Das fantastische Dutzend - Anja Buchmann - E-Book

Das fantastische Dutzend E-Book

Anja Buchmann

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Beschreibung

Mal märchenhaft, mal postapokalyptisch, bisweilen heiter oder nachdenklich. In dieser Sammlung erwarten den Leser zwölf Kurzgeschichten aus dem breiten Feld der fantastischen Literatur. Mit dem Wind reisen, die Welt nach einer großen Katastrophe erneut besiedeln oder als Monster auf ganzer Linie versagen, alles ist möglich.

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Inhalt

DAS FANTASTISCHE DUTZEND

DAS FUNKELN DER SEELE

BEIM FRISEUR oder ZWERGINNENKLATSCH

MEINER MUTTER TRÄNEN

AQUAMARINBLAUER MERLIN

ZWILLINGSMAGIE

PRINZESSIN EISENSPEER

ICH, HERIBERT MISSGESCHICK

WOLFSGEHEULE

HELDINNENFRÜHSTÜCK

DIE REISENDE

DER RABE

SCHWARZE SPLITTER

DIE AUTORIN

Impressum

DAS FANTASTISCHE DUTZEND

ZwölfFantasykurzgeschichten von Anja Buchmann

DAS FUNKELN DER SEELE

Das wahrlich sehr kurze Kleid ließ mehr von den von Krampfadern durchzogenen Beinen sehen, als jedem Betrachter lieb sein konnte. Und auch die restliche Aufmachung der alten Frau war mehr als fragwürdig. Dass sich ausgerechnet jene Frau, deren Leibesfülle die Inanspruchnahme zweier Straßenbahnsitze nötig machte, köstlich darüber amüsierte, gab der ganzen Szenerie den Anstrich einer Groteske.

Sie als Zeugin des Ganzen konnte darüber nur den Kopf schütteln. Es waren gerade alltägliche Begebenheiten wie diese, die sie den Glauben an die Menschen verlieren ließen. Sie versuchte stets, sich derlei nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, doch dies fiel ihr zunehmend schwer.

Er sah ihre Reaktion, spürte ihre Resignation ob des Verhaltens der Menschen, die sie umgaben. Je länger er sie beobachtete, umso offensichtlicher wurde es: Sie war nicht geschaffen für diese Welt.

Es war ein heißer Tag gewesen und Kayleen war froh, als die abendliche Kühle einsetzte. Sie würde den Tag an ihrem Lieblingsplatz ausklingen lassen, dem etwas verwilderten Dachgarten des Mietshauses, in dem sie wohnte. Sie schien die einzige Bewohnerin zu sein, die diesen Ort regelmäßig aufsuchte, zumindest war sie hier noch nie jemandem begegnet. Dabei war es ein kleines Paradies, ein Stück Natur in der lauten Betonwüste der Stadt. Hier hinauf drang der Lärm der Straße nicht und die Luft erschien ihr frischer und klarer.

Sie setzte sich auf die Bank, deren Holz verwittert und rissig war. Als sie zum ersten Mal hier oben gewesen war, hatte sie überlegt, ob sie dem Gartenmöbel einmal mit Schleifpapier und frischer Farbe zu Leibe rücken sollte. Dann jedoch hatte sie Gefallen an der rauen Schönheit gefunden, die sich wunderbar in die wild wuchernden Pflanzen einfügte. Der Zustand des Dachgartens erlaubte es ihr, der Illusion eines verwunschenen Ortes zu erliegen, und das war das, was sie brauchte: ein Fluchtpunkt, der es ihr gestattete, für Stunden aus ihrem Leben auszubrechen, das ihr oft so grau und wenig lebenswert erschien.

Der Wind frischte auf. Sie schloss die Augen, spürte, wie der Lufthauch ihr Gesicht liebkoste. Wie die sanfte Berührung eines Liebhabers, war ihr Gedanke. Sie gab sich ganz dieser Vorstellung hin. Ein Wohlgefühl durchströmte sie, das Kribbeln reichte vom Scheitel bis in die Zehenspitzen.

