Das Fundament der Hoffnung - Ladina Bordoli - E-Book

Das Fundament der Hoffnung E-Book

Ladina Bordoli

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Beschreibung

Zwischen Hoffnung und Liebe, Freiheit und Konvention – der Auftakt der großen Familiensaga

1956, Comer See. Als ihr Bruder bei einem tragischen Unfall stirbt und ihr Vater vor Trauer gelähmt ist, liegt auf einmal alle Verantwortung bei Aurora Mandelli. Mit neunzehn Jahren ist sie von einem Tag auf den anderen die Geschäftsführerin eines Bauunternehmens und kämpft um das Überleben ihrer Familie. Skepsis und Ablehnung wehen der jungen Frau von den Arbeitern und den Kunden entgegen. Nur der Maurer Michele scheint an ihrer Seite zu stehen. Und Aurora verliebt sich unsterblich in ihn. Doch als ein weiterer Schicksalsschlag die Familie Mandelli erschüttert, muss sich Aurora fragen, ob sie Michele wirklich vertrauen kann.

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Seitenzahl: 420

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Das Buch

»Dunkelheit legte sich über die lombardischen Berge in der Ferne und über das kleine Dörfchen Cerano. Durch die lang gezogenen Flure des Hauses der Familie Mandelli hallten gedämpfte Stimmen. Aurora stand an der Tür zum Wohnzimmer. Nonna Camilla saß mit halb geschlossenen Augen in einem altrosafarbenen Sessel direkt neben der Couch und murmelte leise vor sich hin. Auroras Vater hatte bleich und mit starrem Blick auf der Couch Platz genommen und umklammerte die Hand seiner Mutter.

Aurora drückte sich kurz die kühlen Hände an die glühenden Wangen. In der Mitte des Raums lag Auroras Bruder Tommaso auf seinem Totenbett. Er war so bleich und still … Aurora konnte einfach nicht glauben, dass sie sein kehliges Lachen nie wieder hören würde.«

Der Tod ihres Bruders verändert für die neunzehnjährige Aurora alles. Von einem Tag auf den anderen übernimmt sie das Bauunternehmen der Familie – und somit auch die Verantwortung für die Existenz der Mandellis. Steine werden ihr in den Weg gelegt, doch Aurora hört nicht auf zu kämpfen. Für ihre Familie, für ihren Mann und schließlich auch für ihre Tochter Rosalba, die das Unternehmen eines Tages erben soll …

Die Autorin

Ladina Bordoli wurde 1984 in der Schweiz geboren. Seit ihrer Ausbildung zur Fachfrau für Unternehmensführung arbeitet sie im elterlichen Bauunternehmen und führt eine eigene Werbetechnik-Firma. Ihre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben, dem sie sich überwiegend am Wochenende und an den Feiertagen widmet. Sie lebt im Prättigau, einem kleinen Tal in den Schweizer Alpen.

Ladina Bordoli

Das Fundament der Hoffnung

Roman

Band 1 der Mandelli-Saga

Wilhelm Heyne Verlag München

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Originalausgabe 08/2021

Copyright © 2021 by Ladina Bordoli

Copyright © 2021 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Katja Bendels

Umschlaggestaltung: bürosüd, München, unter Verwendung von © Trevillion Images / Ildiko Neer

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-26600-4V002

www.heyne.de

Prolog

Cerano d’Intelvi, Norditalien

Juni 1948

Die ersten Strahlen erhellten die grünen Bergwipfel am Horizont des Val d’Intelvi. Der Garten auf dem sanft absinkenden Gelände unterhalb des Hauses lag noch im Schatten. Tautropfen glänzten auf dem Gras, und die Feuchtigkeit fraß sich an den Knien durch Auroras Kleid. Die kühle Morgenluft prickelte auf ihren Wangen. Nervös warf sie einen Blick über die Schulter zum Haus zurück, das ihr Großvater Tommaso – wenn man den Erzählungen von Nonna Camilla glauben wollte – mit eigenen Händen aus Stein erbaut hatte.

Scheu und einsam stand es, umgeben von grünen Wiesen und buschigen Obstbäumen abseits des Dorfes mit Blick auf das stufenweise abfallende Tal. Zwei Reihen militärisch angeordneter Fenster mit grünen Klappläden verliehen dem sandfarbenen Gebäude den Anblick einer eigenwilligen Mischung aus Kaserne und Herrenhaus. Der von Laubbäumen überschattete Hof vor der Eingangstür und die Sonnenterrasse in der ersten Etage boten der Familie vor allem im Sommer einen perfekten Rückzugsort, um die Tage im Freien zu verbringen. Aurora jedoch liebte vor allem den von Sträuchern und Ranken überwucherten, mit einer Trockensteinmauer umrandeten Garten. Dort hatte ihr Vater Daniele für sie und ihren Bruder Tommaso eine Holzschaukel und einen Sandkasten aufgebaut. Daneben gab es noch einen kleinen Gemüsegarten für Mamma und Nonna Camilla. Direkt nebenan grasten jetzt im Sommer die Pferde der benachbarten Bauern auf der Weide.

Noch hatte man sie nicht entdeckt. Flink klopfte Aurora den Sand in Form und bearbeitete die Details ihrer Arbeit mit einem Holzzweig. Um ein wirklich schönes Schloss bauen zu können, musste man den Sand formen, solange er noch feucht war. Die beste Konsistenz, das wusste Aurora aus Erfahrung, wies er am Morgen nach einem Sommergewitter auf. Fest und schwer lag er dann in der Hand – eine kühle Knetmasse, die ihren luftigen Träumen Gestalt verlieh. Sie betrachtete das Märchen, das sie soeben mit ihren eigenen Händen aus Sand und Regenwasser erschaffen hatte – ein wunderschönes, mit fünf Türmen versehenes Schloss. Den Innenhof hatte sie mit Kieseln ausgelegt, und in dessen Mitte lud ein Platz mit einem Springbrunnen zum Verweilen ein. Im Brunnen befand sich noch kein Wasser, da würde sie sich noch etwas einfallen lassen müssen, aber die Zinnen der Burg waren bereits mit Blumen und Gräsern verziert, und ein großzügiger Wassergraben schützte das Bollwerk vor unerwünschten Eindringlingen. Perfekt wäre, wenn darin noch Fische schwimmen könnten. Dazu müsste sie …

»Aurora!« Die Stimme ihrer Mutter Armida durchschnitt die Luft wie ein Donnergrollen. Aurora zuckte zusammen. Hatte Tommaso etwa wieder gepetzt? Natürlich hatte er das.

Die ersten warmen Sonnenstrahlen bahnten sich bereits einen Weg über die Köpfe der buschigen Hecken hinweg. Sobald sie das Sandschloss erreichten, würde es Stück für Stück in sich zusammenfallen.

Aurora spürte die Elektrizität der nahenden mütterlichen Gewitterwolken förmlich in ihrem Rücken. Verzweifelt an ihrer Unterlippe nagend blickte sie auf ihr Werk und dann an sich hinunter. Der feuchte Sand hatte dunkle Flecken auf ihrem Kleid hinterlassen. Die würden zwar wieder trocknen, doch vermutlich erst, wenn die Messe schon vorbei war. Sie seufzte. Jetzt blieb ihr nur, wenigstens eilig die Sandreste unter ihren Fingernägeln herauszukratzen.

»Gütiger Himmel, was zum …« Ihre Mutter schnappte hörbar nach Luft. »Aurora!« Dieses Mal glich ihre Tonlage dem grellen Zucken eines Blitzes am Himmel. »Was in aller Welt tust du da?«

Aurora drehte sich langsam um und versuchte, möglichst ruhig zu bleiben. Sie wusste ja selbst nicht genau, was an diesem Morgen in sie gefahren war. Beim Anblick der perfekten Modelliermasse hatte sie einfach alles um sich herum vergessen, den Besuch in der Kirche ebenso wie ihr schönes blaues Kleid. Ihre Gedanken purzelten wild durcheinander, lockten mit prunkvollen Gewölben, auf Hochglanz polierten Böden, in der Sonne funkelnden Scheiben an stolzen Türmen …

Aurora räusperte sich und fühlte, wie ihre Wangen glühten. Sie hatte sich wieder einmal in ihren Träumereien verloren und konnte verstehen, dass ihre Mutter wütend auf sie war. Mit ihren elf Jahren war sie zu alt, um sich wie ein Kleinkind zu benehmen. Zumal sie ausgerechnet ihr Sonntagskleid trug, und ein neues noch dazu. Nonna Camilla, deren Passion das Nähen war, hatte es speziell für sie angefertigt.

