Verlag: DVA Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

Das Familientreffen E-Book

Anne Enright  

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E-Book-Beschreibung Das Familientreffen - Anne Enright

Die Gewinnerin des Booker-Preises 2007!

Der Hegarty-Clan versammelt sich in Dublin, um Liam, das schwarze Schaf der Familie, zu Grabe zu tragen – doch schnell gerät der Anlass zur Nebensache. Nur Veronica wagt es, nach den Umständen zu fragen, die ihren Bruder in den Tod getrieben haben mögen. Ein beeindruckend intensiver Roman über die Frage nach Schuld und Verantwortung, nach der Liebe und ihren Folgen.

Als Kinder haben sie sich stets alle Geheimnisse anvertraut, und auch als Erwachsene sind Veronica und ihr Bruder Liam noch immer aufs Engste miteinander verbunden. Doch dann stürzt Liam sich mit Steinen in den Hosentaschen ins Meer, und Veronica bleibt allein zurück mit der Frage nach dem Warum. Während sie im Dubliner Elternhaus die Beerdigung vorbereitet, überwältigen sie die Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Großmutter, die aus Vernunftgründen auf die Liebe ihres Lebens verzichtete, an ihre Mutter, die sich nach den vielen Geburten und Fehlgeburten nicht einmal die Namen all ihrer Kinder merken konnte. Und an jenen Tag, an dem ihrem Bruder Liam, gerade neun Jahre alt, etwas angetan wurde, vor dem sie ihn hätte beschützen müssen.

Ein bewegender Roman, dessen sprachliche Finesse und eindrucksvolle Bildlichkeit einen bisher ungekannten Blick auf das verletzliche Wesen der menschlichen Seele zu werfen vermag.

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E-Book-Leseprobe Das Familientreffen - Anne Enright

Inhaltsverzeichnis
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
 
Copyright
1
Ich möchte niederschreiben, was im Haus meiner Großmutter geschah in dem Sommer, als ich acht oder neun war. Aber ob es wirklich geschehen ist? Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Ich muss von etwas Ungewissem Zeugnis ablegen und spüre, wie es in mir tobt - dieses Etwas, das sich vielleicht gar nicht zugetragen hat. Ich weiß nicht einmal, wie ich es benennen soll. Man könnte es ein Verbrechen des Fleisches bezeichnen, aber das Fleisch ist längst abgefallen, und vielleicht lebt der Schmerz ja in den Knochen fort.
Mein Bruder Liam hat Vögel geliebt, und wie alle Jungen liebte er die Knochen toter Tiere. Ich habe keine Söhne, und deshalb halte ich kurz inne, wenn ich auf einen schmalen Schädel stoße oder auf ein kleines Skelett, und denke an ihn, daran, wie er ihren feinen Knochenbau bewunderte, die alten Arme einer Elster, die aus dem struppigen Federkleid ragten; kurz und hell und sauber. Das ist das Wort, das wir für Knochen benutzen: sauber.
Meinen Töchtern sage ich natürlich, sie sollen sich fernhalten von dem Mäuseschädel im Wald oder von dem toten Finken, der an der Gartenmauer verwest. Ich weiß nicht einmal, warum. Obwohl - manchmal finden wir am Strand eine Sepiaschale, die so rein ist, dass ich sie einfach in die Tasche stecken muss, und meine Hand findet Trost in der Geborgenheit ihrer weißen Krümmung.
Man kann die Toten nicht verunglimpfen, glaube ich, man kann sie nur trösten.
Deshalb bringe ich Liam dieses Bild dar: meine beiden Töchter, wie sie unter einem aufgewühlten, sich nur langsam verändernden Himmel am sandigen Rand eines steinigen Strandes entlangrennen und wie ihnen dabei die Mäntel von den Schultern gleiten. Dann blende ich das Bild aus, schließe die Augen und wiege mich im lauten Tosen des Meeres. Wenn ich sie wieder öffne, dann, um die Mädchen zum Wagen zurückzurufen.
Rebecca! Emily!
Es ändert nichts daran. Ich kenne die Wahrheit nicht - oder kann ich sie einfach nur nicht in Worte fassen? Alles, was ich habe, sind Geschichten, Nachtgedanken, die plötzlichen Gewissheiten, die die Unsicherheit hervortreibt. Alles, was ich habe, sind eigentlich eher Delirien. Sie hat ihn geliebt!, sage ich. Sie muss ihn geliebt haben! Ich warte auf die Art von Vernunft, die mit dem Morgengrauen kommt, wenn man nicht geschlafen hat. Während die Familie über mir atmet, bleibe ich unten im Haus und schreibe alles nieder, arrangiere sie in hübschen Sätzen, meine sauberen weißen Knochen.
2
Es gibt Tage, an denen ich mich an meine Mutter nicht erinnern kann. Ich betrachte ihr Foto, und sie entgleitet mir. Oder ich besuche sie an einem Sonntag, nach dem Mittagessen, wir verbringen einen angenehmen Nachmittag, und wenn ich gehe, wird mir bewusst, dass sie wie Wasser durch mich hindurchgeflossen ist.
»Auf Wiedersehen«, sagt sie und verblasst bereits. »Auf Wiedersehen, mein Mädchen«, und sie hebt mir ihr weiches altes Gesicht zum Kuss entgegen. Das bringt mich heute noch in Rage. Die Art, wie sie sich verflüchtigt, sobald ich mich umdrehe, und wenn ich wieder hinschaue, sehe ich nur noch einen Schemen. Ich glaube, sollte sie sich jemals einen anderen Mantel kaufen, würde ich auf der Straße an ihr vorübergehen. Würde meine Mutter ein Verbrechen verüben, gäbe es keine Zeugen - sie würde gar nicht wahrgenommen werden.
»Wo ist mein Portemonnaie?«, fragte sie immer, als wir noch Kinder waren - es mochten auch ihre Schlüssel sein oder ihre Brille. »Hat jemand mein Portemonnaie gesehen?« Und wenn sie dann von der Diele ins Wohnzimmer, in die Küche und wieder zurück lief, war sie für jene wenigen Sekunden beinahe greifbar. Schon damals blickten wir überallhin, nur nicht zu ihr: Sie war die Unruhe in uns, eine Art kollektiver Schuld, wenn wir uns im Raum umschauten, wohl wissend, dass unsere Augen über das dicke braune Portemonnaie hinweghuschen würden, selbst wenn es ganz deutlich zu sehen war.
Dann fand Bea es. Immer ist ein Kind da, das nicht nur sehen, sondern auch wahrnehmen kann. Das stille Kind.
»Danke, Schatz.«
Um gerecht zu sein, meine Mutter ist eine so konturlose Person, dass sie sich möglicherweise nicht einmal selbst wahrnimmt. Möglicherweise fährt sie mit der Fingerspitze über eine Reihe Mädchen auf einem alten Foto und kann sich und die anderen nicht auseinanderhalten. Und von allen ihren Kindern bin ich diejenige, die am stärksten ihrer eigenen Mutter ähnelt, meiner Großmutter Ada. Das muss verwirrend sein.
