Feuermönche - SIGMA Force - James Rollins - E-Book

Feuermönche - SIGMA Force E-Book

James Rollins

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Beschreibung

James Bond war gestern … Die Zukunft gehört Grayson Pierce, dem unnachahmlich smarten und charismatischen Top-Agenten der SIGMA Force!

Das schreckliche Ende einer Mitternachtsmesse im Kölner Dom: Ein verheerender, von mysteriösen Mönchen verübter Feueranschlag fordert die Leben von unzähligen Gläubigen! Doch nicht ihr Tod war das Ziel der skrupellosen Attentäter, sondern die Reliquie im Hochaltar – die sagenumwobenen Gebeine der Heiligen Drei Könige. Denn wer immer sie in Händen hält, besitzt den Schlüssel zu einer neuen Weltordnung! Alle Hoffnungen des Vatikans ruhen nun auf dem genialen Geheimagenten Grayson Pierce von der SIGMA Force: Er allein kann der drohenden Apokalypse in buchstäblich letzter Sekunde Einhalt gebieten …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 666




Buch

Sie sind die schlagkräftigste Elite-Einheit der Welt. Doch kaum jemand weiß von ihrer Existenz. Sie sind brillante Wissenschaftler und mit allen Wassern gewaschene Topagenten. Sie verfügen über unbeschränkte finanzielle Mittel und haben Zugriff auf die allermodernsten technischen Entwicklungen. Für ihre Missionen gehen die Mitglieder der SIGMA Force bis an die Grenzen des Menschenmöglichen. Und oft weit darüber hinaus ...

Ein mysteriöser Feuersturm im Kölner Dom fordert die Leben unzähliger Gläubiger! Und schon bald ist klar: Hinter dem verheerenden Anschlag stecken die ältesten und gefährlichsten Feinde der katholischen Kirche — die lange vergessenen Brüder des Drachenordens. Und mit ihrem Wiederauftauchen bricht das letzte Zeitalter an. Denn in ihren blutbefleckten Händen halten die grausamen Mönche den Schlüssel zu einer neuen Weltordnung: die sagenumwobenen Gebeine der Heiligen Drei Könige, denen eine bislang nie gekannte, alles vernichtende Energie innewohnt ...

Für den brillanten Geheimagenten Grayson Pierce und sein wagemutiges Team von der SIGMA Force ist dies nur der Auftakt zu einem wahrhaft mörderischen Wettlauf durch ein verwirrendes Labyrinth aus Hinweisen —verborgen in gotischen Kathedralen, an heidnischen Kultstätten und unter den Überresten der Sieben Weltwunder der Antike. Doch aus den Jägern werden rasch Gejagte. Denn die Drachenmönche sind ohne jeden Skrupel — und der SIGMA Force stets einen Schritt voraus. Bis zum wahrhaft apokalyptischen Finale ...

Autor

Mit jedem seiner Abenteuerromane um die unerschrockenen Helden von der SIGMA Force stürmt James Rollins weltweit die Bestsellerlisten. Und auch in Deutschland hat sich der Autor bereits eine riesige Fangemeinde erobert. James Rollins ist Doktor der Veterinärmedizin und betreibt eine Praxis in Sacramento, Kalifornien.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungWidmungPrologErster Tag
1 - Das Große Schlamassel 2 - Die ewige Stadt 3 - Geheimnisse 4 - Staub zu Staub
Zweiter Tag
5 - Außer Kontrolle 6 - Der ungläubige Thomas 7 - Knochenarbeit 8 - Kryptographie 9 - Die Scavi 10 - Grabräuber
Dritter Tag
11 - Alexandria 12 - Das Geheimnis der Sphinx 13 - Blutiges Wasser
Vierter Tag
14 - Gotik 15 - Jäger und Gejagte 16 - Das Labyrinth des Dädalus 17 - Der goldene Schlüssel
Epilog Nachbemerkung des Autors DanksagungCopyright

Für Alexandra und Alexander. Möge euer beider Leben so hell leuchten wie die Sterne.

Die heiligen Reliquien wurden Rainald von Dassel, dem Erzbischof von Köln (1159—67), im Anschluss an die Plünderung von Mailand durch Kaiser Barbarossa als Schenkung überlassen. Ein ebensolcher Schatz wurde dem deutschen Erzbischof überlassen, zum

Dank für seine Unterstützung und seinen Rat im Dienste des amtierenden Kaisers. Nicht alle sahen es gern, dass dieser Schatz Italien verließ... und manche wollten es nicht tatenlos hinnehmen.

L’histoire de la Sainte Empire Romaine(Geschichte des Heiligen Römischen Reiches), 1845, HISTOIRES LITTÉRAIRES

Prolog

März 1162

Die Männer des Erzbischofs flohen in den Schatten des unteren Tals. Hinter ihnen, auf dem verschneiten Pass, wieherten Pferde, von Pfeilen durchbohrt und von Schwertern getroffen. Männer riefen, schrien, brüllten. Das Klirren der Waffen klang silberhell wie das Läuten einer Kapellenglocke.

Gottgefällig aber war das alles nicht.

Die Nachhut muss standhalten.

Bruder Joachim umklammerte die Zügel seines Pferdes, das auf den Hinterbacken den steilen Hang hinabrutschte. Der schwer beladene Wagen war sicher am Grund des Tals angekommen. Die wahre Rettung aber lag noch ein gutes Stück weit entfernt.

Wenn sie nur so weit kämen ...

Die Zügel in Händen trieb Joachim die stolpernde Stute zum Talboden hinunter. Er ritt durch einen vereisten Bach und riskierte einen Blick über die Schulter.

Obwohl der Frühling vor der Tür stand, regierte in dieser Höhe noch der Winter. Die Berggipfel leuchteten gleißend hell im Licht der untergehenden Sonne. Der Schnee reflektierte das Licht, und von den schroffen Gipfeln wehte eine Raureiffahne. Hier in den verschneiten Schluchten aber hatte die Schneeschmelze den Waldboden in einen Morast verwandelt. Die Pferde sackten bis zu den Fesseln ein; auf Schritt und Tritt bestand Gefahr, dass sie sich die Knochen brachen. Der Wagen weiter vorn war fast bis zu den Achsen eingesunken.

Joachim gab der Stute die Fersen und schloss zu den Soldaten am Wagen auf.

Man hatte ein weiteres Gespann vor den Wagen gesetzt. Von hinten schoben Soldaten. Sie mussten den Weg auf dem nächsten Gebirgsgrat erreichen.

»Hü-ah!«, rief der Kutscher und ließ die Peitsche knallen.

Das Leitpferd warf den Kopf zurück und stemmte sich gegen das Joch. Nichts geschah. Die Ketten strafften sich, die Pferde schnauften weiße Atemwolken, die Männer fluchten zum Gotterbarmen.

Langsam, ganz langsam löste sich der Wagen mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Morast. Wenigstens war er wieder in Bewegung. Jede Verzögerung mussten sie mit Blut bezahlen. Auf dem Pass, der hinter ihnen lag, jammerten die Verwundeten.

Die Nachhut muss noch ein Weilchen standhalten.

Der Wagen blieb in Bewegung und gewann langsam an Höhe. Die drei großen, steinernen Sarkophage auf der Ladefläche drückten gegen die Befestigungsstricke.

Wenn auch nur einer riss ...

Bruder Joachim hatte den schwankenden Wagen erreicht. Sein Ordensbruder Franz ritt an seine Seite. »Vor uns ist der Weg anscheinend frei.«

»Die Reliquien dürfen nicht nach Rom zurückgebracht werden. Wir müssen die deutsche Grenze erreichen.«

Franz nickte. Auf italienischem Boden waren die Reliquien jetzt, da der wahre Papst nach Frankreich geflohen war und in Rom der falsche Papst residierte, nicht mehr sicher.

Der Wagen gewann nun rascher an Höhe, die Pferde fanden mit jedem Schritt besser Halt. Gleichwohl kamen sie nur im Schritttempo voran. Joachim beobachtete über den Hals der Stute hinweg unverwandt den Kamm.

Der Kampfeslärm hatte Stöhnen und Schluchzen Platz gemacht, das unheimlich durchs Tal hallte. Das Klirren der Schwerter hatte vollständig aufgehört, was darauf schließen ließ, dass die Nachhut überwältigt worden war.