Mammas Blick streifte entsetzt von Auroras sandgepeinigtem Kleid über ihre wahrscheinlich mit grauen Sandwolken verschmierten Wangen bis hinauf zu ihren wirren schwarzen Locken.

Oje.

Mammas graubraune Augen glitzerten verräterisch. Würde sie jetzt schon wieder weinen, wie so oft, wenn sie ihre Tochter dabei ertappte, dass sie mit einer Maurerkelle anstelle einer Puppe spielte? Dabei wollte Aurora ihre Mutter nicht verletzen, das war nie ihre Absicht gewesen. Wie so oft, hatte sie sich einfach vergessen.

»Wo ist Tommaso?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

»Dort, wo er sein sollte. An der Haustür. Bereit für die Kirche. Sauber.«

Sauber … So wie Mamma es betonte, klang es unheilvoll. Aurora schluckte betreten und senkte den Blick. Sie hätte sich nicht von ihren Gedanken verzaubern lassen, sondern auf ihre Pflichten besinnen sollen.

»Geh und zieh dir das alte rosa Sonntagskleid an. Wasch dir das Gesicht und kämm dich! Abmarsch, aber schnell. Wir werden wieder die Letzten sein!« Mamma presste die Lippen aufeinander und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre zu schwungvollen Locken geföhnten kastanienbraunen Haare wippten im Takt ihrer Verärgerung.

O ja, sie war wütend. Sehr wütend.

Aurora huschte mit gesenktem Kopf an ihr vorbei ins Haus und lief die Treppe hinauf in die obere Etage. Gespenstisch hallte der Klang ihrer Schritte durch das Haus. Dabei schweiften ihre Gedanken schon wieder ab. Man hätte den Fußboden hier im Haus auch mit einem fantasievolleren Muster oder gar einem Mosaik belegen können. Ihr Zimmer sah aus wie ein Schachbrett, und der Flur erinnerte eher an ein Krankenhaus …

Oben angekommen riss sie sich das sandbeschmutzte Kleid vom Leib und zog ihr rosafarbenes über. An den berühmt-berüchtigten Camilla-Locken, die von ihrer Großmutter über ihren Vater an sie weitervererbt worden waren, scheiterte sie beinahe. Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte sie, die wirren Strähnen zu teilen. In solchen Momenten beneidete sie Mamma um deren glatte, glänzende Haare, die sich in jede beliebige Form frisieren ließen.

Als sie fertig war, blickte sie zur Kontrolle noch einmal in den Spiegel. Abgesehen von ihrer störrischen Haarpracht teilte Aurora mit ihrem Vater auch noch dessen runde Nase, die in ihrem Gesicht zum Glück recht zierlich ausgefallen war. Ihre vollen Lippen und die kräftige Figur hingegen hatte sie von ihrer Mutter geerbt.

Aurora lief nach unten in die Eingangshalle, wo bereits alle Familienmitglieder mit vorwurfsvollen Mienen auf sie warteten – mit einer Ausnahme: Tommasos Mundwinkel berührten beinahe seine Ohren, so breit grinste er. Mit seinem Sonntagsanzug und den sorgsam zur Seite gescheitelten Haaren machte er einen vorbildlichen Eindruck. Abgesehen von seiner etwas rundlichen Körperform und der dazu passenden kräftigen Nase, die er Papa zu verdanken hatte, war ihr Bruder das Ebenbild seiner Mutter.

»Petze!«, zischte Aurora und warf ihm einen strafenden Blick zu.

»Reine Notwehr, Schwesterlein«, flüsterte er, während sie nebeneinander hinter ihren Eltern und Nonna Camilla nach draußen auf den Hof traten. Dabei tanzten seine buschigen Augenbrauen spöttisch auf und ab. »Ich war gerade auf dem Weg in die Küche, um mir ein paar biscotti in die Tasche zu stopfen, als Mamma auf der Türschwelle erschien. Um sie abzulenken, sagte ich, ich hätte dich gerade aus der Tür rennen sehen. Ist es nicht einfach famos mitanzusehen, wenn sie sich so schrecklich aufregt?« Er strahlte sie voller Entzücken an. »Ach, nun mach nicht so ein Gesicht, kleine Schwester. Ich schenke dir gleich etwas von meinem Kirchenproviant, versprochen.«

Aurora schüttelte verärgert den Kopf. Ihr Bruder sorgte ständig für Tumult im Hause Mandelli, entweder indem er selbst Mamma durch sein Verhalten zur Weißglut trieb, oder indem er ihren Zorn provozierte, weil er Aurora bloßstellte oder neckte.

Tommaso umarmte Aurora innig und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Sei mir nicht böse, Auri … du kriegst die Hälfte der Beute, einverstanden?«

»Gut.« Sie nickte. Darauf ließ sie sich gern ein, denn so wurde ihr Opfer wenigstens anständig belohnt.

Bevor sie losliefen, wandte sich Aurora ein letztes Mal um und warf einen sehnsüchtigen Blick in den Garten. Die Sonne war mittlerweile weitergewandert und sandte ihre heißen Strahlen auf sie hinunter.

Sie würde ein neues Schloss bauen müssen …

Kapitel 1

Cerano d’Intelvi, Norditalien

April 1956

Dunkelheit legte sich über die lombardischen Berge in der Ferne und über das kleine Dörfchen Cerano. Durch die lang gezogenen Flure des Hauses der Familie Mandelli hallten gedämpfte Stimmen. Aurora stand an der Tür zum Wohnzimmer und begrüßte Verwandte und enge Freude. Sie alle waren gekommen, um der Familie in dieser schweren Stunde beizustehen. Tröstende Umarmungen und die üblichen Beileidsbekundungen wurden ausgetauscht.

»Bitte, setzt euch.« Aurora wies auf die robusten Holzstühle, die sie in Erwartung der Kondolenzbesuche aus der Küche geholt hatten. Die feudalen Sitzgelegenheiten waren bereits vergeben. Nonna Camilla saß mit halb geschlossenen Augen in einem altrosafarbenen Sessel direkt neben der Couch und murmelte leise vor sich hin. Der rechte Mundwinkel hing dabei schief nach unten. Seit sie vor fünf Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, war sie nicht mehr dieselbe.

Auroras Vater hatte bleich und mit starrem Blick auf der Couch Platz genommen und umklammerte die Hand seiner Mutter, als könnte sie ihn vor dem Untergang retten. Einige betagte Dorfbewohner, die mühsam den langen Weg bis hinaus zum Landhaus der Mandellis gekommen waren, füllten die übrigen freien Sitzplätze auf dem Sofa und den Stoffsesseln. Wie Nonna Camilla dämmerten auch sie im Halbschlaf vor sich hin. Auf der linken Seite, um den steinernen Kamin herum, standen ein paar jüngere Freunde und Bekannte und unterhielten sich leise. Die schweren Stoffvorhänge, die massiven Möbel und die in die niedrige Decke eingebrachten Holzbalken verschluckten jedoch ohnehin die meisten Geräusche.

Aurora drückte sich kurz die kühlen Hände an die glühenden Wangen. Fiebrige Wärme erfüllte das volle Wohnzimmer.

In der Mitte des Raums lag Auroras Bruder Tommaso auf seinem Totenbett. Die robuste Holzwand an der Kopfseite des Sargs war mit Blumengeschenken übersät. Er war so bleich und still … Aurora konnte einfach nicht glauben, dass sie sein kehliges Lachen nie wieder hören würde.

