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Es gibt immer einen Weg … . Den Ariadnefaden, der einen zurückbringt auf den Anfang – so verstehen sich viele meiner Kurzgeschichten. Der Leser sieht sich entführt in eine oftmals wahnwitzige Gefühlswelt. Darin scheint Unwahrscheinliches wahr zu werden. Das Buch zeigt auf, dass das Leben in einer oftmals grotesk erscheinenden, „ver-rückten“ Welt, in welcher alles aus den Fugen zu geraten droht, ohne die Fantasie oftmals leer und regelrecht ausgehöhlt wirkt. Manche der dargestellten Personen haben sich verloren, suchen oft verzweifelt in den Tiefen ihrer Seele nach dem Sinn ihres Lebens. Verzweiflung kann heilsam sein – kann helfen, den Weg zurück zu finden … zu sich selbst. Doch zeigt das Buch auch auf, dass Verzweiflung oftmals heilsam ist … helfen kann, den Weg zurück zu finden … zu sich selbst. Den akzeptieren, der man ist – eine Herausforderung gerade in dieser Zeit, in der mit manipulativen Techniken – siehe Social Media – oftmals die eigene Person infrage gestellt wird … verunsichert wird. Als Hoffnungsstrahl erweisen sich dann immer Menschen, mit denen man nicht gerechnet hat. Die Kurzgeschichten – eine Achterbahnfahrt der Eindrücke auf der Kreuzfahrt des Lebens.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2025
„Ordnung“ —
das ist nicht
fremde Kontrolle,
sondern die in uns
heranwachsende Kraft,
wahrhaftig zu werden.
Um unser Menschsein
jedoch zum Erstrahlen
zu bringen —
dazu braucht es
die Liebe.
wird nicht durch
Äußerlichkeiten bestimmt
— oftmals genügt
ein klitzekleines Wort,
welches den Bettler
dazu bringt,
seine Lumpen
dem Reichen
vor die Füße
zu schleudern.
Das Flüstern
der Felsen
11 skurrile Kurzgeschichten
Band 6
© 2025 Guido Sawatzki
Website: www.guidosawatzki.de
Lektorat von:
Guido Sawatzki und Desdemona Winkler
Coverdesign von:
Guido Sawatzki und Desdemona Winkler
Satz & Layout von:
Guido Sawatzki und Desdemona Winkler
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheber-rechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zu-stimmung unzulässig. Die Publikation und Ver-breitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu errei-chen unter: Guido Sawatzki, Walddorfer Straße 15, 71111 Waldenbuch, Deutschland .
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsver-ordnung:
Inhaltsverzeichnis
Erlösung ................................................................ 7
Schräge Gedanken ............................................ 29
Ein Herz und eine Seele .................................. 39
In Ketten ............................................................. 53
Loslassen ............................................................. 72
Die ZUSPÄTKOMMERIN .............................. 96
Nicht mit mir! .................................................. 106
Das Flüstern der Felsen ................................. 115
Ausgeglichen ................................................... 139
Eine Lüge zuviel .............................................. 154
Die abgelegte Frau .......................................... 177
Erlösung
„Sein Brustbein wurde aufgeschnitten.“ Ihre Feststellung mit Blick auf den Neuen am Tisch war nüchtern und sachlich; so, wie hier im Speisesaal über vieles — völlig emotionslos — schon morgens zwischen Rührei mit Schinken und Marmeladebrötchen geredet wurde.
Nein, das war für Bernds Geschmack denn doch etwas zu krass. Um sich an so etwas zu gewöhnen, müsste man ihm schon noch etwas Zeit lassen; immerhin war dies heute erst sein dritter Tag. Aber gut, schließlich war er es ja ge-wesen, der gefragt hatte … und die Antwort hatte er postwendend erhalten. Zwar nicht so, wie er das von einer Frau erwartet hätte — aber die Erklärung war sicherlich korrekt. Und wer bei Rote Beete-Salat gleich an eine Blutlache denkt, sollte vielleicht weniger Schauerge-schichten lesen.
***
Überhaupt lagen Bernd so unendlich viele Fragen auf der Zunge. Es interessierte ihn bei-spielsweise brennend, was es mit diesen schwarzen Westen auf sich hatte, mit denen ei-einen Harnisch aus dem 30-jährigen Krieg erin-nerten.