Joachim kniff die Augen zusammen, doch die Höhe war in tiefen Schatten gehüllt.

Dann bemerkte er einen metallischen Reflex.

In einem sonnigen Flecken tauchte eine einzelne Gestalt mit funkelnder Rüstung auf.

Das rote Drachenzeichen auf dem Brustpanzer des Mannes sah er nicht, so dass er den Leutnant des falschen Papstes nicht erkannte. Der heidnische Sarazene hatte den christlichen Namen Fierabras angenommen, nach einem der Paladine Karls des Großen. Seine Männer überragte er um einen ganzen Kopf. Ein wahrer Hüne. An seinen Händen klebte mehr Christenblut als an denen jedes anderen Mannes. In diesem Jahr war der Sarazene jedoch getauft worden, und nun diente er Kardinal Oktavian, dem falschen Papst, der den Namen Viktor IV. angenommen hatte.

Fierabras stand in der kleinen Sonneninsel und machte keine Anstalten, ihnen nachzusetzen.

Der Sarazene wusste, dass es zu spät war.

Der Wagen hatte endlich den Kamm und den viel befahrenen, trockenen Passweg erreicht. Von jetzt an würden sie besser vorankommen. Nicht mehr weit, und sie befänden sich auf deutschem Boden. Der Hinterhalt des Sarazenen war gescheitert.

Plötzlich fiel Joachim eine Bewegung ins Auge.

Fierabras nahm einen großen Bogen von der Schulter, der so schwarz war wie der Schatten. Langsam legte er einen Pfeil an, dann beugte er sich zurück und spannte die Sehne.

Joachim runzelte die Stirn. Was verspricht er sich davon, einen gefiederten Pfeil abzuschießen?

Die Sehne schnellte vor, und der Pfeil flog in hohem Bogen übers Tal, geriet im Sonnenschein über dem Kamm für einen Moment außer Sicht. Joachim suchte angestrengt den Himmel ab. Dann stieß der Pfeil so lautlos wie ein jagender Falke herab und traf den mittleren Sarkophag.

Der Deckel des Sarkophags zersprang mit einen donnernden Geräusch. Als das Behältnis barst, rissen mehrere Stricke. Alle drei Sarkophage rutschten auf der Ladefläche nach hinten.

Männer rannten vor und versuchten zu verhindern, dass die Steinsarkophage herunterfielen. Hände wurden ausgestreckt. Der Wagen hielt an. Einer der Sarkophage rutschte zu weit nach hinten. Er stürzte herab und begrub einen Soldaten unter sich, brach ihm ein Bein und das Becken. Die Schreie des bedauernswerten Opfers erfüllten die Luft.

Franz eilte herbei und sprang aus dem Sattel. Zusammen mit den anderen Männern versuchte er, den steinernen Sarkophag von dem Soldaten herunterzuheben ... und, was noch wichtiger war, ihn wieder auf den Wagen zu wuchten.

Der Sarkophag wurde angehoben und der Mann darunter hervorgezogen, doch die Totenlade war zu schwer, um sie wieder auf die Ladefläche zu heben.

»Stricke!«, rief Franz. »Wir brauchen Stricke!«

Einer der Männer rutschte aus. Der Sarkophag fiel abermals herab, diesmal auf die Seite, und der Deckel sprang auf.

Hinter ihnen auf dem Pfad war Hufgetrappel zu vernehmen, das schnell näher kam. Joachim drehte sich um, wohl wissend, was ihn erwartete. Schäumende Pferde, die in der Sonne glänzten, setzten ihnen nach. Obwohl sie noch drei-oder vierhundert Meter entfernt waren, war doch zu erkennen, dass die Reiter schwarz gekleidet waren. Soldaten des Sarazenen. Ein zweiter Hinterhalt.

Joachim verharrte reglos auf dem Pferd. Es gab kein Entkommen.

Franz atmete keuchend — nicht wegen ihrer verzweifelten Lage, sondern ob des Inhalts des Sarkophags. Oder vielmehr ob dessen Fehlen.

»Leer!«, rief der junge Bruder. »Der Sarkophag ist leer.«

Der Schock trieb Franz wieder auf die Beine. Er kletterte auf die Ladefläche und blickte in den Sarkophag, dessen Deckel der Pfeil des Sarazenen gesprengt hatte.

»Wieder nichts«, sagte Franz und sank auf die Knie. »Wo sind die Reliquien? Warum ist das Ding leer?« Der junge Bruder suchte Joachims Blick, fand darin aber keine Überraschung. »Du hast Bescheid gewusst.«

Joachim blickte starr den heranstürmenden Pferden entgegen. Das ganze Unternehmen war eine List gewesen, dazu gedacht, die Männer des falschen Papstes abzulenken. Der wahre Kurier war schon vor Tagen mit einem Maultiergespann aufgebrochen. Die echten Reliquien waren in grob gewebten Stoff eingeschlagen und in einem Bündel Heu versteckt.

Joachim fixierte über das Tal hinweg Fierabras. Der Sarazene würde seinen Blutdurst heute stillen, doch der falsche Papst würde die Reliquien nicht bekommen.

Niemals.

Gegenwart 22. Juli, 23:46 Köln, Deutschland

Kurz vor Mitternacht reichte Jason seinen iPod Mandy. »Hör mal. Das ist die neue Single von Godsmack. Ist noch nicht mal in den Staaten veröffentlicht. Cool, findest du nicht?«

Ihre Reaktion fiel enttäuschend aus. Mandy zuckte gleichgültig mit den Schultern, nahm die Ohrhörer aber gleichwohl entgegen. Sie streifte sich die pink gefärbten Spitzen ihres schwarzen Haars zurück und stopfte sich die Hörer in die Ohren. Dabei öffnete sich ihre Jacke, und er sah ihre Brüste, die sich unter dem schwarzen T-Shirt wie Äpfel abzeichneten.

Jason machte große Augen.

»Ich hör nichts«, sagte Mandy, seufzte genervt und musterte ihn mit hochgezogenen Brauen.

Oh. Jason wandte sich wieder dem iPod zu und drückte die Play-Taste.

Er lehnte sich zurück und stützte sich mit den Händen ab. Sie saßen auf dem schmalen Rasenstreifen, der den Domvorplatz einfasste. Er umgab die gotische Kathedrale, den Kölner Dom. Das imposante Bauwerk beherrschte die ganze Stadt.

Jason blickte zu den beiden Türmen auf, geschmückt mit Steinfiguren und verschwenderisch verziert mit Marmorreliefs, die teils religiöse, teils weltliche Themen darstellten. Jetzt bei Nacht waren sie beleuchtet und wirkten irgendwie unheimlich, als wäre etwas Uraltes, etwas, das nicht von dieser Welt war, aus der Tiefe des Erdreichs aufgestiegen.

Während sie der blechernen Musik aus dem iPod lauschten, beobachtete Jason Mandy. Sie besuchten beide das Boston College und reisten in den Sommerferien mit dem Rucksack durch Deutschland und Österreich. Begleitet wurden sie von zwei Freunden, Brenda und Karl, doch die interessierten sich mehr für die Kneipen als für die Mitternachtsmesse. Mandy hingegen war römisch-katholisch aufgewachsen. Im Dom gab es nur an einigen wenigen Ferientagen Mitternachtsmessen, die vom Erzbischof von Köln persönlich abgehalten wurden. Das galt auch für das heutige Hochamt. Mandy wollte das Ereignis auf keinen Fall versäumen.

Obwohl Jason protestantisch war, hatte er eingewilligt, sie zu begleiten.

Während sie darauf warteten, dass es Mitternacht wurde, wiegte Mandy den Kopf im Rhythmus der Musik. Jason gefiel es, wie ihr Pony hin- und herschwang und wie ihre Unterlippe hervortrat, während sie sich auf die Musik konzentrierte. Auf einmal spürte er eine Berührung. Mandys Arm streifte an seiner Hand. Ihr Blick blieb jedoch auf den Dom gerichtet.

Jason hielt den Atem an.

In den vergangenen zehn Tagen waren sie immer häufiger miteinander allein gewesen. Vor der Reise waren sie lediglich gute Bekannte gewesen. Mandy war seit der High-School Brendas beste Freundin, und Karl teilte sich mit Jason ein Zimmer im Wohnheim. Die anderen beiden, seit kurzem ein Liebespaar, hatten nicht allein reisen wollen, weil sie fürchteten, ihre unerprobte Beziehung könnte unterwegs Schaden nehmen.

