«, platzte es aus ihm heraus.

»Achte einfach nicht darauf!«, zischte Hugo. Zweiblum blätterte schon wieder in seinem Buch.

»Was macht er da?«, fragte Breitmann und stemmte die Arme in die Hüften.

»Es legt ihm Worte in den Mund«, murmelte Hugo. »Klingt lächerlich, ich weiß.«

»Wie kann ein Buch jemandem Worte in den Mund legen?«

»Ich möchte eine Unterkunft, Zimmer, Quartier, Vollpension, sind die Räume sauber, ein Zimmer mit gutem Ausblick, was kostet eine Übernachtung«, sagte Zweiblum in einem Atemzug.

Breitmann sah Hugo an. Der Bettler hob die Schultern.

»Er hat viel Geld«, sagte er.

»Na schön. Drei Kupfermünzen. Und das Ding kommt in den Stall.«

»?«, erwiderte der Fremde. Breitmann hob drei rote Finger, und daraufhin nickte der Vieräugige. Er griff in seinen Beutel, holte drei große Goldmünzen hervor und drückte sie Breitmann in die Hand.

Der Wirt starrte auf sie hinab – sie waren etwa viermal so viel wert wie die Gebrochene Trommel, Personal inklusive. Er richtete den Blick auf Hugo, der erneut die Schultern zuckte. Dann sah er den Fremden an und schluckte.

»Ja«, sagte er mit unnatürlich hoher Stimme, »und dann natürlich die Mahlzeiten. Äh. Verstehst du? Essen. Du hast doch sicher Hunger, wie?« Er bewegte Hände und Mund.

»Ässen?«, wiederholte der kleine Mann.

»Ja.« Breitmann begann zu schwitzen. »An deiner Stelle würde ich in dem kleinen Buch nachsehen.«

Der Fremde öffnete es und strich mit dem Zeigefinger über eine Seite.

Breitmann las nicht sehr häufig, weil es ihm zu viel Mühe bereitete, aber jetzt beugte er sich vor und versuchte, die Schriftzeichen in dem Buch zu entziffern. Es gelang ihm nicht.

»Ähssen«, sagte der Reisende. »Ja. Schnitzel, Gulasch, Kotelett, Eintopf, Ragout, Frikassee, Hackfleisch, Auflauf, Knödel, Pudding, Fruchteis, Haferschleim, Würstchen, ich möchte kein Würstchen, Bohnen, ohne Bohnen, Beilagen, Grütze, Marmelade. Geflügelinnereien.« Er hob den Kopf und strahlte.

»Das alles?«, fragte Breitmann unsicher.

»Es ist nur seine Ausdrucksweise«, sagte Hugo. »So spricht er eben. Frag mich jetzt bloß nicht nach dem Grund.«

Die Blicke aller Augen im Zimmer waren auf den Fremden gerichtet – bis auf zwei, die dem Zauberer Rincewind gehörten. Er saß in der dunkelsten Ecke und nippte an einem kleinen, halb gefüllten Krug Bier.

Seine Aufmerksamkeit galt der Truhe.

Beobachten Sie Rincewind.

Sehen Sie sich ihn genau an: dürr wie die meisten Zauberer, gekleidet in einen dunkelroten, mit matten Pailletten besetzten Umhang, die abgewetzten Stickmuster mystischen Symbolen nachgebildet. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein einfacher magischer Lehrling, der seinen Meister aus Trotz, Langeweile und einer hartnäckigen Neigung zur Heterosexualität verlassen hatte. Aber am Hals trug er eine Kette mit dem bronzenen Oktagon, das ihn als Absolventen der Unsichtbaren Universität auswies – jenes Lehrinstituts für Magie, dessen in Raum und Zeit transzendenter Campus nie genau hier oder dort ist. Wer die Ausbildung beendete, nahm zumindest den akademischen Grad eines Magus ein, aber Rincewind hatte die Universität nach einem unglücklichen Zwischenfall mit nur einem Zauberspruch verlassen. Derzeit verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht, indem er sein Sprachtalent nutzte. Aus prinzipiellen Gründen hielt er nichts von geregelter oder gar anstrengender Arbeit, aber er zeichnete sich durch eine schnelle Auffassungsgabe aus, die seine Bekannten an ein schlaues Nagetier erinnerte. Außerdem: Er erkannte intelligentes Birnbaumholz auf den ersten Blick. Jetzt sah er es und konnte es kaum fassen.

