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Drachen und Raumschiffe!
Seit Jahrtausenden beschützt der mystische Orden der Salas Kai die Menschen Eddors vor den Mächten der Finsternis. Doch dann tauchen Fremde auf ihrer Welt auf: Sie behaupten, Reisende zwischen den Sternen zu sein und von einem Planeten namens Erde zu kommen. Unabsichtlich setzen sie durch ihre Ankunft schreckliche Ereignisse in Gang, die das Schicksal beider Welten bedrohen. Der junge Prinz Cordian und seine Schwester Lissina stehen unvermittelt im Zentrum des Geschehens, konfrontiert mit einem tödlichen Feind. Sie müssen lernen, die Kluft zwischen den beiden grundverschiedenen Kulturen zu überwinden, wollen sie überleben und die Menschheit noch retten.
Magie trifft Technologie, Fortschritt trifft Vorbestimmung – Fantasy und Science-Fiction verschmelzen zu einem spannenden Roman, der die Grenzen des Genres sprengt!
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Die Torwelt-Saga
Teil 1
Das Geheimnis der Torwelt
Patrick Arbogast
Roman
Copyright ©2015 by
Patrick Arbogast
Alle Rechte vorbehalten
Impressum:
Patrick Arbogast
Brückenstr. 56
65719 Hofheim
Text, Layout, Umschlaggestaltung, Illustrationen: Patrick Arbogast
Lektorat: Dagmar Henning (www.satzwandel.de)
Kritik, Anregungen, Fragen bitte an:
Dem Autor auf Facebook folgen: www.facebook.com/arbogast.autor
Die Torwelt-Saga:
Das Geheimnis der Torwelt: erschienen 2015
Kampf um die Torwelt: erschienen 2016
Das Schicksal der Torwelt: erschienen 2018
Drachen und Raumschiffe!
Seit Jahrtausenden beschützt der mystische Orden der Salas Kai die Menschen Eddors vor den Mächten der Finsternis. Doch dann tauchen Fremde auf ihrer Welt auf: Sie behaupten, Reisende zwischen den Sternen zu sein und von einem Planeten namens Erde zu kommen. Unabsichtlich setzen sie durch ihre Ankunft schreckliche Ereignisse in Gang, die das Schicksal beider Welten bedrohen. Der junge Prinz Cordian und seine Schwester Lissina stehen unvermittelt im Zentrum des Geschehens, konfrontiert mit einem tödlichen Feind. Sie müssen lernen, die Kluft zwischen den beiden grundverschiedenen Kulturen zu überwinden, wollen sie überleben und die Menschheit noch retten.
Magie trifft Technologie, Fortschritt trifft Vorbestimmung – Fantasy und Science-Fiction verschmelzen zu einem spannenden Roman, der die Grenzen des Genres sprengt!
»Ihr seid stolz auf eure Errungenschaften, die euch zu den Sternen geführt haben. Dennoch wisst ihr nichts über die wahre Natur des Universums.«
Wie der Kegel eines erloschenen Vulkans ragte das titanische Monument aus der kargen, felsigen Ebene. Ein einsames Bauwerk gewaltigen Ausmaßes, geformt aus geschwärztem Metall. Rätselhafte Gravuren bedeckten die steil aufragenden Flanken. Welchem Zweck es einst gedient haben mochte, verrieten sie nicht. Ebenso wenig, wer es errichtet hatte.
Im Vergleich wirkten die Wissenschaftler zu seinen Füßen wie Ameisen. Kleine, aber emsige Insekten, die Kabelstränge durch die wenigen Öffnungen ins Innere verlegten und empfindliche Messinstrumente justierten. Mit großem Aufwand und modernsten technischen Mitteln trachteten sie danach, die Geheimnisse des uralten Kolosses zu lüften. Heute würden sie ihrem Ziel einen wichtigen Schritt näher kommen. Nach Monaten der Vorbereitung war es nun endlich so weit.