Dem war jedoch nicht so gewesen.

Deshalb gingen Jason und Mandy häufig allein auf Besichtigungstour.

Nicht dass Jason das bedauert hätte. Auf dem College studierte er Kunstgeschichte. Mandy hatte Europakunde als Hauptfach belegt. Hier gewannen die akademischen Lehrbücher Saft und Kraft, Gewicht und Substanz. Da sie beide empfänglich waren für den Reiz des Neuen, kamen sie gut miteinander aus.

Jason sah ihren Arm nicht an, schob die Finger aber näher an ihre Hand heran. War es um sie herum nicht ein bisschen heller geworden?

Bedauerlicherweise endete der Song allzu früh. Mandy straffte sich, zog die Hand weg und nahm die Ohrhörer ab.

»Wir sollten allmählich reingehen«, flüsterte sie und nickte zu den Menschen hinüber, die durch die offene Domtür strömten. Sie richtete sich auf und knöpfte die schwarze Kostümjacke zu, die sie über dem bunten T-Shirt trug.

Jason trat neben sie, während sie den knöchellangen Rock glättete und sich die pinkfarbenen Haarspitzen hinter die Ohren streifte. Im Handumdrehen verwandelte sie sich von einer etwas abgerissenen Studentin in ein gesetztes katholisches Schulmädchen.

Jason verschlug die plötzliche Wandlung den Atem. Mit seiner schwarzen Jeans und der hellen Jacke kam er sich auf einmal für den Anlass unpassend gekleidet vor.

»Du siehst gut aus«, sagte Mandy, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

»Danke«, murmelte er.

Sie sammelten ihre Sachen ein, warfen die leeren Coladosen in einen Abfallbehälter und überquerten den gepflasterten Domplatz.

»Guten Abend«, begrüßte sie ein schwarz berockter Geistlicher am Eingang. »Willkommen.«

»Danke«, murmelte Mandy.

Flackernder Kerzenschein fiel aus der offenen Tür. Er verstärkte den Eindruck von Alter und Würde. Bei der Dombesichtigung früher am Tag hatte Jason erfahren, dass der Grundstein der Kathedrale im dreizehnten Jahrhundert gelegt worden war. Sich eine solche Zeitspanne vorzustellen fiel ihm schwer.

In Kerzenschein gebadet näherte Jason sich den massiven, mit Schnitzereien verzierten Türen und folgte Mandy in den Vorraum. Sie tauchte die Finger in ein Weihwasserbecken und bekreuzigte sich. Jason war sich seines Unglaubens peinlich bewusst. Er war hier ein Eindringling, ein Störenfried. Er fürchtete, einen Fehler zu machen und sich und Mandy in Verlegenheit zu bringen.

»Komm mit«, sagte Mandy. »Ich möchte einen guten Platz haben, aber auch nicht zu weit vorn.«

Jason folgte ihr. Als er in den eigentlichen Kirchenraum gelangte, machte seine Verlegenheit Ehrfurcht Platz. Obwohl er den Dom bereits besichtigt und sich mit dessen Geschichte und Eigenheiten vertraut gemacht hatte, schlug die Magie des Raums ihn abermals in den Bann. Vor ihm erstreckte sich das lange Mittelschiff fast einhundertzwanzig Meter weit, unterteilt von einem hundert Meter langen Querschiff, das mit dem Altar in der Mitte ein Kreuz bildete.

Doch es waren weniger die Länge und Breite der Kathedrale, die ihn überwältigten, als vielmehr deren unglaubliche Höhe. Sein Blick wurde immer weiter in die Höhe gelenkt, geleitet von Spitzbogen, hohen Säulen und dem gewölbten Dach. Von zahllosen Kerzen kräuselten sich dünne Rauchspiralen empor und segelten himmelwärts, während das flackernde Licht von den Wänden reflektiert wurde. Schwerer Weihrauchduft lag in der Luft.

Mandy führte ihn zum Altar. Das Querschiff war zu beiden Seiten mit Seilen abgesperrt, doch im Mittelschiff waren noch genug Plätze frei.

»Wie wär’s da?«, sagte sie und blieb in der Mitte des Gangs stehen. In ihrem Lächeln mischten sich Dankbarkeit und Scheu.

Er nickte. Ihre schlichte Schönheit verschlug ihm die Sprache —eine Madonna in Schwarz.

Mandy fasste Jason bei der Hand und zog ihn an die Wand, zum Ende der Kirchenbank. Er setzte sich, froh darüber, dass sie hier nicht so exponiert waren.

Mandy ließ seine Hand nicht los. Er spürte die Wärme ihrer Handfläche.

Die Nacht hellte sich eindeutig auf.

Schließlich ertönte ein Glöckchen, und der Chor hob an zu singen. Die Messe hatte begonnen. Jason machte Mandy alles nach: aufstehen, niederknien und sich setzen in einem kunstvollen Ballett des Glaubens. Er verstand nichts, doch das prachtvolle Schauspiel schlug ihn in den Bann: die Priester in den langen Gewändern, die qualmende Weihrauchkessel schwenkten, die Prozession, die das Erscheinen des mit der hohen Mitra und dem goldverzierten Messgewand bekleideten Erzbischofs ankündigte, die von Chor und Gläubigen gesungenen Lieder, der Kerzenschein.

Die Kunstwerke waren ebenso Teil der Zeremonie wie die Gläubigen. Eine Holzfigur, die Maria mit dem Jesuskind darstellte und Mailänder Madonna genannt wurde, leuchtete vor Alter und Anmut. Auf der anderen Seite des Mittelgangs hielt eine Marmorstatue des heiligen Christopherus ein selig lächelndes kleines Kind auf den Armen. Und alles wurde überragt von den gewaltigen dunklen Bleiglasfenstern, in denen sich der Kerzenschein widerspiegelte, der gewöhnliches Glas in Juwelen verwandelte.

Kein Kunstwerk aber war spektakulärer als der goldene, von Glas und Metall umschlossene Sarkophag hinter dem Altar. Der Schrein, der eine kleine Kirche darstellte und nicht größer war als ein großer Baumstumpf, war das Prunkstück der Kathedrale, der Grund für den Bau dieses gewaltigen Hauses der Anbetung, der Brennpunkt des Glaubens und der Kunst. Er barg die heiligsten Reliquien der Kirche. Der Schrein aus reinem Gold war noch vor der Grundsteinlegung der Kirche angefertigt worden. Entworfen im dreizehnten Jahrhundert von Nicolas von Verdun, galt der Sarkophag als das wertvollste Zeugnis mittelalterlicher Goldschmiedekunst.

Während Jason seine Beobachtungen fortsetzte, näherte die Messe sich mit Glöckchengeläut und Gebeten allmählich dem Ende. Schließlich kam die Kommunion, das Brechen des eucharistischen Brotes. Die Gläubigen erhoben sich langsam von den Kirchenbänken und gingen nach vorn, um Jesu Leib und Blut zu empfangen.

Auch Mandy stand auf und ließ seine Hand los. »Ich bin gleich wieder da«, flüsterte sie.

Jason beobachtete, wie die Bank sich leerte und die Prozession sich langsam dem Altar näherte. Während er ungeduldig Mandys Rückkehr erwartete, stand er auf und streckte ein wenig die Beine. Er nutzte die Unterbrechung, um die Statue neben einem der Beichtstühle zu betrachten. Jetzt, da er stand, bedauerte er, dass er auch noch die dritte Coladose leer getrunken hatte. Er blickte sich zum Vorraum um, denn dort war eine Besuchertoilette.

Jason sah die Mönche, die soeben durch die schwarzen Türen hindurch in die Kathedrale traten, somit als Erster. Obwohl sie alle lange, an der Hüfte gegürtete Kutten mit Kapuzen trugen, kam Jason etwas an ihnen merkwürdig vor. Sie bewegten sich zu schnell, schlüpften mit geradezu militärischer Präzision in den Schatten.

War das der Abschluss des Schauspiels?

Als er sich in der Kathedrale umblickte, bemerkte er an anderen Türen und sogar im abgesperrten Seitenschiff neben dem Altar weitere Kapuzengestalten. Obwohl sie die Köpfe andächtig gesenkt hielten, machten sie den Eindruck, als stünden sie dort Wache.

Was ging hier vor?