Wenn sich ein Erzmagus große Mühe gab und viel Geduld aufbrachte, so gelang es ihm vielleicht, irgendwann einen kleinen Stab aus dem Holz des intelligenten Birnbaums zu bekommen. Solche Pflanzen gediehen nur an den Orten alter Magie. In allen Städten am Runden Meer gab es wahrscheinlich nicht mehr als zwei solche Zauberstäbe. Eine große Truhe aus diesem Material … Rincewind begann zu rechnen, aber schon nach wenigen Sekunden bekamen die Zahlen zu viele Stellen. Eins stand fest: Selbst wenn die Kiste bis zum Rand mit Sternopalen, Goldbarren und anderen Schätzen gefüllt war – ihr Wert übertraf den Inhalt um ein Vielfaches. In der Schläfe des Zauberers pulsierte eine Ader.

Er stand auf und schlenderte zu dem Trio hinüber.

»Kann ich irgendwie behilflich sein?«, fragte er.

»Verschwinde, Rincewind!«, knurrte Breitmann.

»Ich dachte nur, dass es vielleicht nützlich sein könnte, in seiner Muttersprache mit ihm zu reden«, erwiderte der Zauberer ruhig.

»Er kommt auch so ganz gut zurecht«, sagte der Wirt, wich jedoch einige Schritte zurück.

Rincewind sah den Fremden an, lächelte höflich und formulierte einige Worte auf Chimärianisch. Er war stolz darauf, diese Sprache fließend zu beherrschen, doch der Fremde starrte ihn nur groß an.

»Das klappt nicht«, meinte Hugo klug. »Er braucht das Buch. Es sagt ihm, was er sagen soll. Magie.«

Rincewind versuchte es mit Hochborograwianisch, Wangelmescht, Sumtri und sogar Schwarz-Oroogu, einer Sprache ohne Substantive und mit nur einem Adjektiv, das obszön klingt. Jedes Mal bestand die Reaktion aus freundlichem Unverständnis. Verzweifelt spielte der Zauberer seinen letzten linguistischen Trumpf aus: primitives Trob. Daraufhin zeigte sich ein erfreutes Grinsen im Gesicht des Fremden.

»Endlich!«, entfuhr es ihm. »Das ist wirklich erstaunlich, werter Herr!« (Die wörtliche Übersetzung des letzten Trob-Wortes lautete: »eine Sache, die nur einmal während der nutzbaren Existenz eines Kanus geschieht, das von Axt und Feuer mit sorgfältigem Fleiß aus dem Stamm des höchsten Diamantholzbaums geschnitzt wurde, der im bekannten Diamantholzwald an den unteren Hängen des Berges Awayawa wuchs, Heim der Feuergötter, wie es heißt.«)

»Worüber hat er so lange gesprochen?«, brummte Breitmann misstrauisch.

»Was hat der Wirt gesagt?«, fragte der kleine Mann.

