9,99 €
Der Mord an einem Priester führt die Sigma Force auf die Spur einer unfassbaren Verschwörung – beim neusten Auftrag für Grayson Pierce!
Ein Archivar des Vatikans wird in Moskau ermordet. Dahinter steckt eine Verschwörung, die drei Jahrhunderte zurückreicht – bis in die Blütezeit des Zarenreichs. Der alte Konflikt zwischen der russisch-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche flammt wieder auf und könnte die Welt in Band setzen. Die Spezialisten der Sigma Force brechen sofort nach Russland auf, um das Schlimmste zu verhindern. Doch die geheimnisvolle Gesellschaft des Erzengels erwartet sie bereits, und ihr Einfluss reicht weiter, als die Agenten befürchteten. Nur Grayson Pierce und seine Gefährten können den Geheimbund noch aufhalten.
Historische Rätsel kombiniert mit modernster High Tech! Die Action-Romane über Grayson Pierce und die Sigma Force sind in sich abgeschlossen und eigenständig lesbar. Verpassen Sie nicht »Feuerring« oder »Königreich der Knochen«.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 618
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ein Archivar des Vatikans wird in Moskau ermordet. Dahinter steckt eine Verschwörung, die drei Jahrhunderte zurückreicht – bis in die Blütezeit des Zarenreichs. Der alte Konflikt zwischen der russisch-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche flammt wieder auf und könnte die Welt in Brand setzen. Die Spezialisten der Sigma Force brechen sofort nach Russland auf, um das Schlimmste zu verhindern. Doch die geheimnisvolle Gesellschaft des Erzengels erwartet sie bereits, und ihr Einfluss reicht weiter, als die Agenten befürchteten. Nur Grayson Pierce und seine Gefährten können den Geheimbund noch aufhalten.
Neueste Technologiekenntnisse und fundierte wissenschaftliche Fakten, genial verknüpft mit historischen und mythologischen Themen – all das macht die Abenteuerthriller von James Rollins zum einzigartigen Leseerlebnis. Der passionierte Höhlentaucher James Rollins betreibt eine Praxis für Veterinärmedizin in Sacramento, Kalifornien.
Sigma-Force:Sandsturm, Feuermönche, Der Genesis-Plan, Der Judas-Code, Das Messias-Gen, Das Flammenzeichen, Feuerflut, Mission Ewigkeit, Das Auge Gottes, Projekt Chimera, Das Knochenlabyrinth, Die siebte Plage, Die Höllenkrone, Der Flammenwall, Auftrag Tartarus, Königreich der Knochen, Feuerring, Das Erzengel-Komplott
Tucker Wayne:Killercode, Kriegsfalke
Die Bruderschaft der Christuskrieger:Das Evangelium des Blutes, Das Blut des Verräters, Die Apokalypse des Blutes
James Rollins
Roman
Deutsch von Norbert Stöbe
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Arkangel« bei William Morrow, New York.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright der Originalausgabe © 2024 by Jim Czajkowski
Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc. Armonk, New York, U.S.A.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Gerhard Seidl
Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter
Verwendung von Motiven von stock.adobe.com (martinlisner, Azahara MarcosDeLeon, Nadejda, Yeti Studio, Илья Подопригоров, genk, Andrii)
HK · Herstellung: DiMo
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-33462-8V001
www.blanvalet.de
Für Julie und Robbie Grant, deren Freundschaft mich durch raue See getragen hat.
Sigma Force
Grayson Pierce – Einsatzleiter
Seichan – ehemalige Terroristin/Auftragsmörderin, arbeitet jetzt für Sigma
Monk Kokkalis – Spezialist für Medizin und Biotechnik
Kathryn Bryant – Expertin für Informationsbeschaffung
Joseph Kowalski – Spezialist für Munition und Sprengstoffe
Painter Crowe – Direktor von Sigma in Washington, D.C.
Jason Carter – Computertechniker in der Sigma-Zentrale
Achtzehntes Jahrhundert
Vasily Chichagov – Kommandant des Hafens von Archangelsk
Mikhail Lomonosov – Universalgelehrter und Staatsrat der Kaiserin Katharina II.
Orlov – Leutnant unter Chichagov
Razin – Kapitän der Walfangstation Spitzbergen
Russisches Kontingent
Alex Borrelli – Monsignore am Vatikan
Vadim – Student an der Moskauer Staatsuniversität
Igor Koskov – Archivar am Moskauer Museum für Archäologie
Anna Koskov – Novizin am Novodevichy-Kloster
Sergei Turov – Kommandant der Militärbasis am Weißen Meer
Oleg Ulyanin – stellvertretender Stabschef Turovs
Leonid Sychkin – Erzpriester der russisch-orthodoxen Kirche
Yerik Raz – Mönch und Sekretär Sychkins
Bogdan Fedoseev – russischer Industrieller
Yuri Severin – Bogdans Sicherheitschef
Elle Stutt – Botanikerin
Arkady Radi – Unterweltkurier
Nikil Yelagin – Bischof der russisch-orthodoxen Kirche
Uliana, Natalia und Maria – Nonnen am Kloster in Sergiyev Posad
Vinogradov, Sidorov und Fadd – Kollegen von Yuri Severin
Osin – Leutnant der Spezialeinheit Spetsnaz
Bragin – Leutnant der Spetsnaz
Besatzung derPolar King
Oliver Kelly – Kapitän des Eisbrechers
Byron Murphy – Navigator
Omkryn Allay – Ingenieur und Einheimischer
Ryan Marr – Sicherheitsoffizier
Harper Marr – Schiffsärztin
Renny – Taucher
Mitchell – Taucher
Weitere
Finnigan Bailey – Präfekt des vatikanischen Archivs
Tucker Wayne – ehemaliger Army Ranger
Kane – sieben Jahre alter Belgischer Schäferhund
Marco – elf Monate alter Belgischer Schäferhund
Valya Mikhailov – Anführerin der Neo-Gilde
Nadira Ali Saeed – Mikhailovs Stellvertreterin
Ein neuer Weltkrieg braut sich zusammen – buchstäblich.
Die meiste Zeit über war der nördliche Polarkreis Niemandsland. Acht Nationen grenzen an diese Region – Russland, Kanada, Finnland, Norwegen, Schweden, Island, Dänemark (über Grönland) und die Vereinigten Staaten –, kein Land hat jedoch territoriale Ansprüche auf den Großteil der Arktis. Dem UN-Seerechtsübereinkommen (UNCLOS) gemäß erstreckt sich die Wirtschaftszone eines Landes bis zweihundert Seemeilen vor der Küste. Reicht der Festlandsockel weiter, dehnt sich die Grenze auf dreihundertfünfzig Seemeilen aus. Alles, was jenseits davon liegt, darf nicht genutzt werden. Diese internationale Vereinbarung hat die wirtschaftliche Nutzung der Arktis jahrzehntelang verhindert.
Das aber soll sich ändern.
Da die Eiskappe schmilzt, ist der Zugang zum Meeresboden viel einfacher und verlockender geworden. Bislang wurden im Polarkreis mehr als vierhundert Öl- und Gasfelder entdeckt1. Zusätzlich sind neue Schifffahrtsrouten in Gewässern entstanden, die bislang zugefroren und unzugänglich waren. Jahrhundertelang war es nahezu unmöglich, die Nordwestpassage vor Kanada zu nutzen. Jetzt kann man eine Kabine auf einem Handelsschiff buchen und die historische Route bequem befahren.
Diese Veränderungen geschahen so schnell, dass die US-Klimabehörde (NOAA) erklärt hat, »die Arktis, wie wir sie kannten, ist Geschichte« und den Begriff »Neue Arktis« prägte, um diesen grundlegenden Wandel zu beschreiben.2
Gegenwärtig sind über 900 Infrastrukturprojekte in der Entwicklung, was einer Investitionssumme von über einer Billion Dollar entspricht. Die Mehrzahl wird von Russland durchgeführt. Es hat aufgegebene Anlagen aus der Sowjetzeit wieder in Betrieb genommen und mehrere Seehäfen an der Nordküste gebaut. Sogar China – das keine territorialen Ansprüche auf die Arktis hat – treibt eine globale Infrastruktur-Initiative voran, die als Neue Seidenstraße bekannt ist und Projekte im Polarkreis mit einschließt. China beabsichtigt, einen nördlichen Seeweg zu etablieren, der die Fahrtzeit zwischen Asien und Europa um ein Drittel reduzieren könnte. Um die zukünftige Polare Seidenstraße zu befahren, baut China eisgängige Frachtschiffe und Öltanker.3
Von Jahr zu Jahr erhöhen sich der Einsatz und die Spannungen. Man schätzt, dass sich in der Arktis ein Viertel der Öl- und Gasvorkommen des Planeten befinden4. Außerdem ist sie eine Schatztruhe seltener Erden (Neodym, Praseodym, Terbium und Dysposium), die für den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Produktion von Elektroautos benötigt werden. Allein der Wert der Mineralien in der russischen Arktis wird auf zwei Billionen US-Dollar geschätzt.5 Zudem werden weite Gebiete für den Fischfang zugänglich, in denen es bereits zu Konflikten kommt.
Leider verschlechtert sich die Situation kontinuierlich, weil mehrere Staaten miteinander um die Ressourcen des schmelzenden Polarkreises konkurrieren. Im Jahr 2007 ging Russland so weit, zwei U-Boote unter die Eiskappe zu entsenden. Sie brachten unter dem Nordpol eine russische Flagge aus Titan an, um symbolisch den Anspruch des Landes zu dokumentieren. 2022 versuchte Russland, seine Gebietsgrenzen um 700 Quadratkilometer bis nach Kanada und Grönland auszuweiten.6 Dabei geht es nicht allein darum, dem Westen eine lange Nase zu drehen. Der hohe Norden hat für Russland nicht nur kulturelle und historische, sondern auch militärische Bedeutung.
