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Der dritte und vorletzte Band in der großen Science-Fiction-Serie des »New-York-Times«-Bestsellerautors
In ferner Zukunft hat die Erde aufgehört, sich zu drehen. Jetzt droht ihr eine weitere Katastrophe: Der Mond wird auf sie herabstürzen und alles Leben vernichten. Nyx, die blinde Seherin, hat versucht, die Herrschenden zu warnen, doch niemand glaubte ihren Visionen – bis auf ihre Gefährten, mit denen sie sich jetzt auf den Weg in die Wüste macht. Dort, wo die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennt, liegt eine Waffe aus uralter Zeit verborgen, die die Apokalypse verhindern kann. Doch Nyx‘ Feinde sind ihr dicht auf den Fersen, und ihr bleibt nicht mehr viel Zeit …
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Seitenzahl: 1161
Veröffentlichungsjahr: 2026
In der fernen Zukunft hat die Erde aufgehört, sich zu drehen. Eine Seite ist in ewige Nacht getaucht, die andere wird in immerwährendem Licht verbrannt. Jetzt droht eine weitere Katastrophe: Der Mond wird auf die Erde herabstürzen und alles Leben vernichten. Die Seherin Nyx hat versucht, die Herrschenden zu warnen, doch niemand glaubte ihren Visionen – bis auf ihre Gefährten. Sie machen sich auf die Suche nach einer uralten Waffe, mit der die Katastrophe abgewendet werden kann. Ihr Weg führt sie in die Wüste auf der Tagseite, wo es so heiß ist, dass der Sand zu Glas schmilzt. Irgendwo unter dem Sand soll sich eine geheime Armee verstecken, die die Waffe bewacht. Dabei sind ihnen ihre Feinde stets dicht auf den Fersen. Nyx weiß aus ihren Visionen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt – und dass ihr schwierige Entscheidungen bevorstehen. Wie weit wird sie gehen, um die Welt zu retten?
Erster Roman: Erddämmerung
Zweiter Roman: Erddämmerung – Die Reise in die Dunkelheit
Dritter Roman: Erddämmerung – Schwarzes Glas
James Rollins wurde 1961 in Chicago geboren. Nach seinem Studium eröffnete er in Kalifornien eine veterinärmedizinische Praxis. Nebenbei schrieb er Romane: Fantasy unter dem Pseudonym James Clemens und die erfolgreiche Science-Thriller-Reihe um die SIGMA-Force. Als er 2009 Platz 2 in der Bestsellerliste der New York Times erreichte, verkaufte er seine Praxis und widmet sich seitdem ganz dem Schreiben. Mit der ERDDÄMMERUNG-Saga kehrt er zu seinen fantastischen Wurzeln zurück.
Mehr über James Rollins und seine Werke erfahren Sie auf:
www.diezukunft.de
James Rollins
Schwarzes Glas
Roman
Aus dem Amerikanischen von Michael Siefener
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe A DRAGONOFBLACKGLASS erschien erstmals 2025 bei Tor.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Copyright © 2025 by James Czajkowski
Karte © by Soraya Corcoran
Illustrationen © Danea Fideler
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Joern Rauser
Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT, München, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (muratart, Philipp Tur, Valery Brozhinsky, Vadim Sadovski, Igor Zh)
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-27191-6V001
www.heyne.de
Für Jennie und Roy Blomquist, für ihre Freundschaft, für die Aufnahme in ihre wachsende Familie und natürlich auch für all die warmen Cookies.
Als sich die Welt nicht mehr drehte, wurden neue Länder geboren.
Personen, die mit der Fyerdrache in Verbindung stehen:
Aamon: ein Vargr, Bruder von Kalder; starb während der Schlacht im Schleier
Ablen hy Polder: einer von Nyx’ beiden Brüdern, inzwischen verstorben
Abresh: Jägerin der Chanrë
Arik: Raash’ke-Reiter unter Daal
Arryn Sahn: Esmes Bruder
Asha Sahn: Arryns Tochter
Barrat: Raash’ke-Reiter unter Daal
Bashaliia: ein Mýr-Flederwesen, das zusammen mit Nyx aufgezogen und später in den Körper der Kalyx überführt wurde
Bastan hy Polder: einer von Nyx’ beiden Brüdern, inzwischen verstorben
Brayl hy Tarn: eine von Darants beiden Töchtern, inzwischen verstorben
Crikit: ein jugendlicher Molag
Cynth hy Albar: Rhaifs Mutter, aus dem Stamm der Kethra’kai in Wolkennah und Enkelin von Xan aus den Kethra’kai; an Feuerpest gestorben, als Rhaif elf Jahre alt war
Daal: früherer Bewohner der Wiege, stammt sowohl von den Noor als auch von den Pantheanern ab
Darant hy Tarn: Piratenkapitän der Fyerdrache
Dräshra: die legendäre Zertrümmerin der Drachen
Drys ry Acker: Philosophenkönig von Bhestya
Esme Sahn: Chanarynierin, im Kargland geboren
Faryn: ein Raash’ke-Reittier
Fenn hy Pashkin: Navigator der Fyerdrache, gebürtig aus dem Staat Bhestya
Floraan: Daals Mutter
Freya hy Pashkin: Fenns Schwester
Geryd hy Pashkin: Fenns Bruder, der aufgehängt wurde, weil er seinen Vater nicht denunzieren wollte
Glace hy Tarn: eine von Darants beiden Töchtern und Besatzungsmitglied der Fyerdrache
Graulin sy Moor: Nyx’ Vater, auch bekannt als der Eidbrüchige Ritter, weil er einen Eid gegenüber dem hálendiianischen König gebrochen hat
Grumbelbock: ein hundert Jahre alter Stier, der Handelsmann Polder gehörte, und Nyx’ Gefährte, als sie in den Sümpfen von Mýr aufwuchs
Hakyn Sahn: Arryns Sohn
Hasant: Chanarynischer Aufseher in Seekh
Heffik: Tamryns Raash’ke-Reittier
Henna: Daals Schwester
Hyck: früherer Alchymist, dient nun als Ingenieur auf der Fyerdrache
Hylia hy Pashkin: Orrens Frau
Irquan: Meisterjäger aus Tosgon
Jace hy Shanan: früherer Geselle in der Klosterey von Brayk; Jugendfreund von Nyx
Kalder: ein Vargr, der mit Graulin verbunden ist; Bruder des verstorbenen Aamon
Kalyx: ein Mýr-Flederwesen, das durch die Alchymien der Iflelen verdorben und vergiftet wurde und dessen Körper von Bashaliia eingenommen wurde
Krysh hy Eljen: Alchymist an Bord der Fyerdrache, stammt aus den Weidegebieten von Aglerolarpok
Lachan: Untergebener von Rahl hy Pek
Marayn: Nyx’ Mutter, frühere königliche Lustsklavin; starb in den Sümpfen von Mýr
Meryk: Daals Vater, ein reinblütiger Pantheaner
Mirasch: Dorfvorsteherin in Tosgon
Nyx hy Polder: Tochter von Marayn und Graulin; in ihrer Kindheit von einem Mýr-Flederwesen aufgezogen, dann von Handelsmann Polder in den Sümpfen von Mýr adoptiert worden
Orren hy Pashkin: Fenns Onkel
Perde: Besatzungsmitglied der Fyerdrache, stammt aus der Hegemonie Harpe; sein Zwillingsbruder wurde von hálendiischen Angreifern in der Gefrorenen Wüste getötet
Pfeyler: Daals Raash’ke-Reittier
Rahy hy Pek: brutaler Anführer einer Bande von Räubern und Erpressern in Seekh
Randa hy Lenk: gelehrter Hieromönch an der Schule von Toltok
Rega sy Noor: Forschungsreisender und Ritter aus einem früheren Jahrhundert, ehemaliger Kapitän der Fyerdrache
Regina, Nys: älteste der nyssianischen Schwestern, die die Verwandtschaft zwischen Graulin und Nyx erkannte
Rhaif hy Albar: guld’guhlischer Dieb, der Shiya aus den Tiefen der Minen von Kalkstadt befreit hat
Shiya: eine ehemalige Schläferin im Rang einer Axis – eine Ta’wyn von hohem Status; über ihr steht nur die Kaste der Kryste
Spinne: die Ta’wyn-Radix im Brackland, die jahrhundertelang die Raash’ke mit ihrem verdorbenen Zaumsang versklavt hatte
Tamryn: eine Pantheanerin, zweiter Sattel in der Raash’ke-Mannschaft
Tann: Geistlicher; Lehrer von Arryn
Vikas gy Wren: Quartiermeisterin auf der Fyerdrache, stumm geboren, mit gynischem Blut in den Adern
Yazmin Sahn: Arryns Herzgebundene
Personen, die mit den Ereignissen in der Westlichen Krone in Verbindung stehen:
Aalia ka Haeshan: Kaiserin des Südlichen Klashe, Tochter des verstorbenen Kaisers Makar, Schwester von Jubayr, Paktan, Mareesh und Rami, verheiratet mit Prinz Kanthe
Althea: Stellvertretende Kommandantin der Shayn’ra
Angelon: früherer Anführer des Schildes (der klasheanischen Bodentruppen), vierter Cousin von Jubayr, starb während des versuchten Aufstands gegen Aalias Herrschaft
Bkarrin: ein Iflelen, der mit Wryth zusammenarbeitet
Brija: ältere Chaaen, die an Kanthe gebunden ist; seine Beraterin in Fragen der klasheanischen Sprache und Gebräuche
Cassta: rhysianische Attentäterin, das jüngste Mitglied von Saekls Bande
Draer: früherer Anführer der Schwinge (der kaiserlichen Luftwaffe), starb während des versuchten Aufstands gegen Aalias Herrschaft