 
»Ach, hallo«, sagte sie, als sie mir die Haustür öffnete. Das war an dem Tag, an dem ich von der Sache mit Liam erfahren hatte.
»Hallo, Schatz.« Dasselbe hätte sie auch zur Katze sagen können.
»Komm rein. Komm rein.« Aber sie bleibt im Eingang stehen und tritt nicht beiseite, um mich einzulassen.
Natürlich weiß sie, wer ich bin, nur mein Name ist ihr entfallen. Während sie gedanklich einen Namen nach dem andern abhakt, huschen ihre Augen hin und her.
»Hallo, Mammy«, sage ich, um ihr einen Hinweis zu geben. Und schiebe mich an ihr vorbei in die Diele.
Das Haus kennt mich. Immer ist es kleiner, als es sein sollte; die Wände stehen enger beisammen und in einem schärferen Winkel zueinander, als man sie in Erinnerung hat. Das Haus ist immer zu klein.
Hinter mir öffnet meine Mutter die Tür zum Wohnzimmer.
»Magst du etwas? Eine Tasse Tee?«
Aber ich will nicht ins Wohnzimmer gehen. Ich bin kein Gast. Dies ist auch mein Haus. Ich war in ihm, als es wuchs, als das Esszimmer mit der Küche zusammengelegt wurde, als die Küche den hinteren Garten verschluckte. Es ist der Ort, der noch immer die Kulisse für meine Träume bildet.
Nicht, dass ich jemals wieder hier leben werde. In diesem Haus, das nur aus Anbauten besteht. Selbst das Kabuff neben der Küchentür hat hinten noch eine Tür, sodass man sich, um zum Klo zu gelangen, einen Weg vorbei an Mänteln und dem Staubsauger bahnen muss. Verkaufen ließe sich das Haus nicht, denke ich manchmal, höchstens als Baugrundstück. Alles einebnen und wieder von vorn beginnen.
Die Küche riecht noch genauso wie früher - der Geruch, ganz schwach und vom frischen primelgelben Anstrich überdeckt, trifft mich trotzdem in seiner ganzen Widerlichkeit an der Schädelbasis. Schränke voll alter Laken; ein verkochter und staubiger Mief vom Isoliermantel des Heißwasserboilers; der Sessel, in dem mein Vater immer saß, die Armlehnen glänzend und kalt von vielen Jahren vergeudeter Lebenszeit. Ich muss würgen. Dann rieche ich ihn nicht mehr. Er ist einfach da, unser Geruch.
Ich gehe zur hinteren Küchentheke und hebe den Wasserkocher hoch, aber als ich ihn füllen will, verfängt sich mein Ärmelaufschlag am Wasserhahn, und der Ärmel füllt sich mit Wasser. Ich schüttle erst die Hand, dann den Arm, und als der Kessel gefüllt und eingesteckt ist, ziehe ich meinen Mantel aus, stülpe den nassen Ärmel nach außen und schwenke ihn heftig hin und her.
Meine Mutter betrachtet die seltsame Szene, die sie an etwas zu erinnern scheint. Dann tritt sie zur nächsten Arbeitsfläche, wo auf einer Untertasse ihre Tabletten versammelt sind. Geistesabwesend legt sie sich eine nach der anderen auf die schlaffe Zunge. Sie hebt das Kinn und schluckt sie trocken hinunter, während ich mir mit der Hand den nassen Arm abreibe und mir anschließend mit der feuchten Hand durchs Haar streiche.
Eine letzte grüne Kapsel verschwindet in ihrem Mund, und sie erstarrt, macht eine angestrengte Schluckbewegung. Einen Moment lang schaut sie aus dem Fenster. Dann dreht sie sich achtlos zu mir um.
»Wie geht’s dir, Schatz?«
»Veronica!«, möchte ich sie anschreien. »Du hast mir den Namen Veronica gegeben!«
Wenn sie doch nur nicht so unsichtbar wäre, denke ich. Dann könnte ich sie einfangen und ihr die Wahrheit ins Gesicht schreien, ihr die Schwere dessen, was sie getan hat, ins Bewusstsein rufen. Aber sie bleibt nebelhaft, ungreifbar, zu sehr geliebt.
Ich bin gekommen, um ihr zu sagen, dass man Liam gefunden hat.
»Geht’s dir gut?«
»Ach Mammy.«
Zum letzten Mal geweint habe ich in dieser Küche, als ich siebzehn Jahre alt war, eigentlich zu alt zum Weinen, wenn vielleicht auch nicht in unserer Familie, in der jeder in jedem Alter zu sein scheint, alle immer zugleich. Mit meinem nassen Unterarm wische ich über den Tisch aus Kiefernholz mit seinem harten Plastikglanz. Ich wende ihr mein Gesicht zu und setze eine passende Miene auf, um die rituellen Worte zu sprechen (wie ich merke, mit einer gewissen Schadenfreude), doch plötzlich ruft sie: »Veronica!«, und geht - rennt fast - zum Kessel. Während die Wasserblasen immer heftiger gegen das Chrom anbrodeln, legt sie die Hand auf den Bakelitgriff, hebt den noch immer eingesteckten Kocher hoch und schüttet etwas Wasser in die Kanne, um sie vorzuwärmen.
Er hat sie nicht einmal gemocht.
Drüben bei der Tür ist eine Scharte in der Wand. Die war entstanden, als Liam ein Messer nach unserer Mutter warf, und alle haben gelacht und gejohlt. Eine unter vielen anonymen Dellen und Kerben. Berühmt. Das Mal, das Liam hinterließ, weil meine Mutter sich duckte, bevor alle anderen losbrüllten.
Was hatte sie wohl zu ihm gesagt? Womit könnte sie ihn provoziert haben - diese liebenswerte Frau? Und dann schleifte Ernest oder Mossie, einer der beiden Ordnungshüter, ihn zur Hintertür hinaus auf den Rasen, um ihn zu verprügeln. Auch darüber haben wir gelacht. Und selbst mein Bruder Liam, der keine Chance hatte, lachte: Der Messerwerfer, jetzt wurde er verprügelt, und er lachte und fasste nach dem Fußgelenk seines älteren Bruders, um ihn zu Fall zu bringen. Ich auch - ich erinnere mich, ich lachte ebenfalls. Bei unserem Anblick gluckste meine Mutter und kümmerte sich dann wieder um ihre eigenen Angelegenheiten. Meine Schwester Midge hob das Messer auf, hielt es aus dem Fenster und schwenkte es vor den miteinander raufenden Jungen, bevor sie es in das Waschbecken voll Schmutzgeschirr warf. Wenn wir auch sonst nichts hatten, Spaß hatte unsere Familie allemal.