Aus diesem Grund hat Russland bereits begonnen, seinen Einflussbereich energisch zu verteidigen. Es hat an der Nordgrenze mehrere unangekündigte Militärübungen durchgeführt, an denen Tausende Soldaten sowie zahlreiche Schiffe und U-Boote beteiligt waren, auch solche mit atomarer Bewaffnung. Zudem hat die russische Flotte mehr als vierzig Eisbrecher im Einsatz, darunter zehn mit Nuklearantrieb, während die US-Küstenwache lediglich über zwei verfügt, wenngleich sechs weitere im Bau befindlich sind und nach 2025 in Betrieb genommen werden sollen.7
Dieses Missverhältnis hat die Spannungen verschärft und die militärischen Aktivitäten im Polarkreis erhöht. Es braucht nicht viel – nur einen Unfall, ein Missverständnis, eine Fehlbeurteilung –, um die ganze Region zu destabilisieren.
Doch es gibt noch eine andere Gefahr, die dieses eisige Pulverfass zu entzünden droht.
Eine neue Entdeckung in der Arktis.
Etwas Unerwartetes, Unvorhergesehenes.
Etwas, das zu einem Wettrennen zwischen den beteiligten Ländern führen könnte.
Es kündigt sich bereits an.
1 »Arctic Nations Are Squaring Up to Exploit the Region’s Rich Natural Resources«, Mark Rowe, Geographical, 12. August 2022
2 »Russia and China Vie to Beat the U.S. in the Trillion-Dollar Race to Control the Arctic«, Clay Dillow, CNBC.com, 6. Februar 2018
3 ebd.
4 »A Treasure Map of the Arctic«, Frank Swain, New Scientist, 2. Februar 2018
5 »Arctic Nations«, Rowe
6 »U.S. Is Seen as Laggard as Russia Asserts Itself in Warming Arctic«, Steven Lee Meyers, Business Standard, 30. August 2015
7 »U.S. Coast Guard Calls for Larger Icebreaker Fleet to Compete in the Arctic«, Tamone Perez, Defense News, 14. Juli 2022
Auch schon früher war das Interesse an der Arktis groß. In der Vergangenheit galt sie als Mysterium und stand für Abenteuer und Tragödien.
Die alten Griechen nannten den hohen Norden nach dem Sternbild Ursa Major Arktikós, Land des Großen Bären. Dem Mythos zufolge war die Arktis der Ursprung des Nordwinds (Boreas), und noch weiter nördlich lag das geheimnisvolle Land Hyperborea (wörtlich übersetzt: Jenseits des Nordwinds). Man glaubte, dieses Land sei dicht bewaldet und reich an Wild, ein Ort der lauen Winde. Es war bewohnt vom ältesten Menschengeschlecht, nahezu unsterblichen Wesen, die Jahrhunderte alt werden konnten. Die Hyperboreer waren die Lieblinge des Apollon, des griechischen Gottes des Lichts und der Weisheit. Er reiste so häufig in ihr Land, dass er oft auch als hyperboreischer Apollon bezeichnet wurde.
Dieser Gott war jedoch nicht der Einzige, der sie aufsuchte.
Der Mythos eines fruchtbaren, reichen Kontinents im hohen Norden überdauerte Jahrhunderte. Im Lauf der Jahrtausende suchten Abenteurer und Forscher nach diesem vergessenen Land, dieser Terra incognita. Davon wird unter anderem in römischen Legenden, mittelalterlichen Erzählungen und den Schriften der Aufklärung berichtet.
Findet sich in der Legende von Hyperborea vielleicht ein Körnchen Wahrheit?
Im vierzehnten Jahrhundert bereiste ein Franziskanermönch im Auftrag von König Edward III. den Nordatlantik. Er verfasste ein Buch mit dem Titel Inventio Fortunata (Glücksfunde) mit einer erstaunlichen Beschreibung des Nordpols und der umliegenden Meere, Länder und deren Bewohner. Das Buch geriet in Vergessenheit, doch spätere Schriften nahmen darauf Bezug, darunter ein von Jacobus Cnoyen verfasstes Buch mit dem Titel Itinerarium, das die Reiseerlebnisse des Mönchs schildert. Bedauerlicherweise ist auch Cnoyens Schrift seit dem sechzehnten Jahrhundert verschollen.8
Zum Glück hat der flämische Kartograf Gerardus Mercator in einem Brief an den befreundeten Mathematiker und königlichen Berater John Dee ausführlich daraus zitiert. Der Brief wird im Britischen Museum aufbewahrt. Mercator zeichnete auf Grundlage von Cnoyens Schilderung eine detailreiche Karte der Arktis – das Septentrionalium Terrarum –, die erste Karte mit dem Nordpol als Mittelpunkt.9 Auf dieser fantasievollen Karte sind magnetische Berge, gigantische Strudel und vergessene Kontinente dargestellt, darunter auch die ehemalige Heimat der Hyperboreer. Die Karte und deren erstaunliche Behauptungen überdauerten in unterschiedlicher Form über hundert Jahre lang, bis Arktisforscher zu neuen Erkenntnissen gelangten und die Existenz eines vergessenen Kontinents im Norden widerlegten.
Der Mythos aber lebte weiter. Selbst heute noch glauben manche, dass die Hyperboreer früher existierten.
Ein Fürsprecher dieser Theorie ist der russische Philosoph Aleksandr Dugin, der im Jahr 1992 eine Schrift mit dem Titel Die Hyperborea-Theorie verfasste. Er ist überzeugt, dieses vergessene Land habe nördlich von Sibirien gelegen und die Russen seien Abkömmlinge der Hyperboreer. Diese ultranationalistische Sichtweise wurde in den Lehrplan des russischen Militärs aufgenommen und wird heute noch an Fakultäten für Politikwissenschaft unterrichtet. Angeblich diente diese theologische Sicht der Bestimmung Russlands zur Rechtfertigung der Annexion der Krim und des Einmarschs in die Ukraine. Dugin und dessen Anschauungen sind so einflussreich, dass er bisweilen als »Putins Gehirn« oder »Putins Rasputin« bezeichnet wird. Im Jahr 2022 kam seine Tochter durch eine Autobombe ums Leben.10
Also seien Sie gewarnt. Mythen sind machtvoll, zumal ich einen bestimmten russischen historischen Bericht, in dem es um einen Geheimerlass geht, noch gar nicht erwähnt habe. Er bietet tiefere Einblicke in das geheimnisvolle Hyperborea, eine Legende, die bis heute die Fantasie anregt.
Blättern Sie weiter und erfahren Sie, wie ein Mythos die ganze Welt vernichten könnte.
Und am allerschlimmsten: Es könnte bereits zu spät sein.
8 Der Nordpol, Land der Pygmäen und Riesenmagnete, Frank Jacobs, Seltsame Karten, 23. Juli 2010
9 The Mysteries of the First-Ever Map of the North Pole, Cara Giaimo, Atlas Obscura, 27. Februar 2017
10 »Aleksandr Dugin: Who is Putin’s Ally and Apparent Car Bombing Target?«, Pjotr Sauer, The Guardian, 21. August 2022
Nicht hier! Im weißen Norden ruht dein Gebein; und Du,
Mutiger Fahrensmann,
Reist jetzt zu glücklicheren Gestaden,
Die niemand auf Erden finden kann.
ALFREDLORDTENNYSON, INSCHRIFTAUFDERGEDENKTAFELVONSIRJOHNFRANKLIN (1786 – 1847) INDERWESTMINSTERABBEY
Der Norden ist nicht nur eine Himmelsrichtung, sondern ein Geisteszustand.
CHRISTOPHERMCINTOSH, BEYONDTHENORTHWIND: THEFALLANDRISEOFTHEMYSTICNORTH
Es gibt zwei Arten von Arktis-Problemen, die imaginären und die realen. Die imaginären sind die realeren von beiden.
VILHJALMURSTEFANSSON, ARKTISFORSCHER
Bei der Landung auf der felsigen Insel Spitzbergen schob sich der Bug des Beiboots knirschend über Schiefersplitter und gefrorenen Sand. Die Personen an Bord waren gekommen, um Rat zu suchen bei den Verdammten, denn selbst Tote konnten noch Geschichten erzählen.
»Wir sollten hier nicht landen«, sagte Leutnant Orlov warnend und drückte sich ein russisch-orthodoxes Kruzifix an die Brust.
Kommandant Vasily Chichagov konnte seinem Untergebenen nicht widersprechen, doch das änderte nichts. »Wir haben unsere Befehle«, sagte er bitter, seine Stimme so kalt wie der Morgenwind.
Hinter ihm schaukelten die drei großen Fregatten – die Chichagov, die Panov und die Babayev – im Treibeis. Obwohl es Frühling war, herrschte in der Arktis noch immer Winter. Der Großteil dieser Gewässer wurde erst in der Mitte des Sommers eisfrei – wenn überhaupt.
Vasily ballte gegen die schneidende Kälte und vor Frust die Hände zu Fäusten. Er mummte sich fester in den Pelzmantel, die untere Gesichtshälfte von einem Wollschal verhüllt. Er wartete, während die Ruder verstaut und das Beiboot gesichert wurden, und blickte sich zu den drei Schiffen um.
Das Leitschiff trug seinen Namen, eine Ehre und gleichzeitig eine Peinlichkeit. Vasily hatte sich der kaiserlichen Marine mit sechzehn angeschlossen und war rasch zu Ruhm gelangt und befördert worden. Jetzt diente er als stellvertretender Kommandant des Hafens von Archangelsk an der Küste des Weißen Meers. Die drei Fregatten waren vor zwei Wochen von dort in See gestochen. Sie hatten den Auftrag, die Walfanglager zu inspizieren, die im Frühjahr auf diesem eisigen Archipel errichtet wurden.
