Wachen! Wachen! - Terry Pratchett - E-Book

Wachen! Wachen! E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Eine geheime Bruderschaft ruft mittels eines gestohlenen magischen Buches einen Drachen herbei. Das Fabelwesen soll helfen, einen neuen König einzusetzen, der den Verschwörern gefügig ist. Doch der Drache setzt sich selbst als Herrscher ein – schläft er doch so gern auf den gemütlichen Goldreserven der Stadt. Nur eine Handvoll Wachen begehrt gegen den geschuppten König auf: Hauptmann Mumm, der beinahe zwei Meter große Zwerg Karotte und eine adlige Sumpfdrachenzüchterin machen sich auf, den Tyrannen zu vertreiben.

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Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst

© 1989 Terry und Lyn Pratchett

Titel der englischen Originalausgabe: »Guards! Guards!«,

Victor Gollancz Limited, London 1989

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München 2005

Covergestaltung: Guter Punkt, München

Covermotiv: Anke Koopmann, Guter Punkt unter der

Verwendung eines Motivs von Katarzyna Oleska

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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Man nennt sie »Palastwächter«, »Stadtwache« oder schlicht und einfach »Patrouille«. Der Name spielt eigentlich gar keine Rolle. In der Heroic Fantasy erfüllen die entsprechenden Männer immer den gleichen Zweck: Spätestens im dritten Kapitel (oder zehn Minuten nach Beginn des Films) stürmen sie ins Zimmer, greifen den Helden an (nicht zusammen, sondern immer nacheinander) und werden von ihm umgebracht. Nie hat jemand gefragt, ob ihnen das gefällt.

Dieses Buch ist jenen tapferen Soldaten gewidmet.

Und auch Mike Harrison, Mary Gentle, Neil Gaiman und allen anderen, die beim Konzept des B-Raums mithalfen und darüber lachten. Zu schade, dass wir dabei nicht auf Schrödingers Lehren zurückgriffen …

Hierher verschwanden die Drachen.

Sie liegen und …

Nein, sie sind nicht tot. Sie schlafen auch nicht. Von Warten kann ebenfalls keine Rede sein, denn wer wartet, erwartet etwas. Der angemessene Ausdruck lautet vermutlich …

… schlummern.

Zwar befinden sie sich nicht im normalen Raum, aber trotzdem liegen sie dicht beieinander. Jeder zur Verfügung stehende Kubikzentimeter ist mit Krallen, Klauen, Schuppen und Schwanzspitzen gefüllt, und der sich daraus ergebende Effekt erinnert an eine Trickzeichnung. Irgendwann begreifen die Augen, dass der Raum zwischen zwei Drachen aus einem weiteren Drachen besteht.

Man mag versucht sein, in diesem Zusammenhang an eine Sardinenbüchse zu denken – vorausgesetzt, man hält Sardinen für groß, schuppig, stolz und arrogant.

Vielleicht gibt es eine Lasche, mit der man die Büchse öffnen kann.

In einer ganz anderen Dimension war es früher Morgen in Ankh-Morpork, der ältesten, größten und schmutzigsten aller Städte. Ein leichter Nieselregen fiel aus grauen Wolken und gesellte sich dem Dunst hinzu, der über dem Fluss wogte und auch über die Straßen kroch. Ratten verschiedener Art gingen ihren nächtlichen Angelegenheiten nach. Mörder mordeten im Schutz der Dunkelheit; Räuber raubten, Huren hurten … Und so weiter.

Der betrunkene Hauptmann Mumm von der Nachtwache taumelte langsam durch eine Gasse, machte es sich im Rinnstein vor dem Wachhaus bequem und lag dort, während über ihm sonderbare Buchstaben aus Licht in der feuchten Luft zischten und ihre Farbe veränderten …

Die Stadt war ein Soundso, ein Wiehießesnoch. Ein Ding. Eine Frau. Ja, genau dasch war schie. Eine Frau. Leidenschaftlich, temperamentvoll und viele Jahrhunderte alt. Schie schlug einen in den Bann, sorgte dafür, dass man sich in schie – Dings – verliebte. Und dann schlug schie erneut zu. Ins Dingsbums. In den Mund. Zunge? Nee, die Zähne. Jawoll, schie schlug einem die Zähne ein. Schie war ein … Dings, Dünger, ein Dunghaufen, neinein, das isses nich, ich meine ein Miststück. Ja, genau dasch meine ich. Und wenn man schie zu hassen begann, wenn man schon glaubte, man habe schie endlich am … am wasweißich, dann öffnete schie einem dasch verrottete Herz und überstaunte, nee, erblüffte? Raschte. Schie überraschte einen. Ja, so isses. Man wusste nie, wo man bei ihr stand. Oder lag. Nur in einem Punkt gab’sch keinen Zweifel: Man konnte sich nich von ihr trennen, denn schie war das Einzige, wasch man hatte, selbst in ihrer Gosse …

Neblige Finsternis umhüllte die ehrwürdigen Gebäude der Unsichtbaren Universität, des wichtigsten Lehrinstituts für Zauberei. Das einzige Licht – ein blasses oktarines Flackern – filterte aus den hohen Fenstern der neuen Fakultät für hochenergetische Magie. Dort untersuchte messerscharfe Intelligenz das Gefüge des Universums, ob es ihm gefiel oder nicht.

Natürlich glühte es auch in der Bibliothek.

Dort gab es die größte Sammlung magischer Texte im ganzen Multiversum. Viele Tausend Bücher, die geballtes okkultes Wissen enthielten, lasteten schwer in den Regalen.

Es hieß, dass große Ansammlungen von Magie die normale Welt erheblich verzerren könnten, woraus man den Schluss zog, in der Bibliothek seien nicht die normalen Regeln der Raumzeit gültig. Es hieß, sie erstrecke sich bis in die Unendlichkeit. Wenn man tagelang an den langen Regalen vorbeiwanderte, fand man vielleicht irgendwo verlorene Stämme aus Forschern und Studenten. Es hieß auch, in vergessenen Nischen und Alkoven lauerten seltsame Dinge, die ab und zu noch seltsameren Dingen zum Opfer fielen.1

Kluge und vorsichtige Schüler, die weiter entfernte Bücher suchten, achteten darauf, Kreidemarkierungen an den Regalen zu hinterlassen, wenn sie sich tiefer in die muffige Düsternis wagten. Außerdem baten sie gute Freunde darum, nach ihnen zu suchen, wenn sie bis zum Abendessen nicht zurück waren.

Da Magie nur schwer gebunden werden kann, waren die Bücher in der Bibliothek mehr als nur zu Brei verarbeitetes Holz und Papier.

Pure thaumaturgische Kraft knisterte von ihren Rücken und tastete harmlos über die Kupferstangen an den Regalen; sie dienten dazu, die magische Energie abzuleiten. Trübe Gespinste aus blauem Feuer krochen umher, und ab und zu erklang ein leises Rascheln. Es hörte sich an, als sträubten Dutzende von Staren ihr Gefieder. In der Stille der Nacht sprachen die Bücher miteinander.

Außerdem schnarchte jemand.

Der von den Regalen ausgehende Glanz brachte nicht etwa Licht in die Dunkelheit, sondern verdichtete die Finsternis. Aber wer aufmerksam genug Ausschau hielt, konnte in dem violetten Flackern einen zerkratzten alten Tisch erkennen, der genau unter dem zentralen Gewölbe stand.

Dort hatte das Schnarchen seinen Ursprung. Eine fransige und fleckige Decke lag auf einem Gebilde, das wie ein Sandsackhaufen aussah, sich jedoch bei genauerem Hinsehen als erwachsener Orang-Utan entpuppte.

Es handelte sich um den Bibliothekar.

Seit einiger Zeit wies kaum mehr jemand darauf hin, dass er ein Affe war. Ein magischer Zwischenfall hatte zu der Verwandlung geführt – in unmittelbarer Nähe so vieler mächtiger Bücher musste man ständig mit derartigen Ereignissen rechnen –, und man vertrat die Ansicht, er sei glimpflich davongekommen. Immerhin hatte sich an seiner Gestalt im Grunde genommen nichts geändert. Es war ihm erlaubt, weiterhin seiner Arbeit nachzugehen, an der es nichts auszusetzen gab – obwohl hier anstelle von ›erlaubt‹ ein anderes Wort verwendet werden sollte. Der Bibliothekar bewies bemerkenswertes Talent, wenn es darum ging, die Oberlippe zu wölben und konkurrenzlos gelbe Zähne zu zeigen; aus diesem Grund verzichteten die Mitglieder des Universitätsrats darauf, ihm einen neuen Aufgabenbereich nahezulegen.

Jetzt ertönte ein anderes Geräusch, das leise Knarren einer sich öffnenden Tür. Jemand eilte durchs Zimmer und verschwand zwischen den langen Regalen. Die Bücher raschelten empört, und einige der dickeren Grimoires ließen ihre Ketten rasseln.

Der Bibliothekar schlief weiter, eingelullt vom Flüstern des Regens.

Eine halbe Meile entfernt lag Hauptmann Mumm noch immer im Rinnstein, öffnete den Mund und begann zu singen.

Eine in Schwarz gekleidete Gestalt eilte durch die nächtlichen Straßen, trat von Haus zu Haus und erreichte schließlich ein finsteres, unheilvolles Portal. Man gewann sofort den Eindruck, dass keine normale Tür so düster wirken konnte. Sie sah aus, als habe man den Architekten gerufen und ihm spezielle Anweisungen gegeben: Wir möchten etwas Unheimliches in dunkler Eiche, und bitte füg über dem Torbogen eine abscheuliche Steinfigur hinzu; außerdem soll es wie der Schritt eines Riesen klingen, wenn die Tür ins Schloss fällt. Es muss auf den ersten Blick klar werden, dass hier niemand mit einem mehr oder auch weniger melodischen Ding-Dong rechnen kann, wenn er den Klingelknopf drückt.

Die Gestalt pochte einen komplizierten Code ans dunkle Holz, woraufhin sich eine kleine vergitterte Luke öffnete. Ein misstrauisches Auge starrte nach draußen.