Meine Mutter setzt den Deckel auf die Teekanne und sieht mich an.
Ich zittere haltlos von der Hüfte bis zu den Knien. In meinen Eingeweiden breitet sich eine furchtbare Hitze aus, mein Körper erschlafft, ich möchte nur noch die Fäuste zwischen den Schenkeln vergraben. Eine Empfindung, die mich verstört - irgendetwas zwischen Durchfall und Sex -, diese Trauer, die fast schon etwas Geschlechtliches hat.
Es muss wegen irgendeines Exfreundes gewesen sein, als ich das letzte Mal hier geweint habe. Gewöhnliche Tränen, Familientränen, bedeuteten in dieser Küche nichts, sie waren einfach Teil des ewig herrschenden Lärms. Es zählte nur eines: Er hat angerufen oder Er hat nicht angerufen. Irgendeine Katastrophe. Etwas, das einen nach fünf Flaschen Cider dazu brachte, mit den Fingernägeln an den Wänden entlangzukratzen. Er hat mich verlassen. Sich zusammenzukrümmen, die Arme um den Unterleib zu schlingen, zu heulen und zu würgen. Er ist nicht mal gekommen, um seinen Schal abzuholen. Der Junge mit den türkisfarbenen Augen.
Und dabei sind wir - so vermute ich - großartige Liebhaber, wir Hegartys. Tiefe Blicke, drauflosvögeln und nie wieder loslassen. Bis auf diejenigen, die überhaupt nicht lieben konnten. Wie, in gewisser Weise, die meisten von uns.
Die meisten von uns.
»Es ist wegen Liam«, sage ich.
»Liam?«, sagt sie. »Liam?«
Meine Mutter hatte zwölf Kinder und - wie sie mir eines düsteren Tages anvertraute - sieben Fehlgeburten. Die Lücken in ihrem Gedächtnis sind nicht ihre Schuld. Trotzdem, nichts davon habe ich ihr je verziehen. Ich kann es einfach nicht.
Ich habe ihr meine Schwester Margaret nicht verziehen, die wir Midge nannten, bis sie im Alter von zweiundvierzig Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb. Ich verzeihe ihr meine schöne Schwester Bea nicht, die sich immer nur treiben lässt. Ich verzeihe ihr meinen ältesten Bruder Ernest nicht, der Priester in Peru war, bis er ein vom Glauben abgefallener Priester in Peru wurde. Ich verzeihe ihr meinen Bruder Stevie nicht, der ein kleiner Engel im Himmel ist. Ich verzeihe ihr die ganze ermüdende Litanei nicht: Midge, Bea, Ernest, Stevie, Ita, Mossie, Liam, Veronica, Kitty, Alice und die Zwillinge Ivor und Jem.
So hochtrabende Namen hat sie uns nämlich verpasst - von wegen Jimmy, Joe oder Mick. Mag sein, dass die Fehlgeburten mit »1962« oder »1964« beziffert wurden, obwohl sie ihnen in ihrem Herzen vielleicht auch Namen gegeben hat (Serena, Aifric, Mogue). Diese toten Kinder verzeihe ich ihr nicht. Auch nicht, dass sie nicht einmal ein Notizbuch darüber führte, wer welche Krankheit hatte und wogegen geimpft wurde. Bin ich die einzige Frau in Irland, die noch immer der Gefahr ausgesetzt ist, an Kinderlähmung zu erkranken? Niemand weiß es. Ich verzeihe ihr die unzähligen aufgetragenen Kleidungsstücke nicht, die wenigen Spielsachen und die Dresche, die wir von Midge bezogen, weil meine Mutter zu sanftmütig oder zu beschäftigt oder zu geistesabwesend oder zu schwanger war, um sich selbst darum zu kümmern.
Meine allerliebste Mutter. Mein zeitloses Mädchen.
Nein, letzten Endes verzeihe ich ihr den Sex nicht. Die Stumpfsinnigkeit dieses ständigen Bumsens. Beine breit und Augen zu. Das hat Folgen, Mammy. Folgen.
»Liam«, sage ich ziemlich heftig. Und der Aufruhr in der Küche legt sich, als ich meiner Pflicht nachkomme, ihr von ihm zu berichten, einem Menschen von einem anderen, die wenigen sorgfältig ausgewählten Details darüber, wie Liam zu Tode gekommen ist.
»Ich fürchte, er ist tot, Mammy.«
»Oh«, sagt sie. Ich habe nichts anderes erwartet. Ich wusste genau, dass ihr dieser Laut entschlüpfen würde.
»Wo?«, fragt sie.
»In England, Mammy. Wo er gelebt hat. Man hat ihn in Brighton gefunden.«
»Was willst du damit sagen?«, fragt sie. »Was willst du damit sagen, ›in Brighton‹?«
»Brighton in England, Mammy. Eine Stadt in Südengland. In der Nähe von London.«
Und dann schlägt sie mich.
Ich glaube nicht, dass sie mich je zuvor geschlagen hat. Später versuche ich mich noch einmal zu entsinnen, aber eigentlich bin ich fest davon überzeugt, dass sie das Schlagen anderen Leuten überlassen hat. Midge natürlich, die immerzu mit dem Wischmopp unterwegs war und uns im Vorübergehen eins mit dem Lappen überzog, ins Gesicht, in den Nacken oder hinten auf die Beine, und jedes Mal fand ich, dass der Gestank des Dings schlimmer war als der brennende Schmerz. Mossie, dem Psychopathen. Und dem bedächtigen Ernest, der mit der flachen Hand zuschlug. Je weiter unten man in der Hackordnung stand, desto mehr büßten die Schläge an Autorität und an Wucht ein - auch bei mir, ich selbst war ja auch einmal diejenige, die austeilte, an Alice und die Zwillinge Ivor-und-Jem.
Jetzt aber stützt meine Mutter eine Hand auf den Tisch, und mit der anderen holt sie aus und trifft mich an der Seite des Kopfes. Nicht sehr hart. Überhaupt nicht hart. Dann lässt sie ihren Arm zurückschwingen und greift nach der Theke, und dort erstarrt sie nun, zwischen Theke und Tisch, den Kopf tief zwischen die ausgestreckten Arme gesenkt. Eine Weile lang ist sie stumm, doch dann fließt ein entsetzlicher Laut aus ihr heraus. Ganz verhalten. Ein Laut, der sich aus ihrem Rücken zu lösen scheint. Sie hebt den Kopf und dreht sich zu mir um, sodass ich ihr Gesicht sehen kann; der Ausdruck, der sich jetzt darauf abzeichnet, zeugt von dem Wissen, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor.