Eligor: Anführer der Ta’wyn, ein Kryst; sein alter klasheanischer Name bedeutet »Morgenstern« oder »Verräter«
Hessen: das Auge des Verborgenen, der Meisterspion der Klasheaner
Fay hy Persha: frühere königliche Hebamme der Familie Massif (sie brachte Kanthe und Mikaen zur Welt); nun Schwester Amis genannt, da sie als Nonne unter der Aufsicht von Äbtissin Shayr in X’or steht
Frell hy Mhlaghifor: Alchymist und früherer Lehrer von Prinz Kanthe auf dem Borgenberg
Garryn: Kommandant der Segel (der kaiserlichen klasheanischen Flotte)
Gheel: Großkreuz des klasheanischen Schildes
Hesst: Schatzmeister von Hálendii
Hrash: ein Chaaen; Ratgeber von Aalia ka Haeshan
Illias: ein junges Mitglied der Shayn’ra
Jojan: Kommandant des Schildes (der klasheanischen Bodentruppen)
Jubayr: Ramis ältester Bruder; starb während des versuchten Aufstands gegen Aalias Herrschaft
Kanthe ry Massif: Sohn des ehemaligen Hochkönigs von Azantiia; Mikaens Zwillingsbruder, verheiratet mit Kaiserin Aalia ka Haeshan, der nun den Titel Kanthe im Haeshan führt
Lassan, Schwester: Nonne unter der Aufsicht der Äbtissin Shayr in X’or
Laugyn: Chaaen und Alchymist
Liss: Novizin unter der Aufsicht der Äbtissin Shayr in X’or
Llyra hy March: guld’guhlische Gildenmeisterin der Diebe in Ambos
Loryn: ein Chaaen und Ratgeber Ramis
Magritte: ein Chaaen und Hieromönch
Makar ka Haeshan: früherer Gott-Kaiser des Südlichen Klashe, Vater von Aalia und Rami; starb während des versuchten Aufstands gegen Aalias Herrschaft
Mareesh im Haeshan: verräterischer zweiter Sohn des Kaisers Makar; Bruder von Rami und Aalia, der versuchte, Aalias Herrschaft an sich zu reißen
Met: guld’guhlischer Dieb, Bruder von Scherzer
Mikaen ry Massif: Hochkönig von Hálendii, Kanthes Zwillingsbruder
Millik hy Pence: Abgesandter von Qaar Saur
Myella: Mikaens Gemahlin aus dem Hause Carcassa im Braiðland
Odyn: Mikaens Sohn
Olia: Mikaens Tochter, Othans Zwilling
Orakel von Qazen: siehe »Tykhan«
Orkan: ein königlicher Heiler
Othan: Mikaens Sohn, Olias Zwilling
Paktan: dritter Sohn des Kaisers Makar, Bruder von Rai und Aalia, wurde von Mikaen geköpft
Perash: Kommandant des Flügels (der klasheanischen Luftwaffe)
Phenic: junger Akolyth der Iflelen
Pratik: Chaaen, an Kanthe gebunden, trägt das eiserne Halsband, obwohl er sich den Hochcryst in Alchymie erworben hat; benannt nach Prya, dem klasheanischen Gott des Schicksals
Pyke: ein Chaaen, gebunden an Rami
Rami im Haeshan: vierter Sohn des Kaisers Makar, Bruder von Aalia
Regar: ein kaiserlicher Paladin
Saekl: rhysiansche Kapitänin der Quisl, stammt aus dem Archipel von Rhys in der Östlichen Krone
Scherzer: guld’guhlischer Dieb, Bruder von Met; ihm fehlt die untere Hälfte des linken Beins
Shayr, Äbtissin: Herrin der Gärten und Teiche von X’or, eine der geschätztesten Heilerinnen von Klashe
Skerren il Reesh: früherer Geläuterter aus der Gruppe der Iflelen; ein wahres alchymistisches Genie; getötet von Nyx in der Gefrorenen Wüste
Syke: hálendiischer Lehensgeneral
Symon hy Ralls: früherer Alchymist auf dem Borgenberg, jetzt Mitglied der Geschorenen Rose
Tazar hy Maar: Anführer der Shayn’ra und Aalias Geliebter
Thoryn vy Brenn: Hauptmann der Silbergarde, ein vyrllianischer Ritter
Toranth ry Massif: früherer Hochkönig von Hálendii, Oberhaupt des Hauses Massif, Vater von Mikaen und Kanthe
Tykhan: auch bekannt als das Orakel von Quazen – diese Rolle füllte er mehr als vier Jahrtausende aus; tatsächlich ist er eine Radix aus der untersten Kaste der Ta’wyn
Venga: Kapitän der Scharfsporn
Wryth il Faash: Anführer der Iflelen von Hálendii, geboren als Sklave im Reich Gjoa
Zeng ri Perrin: früherer Hauptinquisitor der Dresh’ri, getötet von Pratik während des versuchten Aufstands gegen Aalias Herrschaft
Nach meiner Rückkehr vom Kartografen – der mit Blut geschworen hat, meine Geheimnisse zu bewahren – fühle ich mich wieder haltlos und verlassen. Das ist wohl eine Auswirkung des Alters und der Trauer. Ich sitze apathisch in meinem Sessel und mühe mich um die Kraft, mit ihrer Geschichte fortzufahren. Die Sonne scheint hell durch das Fenster meiner Dachkammer. Das Licht wird durch das Bleiglas farbig gebrochen und wirft nun schimmernde Regenbögen an die Wände. So wird die Bandbreite der Farben enthüllt, die sich in jedem einzelnen Lichtstrahl verbergen.
Vielleicht ist das schon ein Vorbote dessen, was als Nächstes in dieser Geschichte, die ich erzählen muss, geschehen wird.
Denn sie gleicht diesem Sonnenstrahl.
Während sie äußerlich in einem einfachen Licht zu glänzen scheint, birgt sie doch unbeschreibliche Schattierungen, die von einer Tiefe und Komplexität sind, für deren Enthüllung es nur die richtige Linse braucht – und schon bald wird sie kopfüber in dieses Prisma stürzen, in das schattenlose Land der Feueröfen, wo der Sand von Zeit und Hitze zu hartem Glas geschmolzen wurde. Was dieses Feuer schmieden mag, und was es enthüllen könnte, das wird kein einfaches Mädchen aus dem Sumpfland sein, sondern etwas Dunkleres … und zugleich Helleres. Dies ist die Geschichte, die ich als Nächstes schreiben muss – die Geschichte vom Tod der Unschuld und von einer Auferstehung in Blut und Flammen.
Doch ich fürchte mich davor, diese Geschichte zu erzählen.
Auch hier oben in meiner Dachkammer höre ich das andauernde Scheuern von Sandkörnern über den windgepeitschten Dünen sowie das Klingen des schwarzen Kristalls. Aber vor allem kann ich dem schrillen, durchdringenden Brüllen des Drachen nicht entkommen.
Ich drücke die Hände gegen meine Ohren und versuche es auszusperren. Ich schließe die Augen gegen eine Lawine aus Erinnerungen, die mich überrollen will. Das alles ist in seiner Gesamtheit unerträglich. Ich kann das Erzählen nur aushalten, indem ich jeden einzelnen Augenblick versickern lasse, einen nach dem anderen, so wie die einzelnen Sandkörner, die einen Dünenhang hinunterrutschen.
Aber bevor wir fortfahren können, muss ich noch kurz einen Blick über meine Schulter werfen und die Vergangenheit dazu nutzen, mich zu fassen und neu auszurichten.
Als ich ihre Geschichte zuletzt verlassen hatte, waren sie und ihre Verbündeten gerade damit beschäftigt gewesen, dem ewigen Eis der sonnenlosen Urde zu entkommen und zur östlichen Hälfte der Krone zu eilen. Auf der westlichen Seite hinter ihnen tobten Schlachten, denn Reiche und Imperien lagen miteinander im Krieg. Doch auch dieser Konflikt war nicht mehr als ein Funke des noch größeren heraufziehenden Krieges – denn es existieren tief vergrabene Kräfte, im Granit eingeschlossen, die nur darauf warten, diese Welt in Schutt und Asche zu legen.
Während ich so darüber nachdenke, schiebt sich eine schwere Regenwolke vor die Sonne und erstickt das Licht, das auf meiner Wiese gelegen hatte. Ich stoße den Atem aus, von dem ich gar nicht bemerkt hatte, ihn angehalten zu haben. Dieses Zwielicht fühlt sich passender an – als hätte sie mir in diesem Augenblick den Rücken zugewandt, so wie sie es in der Vergangenheit schon öfter getan hat.
Es sei so.
Wie im Himmel vor meiner Dachkammer türmen sich auch für sie die Gewitterwolken auf. Ich höre schon den Donner – der nach Kriegstrommeln klingt.
Wolkenbruch
Beugt eine Brise des Baumes Stamm, graben tiefer sich die Wurzeln.
Sprichwort, zugeschrieben Scyk pa Renn, dem augenlosen Musikanten, der die Tiefen Wälder von Bhestya durchwanderte
Nyx beugte sich tief in ihren Sattel und ritt auf Bashaliia durch den Sturm. Die ledernen Schwingen ihres Reitwesens waren weit ausgebreitet, die Spitzen verschwanden in den dunklen Wolken zu beiden Seiten. Es schien, als sei Nyx ein Teil des Sturms, geboren aus dessen Wut, angekündigt vom Donner und eingerahmt von Blitzen.
Sie drängte sich enger an die pelzige Wärme ihres geflügelten Bruders. Ihre eigentliche Verständigung jedoch geschah durch das geteilte Pulsieren des Zaumsangs. Sie sang zu Bashaliia, schickte ihm einen stummen Chor der Beruhigung, während er mit einem Pfeifen reagierte und seine goldene Melodie mit der ihren verflocht.