»›Die bedeutungsvolle Eule schreit in der Nacht‹«, sagte der Besucher und versuchte, Regenwasser aus seinem Umhang zu wringen.

»›Doch viele graue Herren gehen traurig zu herrenlosen Männern‹«, intonierte eine Stimme auf der anderen Seite des Gitters.

»›Gepriesen sei die Tochter der Jungfernschwester‹«, entgegnete die tropfnasse Gestalt.

»›Für den Mann mit der Axt sind alle Flehenden gleich groß.‹«

»›Doch wahrlich, die Rose verbirgt sich im Dorn.‹«

»›Die gute Mutter kocht Bohnensuppe für den irrigen Knaben‹«, verkündete die Stimme hinter der Tür.

Stille folgte, nur unterbrochen vom Prasseln des Regens. Dann fragte der Besucher: »Wie bitte?«

»›Die gute Mutter kocht Bohnensuppe für den irrigen Knaben.‹«

Eine etwas längere Pause schloss sich an. »Bist du sicher, dass der schlecht gebaute Turm nicht sehr wackelt, wenn ein Schmetterling vorbeifliegt?«, fragte die nasse Gestalt.

»Ne-neh. Bohnensuppe ist gemeint. Tut mir leid.«

Der Regen zischte erbarmungslos im verlegenen Schweigen.

»Und der eingesperrte Wal?«, fragte der Besucher und drückte sich an die schreckliche Tür, um dem herabströmenden Wasser zu entgehen.

»Was soll damit sein?«

»Er sollte nichts von den mächtigen Tiefen wissen, wenn du’s unbedingt wissen willst.«

»Oh, der eingesperrte Wal. Du möchtest zu den Aufgeklärten Brüdern der Völlig Schwarzen Nacht. Drei Türen weiter.«

»Und wer seid ihr?«

»Wir sind die Erleuchteten und Uralten Brüder von Iieeh.«

»Ich dachte, ihr trefft euch drüben in der Herrupstraße«, sagte der durchnässte Mann nach einigen Sekunden.

»Äh, du weißt ja, wie das ist. Dienstags hat der Laubsäge-Klub das Zimmer. Da muss was schiefgelaufen sein.«

»Ach? Nun, trotzdem vielen Dank.«

»Gern geschehen.« Die kleine Luke schloss sich wieder.

Die in einen Umhang gehüllte Gestalt starrte eine Zeit lang darauf, wandte sich dann um und stapfte durch die Pfützen davon. Kurze Zeit später fand sie ein anderes Portal, das erstaunlich schlicht wirkte.

Sie klopfte an. Die Klappe schwang auf, bildete ein kleines vergittertes Fenster.

»Ja?«

»Hör mal: ›Die bedeutungsvolle Eule schreit in der Nacht.‹ Alles klar?«

»›Doch viele graue Herren gehen traurig zu herrenlosen Männern.‹«

»›Gepriesen sei die Tochter der Jungfernschwester‹, in Ordnung?«

»›Für den Mann mit der Axt sind alle Flehenden gleich groß.‹«

»›Doch wahrlich, die Rose verbirgt sich im Dorn.‹ Es regnet in Strömen, das weißt du doch, oder?«

»Ja«, erwiderte die Stimme im Tonfall eines Mannes, der tatsächlich Bescheid weiß und froh ist, nicht draußen zu stehen.

Der Besucher seufzte.

»›Der eingesperrte Wal weiß nichts von den mächtigen Tiefen‹«, sagte er. »Wenn’s dich glücklich macht …«

»›Der schlecht gebaute Turm wackelt sehr, wenn ein Schmetterling vorbeifliegt.‹«

Der Bittsteller griff nach den Gitterstäben, zog sich hoch und grollte: »Lass mich jetzt endlich eintreten. Ich bin bis auf die Knochen nass.«

Eine Pause folgte, untermalt vom Plätschern des Regens.

»Was die Tiefen betrifft … Hast du ›mächtig‹ oder ›nächtlich‹ gesagt?«

»Mächtig. Ich bin ganz sicher. Mächtige Tiefen. Weil sie, äh, mächtig tief sind. Ich bin’s, Bruder Finger.«

»Für mich klang es wie ›nächtlich‹«, murmelte der Mann hinter der Tür.

»Hör mal, willst du das verdammte Buch, oder nicht? Ich hätte überhaupt nicht herkommen müssen und könnte jetzt zu Hause im warmen Bett liegen.«

»Und du hast bestimmt von mächtigen Tiefen gesprochen?«

»Meine Güte, ich weiß, wie verdammt tief die Tiefen sind«, brummte Bruder Finger ungehalten. »Ich wusste schon von ihrer mächtigen Tiefe, als du noch ein blöder Neophyt warst. Öffnest du jetzt endlich die Tür?«

»Na schön … Meinetwegen.«

Ein Riegel wurde beiseitegeschoben, und kurz darauf sagte die Stimme: »Könntest du von außen drücken? Bei feuchtem Wetter klemmt die Tür-des-Wissens-die-kein-Unbelehrter-passieren-darf.«

Bruder Finger stemmte die Schulter dagegen, trat über die Schwelle, bedachte Bruder Pförtner mit einem bitterbösen Blick und eilte durch den Flur.

Die anderen warteten bereits im Sanktuarium und wirkten so unsicher wie Leute, die nicht daran gewöhnt sind, unheilvolle schwarze Umhänge zu tragen. Der Oberste Größte Meister begrüßte den Neuankömmling mit einem Nicken.

»Bruder Finger, nicht wahr?«

»Ja, Oberster Größter Meister.«

»Hast du deinen Auftrag erfüllt?«

Bruder Finger holte ein Paket unter seiner Kutte hervor.

»Es befand sich genau an der von dir beschriebenen Stelle«, erwiderte er. »Es ergaben sich keine Probleme.«

»Gut gemacht, Bruder Finger.«

»Danke, Oberster Größter Meister.«

Der Oberste Größte Meister klopfte mit seinem kleinen Hammer und rückte sich damit ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die anderen Anwesenden bildeten eine Art Kreis.

»Ich eröffne hiermit die Sitzung der Einzigartigen und Höchsten Loge Aufgeklärter Brüder«, intonierte er. »Ist die Tür-des-Wissens verriegelt, damit keine Ketzer und Unwissenden eintreten können?«

»Das Ding sitzt völlig fest«, entgegnete Bruder Pförtner. »Es liegt an der Feuchtigkeit. Nächste Woche bringe ich meinen Hobel mit und …«

»In Ordnung, in Ordnung«, sagte der Oberste Größte Meister unwirsch. »Ein schlichtes ›Ja‹ hätte vollkommen genügt. Ist der dreifache Kreis gut und wahrhaftig gezeichnet? Sind alle hier, die Hier Sind? Es sei keinem Unwissenden geraten, an diesem Ort zu weilen, denn man würde ihn fortbringen und ihm den Quaker aufschneiden, das Zappelnicht in alle vier Winde verstreuen, die Wampe mit Haken entzweireißen und sein Wabbel an einer Lanze aufspießen ja was ist denn?«

»Verzeihung, hast du Aufgeklärte Brüder gesagt?«

Der Oberste Größte Meister starrte einen abseits stehenden Mann an, der die Hand gehoben hatte.

»Ja, wir sind die Aufgeklärten Brüder, Hüter des heiligen Wissens seit einer Zeit, an die sich niemand mehr …«

»Seit letztem Februar«, warf Bruder Pförtner freundlich ein. Der Oberste Größte Meister gewann den Eindruck, dass Bruder Pförtner noch immer nicht genau wusste, worauf es ankam.

»Oh, tut mir leid, ich bedaure es wirklich«, sagte die besorgte Gestalt. »Offenbar bin ich hier in der falschen Geheimgesellschaft. Muss mich in der Tür geirrt haben. Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen würdet …«

»Und sein Wabbel wird an einer Lanze aufgespießt«, wiederholte der Oberste Größte Meister grimmig. Im Hintergrund knarrte etwas, als Bruder Pförtner versuchte, das klemmende Portal zu öffnen. »Sind wir jetzt so weit? Befinden sich vielleicht noch andere Unwissende unter uns, die sich verirrt haben?«, fügte er mit ätzendem Sarkasmus hinzu. »Gut. Wunderbar. Ich bin ja so froh. Vermutlich brauche ich gar nicht zu fragen, ob die vier Wachtürme geschlossen sind, oder? Oh, ausgezeichnet. Hat sich jemand die Mühe gemacht, der Heiligen Hose die Beichte abzunehmen? Ach, tatsächlich? Auf die richtige Art und Weise? Und wenn ich nachsehe? Na schön. Sind vor den Fenstern die Roten Kordeln des Intellekts gespannt worden, so wie es die uralten Überlieferungen verlangen? Gut. Dann können wir jetzt vielleicht beginnen.«

Der Oberste Größte Meister schien ein wenig enttäuscht zu sein, wie jemand, der mit dem Finger übers oberste Regal der Schwiegertochter streicht und zu seiner großen Überraschung feststellt, dass alles blitzblank ist.

Was für Blödmänner!, dachte er. Ein Haufen von Nieten. Andere Geheimgesellschaften würden sie nicht einmal mit einem drei Meter langen Zepter der Autorität berühren. Schon bei einem geheimen Händedruck verrenken sie sich die Finger.

Aber gleichzeitig handelte es sich um Stümper mit gewissen Möglichkeiten. Sollten die anderen Gesellschaften ruhig die Hoffnungsvollen, Ehrgeizigen und Zuversichtlichen aufnehmen. Der Oberste Größte Meister wählte die Verärgerten, jene Leute, die über einen unerschöpflichen Vorrat an bitterer Galle verfügten, die glaubten, Großartiges leisten zu können, wenn sie nur eine Chance bekamen. Er brauchte diejenigen, in denen sich Fluten aus Gift und Rachsucht hinter den Dämmen der Unfähigkeit und latenten Paranoia stauten.

Hinzu kam Dummheit. Sie alle haben den Eid geschworen, aber kein einziger von ihnen hat gefragt, was ein Wabbel ist.