Langsam schritt sie durch den Raum und setzte sich auf den letzten noch freien Stuhl direkt neben dem Sarg. Ihre zitternden Hände spielten mit dem Amulett, das sie um den Hals trug. Der Schmuck war einem grob behauenen Stein in Form eines Senkbleis nachempfunden und hatte ihrem Bruder gehört, der ihn niemals abgelegt hatte, weder bei der Arbeit noch beim Schlafen oder Baden. Diesen Anhänger zu tragen, gab Aurora das Gefühl, Tommaso nahe zu sein. Als das morsche Baugerüst bei der Sanierung der Hausfassade der Colombos in Castiglione unter ihm nachgegeben hatte, war das Kleinod mit ihm zusammen in die Tiefe gestürzt. Über die Details wollte sie lieber nicht nachdenken. Auf keinen Fall wollte sie seine widernatürlich verrenkten Glieder und sein blutüberströmtes Gesicht mit den erschlafften Zügen in ihrer Erinnerung verewigen …

Nein.

Sie dachte an den schiefen Schneidezahn, den man so deutlich gesehen hatte, wenn er lachte, an sein albernes Kichern, wenn er sich bei etwas ertappt gefühlt hatte, die liebevolle Art, wie er sie immer Auri gerufen hatte.

Das waren die Dinge, die Aurora in ihrem Herzen und in ihren Gedanken bewahren wollte. Nicht die grauenhaften Bilder seiner letzten Minuten auf Erden. Das war nicht Tommaso.

Auroras Mutter, ihre Tante Carla und ihre beiden Cousinen Emma und Daria gingen durch den Raum und boten den Anwesenden auf Tabletts Brioches und diverses Gebäck an. Dazu reichten sie Espresso.

Als Mamma auch vor ihr stehen blieb, schüttelte Aurora dankend den Kopf. Müdigkeit drückte bleischwer auf ihre Schultern und zog an ihren Lidern. Die Stunden der Totenwache zogen sich endlos dahin. Zugleich fühlte sich ihr Magen an wie ein flammendes Inferno – sie konnte jetzt unmöglich etwas essen, auch wenn Mammas vorwurfsvoller Blick ihr genau das nahelegte.

Alle im Raum redeten leise und mit gedämpften Stimmen, als wäre es eine Beleidigung für den Verstorbenen, sich in einer normalen Lautstärke zu unterhalten. Dabei hätte Tommaso es ganz sicher bevorzugt, wenn man bei seiner Totenwache gelacht und dem Leben gehuldigt hätte. Er selbst hatte Trauerveranstaltungen immer als unnatürlich bedrückend empfunden und nie verstanden, warum das so sein musste.

Die meisten Anwesenden schienen ihn offensichtlich nicht besonders gut gekannt zu haben, denn sonst hätten sie sich ebenso wie Aurora daran erinnert, dass er lieber gelacht als geweint hatte, und dass er gerne laut und gestenreich geredet hatte, anstatt sich in einem so unnatürlichen Flüsterton zu unterhalten.

»Mein herzliches Beileid.«

Aurora blickte auf und wandte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam.

»Ich weiß, wie es sich anfühlt, geliebte Menschen zu verlieren. Ich wünsche dir die nötige Kraft, um die Trauer zu tragen, aber auch den Mut, die Erinnerung an Tommaso lebendig zu halten. Er wird mir fehlen.«

Es war Michele Tunesi, der zu ihr sprach, der einzige Maurer in der winzigen Baufirma ihres Vaters, die etwa dreißig Gehminuten entfernt im etwas größeren Castiglione d’Intelvi lag. Aurora kannte seine tragische Familiengeschichte. Seine Eltern waren schon jung verstorben, und er war als Waisenkind bei seiner kaltherzigen und kinderfeindlichen Tante aufgewachsen.

Sie erhob sich, trat einige Schritte vom Sarg ihres Bruders weg und begrüßte ihn förmlich.

»Tommaso mochte solche Veranstaltungen nicht«, sagte Michele. »Sie waren ihm immer zu tragisch.« Ein trauriges Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Er hielt eine Espressotasse in der Hand und knabberte an einer Brioche. Sein sorgfältig zurückgekämmtes Haar schimmerte so schwarz wie die Federn eines Raben, und der Schatten eines Bartes betonte sein kantiges Kinn. Tiefbraune Augen musterten sie neugierig. Er hatte sich Tommaso zu Ehren in einen Anzug gequetscht, dessen Jackett an den Schultern spannte. Das Hemd in klassischem Weiß war ihm im Brustbereich eindeutig zu eng und an Bauch und Hüften zu weit.

Aurora kannte Michele schon seit vielen Jahren, hatte ihn jedoch schon länger nicht mehr gesehen. Früher hatte sie ihrem Vater in den Schulferien hin und wieder bei einigen Arbeiten helfen dürfen – sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die der Ansicht war, dass dies keine Tätigkeiten für eine junge Frau seien. Nach dem Ende ihrer Schulzeit war Aurora den Baustellen dann auch ferngeblieben. Für ein vierzehnjähriges Mädchen schickte es sich nicht länger, auf Gerüsten herumzuturnen, mit älteren Männern zu lachen und sich die Hände und Fingernägel an den rauen Steinen aufzureißen. Tatsächlich waren die Blicke der Handwerker auch zunehmend neugieriger geworden, und selbst die Kunden hatten Aurora mit mehrdeutigem Interesse gemustert. Das war auch ihr selbstverständlich nicht entgangen. Sie konnte nachvollziehen, warum ihre Mutter mit ihrer Ferienbeschäftigung nicht allzu glücklich gewesen war und darauf bestanden hatte, dass sie sich damenhafteren Beschäftigungen wie Kochen, Putzen oder Gartenarbeit zuwandte – auch wenn diese wiederum so gar nicht nach Auroras Geschmack waren.

In Micheles Blick sah sie jetzt jedoch nichts dergleichen. Trauer spiegelte sich in den unergründlichen, von einem dichten Wimpernkranz umrahmten dunkelbraunen Augen. Er war etwas älter als Tommaso, und die beiden Männer hatten sich stets gut verstanden.

Aurora erwiderte sein dezentes Lächeln. »Solche Anlässe haben bei meinem Bruder jedes Mal zu akuter Unterzuckerung geführt«, bestätigte sie. »Er hätte sich wohl vorwiegend am Gebäck orientiert.« Sie senkte den Blick, während sie wehmütig an zahlreiche eben solcher Situationen mit Tommaso zurückdachte. Michele gab ein undefinierbares Grummeln von sich und nickte kauend.

Verstohlen rieb sich Aurora die feuchten Handflächen an ihrem Kleid ab und strich sich nervös durch die widerspenstigen Locken.

»Er wäre ein guter Capo geworden. Ich hätte gerne für ihn gearbeitet«, nahm Michele das Gespräch schließlich wieder auf.

Aurora schwieg.

Seine Worte berührten sie. Sie sah die Ernsthaftigkeit in seinen Augen und den betrübten Schimmer darin. Tommaso hätte einmal das Bauunternehmen ihres Vaters übernehmen sollen, doch nun war er fort und mit ihm auch die Zukunft, die ihr Vater für seine kleine Firma geplant hatte. Mit Stolz und Tränen der Rührung in den Augen hatte er vor ein paar Jahren verkündet, dass sein einziger Sohn nun die Ausbildung zum Maurer absolvieren und in die Fußstapfen seines Vaters treten würde, und jetzt ruhte der Hoffnungsträger dieser Prophezeiung verstummt einige Meter neben ihnen in einem Sarg.

Niemand sprach das Offensichtliche aus, doch die Fragen tummelten sich in den Blicken und dem Getuschel der Anwesenden. Wie ging es mit dem Betrieb weiter? Auroras Vater war mit seinen vierundvierzig Jahren noch jung, es blieb ihm also Zeit, eine neue Lösung zu finden. Allerdings war Aurora sich gar nicht sicher, ob er das überhaupt wollte.

»Mein Vater braucht deine Hilfe jetzt mehr denn je«, sagte sie und sah Michele ernst an.

Der erwiderte ihren Blick. »Er kann auf mich zählen.«

Aurora atmete erleichtert aus. Michele hatte offenbar nicht vor, das sinkende Schiff zu verlassen und ihren Vater seinem Schicksal auszuliefern, denn ohne ihn, da war sie sich absolut sicher, wäre Papa im Moment nicht in der Lage, den Betrieb aufrechtzuerhalten.