Ein Kitzeln auf ihrem Handrücken unterbrach ihre Hingabe. Wahrscheinlich ein Insekt. Sie bewegte die Hand leicht, spürte es noch immer. Widerwillig öffnete sie die Augen, nur, um sie wenig später ungläubig zusammenzukneifen. Hätte sie es nicht besser gewusst, sie hätte den kleinen Feuerball, der ganz dicht über ihrer Hand schwebte, für eine Flamme gehalten, denn genau wie diese flackerte dieses seltsame Etwas bei jedem Hauch. Was war das? Ein Glühwürmchen wohl kaum. Sollte es derlei überhaupt in der Stadt geben, es hätte wohl kaum diese Größe. Was war es dann?

Sie zog ihre Hand weg, vorsichtig, um das Ding nicht zu berühren. Schwebend folgte es ihren Bewegungen, war nun direkt über ihrem Schoß. Sie spürte keinerlei Hitze. Was war das bloß? Kayleens Neugier war geweckt. Sie öffnete ihre Hände, führte sie langsam nach oben. Als habe es darauf gewartet, ließ sich die Feuerkugel fallen. Sie spürte nicht mehr als ein leichtes Prickeln, nichts, was ihr gefährlich vorkam.

Das Objekt hatte die Größe eines Tennisballs, wenn sie gewollt hätte, ihre Hände hätten es fast vollständig umschließen können. Sie aber ließ diese geöffnet, um es genauer zu betrachten. Der erste Eindruck hatte getrogen, das Licht flackerte nicht, vielmehr schien es zu pulsieren. Wenn sie sich auf den Rhythmus konzentrierte, vermeinte sie sogar, ihn zu spüren. Fast war es, als hielte sie ein schlagendes Herz in den Händen.

Ihr eigener Herzschlag verlangsamte sich, passte sich dem fremden Takt an. Und dann hörte sie sie, die Stimme. Angenehm, sanft, unverkennbar männlich.

»Kayleen, hab keine Angst. Ich bin nicht gekommen, um dir wehzutun.«

Sie merkte erst, dass sie antwortete, als sie den Klang ihrer eigenen Stimme vernahm: »Ich weiß. Ich fürchte mich nicht. Wer bist du?«

»Mein Name ist Aidan.«

»Ich habe meine Frage wohl falsch gestellt. Was bist du?«

Eine Weile blieb es still. Obgleich dieses Wesen, denn das war es offenbar, noch immer in ihren Händen ruhte, erhielt sie keine Antwort. Sie traute sich nicht, ihre Frage in die Stille hinein erneut zu stellen. Also schwieg sie und wartete auf Aidans Antwort.

Das Pulsieren wurde stärker, ging in ein Summen über. Ihre Hände, sie leuchteten, ganz so, als habe Aidan diese in sich aufgenommen, sie zu einem Teil seiner Selbst gemacht. Das Summen ergriff Besitz von ihrem Körper und das Leuchten breitete sich aus.

Ihr blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Mit dem Licht kam die Freude, maßlos und unbändig, wie sie sie noch nie gespürt hatte. Jeder Winkel von ihr war angefüllt mit purem Glück.

Sie konnte es nicht lange genießen, denn kaum hatte ihr Verstand den Zustand erfassen können, da brach tiefstes Leid über sie herein. Die Verzweiflung und der Schmerz waren so wirklich, obgleich sie deren Herkunft nicht zu ergründen vermochte. Die Kraft der sie peinigenden Gefühle war so übermächtig, dass Kayleen meinte, ihr Herz zerspränge alsbald. Wie es sich wohl anfühlte, wenn Kummer das Herz zerbersten ließ?

Das Getöse der soeben noch absoluten Emotion machte plötzlich einem sanften Rauschen Platz, das tiefe Leid ebbte ab und wurde sanfte Wehmut. Trotz ihrer leisen Töne ergriff die Melancholie nicht weniger allumfassend Besitz von Kayleen. Eine Träne rann ihre Wange hinab. Sie ließ es geschehen, ließ zu, was sie ohnehin nicht verhindern konnte. Sie ergab sich in ihr Schicksal, mutlos, kraftlos, willenlos.

Sie sank tief hinab, nur um alsdann aufgefangen zu werden. Wärme und Geborgenheit, Vertrauen und Zuversicht. Es war ein flüsterndes Gefühl, dennoch das stärkste von allen: Liebe.

Die leuchtende Aura schwand, der verbleibende Widerhall der Liebe ließ Kayleen lächeln.