Sobald die Eisschmelze einsetzte, nahm der Wettbewerb um die besten Stellen zu – das galt für die Russen, aber auch für die Norweger und Schweden. In dieser heiklen Zeit sorgten Vasilys Seestreitkräfte für Ordnung und schützten die russischen Stationen. Wenn die Lager sich nach einem Monat eingerichtet und verschanzt hatten, segelten die Schiffe wieder nach Hause. Im Sommer kam es weiterhin zu Scharmützeln, die jedoch kein Eingreifen der russischen kaiserlichen Flotte notwendig machten. Nach dieser kritischen Siedlungsperiode respektierten die Walfänger grollend ihre Reviere und Ansprüche. Seit zwei Jahrhunderten, seit der Zeit, als der holländische Seemann Willem Barents bei der Suche nach der Nordostpassage nach China diese Inseln entdeckt hatte, ging das so.
Vasily seufzte und schaute über das von Eisschollen bedeckte Meer nach Osten. Vergangenen Sommer hatte er selbst erfolglos nach der Route gesucht.
Barsche Stimmen ließen ihn zur Insel blicken. Auf dem Landekopf hatten sich Männer vor den Steinhütten um ein Lagerfeuer versammelt. Sie zeigten in ihre Richtung, von der Ankunft des Beiboots in Aufregung versetzt.
Den Berichten zufolge war diese Station vor einem Monat errichtet worden. In Ufernähe trieb bereits der Kadaver eines Grönlandwals im seichten Wasser. Obwohl man die Flossen abgesägt hatte, war er immer noch fünfzehn Meter lang. Der tonnenschwere Speck war zu dunklen Haufen gestapelt. In Kupferbottichen wurde Öl aus dem Fett gewonnen. Das Ufer war gesäumt von Gestellen, an denen U-förmiges Fischbein getrocknet wurde. Ein Stück weiter weg labten sich Hunderte Seevögel unter lautem Geschrei an den im Wasser treibenden Überresten des Wals.
Der Kadaver diente noch einem anderen Zweck. Er garantierte die Sicherheit des Lagers, denn jetzt würde keine andere Crew es mehr wagen, den Landekopf zu behelligen. Diese harten Männer glaubten, es bringe Unglück, nach dem ersten Jagderfolg ungebeten ein fremdes Lager zu betreten.
Auch Leutnant Orlov wusste das. »Warum sind wir hier gelandet, Kommandant? Die Walfänger haben sich doch bestens eingerichtet, oder?«
»Da, doch wir sind nicht wegen dieser Leute hier.«
Das Beiboot war gesichert, und Vasily bedeutete Orlov, an Land zu gehen, seinen fragenden Blick ignorierte er. Den wahren Grund für die Landung hatte Vasily nicht verraten.
Als er aus dem Boot kletterte, klopfte er unbewusst auf die Jackentasche. Darin war ein Brief der Kaiserin Katharina II., von ihr selbst verfasst. Er hatte ihn erreicht, kurz bevor die Schiffe Segel setzten, und enthielt einen geheimen Befehl.
Der Mann, der das Schreiben übergeben hatte, saß im Heck des Beiboots.
Als ahnte er Vasilys Gedanken, erhob sich Mikhail Lomonosov und ging zum Bug. Er war eine düstere Erscheinung, vom dicken Mantel bis zum breitkrempigen Hut ganz in Schwarz gekleidet. Auf der Herfahrt hatte er sich in seiner Kabine aufgehalten und mit Büchern und Landkarten beschäftigt. Nur wenige Personen wussten, dass er mit dem Dekret der Kaiserin von St. Petersburg nach Archangelsk unterwegs war.
Lomonosov war erst in den Fünfzigern, führte aber bereits den Titel eines Staatsrats – was dem Rang eines Brigadegenerals in der Armee oder eines Kapitän-Kommandanten bei der Marine entsprach – und war somit ranghöher als Vasily. Seine hohe Position verdankte er seiner breitgefächerten Begabung. Er hatte sich auf verschiedenen esoterischen Gebieten Verdienste erworben, darunter Physik, Chemie, Astronomie, Geografie, Mineralogie und sogar Geschichte und Poesie.
Lomonosov gesellte sich am Strand zu ihm. »Ich hatte ganz vergessen, wie beschissen kalt der hohe Norden ist.«
Er beklagte sich nicht, sondern klang eher wehmütig. Vasily vergegenwärtigte sich seinen Lebenslauf. Lomonosov stammte von diesen eisigen Inseln. Er war im Dorf Mishaninskaya im Oblast Archangelsk geboren worden. Als Junge hatte er seinen Vater, einen wohlhabenden Fischer, bei seinen Geschäften auf diesen Meeren begleitet. Deshalb leistete er mit dieser Reise nicht nur der Kaiserin einen Dienst, sondern stattete auch seiner Heimat einen Besuch ab.
»Jetzt, da wir gelandet sind«, knurrte Vasily hinter seinem Schal hervor den Staatsrat an, »können Sie vielleicht kundtun, was im Brief der Kaiserin unerwähnt geblieben ist.«
»Sobald wir unter uns sind«, erklärte Lomonosov einsilbig. Er zeigte auf einen großen Mann, der sich ihnen näherte. »Das muss Kapitän Razin sein, der hier das Sagen hat.«
Vasily nickte. Dem Kosaken mit dem buschigen Bart schien die Kälte nichts auszumachen, denn er war nur mit Hose und Hemd bekleidet, der Kragen stand offen. Seine Haut hatte vom Salz einen dunklen Kupferton angenommen. Er hatte nichts Einnehmendes an sich, ein Eindruck, der durch den Säbel in der Scheide und die Pistole im Schulterholster noch verstärkt wurde.
Er spuckte aus, der Speichelklumpen landete vor Vasilys Stiefel. Orlov trat drohend einen Schritt vor, doch Vasily winkte ihn zurück.
»Endlich«, sagte Razin, »ich hab schon vor einem Monat wegen der Toten Meldung erstattet. In Kürze werden sie auftauen und anfangen zu stinken. Bis sie weggeschafft sind, weigern sich meine Leute, den verfluchten Strand zu betreten, und wenn wir erfolgreich jagen wollen, brauche ich den Platz.«
»Wir werden die Toten bald wegschaffen«, versicherte Vasily dem Kapitän. »Aber erst einmal würden wir uns gern anschauen, was Sie entdeckt haben.«
Razin grinste spöttisch, musterte die fünfköpfige Gruppe, wandte sich ab und brummte: »Hätte sie alle verbrennen sollen, als ich noch Gelegenheit dazu hatte.«
Lomonosov hatte ihn gehört. »Es war richtig, dass Sie eine Nachricht nach St. Petersburg geschickt haben. Die Toten waren Angehörige der kaiserlichen Akademie, Forscher, die vor zwei Jahren bei der Suche nach der Nordostpassage verschwunden sind. Man wird Sie und Ihre Leute für Ihren Dienst an Russland belohnen.«
Razin sah sich um. »Womit?«
»Die Rekompensation richtet sich danach, was wir heute hier vorfinden und zu welchen Weiterungen dies führt.«
Razin überlegte stirnrunzelnd, was der Staatsrat wohl meinte.
»Sie bekommen einen Anteil an der Belohnung, die für die Bergung der Männer ausgezahlt wird.«
»Das ist nur recht und billig«, meinte Razin und forderte sie knurrend auf, ihm zu folgen.
Lomonosov wandte sich an Vasily. »Es wäre besser, wenn bei der ersten Inaugenscheinnahme nur Sie und Ihr Leutnant zugegen sind.«
Vasily nickte und bedeutete den anderen Seeleuten, beim Beiboot zu bleiben, dann setzte er sich mit Orlov in Bewegung.
Vasily schloss zu Lomonosov auf. »Jetzt, da wir unter uns sind, können Sie mir vielleicht erklären, was das Aufhebens soll. Wieso erfordert die Entdeckung von vermissten Angehörigen der kaiserlichen Akademie einen versiegelten Befehl von Kaiserin Katharina? Schon viele haben nach der Nordostpassage gesucht, auch ich.«
»Der Grund ist, dass diese Gruppe von Katharina persönlich beauftragt wurde – und zwar nicht mit der Suche nach einer Schifffahrtsroute zwischen Atlantik und Pazifik.«
Vasily nahm Lomonosov beiseite. »Wonach haben sie dann gesucht?«
»Die Geheimhaltung betrifft weniger ihren Auftrag als vielmehr das, was sie möglicherweise entdeckt haben – zumal in Anbetracht der Aussagen, die Kapitän Razin zu ihren Habseligkeiten gemacht hat. Ich soll bestätigen, was der Kapitän geschildert hat, und entscheiden, wie es weitergeht.«
Vasily seufzte. Offenbar blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie die Dinge sich entwickelten.
Schweigend folgte er Razin durch das Lager und die öligen Wolken, die von den Speckbottichen aufstiegen. Der Gestank verschlug ihm den Atem und legte sich wie ein pelziger Belag auf seine Zunge. Als sie die Luvseite des Lagers erreicht hatten, klärte sich die Luft und wurde kalt und schneidend. Der Himmel war grellblau, doch am Horizont kündigte eine dunkle Linie Schlechtwetter an.
Sie gingen noch eine Viertelmeile weiter und folgten den hohen Klippen, die an den felsigen Strand grenzten. Es war, als führte Razin sie geradewegs ins Nirgendwo. Es waren keine Anzeichen von Besiedlung zu sehen.
Schließlich hielt Razin an, hob den Arm und zeigte. »Sie sind dort drüben.«
Es dauerte einen Moment, bis Vasily in der Felswand einen dunklen Einschnitt ausmachte, die Mündung einer Höhle. Er hielt vergeblich Ausschau nach einem Schiffswrack. Vermutlich hatte die Besatzung ihr Schiff aufgegeben, nachdem es im Packeis festgefroren und zerquetscht worden war. Dies kam im hohen Norden leider häufiger vor, und auch ihn hätte bei der Suche nach der Nordostpassage beinahe das gleiche Schicksal ereilt. Bei der Vorstellung, wie die Besatzung über das Eis an Land marschiert und nach einer Zuflucht gesucht hatte, verzog er gequält das Gesicht.