»Ich danke dir«, hauchte sie.

Plötzlich legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Sie wandte sich um und blickte in das betrübte Antlitz ihres Cousins Antonio Mandelli. Antonio war zwei Jahre älter als Aurora und arbeitete ebenfalls als Maurer. Sie fiel ihm in die Arme, und er drückte sie fest an sich.

»Wo sind Onkel Ugo und Tante Marta?«, fragte sie, nachdem sie sich wieder aus seinen Armen gelöst hatte.

»Bei deinem Vater.« Antonio wies mit dem Kinn zu Papa hinüber, der noch immer auf dem Sofa saß und Nonna Camillas Hand hielt. Reglos starrte Auroras Vater vor sich hin, während sein Bruder und dessen Frau versuchten, zu ihm Kontakt aufzunehmen. »Wie geht es dir?« Antonios Blick schweifte zu dem aufgebahrten Tommaso. Dann sah er Aurora an und wischte ihr sanft die Tränen von den Wangen. Er war ihr Lieblingscousin. Mit seinen hellbraunen Augen und den schwarzen glatten Haaren glich er auf fast schon unheimliche Weise den frühen Fotos ihres mittlerweile verstorbenen Großvaters Nonno Tommaso.

Sie und ihr Bruder, der traditionsgemäß nach seinem Großvater benannt worden war, hatten als Kinder und Jugendliche viel Zeit mit Antonio verbracht, der oft seine Sommerferien bei ihnen auf dem Land verlebt hatte.

»Gut so weit«, log Aurora. Sie fühlte sich, als klaffte in ihrem Innern eine riesige, stetig blutende Wunde, und je weiter die Nacht voranschritt, desto stechender wurden die Schmerzen. Schon jetzt fürchtete sie sich vor den Tagen nach der Beerdigung, wenn die Stille über das Haus hereinbrechen und jegliche Möglichkeit der Ablenkung verdrängen würde.

»Kannst du dich noch an die Ferien erinnern, bevor du in die Schule gekommen bist?« Ein wehmütiger Zug legte sich um Antonios Mundwinkel.

Aurora lächelte. »Wie könnte ich diesen Sommer vergessen … die Nächte in unserem selbst gebauten Baumhaus, unserer Villa Sorglos. Die Tage beim Baden im Waschzuber, bei dem wir uns vorgestellt haben, er wäre der Schwimmteich unseres Herrschaftshauses. Natürlich weiß ich das noch. Tommaso und ich sprachen oft über diese Zeit.« Die Gedanken an diese schwerelosen Tage erfüllten sie mit Traurigkeit.

Aurora ließ über Antonios Schulter hinweg den Blick über die anwesenden Trauergäste schweifen. Michele war zum anderen Ende des Raumes hinübergegangen und unterhielt sich mit Francesco Corti, einem Zimmermann aus dem Dorf. Ihre Blicke trafen sich. Aurora wandte sich hastig ab und konzentrierte sich wieder auf ihren Cousin.

»Und wie geht es dir? Hast du dich zwischenzeitlich für die Damenwelt erwärmt?«, fragte sie lächelnd, wohl wissend, dass er ein eigenwillig veranlagter Junggeselle war.

»Wenn ich sehe, wie es meinem Cousin Tommaso ergangen ist …«

Aurora nickte. Das war ein weiteres dunkles Kapitel in der näheren Vergangenheit der Mandellis. Ihr Bruder hatte sich nämlich noch in diesem Jahr mit seiner Angebeteten vermählen wollen. Aus für die Familie unerfindlichen Gründen hatte seine langjährige Gefährtin seinen Antrag jedoch abgelehnt und war mit einem Arzt nach Como gezogen. Man munkelte, dass sie mit dem Mediziner schon länger eine Affäre hatte.

»Die Wankelmütigkeit der Frauen scheint mir eine neuzeitliche Erscheinung zu sein«, sinnierte Antonio weiter. »Solange dem so ist, sehe ich mich nicht dazu veranlasst, mich zu binden.«

Aurora seufzte zustimmend und sagte matt: »Gottlob hat es das Schicksal für Tommaso so eingerichtet. Hätte er noch eine Witwe und einen Säugling zurückgelassen, wer hätte sich dann um die beiden gekümmert? Wir haben zwar ein Dach über dem Kopf und ein bescheidenes Einkommen, aber auch das wird nun ohne Tommaso geringer ausfallen. Und auch die Wirtschaftslage im Land könnte besser sein.«

Antonio nickte. Sein Blick veränderte sich, und seine Schultern sackten nach vorn, als trügen sie eine schwere Last. Aurora musterte ihn schweigend und ließ ihm Zeit. Was auch immer an ihm nagte, er musste selbst entscheiden, ob er sie in seine Gedanken einweihen wollte oder nicht.

»Auri … ich werde auswandern«, sagte er schließlich, ohne ihr in die Augen zu sehen.

»Was?!« Vor Schreck verschluckte sie sich beinahe, konnte einen Hustenanfall allerdings gerade noch verhindern. Verstohlen sah sie sich um. Hatte sie womöglich zu laut gesprochen? Doch niemand schien von ihrem Ausbruch Notiz zu nehmen.

Antonio zuckte mit den Schultern. »Genau aus diesem Grund. Der Krieg hat aus unserem Land eine Ruine gemacht. Es gibt zwei Millionen Arbeitslose in Italien, die Wirtschaft ist zerstört. Wir einfachen Handwerker haben hier keine Zukunft.« Jetzt endlich sah er sie an, und seine Augen glänzten. »Ich werde in die Schweiz gehen, Auri. Von Chiavenna aus sind es nur drei oder vier Stunden. In meinem Umfeld gibt es viele, die diesen Schritt bereits gewagt haben, und alle berichten von paradiesischen Zuständen. Es gibt jede Menge Arbeit für uns muratori, und alle werden regelmäßig und gut bezahlt.«

»Das … kommt ein wenig überraschend«, sagte Aurora. »Aber ich freue mich für dich.« Sie musterte ihn nachdenklich. Die Erleichterung darüber, dass er sie nun in seine Entscheidung eingeweiht hatte, war ihm deutlich anzusehen. Nicht alle in der Verwandtschaft würden es dermaßen großzügig und verständnisvoll aufnehmen wie sie. Für einige unter ihnen grenzte eine Auswanderung an Verrat, weil man diejenigen, die zu Hause immer noch ums Überleben kämpften, ihrer Ansicht nach einfach im Stich ließ.

»Was sagen Onkel Ugo und Tante Marta dazu?«, fragte sie daher.

Antonio zuckte die Schultern, und ein schuldbewusstes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Das kannst du dir bestimmt denken. Sie sind nicht sehr begeistert. Doch selbst Papa muss zugeben, dass er als Angestellter im supermercato nicht ansatzweise das verdient, was die Schweiz an Löhnen verspricht.« Er musterte sie eindringlich und wechselte das Thema. »Was ist mit dir?«, fragte er. »Hast du eine Anstellung gefunden?«

»Na ja, ich helfe meiner Mutter im Haus und im Garten. Und du weißt ja, Nonna Camilla hat mir schon als kleines Mädchen das Nähen beigebracht. Und da wir all unsere Kleider selbst nähen, gibt es genug zu tun. Gelegentlich unterstützen wir außerdem Vater im Büro – Abrechnungen, Briefe, Lohnabrechnungen, solche Sachen halt. Eine Anstellung zu finden, ist in der aktuellen Wirtschaftssituation schier unmöglich.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber es ist ganz nett … ich habe ein Dach über dem Kopf und kann die Eltern durch meine Anwesenheit ein wenig entlasten.« Sie schenkte ihm ein Lächeln.

»Nett?!« Antonio griff ihre Wortwahl auf, legte den Kopf schräg und fixierte sie mit einem eindringlichen Blick. »Ich sage dir jetzt mal was, Aurora: Als wir Kinder waren, hast du von uns allen die besten Sandburgen gebaut. In den Schulferien waren die Ziegelsteine, die durch deine Hände gingen, immer perfekt gesetzt. Du hast ohne Messinstrumente gesehen, wenn eine Mauer schief war, und du warst stets diejenige, die die perfekten Steine zum Bau einer Natursteinmauer gefunden hat.«

Aurora schwieg. Sie wusste nicht, was er ihr damit sagen wollte. Das waren doch tempi passati, Kindheitserinnerungen. Warum grub er sie ausgerechnet jetzt, an der Totenwache ihres Bruders aus? Sein eindringlicher Blick ließ sie erschauern. Sie mochte es nicht, wenn ihr jemand auf den Grund ihrer Seele starrte.