»Brüder«, begann der Oberste Größte Meister, »heute Abend müssen wir außerordentlich wichtige Dinge erörtern. Das Schicksal dieser Stadt – mehr noch: die Zukunft von Ankh-Morpork – liegt in unseren Händen.«

Die Zuhörer blickten interessierter, und der Oberste Größte Meister spürte wieder das überaus angenehme Prickeln der Macht. Die Männer hingen an seinen Lippen und vermittelten ihm ein Gefühl, das es verdiente, in einen blutroten Seidenumhang gekleidet zu werden.

»Wissen wir nicht, dass die Stadt im Bann von Korrupten steht, die sich auf ihrem Sündengeld ausruhen und unrechtmäßig erworbenen Reichtum genießen, während bessere Männer um den Lohn ihrer Arbeit betrogen und in die Knechtschaft gezwungen werden?«

»O ja, das stimmt!«, bestätigte Bruder Pförtner heftig, nachdem er Gelegenheit gefunden hatte, die gerade gehörten Worte gedanklich zu übersetzen. »Erst letzte Woche habe ich Meister Puderzucker von der Bäckergilde zu erklären versucht …«

Der Oberste Größte Meister war gar nicht in der Lage, einen Blickkontakt herzustellen – er hatte dafür gesorgt, dass die Gesichter der Brüder unter den Kapuzen in mystischer Dunkelheit verborgen blieben. Aber es gelang ihm allein mit empörter Stille, Bruder Pförtner zum Schweigen zu bringen.

»Doch es herrschte nicht immer Verdorbenheit«, fuhr der Oberste Größte Meister fort. »Einst gab es ein Goldenes Zeitalter, das den Würdigen Befehlsgewalt und Respekt bescherte. Ich meine eine Epoche, in der Ankh-Morpork nicht nur eine große, sondern auch eine großartige Stadt war. Ein Zeitalter der Ritterlichkeit. Eine Ära, in der … Ja, Bruder Wachturm?«

Eine massige Gestalt ließ die Hand sinken. »Meinst du die Zeit, als wir Könige hatten?«

»Sehr scharfsinnig, Bruder«, erwiderte der Oberste Größte Meister und spürte einen Anflug von Ärger angesichts dieser überraschend intelligenten Frage. »Und …«

»Aber das wurde doch schon vor vielen Jahrhunderten geklärt«, sagte Bruder Wachturm. »Kam es nicht zu einer großen Schlacht oder so? Seitdem herrschen Lords, wie zum Beispiel der Patrizier.«

»Ja, sehr gut, Bruder Wachturm.«

»Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es keine Könige mehr gibt«, fügte Bruder Wachturm hilfreich hinzu.

»Wie Bruder Wachturm gerade zum Ausdruck brachte …«

»Das Stichwort ›Ritterlichkeit‹ brachte mich darauf«, sagte Bruder Wachturm.

»Ja, und …«

»Ritterlichkeit ist typisch für Könige«, erklärte Bruder Wachturm glücklich. »Und für Ritter. Sie retteten junge Frauen mit langen blonden Haaren aus hohen Türmen und …«

»Allerdings«, sagte der Oberste Größte Meister scharf, »wäre es durchaus denkbar, dass das Geschlecht der alten Könige von Ankh nicht ausgestorben ist, wie man bisher annahm. Vielleicht gibt es nach wie vor Deszendenten, die Anspruch auf den Thron erheben könnten. Mein Studium uralter Schriftrollen lässt derartige Annahmen plausibel erscheinen.«

Der Oberste Größte Meister trat erwartungsvoll einen Schritt zurück, doch die erhoffte Reaktion blieb aus. Möglicherweise lag es an der Verwendung so anspruchsvoller Ausdrücke wie ›Deszendent‹ und ›plausibel‹.

Bruder Wachturm hob erneut die Hand.

»Ja?«

»Soll das heißen, irgendwo treibt sich ein Thronerbe herum?«

»Es ist nicht auszuschließen.«

»O ja«, verkündete Bruder Wachturm weise, »so etwas geschieht häufig. Man liest ständig davon. Man nennt die Leute Nachfahren. Eine Ewigkeit lang verstecken sie sich in fernen Wäldern und geben das geheime Schwert und irgendwelche Muttermale von Generation zu Generation weiter. Wenn das alte Königreich sie braucht, erscheinen sie ganz plötzlich und legen den Thronräubern das Handwerk. Anschließend wird meistens ordentlich gefeiert.«

Dem Obersten Größten Meister klappte die Kinnlade herunter. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach wäre.

»Ja, mag sein«, brummte eine Gestalt, die der Oberste Größte Meister als Bruder Stukkateur erkannte. »Und dann? Angenommen, ein Nachfahre taucht auf, geht zum Patrizier und sagt: ›Heda, ich bin der König, hier ist mein Ausweis, das Muttermal. Mach den Thron frei und verschwinde.‹ Was hat er davon? Eine Lebenserwartung von allerhöchstens zwei Minuten – das hat er davon.«

»Du hast überhaupt nicht richtig zugehört«, erwiderte Bruder Wachturm. »Es geht doch darum, dass der Nachfahre eintrifft, wenn das Königreich bedroht ist, stimmt’s? Er kommt als Retter, wird auf den ersten Blick erkannt und zum Palast getragen, wo er einige Kranke heilt, einen halben Feiertag verkündet und einen kleinen Teil des königlichen Schatzes an die Armen verteilt. So läuft der Hase, mein Lieber.«

»Außerdem muss er eine Prinzessin heiraten«, warf Bruder Pförtner ein. »Weil er ein Schweinehirt ist.«

Die anderen Brüder sahen ihn verblüfft an.

»Warum muss er unbedingt ein Schweinehirt sein?«, fragte Bruder Wachturm. »Ich habe nie behauptet, dass er ein Schweinehirt ist. Was hat das alles mit Schweinehirten zu tun?«

»Bruder Pförtner hat nicht ganz so unrecht«, sagte Bruder Stukkateur. »Der zurückkehrende Thronerbe ist meistens ein Schweinehirt oder Förster, etwas in der Art. Das liegt am In-Dingsbums. Kognito. Der neue König muss den Eindruck erwecken, von einfacher Herkunft zu sein.«

»An einfacher Herkunft ist überhaupt nichts Besonderes«, sagte ein recht kleiner Bruder, der nur aus einer schwarzen Kutte in Kindergröße und Mundgeruch zu bestehen schien. »In meiner Familie gibt es nichts anderes als einfache Herkunft. Wir halten die Arbeit des Schweinehirten für einen außerordentlich erstrebenswerten Beruf.«

»Aber in deiner Familie fehlt königliches Blut, Bruder Verdruss«, hielt ihm Bruder Stukkateur entgegen.

»Vielleicht auch nicht«, murmelte Bruder Verdruss verdrießlich.

»Na schön«, sagte Bruder Wachturm widerwillig. »Meinetwegen. Doch im entscheidenden Augenblick legen echte Könige ihre Mäntel ab und rufen ›Siehe!‹ Daran zeigt sich deutlich ihr majestätisches Wesen.«

»Wie denn?«, fragte Bruder Pförtner.

»Warum soll kein königliches Blut in meinen Adern fließen?«, grummelte Bruder Verdruss. »Es ist nicht richtig zu behaupten, ich hätte überhaupt kein …«

»Irgendwie, in Ordnung? Ein majestätisches Wesen erkennt man sofort, wenn man’s sieht.«

»Aber vorher muss das Königreich gerettet werden«, erklärte Bruder Stukkateur.

»O ja«, bestätigte Bruder Wachturm mit bedeutungsvoller Stimme, »das ist das Wichtigste, jawohl.«

»Gerettet wovor?«

»… habe ich ebenso viel Recht darauf wie alle anderen, dass vielleicht königliches Blut in meinen Adern fließt …«

»Vor dem Patrizier?«, fragte Bruder Pförtner.

Bruder Wachturm schlüpfte bereitwillig in die Rolle des Experten für Könige und schüttelte den Kopf.

»Eigentlich ist der Patrizier gar keine große Bedrohung«, antwortete er. »Man kann ihn wohl kaum als Tyrannen bezeichnen. Zumindest nicht als einen schlimmen. Ich meine, er unterdrückt nicht richtig.«

»Ich werde die ganze Zeit über unterdrückt«, ließ sich Bruder Pförtner vernehmen. »Von Meister Puderzucker, während der Arbeit. Morgens, mittags und abends unterdrückt er mich, indem er ständig schreit und so. Und dann die Frau im Gemüseladen … Sie unterdrückt mich dauernd.«

»Mir geht’s ähnlich«, sagte Bruder Stukkateur. »Mein Hauswirt unterdrückt mich auf gemeine und hinterhältige Weise. Immer wieder klopft er an die Tür und erinnert an die Miete, die ich ihm angeblich schulde, was natürlich frei erfunden ist. Und die Leute nebenan unterdrücken mich in jeder Nacht. Ich arbeite den ganzen Tag und habe nur abends Zeit, mit der Tuba zu üben. Aber glaubt ihr etwa, das sehen sie ein? Dauernd beschweren sie sich! Ach, niemand spürt den Stiefel des Unterdrückers deutlicher im Nacken als ich.«

»Wenn man’s aus diesem Blickwinkel sieht …«, meinte Bruder Wachturm nachdenklich. »Ich glaube, mein Schwager unterdrückt mich, indem er sich ein Pferd und einen nagelneuen Einspänner gekauft hat. Ich habe keinen. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?, frage ich euch. Ich wette, ein König würde diese Art von Unterdrückung nicht zulassen. Er erließe bestimmt ein Gesetz, das es Ehefrauen verbietet, ihre Ehemänner mit Bemerkungen wie ›Mein Bruder Ruprecht hat seiner Frau eine neue Kutsche geschenkt, aber du hast wohl wieder kein Geld, was?‹ zu unterdrücken.«

Der Oberste Größte Meister hörte mit wachsendem Erstaunen zu. Vielleicht kannte er das Phänomen der Lawinen, aber als er den metaphorischen Schneeball über den langen verschneiten Hang rollen ließ, hatte er keine so bemerkenswerten Resultate erwartet. Er brauchte kaum in die Diskussion einzugreifen, um sie in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken.

»Ich wette, ein König unternähme etwas gegen verlogene Hauswirte«, sagte Bruder Stukkateur.