Rincewind schluckte. »Breitmann … Bitte gib uns zwei Krüge von deinem besten Bier.«

»Du verstehst ihn?«

»Oh, natürlich.«

»Sag ihm, äh, dass er sehr willkommen ist. Das Frühstück kostet eine Goldmünze.« Einige Sekunden lang wies Breitmanns Gesichtsausdruck darauf hin, dass in ihm ein heftiger innerer Kampf stattfand, und schließlich fügte er in einem akuten Anfall von Großzügigkeit hinzu: »Damit ist auch deins bezahlt.«

»Fremder«, sagte Rincewind ruhig, »wenn du hierbleibst, wird man dich noch in dieser Nacht erstechen oder vergiften. Lächle auch weiterhin, denn sonst ereilt mich ein ähnliches Schicksal.«

»Oh, ich bitte dich«, erwiderte der Reisende und sah sich um. »Dies ist doch ein reizendes Plätzchen. Eine echte morporkianische Taverne. Weißt du, ich habe viel davon gehört. Das alte Holz schafft eine sehr angenehme Atmosphäre. Und dann der günstige Preis …«

Rincewind ließ den Blick rasch durch den Schankraum schweifen, für den Fall, dass ihn ein magisches Leck im Zaubererviertel auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses an einen anderen Ort versetzt hatte. Aber nein, er befand sich noch immer in der Gebrochenen Trommel: die Wände fleckig vom Rauch, auf dem Boden vergammeltes Stroh mit zahlreichen Käfern – das bittere Bier wurde hier nicht in dem Sinne verkauft, nur für eine Weile verliehen. Rincewind versuchte, diesen allgemeinen Eindruck mit Worten wie »malerisch« oder »idyllisch« in Verbindung zu bringen, beziehungsweise mit dem geeigneten Trob-Äquivalent: »jene angenehm absonderliche Struktur, wie man sie in den Korallenhäusern der sich von Schwämmen ernährenden Pygmäen im Bereich der Orohai-Halbinsel findet.«

Rincewinds Fantasie gab erschöpft auf. »Ich heiße Zweiblum«, sagte der Fremde und streckte die Hand aus. Instinktiv hielten die drei anderen Männer nach einer Münze darin Ausschau.

»Sehr erfreut«, entgegnete der Zauberer. »Ich bin Rincewind. Hör mal, ich hab’s eben ernst gemeint. Hier ist es sehr gefährlich.«

»Umso besser! Einen derartigen Ort habe ich gesucht!«

»Wie bitte?«

»Was enthalten die Krüge?«

»Oh, Bier. Danke, Breitmann. Ja, Bier. Du weißt schon. Bier.«

»Aha, das traditionelle Getränk. Ein kleines Goldstück dürfte als Bezahlung genügen, oder? Ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen.«

Zweiblum holte eine Münze hervor.

»Arrgh«, krächzte Rincewind. »Ich meine: Niemand wird sich beleidigt fühlen. Da bin ich ganz sicher.«

»Gut. Eben hast du gesagt, hier sei es gefährlich. Soll das heißen, dass oft Helden und Abenteurer hierherkommen?«

Rincewind dachte darüber nach. »Ja?«, brachte er hervor.

»Ausgezeichnet. Ich würde gern einige kennenlernen.«

Der Zauberer glaubte plötzlich zu verstehen. »Oh, du bist gekommen, um Söldner (›Krieger, die für den Stamm mit den meisten Milchnüssen kämpfen‹) in deine Dienste zu nehmen?«

»Nein, ich möchte ihnen nur begegnen. Damit ich später in meiner Heimat von ihnen erzählen kann.«

Rincewind überlegte. Wenn Zweiblum den typischeren Gästen der Gebrochenen Trommel begegnete, so bedeutete es wahrscheinlich, dass er nie in seine Heimat zurückkehren würde. Es sei denn, sie befand sich flussabwärts und er trieb zufällig daran vorbei.

»Woher stammst du?«, fragte der Zauberer. Breitmann, so merkte er jetzt, war davongeschlichen und in einem Hinterzimmer verschwunden. Hugo saß an einem nahen Tisch und behielt sie argwöhnisch im Auge.