Hier sind sie jedenfalls nicht fündig geworden.
»Ich habe zu tun«, sagte Razin mürrisch. »Ich lasse euch Aaskrähen jetzt allein.«
Als niemand Einwände erhob, wandte der Kapitän sich um und ging zurück zum rauchverhangenen Lager.
Lomonosov setzte sich sogleich in Richtung Höhle in Bewegung. Vasily und Orlov eilten ihm nach. An der Mündung steckte der Leutnant eine Laterne an und leuchtete in den kurzen Tunnel.
Die eisverkrusteten Wände reflektierten das Licht. Zu ihren Füßen rann Schmelzwasser. Der Gang führte in eine kleine Höhle, jetzt eine Gruft aus Eis. Vier Leichen waren am Eingang gestapelt, die gefrorenen Gliedmaßen ineinander verknäult, eine makabre Mauer. Entweder waren die Toten von den Gezeiten angespült worden, oder die anderen fünf Besatzungsmitglieder, die in der Höhe lagen, hatten sie als Windschutz hier platziert.
Um weiterzukommen, mussten Vasily und seine Begleiter über die Toten klettern. Leere Augen starrten zu ihnen hoch. Die Münder waren in einem lautlosen Schrei geöffnet, man sah die geschwärzten Zungen und weißen Zähne.
Als Orlov aus Versehen auf eine gefrorene Hand trat, zerschellte sie unter seinem Absatz. Der Leutnant eilte weiter, als fürchtete er die Vergeltung des Toten.
In der Höhle angelangt, unterdrückte Orlov seinen Abscheu und ging um einen dunklen, von Steinen gesäumten Aschekreis herum, die Feuergrube. Offenbar hatten die Seeleute die Schlitten verbrannt, mit denen sie Ausrüstung und Proviant transportiert hatten. Ein Gegenstand an der Rückseite der Höhle aber war dem Feuer entkommen. Obwohl sie zu erfrieren drohten, hatten die Männer ihn nicht angerührt. Das kündete von seinem Wert.
Lomonosov näherte sich dem Objekt.
Orlov hob die Laterne und beleuchtete die Felswand. Eine lange Liste von Namen war darin eingeritzt, wohl die Crewliste, eine Grabinschrift, verfasst von den Toten.
Lomonosovs gedämpfter Aufschrei veranlasste Vasily, sich umzudrehen. Der Staatsrat stand vor dem Artefakt an der Rückseite der Höhle. Es handelte sich um ein großes Horn, gebogen und länger als der ausgestreckte Arm eines Mannes.
»Was ist das?«, fragte Orlov.
»Ein Mammut-Stoßzahn«, antwortete Lomonosov. »Man bezeichnet sie auch als Mammonhörner. Man hat viele davon in ausgewaschenen Flussbetten im Norden gefunden, die meisten wurden von sibirischen Samojeden-Stämmen entdeckt. Sie glaubten, sie stammten von einer ausgestorbenen Spezies des Seeelefanten.«
Vasily zuckte mit den Schultern. »Aber warum haben diese Leute sich die Mühe gemacht, ihn hierherzuschaffen und zu beschützen?«
Lomonosov schwenkte die Hand. »Die Laterne …«, sagte er zu Orlov. »Leuchten Sie.«
Vasily wies seinen Leutnant mit einem Nicken an, er solle der Aufforderung Folge leisten. Lomonosov deutete auf den Stoßzahn.
Man hatte die raue Oberfläche bis auf das Elfenbein abgetragen, das einem Künstler als Leinwand gedient hatte. Die feine Gravur war bedauerlicherweise verwittert, nur noch Fragmente waren zu erkennen, Teilansichten einer Stadt mit Pyramidenbauten.
Lomonosov versagte die Stimme. »Das … das entspricht genau Kapitän Razins Beschreibung …«
»Aber wer hat die Gravur angefertigt?«, fragte Orlov. »Ein Mann der Besatzung?«
Lomonosov schwieg. Vasily wusste selbst, dass dies nicht stimmen konnte. Das hier war weit älter als die Toten.
Lomonosov nahm Orlov die Laterne ab und untersuchte den Stoßzahn. Er beleuchtete jede einzelne Stelle, und es kamen immer mehr Gravuren zum Vorschein: ein eingestürzter Turm, ein reich verzierter Thron, eine Mondsichel.
»Was ist hier dargestellt?«, fragte Vasily.
Lomonosov spannte sich an und näherte die Laterne dem Stoßzahn. Er begutachtete eine bestimmte Stelle, dann reichte er die Laterne an Vasily weiter. »Halten Sie mal.«
Lomonosov trat zurück und machte sich unter seinem dicken Mantel zu schaffen. Vasily nutzte die Gelegenheit, um sich genauer anzusehen, was die Aufmerksamkeit seines Begleiters erregt hatte.
Die Laterne beleuchtete eine weitere Gravur, nur einen schmalen Ausschnitt, doch es waren hastig ausgeführte Schriftzeichen zu erkennen, vielleicht ein späterer Zusatz.
Vasily kniff die Augen zusammen. »Die Inschrift … das sieht fast so aus wie …«
»Griechisch«, bestätigte Lomonosov, der ein kleines Buch aus der Innentasche des Mantels gezogen hatte. »Ich glaube, das ist ein Name. Einer, der Jahrtausende überdauert hat.«
»Wie lautet er?«, fragte Orlov und blickte sich beklommen zu den Toten um.
Lomonosov blätterte im Buch, hielt inne und zeigte Vasily einen Abschnitt. »Das stammt von Pindar, einem griechischen Dichter aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. Es ist ein Auszug aus dem zehnten Abschnitt der Pythischen Oden.«
Vasily runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, denn die Bedeutung des Fundes war ihm unklar.
Lomonosov seufzte und tippte auf ein bestimmtes Wort. »Kommt Ihnen das bekannt vor?«
Vasily blickte zwischen dem Buch und der Gravur hin und her. »Es scheint so, als sei das Wort oder zumindest ein Teil davon in den Stoßzahn graviert. Aber was hat das zu bedeuten?«
»Wie gesagt, es ist ein Name, die Bezeichnung eines mythischen Ortes.« Lomonosov betrachtete erneut die Darstellung der Pyramiden.
»Was für ein Ort?«, setzte Vasily nach.
»Hyperborea.«
Vasily lachte spöttisch. Jeder, der die Meere besegelte, hatte von dem legendären Kontinent im Norden gehört, ein eisfreies Land, dicht bewaldet und bewohnt von nahezu unsterblichen Menschen. Schon viele Forscher hatten danach gesucht …
Vasily spannte sich an und fixierte Lomonosov. »War es das, wonach diese armen Teufel gesucht haben? Nicht die Nordostpassage, sondern Hyperborea?«
»Auf Verlangen von Kaiserin Katharina«, bestätigte Lomonosov.
Vasily ballte die Hände. »Dann waren sie von Anfang an zum Scheitern verurteilt.«
Lomonosov betrachtete weiterhin den Stoßzahn. »Das war eine herausfordernde Aufgabe. Um Pindar zu zitieren: Weder mit dem Schiff noch zu Fuß lässt sich der sagenumwobene Weg zur Heimat der Hyperboreer finden.«
»Mit anderen Worten, es war ein Unterfangen für Narren.«
Lomonosov hob eine Braue. »Wollen Sie die Kaiserin etwa als Närrin bezeichnen?«
Vasily zuckte zusammen und nahm sich vor, seine Worte vorsichtiger zu wählen, denn er wollte nicht wegen Hochverrats gehängt werden.
»Katharina ist keine Närrin«, beharrte Lomonosov. »Sie hat mehr bewirkt als jeder Mann oder jede Frau vor ihr.« Er schüttelte den Kopf und presste die Lippen zusammen, als hätte er sich hinreißen lassen. »Es reicht zu sagen, dass sie die Männer nicht aufs Geratewohl losgeschickt hat.«
Vasily wollte nachfragen, doch er wusste, dass Lomonosov sich nicht würde erweichen lassen. Deshalb änderte er die Taktik. »Trotzdem, weshalb hat die Kaiserin diesen vergessenen Kontinent ausgewählt? Mir sind Geschichten über die Bewohner von Hyperborea zu Ohren gekommen, da ist die Rede von einem Elixier, das jahrhundertelanges Leben ermöglicht. Einen solchen Schatz zu finden, das wollten schon viele Forscher. War es das, was sie sich davon erhofft hat?«
Lomonosov seufzte schwer. »Noch einmal: Sie bezeichnen sie als Närrin, ohne es ausdrücklich zu sagen. Die einzige Art von Unsterblichkeit, die sie anstrebt, besteht darin, das russische Reich zu stärken und es in den Augen der Europäer, die auf uns herabsehen und uns für Wilde halten, heller erstrahlen zu lassen. Die Entdeckung von Hyperborea beziehungsweise von dessen Überresten würde den Ruhm des Reiches stärker mehren als die Entdeckung der Nordostpassage.«
Vasily bezweifelte das, richtete seine Aufmerksamkeit aber wieder auf den gebogenen Stoßzahn. »Und Sie glauben, das hier sei der Beweis, dass die erste Expedition erfolgreich war?«
»Ich … ich weiß es nicht, hoffe es aber. Immerhin ist es ein Anfang.«
Vasily ahnte, was sein Begleiter meinte, aber ungesagt gelassen hatte. »Sie beabsichtigen, die Sache zu Ende zu bringen.«
»Deshalb hat die Kaiserin mich mit dem Dekret hierhergesandt.«
Vasily blickte sich zur eisverkrusteten Gruft um und hoffte, dass ihm und seinen Männern dieses Schicksal erspart bliebe. Sein Blick fiel auf Orlov, der neben der Spitze des Stoßzahns stand. Der Leutnant hatte den Kopf in den Nacken gelegt und schaute zur Wand hoch.
Vasily ging zu ihm und leuchtete mit der Laterne. Jemand hatte eine Warnung in den Felsen gekratzt.