Die hätten die Aufgabe, den Brustkorb nach entsprechenden Operationen zusammenzuhal-ten, hatte ihn einer der Pfleger bereitwillig auf-geklärt. Ohne ein solches Hilfsmittel könnte der Patient sicherlich nicht so frei und unbeschwert umherlaufen.
Respekt, Respekt — die Leute hier kennen sich aus. Bernd war beeindruckt.
Dennoch empfand er es als Zumutung für sein Seelenleben, dass ausgerechnet seine Tischnachbarin mit ihrer Bemerkung über das Brustbein seinen Appetit gerade etwas verdarb … er fühlte sich in diesem Moment unmittelbar an seine Kindheit erinnert. Wenn es Huhn gab und seine Mutter das gebratene Tier bei Tisch mit einer riesigen Geflügelschere zerteilte … und dabei das Geräusch der brechenden Kno-chen — irgendwie gruselig. Sicherlich gehörte das dazu — schließlich wollte deswegen nie-mand auf das leckere Essen verzichten —, aber dennoch … .
Nein, das hätte nicht sein müssen — und dann ausgerechnet auch noch von IHR — wo aus einer Metzgerfamilie? Er beschloss, ihr ge-genüber lieber zurückhaltender zu sein.
Vielleicht war es nach so kurzer Zeit hier, in der Reha-Klinik, tatsächlich noch ein wenig voreilig, die Fühler nach „Bekanntschaften“ ausstrecken zu wollen — aber Bernd war nun mal kein Kind von Traurigkeit. Alleinsein konnte er nur schwer ertragen.
Im Grunde genommen fand er sie überaus attraktiv … ja, sie passte durchaus in sein Beu-teschema. Eines störte ihn auf den ersten Blick allerdings gewaltig. So schrullig, wie sie sich kleidete, mit ihrem mehrfach um den Körper geschlungenen Sari, schrammte sie wirklich haarscharf an seiner persönlichen Grenze des Erträglichen vorbei. Wie konnte man nur so herumlaufen?! Als er sie auf ihren ungewöhnli-chen Aufzug ansprach, erzählte sie ihm von ei-nem längeren Aufenthalt in Indien und wie praktisch sie seither diese Kleidung fände. „Ihnen würde das übrigens auch stehen“, meinte sie spitzbübisch.
„Ein Sari?“, fragte Bernd entsetzt.
„Nein, aber ein Dhoti, das männliche Gegen-stück zum Sari. Gerade bei hohen Temperatu-
Bernd war skeptisch, zumal man hierzu-lande nicht mit tropischen Bedingungen rech-nen musste. Deshalb war seine Bereitschaft zur Umsetzung dieser Idee nicht sonderlich ausge-prägt … mochte seine Tischnachbarin noch so sympathisch und sexy sein.
***
Zurück zur Tischrunde.
Vielleicht weil sie ihn, den Neuling testen wollten, möglicherweise auch, weil sie ihn für etwas unbedarft hielten — erwähnten sie im selben Atemzug die ungewöhnlich zahlreichen Suizide in dieser Gegend. Ursächlich hierfür war wohl eine Brücke, die aufgrund ihrer au-ßergewöhnlichen Höhe ein beliebtes Ausflugs-ziel war.
Weil es sich um eine ungesicherte Eisen-bahnbrücke handelte, war deren Betreten für Unbefugte ohnehin untersagt. Wer das Verbot ignorierte, der ging ein hohes Risiko ein. Die eingleisige Strecke diente überwiegend dem Güterverkehr — infolgedessen gab es keinen festen Fahrplan wie beispielsweise beim Perso-nennahverkehr. Zudem reichte der Raum links und rechts des Gleises gerade so für einen wag-vorbeifahrenden Zug mitgerissen zu werden und in die Tiefe zu stürzen, war demnach rela-tiv hoch.
Wenn sich also jemand auf die Brücke wagte, konnte man fast sicher sein, dass dies in selbst-mörderischer Absicht geschah. Die Chancen, einen Sturz in diese Schlucht zu überleben, standen in jedem Fall schlecht.
Nach Auskunft von Bernds Tischnachbarn war vor allem der Freitagabend eine besonders gute Zeit … zum Gaffen — und zum Springen! Welch ein Zufall, dachte Bernd bei sich … heute war Freitag — und die Brücke war auch noch ganz in ihrer Nähe.