»Hast du von der Stadt Bes Pelargic gehört?«

»Nun, ich habe nicht viel Zeit in Trob verbracht. Ich war damals nur auf der Durchreise …«

»Oh, sie liegt nicht in Trob. Ich beherrsche diese Sprache nur deshalb, weil viele BinTrobi-Schiffe unsere Häfen anlaufen. Bes Pelargic ist der wichtigste Seehafen des Achatenen Reiches.«

»Sagt mir gar nichts, tut mir leid.«

Zweiblum hob die Brauen. »Tatsächlich nicht? Es ist eine ziemlich große Stadt. Man erreicht sie, wenn man von den Braunen Inseln aus eine Woche lang drehwärts segelt. Fühlst du dich nicht gut?«

Er eilte um den Tisch herum und klopfte dem Zauberer auf den Rücken. Rincewind hatte sich an seinem Bier verschluckt.

Der Gegengewicht-Kontinent!

Drei Straßen entfernt legte ein alter Mann eine Münze ins vorbereitete Säurebad und beobachtete sie aufmerksam. Breitmann wartete ungeduldig. Das Zimmer erfüllte ihn mit Unbehagen: Es blubberte in kleinen Bottichen und Bechergläsern; in den Wandregalen zeigten sich die schattenhaften Umrisse von Schädeln und ausgestopften Unmöglichkeiten.

»Na?«, fragte er.

»Diese Dinge darf man nicht überstürzen«, erwiderte der alte Alchimist mürrisch. »Solche Untersuchungen dauern eine Weile. Ah.« Er stieß die Untertasse an, auf der die Münze nun in grünlichem Schaum lag, zog dann ein Pergament heran und nahm einige Berechnungen vor.

»Außergewöhnlich interessant«, sagte er schließlich.

»Ist sie echt?«

Der Alte schürzte die Lippen. »Das kommt ganz auf die Definition des Begriffes ›echt‹ an«, entgegnete er. »Wenn du mich fragst, ob dieses Stück Metall unseren Fünfzigdollarmünzen entspricht, so lautet die Antwort nein.«

»Ich wusste es!«, stöhnte der Wirt und wandte sich der Tür zu.

»Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt«, sagte der Alchimist. Breitmann drehte sich verärgert um.

»Was soll das heißen?«

»Weißt du, seit einiger Zeit ist unsere Währung nicht mehr das, was sie einmal war. Im Lauf der Jahre hat sich der Goldgehalt auf inzwischen vier von zwölf Teilen verringert. Um einen Ausgleich zu schaffen, benutzt man Silber, Kupfer …«

»Worauf willst du hinaus?«

»Diese Münze unterscheidet sich von unseren. Sie ist aus purem Gold.«

Breitmann stürmte nach draußen, und der Alchimist verbrachte einige Minuten damit, an die Decke zu starren. Nach einer Weile holte er ein kleines, sehr dünnes Pergament hervor, suchte in dem Durcheinander auf seiner Werkbank nach einem Stift und schrieb eine kurze, präzise Nachricht. Dann trat er an die Verschläge mit den weißen Tauben, schwarzen Hähnen und anderen Versuchstieren heran. Er wählte eine Ratte mit glänzendem Fell, rollte den Zettel zusammen, schob ihn in die Phiole am Hinterbein und ließ das Tier los.

Für einen Moment beschnüffelte es den Boden und verschwand dann durch ein Loch in der Wand.

Etwa zur gleichen Zeit geschah es, dass eine auf der anderen Seite des Blockes wohnende und bis dahin erfolglose Wahrsagerin in ihre Kristallkugel blickte und einen Schrei ausstieß. Innerhalb von einer Stunde verkaufte sie ihren Schmuck, das magische Instrumentarium, den größten Teil der Kleidung und fast alle anderen Besitztümer, die nicht mit dem schnellsten zur Verfügung stehenden Pferd transportiert werden konnten. Später, als ihr Haus in Flammen aufging, starb sie in den Bergen von Morpork durch einen plötzlichen Erdrutsch – was beweist, dass auch der Tod Sinn für Humor hat.