Orlov las sie vor. »Geht nicht dorthin und dringt nicht ein, sonst weckt ihr das, was dort schläft.«
Vasiliy ging zu Lomonosov zurück. Der Staatsrat betrachtete die in das Elfenbein gravierte uralte Stadt. Seine Augen leuchteten im Lampenschein.
In diesem Moment begriff Vasily die Wahrheit.
Dieser Mann würde sich von keiner Warnung der Toten aufhalten lassen.
Grabesstille herrschte in der unterirdischen Gruft, doch es standen keine Sarkophage darin, sondern ein Dutzend mit Stahlbändern gesicherte Truhen, unter der gewölbten Backsteindecke im Halbkreis angeordnet. Das einzige Geräusch war das Wassertröpfeln im Labyrinth der Tunnel, durch die die Gruppe hierhergelangt war.
Monsignore Alex Borrelli betrat die Gruft mit einem Schaudern, das Vorfreude und Beklemmung entsprang. Er hatte Herzklopfen und kam sich vor wie ein Eindringling oder Grabräuber.
»Porazitel’nyy!«, platzte Vadim mit jugendlicher Begeisterung heraus. »Hab ich’s nicht gesagt?«
»Erstaunlich, in der Tat«, sagte Alex.
Vadim war Student an der Moskauer Staatsuniversität. Vor einer Woche hatte er zusammen mit einem bunt zusammengewürfelten Trupp Abenteurern diese verschlossene Gruft unter den Straßen Moskaus entdeckt. Zum Glück war ihm die Bedeutung des Funds sogleich klar gewesen, und er hatte sich an das archäologische Museum gewandt.
Für Alex war die Entdeckung ein Glücksfall, zumal er sich bereits in Moskau aufgehalten hatte. Als Mitglied der päpstlichen Kommission für sakrale Archäologie arbeitete er eng mit dem päpstlichen Archiv in Rom zusammen. Alex’ berufliches Interesse galt der Geschichte der Bibliothek und der Herkunft ihrer Sammlung. Im Lauf der Jahrzehnte hatte er viele außergewöhnliche Entdeckungen gemacht und bisweilen schmutzige Geschichten zutage gefördert.
Das war auch der Grund, weshalb er nach Moskau gereist war, um sich mit seinem Kollegen von der russisch-orthodoxen Kirche zu treffen. Seit mehreren Jahren forderte die Heilige Synode des Patriarchen die Rückgabe Hunderter Bände aus der vatikanischen Bibliothek, die in der Zarenzeit unrechtmäßig außer Landes geschafft worden waren. Der Papst hatte Alex beauftragt, die Verhandlungen zu leiten. Die Bücher zu bestimmen, auf die ein rechtmäßiger Anspruch bestand, erforderte besonnene Diplomatie. Einige Exemplare waren von großer historischer Bedeutung, und die meisten hatten einen unschätzbaren Wert.
Vor ein paar Tagen hatte Alex von der Entdeckung im Moskauer Untergrund erfahren, von einer Gruft mit einem Schatz alter Bücher. Bischof Nikil Yelagin, sein Kollege von der russisch-orthodoxen Kirche, hatte ihn eingeladen, das Archäologenteam zu begleiten und mitzuhelfen, den Wert des Fundes zu bestimmen. Nur wenige verfügten über das erforderliche Wissen und die Expertise, um die Bedeutung der Entdeckung einschätzen zu können.
Alex war sich bewusst, dass es nicht nur um seine Expertise ging, sondern dass die Einladung Teil des diplomatischen Gezerres war. Indem man ihn mit einbezog, demonstrierte die orthodoxe Kirche ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
»Wie sollen wir vorgehen?«, fragte Igor Koskov und stellte sich im Eingang neben ihn.
»Mit Bedacht.«
Alex wandte sich an Igor. Der schlaksige, dunkelhaarige Russe war Archivar am archäologischen Museum und vierzig Jahre jünger als der zweiundsiebzigjährige Alex.
»Wir sollten alles fotografieren, bevor wir die Bücher bergen«, sagte Alex. »Dann katalogisieren wir sorgfältig jedes einzelne Exemplar.«
Igor nickte und überließ Alex die Führung. »Ich gebe das an die anderen weiter.«
Igor ging zu seinen Kollegen, einer Gruppe von Archäologen, fünf Männer und eine Frau. Keiner war älter als vierzig. Nach vielem Gestikulieren und ernsten Blicken in Alex’ Richtung betraten sie die Kammer und schleppten das Werkzeug herbei. Wie Alex waren sie mit dunkelblauen Overalls bekleidet und trugen Schutzhelme mit Batterieleuchten. Sie stellten Stative auf, vermaßen den Raum und fotografierten nicht nur die Truhen, sondern auch Wände und Türen.
Alex registrierte anerkennend, wie gründlich sie vorgingen, doch nicht alle sahen das so wie er.
Vadim winkte Alex zu sich heran. Der Student stand neben einer Truhe, die seine Freunde geöffnet hatten. Sie befand sich links von der Tür, etwas abseits vom Gewusel der Archäologen.
»Sehen Sie sich das mal an«, sagte Vadim.
»Nicht anfassen«, meinte Alex. »Die Bücher sind sehr empfindlich.«
Vadim musterte ihn mit gutmütigem Tadel wie ein junger Mann einen schimpfenden Großvater. »Nереживй. Ich wollte nicht, dass jemand etwas anrührt. Wir haben nur in die Truhen geschaut, da? Das war alles.«
»Ausgezeichnet.«
Gefolgt von Igor, dessen Augen vor Neugier leuchteten, trat Alex vor die geöffnete Truhe.
In den Eichenfächern lagen Bücher mit Lederrücken. Offenbar waren mehrere Bände übereinandergestapelt. Alex beleuchtete die oberen Bücher und las ein paar Titel. »Platos Timaeus … Aristoteles’ De Partibus Animalium … Ptolemäus’ Almagest.« Er beugte sich vor. »Das sieht aus wie ein byzantinisches Exemplar des Corpus Hippocraticum.«
Die Bücher waren Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alt. Und alle waren gut erhalten.
Alex rieb sich die schmerzende Brust, vor Aufregung ging sein Atem flach.
»Neveroyatnyy …«, murmelte Igor ehrfürchtig, offenbar ebenso beeindruckt wie Alex.
Der Archivar näherte den Zeigefinger dem Ledereinband des Corpus Hippocraticum. Das Buch enthielt sechzig griechische Schriften zur Medizin, die dem Arzt Hippokrates zugeschrieben wurden. Doch nicht der Inhalt faszinierte ihn.
Igor wandte sich an Alex. »Ein byzantinisches Exemplar, sagten Sie.«
»Möglicherweise byzantinisch«, erwiderte Alex beschwichtigend, denn er wusste, was der Archivar meinte.
»Wenn es stimmt, wäre dies der Beweis, dass diese Bücher aus der Goldenen Bibliothek stammen.«
Alex blickte zu den Archäologen hinüber, die an der anderen Seite des Raums tätig waren und auf Russisch miteinander tuschelten. Er wusste, worauf sie alle hofften.
Seit Jahrhunderten suchten Historiker, Forscher, Abenteurer und Schatzsucher nach der Goldenen Bibliothek, einem Bücherschatz, den Iwan der Schreckliche versteckt hatte und der nach dessen Tod in Vergessenheit geraten war. Sein Großvater, Iwan der Große, hatte die riesige Bibliothek im fünfzehnten Jahrhundert angelegt. Den Großteil der Bücher hatte seine zweite Frau Sophia Palaiologina, eine byzantinische Prinzessin, welche die Sammlung nach dem Fall von Byzanz verwahrt hatte, als Mitgift in die Ehe eingebracht. Angeblich enthielt sie die wertvollsten Bände der Bibliothek von Konstantinopel, darunter Schriften aus der Bibliothek von Alexandria.
Alex musterte neidvoll die halbkreisförmig angeordneten Truhen. Den historischen Quellen zufolge enthielt die Goldene Bibliothek griechische, lateinische, hebräische, ägyptische und sogar chinesische Schriften aus dem zweiten Jahrhundert.
»Was wir hier wohl finden werden?«, sagte Igor aufgeregt. »Christopher von Dabelov, ein Historiker des neunzehnten Jahrhunderts, hat behauptet, er habe eine Inventarliste gesehen. Darin waren alle 142 Bände von Titus Livius’ Römische Geschichte aufgeführt. Nur 35 Bände davon sind erhalten. Dabelov erwähnte auch eine unbekannte Dichtung von Virgil. Und eine vollständige Ausgabe von Ciceros De Republica. Können Sie sich vorstellen, was eine solche Entdeckung bedeuten würde?«
Alex versuchte, Igors Begeisterung zu dämpfen. »Ich kenne Dabelovs Bericht. Er ist äußerst fragwürdig, vermutlich eine Fälschung. Es könnte sein, dass die Goldene Bibliothek gar nicht mehr existiert. Vielleicht ist sie verbrannt oder schon vor langer Zeit vernichtet worden.«
Igor wollte sich damit nicht abfinden. »Iwan der Schreckliche hat die Sammlung sehr geschätzt und zahlreiche russische Übersetzer damit betraut, die Schriften durchzuarbeiten. Es ist belegt, dass er die Sammlung unterirdisch verwahrt hat – entweder in Moskau oder an einem anderen Ort. Angeblich hat er mystische Texte entdeckt, die Russland große Macht verleihen sollten. Er war dermaßen überzeugt davon, dass viele der mit den Übersetzungen befassten Gelehrten gekündigt haben oder geflohen sind, weil sie fürchteten, Iwan werde mithilfe der Schwarzen Magie noch größeres Unheil anrichten.«
Alex bedachte ihn mit einem skeptischen Blick.