Er machte Mandy in der Nähe des Altars aus. Soeben empfing sie die heilige Kommunion. Hinter ihr kamen nur noch eine Hand voll Gläubige. Leib und Blut Christi, meinte Jason von ihren Lippen ablesen zu können.

Amen, dachte er.

Die Kommunion war beendet. Die letzten Gläubigen, darunter auch Mandy, kehrten an ihre Plätze zurück. Jason winkte sie zu sich in die Bank, dann nahm er wieder neben ihr Platz.

»Was sollen all die Mönche?«, fragte er und beugte sich vor.

Mandy war mit gesenktem Kopf niedergekniet. Statt zu antworten, machte sie lediglich: »Pst!« Er lehnte sich zurück. Auch die meisten anderen Gläubigen knieten mit gesenkten Köpfen. Nur wenige waren nicht zur Kommunion gegangen und wie Jason an ihren Plätzen geblieben. Der Priester räumte bereits zusammen, während der alte Erzbischof auf dem erhöhten Podium saß, das Kinn dösend auf die Brust gesenkt.

Die Glut des Mysteriums war in Jasons Herz erloschen. Vielleicht lag es am Druck, den er auf der Blase spürte, aber auf einmal wollte er nichts weiter, als von hier wegzukommen. In der Absicht, Mandy zum Aufbruch zu drängen, streckte er die Hand zu ihrem Ellbogen aus.

Eine Bewegung weiter vorn ließ ihn jedoch innehalten. Die Mönche beiderseits des Altars holten Waffen unter den Kutten hervor. Geöltes Metall funkelte im Kerzenschein: stummelläufige Uzis mit langen, schwarzen Schalldämpfern.

Eine Salve, nicht lauter als der Stakkatohusten eines Kettenrauchers, traf den Altar. In den Kirchenbänken hoben sich die Köpfe. Der weiß gewandete Priester hinter dem Altar tanzte unter den Treffern. Es sah aus, als werde er mit Farbpatronen beschossen — mit blutroten Farbpatronen. Er fiel mit dem Oberkörper über den Altar, und der Inhalt des Messkelchs ergoss sich zusammen mit seinem eigenen Blut auf den Boden.

Nach einem Moment verdutzter Stille schrien mehrere Gläubige auf. Menschen sprangen von den Sitzen. Der alte Erzbischof taumelte entsetzt vom Podest herunter. Die Bischofsmütze fiel ihm vom Kopf.

Mönche rannten über die Gänge, sie kamen von hinten und von den Seiten. Auf Deutsch, Französisch und Englisch wurden Befehle gerufen.

Bleiben Sie sitzen ... Ne bouge pas ...

Die Stimmen klangen gedämpft, die Gesichter unter den Kapuzen waren von schwarzseidenen Augenmasken unkenntlich gemacht. Die Waffen aber verliehen den Befehlen Nachdruck.

Wer nicht sitzen bleibt, wird erschossen!

Mandy und Jason setzten sich wieder. Er ergriff ihre Hand und drückte sie, dann sah er sich um. Alle Türen waren geschlossen und wurden bewacht.

Was ging hier vor?

Einer der bewaffneten Mönche am Haupteingang trat vor. Er war gekleidet wie die anderen, nur größer. Seine Kutte ähnelte eher einem Umhang. Offenbar war er der Anführer, denn er war unbewaffnet und schritt kühn über den Mittelgang des Kirchenschiffs.

Als er den Erzbischof am Altar erreicht hatte, blieb er stehen. Es entspann sich ein hitziger Wortwechsel. Es dauerte einen Moment, bis Jason begriff, dass sie Latein sprachen. Auf einmal wich der Erzbischof erschrocken zurück.

Der Anführer trat beiseite. Zwei Männer hoben die Waffen. Mündungsfeuer flammte auf. Die Schüsse waren nicht auf Menschen gerichtet. Die Männer feuerten auf die Glasscheibe, die den goldenen Reliquienschrein schützte. Das Glas wurde zwar eingedellt, hielt aber stand. Kugelsicher.

»Diebe ...«, murmelte Jason. Hier fand ein Kunstraub statt.

Die Standhaftigkeit der Glasscheibe stärkte dem Erzbischof offenbar den Rücken. Er richtete sich auf. Der Anführer der Mönche streckte die Hand aus und sagte etwas auf Latein. Der Erzbischof schüttelte den Kopf.

»Das Blut deines Schafes komme über deine Hände«, sagte der Mann auf Deutsch.

Der Anführer gab den beiden Mönchen ein Zeichen. Sie nahmen beiderseits des versiegelten Schreins Aufstellung und hoben zwei große Metallscheiben ans Panzerglas. Die Wirkung erfolgte augenblicklich.

Das von den Schüssen bereits geschwächte Panzerglas klappte wie unter einer unsichtbaren Bö nach außen. Der Sarkophag funkelte im Kerzenschein. Jason spürte einen Druck auf den Ohren, als hätten sich die Kathedralenwände plötzlich zusammengezogen, um sie alle zu zerquetschen. Er hörte nichts mehr; ihm verschwamm die Sicht.

Hilfe suchend wandte er den Kopf zu Mandy um.

Sie hielt immer noch seine Hand umklammert, hatte den Kopf aber in den Nacken gelegt und den Mund weit geöffnet.

»Mandy ...«

Aus den Augenwinkeln sah er, dass die anderen Gläubigen in der gleichen merkwürdigen Pose verharrten. Mandys Hand begann zu zittern, vibrierte wie eine Lautsprechermembran. Sie atmete nicht mehr. Dann zuckte sie am ganzen Leib und versteifte sich. Bevor sich ihre Hand löste, sprang von ihren Fingerspitzen ein Stromschlag über.

Erschrocken richtete er sich auf.

Aus Mandys offenem Mund kam eine dünne Rauchfahne.

Ihre Augen zeigten das Weiße, waren an den Rändern aber bereits schwarz verkohlt.

Sie war tot.

Gelähmt vor Entsetzen ließ Jason den Blick durch die Kathedrale schweifen. Überall das gleiche Bild. Nur wenige waren ungeschoren davongekommen. Zwei kleine Kinder, zwischen ihren Eltern eingezwängt, jammerten und heulten. Jason fiel auf, dass die Überlebenden eine Gemeinsamkeit aufwiesen. Sie hatten alle nicht die heilige Kommunion empfangen.

Wie er.

Er wich in den Schatten an der Wand zurück. Bislang war er nicht bemerkt worden. Mit dem Rücken ertastete er eine Tür, die von den Mönchen nicht bewacht wurde. Keine richtige Tür.

Jason zog sie so weit auf, dass er sich in den Beichtstuhl zwängen konnte.

Er fiel auf die Knie nieder, machte sich ganz klein, schlang die Arme um die Brust.

Unwillkürlich betete er.

Dann auf einmal hörte es auf. Er spürte es im Kopf. Eine Art Knall. Der Druck verflüchtigte sich. Die Kathedralenwände dehnten sich seufzend aus.

Er weinte. Kalte Tränen rannen ihm über die Wangen.

Er wagte es, durch ein Loch in der Beichtstuhltür nach draußen zu spähen.

Er hatte freie Sicht auf das Mittelschiff und den Altar. Es stank nach verbranntem Haar. Noch immer hallte Wehgeschrei von den Wänden wider, doch es kam nur noch von einer Hand voll Gläubigen. Ein Mann, der abgerissenen Kleidung nach zu schließen offenbar ein Obdachloser, stolperte aus der Kirchenbank hervor und rannte das Seitenschiff entlang. Er kam nicht mal zehn Schritte weit, da wurde er am Hinterkopf getroffen. Von einem einzelnen Schuss. Er fiel der Länge nach hin.

O Gott ... O Gott ...

Jason unterdrückte ein Schluchzen und fasste den Altar in den Blick.

Vier Mönche hoben den Sarkophag aus dem geborstenen Glaskasten heraus. Die Leiche des Priesters wurde vom Altar geschoben und durch den Reliquienschrein ersetzt. Der Anführer holte einen großen Sack unter seinem Umhang hervor. Die Mönche öffneten den Deckel des Schreins und füllten dessen Inhalt in den Sack. Als sie fertig waren, wurde der unermesslich wertvolle Sarkophag achtlos auf den Boden gekippt.

Der Anführer schulterte den Sack und schritt mit den gestohlenen Reliquien durchs Mittelschiff.