»Und er würde Leute mit protzigen Kutschen bestrafen«, fügte Bruder Wachturm hinzu. »Ich wäre gar nicht überrascht, wenn mein Schwager das Ding mit gestohlenem Geld bezahlt hat.«

An dieser Stelle hielt der Oberste Größte Meister einen zarten Hinweis für notwendig. »Meiner Ansicht nach würde ein kluger König protzige Kutschen nur dann unter Strafe stellen, wenn sie Unwürdigen gehören.«

Nachdenkliche Stille folgte, als die versammelten Brüder eine mentale Teilung des Universums vornahmen, um die Würdigen von den Unwürdigen zu trennen. Es fiel ihnen nicht weiter schwer, sich für die richtige Seite zu entscheiden.

»Das wäre nur anständig«, sagte Bruder Wachturm langsam. »Aber ich muss auch Bruder Stukkateur recht geben. Ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass ein König erscheint, nur weil Bruder Pförtner glaubt, dass ihm die Frau im Gemüseladen seltsame Blicke zuwirft.«

»Außerdem wiegt sie immer zu knapp«, brummte Bruder Pförtner. »Und sie …«

»Ja, ja, ja.« Der Oberste Größte Meister holte tief Luft. »Es stimmt schon: Die rechtschaffenen Bürger von Ankh-Morpork werden unterdrückt. Aber normalerweise offenbart sich ein König unter dramatischeren Umständen. Zum Beispiel während eines Krieges.«

Alles lief bestens. Die Brüder mochten egozentrisch und dumm sein, aber bestimmt gab es einen unter ihnen, der auf den richtigen Gedanken kam, oder?

»Meistens gibt es in solchen Fällen alte Prophezeiungen und so«, sagte Bruder Stukkateur. »Mein Großvater hat mir davon erzählt.« Er blickte ins Leere, als er sich zu erinnern versuchte. »›Fürwahr, der König bringt Gesetz und Gerechtigkeit, kennt nichts als die Wahrheit. Mit dem Schwert in der Hand wird er seinem Volk dienen und es schützen.‹ Was seht ihr mich so komisch an? Diese Worte stammen nicht von mir.«

»Ach, solche Sprüche kennen wir alle!« Bruder Wachturm winkte ab. »Völliger Unsinn, wenn ihr mich fragt. Ich meine, kommt der König etwa mit Gesetz und Wahrheit dahergeritten, so wie die vier Reiter der Apokalypse? ›Hallo, Leute‹«, fuhr Bruder Wachturm mit veränderte Stimme fort, »›ich bin der König, und dort steht die Wahrheit, tränkt gerade ihr Pferd.‹ Das ist doch absurd! Nein, alten Legenden kann man nicht vertrauen.«

»Und warum nicht?«, fragte Bruder Verdruss eingeschnappt.

»Weil sie legendär sind«, antwortete Bruder Wachturm. »Dadurch weiß man Bescheid.«

»Wie wär’s mit schlafenden Prinzessinnen?« schlug Bruder Stukkateur vor. »Nur ein König kann sie wecken.«

»Sei nicht dumm«, sagte Bruder Wachturm streng. »Wir haben keinen König, und deshalb sind auch keine schlafenden Prinzessinnen möglich. Ist doch logisch.«

»Damals war natürlich alles einfacher«, meinte Bruder Pförtner fröhlich.

»Wieso?«

»Der zukünftige König brauchte nur einen Drachen zu erlegen.«

Der Oberste Größte Meister klatschte in die Hände und betete stumm zu allen Göttern, die gerade zuhörten. Er hatte sich nicht geirrt, was diese Leute betraf. Früher oder später entstand in ihrem wirren Denken genau die Idee, die man sich von ihnen erhoffte.

»Welch interessante Vorstellung!«, lobte er.

»Aber sie bringt uns nicht viel weiter«, kommentierte Bruder Wachturm kummervoll. »Es gibt keine großen Drachen mehr.«

»Und wenn sie zurückkehren?«

Der Oberste Größte Meister ließ die Fingerknöchel knacken.

»Wie bitte?«, fragte Bruder Wachturm.

»Ich sagte: Und wenn sie zurückkehren?«

In den dunklen Tiefen unter Bruder Wachturms Kapuze erklang ein nervöses Lachen.

»Meinst du echte Drachen? Mit Schuppen und Flügeln?«

»Ja.«

»Schmelzofenheißer Atem?«

»Ja.«

»Und so, äh, Dinger an den Füßen … Äh, Krallen?«

»Vermutlich meinst du Klauen. Die Antwort lautet: ja. So viele du willst.«

»Was soll das heißen, so viele ich will?«

»Ich dachte eigentlich, das sei inzwischen klar geworden, Bruder Wachturm. Wenn du Drachen möchtest, kannst du welche haben. Du bist imstande, einen Drachen hierher zu holen. Jetzt. In die Stadt.«

»Wer? Ich?«

»Ihr alle«, sagte der Oberste Größte Meister. »Wir, meine ich.«

Bruder Wachturm zögerte. »Ich weiß nicht, ob das ratsam wäre …«

»Und er würde euch aufs Wort gehorchen.«

Dieser Zusatz wischte alle Einwände fort und köderte die Brüder. Auf ihre bornierte Beschränktheit hatte er die gleiche Wirkung wie ein dicker leckerer Fleischbrocken im städtischen Hundezwinger.

»Was hast du gerade gesagt?«, fragte Bruder Stukkateur langsam.

»Ihr könnt ihm Befehle erteilen und dafür sorgen, dass er sich genau so verhält, wie ihr es wollt.«

»Und du meinst einen, äh, echten Drachen?«

Der Oberste Größte Meister nutzte die Privatsphäre seiner Kapuze, um mit den Augen zu rollen.

»Ja, ich meine einen echten. Keinen mehr oder weniger niedlichen Sumpfdrachen, sondern ein authentisches Exemplar.«

»Aber ich dachte immer, es gab sie nur in, äh, du weißt schon, Müthen.«

Der Oberste Größte Meister beugte sich vor.

»Es gab sie in Mythen, und es gibt sie in Wirklichkeit«, sagte er laut. »Sie waren und sind sowohl eine Welle als auch ein Teilchen.«

»Da komme ich nicht ganz mit«, murmelte Bruder Stukkateur.

»Ich erkläre es euch. Das Buch, bitte, Bruder Finger! Danke. Brüder, als ich Gelegenheit fand, an der Weisheit der Geheimen Meister teilzuhaben …«

»An wessen Weisheit, Oberster Größter Meister?«, fragte Bruder Stukkateur verwirrt.

»Warum hörst du nicht zu?«, entfuhr es Bruder Wachturm. »Du hörst nie richtig zu! Er hat die Geheimen Meister erwähnt. Du weißt schon: jene ehrwürdigen Weisen, die auf einem Berg leben und insgeheim die Geschicke der Welt lenken. Sie haben unserem Obersten Größten Meister ihr geheimes Wissen offenbart oder so, und außerdem können sie durchs Feuer gehen und dergleichen. Erst letzte Woche hat er davon erzählt, und jetzt wird er uns unterrichten, nicht wahr, Oberster Größter Meister?«, fügte er unterwürfig hinzu.

»Oh, die Geheimen Meister«, brummte Bruder Stukkateur. »Tut mir leid. Es liegt an den mystischen Kapuzen. Entschuldigung. Geheim. Jetzt erinnere ich mich wieder.«

Aber wenn ich die Stadt regiere, dachte der Oberste Größte Meister, hört dies alles auf. Dann gründe ich eine neue Geheimgesellschaft aus scharfsinnigen und intelligenten Männern, obwohl sie natürlich nicht zu intelligent sein dürfen, nein, nicht zu intelligent. Dann stürzen wir den blöden Patrizier und beginnen ein neues Zeitalter im Zeichen der Erleuchtung, der Brüderlichkeit und des Humanismus, wir verwandeln Ankh-Morpork in ein Utopia, und Leute wie Bruder Stukkateur werden langsam über dem Feuer gebraten, wenn ich bei dieser Angelegenheit etwas zu sagen habe, was gewiss der Fall sein wird. Wir verzichten auch nicht darauf, sein Wabbel zu rösten.2

»Wie ich schon sagte: Als ich Gelegenheit fand, an der Weisheit der Geheimen Meister teilzuhaben …«, begann er noch einmal.

»Damals haben sie von dir verlangt, auf Reispapier zu gehen, nicht wahr?«, fragte Bruder Wachturm im Plauderton. »Das hat mich von Anfang an beeindruckt. Seitdem verwende ich kein Reispapier mehr, um die Makronen einzuwickeln. Eigentlich erstaunlich. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, darauf zu gehen. Da kann man mal sehen, wie nützlich es ist, sich einer Geheimgesellschaft anzuschließen.«

Wenn Bruder Stukkateur auf dem Bratblech liegt, dachte der Oberste Größte Meister, wird er nicht allein sein.

»Deine Schritte auf dem Pfad der Erleuchtung sind uns allen ein Beispiel, Bruder Wachturm«, sagte er. »Wenn ich jetzt fortfahren darf … Zu den vielen Geheimnissen …«

»Die du aus dem Herzen des Seins in Erfahrung gebracht hast …«, warf Bruder Wachturm anerkennend ein.

»Die ich, wie Bruder Wachturm ganz richtig ausführt, aus dem Herzen des Seins in Erfahrung gebracht habe, gehört auch das Wissen um den jetzigen Aufenthaltsort der erhabenen Drachen. Sie sind keineswegs ausgestorben, wie man gemeinhin annimmt. Sie haben nur eine neue evolutionäre Nische gefunden, aus der man sie herbeirufen kann. Dieses Buch …« Der Oberste Größte Meister hob es mit einer dramatischen Geste. »… enthält genaue Anweisungen dafür.«

»Es steht in einem Buch?«, fragte Bruder Stukkateur unsicher.

»Es ist kein gewöhnliches Buch«, antwortete der Oberste Größte Meister. »Dies ist das einzige Exemplar. Ich habe Jahre gebraucht, um es zu finden. Tubal de Malachit, ein Fachmann für Drachenkunde, hat es eigenhändig geschrieben. Anders ausgedrückt: Es ist seine Handschrift. Er beschwor damals Drachen aller Größen, und dazu seid auch ihr imstande.«

Einmal mehr herrschte ehrfürchtige Stille.