Igor zuckte mit den Schultern. »Ganz gleich, ob diese Legenden wahr sind, es ist bekannt, dass Iwan glaubte, die Bibliothek entscheide über Russlands Zukunft. Wenn er wirklich so großes Vertrauen in die Sammlung setzte, könnte er sie auch gut versteckt haben, sodass sie der Zerstörung entging.«
Vadim unterbrach ihre Unterhaltung. Die esoterischen Bücher verschollener Bibliotheken waren ihm vermutlich gleichgültig. Er zeigte in die Truhe. »Schauen Sie. Da glänzt etwas. Weiter unten.«
Alex beugte sich vor. »Was meinen Sie?«
»Unter den obersten Büchern.« Vadim trat vor. »Ich zeige es Ihnen.«
Der Student legte die Hände auf die Griffe des Eichenfachs, um es anzuheben.
»Nicht!«, rief Alex.
»Ne!«, schloss Igor sich an.
Vadim überhörte die Warnungen und zog das oberste Fach aus der Truhe.
Da es sich nicht mehr ungeschehen machen ließ, bedeutete Alex dem jungen Mann zurückzutreten. »Stellen Sie das Fach vorsichtig an der Seite ab. An einer trockenen Stelle. Dann fotografieren wir es.«
Mit einem schweren Seufzer stapfte Vadim mit seiner Last davon.
Alex sah ihm kopfschüttelnd hinterher.
»Er hat recht«, sagte Igor.
Alex trat wieder vor die Truhe und leuchtete hinein. Die nächste Schicht Bücher ähnelte der obersten, doch die mittlere Reihe nahm ein neunbändiges Werk ein. Alex las die Titel auf den Buchrücken.
»Mein Gott, das ist eine komplette Ausgabe der Historien von Herodot.« Staunend betrachtete er die griechischen Bücher aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. »Bislang wurde noch keine vollständige Ausgabe gefunden. Ich schätze, die sind älter als der Codex A in der Bibliotheca Medicea Laurenziana in Florenz, Grundlage für die meisten modernen Übersetzungen.«
»Aber warum ist der vierte Band als einziger mit Blattgold verziert?«
Alex runzelte die Stirn. Das war merkwürdig. Alle neun Bände hatten einen schlichten Ledereinband, doch der vierte war vergoldet. Das Funkeln war Vadim offenbar aufgefallen.
Alex konnte nicht anders, als das Buch vorsichtig zu lösen. Igor trat fasziniert näher, ohne Einwände zu erheben. Als Alex es hervorzog, knackte es in der Truhe so laut, dass beide Männer zurückschreckten.
Im nächsten Moment wurde der Raum von einem Donnern erschüttert.
Alex verlor das Gleichgewicht. »Was ist …«
Igor fasste ihm um die Hüfte und geleitete ihn aus der Gruft, wobei er ihn fast tragen musste. An der Schwelle angelangt, warf Alex sich nach vorn, denn hinter ihnen stürzte der ganze Raum ein.
Eine Staubwolke hüllte die Männer ein, verdeckte ihnen die Sicht und erschwerte das Atmen.
Alex schnappte nach Luft und versuchte zu begreifen, was vorgefallen war.
Igor wedelte den Staub beiseite und half Alex auf die Beine. »In der Kammer … war eine Falle.«
»Aber warum?«
Schwankend näherten sie sich dem Eingang. Minutenlang riefen sie, doch Alex ahnte, dass es zwecklos war. Das Ausmaß der Zerstörungen bot keinen Raum für Hoffnung. Unter den tonnenschweren Felstrümmern würde man keine Überlebenden finden.
Es grollte erneut, vermutlich eine Art Nachbeben. Mit weiterem Steinschlag war zu rechnen.
Igor zog Alex mit sich und zeigte nach oben. »Wir müssen hier weg.«
Der Todesfalle gerade so entkommen, stieg Alex die in das Grundgestein der Stadt geschnittene Treppe hoch. Das, was er gerettet hatte, drückte er sich an die Brust. Sein Herz pochte am blattgoldverzierten Einband des geborgenen Buches, dem vierten Band von Herodots Historien.
Als er geflüchtet war, hatte er die griechische Schrift fallen gelassen und sie später aufgehoben. Er hatte sie kurz inspiziert, den Staub abgeschüttelt und vom goldenen Einband gewischt. Dabei war ihm etwas Seltsames aufgefallen.
Doch etwas anderes hatte Vorrang.
»Ich muss das Buch retten …«, keuchte er in der Dunkelheit und leuchtete die Wendeltreppe hoch.
»Lassen Sie mich das Buch tragen, Monsignore«, sagte Igor und streckte die Hand aus. »Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.«
Alex blickte sich zum Archivar um. Igor wirkte gequält. Der Schreck und die Trauer hatten ihn erbleichen lassen.
Alex drückte die alte Schrift fester an seine Brust. »Ich trage die Verantwortung. Mein Leichtsinn hat sie getötet.«
Igor senkte den Arm.
Schweren Herzens setzte Alex den Aufstieg fort. In Rom hatte ihn sein Kardiologe vor dieser Reise gewarnt, doch nicht seine Angioplastie machte für ihn jeden Atemzug zur Qual. Das schlechte Gewissen verengte ihm die Brust. Jeder Herzschlag war wie ein Hammerschlag gegen den Brustkasten.
»Ich hätte die Dinge nicht überstürzen dürfen«, sagte Alex.
»Niemand hat Einwände erhoben«, erwiderte Igor. »Wir wollten verhindern, dass sich der Fund herumspricht. Wir wollten ihn bergen, bevor es zu Plünderungen kommt.«
Alex schluckte mühsam. Dieses Argument hatte er gestern vorgebracht und die Gruppe zu raschem Handeln gedrängt. Doch das war nicht sein einziges Motiv gewesen. Wegen seines sich verschlechternden Gesundheitszustands wollte er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. In seinem Alter musste er der bitteren Wahrheit ins Auge sehen.
Geduld war ein Luxus, den nur die Jugend sich leisten konnte.
Gequält von Schuldgefühlen, vollendete er eine weitere Umrundung. Mit der freien Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Es herrschte eine hohe Luftfeuchtigkeit, die Wände waren glitschig und feucht. Während er lautlos für die Toten betete, rutschte er auf einem schwarzen Schimmelfleck aus. Mit einem Aufschrei und wedelnden Armen fiel er auf die Knie. Er spürte den Aufprall bis in die Backenzähne. Das kostbare Buch entglitt ihm, prallte gegen die Wand und polterte die Stufen hinunter.
Alex zuckte zusammen, nicht wegen seiner Schmerzen, sondern wegen seiner Ungeschicklichkeit. Sich mit einer Hand abstützend, blickte er sich um. »Ist das Buch beschädigt?«
Igor eilte hinunter, hob das Buch auf und kehrte zu ihm zurück. Alex versuchte, sich aufzurichten, doch Igor winkte ab.
»Wir sollten uns einen Moment ausruhen. Sind Sie verletzt?«
Alex setzte sich seufzend. »Nur mein Stolz.«
Der junge Mann ließ sich neben ihm auf der Treppe nieder und reichte ihm das Buch. »Nur der Einband ist ein bisschen verschrammt. Die alte Bindung hat sich als stabil erwiesen.«
Erleichtert legte Alex sich das Buch auf den Schoß. Er dachte an das, was unter den tonnenschweren Trümmern begraben war. Die Bergung, wenn sie überhaupt möglich war, würde Wochen dauern. Er trauerte nicht nur um die Toten, sondern auch um den verlorenen Schatz an griechischen und römischen Schriften.
Plato, Aristoteles, Ptolemäus, Hippokrates …
Alex straffte sich, elektrisiert von einer neuen Erkenntnis bezüglich der entdeckten Büchersammlung – beziehungsweise im Hinblick auf den Inhalt der geöffneten Truhe.
»Die Bücher«, murmelte er. »Das sind alles wissenschaftliche Werke.«
Igor sah ihn an. »Monsignore?«
»Sie dokumentieren die Bemühungen der Griechen und Römer, die Natur zu verstehen.« Alex legte die Hand auf das Buch. »Selbst Herodots Historien sind weniger ein Geschichtswerk als vielmehr ein analytischer Reisebericht. Er befasst sich vor allem mit der Geografie und den unterschiedlichen Ländern. Das gewaltige Werk beruht angeblich auf Herodots Reisen in der damals bekannten Welt.«
Igor runzelte die Stirn. »Aber weshalb wurden die Bücher hier aufbewahrt? Aus welchem Grund?« Er blickte die dunkle Treppe hinunter. »Und weshalb wurde die Sammlung mit einer Falle geschützt? Was sollte hier versteckt werden?«
Alex schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es ging eher darum, die Sammlung zu schützen. Ein Geheimnis zu wahren.«
»Welches Geheimnis?«
»Den Ort, an dem sich die Goldene Bibliothek befindet.«
Igor schnaubte – überrascht, aber auch spöttisch.
Alex beachtete ihn nicht, sondern blickte auf das funkelnde Blattgold des Einbands. Sein Glanz hatte ihn veranlasst, den Band hervorzuziehen. Doch er hatte sich nicht von der Gier nach Gold leiten lassen.
Sondern vom Verlangen nach Erkenntnis.
»Wenn wir sie finden würden …«, setzte Alex an, ließ den Rest aber ungesagt.
Diese Entdeckung würde den Verlust an Menschenleben vielleicht aufwiegen.
Igors Schultern sackten herab. »Wenn sie wirklich existiert, ist die Bibliothek vielleicht verflucht, wie so viele es vermuten.«
Alex schüttelte den Kopf. Er wollte sich mit der Niederlage nicht abfinden. »Die Falle … wurde vor Jahrhunderten gebaut. Das deutet darauf hin, dass diese Sammlung wissenschaftlicher Werke in voller Absicht hier versteckt wurde. Vielleicht war sie als Prüfung gemeint, als Hinweis, der zur vollständigen Bibliothek führen sollte. Das heißt, wenn jemand schlau genug wäre, den Hinweis zu deuten, ohne getötet zu werden.«
»Woher wollen Sie das wissen?« Igor richtete sich auf, offenbar erpicht darauf, den Aufstieg fortzusetzen.