Puuh — wie gruselig war das denn! Ein Thema schlimmer als das andere — zuerst das aufgeschnittene Brustbein, dann die Brücke … . Ganz schön heftig für den Anfang eines unbe-schwerten und vor allem heilsamen Aufent-halts in einer Rehabilitationseinrichtung!
Bernd war dieses Thema zwar persönlich sehr wichtig — vor allem aber wollte er seine Tischnachbarin, Amisha, beeindrucken —, des-halb nutzte er die Gelegenheit, ausführlich sei-nen Standpunkt zum Thema Suizid zum Besten ewig deren Geheimnis — außer, ein Abschieds-brief wurde hinterlassen. Dieser Vorgriff auf ei-nen natürlichen Tod sei allerdings — Bernd streckte warnend den Zeigefinger seiner rech-ten Hand in die Höhe — mit einem unsicheren Ausgang verbunden; so könnten die Springer dabei zwar wie gewünscht den Tod erleiden, möglicherweise aber auch „nur“ schwer ver-letzt sein. Das sei diesen Menschen aber egal. Sie würden es immer und immer wieder versu-chen — denn für sie sei der Tod das kleinere Übel.
Bernd holte tief Luft, um fortzufahren, da stoppte sein Gegenüber, ein älterer, grauhaari-ger Herr, seinen Redefluss.
„Was ist denn das für ein Unsinn, und wie unsensibel muss man überhaupt sein, um hier, bei Tisch, und noch dazu in einem Haus wie diesem, ein solches Thema breitzutreten.“
„Guter Mann! Bevor Sie sich weiter ereifern, erklären Sie mir doch bitte, welcher Punkt in meinen Ausführungen Ihrer Meinung nach nicht korrekt war. Glauben Sie mir, mit dieser Thematik habe ich mich intensiv auseinander-gesetzt. Ich kenne mich damit sowohl auf der menschlichen wie auch auf der sachlichen Erfahrung gemacht, dass man hier mit Ver-nunft allein nicht weit kommt — mit Emotio-nen allerdings ebenso wenig“, entgegnete Bernd selbstbewusst.
Als sein Gegenüber nichts erwiderte, fuhr er fort. „Für mich spielen bei einem Suizid vor al-lem die Motive eine Rolle — und davon gibt es genügend: Von enttäuschter Liebe über Ver-zweiflung bis zum inneren, kaum auszuhalten-den Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen und der Trauer, die einen auffrisst. …“.
Bernd geriet ins Stocken. Er spürte, dass er an einer roten Linie angelangt war — eine Grenze, die an etwas Hochsensiblem in seinem Innersten rührte. Etwas, das nichts, aber auch gar nichts im grellen Licht der Öffentlichkeit verloren hatte. Zu sehr erinnerten ihn seine Worte an seine eigene Geschichte. Und er war ganz bestimmt nicht hierhergekommen, um Persönliches zu erörtern.
Um seinem Gegenüber den Wind aus den Segeln zu nehmen, schoss Bernd gleich hinter-her. „Und Sie, guter Mann, waren Sie übrigens schon mal bei der Brücke? Und sind Sie dort auf dem äußersten Rand gestanden und haben sich interessant für mich zu wissen, ob Sie danach immer noch meinen, dass ich Unsinn rede!“
Sein Gegenspieler grinste Bernd an. „Nein, bisher nicht, aber falls Sie mal Lust haben soll-ten, runterzuspringen — geben Sie mir vorher ruhig Bescheid. Ich bringe dann meine Kamera mit. Sie müssen wissen, ich war früher Presse-fotograf. Meine Fotoausrüstung schleppe ich nach Möglichkeit immer mit — man kann ja nie wissen. Sie liegt auch jetzt griffbereit in meinem Zimmer!“.
Bernd verdrehte die Augen. „Sie erhalten rechtzeitig Nachricht! Ich versprech’s.“
***
Amisha, Bernds neue indische Bekannt-schaft, war von der Debatte sichtlich aufge-wühlt. Das machte ihn dann doch neugierig, zumal er sich zu ihr sehr hingezogen fühlte.