Sag’s bloß nicht Mammy. Das war das Mantra unserer Kindheitstage, oder wenigstens eines davon. Sag’s bloß nicht Mammy. Das kam besonders häufig von Midge, aber auch von allen anderen älteren Geschwistern. Wenn etwas zerbrochen oder verschüttet wurde, als Bea nicht nach Hause gekommen und Mossie auf den Dachboden gezogen war, wenn Liam Acid eingeworfen und Alice Sex gehabt hatte oder wenn Kitty eimerweise in ihre neue Schuluniform blutete, wenn es Anrufe gab wegen Verspätungen, Verkehrschaos, Problemen mit Bus- oder Taxigeld, und einmal - und das war eine wahre Katastrophe -, als Liam eine Nacht im Knast verbracht hatte. Keines dieser Geschehnisse wurde ihr preisgegeben, stattdessen: geflüsterte Beratungen in der Diele, Sag’s bloß nicht Mammy, denn »Mammy« würde - ja, was? Tot umfallen? »Mammy« würde sich Sorgen machen. Was ich ganz in Ordnung zu finden schien. Schließlich war sie ihr ureigenstes Werk, diese Familie. Wir alle waren - einer nach dem anderen und unter Schmerzen - aus ihr herausgepurzelt. Und mein Vater sagte es öfter als alle anderen, immer ruhig und ritterlich: »Das brauchst du deiner Mutter jetzt noch nicht zu sagen«, so als sei die Realität seines Bettes die einzige Realität, die zu ertragen man dieser Frau zumuten konnte.
Nachdem meine Mutter sich herübergebeugt und mich geschlagen hat, zum ersten Mal, sie siebzig, ich neununddreißig Jahre alt, schwillt mein Gehirn an, zerspringt fast von der Ungerechtigkeit all dessen. Ich glaube, ich werde einmal an Ungerechtigkeit sterben; ich glaube, das wird auf meinem Totenschein stehen, Angefangen damit, dass diese Pflicht mir übertragen wurde - weil ich die Umsichtige bin, natürlich. Ich habe ein Auto, kann meine Telefonrechnungen immer zahlen. Ich habe Töchter, die sich nicht darum streiten müssen, wer am nächsten Morgen die Unterwäsche der jeweils anderen zur Schule anzieht. Also bin ich diejenige, die zu Mammy fahren, an der Tür läuten und sich an ihren Küchentisch setzen muss, in einem zweckdienlichen Abstand, um mich schlagen zu lassen. Es ist ja nicht so, als wäre mir das alles in den Schoß gefallen - Ehemann, Auto, Telefonrechnung, Töchter. Deshalb bin ich so wütend auf jeden Einzelnen meiner Brüder und Schwestern, eingeschlossen Stevie, der schon lange tot ist, und Midge, die erst seit Kurzem tot ist, und schäume vor Wut auf Liam, weil auch der nun tot ist, und zwar gerade jetzt, da ich ihn am meisten brauche. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes außer mir. Ich bin so zornig, dass ich die Küche aus einer zweiten, aus einer Vogelperspektive wahrnehme. Von oben blicke ich hinab: auf mich, den nassen Ärmel aufgerollt, den nackten Unterarm flach auf dem Tisch, und auf meine Mutter auf der anderen Seite des Tisches, die wie gekreuzigt dasteht und deren Kopf von dem kleinen weißen Dreieck ihres entblößten Nackens herabhängt.
Dies ist der Ort, an dem Liam ist. Hier oben. Ich spüre seine Anwesenheit wie einen Schrei im Raum. Das ist es, was er sieht: meinen nackten Arm, unsere Mutter, die zwischen Tisch und Theke Flugzeug spielt. Tiefflieger.
»Mammy.«
Der Laut fließt noch immer aus ihr heraus. Ich hebe den Arm.
»Mammy.«
Sie hat keine Vorstellung davon, was alles für sie getan worden ist in den sechs Tagen seit dem ersten Anruf aus England. Das alles ist ihr erspart geblieben: Kitty, die durch ganz London gelaufen ist, und ich durch ganz Dublin, um zahnärztliche Befunde beizubringen, seine Körpergröße, seine Haarfarbe und die Tätowierung auf seiner rechten Schulter. Nichts von all dem ist ihr dann auch noch vorgelesen worden, so wie mir heute Morgen von der äußerst netten Polizistin, die plötzlich vor der Haustür stand. Denn ich bin diejenige, die ihn am meisten geliebt hat. Polizistinnen tun mir leid - immer haben sie es mit Verwandten, Prostituierten und Teetassen zu tun.
Jetzt trieft meiner Mutter Speichel von der Unterlippe, in Tropfen und Fäden. Ihr Mund klappt auf. Sie versucht, ihn zu schließen, aber ihre Lippen weigern sich, und sie sagt: »Gah. Gah.«
Ich muss zu ihr hinübergehen und sie berühren. Sie an den Schultern fassen, sanft aufrichten und wegführen. Ich werde ihre Arme wieder an ihren Körper pressen, während ich sie zum Tisch geleite und auf einen Stuhl drücke, und ich werde Zucker in ihren Tee tun, obwohl sie gar keinen Zucker nimmt. All dies werde ich tun aus Ehrerbietung vor einer Trauer, die biologisch, idiotisch, zeitlos ist.
Genauso würde sie um Ivor weinen, weniger um Mossie, mehr um Ernest und untröstlich, wie wir alle, um den wunderbaren Jem. Sie würde weinen, ganz gleich, was für ein Sohn er ihr gewesen ist. Mir kommt der Gedanke, dass die Rollen vertauscht sind, denn ich bin diejenige, die etwas Unersetzliches verloren hat. Sie hat noch im Überfluss.
Zwischen mir und Liam lagen elf Monate. Wir sind aus unserer Mutter herausgepurzelt, einander dicht auf den Fersen, einer nach dem anderen, es ging rasch wie ein Gangbang, rasch wie ein Seitensprung. Manchmal denke ich, dass wir uns da drinnen noch getroffen haben müssten, er ist nur früher aus ihr heraus, um draußen auf mich zu warten.
»Ist alles in Ordnung, Mammy? Möchtest du eine Tasse Tee?«
Sie beäugt mich, so winzig auf dem großen Stuhl. Ein gereizter Blick, ihr Kopf zuckt zur Seite. Und es kommt über mich wie ein Fluch. Wer bin ich, dass ich diesen Stoff zu berühren, zu betasten, auszurangieren wage, den Stoff der Mutterliebe?
Ich bin Veronica Hegarty. Stehe in meiner Schuluniform an der Spüle, vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre alt, weine um einen Exfreund und werde getröstet von einer Frau, die sich um nichts in der Welt an meinen Namen zu erinnern vermag. Ich bin Veronica Hegarty, neununddreißig, und häufe löffelweise Zucker in eine Tasse Tee für die reizendste Frau in ganz Dublin, die gerade eine schreckliche Nachricht erhalten hat.
»Ich gehe nur mal eben Mrs Cluny anrufen.«
»Anrufen?«, sagt sie. »Du willst sie anrufen?« Mrs Cluny wohnt gleich nebenan.