Sie öffnete die Augen. Die Nacht war über die Stadt niedergesunken, doch deren Lichter erloschen nie. Aidans Feuer war vollständig aus ihr gewichen, pulsierte als kleiner Ball in ihren Händen.

»Aidan, was ist geschehen?«

»Ich habe deine Frage nach meinem Wesen beantwortet.«

Sie kam nicht dazu, Aidan nach der Bedeutung der Worte zu fragen. Innerhalb weniger Augenblicke wurde sein Licht schwächer und schwebte davon, hinein in die Nacht.

Kayleen blieb zurück, allein auf der verwitterten Bank in dem verwilderten Garten über den Dächern der Stadt, allein mit dem Nachhall der Gefühle und ihren Fragen.

Eine Weile saß sie einfach nur da, regungslos. Sie war geneigt, das Ganze als einen Traum abzutun, als Produkt ihrer überbordenden Fantasie, die Auswege aus der Tristesse des Alltags suchte.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, erschien ihr alles wie immer. Doch so sehr sie sich auf ihre täglichen Routinen zu konzentrieren suchte, Aidan ging ihr nicht aus dem Kopf. War dieses Wesen wirklich ihre Schöpfung? Warum konnte sie es dann nicht benennen, seine Art nicht ergründen, noch seinen Worten Sinn geben?

Einerseits fürchtete sie ein erneutes Zusammentreffen, andererseits verlangte es sie danach. Als es Abend wurde, beschritten ihre Füße wie von selbst den Weg hinauf aufs Dach. Von der Bank aus starrte sie konzentriert in die Dämmerung. Alles, was sie entdecken konnte, waren die Lichter der Stadt, von Menschenhand geschaffen und von Strom gespeist.

Ein Kitzeln im Nacken, dann vernahm sie seine Stimme: »Kayleen. Noch immer voller Fragen?«

»Aidan. Wie könnte ich es nicht sein, gabst du mir doch keine Antworten? Also, wer oder was bist du? Nur ein Trugbild? Eine Einbildung meinerseits?«

»Mitnichten. Habe ich dir nicht mehr als deutlich gezeigt, wer ich bin, dir nicht mein Innerstes offenbart, meine tiefsten Gefühle?«

Das alles war es gewesen, was sie gestern verspürt hatte, Aidans Emotionen. So hatte sie es noch nicht gesehen. Dann hatte er ihr wahrhaftig sein Wesen gezeigt, auf eine solch ehrliche und umfassende Weise, wie sie es noch nie erlebt hatte.

Ihr Schweigen schien Aidan eine weitere Erklärung abzunötigen. »Du willst dem, was ich bin, einen Namen geben? Dann nenn mich ein Irrlicht, denn das ist die Bezeichnung, die man den Meinen für gewöhnlich angedeihen lässt.«

»Du, ein Irrlicht? Die gibt es doch nur in Sümpfen, wo sie Wanderer in den Tod locken.«

Erneut kamen ihr Zweifel ob der Wahrhaftigkeit ihres Erlebens. War es alles nur eine Fantasie?

Der Feuerball, Aidan, das Irrlicht, oder wie immer sie dieses Wesen auch nennen sollte, hatte seinen Platz erneut in ihren hohlen Händen gefunden.

»Ich bin enttäuscht, Kayleen. Dachte ich, du vermagst, über die Äußerlichkeiten hinwegzusehen, Etiketten zu ignorieren und die wahre Natur zu erkennen. Nicht umsonst zeigte ich dir mein Innenleben. Vielleicht habe ich mich in dir getäuscht.«

Seine Anmaßung, über sie zu urteilen, machte sie wütend. Wie konnte er sich erlauben, Enttäuschung über sie zu empfinden, wo er sie doch nicht kannte. Aidan wusste überhaupt nicht, was für ein Mensch sie war.

»Möglich, kennst du mich schließlich weniger als ich dich, drängte ich dir doch nicht ungefragt all meine Seelenregungen auf.«

»Du bist wütend. Warum?«

»Weil dies mein Ort ist, du hier eindringst und es wagst, mich zu kritisieren. Dabei kennst du mich nicht einmal.«

»Ich kenne dich. Gestern, in der Straßenbahn, die alte und die dicke Frau. Dein Innerstes hat Tränen vergossen, weil sich in dieser kleinen Szene so viele menschliche Abgründe auftaten. Es war einer jener Augenblicke, in denen du der Welt gerne den Rücken gekehrt hättest.«

Woher wusste er das? Selbst wenn er sie beobachtet hatte, konnte er unmöglich ihre Gedanken erraten haben. Was sollte sie erwidern?