»Merke dir meine Worte, Cousine, denn ich werde bald nicht mehr da sein, um sie dir nochmals zu sagen: Von uns dreien warst du immer die begabteste muratrice. Du bist ein geborenes Talent, ein Rohdiamant. Jeder konnte das sehen. Dein Leben ist zu kurz, um nette Dinge zu verrichten.«

Er schloss sie noch einmal in seine Arme, drückte sie und verabschiedete sich dann mit einem knappen Nicken, um seinem Onkel sein Beileid auszusprechen.

Der nächste Morgen brach an, ohne dass Auroras Kopf auch nur einmal das Kopfkissen berührt hatte. Die ganze Nacht hindurch waren Freunde und Verwandte der Mandellis gekommen, um ihnen selbst gemachtes Gebäck zu bringen und mit ihnen gemeinsam zu trauern. Doch so tröstend die zahlreichen Umarmungen und Gespräche auch gewesen waren, es war ihnen dennoch nicht gelungen, das klamme Gefühl des Verlustes zu vertreiben.

Gedankenverloren starrte Aurora aus der Balkontür ihres Zimmers. Vor ihr streckte ein knorriger Kastanienbaum seine Äste in den nebelverhangenen Himmel. Im Hintergrund zeichneten sich im trüben Licht des Morgens die Umrisse benachbarter Landhäuser oder Bauernhöfe ab. Sie seufzte tief.

Ein Blick in den Spiegel auf der Schranktür ließ Aurora zusammenzucken. Dunkelviolette Schatten umrahmten ihre Augen und verliehen ihr das Aussehen einer Todgeweihten. Das leuchtende Dunkelbraun ihrer Iris, das an manchen Tagen wie flüssige Schokolade schimmerte, war dem schmutzig-matten Graubraun einer Regenpfütze gewichen, und die schwarzen Locken standen ihr vom Kopf ab wie die Borsten eines Reisigbesens, spröde und ohne jeden Glanz. Es kostete sie enorme Überwindung, sich für die Trauerfeier umzuziehen und die Treppe ins Untergeschoss hinabzusteigen. Unten warteten bereits zahlreiche Trauergäste und unterhielten sich mit leisen Stimmen, die das Haus der Mandellis wie ein Summen erfüllten. Das Echo der Gespräche im Eingangsbereich hallte penetrant durch die langen, steinernen Flure. Aurora hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.

Ein paar strahlend blaue Augen stachen aus der grauschwarzen Masse heraus und blickten Aurora entgegen. Worte waren nicht nötig. Aurora eilte die letzten Stufen hinunter und fiel ihrer Freundin mit einem leisen Schluchzen in die Arme. Es bedeutete ihr sehr viel, dass Maria an diesem Tag den weiten Weg von Mailand zurück in ihre alte Heimat gefunden hatte, um Aurora in diesem leidvollen Moment beizustehen.

»Du hast mir so gefehlt!«, flüsterte sie und drückte Maria noch enger an sich. Die hielt sie ganz fest, und die beiden jungen Frauen lösten sich erst voneinander, als die Gesellschaft sich zum Aufbruch bereit machte.

Vier junge Männer aus dem Kreis der Freunde wurden dazu auserkoren, Tommaso zu tragen. Sie hoben den Sarg auf ihre Schultern und nahmen ihn mit.

Fort von seinem Zuhause und seiner Familie.

Wie eine schwarze Schlange kroch der Trauerzug schweigend über den Feldweg, der zum Dorf führte. Den Kopf bildete der Sarg, gefolgt von Aurora mit ihren Eltern und Nonna Camilla, die von Antonio in einem Rollstuhl geschoben wurde. Ein Zaun aus schiefen Holzpfosten und Draht flankierte den Pfad.

Ihr Weg führte sie durch die engen, mit abgetretenem Kopfsteinpflaster ausgelegten Gassen des Dorfes in Richtung Kirche. Verblichene Fassaden in verschiedenen Ocker- oder Pastelltönen ragten auf beiden Seiten himmelwärts. Schiefe und ausgetretene Steinstufen führten zu Hauseingängen, die irgendwo im Schatten verborgen lagen. Mancherorts versperrte eine moosüberzogene Natursteinmauer mit einem morschen Holztor den Blick in einen chaotischen Innenhof. Unkraut spross aus den Ritzen der Hausmauern oder zwängte sich durch die Pflastersteine nach oben, dem spärlichen Licht entgegen. Auf einigen der mit Metallgeländern versehenen Balkone stapelte sich Müll anstelle von Blumen, die in diesem zwielichtigen und muffigen Ambiente ohnehin verkümmert wären. Die Strahlen der Sonne erreichten diesen schmalen Weg selbst an schönen Tagen nur selten, sodass die Feuchtigkeit in den schattigen Winkeln nie ganz verschwand.

Schritt für Schritt näherte sich der Trauerzug der Via Roma, an der auch die Kirche lag. Im Gotteshaus angekommen, das ironischerweise dem heiligen Tommaso geweiht war, bahrte man den Verstorbenen erneut auf. Die Trauergäste verteilten sich in den Reihen der Kirchenbänke, und Padre Bresciani trat nach vorn. Doch seine Predigt konnte Aurora keinen Trost spenden. Tommaso war erst zweiundzwanzig gewesen, als er auf brutalste Weise aus dem Leben gerissen worden war. Welchen Trost konnte es da schon geben? Kein einziges, liebevolles Wort brachte ihn zurück …

»Die Wege des Herrn sind unergründlich.« Padre Brescianis Worte klangen wie eine Entschuldigung und hallten schaurig durch das Gewölbe der kleinen Dorfkirche, genauso modrig und feucht wie das Gemäuer, das sie umgab.

Während der Geistliche Tommasos Lebensweg nachzeichnete, ließ Aurora den Blick durch die kleine Kirche gleiten. Das Kirchenschiff wurde durch die wenigen Kronleuchter an der Seite in goldenes Dämmerlicht getaucht. Einzig das rechteckige Buntglasfenster an der Stirnseite des Gebäudes ließ etwas Tageslicht herein. Die Säulengänge links und rechts der schmucklosen braunen Holzbänke waren mit Blumen- und Blattornamenten aus Stein verziert. Verborgen im Halbdunkel der Bögen überzogen Fresken mit biblischen Geschichten die Wände. Einheimische Künstler hatten sie und die zahlreichen anderen Gemälde und Stuckverzierungen angefertigt. Fröstelnd zog Aurora ihre Wolljacke enger um den Leib, ihre Füße fühlten sich klamm an.

Schließlich senkte der Priester den Blick zum Gebet. Aurora faltete ihrer Mutter zuliebe ebenfalls die Hände und schaute auf ihre Schuhe. Sie selbst hatte noch nicht entschieden, ob sie Gott weiterhin vertrauen wollte. Zu sehr schmerzte es sie, dass er nicht da gewesen war, um ihren einzigen Bruder vor dem Unglück zu bewahren.

Plötzlich spürte sie ein Kribbeln in ihrem Nacken und wandte vorsichtig den Kopf. Ihr Blick traf den des Maurers Michele, der schräg hinter ihr saß. Beobachtete er sie schon lange? Hastig drehte sich Aurora wieder nach vorn. An Tagen wie diesen wurde man von zahlreichen Augenpaaren genau beobachtet. Zeigte man genug Trauer? War man angemessen gekleidet? Der Voyeurismus der Dorfbewohner kannte auch in solchen Situationen keine Grenzen. Letzten Endes war eine Beerdigung in Cerano d’Intelvi genauso eine Veranstaltung, die die graue Einöde des Alltags unterbrach, wie eine Hochzeit oder ein anderes Fest.