»Ähem«, wandte Bruder Pförtner ein.

»Klingt ein wenig, äh, magisch«, murmelte Bruder Wachturm im nervösen Tonfall eines Mannes, der weiß, unter welcher Tasse die Erbse liegt, es jedoch nicht wagt, darauf hinzuweisen. »Ich meine, ich möchte natürlich nicht deine überlegene Weisheit und so infrage stellen, aber, nun, äh … Magie …«

Er sprach nicht weiter.

»Ja«, bestätigte Bruder Pförtner voller Unbehagen.

»Es, äh, betrifft die Zauberer«, sagte Bruder Finger. »Vielleicht weißt du nichts davon, weil du die ganze Zeit bei den ehrwürdigen Geheimmeistern die Schulbank gedrückt hast und so, aber die hiesigen Zauberer werden ziemlich sauer, wenn sich jemand in magische Dinge einmischt.«

»Sie nennen es Demarkation«, erläuterte Bruder Pförtner. »Zum Beispiel: Ich spiele nicht mit den mystischen Gespinsten der Dingsbums, Kausalität herum, und dafür führen die Zauberer keine Stuckarbeiten durch.«

»Wo liegt da das Problem?«, fragte der Oberste Größte Meister, obwohl er es ganz deutlich sah. Dies war die letzte Hürde. Wenn er den engstirnigen und blasierten Brüdern half, sie zu überwinden, gehörte ihm die ganze Welt. Bisher hatte ihn ihr geradezu verblüffend dummer Egoismus nicht enttäuscht; bestimmt konnte er auch diesmal darauf zählen …

Unruhe erfasste die Brüder. Schließlich meldete sich Bruder Verdruss zu Wort.

»Hm. Zauberer. Was verstehen solche Leute von harter Arbeit?«

Der Oberste Größte Meister atmete tief durch. Ah … Die Atmosphäre gemeiner Rachsucht verdichtete sich spürbar.

»Überhaupt nichts, und das ist eine Tatsache«, stellte Bruder Finger fest. »Sie stolzieren hochnäsig umher und blicken auf uns herab, weil sie sich für etwas Besseres halten. Ich habe sie während meiner Arbeit in der Universität beobachtet: Ihre Hinterteile sind kilometerbreit, jawohl. Sie wissen überhaupt nicht, was ehrliche mühselige Arbeit bedeutet.«

»Womit du sicher Klauen und Stehlen meinst, wie?«, bemerkte Bruder Wachturm. Bruder Finger war ihm nie sehr sympathisch gewesen.

Bruder Finger überhörte den Kommentar. »Natürlich werden die Zauberer nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man Magie meiden sollte, weil nur sie sich mit solchen Sachen auskennen. Angeblich geht es dabei um die Gefahr, das Gefüge der kosmischen Harmonie und wasweißich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Humbug, wenn ihr mich fragt.«

»Nu-un«, begann Bruder Stukkateur, »ich weiß nicht recht. Ich meine, wenn mir beim Mischen ein Fehler unterläuft, besteht das Ergebnis nur aus nassem Gips vor den Füßen. Aber wenn man was Magisches verpfuscht, kommen irgendwelche Dinge herangekrochen und drehen einen durch die Mangel.«

»Ja, aber das behaupten die Zauberer«, sagte Bruder Wachturm nachdenklich. »Um ganz ehrlich zu sein, ich konnte sie noch nie ausstehen. Alle ihre Warnungen … Vielleicht wollen sie sich nur einen Vorteil sichern. Und was die Beschwörungen betrifft: Sobald man sie ausgesprochen hat, braucht man nur noch zu winken und so. Das kann eigentlich gar nicht so schwer sein.«

Die Brüder dachten darüber nach. Es klang durchaus vernünftig. Wenn sie etwas entdeckt hätten, das ihnen Vorteile bot, so wären sie bestimmt nicht bereit gewesen, es mit anderen zu teilen.

Der Oberste Größte Meister hielt die Zeit für reif.

»Dann sind wir uns also einig, Brüder? Ihr wollt versuchen, Magie einzusetzen?«

»Oh, versuchen!«, platzte es erleichtert aus Bruder Stukkateur heraus. »Gegen Versuche habe ich nichts einzuwenden. Solange wir vermeiden, dass die Sache ernst wird …«

Der Oberste Größte Meister klappte das Buch zu.

»Ich meine echte Zauberformeln!«, donnerte er. »Um Recht und Ordnung in die Stadt zu bringen! Um einen Drachen zu beschwören!«

Die Brüder wichen erschrocken zurück. »Und wenn es uns gelingt, einen Drachen hierher zu holen …«, sagte Bruder Pförtner nach einer Weile. »Dann erscheint der rechtmäßige König, einfach so?«

»Ja!«, versicherte der Oberste Größte Meister.

»Das leuchtet mir ein«, verkündete Bruder Wachturm. »Ist doch logisch. Es liegt an der Bestimmung und den gnomischen Einflüssen des Schicksals.«

Die anderen Brüder zögerten, und dann nickten dunkle Kapuzen. Nur Bruder Stukkateur wirkte ein wenig besorgt.

»Nu-un«, brummte er, »es gerät doch nicht außer Kontrolle, oder?«

»Bruder Stukkateur, ich verspreche dir, dass wir jederzeit aufhören können«, sagte der Oberste Größte Meister glatt.

»Äh, na schön«, erwiderte der widerwillige Bruder. »Ein Versuch schadet sicher nicht. Könnten wir den Drachen lange genug hierbehalten, um zum Beispiel unterdrückende Gemüseläden niederzubrennen?«

Ah …

Der Oberste Größte Meister hatte gewonnen. Es würde wieder Drachen geben. Und einen König. Nicht wie die alten Könige. Einen König, der keine eigenen Entscheidungen traf.

»Das hängt vom Ausmaß eurer Hilfe ab«, fuhr der Oberste Größte Meister fort und wandte sich an die ganze Bruderschaft. »Zunächst einmal brauchen wir möglichst viele magische Gegenstände …«

Es war sicher keine gute Idee, den Brüdern zu zeigen, dass die eine Hälfte von de Malachits Buch aus Asche bestand. Vielleicht hätte Bruder Stukkateur das zum Anlass genommen, erneut zu zweifeln.

Dies ist erst der Anfang, dachte der Oberste Größte Meister. Und niemand kann mich aufhalten.

Donner grollte …

Es heißt, die Götter spielen mit dem Leben der Menschen. Aber weiß jemand, um was es dabei geht, wer als Spielfigur eingesetzt wird und welche Regeln gelten?

Man sollte besser nicht darüber spekulieren.

Donner grollte …

Und würfelte eine Sechs.

Man wende jetzt die Aufmerksamkeit von den nassen Straßen Ankh-Morporks ab, blicke durch den Morgendunst der Scheibenwelt und beobachte einen jungen Mann. Er nähert sich der Stadt und offenbart dabei die ebenso direkte wie unschuldige Zielstrebigkeit eines Eisbergs, der in eine wichtige Schiffahrtslinie treibt.

Der junge Mann heißt Karotte. Er verdankt diesen Namen nicht etwa dem Haar, das sein Vater aus hygienischen Gründen immer ganz kurz geschnitten hat, sondern der Körperform.

Um eine derartige konische Gestalt zu bekommen, muss man gesund leben, einen herzhaften Appetit entwickeln und immerzu frische Bergluft atmen. Wenn der junge Mann die Schultermuskeln spannte, mussten erst andere Muskeln beiseiterücken, um Platz zu schaffen.

Zu seiner Ausrüstung gehört ein Schwert, das er unter mysteriösen Umständen erhalten hat. Unter sehr mysteriösen Umständen. Deshalb mag es überraschen, dass gewisse Erwartungen unerfüllt bleiben. Es ist nicht magisch. Es hat auch keinen Namen. Wenn man damit ausholt, hat man nicht das Gefühl, von okkulter Kraft durchströmt zu werden – man holt sich nur Blasen an den Händen. Man könnte die Waffe für ein so oft verwendetes Schwert halten, dass sie schließlich zur Quintessenz eines Schwertes wurde, zu einem langen Stück Metall mit scharfen Kanten. Hinzu kommt: Die Klinge ist keineswegs in eine Aura des Schicksals gehüllt.

Ein einzigartiges Schwert, wahrhaftig.

Donner grollte.

In den Rinnsteinen gurgelte es leise, als der Müll der Nacht fortgespült wurde. In manchen Fällen protestierte er kläglich.

Als das Wasser den liegenden Hauptmann Mumm erreichte, teilte es sich und floss um ihn herum. Mumm öffnete die Augen. Einige Sekunden lang genoss er gedankenlosen Frieden, doch dann traf ihn die Erinnerung wie ein Hammerschlag.

Es war ein ziemlich übler Tag für die Wache gewesen. Man denke nur an Herbert Humpels Beerdigung. Armer Humpel. Er hatte eine der wichtigsten Wächter-Regeln verletzt, eine Regel, die auch jemand wie Humpel nicht zweimal missachten konnte. Die Folge: Man bestattete ihn im matschigen Boden, während Regen auf seinen Sarg prasselte. Nur die drei überlebenden Mitglieder der Nachtwache – keine andere Gruppe in der Stadt stand in einem so schlechten Ruf – waren zugegen gewesen, um ihn zu betrauern. Feldwebel Colon hatte sogar geweint. Armer alter Humpel.

Armer alter Mumm, dachte Mumm.

Der arme alte Mumm, hier in der Gosse. Aber dort hatte er begonnen. Armer alter Mumm: Das Wasser floss ihm unter den Brustharnisch. Armer alter Mumm: Er beobachtete, wie der restliche Inhalt des Rinnsteins vorbeiquoll. Wahrscheinlich bietet schich jetzt schogar dem armen alten Humpel ein besserer Anblick dar, dachte er.