»Ja, Mammy«, und plötzlich erinnert sie sich, dass ihr Sohn tot ist. Sie blickt mich prüfend an, um herauszufinden, ob es tatsächlich wahr ist, und ich nicke und komme mir unaufrichtig dabei vor. Kein Wunder, dass sie mir nicht glaubt. Ich kann es ja selbst kaum glauben.
3
Die Saat für den Tod meines Bruders war vor vielen Jahren gesät worden. Der Mensch, der sie gesät hat, ist selbst längst tot - glaube ich zumindest. Um also Liams Geschichte zu erzählen, muss ich lange vor seiner Geburt ansetzen. Und tatsächlich, das ist die Erzählung, die ich niederschreiben möchte: Die Vergangenheit ist ein so romantischer Ort, mit ihren Kutschern, ihren Gassenkindern und seitlich geknöpften Schuhen. Wenn sie nur stillstünde, denke ich, und zur Ruhe käme. Wenn sie nur aufhören würde, in meinem Kopf herumzuschlittern.
Also gut.
Lambert Nugent sah meine Großmutter Ada Merriman zum ersten Mal in einem Hotelfoyer im Jahre 1925. Dies ist der Augenblick, mit dem ich beginne. Es war sieben Uhr abends. Sie war neunzehn, er dreiundzwanzig.
Sie betrat das Foyer, sah sich nicht um und setzte sich auf einen Stuhl mit ovaler Rückenlehne in der Nähe der Tür. Durch die heranstürmenden Neuankömmlinge hindurch, denen gerade Zimmer zugewiesen wurden, beobachtete Lamb Nugent, wie sie erst ihren linken Handschuh abstreifte und dann den rechten. Unter ihrem Ärmel zog sie ein schmales Armband hervor, und die Hand, in der sie die Handschuhe hielt, ruhte in ihrem Schoß.
Natürlich war sie schön.
Es ist schwer zu sagen, wie Lamb Nugent mit dreiundzwanzig ausgesehen hat. Er liegt nun schon so lange im Grab, dass es schwierig ist, sich ihn unschuldig oder verschwitzt vorzustellen, wenn er zu Staub zerfallen ist.
Was sah sie in ihm?
Man muss ihn wieder zusammensetzen - klick-klack -, seine Muskeln an den Knochen befestigen und mit Fett umhüllen, das Ganze in Haut einwickeln und mit einem marineblauen oder braunen Anzug versehen - etwas am Schnitt der Aufschläge ist vielleicht eine Spur zu elegant und der Geruch an seinen Händen eine Spur feiner als Karbolseife. Er verstand sich drauf, schon damals, auf den hartnäckigen Narzissmus des Durchschnittsmannes, und sämtliche Äußerungen seiner Selbstverliebtheit waren ebenso raffiniert wie exakt. Er brüstete sich nicht. Lambert Nugent beobachtete. Oder vielmehr, statt zu beobachten, ließ er sie in sich eindringen - die Welt mit all ihren Nuancen, wer wem was schuldig war.
Das war es vermutlich, was er sah, als meine Großmutter durch die Tür hereinkam. Mit seinen Babyaugen. Zwei schwarze Pupillen, in die das Bild Ada Merrimans trat. Sie setzte sich, trug Blau, zumindest stelle ich es mir so vor. Ihr blaues Selbst ließ sich in den grauen Falten seines Hirns nieder und blieb für den Rest seines Lebens dort haften.
Es war fünf nach sieben. Die Gespräche im Foyer drehten sich um den Regen, darum, wie man mit dem Kutscher verfahren sollte, und ob Erfrischungen benötigt wurden; danach wurde das Knäuel der Neuankömmlinge aufgelöst, wie Perlen auf einer Schnur wurden sie durch die Tür des vorderen Gesellschaftsraums gezogen, und die beiden Bediensteten blieben wartend zurück, sie auf ihrem einfachen Stuhl, er, den Ellbogen auf den hohen Tresen der Rezeption gestützt wie ein Mann, der an einer Bartheke lehnt.
In dieser Haltung verharrten sie dreieinhalb Stunden lang.
Sie gehörten den niederen Ständen an. Warten bereitete ihnen keine Schwierigkeiten.
Zunächst tat Ada so, als habe sie ihn nicht bemerkt. Vielleicht war dies ein Akt der Höflichkeit, ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass Lamb schon damals die Fährigkeit besaß, seine Präsenz zurückzunehmen, als existiere er nur eben so. Und im Jahre 1925 waren die Wutanfälle, unter denen er in seinem späteren Leben leiden sollte, nur das gewöhnliche Aufwallen von Leidenschaft und junger Hoffnung. Wenn Nugent in jenen frühen Tagen an irgendetwas litt, dann war dies Anständigkeit. Er war ein anständiger Mann. Ein Mann, der nicht sonderlich vertraut war mit Hotels. Nicht vertraut mit Frauen, die sich den Handschuh mit einem so präzisen Ruck ausziehen konnten. In seiner Lebensgeschichte gab es nichts, was ihn auf Ada Merriman vorbereitet hätte. Doch zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass er dennoch für sie bereit war.
Hinter dem hohen Empfangstresen hängte der kleine Concierge einen Schlüssel ans Brett und klapperte dann davon, um auf ein Glockenzeichen zu antworten. Er kehrte zum Tresen zurück, notierte sich etwas und ging wieder. Aus der rückwärtigen Küche trat ein Zimmermädchen heraus, in den Händen ein Tablett mit Tee. Sie stieg die Treppe hinauf, bog in einen der oberen Korridore ein und kam nicht wieder. Sie waren allein.
Welch jähe Vertraulichkeit. Dublin wimmelte von stolzen Frauen ebenso wie von anständigen Männern, und mit diesem Umstand konnte man laut tönend umgehen oder, wie dieses Paar, in ungezwungenem Schweigen. Und in der Stille ihrer Aufmerksamkeit erkannte jeder der beiden die Stärke des anderen und die Tatsache, dass keiner von ihnen der Erste sein würde, der davonging.
Es gibt so wenige Menschen, die zu lieben uns gegeben ist. Das will ich meinen Töchtern sagen: Jede Verliebtheit ist wichtig, auch mit neunzehn. Besonders mit neunzehn. Und wenn man mit neunzehn die Menschen, die man liebt, an einer Hand abzählen kann, so hat man mit vierzig noch immer genügend Finger an der anderen frei. Es gibt so wenige Menschen, die zu lieben uns gegeben ist, und sie alle bleiben haften.