Ihre Botschaft war einfach.
Kehr zum Schiff zurück.
Nyx schaute durch eine Brille, die ihre Augen vor dem Sturm schützte. Die Welt um sie herum war zu wirbelndem Dunst und peitschendem Regen geschrumpft. Hagel prallte gegen ihren Körper, der in einer Lederkleidung steckte. Schwarze Wolken umhüllten die Sonne über ihr. Land und Meer unter ihr waren verschwunden.
Sie zitterte in der Kälte und klammerte sich fest an Bashaliia. Es war, als seien sie der Gefrorenen Wüste niemals entkommen und noch immer von ihrer ewigen eisigen Dunkelheit gefangen.
Aber das ist nicht so.
Im letzten Mittwinter waren sie und die anderen in ihrem Wyndschiff aus der Wiege entkommen. Trotz der gewaltigen Maschinen, mit denen die Fyerdrache ausgestattet war, hatten sie erst am Ende des Frühlings die Abbruchkante der Ebynberge an der Grenze der Östlichen Krone erreicht. Leider hatte damals gerade die Monsunzeit begonnen, in der Sturm auf Sturm durch die Region tobte. Der Navigator des Schiffes – er hieß Fenn und hatte bereits den größten Teil seines Lebens in diesem Teil der Welt verbracht – hatte sie schon vor dieser Gefahr gewarnt.
Doch da die Bedrohung durch den Mondsturz immer näher rückte, hatten sie nicht warten wollen. Außerdem waren Graulin und Darant der Ansicht gewesen, dass die Fyerdrache den Schutz der Stürme bei der Überquerung dieses Teils der Krone gut gebrauchen konnte, da sie damit vor den Augen der Feinde verborgen blieb.
Aber das war nicht der Wille der Götter gewesen.
Als sie in den Bereich der Östlichen Krone eingetreten waren, hatten die Stürme weitaus schlimmer getobt, als sie es erwartet hatten. Nach vier Tagen war das Schiff von einem Blitz getroffen worden, und dabei wurden die dicken Kabel durchtrennt, die den Ballon des Schiffes mit diesem verbunden hatten; außerdem musste einer der Seitenbrenner vernichtet worden sein. Der Schaden hatte sie dazu gezwungen, auf der Insel Sprydunst mitten im Meer der Östlichen Krone zu landen.
Die Reparaturen hatten sich als mühselig erwiesen. Zwei Monate vergingen, und nun war der Mittsommer schon bald da. Sie alle spürten den Druck der Zeit, insbesondere wegen der Bedrohung, die auf ihren Schultern lastete.
Der Mondsturz …
Seit Nyx’ vergifteter Vision des Mondes war schon ein ganzes Jahr vergangen. In dieser war er in die Urde gestürzt und hatte alles Leben darauf vernichtet. Diese Prophezeiung war überdies durch die Alchymien von Frell und Krysh bestätigt worden. Durch ihre weitblickenden Linsen hatten sie sehen können, dass das volle Antlitz des Mondes allmählich größer wurde, was bedeutete, dass er sich unerbittlich der Welt näherte. Und sie alle hatten Shiyas eigene Einschätzung gehört, die von dem Wissen der Ta’wyn herrührte, das bis tief in das Verlassene Zeitalter hineinreichte. Die Bronzefrau hatte dem Untergang einen Zeitpunkt gegeben.
In fünf Jahren. Vielleicht sogar schon in dreien.
Und nun war bereits ein ganzes Jahr dieser Zeitspanne verstrichen.
Die Dringlichkeit schärfte Nyx’ Zaumsang und verlieh ihm eine fordernde Note.
Bashaliia reagierte darauf und setzte in dem peitschenden Regen zum Sinkflug an. Sogar dieser Sturm – ungewöhnlich für Mittsommer – war eine Erinnerung daran, dass etwas mit der Welt nicht stimmen konnte. Der Alchymist des Schiffes, Krysh hy Eljen, hatte seine Besorgnis ausgedrückt, dass die Stürme, die für diese Jahreszeit zu wild waren, vermutlich durch das Herannahen des Mondes verstärkt wurden. Die Gezeiten waren extremer geworden. Andauernd erschütterten Erdbeben den Globus. Es machte den Eindruck, als erzitterte die Urde selbst unter dem unausweichlichen Schicksal.
Als Bashaliia tiefer sank, brachen die dunklen Wolken um ihn und seine Reiterin auf. Unter ihnen erschien das Meer, das von Blitzen erhellt wurde. Wellen mit weißer Gischt wogten auf dem dunklen Ozean und trieben auf die bewaldete Insel Sprydunst zu. Das Atoll war von Riffen umringt und wurde durch Türme aus schwarzem Felsen geschützt, die aus dem Meer ragten. Der Weg zu dem kleinen Hafen galt auch bei ruhiger See als gefährlich. Dennoch drängten sich viele Schiffe mit Flaggen und Abzeichen aus zahlreichen Ländern an den Kais. Sprydunst war reichsfrei. Die Insel diente als neutraler Handelsposten für den größten Teil der Östlichen Krone. Sogar Langstreckenschiffe aus der Westlichen Krone kamen bis zu diesem Punkt der Welt, wo sie Gewürze, Seide und seltene Erze aufnahmen.
Bashaliia flog auf die Insel zu und benötigte dafür keinerlei Anweisungen. Inzwischen kannte das Mýr-Wesen seinen Weg zurück zum Schiff. Die Fyerdrache lag an einem Ankerplatz im Hochland über dem Hafen. Dutzende weitere Wyndschiffe hatten an benachbarten Plätzen festgemacht, und ihre Ballons flatterten im Sturm.
Nyx fiel es leicht, die Fyerdrache zu erspähen. Sie war nicht nur das größte Schiff, sondern ihre Galionsfigur zeigte auch einen hoch aufragenden schmiedeeisernen Wyrm, dessen ausgestreckte Schwingen sich an die Flanken des Rumpfs schmiegten. Feuertöpfe auf dem offenen Oberdeck loderten im Zwielicht des Regens und schienen den Drachen in Brand zu setzen.
Der Ankerplatz des Schiffes lag ein wenig abseits von den anderen. Niemand wagte es, sich ihm zu sehr zu nähern, was insbesondere an der gefährlichen Fracht der Fyerdrache lag.
Nyx lenkte Bashaliia zu ihrem Lager.
Als sie sich dem feurigen Schiff näherten, segelte Bashaliia in einem eleganten Bogen auf das Heck zu und hielt dabei die Masse des Gasballons zwischen sich und den anderen Schiffen. Nyx war von Graulin gewarnt worden, sie möge ihre Flüge lieber heimlich unternehmen. Der Schutz des Sturms hatte ihr diese seltene Gelegenheit verschafft, Ausflüge mit ihrem geflügelten Bruder zu machen.
Aber nun war das vorbei.
Rasch brachte Bashaliia den Rest des Weges hinter sich. Er faltete die Schwingen zusammen und landete geschickt auf der Wiese hinter dem vertäuten Schiff.
Stimmen lenkten Nyx’ Aufmerksamkeit auf die Seite. Graulin und der Pirat Darant hy Tarn saßen mit einer Gruppe von Männern vor einem Zelt, das als behelfsmäßige Schmiede für die nötigen Reparaturen diente. Die beschädigte Maschine war bereits wiederhergestellt und stand auf einem Schlitten, sodass sie zum Schiff gezogen und eingebaut werden konnte. Darant und seine Tochter Glace hatten die Zeit auch dazu genutzt, die verbliebenen Brenner zu untersuchen, die abgerissenen Kabel neu zu befestigen und den Ballon mit Gas nachzufüllen.
Sie hegten die Hoffnung, in ein paar Tagen weiterreisen zu können.
Doch noch blieb eine wichtige Instandsetzungsarbeit übrig, die Darants Mannschaft nicht zu leisten vermochte. Bevor sie nämlich in das von der Sonne versengte Kargland reisen konnten, musste auch diese Reparatur erledigt sein.
Nyx blickte durch den Sturm nach Westen. Sie stellte sich vor, wohin sie als Nächstes reisen mussten, und spürte Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.
Seit ungezählten Jahrtausenden hatte die Urde die Sonne umkreist, während eine Seite beständig dem brennenden Starren des Vaters Oben ausgesetzt und die andere Seite für immer in eisiger Dunkelheit erstarrt war. Die Krone lag zwischen diesen beiden Extremen – ein Kranz aus Land, gefangen zwischen Eis und Feuer.
Im letzten Winter hatten Nyx und die anderen die gefrorene Finsternis der Urde durchquert und waren von ihrer Heimat in der Westlichen Krone zu dieser östlichen Seite der Welt gereist. In den eisigen Landen hatten sie die Wiege und deren Bewohner, die Pantheaner entdeckt, die sich ihre eigene Welt geschaffen hatten – tief unter dem Eis. Dort waren sie auch auf entfernte Verwandte von Bashaliia gestoßen – die Raash’ke, mörderische Eisflederwesen, die sich dieses dunkle und unfruchtbare Land mit den Menschen teilten. Die Kolonie war durch einen halb verrückten Ta’wyn verdorben und versklavt worden. Er war ein unsterblicher Bronzewächter, der als »die Spinne« bezeichnet wurde – einer der verräterischen Revn-kree, die sich die Herrschaft über den Planeten sichern wollten. Der Spinne war die Aufgabe übertragen worden, eine der gewaltigen Maschinen zu bewachen, die die Welt bewegten – die Turubya, die in der Eiswüste versteckt war. Nyx und die anderen hatten jenen gefährlichen Wächter besiegt und sowohl die Raash’ke als auch die Pantheaner befreit. Dabei hatten sie auch die Turubya aktiviert und die große Maschine dazu gebracht, das Unmögliche zu tun: die Welt wieder in Drehung zu versetzen, wie es ungezählte Jahrtausende hindurch der Fall gewesen war.