In Aidans nächsten Worten schwang der Klang eines Lächelns, der Unterton von Belustigung: »Schau nicht so erstaunt. Meinst du, dass ich mich jeder Zufallsbegegnung offenbare? Wir haben dich mit Bedacht ausgewählt, begleiten dich schon eine ganze Weile.«

»Wir? Gibt es noch mehr Wesen wie dich?«

Das Wort Irrlicht kam ihr nicht über die Lippen, vermittelte es doch ein völlig falsches Bild von Aidan.

»Tausende.«

»Warum?«

»Warum was? Warum ich gerade dich ausgesucht habe?«

Sie nickte, obwohl dies nur eine der Fragen war, auf die sie eine Antwort wollte.

»Weil du die Richtige bist.«

»Wofür?«

»Für mich, für uns.«

»Du sprichst in Rätseln. Kannst du mir nicht endlich erklären, was hier vor sich geht?«

»Ich kann, aber willst du das auch?«

»Das kommt darauf an. Hast du wirklich Zweifel an mir? Glaubst du, dich möglicherweise in mir getäuscht zu haben? Wenn du das denkst, so gehst du jetzt besser.«

»Verzeih, wenn meine Zweifel dich verletzt haben. Sei gewiss, dass ich dich nicht leichtfertig erwählt habe, sondern dich und auch mich lange geprüft habe. Also, bist du bereit, den Schritt zu wagen? Bedenke, es wird alles verändern.«

Erneut gaben seine Worte ihr Rätsel auf. Sie hoffte, ihre Einwilligung würde auch diese einer Aufklärung zuführen. Die Ankündigung einer radikalen Veränderung schreckte sie nicht, ganz im Gegenteil, Aufregung bemächtigte sich ihrer.

Aidan schien ihre Bereitschaft zu spüren, denn er wartete nicht darauf, dass sie sie in Worte kleidete. Noch eine letzte Warnung sprach er: »Was nun beginnt, kann nicht gestoppt werden. Nur, wenn du die Welt zu sehen vermagst, wie ich es tue, wirst du auf diesem Weg fortschreiten können. Andernfalls endet er für dich.«

Sie wollte sich keine Gedanken machen, was dies wohl zu bedeuten hatte, hatte sie ohnehin den Eindruck, dass es kein Zurück mehr gab. Es begann bereits.

Aidans Licht ergoss sich in ihren Körper, seine Stimme war jetzt nur noch in ihren Gedanken zu hören. »Lass mich dir meine Sicht auf die Welt zeigen.«

Bilder erschienen, Szenen ihres Lebens. Die Menschen in ihren Erinnerungen waren bloße Hüllen, durchsichtig, farblos, enthielten nichts bis auf einen kleinen Ball in Faustgröße. Mal lag dieser im Kopf, bisweilen im Unterleib, oft dort, wo das Herz hätte sein sollen. Und jede dieser Kugeln sandte ein Licht aus. Oft war es milchig trüb, meist unstet. Bei Kindern schien es stets heller zu leuchten.

Sie vernahm Aidans Stimme: »Kannst du sie sehen, die Seelenfeuer? Wie schwach sie sind. Die meisten haben verlernt, sie zu nähren. Und die, die es vermögen, leiden. Umgeben von all den schwachen Lichtern schmerzt sie das Leuchten ihrer eigenen Seele, blendet sie.«

»Kann ich mein Seelenfeuer sehen?«

Sie sah sich selbst auf der Bank sitzend, eine gläserne Hülle nur, doch in ihrem Inneren loderte es, das Seelenfeuer. Hell, klar und stark wie eine Flamme, wie Aidan.

Dieser sprach: »Es ist hell und rein, ganz so, wie es sein sollte. Deshalb haben wir dich erwählt. Du bist wie wir, Kayleen. Du bist eine starke Seele, die das Gefängnis ihres Körpers zu sprengen bereit ist. Wir vermögen dir einen Ort zu geben, an dem diese feurige Kraft Raum zur Entfaltung hat.«

»Zeig es mir.«

Die folgenden Bilder entstammten nicht ihren Erinnerungen, Aidan zeigte ihr seine Welt: ein Wald, in dem Hunderte von kleinen Lichtkugeln umhersausten, Lachen lag in der Luft, Freude füllte den ganzen Raum, war förmlich greifbar. Eine andere Szene, über der spiegelglatten Oberfläche eines Sees schwebten zwei Irrlichter, dicht beieinander, in völligem Einklang, in tiefer Liebe.