Da also steht Nugent und bleibt in Ada Merriman haften, noch bevor die Uhr die Viertelstunde schlägt. Und sie in ihm - obwohl sie es noch nicht weiß oder zumindest so aussieht, als wüsste sie es nicht. Mittlerweile lässt das Tageslicht nach, und nichts geschieht. Das Zimmermädchen, das keiner von oben hat herunterkommen sehen, geht mit einem zweiten Tablett durchs Foyer, steigt abermals die Treppe hinauf und verschwindet im Dunkel des oberen Korridors. Sie hören, wie jemand in dem Raum hinter dem Empfangstresen eine Tür öffnet und sich nach einer Miss Hackett erkundigt. Und Ada Merriman richtet den Blick achtbar in den Raum hinein, wo Lamb Nugent von dem, was sie da stumm von sich gibt, kein einziges Wort glaubt.
Die Luft zwischen ihnen ist zu dünn für Liebe. Das Einzige, was man in Dublin durch die Luft schleudern kann, ist eine Art Hohn.
Dich kenne ich.
Aber für all das ist es schon zu spät. Es ist bereits geschehen. Es geschah, als Ada zur Tür hereinkam, ihren Blick bis zum Stuhl schweifen ließ. Es geschah dank der Perfektion, mit der auch sie es zuwege brachte, präsent zu sein, ohne wahrgenommen zu werden. Der Rest war nur noch Erregung: Zunächst einmal, weil auch sie ihn bemerkte (und das tat sie - sie bemerkte seine Reglosigkeit), und zum Zweiten, weil sie ihn so lieben sollte wie er sie, jählings, uneingeschränkt und über die Stellung hinaus, die das Leben ihnen zugewiesen hatte.
Ada liest ihn mit der Seite ihres Gesichts; der Flaum auf ihrer Wange sträubt sich und erspürt alles, was sie über den jungen Mann wissen muss, der dort am anderen Ende des Raumes steht. Es ist der Beginn eines Errötens, dieses Wissen, aber Ada errötet nicht. Sie blickt auf ihr Armband: ein schmales Kettchen aus Rotgold mit einem T an der Schließe wie eine Châteleine. Sie betastet diese kleine Besonderheit - etwas Männliches an ihrem Mädchenhandgelenk - und spürt, wie Nugents Ungläubigkeit auf ihr lastet. Dann hebt sie ganz leicht den Kopf und sagt: »Und?«
Ziemlich gewagt.
Womöglich verabscheut er sie jetzt, dabei ist Nugent mit seinen dreiundzwanzig Jahren zu jung, um der Empfindung, die ihn durchfährt, die sich im Nu verflüchtigt hat und nur eine Luftveränderung in ihrem Gefolge zurücklässt, einen Namen zu geben. Etwas Offenes. Ein Zephir. Was ist es nur?
Verlangen.
Um dreizehn Minuten nach sieben atmet auf Lamb Nugents jungen Lippen das Verlangen - scht! Er spürt dessen erschreckende Nähe. Das Bedürfnis, sich zu rühren, durchbrandet ihn, doch er rührt sich nicht. Er behauptet die Stellung, während quer durch den Raum Adas Reglosigkeit triumphiert. Falls er sehr geduldig ist, sieht sie ihn vielleicht an, jetzt. Falls er sehr demütig ist, nennt sie ihm vielleicht ihre Bedingungen.
Vielleicht aber auch nicht. Nichts ist ausgesprochen worden. Niemand hat sich bewegt. Es ist möglich, dass Nugent sich alles nur eingebildet hat - oder aber ich. Vielleicht ist er mit dreiundzwanzig Jahren ein armseliges Würstchen gewesen, mit zerknautschter Tweedmütze und Adamsapfel. Vielleicht bemerkt ihn Ada von ihrer Seite des Raumes aus nicht einmal.
Aber dies ist das Jahr 1925. Ein Mann. Eine Frau. Sie weiß mit Sicherheit, was jetzt auf sie zukommt. Sie weiß es, weil sie schön ist. Sie weiß es aufgrund all der Dinge, die bisher geschehen sind. Sie weiß es, weil sie meine Granny ist, und wenn sie mir früher die Hand auf die Wange gelegt hat, spürte ich die Nähe des Todes und war getröstet. Es gibt nichts Behutsameres als die Berührung einer alten Frau, nichts Liebevolleres und nichts Entsetzlicheres.
Ada war eine zauberhafte Frau. Eine andere Beschreibung finde ich nicht für sie. Mit ihrem Schulterbau und der Art und Weise, wie sie mit ihrer vor der Hüfte baumelnden Einkaufstasche die Straße entlangeilte. Ihre Hände waren niemals leer, und nie sah man, was sie hielten - etwas, das gefaltet oder gewaschen oder verschoben oder gewischt werden musste. Auch essen sah man sie nie, denn immer hörte sie einem zu oder redete selbst; das Essen verschwand einfach, so, als würde es gar nicht von einer Öffnung in ihrem Gesicht verschluckt. Mit anderen Worten: Sie hatte vollendete Manieren, die ansteckend wirkten. Selbst schon mit acht Jahren war mir bewusst, dass sie Charme besaß.
Wie aber konnte Nugent das wissen, noch ehe sie den Mund geöffnet hatte, um ihn anzusprechen? Ich kann nur vermuten, dass es keine Rolle spielte, dass seine Zuneigung Phasen und Stadien durchlief (schließlich hatte er sie vor Viertel nach sieben noch verabscheut) und er jede davon in längeren - jahre- oder jahrzehntelangen - Zyklen von Neuem durchleben musste. Er musste sich von der Liebe zu einer Art Hohn voranbewegen, er musste von Abscheu befallen sein und von Verlangen berührt, musste eine letzte Bescheidenheit finden und so wieder mit der Liebe beginnen. Jedes Mal würde er mehr über sie wissen - vielleicht auch mehr über sich selbst -, und nichts von dem, was er erführe, würde den geringsten Unterschied machen. Um vierzehn Minuten nach sieben sind sie wieder da, wo sie angefangen haben.
Wie aber steht es um die Liebe?
Jetzt bewegt sich Nugent, ganz plötzlich. Er senkt die Stirn und reibt sich am Haaransatz. Ist es möglich, dass auch sie ihn liebt? Dass die beiden zu dem Augenblick zurückfinden, da sie zur Tür hereingekommen ist, und sich erheben über die kleinlichen Sorgen um Tausch und Verlust?
Ach ja, sagt die Seite von Adas traurigem Gesicht. Und sie denkt eine Weile über die Liebe nach.
Nugent spürt, wie sich tief an der Wurzel seines Penis etwas regt, die Zukunft oder der Beginn der Zukunft. Niemand unterbricht die beiden mehr. Irgendjemand in einem der oberen Zimmer hat das Zimmermädchen erwürgt, irgendjemand hat diese Marionette von einem Concierge auf einen Stuhl geschleudert. Zwischen ihnen liegen vier Meter Teppichboden. Während der Zeiger der Hoteluhr weiterrückt, leise knirscht und dann sirrend die Viertelstunde schlägt, denkt Nugent an seine anschwellende Eichel, die sich aus ihrem Hautsack schiebt, und Ada denkt über die Liebe nach.