„Ich habe den Eindruck, dass dir der kleine Disput bei Tisch gerade eben ziemlich nahege-gangen ist. Darf ich fragen, ob es einen Grund dafür gibt?“
Amisha biss sich auf die Lippen, schaute Bernd lange an. Ihm war, als würde sie abwä-er sich schon damit abgefunden, einen Korb zu bekommen, als sie unvermittelt zu sprechen be-gann.
Irgendwann habe sie von den rastlosen Men-schen hier in Deutschland die Nase voll gehabt und sich nach einem Kurzurlaub in Indien spontan entschlossen, Land und Leute näher kennenzulernen. Dabei sei sie in einem Dorf auf dem Lande hängengeblieben und habe dort einen älteren Mann kennen- und lieben gelernt. Zwei Jahre lang hätten sie glücklich und in Frie-den zusammengelebt. Dazu müsse man wis-sen, dass die Familie, in die sie hineingeheiratet habe, ihr Leben streng nach dem Hinduglau-ben ausrichte. Für sie sei es selbstverständlich gewesen, sich der Religion ihres Mannes anzu-schließen. Das habe sie nicht nur oberflächlich getan oder etwa lediglich aus Liebe zu ihm. Vielmehr hätte sie sich intensiv mit dem Hin-duismus auseinandergesetzt und dessen ethi-sche Leitprinzipien und Verhaltensnormen aus innerer Überzeugung übernommen. Bald nach ihrer Eheschließung sei ihr Mann jedoch schwer erkrankt und wenig später verstorben.
Mit dem Tod des Familienoberhaupts habe sich dann alles verändert. Zu ihrem Entsetzen am Todestag wie selbstverständlich die Spra-che auf das Thema Witwenverbrennung ge-bracht. Zwar sei diese in Indien schon seit 1829 verboten, dennoch sei diese in manchen Regio-nen immer noch Praxis und eine Frage der Ehre; so auch in dem abgelegenen Ort, in wel-chem sie mit der Familie gelebt habe.
Lasse sich dort eine Witwe nicht gemeinsam mit ihrem verstorbenen Gatten verbrennen, er-klärte sie mir, dann werde diese von der Fami-lie quasi verstoßen, sei rechtlos und habe dar-über hinaus das Problem der Versorgung. So-mit laufe sie Gefahr, irgendwann als Bettlerin oder Prostituierte zu enden.
Sie sei zutiefst schockiert gewesen, erzählte Amisha weiter. Ihren Mann habe sie tatsächlich geliebt. Lange vor ihrer ersten Begegnung hät-ten sie sich Briefe geschrieben, in denen sie ihre intimsten Gedanken und Gefühle austausch-ten. Diese Briefe habe sie heute noch und hüte sie wie einen Schatz. Ganz bestimmt hätte ihr Mann niemals ihrer Verbrennung zugestimmt — auch wenn es der Familientradition wider-sprechen würde.
Ebenfalls habe er ihre christlichen und west-lichen Wurzeln stets akzeptiert; im Gegensatz seiner Familie als auch im Dorf sei er weltoffen gewesen und habe sie in keiner Weise in ir-gendeine Richtung gedrängt. Daran habe sie, Amisha, die mit der westlichen Wertekultur großgeworden sei, sich nach seinem Tod schmerzlich erinnert, fuhr sie fort. Nach lan-gem innerem Kampf habe sie aber keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als sich dem mitt-lerweile übermächtig gewordenen Druck von-seiten der Familie durch sofortige Flucht zu entziehen.
Seitdem fühle sie sich in mehrfacher Hin-sicht schuldig; zum einen, weil sie die Familie, die sie doch einst so liebevoll aufgenommen hatte, enttäuscht habe. Ihr Gewissen belaste je-doch besonders die Erkenntnis, dass es ihr — zumindest aus der Sicht der Familie — wäh-rend dieser Jahre nicht gelungen war, die vor-herrschende Lebensart für sich zu verinnerli-chen; ganz abgesehen davon, dass sie damit zu-gleich große Schande über die Gemeinschaft der Familie ihres Mannes gebracht habe.
Amisha konnte ihren Schmerz nicht länger zurückhalten. Sie schlug die Hände vors Ge-sicht und fing laut zu schluchzen an. Die Pati-enten, die mit am Tisch saßen, wurden schon aufmerksam. Erst als Bernd tröstend seinen Arm um sie legte, beruhigte sie sich ein wenig.