Der Erzbischof rief ihn an. Wiederum auf Latein. Es hörte sich an wie ein Fluch.

Der Mann schwenkte lediglich den Arm.

Einer der Mönche trat hinter den Erzbischof und setzte ihm eine Pistole an den Hinterkopf.

Jason duckte sich, wollte nicht mehr hinsehen.

Er schloss die Augen. Weitere Schüsse hallten durch die Kathedrale. Sporadische Schüsse. Das Schreien brach jäh ab. Der Tod ging in der Kathedrale um; die Mönche töteten die letzten Überlebenden.

Jason betete mit geschlossenen Augen.

Gerade eben hatte er das Wappen auf dem Rock des Anführers gesehen. Als der Mann die Arme hob, hatte sich der schwarze Umhang geteilt, und darunter war ein scharlachrotes Wappen zum Vorschein gekommen: ein zusammengerollter Drache, der sich den Schwanz um den Hals geschlungen hatte. Jason hatte das Zeichen noch nie gesehen, doch es wirkte fremdartig, eher persisch als europäisch.

Außerhalb des Beichtstuhls herrschte Totenstille.

Schwere Schritte näherten sich Jasons Versteck.

Er kniff die Augen zusammen, sperrte sich gegen das Grauen, gegen die Unverfrorenheit, gegen das Sakrileg.

Alles nur wegen eines Sacks voll Knochen.

Obwohl der Dom als Behältnis für die Gebeine errichtet worden war und sich zahllose Könige davor verneigt hatten, obwohl jede Messe eine Feier der vor langer Zeit Verstorbenen war — eine Feier der Heiligen Drei Könige —, stellte sich Jason vor allem eine Frage: Warum?

In der ganzen Kathedrale gab es Darstellungen der Heiligen Drei Könige, ausgeführt in Stein, Glas und Gold. Auf einem auf Holz gemalten Bild waren die drei Weisen aus dem Morgenland dargestellt, wie sie, geleitet vom Stern von Bethlehem, Kamele durch die Wüste führten. Ein anderes zeigte die Anbetung des Jesuskindes: Die knienden drei Könige brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe dar.

Das alles aber blendete Jason aus. Was er vor sich sah, war Mandys letztes Lächeln. Er spürte auch noch ihre sanfte Berührung.

Alles dahin.

Die schweren Stiefel verharrten vor dem Beichtstuhl.

Lautlos flehte er um eine Erklärung für all das Blutvergießen.

Warum?

Warum sollte jemand die Gebeine der Heiligen Drei Könige stehlen wollen?

Erster Tag

1

Das Große Schlamassel

24. Juli, 04:34 Frederick, Maryland

Der Saboteur war eingetroffen.

Grayson Pierce lenkte sein Motorrad zwischen die dunklen Gebäude im Zentrum von Fort Detrick. Im Leerlauf rollte er weiter. Der Motor brummte nicht lauter als ein Kühlschrank. Seine Handschuhe waren ebenso schwarz wie das Motorrad, dessen Rahmen aus einer Nickel-Phosphor-Legierung mit der Bezeichnung NPL Super Black gefertigt war. Sie war besonders lichtabsorbierend, und gewöhnliches Schwarz wirkte dagegen geradezu strahlend. Sein Overall und der stabile Helm waren auf die gleiche Weise getarnt.

Tief über den Lenker gebeugt, näherte er sich dem Ende der Gasse. Vor ihm lag ein Hof, ein dunkler Spalt, eingerahmt von den Backsteingebäuden des Krebsforschungszentrums, das dem USAMRIID angeschlossen war, dem Medizinischen Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten der US Army. In den Hochsicherheitslabors, die eine Fläche von fast sechstausend Quadratmetern beanspruchten, konzentrierte sich der Kampf gegen den Terrorismus mit biologischen Waffen.

Gray stellte den Motor ab, blieb aber sitzen. Sein linkes Knie ruhte an der Packtasche. Darin waren siebzigtausend Dollar. Er blieb auf der Gasse, mied den einsehbaren Hof, zog die Schattenseite vor. Der Mond war längst untergegangen, und die Sonne würde erst in zweiundzwanzig Minuten aufgehen. Wolkenfetzen, Nachzügler eines Sommergewitters, verdeckten die Sterne.

Würde die List funktionieren?

Leise sprach er ins Mikrofon. »Maultier an Adler, habe Treffpunkt erreicht. Gehe zu Fuß weiter.«

»Verstanden. Wir sehen Sie über Satellit.«

Gray widerstand dem Drang, nach oben zu sehen und zu winken. Er ließ sich nicht gern beobachten, aber der Einsatz war zu groß. Allerdings hatte er ein Zugeständnis herausgeholt: Das Treffen würde er allein bestreiten. Die Kontaktperson war nervös. Es hatte sechs Monate gedauert, den Kontakt aufzubauen und Verbindungen in Libyen und dem Sudan zu knüpfen. Leicht war es nicht gewesen. Mit Geld konnte man kein Vertrauen kaufen, zudem in dieser Geschäftssparte.

Er machte die Geldtasche los und schulterte sie. Vorsichtig bewegte er das Motorrad in einen dunklen Alkoven und schwang ein Bein über den Sitz.

Er schritt die dunkle Gasse entlang.

Nur wenige Augen wachten um diese Zeit, und die meisten waren elektronischer Natur. Am Old Farm Gate, dem Serviceeingang des Stützpunkts, hatte er die Identifizierungsprozedur überstanden. Jetzt musste er darauf vertrauen, dass seine List lange genug vorhielt, um der elektronischen Überwachung zu entgehen.

Er warf einen Blick auf die Leuchtanzeige seiner Breitling-Taucheruhr: 04:45. Das Treffen sollte in fünfzehn Minuten stattfinden. Von seinem Erfolg hing viel ab.

Gray hatte sein Ziel erreicht. Gebäude 470. Zu dieser Zeit war es verlassen. Nächsten Monat sollte es abgerissen werden. Das nur schlecht gesicherte Gebäude war der perfekte Treffpunkt, entbehrte aber nicht einer gewissen Ironie. In den sechziger Jahren waren hier in großen Bottichen und Tanks Anthraxsporen gezüchtet worden, tödliche Bakterien. 1971 hatte man die Giftküche stillgelegt. Seitdem stand das große Gebäude weitgehend leer und diente dem Nationalen Krebsforschungsinstitut als Lager.

Jetzt ging es erneut um Anthrax. Er blickte nach oben. Alle Fenster waren dunkel. Den Verkäufer sollte er im dritten Stock treffen.

Am Nebeneingang angelangt, zog er die Codekarte, die ihm seine Kontaktperson im Stützpunkt gegeben hatte, durch den Leseschlitz. In der Schultertasche befand sich die zweite Hälfte der Bezahlung; die erste Hälfte war vor einem Monat telegrafisch angewiesen worden. Außerdem hatte Gray noch einen dreißig Zentimeter langen Dolch aus karbonisiertem Plastik dabei, der in einer Scheide am Handgelenk steckte.

Seine einzige Waffe.

Mehr hatte er nicht durch die Sicherheitsschleuse schaffen können.

Er schloss die Tür hinter sich und wandte sich zur Treppe zur Rechten. Ein rotes EXIT-Schild spendete ein wenig Licht. Er schaltete den Motorradhelm auf Nachtsicht. Auf einmal war die Umgebung in Grün- und Silbertöne getaucht. Er stieg zum dritten Stock hoch.

Oben angelangt, drückte er gegen die Tür auf dem Treppenabsatz.

Er hatte keine Ahnung, wo er seine Kontaktperson treffen würde. Er wusste nur, dass er auf ein Zeichen warten sollte. An der Tür blieb er einen Moment stehen und musterte den Gang. Er gefiel ihm nicht.

Das Treppenhaus befand sich in der Ecke des Gebäudes. Vor ihm lag ein gerader Flur; der andere führte nach links. Die Innenwand war gesäumt von Milchglasscheiben, dahinter lagen Büros; die andere Wand war von Fenstern durchbrochen. Langsam ging er weiter und hielt aufmerksam Ausschau nach einer Bewegung.

Plötzlich fiel helles Licht durch eines der Fenster.

Aufgrund des Nachtsichtgeräts geblendet, sprang er zur Wand, ging im Schatten in Deckung. War er entdeckt worden? Der Lichtstrahl bohrte sich nacheinander durch die anderen Fenster und wanderte vor ihm den Flur entlang.