Di di de di da!
Da da de di da!
Wiederbelebt und zur Pflicht gerufen, kommt der kleine Concierge mit einem niedrigen Schemel herbeigetrottet, den er unter einer der Wandlampen im Foyer aufstellt. Er trottet wieder hinaus und kehrt mit einem Fidibus zurück, den er in die Höhe hält. Im letzten Licht des Tages sieht die Flamme trübe aus. Er stellt sich auf den Schemel, nimmt den Lampenschirm ab, dreht den Gashahn auf, nestelt an dem Fidibus herum und vermag es gerade noch, die Flamme an das Gas zu halten, bevor es vollends zu spät ist. Das Gas faucht hohltönend und blau, ehe es sich in die gelbgrüne Glut des Gasstrumpfes verwandelt, das Licht wird schwächer und hüpft dann in den Raum hinaus. Das Foyer riecht ekelerregend nach Gas, gefolgt von dem warmen Geruch verbrannten Papiers, und von den flink flatternden Fingern des Mannes stieben schwarze Flocken. Er setzt den Lampenschirm wieder auf, rückt den Schemel unter die nächste Lampe und verlässt den Raum.
In seiner Abwesenheit pulsiert der Raum dunkler. Und noch dunkler.
Er kommt zurück. Nugent und Ada sehen ihm beide zu, wie er das Ritual von Lampe und Schemel wiederholt, seine Auftritte und seine Abgänge, seine gespenstische Wichtigtuerei, mit der er sich an der Wand entlang auf die vierte und letzte Lampe zubewegt, die über dem Stuhl hängt, auf dem Ada sitzt. Er stellt den Schemel neben ihre Füße, so als verbeuge er sich, und geht ruhig wieder davon. Nach einer längeren Pause kehrt er mit dem Fidibus zurück, den er auch an dem brennenden Kaminfeuer hätte entzünden können. Mag sein, dass er sich vor den beiden nicht bücken wollte, obwohl er keine Bedenken hat, Ada zum Aufstehen aufzufordern. Er bleibt vor ihr stehen, dreht den Fidibus hin und her, um die Flamme zu schützen und am Papier entlanglaufen zu lassen. Er blickt ihr ins Gesicht. Und wartet.
Adas Kleid raschelt von ihrem Schoß, als sie sich erhebt. Ebenso gut hätte es auch ganz zu Boden gleiten können, das Kleid hätte aus Wasser sein, um ihre Füße eine farbige Lache bilden können, so nackt wirkt sie jetzt. Nugent starrt sie unverhohlen an, während sie die Hände vor dem Schoß faltet und zu Boden blickt. Zuerst empfindet er Mitleid mit ihr, dann keines mehr. Endlich bewegt er sich, dort am Tresen, und findet Trost in dem Geruch, der mit einem Seufzer unter seinem Hemd entweicht. Gott sei Dank. Er kann nichts dafür.
An diesem Morgen ist er zur Frühmesse in der Pro-Cathedral gewesen. Mit anderen Männern hat er in der Schlange gestanden, um zur heiligen Kommunion zu gehen. Der Ausdruck in ihren Gesichtern war so hungrig wie der von Armen, die um Suppe anstehen. Und als er sich von den Knien erhob, tat er es wie ein anständiger Mann: mit einer langsamen Bewegung der Hüften, schwer beladen mit dem Gewicht seines Erdenlebens, um die Menschen trauernd, die er liebte. Mutig.
Es ist Fastenzeit. Für die Dauer des Fastens hat Nugent Speck, Würstchen und allen Arten von Innereien entsagt, ebenso starken alkoholischen Getränken. Sein Körper ist geläutert durch das Wirken seiner Seele - deshalb hat der Geruch, der unter seinem Hemd aufsteigt, etwas von Frühlingsluft an sich, ein Hauch von frühmorgendlicher Seife, der stille Mief eines Arbeitstages. Der Stoff seines Anzugs ist auf anständige Weise abgetragen, der Kragen seines Hemdes auf anständige Weise sauber, und vor ihm erstreckt sich sein Leben, das auf anständige Weise zu solidem mittlerem Alter anwachsen wird.
Mit einer kleinen Unterbrechung: Das Glitzern seiner Babyaugen, mit denen er Ada Merriman im Foyer des Hotels Belvedere mustert, hat durchaus nichts Anständiges. Auch sie hat ihn angesehen. Wie sie so dastand - gewissermaßen nackt, die Hände vor dem Schoß gefaltet -, hat sie das Gesicht gehoben und ihm in die Augen geblickt.
Das ist der Schock. Der Schock ist das uneingeschränkte Selbst der Ada Merriman. Ihre Pupillen weiten sich, um ihn in sich aufzunehmen, sie sind weit aufgerissen, und Nugent ist dankbar, dass die hölzerne Tresenwand ihn stützt.
Dann lächeln sie. Ada lächelt. Als stünde ein Scherz im Raum, den sie mit ihm teilen möchte.
Nugent sieht sie an und fragt sich, welchen Teil ihres Körpers sie so amüsant findet. Sind es ihre Brüste, ist es ihr Hals? Entweder bemerkt sie nicht, dass sie nackt ist (schließlich ist sie vollständig bekleidet), oder es ist ihr gleichgültig. Vielleicht lacht sie über den kleinen Mann, der die Lampen anzündet. Oder über ihn - der wie ein Trottel dasteht, mit einer Beule in der Hose. Und Nugents Augen quellen über vor Wut über diese Ungerechtigkeit und die Macht verweigerter Liebe.
Aber selbstverständlich hat sie ihm - wie der kleine Lampenanzünder ihm bestätigen könnte - noch gar nichts verweigert, hat ihn nicht zurückgewiesen.
Das Gaslicht faucht und gurgelt leise, als der Schemel hochgehoben wird und der Mann sich zurückzieht, den Liebenden leicht zugeneigt in zynischer Verbeugung, als könne er alles vor sich sehen: die Paarung (die schmatzenden Geräusche), das Geld, die Lügen, die sie einander bereits aufzubinden begonnen haben. Ach, wenn es ein Lied wäre, man könnte es singen. Wenn es ein Lied wäre, könnte man mit Löffeln den Takt dazu schlagen. Besonders in Dublin im Jahre 1925.
Das alles ist natürlich meine ganz eigene romantische Vorstellung. Jeder hatte eine schöne Großmutter - es hat etwas mit Sepia und Orangenblüten im Haar zu tun und mit festem Blick in diesen altmodischen Augen. Wir haben verlernt, mutig zu sein, so wie eine Braut zu jener Zeit mutig war. Vor mir liegt Adas Hochzeitsfoto: Sie trägt den kurzen Schleier der Zwanzigerjahre, und die Seide ihres Kleides lässt am Saum die zarten, handgenähten Stiche in einer Linie von Einbuchtungen erkennen. Sie war rein, und sie war entflammt. Ada Merriman, meine sittsame und feurige Großmutter, war das, worüber im Jahre 1925 Dichter schrieben.