Mal schehen … Nach der Beerdigung war er fortgegangen, um sich zu betrinken. Nein, das schtimmte nicht ganz. Ein Wort, das mit einem ›er‹ endete. Betrunkener. Ja, genau: Er ging fort, um betrunkener zu sein als schonst. Weil nämlich die Welt irgendwie verdreht und falsch war, als schähe man sie durch gesplittertes Glas. Sie gewann erst dann wieder klare Konturen, wenn man sie durch den Boden einer Flasche betrachtete.

Da gab’s doch noch was anderes, oder?

O ja. Nacht. Dienst. Allerdings nicht für Humpel. Brauche einen Neuen. Hat schich nicht schon einer gemeldet? Irgend so’n Hinterwäldler. Brief. Ja. Es schtand im Brief. Geschrieben. Ein Bursche ausser Pro… Prowi…

Hauptmann Mumm gab auf und ließ sich zurücksinken. Der Rinnstein gurgelte weiter vor sich hin; es klang mürrisch.

Oben flackerten die Buchstaben aus Licht im Regen.

Frische Bergluft war nicht die einzige Erklärung für Karottes beeindruckendes Erscheinungsbild. Der Umstand, dass er zwölf Stunden täglich in einer von Zwergen eingerichteten Goldmine gearbeitet und dabei Loren durch die Stollen nach oben geschoben hatte, spielte in diesem Zusammenhang eine nicht unbeträchtliche Rolle.

Er ging gebückt, und auch dafür gab es einen guten Grund. Wer in einer Goldmine von Zwergen aufwächst, die hundertfünfzig Zentimeter für eine völlig ausreichende Stollenhöhe halten, zieht irgendwann den Kopf ein.

Karotte ahnte von Anfang an, dass er anders war. Zum Beispiel hatte er immer ungewöhnlich viele blaue Flecken. Die Vermutungen wurden zur Gewissheit, als eines Tages sein Vater zu ihm kam, von der Taille her zu ihm aufsah und erklärte, entgegen aller bisherigen Annahmen sei er kein Zwerg.

Es ist schrecklich, fast sechzehn zu sein und zur falschen Spezies zu gehören.

»Entschuldige bitte, dass wir dich erst jetzt darauf hinweisen, Sohn«, sagte Vater. »Wir hofften, du würdest es dir irgendwann abgewöhnen.«

»Was denn?«, fragte Karotte.

»Das Wachsen. Aber jetzt glaubt deine Mutter – das heißt, wir beide glauben –, dass du zu deinem Volk zurückkehren solltest. Ich meine, es ist nicht anständig, dich hierzubehalten, ohne jemanden, der auch nur annähernd an deine Größe herankommt.« Vater zupfte an einer gelockerten Helmniete, ein deutlicher Hinweis auf seine Besorgnis. »Äh«, fügte er hinzu.

»Aber ihr seid meine Eltern!«, entfuhr es Karotte verzweifelt.

»In gewisser Weise, ja«, erwiderte der Vater. »Doch wenn man die Sache genauer betrachtet und bestimmte Dinge in Erwägung zieht, so muss die Antwort ›nein‹ lauten. Weißt du, es hat was mit den Genen zu tun. Aus diesem Grund wäre es sicher eine sehr gute Idee, wenn du aufbrechen und dir die Welt ansehen würdest.«

»Was? Ich soll euch verlassen? Für immer?«

»O nein! Nein. Natürlich nicht. Du kannst jederzeit zurückkehren und uns besuchen. Aber, nun, ein Junge in deinem Alter, der nur diesen Ort kennt … Es ist nicht richtig. Du weißt schon. Ich meine. Bist kein Kind mehr. Die meiste Zeit über auf den Knien umherzukriechen und so. Das ist nicht richtig.«

»Zu welchem Volk gehöre ich denn?«, fragte Karotte verwirrt.

Der alte Zwerg holte tief Luft. »Du bist ein Mensch«, sagte er.

»Was, wie Herr Varneschi?« Einmal in der Woche kam Herr Varneschi mit seinem Ochsenkarren über den Bergpfad, um Dinge gegen Gold zu tauschen. »Ich bin einer von den Großen?«

»Du bist einsfünfundneunzig groß, Junge. Er kommt nur auf hundertfünfzig Zentimeter.« Der Zwerg zupfte erneut an der gelockerten Niete. »Wenn du verstehst, was ich meine …«

»Ja, aber … Aber vielleicht bin ich nur ein hochaufgeschossener Zwerg«, wandte Karotte verzweifelt ein. »Wenn es kleine Menschen gibt, so sind doch auch große Zwerge möglich, oder?«

Vater klopfte ihm voller Mitgefühl ans Knie.

»Du musst dich den Tatsachen stellen, Junge. Auf dem Boden fühlst du dich bestimmt viel wohler als darin. Es liegt in deinem Blut. Außerdem ist oben die Decke nicht so niedrig.« Es besteht sicher nicht die Gefahr, dass du dauernd mit dem Kopf an den Himmel stößt, dachte Vater.

»Einen Augenblick mal!« Furchen bildeten sich in Karottes Stirn, als er versuchte, konzentriert nachzudenken. »Du bist ein Zwerg, stimmt’s? Und Mama ist eine Zwergin, habe ich recht? Also müsste ich ebenfalls ein Zwerg sein. So ist das nun mal im Leben.«

Vater Zwerg seufzte. Er hatte gehofft, dieses Thema mit aller Behutsamkeit zur Sprache zu bringen und das verbale Ziel im Lauf mehrerer Monate anzusteuern. Aber jetzt blieb keine Zeit mehr für rücksichtsvollen Takt.

»Setz dich, Junge«, sagte er. Karotte setzte sich.

»Die Wahrheit ist …«, begann Vater Zwerg unglücklich, als das große und offene Gesicht des Jungen seinem eigenen etwas näher war, »die Wahrheit ist … Wir fanden dich eines Tages im Wald. Du lagst in der Nähe eines Weges im Gras und hast mit deinen Zehen gespielt … ähem.« Die Niete quietschte leise. Der alte Zwerg gab sich einen inneren Ruck.

»Wir fanden auch noch, äh, Wagen. Sie brannten, könnte man sagen. Und dann gab es Leichen. Äh, ja. Tote Leichen. Vollkommen tot. Wegen der Räuber. Es war ein ziemlich strenger Winter, jener Winter, und in den Bergen wimmelte es von … Leuten und so. Deshalb nahmen wir dich auf, und dann … Na ja, der Winter dauerte recht lange, und deine Mutter gewöhnte sich an dich, und irgendwie kamen wir nie dazu, Varneschi um Nachforschungen zu bitten. Äh, das wär’s im Großen und Ganzen.«

Karotte nahm diese Ausführungen gelassen hin, weil er fast nichts davon verstand. Soweit er wusste, war es völlig normal, dass Kinder zur Welt kamen, indem man sie irgendwo im Wald fand. Ein Zwerg durfte erst damit rechnen, dass man ihm3 die technischen Einzelheiten erklärte, wenn er die Pubertät4 erreichte.

»Na schön, Paps«, entgegnete er und beugte sich vor, damit sich sein Mund auf einer Höhe mit dem Zwergenohr befand. »Aber weißt du, ich und … Du kennst doch Minty Felsschmetterer, nicht wahr? Sie ist wirklich hübsch, Paps, hat einen herrlichen weichen Bart, so weich wie … Er ist wirklich sehr weich. Wir verstehen uns prächtig, und …«

»Ja«, sagte Vater kühl, »ich weiß. Ihr Vater hat mit mir gesprochen.« Und ihre Mutter mit deiner Mutter, fügte er in Gedanken hinzu. Und dann hat deine Mutter mit mir geredet, und zwar ziemlich lange.

Es ist keineswegs so, dass man dich nicht mag. Du bist ein zuverlässiger Junge, und an deiner Arbeit gibt es nichts auszusetzen. Du wärst sicher ein guter Schwiegersohn. Vier gute Schwiegersöhne. Genau dort liegt das Problem. Außerdem: Minty hat gerade erst ihren sechzigsten Geburtstag gefeiert. Es ist nicht angemessen. Es ist nicht richtig.

Vater Zwerg hatte Geschichten über Kinder gehört, die bei Wölfen aufwuchsen. Er fragte sich, ob das Oberhaupt des Rudels jemals in eine so schwierige Situation geraten war. Vielleicht führte es den Jungen auf irgendeine abgelegene Lichtung und sagte: Hör mal, Sohn, vielleicht hast du dich darüber gewundert, dass du nicht so haarig bist wie alle anderen …

Er hatte die Angelegenheit bereits mit Varneschi besprochen. Ein guter, verlässlicher Mann. Er erinnerte sich an Varneschis Vater, sogar an seinen Großvater, als er nun darüber nachdachte. Menschen schienen keine besonders hohe Lebenserwartung zu haben. Wahrscheinlich alterten sie schnell, weil sich das Herz sehr anstrengen musste, um das Blut so hoch hinaufzupumpen.

»Da bist du echt in einer verzwickten Lage, König5«, hatte der alte Mann geantwortet. Sie saßen auf einer Bank vor Schacht Zwei und genehmigten sich den einen oder anderen Schluck Branntwein.

»Er ist natürlich ein guter Junge«, erwiderte der König. »Ehrlich und mit festem Charakter. Man kann ihn nicht unbedingt sehr intelligent nennen, aber wenn man ihm einen Auftrag gibt, ruht er nicht, bis alles erledigt ist. Die Gehorsamkeit gehört zu seinem Wesen.«

»Du könntest ihm die Beine abhacken«, schlug Varneschi vor.

»Die Beine sind nicht das eigentliche Problem«, antwortete der König bedrückt.

»Oh. Ja. Ich verstehe. Nun, in dem Fall …«

»Nein.«

»Nein«, stimmte Varneschi nachdenklich zu. »Hmm. Vielleicht solltest du ihn für eine Weile fortschicken, ihm Gelegenheit geben, unter Menschen zu sein.« Er lehnte sich zurück. »Du hast es hier mit einer Ente zu tun, König«, fügte er weise hinzu.