Er beugte sich vor und spähte durch ein Fenster nach draußen. In der Tiefe sah er den Hof vor dem Gebäude. An der anderen Straßenseite fuhr ein Humvee im Schritttempo die Straße entlang. Der Suchscheinwerfer schwenkte über den Hof.

Eine Patrouille.

Würde sich seine Kontaktperson davon verscheuchen lassen?

Lautlos fluchend wartete Gray darauf, dass der Jeep seine Runde beendete. Die Patrouille verschwand vorübergehend außer Sicht, als sie hinter einem massigen Gebäude vorbeifuhr, das mitten auf dem Hof aufragte. Es ähnelte einem verrosteten Raumschiff. In Wahrheit handelte es sich um einen drei Stockwerke hohen Hochsicherheitstrakt, der auf einem Dutzend Beinen stand. Leitern und Gerüste umgaben das Gebilde, das gerade renoviert wurde, ein Versuch, die Forschungseinrichtung aus dem Kalten Krieg in altem Glanz wiederherzustellen.

Gray kannte den Spitznamen des Gebildes: das Große Schlamassel.

Als ihm seine eigene Lage bewusst wurde, lächelte er trocken.

Jetzt saß er am Großen Schlamassel in der Patsche.

Schließlich tauchte die Patrouille an der anderen Seite des Gebildes wieder auf, überquerte langsam die Vorderseite des Hofs und entfernte sich.

Erleichtert ging Gray weiter. Am Ende des Flurs war eine Schwingtür, doch durch ein schmales Fenster konnte man in einen größeren Raum blicken. Er machte ein paar hohe, schlanke Behälter aus Metall und Glas aus. Ein altes Labor. Fensterlos und dunkel.

Offenbar war er bereits bemerkt worden.

Im Raum flammte ein Licht auf, gerade hell genug, dass Gray das Nachtsichtgerät ausschalten musste. Eine Taschenlampe. Sie blinkte dreimal.

Ein Zeichen.

Er näherte sich der Tür, drückte mit der Zehenspitze einen der beiden Türflügel auf und zwängte sich durch den Spalt.

»Hier drüben«, sagte eine ruhige Stimme. Es war das erste Mal, dass Gray die Stimme seiner Kontaktperson hörte. Bislang war sie immer elektronisch verzerrt gewesen, und zwar in geradezu paranoidem Ausmaß.

Es war eine Frauenstimme. Sein Misstrauen war sogleich geweckt. Überraschungen mochte er nicht.

Er schritt durch ein Labyrinth von Tischen, auf denen Stühle gestapelt waren. Sie saß vor einem der Tische. Die anderen dazugehörigen Stühle waren noch gestapelt. Bis auf einen. Sie trat gegen eins der Stuhlbeine.

»Setzen Sie sich.«

Gray hatte einen nervösen Wissenschaftler erwartet, der sein Gehalt aufbessern wollte. In den hochrangigen Forschungseinrichtungen kam Geheimnisverrat gegen Bezahlung immer häufiger vor.

USAMRIID war da keine Ausnahme ... nur tausendfach gefährlicher. Jedes Fläschchen, das zum Verkauf stand, besaß das Potenzial, Tausende zu töten, wenn man seinen Inhalt in einer U-Bahn-Station oder in einem Busbahnhof versprühte.

Und diese Frau bot gleich sechzehn Ampullen zum Kauf an.

Er setzte sich und legte die Geldtasche auf den Tisch.

Sie war Asiatin ... nein, Eurasierin. Ihre Augen waren eher rund, die Haut hatte einen tiefen Bronzeton. Sie trug einen ähnlichen schwarzen Bodysuit mit Rollkragen wie er und wirkte schlank und geschmeidig. Um den Hals baumelte ein silberner Anhänger, der sich deutlich vom schwarzen Bodysuit abhob und einen zusammengerollten Drachen darstellte. Im Gegensatz zu ihm wirkte die Drachenlady nicht angespannt und wachsam, sondern eher gelangweilt.

Ihr Selbstvertrauen bezog sie von einer mit Schalldämpfer ausgestatteten 9-mm-Sig-Sauer-Pistole, die auf seine Brust zielte. Aber erst als sie weitersprach, gefror ihm das Blut in den Adern.

»Guten Abend, Commander Pierce.«

Es verblüffte ihn, seinen Namen zu hören.

Wenn sie den kannte ...

Er reagierte, jedoch zu spät.

Die Waffe wurde aus nächster Nähe abgefeuert.

Von der Wucht des Treffers zurückgeschleudert, landete Gray auf dem Rücken und verhedderte sich in den Stuhlbeinen. Der Schmerz in der Brust war so schlimm, dass er keine Luft mehr bekam. Er schmeckte Blut.

Verrat ...

Sie trat um den Tisch herum, beugte sich über ihn und zielte unverwandt auf ihn. Offenbar wollte sie kein Risiko eingehen. Der silberne Drachenanhänger funkelte hell. »Ich nehme an, unsere Unterhaltung wird über Funk übermittelt, Commander Pierce. Vielleicht sogar nach Washington, an Sigma. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mal Ihr Funkgerät benutze?«

Er war nicht in der Position, ihr die Bitte abzuschlagen.

Die Frau beugte sich noch tiefer hinab. »In den nächsten zehn Minuten wird die Gilde Fort Detrick dichtmachen. Der ganze Stützpunkt wird mit Anthrax kontaminiert. Das ist die Vergeltung dafür, dass Sigma sich in unsere Operation in Oman eingemischt hat. Ihrem Boss, Painter Crowe, bin ich jedoch noch mehr schuldig. Etwas Persönliches. Das ist für meine Schwester, Cassandra Sanchez, die im Einsatz gefallen ist.«

Der Lauf zielte auf Grays Visier.

»Blut um Blut.«

Sie drückte ab.

05:02

Washington, D. C.

Zweiundvierzig Meilen entfernt brach das Satellitensignal ab.

»Wo bleibt denn die Eingreifreserve?« Painter Crowe verlieh seiner Stimme einen festen Klang und verkniff sich eine Litanei von Flüchen. Panik würde ihnen nicht weiterhelfen.

»Noch zehn Minuten.«

»Können Sie die Verbindung wieder herstellen?«

Der Techniker schüttelte den Kopf. »Das Signal der Helmkamera ist abgebrochen. Aber der Aufklärungssatellit liefert noch die Vogelperspektive des Stützpunkts.« Der junge Mann zeigte auf einen anderen Monitor. In Schwarzweiß war darauf Fort Detrick zu sehen. In der Mitte des Bildes lag ein Hof.

Painter tigerte vor den Monitoren auf und ab. Man hatte Sigma eine Falle gestellt, doch der eigentliche Adressat war er persönlich.

»Sir?« Logan Gregory, der Zweite in der Befehlskette, hatte sich zu Wort gemeldet.

Painter verstand Logans Zögern. Nur wenige Personen wussten über Sigma und die für diese Organisation tätigen Agenten Bescheid: der Präsident, die Joint Chiefs der Generalstäbe der Teilstreitkräfte und seine unmittelbaren Vorgesetzten von der DARPA. Nachdem sich mindestens ein Jahr lang in den obersten Rängen das Personalkarussell gedreht hatte, stand die Organisation unter scharfer Beobachtung.

Fehler würde man nicht dulden.

»Ich will keinen Agenten verlieren«, sagte Painter. »Geben Sie den Einsatzbefehl.«

»Jawohl, Sir.« Logan ging zum Telefon. Er hatte mehr Ähnlichkeit mit einem kalifornischen Surfer als mit einem Spitzenstrategen: blondes Haar, sonnengebräunte Haut, durchtrainiert, aber mit kleinem Bäuchlein. Painter war sein dunklerer Schatten, ein Halbindianer mit schwarzem Haar und blauen Augen. Gebräunt war er nicht. Er hatte keine Ahnung, wann er zum letzten Mal an der Sonne gewesen war.