Alex fasste ihn beim Handgelenk und zog ihn zurück. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Etwas Wichtiges.«
Er hatte noch nicht alles preisgegeben, was er dort unten entdeckt hatte. Dafür war keine Zeit gewesen. In der staubigen Luft hatte er nur einen Blick darauf erhascht.
»Was soll das sein?«, fragte Igor.
Behutsam klappte Alex den abblätternden Einband von Herodots Buch auf. Auf der Innenseite befand sich eine kunstvolle Zeichnung. Besonders ins Auge stach ein offenes Buch, mit Blattgold verziert wie der Einband. Offenbar handelte es sich um ein noch älteres Werk – zwei- oder dreihundert Jahre älter als der griechische Text.
Als Alex die vergoldete Zeichnung anleuchtete, spannte Igor sich an.
Das Gold funkelte im Licht, die Zeichnung des alten Buches trat umso deutlicher hervor. Es war in der Mitte aufgeschlagen. Darunter war ein Bauwerk abgebildet, vermutlich eine Kirche. Der Rest der Seite war mit stark verblichenen Schriftzeichen bedeckt, doch ein Teil davon war noch lesbar.
Igor betrachtete die Seite mit zusammengekniffenen Augen. »Sind das da an der Seite nordische Runen?«
»Ich glaube, ja. Und ein paar griechische Notizen. Vielleicht wissenschaftliche Anmerkungen.«
»Aber was sehen wir hier? Was ist hier dargestellt?«
»Ich glaube, das ist eine Karte. Verschlüsselt mit Bildern, Buchstaben und Zahlen.« Alex’ Fingerspitze verharrte über dem vergoldeten Buch in der Schwebe. »Eine Karte zur Goldenen Bibliothek.«
Igors Augen weiteten sich.
»Wer auch immer das gezeichnet hat«, fuhr Alex fort, »hat vermutlich auch die Falle gebaut.«
Igor nickte. »Sie hat die Bibliothek entdeckt und wollte ihr Geheimnis vor allen Unwürdigen schützen.«
Alex schaute vom Buch hoch. »Sie?«
Igor deutete auf eine Zeile in kyrillischen Buchstaben am unteren Rand, offenbar eine Signatur. Er las laut vor: »Yekaterina Velikaya.«
Alex runzelte verständnislos die Stirn.
»Besser bekannt als Katharina die Große«, ergänzte Igor.
Nachdem sie ein paar Vorkehrungen getroffen hatten, um ihre Entdeckung zu schützen, setzten Alex und Igor sich wieder in Bewegung. Es dauerte eine Stunde, bis sie das Ende der Treppe erreicht hatten. Doch sie befanden sich noch immer tief im Labyrinth und hatten bis zum Tageslicht und zur frischen Luft noch einen weiten Weg vor sich. Hätte Vadim auf dem Herweg nicht Kreidezeichen angebracht, hätten sie sich verirrt. Igor folgte den Markierungen durch den Irrgarten der Gänge, Schächte und durchbrochenen Wände.
Alex legte den Finger auf jede einzelne Markierung und dankte im Stillen dem unerschrockenen jungen Mann.
Bevor sie hierhergekommen waren, hatte Alex sich über diese Unterwelt informiert. Sie erstreckte sich über Hunderte Quadratkilometer und sogar unter den Kreml, wenngleich die dortigen Zugänge längst verschlossen worden waren. Die ersten Gänge hatte im vierzehnten Jahrhundert Prinz Dmitry Donskoy als Geheimausgänge aus dem Kreml anlegen lassen. Später hatten die Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche Gänge unter ihren Kathedralen und Basiliken angelegt und sie mit Donskoys Tunneln verbunden, um in Zeiten der Not in den Kreml flüchten zu können.
Im Lauf der Jahrhunderte war das Labyrinth nach und nach in der Fläche und in die Tiefe erweitert worden. Es wurde von Spionen, Attentätern und Liebenden genutzt. Tote wurden hier abgelegt. Im sechzehnten Jahrhundert versteckte Iwan der Schreckliche darin einen Waffenvorrat, der 1978 von sowjetischen Arbeitern beim Ausbau der U-Bahn entdeckt worden war.
Doch Iwan hat noch etwas anderes hier versteckt.
Alex umklammerte die alte griechische Schrift.
Igor bemerkte es. »Glauben Sie wirklich, Katharina die Große hat die Goldene Bibliothek gefunden?«
»Das weiß ich nicht, aber wenn ja, stellt sich die Frage, warum hat sie ein Geheimnis daraus gemacht? Eine solch bedeutende Entdeckung – eine Bibliothek, die den Vergleich mit den größten der Welt nicht zu scheuen bräuchte –, hätte dem russischen Reich und ihrer Herrschaft zum Ruhm gereicht.«
Igor nickte. »Katharina hat sich sehr für das ihr zugefallene Reich engagiert. Sie war belesen, interessierte sich für Literatur, Philosophie und Wissenschaft. Ihr größter Wunsch war es, Russlands Ansehen zu mehren und es in die Lage zu versetzen, es mit jeder anderen europäischen Macht aufnehmen zu können.«
»Aber warum hat sie die Entdeckung der Goldenen Bibliothek dann geheim gehalten?«
Igor zuckte mit den Schultern. »Sie wird ihre Gründe gehabt haben. Wenn es uns gelingt, ihren Code zu entschlüsseln, werden wir auch dieses Geheimnis lüften.«
»Zunächst aber müssen wir aus dem Labyrinth herauskommen.«
Inzwischen verspürte Alex ein Stechen in der Brust. Vor drei Monaten hatte man ihm drei Bypässe eingesetzt. Er meinte, jeden einzelnen in seinem Herzen zu spüren, das von der Anstrengung und unter der Last der Verantwortung heftig pochte.
Für diese Entdeckung sind Menschen gestorben …
Ihr Opfer sollte nicht umsonst gewesen sein.
»Da!« Igor zeigte nach vorn. »Ich erkenne die Treppe wieder. Sie führt zum Ausgang.«
»Gedankt sei dem Herrn«, murmelte Alex erleichtert.
Sie eilten die Stufen hoch. Igor ging voran bis zu einer rostigen Metalltür. Er drückte die schwere Tür nach außen. Sonnenschein fiel in den Gang und blendete sie beide. Sie beschirmten die Augen gegen das Gleißen und traten ins Freie.
Sie befanden sich im Kellergeschoss eines im Bau befindlichen Gebäudes und waren umgeben von Gerüsten und Leitern. Davor lagen Haufen von Backsteinen.
In der Nähe ragte die funkelnde Christ-Erlöser-Kathedrale mit ihren vergoldeten Kuppeln auf. Stalin hatte sie 1931 im Zuge seines Kampfes gegen die Religion sprengen lassen. An derselben Stelle ließ er ein öffentliches Schwimmbad errichten. Nach dem Fall der Sowjetunion und dem Wiederaufleben des Glaubens hatte die russisch-orthodoxe Kirche die Kathedrale wiederaufgebaut.
Der unfertige Neubau war für die Unterbringung der Geistlichen und der kirchlichen Beamten gedacht. Früher hatte sich genau hier das sowjetische Schwimmbad befunden, was das Bauwerk zum sichtbaren Zeichen für den wachsenden Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche machte.
Vergangene Woche hatte Vadim mit seiner Gruppe von Stadtforschern an der einen Seite des Beckens einen Trümmerhaufen beiseitegeräumt und die Tür freigelegt. Das war kein bloßer Zufall gewesen. Der junge Student hatte den Bericht des Arbeiters Apollos Ivanov gelesen, der im Jahr 1933 nach der Sprengung der Kathedrale die Tür entdeckt hatte. Ivanov hatte die Tunnel erkundet und war dabei auf menschliche Gerippe und die verschlossenen Gänge unter dem Kreml gestoßen. Anhand dieses Berichts hatte Vadim abgeschätzt, wo der Eingang sich befinden mochte, und nach wochenlanger Suche hatten sie ihn tatsächlich gefunden.
Bloß um für ihren Scharfsinn getötet zu werden.
Alex kniff die Augen zusammen gegen die untergehende Sonne.
»Wir müssen Bischof Yelagin über die Tragödie informieren«, sagte Igor. »Damit die Behörden unverzüglich die Toten bergen.«
Alex nahm das Handy aus der Tasche. »Ich rufe ihn an. Falls ich eine Verbindung bekomme.«
Das Display leuchtete auf. Er schwenkte das Handy umher, um die Verbindungsstärke zu prüfen. Dabei hätte er beinahe das Buch fallen gelassen.
»Der Anruf kann noch einen Moment warten«, meinte Igor. »Bis zum Museum sind es nur ein paar Straßenblocks. Wir informieren den Bischof von dort aus. Ich übergebe das Buch an meine Kollegen, dann können sie sogleich mit der Restaurierung beginnen. Wenn wir herausfinden wollen, was die Zeichnung bedeutet, müssen wir den Text lesbar machen.«
Alex sah das genauso. »Im Vatikanischen Archiv habe ich mit UV-Lampen das Palimpsest einer mehr als zweitausend Jahre alten Schrift von Archimedes lesbar gemacht. Das sollte auch bei diesem Werk möglich sein.«
»Da. Ich würde auch gern andere Methoden ausprobieren. Ich habe gelesen, niederländische Wissenschaftler von der Universität Leiden würden im Einband verborgene Seiten von Schriften aus dem Mittelalter mittels Röntgenspektroskopie lesbar machen. Wer weiß, welche Hinweise Katharina die Große sonst noch in diesem Band versteckt hat? Sie haben ja selbst gesehen, dass mehrere Seiten mit Anmerkungen, Zeichnungen und Unterstreichungen versehen sind.«
»Wir wissen nicht, ob die von Katharina oder von Gelehrten stammen, welche die Texte studiert haben.«
»Trotzdem müssen wir das Buch gründlich untersuchen, wenn wir die Goldene Bibliothek finden wollen.«
»Vorausgesetzt, wir sind überhaupt auf der richtigen Spur.«
Entschlossen, sich Gewissheit zu verschaffen, ließen Igor und Alex die Baustelle hinter sich und gingen zur Straße. In der Ferne überragten die Türme des Kremls die umliegenden Gebäude. Die Abendsonne brachte die Kuppeln und Zwiebeltürme zum Leuchten. Das Archäologische Museum war nur einen Steinwurf vom Roten Platz entfernt.