Er versuchte, sie zu überzeugen, dass sie das Richtige getan habe, weil jeder Mensch das Recht habe, selbst über sich zu entscheiden. „Da kann und darf sich keine Religion einmi-schen, Amisha!“.
Ein Blick in ihre Augen ließ ihn jedoch erken-nen, dass solche Sätze an ihr abprallten. Jene zwei Jahre auf dem indischen Subkontinent mit seiner völlig andersartigen Kultur und vor al-lem ihr Eintauchen in die Welt des Hinduismus hatten bei ihr offensichtlich tiefe Spuren in Geist und Seele hinterlassen.
Nach einer kurzen Unterbrechung, in der sie beide schwiegen und ihren Gedanken nachhin-gen, nahm Amisha den Gesprächsfaden wieder auf. „Du hattest vorhin gemeint, dass du eben-falls Erfahrungen mit dem Tod gemacht hast, Bernd. In meinen Ohren klingt das sehr rätsel-haft. Bitte erzähl mir etwas darüber.“
***
Bernd zögerte. Er hatte das Gefühl, sich selbst eine Falle gestellt zu haben — und das
Sollte er etwa von seiner Frau erzählen, de-ren Tod vor zehn Jahren er bis heute nicht ver-arbeitet hatte?
Davon, dass er sich seitdem von einem „Er-eignis“ zum nächsten hangelte? Von ihrem Ge-burtstag zu ihrem Todestag — und das Jahr für Jahr?
Und dass er sich jedes Mal fest vornahm, das nächste Datum nicht mehr zu erleben?
Dass ihm sein Leben schon lange sinnlos vorkam?
Der heutige Freitag war zudem auch noch IHR Todestag. Freitag, der Tag der Lebensmü-den und der Gaffer. Bernd lachte bitter auf. Wa-rum eigentlich sollte er Amisha nicht seine Ge-schichte erzählen? Vielleicht würde das ein we-nig ihren Schmerz — und ein bisschen auch sei-nen — lindern.
„Hast du Lust auf einen kleinen Spazier-gang, Amisha … jetzt gleich? Draußen, in der freien Natur, lässt es sich besser reden. Ich glaube, das könnte uns beiden guttun.“
Zwar war Bernd gerade mal drei Tage hier, dennoch war er schon jetzt für jede Gelegenheit dankbar, dem Reha-Alltag zu entkommen. Ihm nicht zu spaßen war und deshalb nahm er auch sämtliche Therapieangebote an und übte fleißig mit — trotzdem sehnte er das Ende seines Auf-enthalts hier herbei … überhaupt das Ende an sich, wenn er ehrlich zu sich selbst sein wollte.
Seine Freizeit nutzte er überwiegend dafür, seine Gedanken zusammenzufassen und nie-derzuschreiben. So entstand eine Art Tage-buch, in dem Fantasie und Gegenwart mitei-nander konkurrierten. Wenn dann noch die Fantasie zur Wirklichkeit wurde … .
Bernd liebte es, kleine surreale Elemente in seine Geschichten einfließen zu lassen. Da emp-fand er seine derzeitige Umgebung fast wie das Tüpfelchen auf dem „i“ — vor allem jetzt die Sache mit der Todesbrücke. Die Erzählungen darüber hatten ihn mehr als nur inspiriert; zu-mal Charaktertypen wie diese Amisha noch zu-sätzlich Stoff lieferten — und möglicherweise Teil der Geschichte wurden. Bernd spürte, dass er wieder einmal dabei war, über sich selbst hinauszuwachsen — und bereit, bis hart an die sogenannten moralischen Grenzen zu gehen!
Witwenselbstmord musste es nicht bloß in Indien geben. Vielleicht konnte er Amisha so-gar „überreden“ … .
Die letzten Stunden hatten in Bernd etwas wachgerufen, was er jedoch nicht genau benen-nen konnte. Schon etliche Male hatte er in der Vergangenheit festgestellt, dass er manchmal plötzlich ein „anderer“ wurde, wenn die „dunkle Seite“ in ihm angestoßen wurde, — zu jemandem, den er kaum wiedererkannte … er dann völlig anders „tickte“ Es war eine Seite, die er eigentlich verabscheute. Ganz besonders schlimm war es, wenn er die Kontrolle darüber verlor.