Painter wollte sich setzen, den Kopf auf die Hände stützen. Die Leitung der Organisation hatte er erst vor acht Monaten übernommen. Die meiste Zeit hatte er damit verbracht, nach der Infiltration durch ein internationales Kartell, das als »die Gilde« bezeichnet wurde, Restrukturierungsmaßnahmen durchzuführen und die Sicherheit zu verbessern. Niemand wusste, welche Informationen in dieser Zeit gesammelt, verkauft oder verbreitet worden waren, deshalb musste alles gesäubert und von Grund auf neu aufgebaut werden. Er hatte sogar die zentrale Befehlsstelle von Arlington nach Washington in dieses unterirdische Labyrinth verlegt.

Weil er im Büro hatte Kartons auspacken wollen, war Painter heute besonders früh zur Arbeit erschienen. Er hatte kaum damit angefangen, als von der Satellitenaufklärung der Notruf eingegangen war.

Er betrachtete das Bild, das der Aufklärungssatellit lieferte.

Eine Falle.

Er wusste, was die Gilde vorhatte. Vor vier Wochen hatte Painter damit begonnen, wieder Agenten in den Einsatz zu schicken, die erste Operation in diesem Jahr. Es war ein Test. Zwei Teams. Das eine untersuchte in Los Alamos das Verschwinden einer Datenbank zu nuklearen Experimenten ... und das andere war in seinem eigenen Hinterhof tätig, drüben in Fort Detrick, nur eine Autostunde von Washington entfernt.

Der Anschlag der Gilde sollte Sigma und deren Führer erschüttern. Er sollte demonstrieren, dass die Gilde noch immer dazu in der Lage war, Sigma zu unterwandern. Man wollte Sigma zwingen, sich zurückzuziehen, sich neu zu gruppieren oder gar aufzulösen. Solange Painters Gruppe nicht richtig arbeitete, hatte die Gilde weitgehend freies Feld.

Das musste ein Ende haben.

Painter unterbrach seinen Rundgang und wandte sich an seinen Stellvertreter. Die Frage stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Ich werde ständig unterbrochen«, sagte Logan und deutete auf seinen Kopfhörer. »Im Stützpunkt kommt es immer wieder zum zeitweiligen Zusammenbruch der Funkverbindungen.«

Auch das war zweifellos das Werk der Gilde ...

Frustriert beugte Painter sich über die Konsole und warf einen Blick auf das Einsatzdossier. Den Aktendeckel zierte ein einzelner griechischer Buchstabe.

In der Mathematik bedeutete der Buchstabe Sigma »die Summe aller Teile«, die Zusammenfassung verschiedener Elemente zu einem Ganzen. Außerdem war er das Symbol der von Painter geleiteten Organisation, der Sigma Force.

Sigma arbeitete unter der Schirmherrschaft der DARPA — der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Verteidigungsministeriums — und diente als verlängerter Arm des Pentagons, der weltweit Technologien schützte, erwarb oder neutralisierte, die für die Sicherheit der USA von überragender Bedeutung waren. Die Mitarbeiter waren ein ultrageheimer Kader von handverlesenen Ex-Angehörigen der Special Forces, die eine rigorose Kurzausbildung absolviert hatten und eine große Bandbreite wissenschaftlicher Disziplinen abdeckten.

Kurz gesagt, sie waren Killerwissenschaftler.

Painter schlug das Dossier auf. Die Akte des Teamleiters machte den Anfang.

Commander Dr. Grayson Pierce.

Aus der oberen rechten Ecke blickte ihm das Foto des Agenten entgegen. Das Kopfbild war während seiner einjährigen Haft in Leavenworth aufgenommen worden. Dunkles, kurz geschorenes Haar, zornige Augen. Seine walisische Herkunft zeigte sich in den scharf hervortretenden Wangenknochen, den großen Augen und der kräftigen Kinnlade. Seine rötliche Hautfarbe aber stammte aus Texas, von der Sonne, die auf die trockenen Hügel von Brown Country niederbrannte.

Painter verzichtete darauf, die zentimeterdicke Akte durchzusehen. Er kannte die Details. Gray Pierce war mit achtzehn der Army und mit einundzwanzig den Rangern beigetreten und hatte sich im Feld und hinter den Linien ausgezeichnet. Mit dreiundzwanzig kam er vors Kriegsgericht, weil er einen Vorgesetzten geschlagen hatte. Painter kannte die in Bosnien spielende Vorgeschichte. In Anbetracht der Umstände hätte er vermutlich ebenso gehandelt. Aber bei den Streitkräften waren die Regeln in Granit gemeißelt. Der hoch dekorierte Offizier hatte ein Jahr in Leavenworth zubringen müssen.

Gray Pierce war jedoch zu wertvoll, um ihn endgültig aus dem Verkehr zu ziehen.

Seine Ausbildung und seine Fertigkeiten waren unersetzlich.

Sigma hatte ihn vor drei Jahren rekrutiert, gleich bei seiner Entlassung.

Und jetzt war Gray ein Bauer im Kampf Sigma gegen Gilde.

Der in Gefahr war, geopfert zu werden.

»Ich habe die Sicherheitsabteilung dran!«, meldete Logan erleichtert.

»Stellen Sie’s rüber.«

»Sir!« Der Techniker sprang auf, durch das Kopfhörerkabel noch ans Arbeitspult gefesselt. Er sah Painter an. »Direktor Crowe, ich bekomme hier gerade ein schwaches Audiosignal rein.«

»Was?« Painter ging zum Techniker hinüber. Mit einer Hand wehrte er Logan ab.

Der Techniker legte das Signal auf die Lautsprecher um.

Ein blecherne Stimme war zu hören, obwohl sie noch immer kein Videosignal bekamen. Die Stimme sagte ein einziges Wort.

»Hundsfotzigesgottverfluchtesstückscheiße ...«

05:07

Frederick, Maryland

Gray trat mit dem Absatz nach der Frau und traf sie an der Hüfte. Er spürte deutlich den Widerstand, doch sie gab keinen Laut von sich. Von dem Schuss, der den Kevlarhelm getroffen hatte, dröhnten ihm die Ohren. Das Visier war zerschmettert. Als die Elektronik mit einem lauten Knacken kurzschloss, wurde sein linkes Ohr heiß.

Doch er ließ sich nicht ablenken.

Er rollte sich ab, zog den Karbondolch aus der Scheide und hechtete unter eine Tischreihe. Ein weiterer Schuss, der sich anhörte wie ein lautes Husten, durchdrang das Klingeln in seinen Ohren. Vom Tischrand splitterte Holz ab.

In der Hocke bewegte er sich zur anderen Seite und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Bei dem Tritt hatte die Frau die Taschenlampe fallen lassen. Jetzt wälzte sie sich über den Boden und warf dabei unstete Schatten. Er betastete seine Brust. Die Stelle, wo der erste Schuss ihn getroffen hatte, brannte unangenehm.

Blut spürte er keins.

Die Frau rief aus dem Schatten hervor: »Flüssiger Körperschutz.«

Gray duckte sich noch mehr und versuchte, die Position der Frau auszumachen. Beim Hechtsprung unter den Tisch war das Helmdisplay beschädigt worden. Die holographischen Bilder flackerten zusammenhanglos vor dem Visier und erschwerten ihm die Sicht, doch er wagte es nicht, den Helm abzunehmen. Er bot den besten Schutz gegen die Waffe, mit der die Frau ihn bedrohte.

Der Helm und der Bodysuit.

Die Frau hatte Recht. Flüssiger Körperschutz. 2003 vom Forschungslabor der US Army entwickelt. Der Stoff des Bodysuits war mit einer Flüssigkeit getränkt, die sich bei Gewalteinwirkung verdichtete — harte Mikropartikel aus Silizium, suspendiert in einer Polyethylen-Glykol-Lösung. Bei normalen Bewegungen verhielt sie sich wie eine Flüssigkeit, doch wenn eine Kugel auftraf, verdichtete sich das Material und wurde undurchdringlich. Der Bodysuit hatte ihm das Leben gerettet.

Zumindest einstweilen.

Die Frau näherte sich langsam der Tür. Ihre Stimme klang kalt und ruhig. »Ich habe das Gebäude mit C4 und TNT präpariert. Da es sowieso abgerissen werden soll, war das ganz leicht. Die Army hat freundlicherweise die erforderlichen Vorarbeiten übernommen. Ich brauchte den Sprengzünder nur ein wenig zu modifizieren. Jetzt wird das Gebäude nach oben explodieren, anstatt in sich zusammenzufallen.«

Gray stellte sich die Rauchwolke und die Trümmer vor, die in den Morgenhimmel emporschießen würden. »Die Anthraxampullen...« , murmelte er so laut, dass sie ihn hörte.