Dies war die einzige Hoffnung darauf, den Mondsturz aufzuhalten und den Mond zurück auf seine richtige Umlaufbahn zu bringen. Aber damit dies gelingen konnte, mussten sie eine zweite Turubya in Gang setzen, die tief im Kargland vergraben lag – in der von der Sonne versengten Hälfte der Urde. Die Reise dorthin schien sogar noch gefährlicher zu sein als jene, die sie im vergangenen Winter unternommen hatten, denn es erwarteten sie große Schwierigkeiten. Die Turubya im Kargland wurde nicht von einem einzelnen Revn-kree, sondern von einer ganzen Armee geschützt, die von einem Ta’wyn angeführt wurde, der weitaus mächtiger schien, als es die Bronzespinne gewesen war.
Nyx warf einen Blick nach Westen und wehrte sich nicht dagegen, die harte Wahrheit hinzunehmen.
Wie können wir nur hoffen, eine solche Macht zu besiegen?
Aber sie schloss ihre Finger fester um die Zügel und ertrug es.
Weil wir das müssen.
Hinter ihr rief jemand: »Nyx!«
Verblüfft ruckte sie im Sattel herum und erkannte Jace hy Shanan, ihren Freund und früheren Lehrer, der über eine Gangway aus der Fyerdrache auf sie zugelaufen kam. Er hob den Arm und grinste breit. Seine Wangen oberhalb des rötlichen Bartes wurden dabei noch röter.
Krysh, der Alchymist des Schiffes, begleitete Jace. Der schlaksige ältere Mann stammte von den zerklüfteten Weidegebieten Aglerolarpoks und hielt mit seinen langen Beinen mühelos Schritt.
»Ihr seid beide zurück!«, rief Nyx ihnen zu, als sie aus dem Sattel glitt und in dem feuchten Gras landete. Die eine Hand hielt sie an Bashaliias Flanke.
Die beiden Männer trugen Reisekleidung und die dazu passenden Kapuzen. Offenbar kamen sie gerade vom Hafen. Sie waren vor zwei Wochen aufgebrochen und nach Süden zum Königreich Bhestya gesegelt. Ihr Ziel war es gewesen, alte Texte über das Kargland zu finden. Angeblich verfügte die Bibliothek in der Hauptstadt des Reiches über die größte Sammlung von Büchern über dieses versengte Land.
Jace lief auf sie zu. »Du musst unbedingt hören, was wir dir zu sagen haben! Und du musst dir ansehen, was wir gefunden haben! Nicht nur eine Kiste mit Büchern, sondern auch eine grobe Karte des Karglands. Ich kann es kaum erwarten, sie Fenn zu zeigen.«
Nyx hegte keinen Zweifel daran, dass der Navigator des Schiffes eine solche Karte als äußerst hilfreich betrachten würde, da nur wenig über das Land jenseits der sandigen Ruinenstädte bekannt war, die an den Rand der Krone grenzten.
Als Jace sie erreicht hatte, drehte Bashaliia den Hals und gab ein leises warnendes Zischen von sich. Nyx war noch auf ihren geflügelten Bruder eingestimmt und spürte das Lodern des Smaragdfeuers hinter dem goldenen Glanz des Zaumsangs.
Jace wich einen Schritt zurück. »Entschuldigung. Inzwischen sollte ich es doch besser wissen und nicht auf ihn zulaufen.«
»Wenigstens hat er diesmal nicht nach dir geschnappt«, fügte Krysh hinzu und hielt eigenständig einen gebührenden Abstand.
Nyx’ Wangen wurden heiß. »Wegen des Sturms und der langen Gefangenschaft im Schiff hat er schlechte Laune.«
Sie fuhr mit der Hand über die Schädelkrone des Flederwesens und wusste sofort, dass beide Erklärungen nicht die ganze Wahrheit darstellten. Nach dem Sieg über die Spinne wurde Bashaliia noch immer von Wutausbrücken geplagt, die so untypisch für seine sonst eher ruhige Art waren. Sie vermutete, dass es von dem verdorbenen Zaumsang kam, der nicht nur die Raash’ke, sondern für kurze Zeit auch Bashaliia gebunden hatte. Nyx hatte ihn davon befreit, aber ein Schaden war übrig geblieben.
Sie stellte sich ihren geflügelten Bruder vor, wie sie ihm vor einem Jahr zum ersten Mal begegnet war. Er war nicht größer als eine Wintergans gewesen. Kurz darauf war Bashaliia vergiftet worden und gestorben, aber sein Geist und seine Erinnerungen waren durch den gewaltigen Schargeist der Mýr-Kolonie bewahrt geblieben und in einen anderen Körper überführt worden – einen größeren und älteren. Im letzten Winter war Nyx gezwungen gewesen, ihm die Kehle aufzuschlitzen und ihn wieder zu befreien. Mit Hilfe der Raash’ke hatte sie Bashaliias Essenz in den missbrauchten Körper der Kalyx, eines Mýr-Flederwesens verbracht, das von den Iflelen versklavt und durch Folter zu einem Ungeheuer gemacht worden war.
Nyx’ Finger spürten die alten Narben auf Bashaliias Kopfhaut, die nun unter dem nachgewachsenen Pelz verborgen blieben. Sie bezeichneten die Stellen, an denen Kupfernadeln in das Hirn der Kalyx getrieben worden waren. Die versklavenden Nadeln waren entfernt worden, aber die Verletzungen waren geblieben – Wunden, die viel tiefer als nur in Fleisch und Knochen reichten. Sie befeuerten eine zeitweise rasende Verrücktheit, die vielleicht nie wieder verschwinden würde.
Da Nyx eng mit Bashaliia verbunden war, hatte auch sie Narben davongetragen. Es war eine Bürde, die sie hinnahm und teilte, denn das schuldete sie Bashaliia für seine Liebe, seine Brüderlichkeit und sein Opfer. Sogar die Reaktion des Flederwesens auf Jace war vermutlich nicht allein aus dem Wahnsinn erwachsen, sondern beruhte auf Nyx’ eigenen tiefsitzenden Vorbehalten gegen Jace.
Sie betrachtete ihren Freund eingehend und besonnen.
Wie sie alle, so war auch Jace der Eiswüste nicht unberührt entkommen. Er wäre beinahe gestorben – und war vielleicht sogar kurze Zeit tot gewesen –, nachdem er von der Energie der Turubya bei deren Aktivierung getroffen worden war. Bevor er wiederbelebt worden war, hatte Nyx ihn mit Strängen ihres Zaumsangs berührt. Sie hatte eine gewaltige Leere in ihm gespürt – wesentlich größer, als sein kleiner Schädel sie hätte beherbergen können. Noch jetzt durchfuhr sie die Erinnerung eiskalt. Nachdem Jace genesen war, hatte sich diese Leere zerstreut. Nun fühlte er sich wieder wie der alte Freund an, der er immer gewesen war.
Aber …
Sie versuchte zu verbergen, dass sie leicht zusammenzuckte. Schuldgefühle nagten an ihr, weil sie diesen Freund, der ihr stets treu ergeben gewesen war, noch immer argwöhnisch beobachtete. Sie schaute zu Bashaliia hoch.
Hast du mein Unbehagen gespürt? Und hast du deshalb so reagiert?
Zur Beruhigung ihres eigenen Herzens und dem von Bashaliia sang sie ihm Melodien der Beruhigung zu und schüttelte ihre Angst ab.
Sie betrachtete die Masse des Wyndschiffs. »Ich würde die alte Landkarte gern sehen, aber zuerst muss ich Bashaliia im Laderaum unterbringen. Ich treffe euch beide im Steuerhaus der Fyerdrache. Bevor ich losgeflogen bin, habe ich Fenn dort oben gesehen.«
Krysh kniff die Augen zusammen. »Diese Arbeit überlasse ich dir und Jace. Ich muss erst die Kisten in meine Kabine bringen und mich daran machen, die Bücher zu katalogisieren. In der Zwischenzeit wird die Karte Fenn und dem Kapitän hoffentlich helfen, die beste Route durch das Kargland zu finden. Wir müssen so schnell wie möglich aufbrechen. Wir erregen bereits zu viel Aufmerksamkeit.«
Der Alchymist sah zu Bashaliia hinüber.
»Was willst du damit sagen?«, fragte Nyx.
Jace’ nächste Worte klangen traurig. »Drüben in Bhestya haben sich Berichte über ein Schiff mit Drachenfigur verbreitet, dessen Laderaum mit geflügelten Bestien gefüllt sein soll.«
»Und die Gerüchte werden sich umso weiter ausdehnen, je länger wir müßig hier lagern«, fügte Krysh hinzu. »Bis sie die falschen Ohren erreichen.«
Nyx verstand. Sie mochten in der Eiswüste zwar den Streitkräften der Hálendii entkommen sein, aber gewiss suchte der Feind noch immer nach ihnen. Sie hegte keinen Zweifel daran, dass sowohl die Legionen des Königs als auch die von Wryth il Faash angeführten Iflelen die Krone nach Anzeichen von ihnen durchkämmten. Und bisher schien ihre Gruppe noch nicht entdeckt worden zu sein. Aber das Risiko wuchs mit jedem Tag, den sie länger in Sprydunst verbrachten.