»Das ist nicht alles, oder? Als du mir dein Innenleben zeigtest, fand ich nicht nur Liebe und Freude.«

Die Antwort bestand aus Bildern: Feuerkugeln, die über Schlachtfeldern schwebten, gefangen in Trauer; Irrlichter, die Hunger und Elend bezeugten.

Kayleen verstand. Dies war bedauerlicherweise ebenfalls Teil des Lebens und daher notwendig, um die ganze Intensität, das helle Glühen des Seelenfeuers hervorzubringen.

»Bist du gewillt, all dies mit mir zu teilen?«, fragte Aidan sie.

Welche Wahl hatte sie schon, verzehrte sie sich insgeheim schon so lange danach? Ihre Seele wollte frei sein! Sie würde frei sein!

Ein letztes Mal kehrten ihre Empfindungen zu ihrem Körper auf der Bank zurück. Ohne es zu bemerken, hatte sie die Hände fast vollständig um Aidans Gestalt geschlossen. Sie öffnete sie, ließ ihm Raum.

Das Summen war diesmal tiefer, durchdringender, versetzte ihre Knochen in Schwingungen. Das Leuchten ging nun von ihr aus. Aidan entfernte sich von ihrem Körper und sie folgte.

Ein kurzer Widerstand, als sie die Barriere der Haut durchstieß. Kayleen verlor den Kontakt zu der Hülle, die einst ihr Körper gewesen war. Einen Moment noch konnte sie ihn von außen betrachten, das lange kupferfarbene Haar, vom Wind zerzaust, die grünen Augen, vor Staunen ob der Vorgänge weit aufgerissen. Dann begann er sich aufzulösen, seine Substanz wurde vom Nachtwind davongetragen.

Nichts blieb zurück als zwei kleine Feuerbälle, die schon bald über dem verwilderten Garten aufstiegen, hoch hinauf in den Sternenhimmel schwebten sie, fort von den Lichtern der Stadt, denn es ist die Dunkelheit, die das Funkeln der Seele in voller Helligkeit erstrahlen lässt.

BEIM FRISEUR oder ZWERGINNENKLATSCH

Wäre die Kundin nicht so hart im Nehmen gewesen, hätte sie sicher aufgeschrien, als Dwai den Kamm durch ihren Bart zog. Wie hatte sie ihn nur so verkommen lassen können. Aber es stand Dwai nicht zu, sie deswegen zu schelten, schließlich sollte sie wiederkommen. Jede Kundin bedeutete einen neuen Edelstein oder Metallklumpen, und, in dieser Hinsicht war sie ganz Zwergin, davon konnte man schließlich nie genug haben. Vor ihrem inneren Auge entstand das Bild ihrer Truhe, noch war gerade so der Boden bedeckt. Sicher, es gab für eine Frau einfachere Arten, um Reichtümer anzuhäufen, es genügte, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu ziehen. Sie hatte nun mal diesen Weg gewählt.

So erstrebenswert die materielle Komponente ihrer Arbeit war, es ging ihr um mehr. Sie wollte Kunstwerke schaffen. Die Idee, ihren Geschlechtsgenossinnen bei der Herrichtung von Bart und Haaren hilfreich zur Seite zu stehen, war ihr während ihrer Zeit bei den Menschen gekommen. Sie hatte miterlebt, wie viel Aufwand Menschenfrauen betrieben, um ihr Äußeres aufzupolieren. Freilich war es für diese wesentlich wichtiger, wenn sie einen Mann finden wollten. Zwerginnen bedurften solcher Tricks eigentlich nicht, jede von ihnen konnte einen Mann haben, wenn sie denn wollte. Schließlich gab es mindestens doppelt so viele wie Frauen. Die Bemühungen der Zwerge um eine Zwergin konnten absurde Ausmaße annehmen; wenn sie es darauf anlegte, wurde sie mit Geschenken überhäuft.