Sie hat meine Füße. Oder ich habe ihre: lang, mit schief stehenden Zehen. Ebenso die großknochigen Fußgelenke und die endlos langen, flachen Schienbeine, derentwegen ich mich früher in der Schule immer so schlaksig gefühlt hatte, bevor ich lernte, mich mit ihnen zu bewegen. Ich habe einen teuren Körper, merkte ich irgendwann im Jahre 1979. Das hat nichts mit Sex zu tun. Anwälte wollen Kinder mit mir zeugen, und Architekten wollen, dass ich auf ihren neuen Aluminiumstühlen sitze. Vorn nicht zu viel, einfach nur groß und schlank. Insofern kleide ich mich gut, vermute ich - denn tatsächlich würde mich nichts dazu bringen, mir einen Rock anzuziehen, der auf halber Wadenlänge endet und meine Transvestitenknöchel und meine Knubbelzehen freigibt.
In Satinschuhen haftet Adas Füßen etwas Mitleiderregendes an. Sie ist verheiratet, glücklich. Wenigstens bilde ich mir das ein, als ich ihr Foto wieder in den Karton lege, der alles enthält, was von ihr noch übrig ist.
Sie heiratete nicht Nugent. Sie werden es mit Erleichterung aufnehmen. Sie heiratete seinen Freund Charlie Spillane. Und nicht nur, weil der ein Auto besaß.
Aber Lamb Nugent hat sie nie verlassen. Meine Großmutter war das größte Werk seiner Einbildungskraft. Mag ich ihm auch nicht verzeihen, so ist es doch dies - die Art und Weise, wie er der Sache treu blieb -, was den Mann ausmacht, jedenfalls für mich.
4
Vom Telefon in Mammys Diele aus rufe ich die Trauerberater in Brighton and Hove an und lasse mir die Nummer eines Bestattungsunternehmers geben, der netterweise die Daten meiner Kreditkarte aufnimmt, da ich sie gerade zur Hand habe. Natürlich gilt es, einen Sarg auszusuchen, und aus irgendeinem Grund weiß ich, dass ich gekalkte Eiche wählen werde - eine Entscheidung, die mir zusteht, weil ich diejenige bin, die ihn am meisten geliebt hat. Und was wird das alles kosten?, frage ich mich, als ich den Hörer auflege.
Mrs Cluny von nebenan kommt herein, ohne ein Wort zu sagen. Sie rauscht durch die Diele in die Küche und schließt die Tür. Nach einer kurzen Weile höre ich die Stimme meiner Mutter, ganz leise.
Ich bringe die Geduld nicht auf, noch einmal die alte Wählscheibe zu benutzen, nehme mein Handy und wandere durchs Haus, während ich alle nacheinander anrufe, in Clontarf und Phibsboro, in Tucson, Arizona, um ihnen zu sagen: »Schlechte Nachrichten. Liam. Ja. Doch, ich fürchte, ja.« Und: »Ich bin bei Mammy. Schockiert. Völlig schockiert.« Die Nachricht wird über Verbindungen weitergegeben werden, die zu zart und dünn sind, als dass man sie zurückverfolgen könnte. Jem wird Ivor anrufen, und Ivor wird Mossies Frau anrufen, und Ita wird versuchen, Father Ernest zu erreichen, irgendwo im Norden von Arequipa. Dann werden sie alle - oder ihre Frauen - wieder hier anrufen, um Zeiten und Gründe, blutrünstige Einzelheiten und Flüge zu bereden.
Ich wandere durchs Dämmerlicht unserer Kinderzimmer und berühre nichts.
Alle Betten sind bezogen und bereit. Die Mädchen schliefen oben und die Jungen im Erdgeschoss (wie man sieht, hatten wir ein System). Es ist ein Kaninchenbau. Die Etagenbetten der Zwillinge stehen in einem kleinen Raum links von der Eingangstür - dem Raum, in dem der kleine Stevie gestorben ist. Auf der anderen Seite dieses Raumes befindet sich eine Tür zum Garagenanbau, in dem drei Einzelbetten stehen. Dahinter wiederum der Durchgang zum Garten, wo zuerst Ernest auf einer Matratze auf dem Fußboden geschlafen hatte, dann, als Ernest auszog, Mossie und zuletzt Liam.
Das Schrägdach des Durchgangs ist aus durchsichtigem, gewelltem Plexiglas. Die Matratze liegt noch da und stößt an die gelbe Gartentür mit dem Kieselglasfenster. Liams Marc-Bolan-Poster ist nicht mehr vorhanden, aber man kann noch die schmutzigen Klebestreifen sehen, die von der Hohlblockwand herabhängen.
Hier habe ich meine allererste Zigarette geraucht.
Ich setze mich auf die Matratze, die mit einer groben blauen Decke bezogen ist, und rufe den letzten, meinen kleinsten Bruder an.
»Hallo, Jem. Nein, alles in Ordnung. Aber ich habe schlechte Nachrichten über Liam.« Und Jem, der Jüngste von uns, der Unkomplizierteste und Meistgeliebte, sagt: »Na, wenigstens ist es ausgestanden.«
Ich versuche noch einmal, Kitty zu erreichen, und höre das Telefon in ihrer leeren Londoner Wohnung klingeln. Ich lege mich hin, sehe auf zu dem gewellten Plexiglasdach und frage mich, wie man all diese Schuppen und Anbauten rückgängig machen könnte, um das Haus wieder zu dem werden zu lassen, was es einmal war. Ob es möglich wäre, alles einzureißen und wieder von vorn zu beginnen?
 
Als Bea kommt, öffne ich die Tür und fasse sie an beiden Unterarmen, und so schwingen wir im Kreis, bis sie an mir vorbei in die dunkle Diele tritt. Ich folge ihr ins gelbe Licht der Küche und sehe, dass meine Mutter in der Zeit, in der ich die Anrufe erledigt habe, um fünf, vielleicht zehn Jahre gealtert ist.
»Guten Abend, Mammy. Möchtest du etwas zur Beruhigung? Sollen wir einen Arzt kommen lassen, damit er dir ein Schlafmittel verschreibt?«
»Nein, nein. Nein, danke.«
»Ich fliege rüber, um alles zu regeln«, sage ich.
»Nach England?«, fragt sie. »Jetzt?«
»Ich rufe an, in Ordnung?«
Als ich sie küsse, ist ihre Wange schrecklich weich. Ich schaue hinüber zu Bea, die mir einen düsteren, tadelnden Blick zuwirft.
Sag’s bloß nicht Mammy.
Als hätte ich an allem Schuld.
Mein Vater saß immer in der Küche und sah, die ungelesene
eISBN : 978-3-641-02526-7
 
Leseprobe
 

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