Nyx deutete auf Graulin und Darant, die inzwischen damit beschäftigt waren, den reparierten Brenner zur Fyerdrache zu ziehen. »Jace, du solltest Graulin und Darant das mitteilen, was du erfahren hast.«
»Ich werde es sie wissen lassen.« Jace ging davon, warf aber noch einen Blick über die Schulter. »Wir sehen uns im Steuerhaus.«
Nyx nickte und machte sich mit Bashaliia auf den Weg zur Heckrampe der Fyerdrache.
Krysh folgte ihnen, doch er hielt gebührenden Abstand zu dem riesigen Mýr-Flederwesen. Plötzlich blieb der Alchymist stehen. Er schaute zu der dunklen Wolkenschicht hinauf, die auf der Oberseite des von den Feuern erhellten Ballons der Fyerdrache lag.
Nyx folgte seinem Blick.
Dunkle Schatten segelten aus dem Sturm – erst einer, dann noch einer, dann drei weitere.
Nyx’ Herz ballte sich zu einem Knoten zusammen, aber Angst war nicht der Grund dafür. Sie erkannte diejenigen, die auf das Schiff zugeschwebt kamen. Vor ihrer Abreise von der Wiege hatten die Pantheaner ihnen fünf Raash’ke zur Begleitung auf der Reise mitgegeben, die ihnen bei ihrer Aufgabe als Reittiere dienen sollten. Die gewaltigen Eisflederwesen trugen Reiter auf dem Rücken, die noch nicht fertig ausgebildet waren. Die Gruppe hatte wohl – so wie Nyx und Bashaliia – entschieden, den Schutz des Sturms für Übungsflüge zu nutzen.
Die fünf Umrisse senkten sich in Spiralen und bildeten eine enge Formation.
Obwohl der Sturm sie alle einhüllte, fiel es Nyx leicht, ihren Anführer zu erkennen. Sie spürte die Quelle der Macht, die er in seinem Innern hielt. Für ihre vom Zaumsang gesegneten Augen war er ein fallender Stern, der durch das Zwielicht strahlte.
Sie flüsterte seinen Namen; zur Hälfte war es Gebet, zur Hälfte Trauerklage. »Daal …«
Krysh musste den Schmerz hinter dieser Silbe gehört haben. »Er wird lernen, dir zu vergeben.«
Nyx senkte das Gesicht. »Das sollte er besser nicht.«
Daal lenkte sein Flederwesen durch sanften Druck mit den Knien. Inzwischen handelte er instinktiver als die anderen Reiter. Aber schließlich war er es gewesen, der dabei geholfen hatte, den Sattel zu verbessern, den sie alle verwendeten. Er hatte die Gurte verbessert, die aus den Reitgeschirren stammten, welche die Pantheaner ihren Orksos anlegten – den gehörnten Tieren, die in den Meeren der Wiege schwammen. Daal war stolz auf sein Geschick gewesen, mit dem er auf dem Rücken dieser prächtigen Wesen in den Gewässern seiner Heimat gejagt hatte.
Erst nachdem Nyx und die anderen in seine Welt unter dem Eis eingebrochen waren, hatte Daal das einzigartige Band verstanden, das er und sein Volk zu den Orksos unterhielten. Er hatte schon immer gewusst, dass er das Blut der Noor in sich trug, das von einer Gruppe hálendiischer Forscher herrührte, die vor etlichen Jahrhunderten in der Wiege gestrandet waren. Dorthin waren sie mit demselben Wyndschiff gereist, das nun unter ihnen vertäut war. Mit der Zeit hatten die Pantheaner und die Noor in einer unbehaglichen Allianz zu leben gelernt, die zu Individuen wie Daal führte, der über gemischtes Blut verfügte.
Aber im Gegensatz zu den meisten gemischten Abkömmlingen hatte Daal eine besondere Gabe geerbt: Sein noorisches Blut enthielt Spuren des Zaumsangs. Dieses angeborene Talent hatte es ihm erlaubt, sich mit den Orksos enger als die meisten anderen zu verbinden und sie zu beherrschen. Doch diese Blutgabe hatte auch die Aufmerksamkeit anderer Wesen auf sich gelenkt: die der tentakelbewehrten Oshkapeer, der göttergleichen Träumer der Tiefe. Diese uralten Kreaturen hatten Daal auf die Probe gestellt und ihn beinahe ertränkt. Dadurch war sein Zaumsang zu einer starken Waffe geworden, zu einer Quelle roher Energie, die anderen als Quelle der Kraft dienen konnte.
Als Daal nach unten schaute, spürte er das Zerren. Es zupfte an seinem Blut und beschleunigte seinen Herzschlag. Er hatte keine Schwierigkeiten damit, den Magnetstein zu erkennen, der von unten nach ihm rief. Er beobachtete, wie Nyx auf die offene Heckklappe der Fyerdrache zulief und erinnerte sich daran, wie sie früher einmal ihre einzigartige Verbindung beschrieben hatte.
Du bist mein Blitzbrand, und ich bin dein Brenner.
Daal erinnerte sich noch gut daran, wie es sich in der Wiege angefühlt hatte, wenn die beiden zu einer einzigen Person verschmolzen waren, Handfläche gegen Handfläche und die Finger ineinander verschränkt. Mit jedem Atemzug war die Kraft der aus seinem Blut gespeisten Quelle in Nyx eingeflossen und hatte es ihr erlaubt, diese Quelle ebenfalls zu nutzen und der Kraft eine Zielrichtung zu geben. In jenen Augenblicken hatten sich die beiden dem jeweils anderen nackt und bloß gezeigt; sie hatten keinerlei Geheimnisse mehr voreinander gehabt und die Gedanken des anderen gekannt. Sie hatten die Haut des anderen getragen und alles gemeinsam gespürt. Es war sowohl beängstigend als auch erregend gewesen.
Diese Intimität hatte sie einander nähergebracht. Wie hätte es auch anders sein können? Aber vor einigen Monaten, gerade als sie die Östliche Krone erreicht hatten, hatte dann alles ein Ende gefunden. Die beschwerliche Reise hatte von allen ihren Tribut gefordert. Anstrengung, Schrecken und Anspannung hatten sie ausnahmslos erschöpft.
Aber das war nicht der wahre Grund für ihr Zerwürfnis gewesen.
Er beobachtete, wie Nyx mit Bashaliia in dem Schiff verschwand. Erst jetzt hob er den Arm und pfiff scharf in den Wind. Er ahmte den Schrei eines Kree-Falken nach – diese Kreaturen nisteten in den Eisklippen der Wiege. Die anderen pantheanischen Reiter kannten den Ruf aus ihrer Heimat, genau wie die Raash’ke-Flugwesen, die mit ihnen diese kalte Welt geteilt hatten.
Mit solchen kleinen Gesten hielt Daal die Erinnerung an die Heimat in seinem Herzen wach. Er weigerte sich, die Wiege ganz und gar aufzugeben. Schließlich hatte er schon so vieles aufgegeben. Für diese Reise, auf der er als Nahrung für Nyx’ Brenner diente, hatte er Mutter und Vater und auch seine junge Schwester verlassen. Seine Eltern hatten die Notwendigkeit zwar verstanden. Und doch fühlte er sich schuldig, insbesondere, da er das Schicksal kannte, das seine Familie erwartete, falls es Nyx und ihrer Gruppe gelingen sollte, die Urde wieder zum Drehen zu bewegen.
Nach Shiyas Worten – die auf altem Ta’wyn-Wissen basierten – bestand die einzige Möglichkeit, den Mond wieder an seine alte Stelle zu setzen, darin, die Urde wieder zum Rotieren zu bringen. Das würde zwar die Zerstörung des Planeten verhindern, aber es konnte in eine andere Katastrophe führen, bei der Millionen Tote zu befürchten waren. Wenn sich die Welt wieder drehte, würde die Eiswüste schmelzen. Das sonnenversengte Kargland würde überflutet werden. Die Krone mochte dann von Erdbeben, Stürmen und Flutwellen zerrissen werden.
Kein Ende der Urde würde ungestört bleiben.
Auch nicht meine Heimat.
Seine Mutter hatte dieses tragische Schicksal mit einer Entschlossenheit aufgenommen, die Daal noch immer nicht verstand. Ihre Worte blieben weiterhin in ihm lebendig: Niemand kennt das Ende. Die Zukunft bleibt ein Geheimnis, bis sie eingetreten und festgeschrieben ist. Wir werden leben, als hätten wir endlose Tage vor uns – oder gar keine mehr. Was sonst könnten wir tun?
Seine Eltern hatten auch erkannt, dass nicht nur die Wiege zerstört, sondern das ganze Leben auf der Urde enden würde, wenn der Mond auf die Welt stürzen sollte.
Es ist besser, dass einige überleben, als dass niemand überlebt, hatte sein Vater gesagt, während er beim Abschied Daals Arm ergriffen hatte.
Einen Atemzug lang schloss Daal die Augen.
Ich darf sie nicht im Stich lassen.
Entschlossen öffnete er die Augen erneut und leitete die anderen Reiter auf das gewaltige Wyndschiff zu. Wind und heftiger Regen peitschten gegen sie. Zackige Blitze zuckten durch den Bauch der Wolken. Er roch die Kraft in der Luft und spürte, wie die Energie über die kleinen Haare an seinen nackten Armen tanzte. Es war, als werde der Sturm zu der Quelle der Kraft gezogen, die in ihm verborgen war.
Er biss die Zähne zusammen, stieg steil hinab und mühte sich, dem Sturm zu entkommen – so wie Nyx inzwischen ihm entkommen wollte. Er stellte sich den Schwung ihrer Haare vor, die so dunkel waren, dass sie fast für schwarz gehalten werden konnten, doch in ihren Schatten verbargen sich goldene Strähnen, sodass es aussah, als wäre der Zaumsang in sie eingeflochten worden. Ihre Haut besaß die Färbung warmen Honigs, und ihre Augen waren so blau wie geschliffenes Eis, das mit winzigen silbernen Flecken durchsetzt war.