Als die Briefratte einem uralten Instinkt gehorchend durch das Labyrinth aus kleinen Tunneln unter der Stadt lief, nahm der Patrizier einige Botschaften entgegen, die ihm am Morgen der Albatros gebracht hatte. Nachdenklich blickte er noch einmal aufs oberste Blatt und rief dann den Leiter seines Spionagekorps zu sich.

In der Gebrochenen Trommel hörte Rincewind mit offenem Mund zu, während Zweiblum erzählte.

»Deshalb beschloss ich, mir alles mit eigenen Augen anzusehen«, sagte er gerade. »Acht Jahre lang habe ich dafür gespart. Aber es ist jeden Halbrhinu wert. Ich meine – hier bin ich. In Ankh-Morpork. Ich meine, in vielen Geschichten und Liedern rühmt man diese Stadt. Heric Weißklinge wanderte durch diese Straßen, ebenso wie Hrun der Barbar, Bravd der Mittländer und Schleicher … Es ist alles genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.«

Rincewinds Gesicht war eine Maske aus fasziniertem Entsetzen.

»Ich hielt es in Bes Pelargic einfach nicht mehr aus«, fuhr Zweiblum munter fort. »Dort saß ich den ganzen Tag über an einem Schreibtisch und rechnete Zahlenkolonnen zusammen. Es gab nur eine Rente, auf die ich mich freuen konnte. Wo bleibt da die Romantik? Zweiblum, dachte ich: entweder jetzt oder nie. Du musst dich nicht damit begnügen, dir Geschichten anzuhören. Du kannst in die fernen Länder reisen. Vergeude deine Zeit nicht mehr damit, im Hafen den Seeleuten zuzuhören. Also habe ich ein Wörterbuch zusammengestellt und eine Passage auf dem nächsten Schiff nach den Braunen Inseln gebucht.«

»Keine Leibwächter?«, murmelte Rincewind.

»Nein. Warum? Ich besitze doch gar nichts, das sich zu stehlen lohnt.«

Der Zauberer hüstelte. »Äh, du hast Gold.«

»Nur zweitausend Rhinu.Das genügt kaum, um die Kosten von ein oder zwei Monaten zu bestreiten. Zumindest in meiner Heimat. Hier reicht das Geld vielleicht ein bisschen länger.«

»Rhinu«, wiederholte Rincewind. »Eine der großen Goldmünzen?«

»Ja.« Zweiblum blickte über den Rand seiner seltsamen Sehgläser hinweg und musterte den Zauberer besorgt. »Genügen zweitausend deiner Meinung nach?«

»Grrgh«, ächzte Rincewind. »Äh, ja, ich denke schon.«

»Gut.«

»Ähm. Sind im Achatenen Reich alle so reich wie du?«

»Reich? Ich? Meine Güte, wie kommst du denn darauf? Ich bin nur ein armer Buchhalter!« Zweiblum zögerte kurz und fügte hinzu: »Glaubst du, ich habe dem Wirt zu viel bezahlt?«

»Vielleicht hätte er sich mit weniger zufriedengegeben«, sagte Rincewind.

»Ah. Nun, ich werde das beim nächsten Mal berücksichtigen. Offenbar muss ich noch eine Menge lernen. Da fällt mir ein … Rincewind, wärst du bereit, für mich zu arbeiten? Als eine Art – wie heißt der richtige Ausdruck? – Reisebegleiter? Ich glaube, ich kann es mir leisten, dir einen Rhinu pro Tag zu zahlen.«

Rincewind setzte zu einer Antwort an, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken und weigerten sich hartnäckig, in einer Welt zu erklingen, die immer verrückter wurde. Zweiblum errötete.

»Ich habe dich beleidigt«, sagte er. »Wie unverschämt von mir, einem Profi wie dir so etwas anzubieten. Bestimmt gibt es viele wichtige Projekte, zu denen du zurückkehren möchtest. Zweifellos erwarten dich überaus wichtige magische Aufgaben …«

»Nein«, krächzte der Zauberer. »Derzeit nicht. Einen Rhinu? Pro Tag. Meinst du damit jeden Tag?«