Sie gingen die Straße entlang, die gesäumt war vom Müll der gestrigen Siegesfeier, ein ausgelassenes Fest mit Militärparade zum Gedenken des sowjetischen Sieges über die Nazis 1945.
Jetzt waren kaum Menschen unterwegs, denn die meisten schliefen ihren Rausch aus.
Alex bahnte sich vorsichtig einen Weg durch die herumliegenden leeren Wodkaflaschen, Bierdosen und zerknüllten Fast-Food-Tüten und fragte sich, welchen Eindruck sie mit ihren schmutzigen Overalls und Schutzhelmen auf die wenigen Passanten machen mochten.
Die Straße mündete auf den Roten Platz. Auf der anderen Seite ragten die Kremlmauern auf. In der einen Ecke leuchtete an der Spitze eines massigen Uhrenturms ein Stern wie eine kleine Sonne im Zwielicht. Zahlreiche Kuppeln rahmten den dunklen Himmel ein. Die auffälligste war die des Glockenturms Iwan der Große, der wie eine goldene Fackel leuchtete.
Igor wandte den Blick davon ab und zeigte in die entgegengesetzte Richtung. »Wir sollten zum Museum gehen.«
Als Alex sich umwandte, ließ ihn ein scharfer Knall zusammenschrecken. Igor musterte ihn verwirrt. Der junge Mann sank auf die Knie nieder. Auf dem Brustlatz seines blauen Overalls breitete sich ein Fleck aus. Igor wollte etwas sagen, doch es kam nur Blut aus seinem Mund. Er kippte zur Seite.
Alex wich zurück – und prallte gegen dunkel gekleidete Männer. Er verlor das Gleichgewicht, wurde aber mit festem Griff gestützt. Weitere Männer kamen aus dem Schatten hervor, alle mit Tüchern vor dem Gesicht.
Die Gruppe teilte sich, und ein Mann trat vor, offenbar der Anführer.
Er näherte sich Alex und hielt dicht vor ihm inne. »Wo ist die Bibliothek?«
Alex wich zitternd zurück – nicht vor Angst, sondern wegen der hasserfüllten Stimme. Er blickte in die eisblauen Augen über dem Tuch. Erschrocken machte er sich klar, dass er eine Frau vor sich hatte.
Er fasste sich wieder und stammelte: »Ich weiß nicht, was …«
Die Frau ruckte mit dem Handgelenk. Wie aus dem Nichts erschien eine Klinge zwischen ihren Fingerspitzen. »Man hat mich gut dafür bezahlt, die Wahrheit herauszufinden.«
Die Spitze des Dolchs drückte gegen sein Kinn und löste ihm die Zunge.
»Wir … wir haben eine Kammer entdeckt«, sagte er, bestürzt darüber, wie schnell sich die Kunde von Vadims Entdeckung verbreitet hatte. »Ein Gewölbe. Mit Truhen voller Bücher. Da war eine Falle. Der Raum ist eingestürzt. Wir sind nur knapp mit dem Leben davongekommen.«
Sie senkte den Blick auf den Gegenstand, den er sich an die Brust drückte. »Aber offenbar nicht mit leeren Händen.«
Unwillkürlich packte er das Buch fester, auch wenn es vermutlich verriet, wie wertvoll es war. »Das ist eine alte griechische Schrift. Mehr konnte ich nicht retten. Aber sie hat nur akademischen Wert.«
Die Frau riss ihm das Buch aus den Händen. »Das wird sich zeigen.«
Erfolglos versuchte er, es ihr zu entwinden. Sie kniff argwöhnisch die Augen zusammen.
»Und es gab keinen Hinweis darauf, dass die Bücher dort unten mit der Goldenen Bibliothek in Verbindung stehen?«
»Keinen«, log er.
Sie schnaubte laut und wandte sich ab. Ihr Arm schwenkte zurück, als wollte sie ihn laufen lassen, doch an seinem Hals tauchte eine dünne Linie auf. »Dann haben Sie keinen Nutzen mehr für mich.«
Etwas Warmes ergoss sich auf seine Brust. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie ihm die Kehle aufgeschlitzt hatte. Er hustete Blut. Als man ihn losließ, sank er auf alle viere nieder. Sein Herz pochte hektisch. Schmerz flammte in seiner Brust auf. Sein Gesichtsfeld verengte sich.
»Nein …«, keuchte er.
Die Angreifer traten an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten.
Er langte in die Tasche, holte das Handy hervor und versteckte es unter seinem Körper. Eilig tippte und wischte er. Unter ihm breitete sich eine Blutlache aus.
Bevor er das Bewusstsein verlor, drückte er den Daumen auf einen Eintrag, eine Adresse. Er hörte das Bestätigungssignal, als die Nachricht mit den angehängten Fotos, die er auf der Treppe mit Igors Hilfe gemacht hatte, übermittelt wurde.
Alex’ Aktivität war nun doch bemerkt worden, sei es durch das Tonsignal oder das leuchtende Display.
Die Frau kam zurück, beförderte ihn mit einem Fußtritt auf die Seite und schnappte sich das Handy. Sie fluchte derb auf Russisch. Ihre Handlanger wichen zerknirscht zurück.
Alex senkte den Kopf auf die kalten Ziegelsteine. Sein Blick fiel auf die vergoldete Kuppel des Glockenturms Iwan der Große, der vor dem Hintergrund des purpurfarbenen Abendhimmels funkelte. Der Turm war ein Denkmal für Iwan III., dessen Enkel, Iwan der Schreckliche, den Schatz versteckt hatte, der heute so viele Todesopfer gefordert hatte.
Die Bibliothek ist tatsächlich verflucht …
Schließlich erlosch die goldene Fackel, und die Welt versank in Dunkelheit. Trotzdem fühlte Alex sich getröstet. Der neue Präfekt des Vatikanischen Archivs hatte ihm für den Notfall eine Adresse mitgegeben, ohne Namen und ohne angezeigte Nummer, nur ein Symbol.
Ein griechischer Buchstabe, den Alex als schicksalhafte Fügung auffasste.
Σ
Commander Gray Pierce fuhr mit dem Motorrad durch den abendlichen Berufsverkehr von D.C. Seine Maschine, eine Yamaha V-Max, war zwanzig Jahre alt, doch der gut gepflegte Motor knurrte zwischen seinen Schenkeln wie ein gereizter Puma.
Das zornige Grollen passte zu seiner Stimmung.
Auf dem Jefferson Drive jagte er durchs Stadtzentrum. Zu seiner Linken leuchtete smaragdgrün die National Mall, unterteilt von sandbestreuten Wegen. Vor ihm aber war die Straße gesperrt, mit Betonbarrieren abgeriegelt. Die Polizei patrouillierte zu Pferd und zu Fuß. Zwei Armee-Humvees standen vor der Absperrung und bewachten die Ruinen des Smithsonian Castle.
Vor sieben Wochen – am ersten Frühlingstag – war das rote Backsteingebäude von mehreren Bomben zerstört worden. Das Castle, ein 1885 erbautes Nationaldenkmal, war das älteste Gebäude der Smithsonian-Stiftung. In den vergangenen anderthalb Jahrhunderten hatte es Brände und politische Stürme überstanden. Jetzt war es ein Haufen Schutt, nur der Ostflügel und die beiden gotischen Türme standen noch. Vom Rest waren lediglich Mauerteile, eingestürzte Dächer und leere Fensterhöhlen übrig geblieben.
Zum Glück waren nur drei Arbeiter umgekommen, die sich zum Zeitpunkt des Anschlags im Gebäude aufgehalten hatten. Anfang des Jahres hatte man mit umfassenden Renovierungsarbeiten begonnen, weshalb das Castle für die Öffentlichkeit gesperrt gewesen war.
Der Helmfunk knackte, dann meldete sich eine schroffe Stimme. »Beweg deinen Arsch. Wir kommen sonst noch zu spät.«
Eine schlanke Ducati Scrambler in der dunklen Nightshift-Version raste mit röhrendem Motor an ihm vorbei durch den Verkehr. Der Fahrer, bekleidet mit schwarzer Ledermontur, Stiefeln und Helm, sah sich zu ihm um. Gray konnte durch das polarisierende Visier zwar nicht sein Gesicht erkennen, dachte sich den tadelnden Blick aber dazu.
Er gab Gas und schloss auf. »Wir kommen rechtzeitig«, antwortete er per Funk. »Das Meeting beginnt erst in …« Er las am holografischen Head-up-Display am Rand des Helms die Zeit ab und schnitt eine Grimasse. »… in zwei Minuten.«
Ein gereiztes Knurren antwortete ihm – es kam vom Fahrer und von dessen Maschine. Die Ducati schoss davon, bog scharf in die Twelfth Street ab und ließ die National Mall hinter sich. Gray nahm die Kurve so eng, dass sein Knie beinahe am Pflaster schrammte, und folgte ihr.
Er warf einen letzten Blick auf das zerbombte Castle.
Er wusste, was das bedeutete.
Es war eine Kriegserklärung.
Seit dem Anschlag hatte sich noch niemand dazu bekannt. Das hieß, einige schon, doch deren Erklärungen waren als nicht überzeugend eingestuft worden. Die wahren Schuldigen waren unbekannt. Auch die Überwachungsvideos und Satellitenaufnahmen hatten keinen Aufschluss auf die Bombenleger oder den Hergang dieses abscheulichen Verbrechens erbracht.