Wut flammte in ihm auf – sowohl weil sie ihn plötzlich zurückgewiesen hatte als auch weil er immer wieder an das denken musste, was er verloren hatte, und das verursachte ihm große Schmerzen.
Doch die Erinnerung leuchtete hell und wurde von den Qualen in seinem Herzen befeuert – und von den Schmerzen in seinen Unterarmen.
Denn Nyx hatte mehr in ihm gebrochen als nur das Herz.
Er konnte es nicht verhindern, dass er zurück in die Vergangenheit glitt.
Als die Fyerdracheüber den Gipfel der Ebyn-Berge flog, schenkte Daal dem Kristallglanz der eisigen Höhen keine Beachtung, sondern starrte verwundert die feurige Kugel an, die auf dem Horizont saß. Während des letzten halben Mondes hatte sich das Wyndschiff dem Rand der Krone genähert und die Eiswüste hinter sich gelassen, und dabei war sie durch ewiges Zwielicht geflogen. Jeden Tag war das Feuer am Horizont heller und heller geworden, bis endlich die Sonne in Sicht gekommen war.
»Das ist wunderbarer, als ich es mir je hätte vorstellen können«, flüsterte Daal Nyx zu.
Sie stand neben ihm, hatte den Arm um seine Hüfte gelegt und lächelte über die Ehrfurcht in seiner Stimme. »Willkommen zu deiner ersten wahren Morgendämmerung«, sagte sie und fügte mit einem müden Seufzer hinzu: »Wir auf der Krone erachten diesen Anblick als selbstverständlich. Während unseres Lebens geht die Sonne nämlich niemals unter. Sie beschreibt nur einen langsamen kleinen Kreis am Himmel – eine Umdrehung in jedem Jahr.«
Fenn stand auf der anderen Seite. »Ich wette, du wirst den Anblick des Vaters Oben bald leid sein, insbesondere da wir zum Kargland unterwegs sind, wo die Sonne höher und höher steigt, bis sie mit ihrer gnadenlosen Hitze auf uns niederbrennt.«
Daal bemerkte den säuerlichen Ton in der Stimme des Navigators. Fenn hatte ein klares und wachsendes Widerstreben gegen die Überquerung dieser östlichen Hälfte der Krone gezeigt. Während der junge Navigator mit den beiden Wache hielt, kniff er die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen. Das Smaragdgrün seiner Augen wurde von schweren Lidern verschattet. Seine schneeblonden Locken aber warfen das Sonnenlicht zurück, als wäre er in den Berggletschern unter ihnen geboren worden. Daal wusste allerdings, dass Fenn aus dem Königreich Bhestya stammte, einem der vielen Länder auf dieser Seite der Krone.
Die Stimmung des Navigators war mit jeder Meile, die sie näher an seine Heimat herankamen, schlechter geworden. Jace zufolge hatte Fenn dafür gesorgt, dass das Schiff in einiger Entfernung nördlich an Bhestya vorbeifliegen würde. Jede Frage nach seiner Vergangenheit wurde entweder mit ernstem Schweigen oder mit einer abwehrenden Handbewegung oder sogar einem gemurmelten Fluch beantwortet. Er wollte eindeutig nicht darüber sprechen, warum er seine Heimat verlassen hatte und als Navigator für einen Briganten wie Darant geendet war.
»Wir sollten nach unten gehen«, sagte Nyx. »Es ist nicht gut, wenn du allzu lange in die Sonne schaust.«
Daal war anderer Meinung. »Ich könnte sie für immer und ewig ansehen.«
Aber Fenn verhalf Nyx’ Warnung zu mehr Nachdruck. »Sobald wir die Berge überflogen haben, werden uns die Seitenwinde heftig durchschütteln.«
Wie zur Bestätigung dessen schlug eine starke Bö gegen den gewaltigen Gasballon über ihnen und brachte das Schiff zum Krängen. Daal hielt sich an der Reling fest und brachte es fertig stehen zu bleiben. Fenn balancierte sich bloß auf beiden Beinen aus.
Nyx schlug den Arm enger um Daals Hüfte. Sogar durch die Wolle des Ärmels spürte er die Hitze ihrer Haut, als sie versuchte, die Wärme aus seinem Körper zu ziehen und ihn damit an den bodenlosen Hunger in ihr erinnerte. Aber ihn quälte ein eigener Hunger, und er nahm eine Hand von der Reling und zog Nyx näher zu sich.
»Vielleicht sollten wir wirklich in deine Kabine gehen«, schlug Daal vor.
Nyx schaute zu ihm hoch. Die silbernen Fleckchen in ihren Augen leuchteten in einem schelmischen Glanz. »Dann sollten wir uns aber beeilen – bevor wir über Bord geschleudert werden.«
Sie warteten, bis das Schaukeln des Schiffes etwas nachgelassen hatte und sie das Deck zur Tür des Vorderdecks überqueren konnten. Sie kletterten ins Mitteldeck hinunter, wo die Kajüten an einem langen Korridor lagen, der vom Bug bis zum Heck verlief.
Nyx hatte eine Kabine für sich allein. Sie lag in der Nähe des Steuerhauses im vorderen Teil.
Als sie ihre Tür erreichten, schlug eine weitere starke Bö gegen das Schiff. Ein Rollen des Rumpfes warf sie durch die geöffnete Tür in die Kajüte. Sie hielten sich aneinander fest, taumelten und lachten.
Sobald das Schiff wieder ruhig dahinflog, schloss Nyx die Tür. Ihre Wangen waren gerötet.
Vom ersten Anblick der Sonne war Daal noch immer atemlos. Sein Herz schlug heftig unter der Verblüffung. Der blaue Himmel und die Rosatöne am Horizont schienen ihm aus einer anderen Welt zu stammen und waren allem fremd, was er kannte und verstand. Sogar die Sterne, die im Himmel über der Eiswüste ewig geleuchtet hatten, waren verschwunden – wie weggewischt vom Sonnenlicht.
»Was für Wunder du mir zeigst«, flüsterte er Nyx zu. »Ich wünschte so sehr, Henna wäre hier und könnte das alles ebenfalls sehen.«
Heimweh überfiel ihn, als er an seine überschwängliche jüngere Schwester mit den hellen Augen und der unerschöpflichen Fähigkeit des Staunens dachte.
Nyx senkte den Blick und versuchte ein Zucken zu unterdrücken.
Er hätte sich für diese Worte treten können! Schließlich war Nyx nicht unbeteiligt daran gewesen, dass er seine Heimat und alle verlassen hatte, die er kannte und liebte. Er griff nach ihren Schultern und zog sie in eine Umarmung.
»Eines Tages werde ich ihr die Sonne zeigen«, versprach er.
»Ich hoffe, dass es so kommen wird.«
Mit der Fingerspitze hob Daal ihr Kinn. »Dafür werden wir sorgen.«
Trotz seiner Worte zeigte sich eine gewisse Qual in Nyx’ Augen. Es war ihre Prophezeiung, die sie auf diesen Weg gebracht hatte, der – sollten sie erfolgreich sein – so viel Tod und Zerstörung mit sich bringen würde.
Er hielt den Kopf schräg und fing ihren Blick auf. »Du bist nicht allein.«
Zur Bestätigung beugte er sich zu ihr herunter und fuhr mit seinen Lippen über die ihren. Ein inzwischen vertrautes Feuer entzündete sich bei dieser Berührung. Sie seufzte in seinen Kuss hinein und brachte die Trennlinie zwischen ihnen zum Verschwimmen. Als das geschah, spürte er deutlich jene dunkle Quelle in ihr. Er erlaubte es der Hitze seines Knochenmarks zu fließen und diesen Hunger anzustacheln, der sie weiter zueinander zog und sie noch enger verband.
Wieder spürte er den schwindelerregenden Sturz in sie hinein. Die Weichheit ihrer Lippen erregte ihn, während er gleichzeitig das Stechen seiner Bartstoppeln empfinden konnte. Nach einer Weile tastete sich seine Zunge zu der ihren vor, und sie wurden eins. Ihr Atem vermischte sich, und wirkte harscher. Daal wurde steif und drückte sich gegen sie, aber er wusste, dass sie seine Leidenschaft schon gespürt hatte, denn er nahm ihre eigene anschwellende Erregung wahr: die Hitze ihrer Lenden und das zarte Aufrichten ihrer Brustwarzen.
Er hob die Hand an ihre Brust und fuhr mit dem Daumen sanft darüber. Das Feuer aus dieser Berührung rann sowohl durch sie als auch durch ihn. Ihr Keuchen drang zwischen seinen eigenen Lippen hervor. Ihre Finger erreichten seine drängende Schwellung und trieben sein Feuer zu einem wahren Lodern an, das durch sie beide fuhr. Ineinander verloren fielen sie auf ihr Bett. Dort erkundeten sie sich gegenseitig und entdeckten das vertraute Gleichgewicht ihrer geteilten Sinne.
Ihr Verlangen peitschte durch ihn hindurch und führte seine Finger dorthin, wo sie berührt werden wollte. Er fummelte an den Knöpfen herum, bis Haut auf Haut traf. Jede seiner Bewegungen wurde belohnt, denn auch er spürte jene köstliche Spannung. Seine Zunge nahm den Platz des Daumens ein. Mit jedem ertastenden Lecken rasten Flammen durch seinen Körper und spiegelten das wider, was sie gerade empfand.
Jedes Keuchen war wie der Blasebalg der Esse, der die Flammen heißer werden ließ.