Nebel schmiegte sich wie eine kühle Umarmung um die Kirchturmspitze, als sie das Gotteshaus verließen. In der Ferne grollte der Donner. Als der Trauerzug die Kirche umrundete und den Vorplatz des Friedhofs überquerte, prasselten die ersten Regentropfen auf Auroras Kopf. Sie spannte ihren Schirm auf und lauschte dem bedrückenden Trommeln, das der Leere in ihrem Inneren Ausdruck verlieh. Eine makabre Melodie der Vergänglichkeit.

Der mit rotbraunen Steinen gepflasterte Weg führte sie an einer stattlichen Säule mit einem Kreuz auf der Spitze und an sorgsam gestutzten Lorbeersträuchern vorbei zu einem schmiedeeisernen Tor. Dahinter befand sich der bescheidene Friedhof der Gemeinde Cerano. Zahlreiche Nischen, die an kleine Häuser mit Dach erinnerten und in ihrem Inneren weitere Malereien mit biblischen Szenen beherbergten, zierten die Mauern rund um das Kirchenareal und den Friedhof. Kleine Monumente, die entweder die Statuen von Heiligen vor dem Wetter schützten oder nostalgische Laternen enthielten, stellten die einzige Zierde dar. An der weißen Gräbermauer, die die gesamte Rückseite der Begräbnisstätte einnahm, leuchteten unzählige Blumen wie bunte Farbkleckse in den trüben Morgen.

Endlich erreichten sie die kleine Kapelle auf der rechten Seite des Friedhofs, wo Tommaso zum letzten Abschied ein weiteres Mal aufgebahrt wurde. Mit tränennassen Augen und tiefer Betroffenheit berührten manche der Anwesenden seine leblosen Finger oder ließen ihren Blick über das schlafende Gesicht streifen. Aurora, die mit ihren Eltern neben dem Sarg ihres Bruders stand, schüttelte den Kondolierenden mechanisch die Hände, doch keine der aufrichtigen Beileidsbekundungen konnte in diesem Moment ihr erstarrtes Herz erreichen.

Als die meisten der Trauergäste schließlich gegangen waren und Aurora sich auch von Maria mit einer innigen Umarmung verabschiedet hatte, kam der schlimmste Teil für die Familie. Sie mussten ihren Tommaso endgültig loslassen und ihn der steinernen Höhle in der Gräbermauer übergeben. Für immer. Für immer.

Mit langsamen, schweren Schritten schob Papa Nonna Camillas Rollstuhl hinter dem Sarg her zur Grabstätte. Aurora spürte sein Zittern, als er sich neben sie stellte, und konnte förmlich hören, wie etwas in ihm zerbrach, als das Grab mit einer Steinplatte luftdicht verschlossen wurde. Nun war Tommaso endgültig von ihnen gegangen und hatte sie zurückgelassen.

Eine bleierne Stille, die nur durch das Prasseln der Regentropfen auf ihren Schirmen unterbrochen wurde, griff nach Auroras Herz und presste mit eiserner Faust jeden Tropfen Leben aus ihm heraus. Sie holte tief Luft und versuchte, die Tränen zurückzuhalten, doch es gelang ihr nicht. Wie ein wilder Bach liefen sie über ihre Wangen und in den Kragen des schwarzen Kleides. Die Hand, mit der sie ihren Schirm so fest umklammert hielt, dass sie ebenso kalt und blutleer war wie der allgegenwärtige Tod, zitterte. Ihr war schwindlig, und ihre Seele schrie vor Schmerz – ein stummes und zugleich markerschütterndes Brüllen. Doch sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen. Sie musste stark sein, nicht zuletzt ihren gebrochenen Eltern zuliebe, die sich kaum aufrecht halten konnten und von heftigem Schluchzen geschüttelt wurden.

Nach dem letzten Teil der Begräbniszeremonie verabschiedeten sich auch die nahen Verwandten von ihnen, und Aurora, ihre Eltern und Nonna Camilla kehrten langsam über den Feldweg nach Hause zurück.

Das Haus empfing sie mit einer schweren, unnatürlichen Stille. Der Geruch nach Staub und Feuchtigkeit, der an regnerischen Tagen wie diesen besonders intensiv war, drang in Auroras Nase. Früher war ihr Zuhause stets von Lachen und Lebendigkeit erfüllt gewesen. Nonna Camillas Zetern hatte jedes Mal durch die Flure gehallt, wenn ihre Enkelkinder ihr mal wieder einen Streich gespielt und ihr Blätter ins Bett gelegt oder die Strumpfhose mit alten Zeitungen gestopft hatten. Meistens war es Tommaso gewesen, der seine Schwester zu den Schandtaten angestachelt hatte, und in dem Bemühen, ihrem großen Bruder in allen Belangen nachzueifern, hatte Aurora jedes Mal aufgeregt mitgespielt und sich danach dicht an ihn gedrängt auf dem Dachboden versteckt. Später dann, als sie älter waren, nutzten sie die geräumige Küche des Landhauses, um sich mit ihren Freunden zu treffen. Gemeinsam hatten sie gekocht, gelacht und getrunken, was Papa stets mit einem Schmunzeln und Mamma mit einem Stirnrunzeln quittiert hatte. All diese Bilder schwirrten nun durch Auroras Gedanken wie ein Stummfilm in Schwarz-Weiß.

»Möchte jemand einen caffè oder Tee?« Die Stimme ihrer Mutter hallte durch die leeren Gänge des Hauses. Nonna Camilla nahm das Angebot dankend an und schlurfte ins Wohnzimmer, doch Aurora und ihr Vater schüttelten stumm den Kopf und steuerten zeitgleich die Treppe ins Obergeschoss an. Jeder von ihnen wollte nun, da alle Verwandten heimgekehrt waren, alleine sein.

Aurora schloss die Tür ihres Zimmers, legte sich auf ihr Bett und beobachtete den sachten Tanz der Äste des Kastanienbaums vor ihrem Fenster.

Es war der dunkelste Tag in ihrem Leben.

Kapitel 2

Als Aurora am nächsten Tag zum Frühstück erschien, saß ihre Familie bereits an dem dunkel lackierten Holztisch im Esszimmer. Drei Hängelampen tauchten den mit Möbeln und Ziergegenständen voll bepackten Raum in mattes Licht. Nur spärlich gelangte etwas Tageslicht durch die dicken weißen Vorhänge am Fenster.

Noch immer fühlte sich Auroras Magen bleischwer und wie versteinert an. Wenn sie die nächsten Wochen jedoch halbwegs überstehen und ihren Eltern eine Stütze sein wollte, musste sie bei Kräften bleiben.

Schweigen hing in der Luft. Das stete Ticken der Wanduhr bildete das einzige Geräusch im Haus. Nonna Camilla nagte an einem Stück Gebäck und rührte selbstvergessen Zucker in ihren Cappuccino, wobei sie die Hälfte verschüttete. Mamma und Papa saßen mit hängenden Schultern und leeren Mienen vor ihren Espressotassen und ihren Brioches, die noch vollkommen unversehrt auf ihren Tellern lagen. Ihre Augen waren blutunterlaufen und die Haut aschfahl. Der Blick von Auroras Mutter hing an den gerahmten Fotos über der Kommode – Aurora und ihr Bruder beim Spielen im Garten, Tommaso bei seinem ersten Schultag, die gesamte Familie neben dem Weihnachtsbaum, die beiden Geschwister in der Badewanne …

Das Schlimmste jedoch war Tommasos leerer Platz am Tisch, der Aurora wie ein düsteres Mahnmal ins Auge stach.

»Buongiorno …«, flüsterte sie und setzte sich möglichst geräuschlos auf ihren Stuhl. Doch niemand erwiderte ihren Gruß. Ihre Eltern blickten nicht einmal auf. Es war, als existierte sie gar nicht.

Einzig Nonna Camilla bemühte sich um ein fröhliches Lächeln, das allerdings ein wenig schief geriet, da ihr rechter Mundwinkel nicht mehr mitspielte. »Buongiorno, principessa«, nuschelte sie.

Auroras Vater griff stumm nach seiner Tasse und hob sie zum Mund. Dabei zitterte seine Hand so stark, dass er ein wenig von seinem Espresso verschüttete.