»Es hätte bestimmt keinen Sinn, ihm so etwas zu sagen. Es fällt ihm schon schwer genug zu glauben, dass er ein Mensch ist.«

»Ich meine: eine Ente, die unter Hühnern aufgewachsen ist. Ein weithin bekanntes Bauernhof-Phänomen. Irgendwann stellt das arme Ding fest, dass es gar nicht richtig picken kann, und vom Schwimmen hat es überhaupt keine Ahnung.« Der König hörte höflich zu. Die landwirtschaftlichen Kenntnisse von Zwergen sind eher begrenzt. »Aber wenn man es zu anderen Enten schickt, damit es nasse Füße bekommt, läuft es bald keinen Glucken mehr nach. Und Bob ist dein Onkel.«6

Varneschi lehnte sich wieder zurück und wirkte sehr zufrieden mit sich.

Wenn man einen großen Teil seines Lebens in einem Bergwerk verbringt, neigt man zu einer eher nüchternen Denkweise. Zwerge können mit Metaphern nur wenig anfangen. Steine sind hart, und die Dunkelheit ist dunkel. Wenn man mit bildhaften Beschreibungen beginnt, kommt man nur durcheinander – so lautet das Zwergenmotto. Doch der König pflegte schon seit zweihundert Jahren Kontakte mit Menschen, und während dieser Zeit hatte er ein mentales Instrumentarium entwickelt, um sich im Labyrinth menschlicher Redewendungen besser zurechtzufinden.

»Bjorn Starkimarm ist tatsächlich mein Onkel«, sagte er langsam.

»Meine ich ja.«

Es folgte eine Pause, als der König die letzte Gesprächssequenz sorgfältig analysierte.

Vater Zwerg wählte seine Worte mit besonderer Vorsicht, als er schließlich erwiderte: »Du meinst also, wir sollen Karotte fortschicken und ihn eine Ente unter Menschen sein lassen, weil Bjorn Starkimarm mein Onkel ist.«

»Er ist zweifellos ein prächtiger Bursche«, sagte Varneschi. »Einem so kräftigen Jungen stehen bestimmt viele Möglichkeiten offen.«

»Ich habe gehört, dass Zwerge in der Großen Stadt arbeiten«, überlegte der König laut. »Sie schicken ihren Familien Geld, was sehr lobenswert und anständig ist.«

»Na bitte. Besorg ihm einen Job in …« Varneschi besann sich auf seine Fantasie. »In der Wache oder so. Mein Urgroßvater diente in der Wache, weißt du. Gute Arbeit für jemanden, der das Herz am rechten Fleck hat, meinte mein Urgroßvater.«

»Wache?«, wiederholte der König. »Was bedeutet das?«

»Oh«, antwortete Varneschi mit der vagen Unsicherheit eines Mannes, dessen Familie während der letzten drei Generationen nicht mehr als zwanzig Meilen weit gereist ist, »die betreffenden Leute sorgen dafür, dass die Gesetze beachtet werden und sich jeder an seine Anweisungen hält.«

»Eine sehr ehrenhafte Aufgabe«, kommentierte der König. Er war daran gewöhnt, Anweisungen zu erteilen, und daher vertrat er in diesem Zusammenhang einen recht festen Standpunkt.

»Natürlich nimmt die Wache nicht jeden auf«, fügte Varneschi hinzu und kramte in den untersten Schubladen seines Gedächtnisses.

»Das kann ich gut verstehen. Immerhin ist diese Arbeit sehr wichtig. Ich schreibe dem König in der Stadt.«

»Ich glaube, dort gibt es gar keinen König«, gab Varneschi zu bedenken. »Nur einen Mann, der allen anderen Leuten sagt, was sie zu tun haben.«

Der Zwerg nahm diesen Hinweis ruhig entgegen. Seiner Ansicht nach war man zu mindestens siebenundneunzig Prozent König, wenn man anderen Leuten sagte, was sie zu tun hatten.

Karotte fand sich mit diesen Erklärungen ab und nahm sein plötzlich verändertes Schicksal hin – ebenso gut hätte man ihn auffordern können, Schacht Vier zu erweitern oder Holz für Stützbalken zu holen. Alle Zwerge sind von Natur aus pflichtbewusst, ernst, tugendhaft, gehorsam und nachdenklich. Ihre einzige Schwäche besteht in der Tendenz, nach einem Drink Feinden entgegenzustürmen, ›Arrrrgh!‹ zu brüllen und Beine in Kniehöhe abzuhacken. Karotte sah keinen Grund dafür, anders zu sein. Er beschloss, die ›Stadt‹ aufzusuchen – was immer das auch sein mochte – und dort einen Mann aus sich machen zu lassen.

Varneschi hatte darauf hingewiesen, dass nur die Besten hoffen durften, in die Wache aufgenommen zu werden. Ein Wächter musste gut zu kämpfen verstehen und rein sein, in Gedanken ebenso wie in Wort und Tat. Der alte Mann griff auf die Anekdotensammlung seiner Ahnen zurück und berichtete von Bösewichtern, die im Mondschein über hohe Dächer zu fliehen versuchten, von regelrechten Schlachten mit Schurken, die sein Großvater natürlich alle gewonnen hatte, obwohl der Feind zahlenmäßig weit überlegen gewesen war.

Es klang besser als die Arbeit in den Minen, befand Karotte.

Der König dachte gründlich nach, schrieb einen Brief an den Herrscher von Ankh-Morpork und fragte respektvoll, ob für Karotte ein Platz in den Reihen der Besten infrage käme.

Im Bergwerk der Zwerge geschah es nur selten, dass jemand einen Brief schrieb. Die Arbeit ruhte, und der ganze Clan fand sich ein, schwieg ehrfürchtig und lauschte, während der Federkiel des Königs übers Pergament kratzte. Seine Tante war zu Varneschi geschickt worden, um ein wenig Siegelwachs zu holen. Die Schwester hatte das Dorf besucht und Frau Knobblauch gefragt, wie man Emffehlunk schrieb.

Monate verstrichen.

Und dann traf die Antwort ein. Der Umschlag war fleckig und zerknittert – in den Spitzhornbergen wurden Briefe Reisenden übergeben, die mehr oder weniger die richtige Richtung einschlugen –, und die Mitteilung darin beschränkte sich auf einige wenige Worte. Es hieß schlicht und einfach, der Bewerbung werde stattgegeben, und Karotte solle sich unverzüglich zum Dienst melden.

»Das ist alles?«, fragte der Junge verwundert. »Ich dachte, erst fänden einige Tests statt. Um festzustellen, ob ich geeignet bin.«

»Du bist mein Sohn«, erwiderte der König. »Darauf habe ich deutlich hingewiesen. Woraus folgt: Es kann überhaupt kein Zweifel an deiner Eignung bestehen. Wahrscheinlich hast du das Zeug zum Offizier.«

Er holte einen Sack unter seinem Stuhl hervor, griff hinein und holte einen langen Metallgegenstand hervor. Zuerst wirkte er wie eine Säge, doch wenn man genauer hinsah, wies das Objekt zumindest gewisse Ähnlichkeiten mit einem Schwert auf.

»Ich glaube, dies ist dein rechtmäßiges Eigentum«, erklärte Vater Zwerg. »Als wir die … Wagen fanden, war dort nichts anderes übrig geblieben. Wegen der Räuber, weißt du. Unter uns gesagt …« Er bedeutete Karotte, sich zu ihm herabzubeugen. »Wir haben es von einer Hexe untersuchen lassen. Weil wir irgendeine Art von Magie vermuteten. Aber das ist nicht der Fall. Die Hexe meinte, es sei das unmagischste Schwert, das sie jemals gesehen habe. Nicht eine Spur von magischem Magnetismus. Wenigstens ist es gut ausbalanciert.«

Der König reichte die Waffe dem Jungen und griff erneut in den Sack. »Und dann dies hier.« Er hob ein Hemd. »Es wird dich schützen.«

Karotte betastete es vorsichtig. Das Kleidungsstück bestand aus der Wolle von Spitzhorn-Schafen, war so warm und weich wie Schweineborsten. Es handelte sich um eine der legendären Zwergenwesten, die eigentlich Angeln brauchten.

»Wovor soll es mich schützen?«, fragte er.

»Vor der Kälte und so«, erwiderte der König. »Deine Mutter meint, du sollst es tragen. Äh, da fällt mir ein … Herr Varneschi möchte, dass du ihm auf dem Weg zur Stadt einen Besuch abstattest. Er hat etwas für dich.«

Vater und Mutter winkten, bis Karotte außer Sicht geriet, doch Minty kam nicht, um ihn zu verabschieden. Seltsam: Seit einiger Zeit schien sie ihn zu meiden.

Und so zog der Junge also los: das Schwert auf dem Rücken, in der Tasche belegte Brote und saubere Unterwäsche, die ganze Welt – bildlich gesprochen – zu Füßen. Außerdem nahm er das Schreiben des berühmten Patriziers mit, der die große und prächtige Stadt Ankh-Morpork regierte.

So hatte sich jedenfalls seine Mutter ausgedrückt. Der Briefkopf zeigte ein beeindruckendes Wappen, doch die Unterschrift lautete: ›Lupin Schnörkel, Sekr’r, pp.‹

Trotzdem: Wenn der Brief nicht vom Patrizier persönlich unterzeichnet worden war, so hatte ihn bestimmt jemand geschrieben, der für ihn arbeitete. Oder im gleichen Gebäude wohnte. Wahrscheinlich wusste der Patrizier wenigstens von dem Brief. In groben Zügen. Und wenn er nichts von diesem Brief ahnte, so war ihm sicher bekannt, dass ein Phänomen namens Post existierte.

Karotte wanderte mit langen zuversichtlichen Schritten über den Bergpfad und scheuchte Hummelschwärme auf. Nach einer Weile zog er das Schwert aus der Scheide und schlug versuchsweise nach verbrecherischen Baumstümpfen und ungesetzlichen Ansammlungen von Brennesseln.

Varneschi saß vor seiner Hütte und reihte getrocknete Pilze an einer Schnur auf.

»Hallo, Karotte!«, begrüßte er den Jungen und führte ihn durch die Tür. »Freust du dich auf die Stadt?«

Karotte dachte darüber nach.

»Nein«, antwortete er schließlich.