Sie balancierten an diesem brennenden Rand, bis der Raum verschwand und die Zeit bedeutungslos wurde. Daal wollte aber noch mehr und wusste, dass es bei ihr genauso war, denn sie konnten nichts voreinander verbergen. Doch sie hatten zu Beginn der Reise beschlossen, ihre Leidenschaft zu zügeln und nicht bis zum Äußersten zu gehen.
Angst und Hemmungen bildeten diese rote Linie.
Er nahm den Mund von ihrer Brust und küsste sie wieder auf die Lippen. Das kostete ihn seine ganze Kraft. Er hob sein Gesicht und blickte auf sie hinunter. Ihre Augen blieben geschlossen, und ihr Körper bildete unter ihm einen Bogen.
Er flüsterte in dieses Feuer hinein: »Nyx, wir müssen aufhören …«
»Nein«, jammerte sie. Dieses einzelne Wort war voller Zaumsang, voller Drängen, und es kehrte eine dunkle Seite hervor. »Nicht.«
Sie griff unter seinen Gürtel und spürte ihn ganz auf sich. Ihre gemeinsame Lust hielt sie gefangen, und er erzitterte unter ihrer Berührung und unter dem Zaumsang, der sie miteinander verband.
Er vermochte sich nicht mehr zurückzuhalten, ließ sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie fallen, fiel immer tiefer, sank ein in die dunkle Quelle in Nyx’ Innerem. Der Hunger wurde zur rasenden Gefräßigkeit. Mit jeder Bewegung ihrer Hand, mit jedem unaufhaltsamen Stoß seiner Lenden floss die Kraft aus ihm heraus.
Er kämpfte darum, sie in sich zu halten und die Flut einzudämmen.
Dann kam die eine Handbewegung, die … zu viel war.
Er schrie auf. Alles in ihm entleerte sich, ergoss sich zwischen sie, während der Damm in ihm brach. Er stürzte in Nyx’ Quelle, getrieben von seinem eigenen Energiestrom, und konnte nicht mehr entkommen.
Noch immer spürte er alles, was sie tat. Sie keuchte genauso laut wie er und erlebte dieselbe Explosion, als wäre es ihr eigener Höhepunkt. Durch ihre Sinne fühlte er, wie die Kraft in sie quoll.
Er kämpfte dagegen an, sich selbst zu verlieren, denn er riskierte den Tod, wenn jetzt zu viel von ihm gestohlen wurde. Dabei fanden seine Hände Nyx’ Schultern. Er versuchte sie von sich zu drängen und setzte dabei alle verbliebene Kraft in seinen Armen ein.
Während seine Energie in sie einströmte, erschien ein Stern tief im Innern dieser Quelle, genäht von seiner Kraft. Kopfüber stürzte er darauf zu. Während der Stern wuchs, bildete er ein feuriges Sigill aus.
Nyx erkannte es. Er selbst natürlich auch. In solchen Augenblicken gab es keine Geheimnisse zwischen ihnen. Flüchtige Erinnerungen von Nyx durchzuckten ihn.
Das Sigill war ein Geschenk, das Nyx von dem Schargeist der Raash’ke gegeben worden war, vor seinem Ende. Es war eine Landkarte, die eine Absicht zur Tat umwandelte und dem Zaumsang physische Kraft verlieh.
Daal konnte sich nicht zurückhalten – vielleicht wurde er von Nyx’ dunkelsten Leidenschaften befeuert – und griff nach jenem Stern, als er an ihm vorbeifiel, so wie ein Ertrinkender nach allem greift, was in seiner Nähe treibt. Unter der flüchtigen Berührung explodierte das Sigill zu einer Sonne, die unendlich heller als jene am Himmel zu sein schien.
Das Aufblitzen zerschmetterte die Finsternis und warf ihn gleichzeitig zurück.
Er floh in seinen eigenen Körper, in seine eigene Haut, aber dem Rückstoß der Kraft konnte er doch nicht entkommen. Sie explodierte in Nyx, als er über ihr schwebte und sie auf Armeslänge von sich entfernt hielt.
Seine Finger hielten ihre Schultern noch gepackt, und seine Unterarme traf die volle Wucht der Welle. Knochen brachen unter dieser Gewalt. Er wurde vom Bett geschleudert und prallte auf die harten Bodendielen. Dort schlug er sich den Kopf an, und die Welt wurde ihm zu einer wirbelnden Verwirrung.
Nyx taumelte hinter ihm her und landete auf Händen und Knien. »Daal …«
Er versuchte zu ihr zu kommen und sie zu beruhigen, aber seine Arme waren nutzlos geworden und standen in seltsamen Winkeln vom Körper ab. Schmerz durchzuckte ihn und schrumpfte seine Welt zu Stecknadelköpfen.
»Ich hole Hilfe«, rief Nyx, und er rückte noch weiter von ihr ab.
Sie floh von seiner Seite, ließ ihn allein, floh vielleicht auch vor sich selbst. Ihre letzten Worte, so voller Schuldgefühle und Tränen, folgten ihm in die Bewusstlosigkeit.
»Es tut mir so leid …«
Daals Reitwesen landete mit einem harten Ruck auf der Wiese und schüttelte ihn in die Gegenwart zurück. Die vier anderen Reiter stiegen rechts und links von ihm ab, während die ledrigen Flügel noch allerletzte Schwünge vollführten. Daal beugte sich vor und rieb den feuchten Pelz am Nacken seines Flederwesens.
»Danke, Pfeyler«, verkündete er freundlich.
Sein Reitwesen sah ihn mit einem großen schwarzen Auge an. Die seidigen Krausen um Pfeylers Nüstern vibrierten, und jetzt war ein sanftes Pfeifen zu vernehmen. Zufriedenheit und Stolz waren genauso zu spüren wie zu hören. Die Gabe in Daals Blut war stark genug, das alles aufzunehmen. Er sah sogar das sanfte Schimmern in den dunklen Augen, die vor Zaumsang leuchteten.
Pfeyler lehnte sich zurück und bot ein Ohr zum Kraulen dar.
Daal konnte es einfach nicht verweigern. Seine Finger fanden die zartesten Stellen und gruben sich mit den Nägeln ein, bis Pfeyler vor Vergnügen brummte. Dabei schmerzte Daals Unterarm erneut. Die Schienen waren erst vor vierzehn Tagen abgenommen wurden. Heute Morgen hatte er sich zum ersten Mal als kräftig genug erachtet, mit Pfeyler in die Luft zu steigen.
Daal bedauerte es, sein Reitwesen in den letzten Monaten vernachlässigt zu haben, aber er hatte nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollen, indem er in verletztem Zustand flog. Es war die gleiche furchtsame Zögerlichkeit, die Nyx von ihm ferngehalten hatte. Die beiden waren unvorsichtig gewesen und hatten mit einem Feuer gespielt, das sie jeweils nicht recht verstanden. Und dies betraf nicht nur den physischen Akt – das Taumeln über eine Schwelle, die sie nicht übertreten sollten –, sondern auch den Fluss der brennenden Kräfte zwischen ihnen.
Danach hatte ihn die Angst in Nyx’ Worten noch lange geschmerzt: Wenn ich dir mehr als nur die Arme gebrochen hätte …
Daal wusste sehr gut, dass sein Tod sie vernichtet hätte. Das wäre eine Schuld gewesen, mit der sie nicht hätte leben können. Außerdem hätte sein Verlust einen deutlichen Rückschlag für ihre Aufgabe bedeutet. Nyx brauchte Daal schließlich nicht nur als Gefährten. Sie brauchte vor allem die Kraft, die ihm von den Träumern eingegeben worden war. Immerhin war er ein Werkzeug, das sie für Nyx hergestellt hatten. Und im Griff der Leidenschaft hätten sie es beinahe zerstört.
So etwas durften sie nie wieder riskieren.
Nyx hatte es bekräftigt, während er sich erholt hatte: Unsere Wünsche sind ohne Bedeutung, wenn sie dem Leben der ganzen Welt entgegenstehen.
Daal vermochte kein Wort zu erwidern, selbst wenn er es gewollt hätte. Also schwieg er …, die Zunge war ihm sowohl durch die Angst als auch durch den Kummer gebunden. Er erinnerte sich noch gut daran, wie es gewesen war, kopfüber in die Finsternis im Inneren von Nyx zu stürzen. Und er spürte nach wie vor die Explosion dieser Wut, die von dem gleißenden Sigill ausgegangen war. Das hatte sich alles in ihn eingebrannt und war ihm bis in die Knochen gedrungen.
Er wusste, dass seine Stille in jenem Augenblick Nyx verletzt hatte. Vermutlich verstand sie seine Zurückhaltung als Zorn, aber so war es nicht.
Daal sah dorthin, wo Nyx im Heck des Schiffes verschwunden war.
Sie macht mir Angst.
Allerdings war das, was er fürchtete, gar nicht die Stärke ihrer Kraft, und auch nicht die Tiefe ihrer Leidenschaft. Er wusste, dass Nyx nicht allein für das Geschehene verantwortlich war. Es war der Zaumsang, der ihn verführt hatte, die Schwelle gemeinsam mit ihr zu überschreiten.
Ich wollte es genauso sehr wie sie.
Sein Blick lag auf der Klappe im Heck des Schiffes. Er stellte sich vor, wie Nyx’ Augen in der Dunkelheit glühten. Er dachte erst an die Wärme ihrer Lippen und dann daran, sich ihr vollständig hinzugeben.
Es hatte all die letzten Monate gedauert, bis er endlich bereit gewesen war, eine solche harte Wahrheit zu akzeptieren.
Ich würde es wieder tun.
Und das ängstigte ihn am meisten.