Und genau jetzt hatte er das sichere Gefühl, dass es wieder mal soweit war … und es kein Entrinnen gab.
„Treffen wir uns in einer halben Stunde an der Rezeption, Amisha? Ich muss nur noch ein paar Sachen zusammensuchen. Ein Regencape wäre auch nicht schlecht. Bis gleich.“ Er winkte ihr zu.
***
Amisha musste fast eine dreiviertel Stunde warten. „Sorry, Amisha, was meinst du, wie lange ich gebraucht habe, endlich mein Cape zu finden.“
„Du, Bernd, hast du den Wegweiser auch ge-sehen?“.
Und ob er den gesehen hatte … und genau das war ja sein Ziel — die Brücke. Bereits vor-hin bei Tisch hatte er überlegt, dass eine Stipp-visite zu einem solchen, anscheinend berüch-tigten Ort eine ganz lehrreiche Begegnung sein könnte und sie beide möglicherweise ihrem ge-meinsamen Ziel näherbrächte. Schade nur, dass der Nebel zunehmend dichter wurde. Den Ausblick von der Brücke konnte man sich da wahrscheinlich abschminken. Andererseits passte genau das zu der Story, die er im Kopf hatte.
„Da ist sie … siehst du sie auch, Bernd?!“. Amisha schien aufgeregt zu sein. Der Nebel be-gann an einigen Stellen aufzureißen. Ihr bedeu-tete die Brücke vermutlich mehr als den meis-ten anderen Besuchern hier. Diese Brücke mit den düsteren, unheilvollen Geschichten war für sie vor allem angesichts des Schattens, der sich auf ihr Leben gelegt hatte, nicht nur ein Bauwerk … für Bernd im Übrigen auch nicht. Er sah in ihr so etwas wie ein Vanitas-Symbol … ein Zeichen für Vergänglichkeit und Tod — und damit den Hinweis auf die Endlichkeit
„Komm, Amisha, da vorne ist ein überdach-tes Plätzchen. Setzen wir uns doch dort etwas hin. Die vorbeiziehenden Nebelfetzen laden zwar nicht unbedingt zum Kuscheln ein, aber etwas Prickelndes hat dieser Ort mit seiner düs-teren Geschichte schon an sich — finde ich zu-mindest. Vor allem sind wegen des Wetters so gut wie keine Leute unterwegs … . Ich habe uns auch etwas Heißes zum Aufwärmen mitge-bracht.“
Amisha schaute ihn mit großen, fragenden Augen an.
„War das bei euch nicht üblich? Bei uns war es immer Brauch auf unseren Wanderungen, dass wir mindestens eine Getränkepause einge-legt haben. Kennst du das etwa nicht?“
Amisha sagte nichts, setzte sich aber zu ihm. Ja, bei sonnigem Wetter war das hier wirklich ein lauschiges Plätzchen; sogar einen kleinen, aus einem Baumstumpf geschnitzten Tisch gab es in der Mitte des Unterschlupfes.
Amisha war irgendwie mulmig zumute. Un-sinn, dachte sie, wahrscheinlich machte ihr ja auch nur der Nebel Angst, der sich wie ein schicksalsschwerer Schleier um sie beide gelegt
Bernd goss aus einer mitgebrachten Warm-haltekanne Tee ein. „Habe ich gerade vorhin noch rasch aus dem großen Teekessel abgefüllt, bevor wir aufbrachen. … Um doch noch auf un-ser Gespräch von vorhin zurückzukommen, Amisha: Wenn man, wie du im Falle deiner Fa-milie, schwere Schuld auf sich geladen hat, dann muss dieser Zustand ja nicht auf ewig bei-behalten werden — da ist doch eigentlich jeder bestrebt, sich davon wieder reinzuwaschen … sich innerlich zu befreien. Ein solcher Wunsch ist doch ganz normal — habe ich Recht, Amisha?“
Er schob ihr einen der beiden Pappbecher zu. „Komm, trink. Er wird uns guttun, gerade bei diesem abscheulichen Wetter.“
Amisha setzte den Becher an die Lippen … wollte trinken. Zögerte. Irgendetwas in ihr stemmte sich dagegen. Ein Hustenanfall schüt-telte sie durch und durch; sie konnte den Be-cher gerade noch abstellen. Bernd stand sofort auf und klopfte ihr besorgt auf den Rücken.