»Hast du’s dir anders überlegt?«

»Nein«, erwiderte Karotte ehrlich, »ich habe mir gar nichts überlegt, bin einfach nur gegangen.«

»Dein Vater hat dir das Schwert gegeben, nicht wahr?«, fragte Varneschi und kramte in einem stinkenden Regal.

»Ja. Und eine Wollweste, die mich vor Erkältungen schützen soll.«

»Ah. Ja, unten in der Ebene kann’s ziemlich feucht sein, wie ich hörte. Schutz. Sehr wichtig.« Varneschi drehte sich um und fügte in einem bedeutungsvollen Tonfall hinzu: »Dies gehörte meinem Urgroßvater.«

Karottes Blick fiel auf eine seltsame halbkugelförmige Vorrichtung mit einigen Riemen.

»Eine Art Schlinge?«, fragte er, nachdem er das sonderbare Objekt mehrere Sekunden lang betrachtet und dabei höflich geschwiegen hatte.

Varneschi nannte ihm die gebräuchliche Bezeichnung für den Gegenstand.

»Hosenbeutel?«, wiederholte Karotte verwirrt. »Schnallt man das Ding an den Gürtel?«

»Nein«, murmelte Varneschi. »Man verwendet es beim Kampf. Du solltest es die ganze Zeit über tragen – dann sind deine, äh, edlen Teile immer geschützt.«

Karotte probierte den Hosenbeutel aus.

»Er ist zu klein, Herr Varneschi.«

»Äh, weißt du, er wird nicht auf den Kopf gesetzt.«

Varneschi erklärte die Einzelheiten, und Karottes Verwirrung verwandelte sich allmählich in bestürztes Entsetzen. Der alte Mann beendete seinen Vortrag mit dem Hinweis: »Mein Urgroßvater sagte immer, ich hätte mein Leben in erster Linie diesem Gegenstand zu verdanken.«

»Was meinte er damit?«

Varneschis Mund öffnete und schloss sich mehrmals. »Keine Ahnung«, antwortete er feige und rückgratlos.

Jetzt lag das schändliche Objekt ganz unten in Karottes Rucksack. Zwerge konnten mit solchen Dingen nichts anfangen. Die scheußliche Schutzvorrichtung gehörte zu einer Welt, die ebenso fremdartig war wie die Rückseite des Mondes.

Herr Varneschi gab Karotte auch noch etwas anderes: ein kleines, aber sehr dickes Buch, gebunden in Leder, das im Laufe der Jahre die Festigkeit von Holz gewonnen hatte.

Der Titel lautete: ›Die Gesetze und Verordnungen der Städte Ankh und Morpork‹.

»Es stammt ebenfalls aus dem Besitz meines Urgroßvaters«, verkündete Varneschi. »Darin steht alles, was die Wache wissen muss. Du solltest die Gesetze kennen, wenn du ein guter Offizier werden willst«, sagte er ernst.

Leider vergaß Varneschi, dass Karotte noch nie eine Lüge gehört und immer nur genaue Anweisungen bekommen hatte, die keinen Interpretationsspielraum ließen. Der Junge nahm das Buch würdevoll entgegen. Wenn er schon ein Offizier der Wache sein sollte, so wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, weniger als ein guter Offizier zu werden.

Es war eine fünfhundert Meilen weite und erstaunlicherweise völlig ereignislose Reise. Wer nahezu zwei Meter groß und in den Schultern fast ebenso breit ist, braucht bei seinen Reisen nicht mit unliebsamen Zwischenfällen zu rechnen. Es mag durchaus geschehen, dass Leute hinter Felsen hervorspringen, aber sie sagen nur: »Oh! Entschuldigung. Ich habe dich für jemand anderen gehalten.«

Karotte verbrachte den größten Teil der Zeit damit, im Buch zu lesen.

Und jetzt lag Ankh-Morpork vor ihm. Die Stadt bot einen eher enttäuschenden Anblick. Karotte hatte mit aufragenden Türmen und bunten Fahnen gerechnet, aber die Gebäude ragten nicht etwa auf, sondern duckten sich an den Boden, als fürchteten sie, jemand könne ihn stehlen. Außerdem fehlten bunte Fahnen.

Am Tor stand ein Wächter. Zumindest trug er ein Kettenhemd und stützte sich auf einen Speer – er musste ein Wächter sein.

Karotte begrüßte ihn und reichte ihm den Brief. Der Mann starrte eine Zeit lang darauf hinab.

»Mhm?«, grummelte er dann.

»Ich glaube, ich muss mich bei Lupin Schnörkel Sekr’r pp melden«, sagte Karotte.

»Wofür steht das pp?«, fragte der Wächter misstrauisch.

»Vielleicht für prompt-pünktlich«, antwortete Karotte, der sich die gleiche Frage gestellt hatte.

»Ich kenne keinen Sekr’r«, brummte der Wächter. »Wende dich an Hauptmann Mumm von der Nachtwache.«

Karotte lächelte freundlich. »Wo ist er stationiert?«

»Um diese Tageszeit würde ich es in der Weintraube versuchen, an der Ecke Leichte Straße und Torkelgasse.« Der Mann musterte Karotte von Kopf bis Fuß. »Du willst dich der Wache anschließen, wie?«

»Ich hoffe, mich als würdig zu erweisen«, erwiderte Karotte.

Der Wächter bedachte ihn mit einem Blick, den man als altmodisch bezeichnen kann. Er war geradezu neolithisch.

»Was hast du angestellt?«, fragte er.

»Wie bitte?«

»Du musst irgendetwas angestellt haben«, sagte der Mann.

»Mein Vater schrieb einen Brief«, entgegnete Karotte stolz. »Er hat mich freiwillig gemeldet.«

»Dunnerschlach!«, entfuhr es dem Wächter.

Erneut kroch die Finsternis der Nacht heran, und hinter dem grässlichen Portal:

»Sind die Räder der Qual richtig gedreht?«, fragte der Oberste Größte Meister.

Die Aufgeklärten Brüder standen im Kreis und schwiegen.

»Bruder Wachturm?«, grollte der Oberste Größte Meister.

»Es ist nicht meine Aufgabe, die Räder der Qual zu drehen«, erwiderte Bruder Wachturm. »Normalerweise kümmert sich Bruder Stukkateur um die Räder der Qual …«

»Nein, das stimmt nicht, meine Pflicht besteht darin, die Achsen der Universellen Zitrone zu schmieren!«, entfuhr es Bruder Stukkateur empört. »Du behauptest immer, ich sei für die Räder der Qual zuständig, aber das ist glatt gelogen!«

Der Oberste Größte Meister seufzte im Schatten seiner Kapuze, als ein neuerlicher Streit begann. Aus dieser Schlacke sollte er ein Zeitalter der Vernunft schmieden?

»Seid endlich still!«, rief er. »Heute Abend brauchen wir die Räder der Qual gar nicht. Ihr sollt aufhören! Brüder, habt ihr euren Auftrag erfüllt und die benötigten Gegenstände mitgebracht?«

Hier und dort erklang bestätigendes Murmeln.

»Legt sie in den Kreis der Beschwörung!«, sagte der Oberste Größte Meister.

Es war eine armselige Sammlung. Bringt mir magische Objekte, so lautete die Anweisung. Nur Bruder Finger holte etwas Brauchbares unter seinem Umhang hervor, eine Art Altarornament. Der Oberste Größte Meister hielt es für besser, nicht zu fragen, woher es stammte. Er trat vor und stieß einen der anderen Gegenstände mit dem Fuß an.

»Was ist das hier?«, fragte er.

»’n Amulett«, brummte Bruder Verdruss. »Sehr mächtig. Hab’s gekauft. Wirkt garantiert. Schützt vor Krokodilbissen.«

»Und du kannst wirklich darauf verzichten?«, vergewisserte sich der Oberste Größte Meister. Die übrigen Brüder kicherten pflichtbewusst.

»Schweigt, Brüder!« Der Oberste Größte Meister drehte sich verärgert um. »Bringt magische Objekte, habe ich gesagt. Keine Kinkerlitzchen und völlig wertloses Zeug! Meine Güte, in dieser Stadt wimmelt’s von Magie!« Er bückte sich. »Bei allen Göttern, was sollen wir denn damit anfangen?«

»Es sind Steine«, erklärte Bruder Stukkateur unsicher.

»Das sehe ich. Warum sollen sie magisch sein?«

Bruder Stukkateur zitterte. »Sie haben Löcher, Oberster Größter Meister. Es ist allgemein bekannt, dass Steine mit Löchern drin magisch sind.«

Der Oberste Größte Meister kehrte zu seinem Platz im Kreis zurück und hob die Arme.

»Na schön, in Ordnung, meinetwegen«, sagte er zerknirscht. »Wenn es unbedingt sein muss, begnügen wir uns mit diesen … Dingen. Wenn wir einen nur fünfzehn Zentimeter langen Drachen bekommen, kennen wir alle den Grund dafür. Nicht wahr, Bruder Stukkateur? Bruder Stukkateur? Entschuldige, aber ich habe dich nicht verstanden. Was hast du gesagt? Bruder Stukkateur?«

»Ich sagte: Ja, Oberster Größter Meister«, hauchte Bruder Stukkateur.

»Gut. Ich hoffe, dieser Punkt ist jetzt geklärt.« Der Oberste Größte Meister griff nach dem Buch.

»Und nun, wenn ihr bereit seid …«, begann er.

»Ähem.« Bruder Wachturm hob zögernd die Hand.

»Bereit wofür, Oberster Größter Meister?«, fragte er zaghaft.

»Für die Beschwörung, Mann! Heiliger Himmel, ich dachte …«

»Aber du hast uns noch nicht gesagt, was wir tun sollen, Oberster Größter Meister«, klagte Bruder Wachturm.

Der Oberste Größte Meister zögerte. Bruder Wachturm hatte recht, aber das wollte er nicht zugeben.

»Das liegt doch auf der Hand«, erwiderte er. »Ihr müsst eure Konzentration fokussieren. Denkt an Drachen!«, übersetzte er. »Ihr alle.«

»Das genügt?«, fragte Bruder Pförtner.

»Ja.«

»Müssen wir nicht irgendwelche mystische Runen singen oder so?«