»Es schien uns nahe liegend, die Zerstörung des Stützpunkts zur Verbreitung des Gifts zu benutzen.«

Herrgott noch mal, es ging nicht nur um den Stützpunkt, sondern um die ganze Stadt.

Er musste sie aufhalten. Wo steckte sie nur?

Er näherte sich seinerseits der Tür. Zwar fürchtete er ihre Waffe, durfte sich davon aber nicht abschrecken lassen. Dafür stand zu viel auf dem Spiel. Er versuchte, das Nachtsichtgerät einzuschalten, was lediglich einen weiteren Hitzeschwall am Ohr zur Folge hatte. Das Display flackerte knisternd weiter und erschwerte ihm die Sicht.

Zum Teufel damit.

Er löste die Sicherung und riss den Helm ab.

Die Luft roch gleichzeitig abgestanden und antiseptisch. Er stand geduckt da, den Helm in der einen, den Dolch in der anderen Hand. Er konnte erkennen, dass die Schwingtür sich nicht bewegt hatte. Die Frau war immer noch im Raum.

Aber wo?

Und wie sollte er sie zur Strecke bringen? Er krampfte die Hand um das Heft des Messers. Pistole gegen Dolch. Ein ungleicher Kampf.

Plötzlich bemerkte er nahe der Tür eine Veränderung der Schatten. Er bewegte sich nicht. Sie hockte drei Schritte von der Tür entfernt, geschützt durch einen Tisch.

Diffuses Licht sickerte durch den Gang und fiel durch die Scheiben der Schwingtür. Es dämmerte bereits. Wenn die Frau flüchten wollte, musste sie die Deckung verlassen. Einstweilen wartete sie in der Dunkelheit des Labors ab, denn sie wusste nicht, ob ihr Gegner bewaffnet war.

Gray musste aufhören, nach den Regeln der Drachenlady zu spielen.

Mit einer weit ausholenden Bewegung schleuderte er den Helm zur anderen Seite des Labors. Glas klirrte, als irgendein Behälter zerbrach.

Er rannte auf sie zu. Ihm blieben nur wenige Sekunden.

Sie sprang aus der Deckung hervor, schwenkte herum und feuerte in die Richtung, aus der der Lärm kam. Wie vom Rückstoß ihrer Waffe angetrieben sprang sie im selben Moment katzengleich auf die Tür zu.

Gray war unwillkürlich beeindruckt, zögerte aber keinen Moment.

Er schleuderte den Dolch. Perfekt ausbalanciert verfolgte die Karbonklinge mit mörderischer Präzision ihre Bahn.

Sie traf die Frau in der Halsgrube.

Gray stürmte vor.

Dann bemerkte er, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Flüssiger Körperschutz.

Kein Wunder, dass die Drachenlady sich auskannte. Sie trug den gleichen Bodysuit wie er.

Allerdings warf der Treffer sie aus der Bahn. Sie landete unbeholfen auf dem Boden und verdrehte sich dabei ein Knie. Als Profikillerin ließ sie ihr Ziel jedoch keinen Moment aus den Augen.

Aus nächster Entfernung zielte sie mit der Sig Sauer auf Grays Gesicht.

Und diesmal hatte er keinen Helm auf.

05:09

Washington, D. C.

»Die Funkverbindung ist schon wieder unterbrochen«, sagte der Techniker überflüssigerweise.

Painter hatte einen lauten Krach gehört, dann war die Satellitenverbindung abgebrochen.

»Die Sicherheitsabteilung des Stützpunkts ist noch dran«, sagte sein Stellvertreter über Telefon.

Painter versuchte, sich anhand der Kakophonie, die über die Leitung gekommen war, ein Bild zu machen. »Er hat den Helm weggeworfen.«

Die anderen beiden Männer blickten ihn an.

Painter blätterte in der vor ihm liegenden Akte. Grayson Pierce war kein Idiot. Außer durch militärische Tüchtigkeit war er Sigma vor allem durch seine rasche Auffassungsgabe und die hervorragenden Ergebnisse der Intelligenztests aufgefallen. Er lag eindeutig über der Norm, weit darüber sogar, doch es gab Soldaten mit noch besseren Ergebnissen. Den Ausschlag für die Anwerbung hatte schließlich sein bemerkenswertes Verhalten während seiner Haft in Leavenworth gegeben. Trotz der harten Arbeit im Camp hatte Grayson äußerst disziplinierte Studien betrieben, und zwar auf dem Gebiet der höheren Chemie und des Taoismus. Die Diskrepanz zwischen den beiden Studienfächern hatte die Aufmerksamkeit Painters und Dr. Sean McKnights erregt, des ehemaligen Direktors von Sigma.

In vielerlei Hinsicht war Grayson ein wandelnder Gegensatz: ein Waliser, der in Texas lebte, ein Schüler des Taoismus, der einen Rosenkranz bei sich trug, ein Soldat, der im Gefängnis Chemie studierte. Diese einzigartigen Eigenschaften hatten schließlich dazu geführt, dass er von Sigma angeworben worden war.

Solche Eigenschaften hatten aber auch ihren Preis.

Grayson Pierce arbeitete nicht gut mit anderen zusammen. Er hatte eine starke Abneigung gegen Teamarbeit.

Auch jetzt wieder hatte er auf eigene Faust gehandelt. Gegen alle Vorschriften.

»Sir?«, sagte sein Stellvertreter.

Painter atmete tief durch. »Noch zwei Minuten.«

05:10

Frederick, Maryland

Der erste Schuss pfiff an seinem Ohr vorbei.

Gray hatte Glück. Die Frau hatte nicht richtig gezielt und zu schnell abgedrückt. Wahrscheinlich hatte sie immer noch genug Munition, um ihn in Brei zu verwandeln.

So konnte es nicht weitergehen.

Er legte den Kopf in den Nacken und rammte ihr die Stirn ins Gesicht. Auch im Zweikampf war sie nicht unerfahren. Sie drehte den Kopf und nahm den Schlag seitlich entgegen. Trotzdem hatte er genug Zeit gewonnen, um gegen ein Kabel zu treten, das von einem der Labortische hing. Die daran befestigte Leselampe krachte auf den Boden. Der grüne Glasschirm zerschellte.

Er legte die Arme um die Frau, drückte sie an seine Brust und wälzte sie über die Scherben. Er hoffte, dass das Glas den Bodysuit durchdringen würde. Das aber war nicht sein eigentliches Ziel.

Er hörte, wie die Glühlampe unter ihrem Gewicht zerplatzte.

Das würde reichen.

Er zog die Beine an und machte einen Satz nach vorn. Es war ein Spiel. Er näherte sich dem Lichtschalter neben der Schwingtür.

Die Pistole hustete auf, ein Schlag traf ihn im Kreuz.

Er streckte den Hals vor, flog gegen die Wand. Als er davon abprallte, langte er zum Lichtschalter und drückte darauf. Im ganzen Labor gingen flackernd die Lichter an. Schlechte Leitungen.

Er fiel rückwärts auf seine Gegnerin.

Er konnte nicht darauf hoffen, sie mit einem Stromschlag zu töten. So etwas gab es nur im Kino. Er hoffte jedoch, dass derjenige, der den Schreibtisch als Letzter benutzt hatte, die Lampe angelassen hatte.

Er drehte sich um die eigene Achse und achtete dabei auf seine Füße.

Die Drachenlady saß auf der kaputten Lampe, streckte die Arme zu ihm aus und zielte mit der Pistole auf ihn. Als sie abdrückte, war ihr Ziel bereits nicht mehr da. Die Glasscheibe eines der Türflügel barst.

Gray trat zur Seite, aus der Reichweite der Waffe heraus. Die Frau konnte seine Bewegung nicht mehr nachvollziehen. Sie war erstarrt, konnte sich nicht mehr bewegen.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Map of Bones« bei William Morrow, an imprint of HarperCollins Publishers, New York.

1. Auflage Taschenbuchausgabe Juni 2007 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Copyright © der Originalausgabe 2005 by Jim Czajkowski c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, U.S.A.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: HildenDesign, München Umschlagillustration: Raphael Lacoste/Montreal Redaktion: Gerhard Seidl/text in form UH · Herstellung: Heidrun Nawrot Satz: Uhl+Massopust, Aalen

eISBN 9783641111922V002

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