Erschrocken riss Mamma die Augen auf und strich ihrem Mann liebevoll über den Unterarm. Doch als wären ihre Finger heiß wie glühendes Eisen, zuckte dieser unter ihrer Berührung zusammen, zog den Arm hastig weg und fauchte: »Lass das!« Die Augenlider ihrer Mutter flatterten, und ihr Mund bebte, sie schwieg jedoch tapfer und verbarg die Hände in ihrem Schoß. Tränen glitzerten in ihren Augenwinkeln.

Aurora griff nach einer Brioche und goss sich etwas Kaffee aus der Espressokanne ein. Doch auch sie konnte nur mit Mühe ein Zittern unterdrücken. Ihre Arme fühlten sich erschöpft und kraftlos an, so wie auch alles andere an ihr. Sie hatte in der vergangenen Nacht keine einzige Stunde geschlafen.

Tief durchatmend gab sie sich innerlich einen Ruck und biss in ihre Brioche. Bittere Galle sammelte sich an ihrer Zungenwurzel, doch sie kaute weiter und schluckte. Der Bissen rollte wie ein Stein ihre Speiseröhre hinunter und landete schließlich mit einem schweren Aufprall in ihrem leeren Magen.

Plötzlich erhob sich Auroras Vater von seinem Stuhl und stürmte aus dem Raum. Ein lauter Knall verkündete kurz darauf, dass er das Haus verlassen hatte. Nonna Camilla hob überrascht den Blick und starrte dem Flüchtenden mit verwirrter Miene hinterher.

»Geht er schon wieder zur Arbeit?« Auroras Stimme klang in der bedrückenden Stille des Hauses beinahe ketzerisch.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und wischte sich eine Träne von der Wange.

»Wo geht er denn dann hin? Sollte ihn in diesem Zustand nicht jemand begleiten?«

»Bitte lass ihn, Aurora, wir können nichts tun. Jeder Versuch, ihn zu trösten, würde bloß seinen Zorn schüren.« Immerhin hatte Mamma ihre Stimme wiedergefunden, auch wenn sie noch etwas rau klang nach der durchweinten Nacht. Das Mandelli-Heim war kein schalldichter Bunker; Geräusche jeglicher Art drangen mühelos wie Geistwesen durch die Wände und dünnen Holztüren und hallten von den Steinböden wider.

Der milde Schein der Frühlingssonne begleitete sie, als die Familie eine Woche später zum traditionellen Erinnerungsbesuch auf den Friedhof zurückkehrte. Tränen verschleierten Aurora die Sicht, als sie ein paar Blumen vor dem Grab ihres Bruders ablegte, doch die Sonne wärmte ihre feuchten Wangen und trocknete sanft ihre Tränen. Nachdem sie eine Weile stumm und in stillem Gedenken neben ihren Eltern und Nonna Camilla gestanden hatte, hob sie langsam den Kopf. Die von dichtem Wald überwucherten Berghänge rund um das Tal strahlten nach den Regentagen der vergangenen Woche in einem satten Grün. Vogelgesang tanzte durch die Luft, und die ersten Graspferdchen huldigten mit ihrem Zirpen dem Frühling.

Egal wie karg und erbarmungslos sich der Winter oder das Wetter auch zeigen mochten, dachte sie, die Natur erhob sich stets wie ein Phönix aus der Asche gestärkt zu neuer Pracht.

Warum gelang dies den Menschen so selten?

Auroras Gedanken wurden unterbrochen, als sich ihre Eltern umwandten und den Weg zur Kirche antraten. Sie nahm die Griffe von Nonna Camillas Rollstuhl und folgte ihnen. Papa hatte sich im Anschluss an den Grabbesuch eine Messe geleistet. Verstohlen tupfte er sich die Spuren der Tränen mit einem Stofftaschentuch aus dem Gesicht.

Ein paar Dorfbewohner warteten bereits vor der Kirchentür. Es war nicht unüblich, dass auch andere an den außerordentlichen Gottesdiensten teilnahmen, aus persönlichen Gründen oder aber aus erneuter Respektbekundung den Trauernden und dem Verstorbenen gegenüber. Unter den Wartenden befand sich auch Michele. Der Maurer trug denselben Anzug wie vor einer Woche. Offenbar besaß er nur diesen einen. Jemand sollte ihm gelegentlich einen neuen nähen, dachte Aurora. Wahrscheinlich hatte Michele keine Partnerin, sonst hätte sie ihn bestimmt längst darauf aufmerksam gemacht oder ihm selbst etwas Passendes angefertigt, etwas, das seinen breiten Schultern und seiner athletischen Figur schmeichelte, ohne zu eng zu sein.

Mit einem formellen und kräftigen Händedruck begrüßte der Maurer Aurora und ihre Familie, wobei sein Blick kurz über ihr Kleid huschte. Heute trug sie ein anderes Modell als bei der Beerdigung vor einer Woche. Ein samtiges Blau ersetzte das alles erstickende Schwarz. Wenn in einem Monat der nächste Erinnerungsbesuch am Grab ihres Bruders anstand, würde sie sich für ein dunkles Tannengrün entscheiden, hatte Aurora beschlossen. So symbolisierten die Stoffe ihre eigene, langsame Rückkehr ins Leben. Ein Dasein, das zwar eine schmerzhafte Lücke aufwies, aber dennoch gelebt werden wollte. So hätte es sich Tommaso gewünscht.

Sie betraten das kühle Innere des Gotteshauses und setzten sich auf eine Holzbank. Ihre Schritte hallten gespenstisch durch das sonst stille Gewölbe.

Michele folgte ihnen mit einigem Abstand und kam unschlüssig neben ihnen zum Stehen.

»Darf ich?« Er deutete auf den freien Platz an Auroras Seite. Die nickte stumm und richtete dann den Blick nach vorn zum Altar.

Als sich Michele, der in Castiglione d’Intelvi wohnte, nach der Messe von ihnen verabschiedete, spiegelten sich Unsicherheit und eine stumme Frage in seinen Gesichtszügen. »Arrivederci«, sagte er und strich sich zögerlich über die zurückfrisierten Haare.

Aurora ahnte, was ihn beschäftigte. Seit einer Woche weigerte sich ihr Vater beharrlich, die Arbeit wieder aufzunehmen. Michele respektierte diese Tatsache, doch wie lange noch? Jeder Tag ohne Arbeit bedeutete für ihn, auf seinen Lohn verzichten zu müssen. Noch hielten ihn die Treue zur Familie Mandelli und das Mitgefühl mit seinem Chef davon ab, sich eine neue Beschäftigung zu suchen. Doch wie lange würde das noch so bleiben? Irgendwann benötigte Michele wieder ein regelmäßiges Einkommen, wie jeder andere auch. Aurora musterte ihren Vater, als könnte sie ihm mit ihrem eindringlichen Blick eine Antwort auf die unausgesprochene Frage seines Mitarbeiters entlocken.

Wie so oft in den vergangenen Tagen zeigte Papa jedoch keinerlei Regung. Er starrte mit zusammengepressten Lippen und leerem Blick in die Ferne. In letzter Zeit kam es Aurora so vor, als wäre ihr Vater im Geiste bereits selbst ins Jenseits hinübergewechselt. Worte erreichten ihn nur selten. Blicke erwiderte er nicht. Berührungen ertrug er nicht. Langsam, aber stetig entfernte er sich von seiner Familie und entglitt ihnen immer mehr. Doch während Mamma an seinem Verhalten schier zu verzweifeln schien, hatte Aurora die Verbindung zu ihm noch nicht verloren. Sie und ihr Vater hatten sich schon immer sehr nahegestanden, und auch jetzt verstand sie ihn ohne viele Worte.

»Möchtest du nicht zu einem Mittagsimbiss bleiben? Nur etwas Bescheidenes.« Mamma legte Michele die Hand auf den Unterarm, um ihr wohlwollendes Angebot zu unterstreichen. Papa sah sie an und blinzelte einmal, ließ sich ansonsten jedoch keine Gefühlsregung anmerken.