Nyx lief durch das höhlenartige Steuerhaus der Fyerdrache. Sie beobachtete den Sturm durch den Bogen der Fenster. Der Wind blies noch immer gegen das vertäute Wyndschiff und schüttelte es durch. Es wirkte, als wollte sich das große Gefährt losreißen und davonfliegen.
Das passte zu ihrer eigenen Anspannung.
»Wir ankern hier schon zu lange«, murmelte sie zu sich selbst.
Diese Beschwerde entging Hyck keineswegs. Er war ein seines Amtes enthobener Alchymist, der nun als Ingenieur auf der Fyerdrache arbeitete. »Meiner Meinung nach liegen wir noch nicht lange genug hier, Mädchen. Ich würde gern eine weitere Sonnenumdrehung warten, damit wir diesen alten Vogel wieder richtig in Schwung bringen können, bevor wir uns in das brennende Kargland wagen.«
Der knochige ältere Mann lag halb begraben unter dem Steuerrad auf dem Rücken und arbeitete an der Feinjustierung der Kontrollinstrumente. Meistens erinnerte nur sein gelegentliches scharfes Fluchen Nyx an seine Gegenwart – und an den schlechten Zustand der behelfsmäßig zusammengezimmerten Fyerdrache.
Die Beschädigungen an dem jahrhundertealten Wyndschiff waren in einer Eishöhle der Wiege festgestellt worden. Es hatte des ganzen Geschicks von Darants Mannschaft und der Hilfe der Pantheaner bedurft, das große Schiff aus seinem eisigen Grab herauszuholen. Die Reparatur der Fyerdrache hatte es erfordert, die versengten Überreste ihres eigenen kleines Schiffes, der Sperber, zu plündern. Sogar das Steuerrad, das Hyck gegenwärtig so beschäftigte, stammte von dem früheren Flynkschiff.
Andere Kurbeln und Hebel, die zur Fyerdrache gehörten, säumten die Seiten. Auch sie benötigten dauernde Anpassungen und Neueinstellungen. Während der langen Reise von der Eiswüste bis hierher hatte Hyck beständig an dem Wyndschiff gearbeitet, und er war noch lange nicht fertig.
»Das sind diese höllischen Brenner«, seufzte Hyck. »Sie haben uns zwar gut hergebracht, aber ihr neuer Brennstoff ist viel stärker als jeder gewöhnliche Blitzbrand. Der alte Vogel ist einfach nicht dafür gebaut worden, so schnell zu fliegen. Bei dieser Geschwindigkeit reißen sich Federn los, und ich muss sie immer wieder annageln. Das kann nicht andauernd so weitergehen.«
Nyx verstand ihn. Eine alchymistische Mischung aus Blitzbrand und Whelyn Flitch – ein entflammbares Öl, das von den großen Meeresbestien der Wiege gewonnen wurde – befeuerte die erneuerten Brenner der Fyerdrache. Diese einzigartige Masse war fünfmal stärker als der gewöhnliche Blitzbrand, der in den Brennern überall auf der Krone eingesetzt wurde.
»Es mag zwar ein Problem sein«, warnte Nyx, »aber wir werden diese Geschwindigkeit vermutlich bald brauchen.«
»Ja«, gestand Hyck ein. »Das wäre möglich.«
Sie alle wussten, dass ihre einzige Hoffnung darin bestand, dem Feind voraus zu bleiben.
Und wenn die Berichte wirklich schon an die falschen Ohren gedrungen sind …
Nyx lief weiter. Sie hatte die Länge des Steuerhauses wieder zweimal abgeschritten, als gedämpfte Rufe voller Panik und Entsetzen aus dem unteren Laderaum des Schiffes heraufdrangen.
Sie erstarrte.
Die Raash’ke.
Etwas musste die Bestien aufgebracht haben. Sie erkannte auch das schrille Kreischen von Bashaliia innerhalb des verängstigten Chors. Nyx machte einen Schritt auf die Tür des Steuerhauses zu und wollte ihnen zu Hilfe eilen.
Aber jemand anders hatte den Grund für ihre Aufregung bereits erkannt.
Hyck lag noch immer unter dem Steuerrad und rief ihr zu: »Festhalten, Mädchen. Gleich werden wir heftig durchgeschüttelt!«
Nun bemerkte Nyx das Zittern der Bodenplanken. Bevor sie den nächsten Atemzug tun konnte, ruckte das Schiff und warf sie von den Beinen. Als sie auf ein Knie und eine Hand fiel, zog ein lautes reißendes Geräusch ihren Blick zu dem Teil des Fensters, der der Steuerbordseite am nächsten gelegen war. Draußen peitschte ein Ankerseil wild im Wind … das Zittern des Rumpfes hatte es losgerissen.
Ein Metallstück glitzerte am Ende des Seils auf, es war die Stahlschraube, mit der es am Boden befestigt gewesen war. Dieses Seil peitschte nun auf das Schiff zu. Die Schraube traf das Fenster und zersplitterte es.
Nyx sprang zur Seite. Der Stahl schoss in einem Schauer aus Glas an ihr vorbei und bohrte sich in eine Bodenplanke. Einer der Glassplitter zog eine brennende Wunde über Nyx’ Oberarm.
Sie keuchte auf und rollte sich weiter weg.
Das Schiff erbebte noch mehrfach leicht, dann aber beruhigte es sich wieder. Das Ankerseil erschlaffte, die große Schraube steckte noch immer in der Planke.
Hyck rutschte unter dem Steuerrad hervor, blieb aber am Boden. Er betrachtete den neuen Schaden mit finsterem Blick. »Ist alles in Ordnung?«
Nyx wusste nicht recht, ob er nach ihrem Wohlergehen oder nach dem seines Schiffes fragte. Sie sah nach ihrem Arm. Das Glas hatte den Ärmel aufgeschlitzt und die Haut geritzt, aber Schlimmeres war nicht geschehen.
»Nur ein Kratzer«, versicherte sie.
Hyck seufzte. »Das war der bisher heftigste Rumpler«, sagte er. »Es ist, als wollte uns die verfluchte Insel abwerfen.«
Nyx nickte. Sie wünschte sich ebenfalls, diese Insel zu verlassen. Die Erdbeben wurden immer häufiger und heftiger. Sie kündeten schon das allmähliche Näherkommen des Mondes an und warnten vor dem bevorstehenden Unheil.
Mit diesem Wissen kam sie zu einem festen Entschluss.
Wir müssen jetzt aufbrechen.
Als die nächste Glocke durch das Schiff hallte, hatten Hyck und eine Gruppe von Seeleuten das Steuerhaus verlassen und sich daran gemacht, das zerbrochene Fenster zu reparieren, um den Regen nicht eindringen zu lassen.
Aber nun blies ein anderer Sturm in das Steuerhaus.
Nyx drehte sich um, als die Tür hinter ihr aufgeworfen wurde.
Jace schob sich hindurch. Sein Gesicht war sogar noch geröteter als vorhin. Er zupfte an seinem Bart, was ein Zeichen für seine Bestürzung war. Die Quelle seiner Aufregung folgte dicht hinter ihm.
Graulin sy Moor knurrte eine Beschwerde, als er hereinstapfte. »Bist du sicher, dass niemand in Bhestya mitbekommen hat, von welchem Schiff du gekommen bist? Dass keine deiner Nachforschungen Misstrauen erregt und die Blicke hierher hat lenken können?«
Jace runzelte die Stirn und sah Graulin über die Schulter an. »Hältst du Krysh und mich für so dumm, derartige Bemerkungen zu machen? Bei unseren Nachforschungen waren wir so vorsichtig wie nötig, ohne aber den Eindruck zu erregen, wir würden etwas verbergen. Wir sind auf des Messers Schneide gegangen. Wir konnten keine Informationen über das Kargland erlangen, ohne konkrete Fragen zu stellen. Ansonsten hätten wir nämlich gar nichts erfahren. Und bestimmt hätten wir die alte Landkarte nicht gefunden.«
Graulin sah ihn böse an. Aber seine Miene hellte sich auf, als er Nyx inmitten des Chaos der Reparaturen stehen sah. Die tiefen Runzeln um seine eisblauen Augen glätteten sich ein wenig.
Nyx sah ihn gelassen an. Die Kleidung des Mannes war durchnässt, und auch seine Haare waren nass, wodurch die silbernen Strähnen des Alters noch heller leuchteten. Er humpelte, zog das linke Bein nach sich – vermutlich machten ihm wegen der Feuchtigkeit alte Verletzungen zu schaffen. Vor Jahrzehnten war er geschlagen und gefoltert worden, nachdem er seinen Eid an einem hálendiianischen König gebrochen hatte. Graulin hatte es wegen der Liebe zu einer Frau namens Marayn, einer Lustsklavin des Königs, getan. Graulins Versuch, gemeinsam mit ihr zu entkommen, hatte zu seiner Ergreifung und dem anschließenden Tod seiner Geliebten geführt. Aber das Ergebnis ihrer verbotenen Vereinigung hatte überlebt – es war in den Mýr-Sümpfen geboren, dort jedoch auch zurückgelassen worden.
Nyx beobachtete das Gesicht des Ritters zum tausendsten Mal. Sie suchte nach einer Ähnlichkeit mit ihr selbst – denn dieser Mann war ihr Vater. Narben furchten die harten Flächen seiner Wangen wie eine Landkarte, die jedoch unlesbar war und nur von dem Schmerz zeugte, den er dafür erlitten hatte, eine Frau zu lieben, die an einen anderen gebunden war. Nach seinem gescheiterten Fluchtversuch hatte Graulin geglaubt, sein Kind sei zusammen mit Marayn in den Sümpfen gestorben – bis er vierzehn Jahre später hatte feststellen können, dass diese Annahme völlig falsch gewesen war.