»Sehr gerne, vielen Dank.« Ein Lächeln huschte über Micheles Gesicht. »Tommaso bedeutete mir sehr viel. Ich habe bis zur letzten Minute an seiner Seite gearbeitet. Es freut mich, den heutigen Erinnerungstag im Kreise seiner Familie noch etwas verlängern zu dürfen.«

Schweigen. Ein betretenes Räuspern, dann liefen sie los. Niemand wollte sich den Bildern stellen, die seine Worte heraufbeschworen. Irgendwann jedoch würden sie darüber reden müssen. Es ging nämlich nicht nur darum, dass Daniele Mandelli seinem Mitarbeiter gegenüber in der Pflicht stand. Die Sanierungsarbeiten an der Hausmauer mussten fertiggestellt werden. Aurora ging davon aus, dass sich der Bauherr in der nächsten Woche bei ihrem Vater melden würde, sollte er die Arbeiten bis dahin nicht wieder aufgenommen haben. Die Menschen hierzulande maßen dem Tod und der Trauer großen Wert bei – ebenso wie der Huldigung des Lebens. Doch auch hier durften die Dinge nicht stillstehen. Während des Zweiten Weltkriegs hatten tragische Verluste zur Tagesordnung gehört. Arbeitslosigkeit und Verzweiflung beherrschten den Alltag zahlreicher Menschen. Verständlicherweise erwartete die Gesellschaft von den Mandellis also, dass sie sich irgendwann aufrafften und weitermachten. Mit dem Schmerz in ihren Herzen. So wie viele andere auch.

Zumal die Familie noch zu den Privilegierten im Land gehörte, die eine bescheidene Firma ihr Eigen nennen durften und sich bisher trotz der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse einigermaßen über Wasser halten konnten. Nonno Tommaso hatte ihnen außerdem ein wunderschönes Heim erbaut, das der gesamten Familie ein sicheres und behagliches Dach über dem Kopf bot. Doch all dies stand auf dem Spiel, wenn das Familienunternehmen keine Einkünfte mehr abwarf. Tief in ihrem Innern befürchtete Aurora, dass ihr Vater das Schicksal mit seinem Verhalten übergebührlich herausforderte.

Nachdem sie die Via Roma überquert hatten, gingen sie schweigend durch die schattigen Gassen des Dorfes. Aurora musste sich konzentrieren, damit Nonna Camillas Rollstuhl auf dem unebenen Kopfsteinpflaster nicht umkippte oder ihre Großmutter abwarf wie ein bockendes Pferd. Sie passierten die Werkstatt von Luigi, dem Schuhmacher. Der Geruch nach Leder drang in Auroras Nase. Aus einem offenen Fenster über ihnen wehte gedämpfte Musik zu ihnen herab. Im Schatten eines Hauseingangs beobachte Aurora eine Katze dabei, wie sie eine Maus verspeiste.

Das Leben ging weiter, als wäre nie etwas geschehen.

Am Ende des Dorfes bogen sie schließlich in den Feldweg ein, der zu ihrem Haus führte. Dort angekommen setzten sich die Herren ins Esszimmer, während Aurora mit ihrer Mutter in der Küche verschwand.

Sie half ihr dabei, einige Gebäckstücke, Brot, kaltes Fleisch und Käse auf einem Teller zu drapieren. Nebenher kochte Kaffee in der Bialetti auf dem Herd. Aurora ließ den Blick über die schlichten braunen Holzfronten der Küchenschränke gleiten, die von blauen und gelben Kacheln umrahmt wurden, und starrte dann gedankenverloren aus dem großen Küchenfenster, während sie auf den Kaffee wartete. Unter ihr breitete sich der Garten aus. Bald würde der Oleander wieder seine wunderschönen zartrosa Blüten präsentieren. Die ersten Obstbäume auf den Wiesen außerhalb der Mauern, die ihr Grundstück begrenzten, zeigten ebenfalls bereits grüne Spitzen. Als der Kaffee mit einem Rauschen nach oben sprudelte, zwang Aurora ihren Blick mit einem kaum hörbaren Seufzen vom Fenster weg und drehte sich zum Herd um. Mamma verzierte die Speisen noch rasch mit Gurken und Tomaten, dann servierten sie die kleine Stärkung, die anstelle eines Mittagessens gereicht wurde. Auroras Vater saß mit vor der Brust verschränkten Armen auf einem Stuhl und starrte die gegenüberliegende Wand an, während sich Michele hungrig über das Essen hermachte und dankbar einen Espresso entgegennahm. Nun ließen sich auch die Frauen am Tisch nieder, und Aurora knabberte anstandshalber an einem Windbeutel, den sie mit einem caffè nachspülte. Doch kaum hatte sie geschluckt, spürte sie auch schon ein undefinierbares Brennen in der Magengegend, das sich schnell in ihrem ganzen Körper auszubreiten schien. Peinlich berührt versuchte sie, das leichte Zittern ihrer Hände zu unterdrücken, und stellte die Espressotasse zurück auf den Unterteller.

Nach einer Weile schweigenden Kauens sammelte Michele verlegen einige Krümel auf seiner Hose zusammen und murmelte mit gesenktem Blick: »Die Colombos haben mich heute Morgen auf der Straße gefragt, wann sie mit der Fertigstellung ihrer Mauersanierung rechnen könnten … Und wir haben den Marinos aus Argegno eine neue Gartenmauer versprochen. Die Marinos sind treue Kunden von einem meiner Freunde, der als Gärtner arbeitet. Er hat uns wärmstens empfohlen, weshalb sie explizit und konkurrenzlos nach uns gefragt haben. Ich weiß allerdings nicht, wie lange wir noch mit ihrer Geduld rechnen können … Argegno befindet sich an der Hauptstraße am Comer See, es dürfte also nicht schwer sein, eine Ersatzfirma zu finden, wenn wir uns nicht bald beeilen.« Er schwieg und zeichnete mit dem Finger den Verlauf seiner Hosennaht nach. Schließlich holte er tief Luft und fuhr fort: »Und die Pandolfis … ein vermögender Arzt und seine Gattin aus Como, die in Castiglione d’Intelvi ein Ferienhaus besitzen, hätten gerne einen gemauerten Kamin. Ich bin sicher, dass sie noch zusätzliche Aufträge für uns haben, sollten wir die Arbeit gut verrichten. Bestimmt befinden sich in ihrem Bekanntenkreis außerdem noch mehr reiche Leute.« Er hob den Kopf und fixierte seinen Chef, in dessen Gesicht sich kein einziger Muskel regte. Papa sah aus wie eine seelenlose Körperhülle, die man zufälligerweise auf diesen Stuhl gesetzt hatte.

Das Blut rauschte in Auroras Ohren, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Verstohlen strich sie ihre feuchten Handflächen an ihrem Kleid ab. Sollte sie sich einmischen? Oder würde sie damit alles nur noch schlimmer machen?

»Daniele …« Mamma fasste seine Hand. Sofort zuckte er erschrocken zusammen und schaute sie mit böse funkelnden Augen an. Dann erhob er sich schweigend und verließ das Zimmer. Schritte polterten die Steintreppe hinauf, dann fiel mit einem ohrenbetäubenden Knall eine Tür ins Schloss und ließ die Fensterscheiben erzittern.

»Ich versuche nur, an die Zukunft der Firma zu denken«, sagte Michele leise und sah sich entschuldigend um. »Die Zeiten sind schon hart genug. Wir sollten die Chancen, die uns das Leben bietet, nicht leichtfertig wegwerfen. Ich bin ehrlich mit dir, Armida, wenn wir nicht bald handeln, werden wir alles verlieren.«

Sein Blick richtete sich auch auf Nonna Camilla, deren Gatte das kleine Bauunternehmen damals gegründet hatte. Doch die erhob sich nur umständlich und verkündete: »Ich bin müde, ich lege mich ein wenig hin.« Mit diesen Worten schlurfte sie aus dem Esszimmer und verschwand im Flur. Aurora sah ihr nach. Die frühere Camilla wäre in Zeiten wie diesen der Fels in ihrer Brandung gewesen, hätte den Haushalt organisiert und ihrem Sohn, Trauer hin oder her, den Marsch geblasen.

Tränen glitzerten in den Augen ihrer Mutter, und ihre Lippen bebten.