»Wann können wir anfangen?«, fragte Doktor Curtis seinen Assistenten an der Kontrollkonsole ungeduldig. Der eisige Wind hier draußen ließ ihn frösteln. Die Zeltplane ihres behelfsmäßigen Unterstandes flatterte im Luftzug und rüttelte dabei unentwegt am tragenden Gestänge. Gleichwohl sollte seine thermoregulierte Kleidung ihn eigentlich warm halten. Vielleicht, so überlegte er, war es auch nur die Aufregung, die ihm eine Gänsehaut bescherte.
»Jeden Moment«, kam die Antwort. Der angesprochene Mitarbeiter war ein fähiger, junger Forscher namens Dickson. Konzentriert starrte dieser auf einen blass schimmernden holografischen Bildschirm über seinem Pult. »Alle Techniker haben den Gefahrenbereich verlassen. Jetzt brauchen wir nur noch … na, wer sagt’s denn: Die Einsatzleitung gibt grünes Licht für Prometheus.«
Curtis kam nicht zum ersten Mal in den Sinn, wie passend die Namenswahl für dieses Projekt ausgefallen war. Prometheus hatte der Legende nach den Menschen das Feuer vom Himmel geholt. Mit etwas Glück würden sie heute Ähnliches vollbringen. Andererseits, so mahnte eine innere Stimme, war die Sagengestalt von den Göttern für ihre Anmaßung bestraft worden. Ärgerlich wischte er den Gedanken beiseite. Er war nicht zum wissenschaftlichen Leiter der Operation ernannt worden, weil er abergläubisch war. Und ängstlich war er auch nicht. Er und sein Assistent hätten das Experiment genauso gut vom weit entfernten Stützpunkt aus überwachen können, wie die anderen Wissenschaftler, doch er wollte dabei sein. So nah wie möglich.
»Heute werden wir Geschichte schreiben«, verkündete er deshalb stolz. »Wir werden das erste Mal ein Stück Technik in Betrieb nehmen, das nicht von Menschenhand geschaffen wurde.«
»Unsere Linguisten sagen, die Einheimischen nennen es das Tor«, bemerkte Dickson. »Aber ein Tor müsste ja irgendwo hinführen. Ich denke nach wie vor, dass es sich um eine Waffe handelt.«
»Bald wissen wir mehr«, unterband Curtis die Spekulationen. »Beginnen Sie damit, Energie auf das Artefakt zu übertragen.«
Dickson fütterte den Computer mit den entsprechenden Befehlen. Ein kurzer Warnton erklang aus den Lautsprechern überall auf dem Gelände, gefolgt von einer automatischen Durchsage, die dazu ermahnte, den festgelegten Sicherheitsabstand einzuhalten.
»Als ob wir wüssten, wie groß dieser Abstand zu sein hat«, murmelte der junge Wissenschaftler. »So etwas hat noch keiner vor uns versucht.«
»Wir haben großzügig kalkuliert«, wiegelte Curtis ab und spähte dabei hinüber zum Artefakt. Sie waren ein paar Hundert Meter entfernt, dennoch verdeckte die einschüchternde, schwarze Silhouette den größten Teil des Abendhimmels. Er hoffte, dass er recht hatte …
»Gibt es schon erste Reaktionen?«
Dickson schüttelte den Kopf. »Der Ring ist nach wie vor tot.«
Curtis trat näher und studierte aufmerksam den Bildschirm. Ausschnitte zeigten Kamerabilder eines übermannsgroßen, aufrecht stehenden Ringes aus unterschiedlichen Entfernungen. Diagramme von zahlreichen Messinstrumenten gaben Aufschluss über alles, was sie nicht mit bloßem Auge sehen konnten. Das kreisförmige Gebilde befand sich im kuppelartigen Hohlraum im Zentrum des Artefaktes. Curtis war sich sicher, dass es das Herz der gesamten Anlage darstellte.
»Modulieren Sie die Frequenz«, wies er Dickson an. »Und erhöhen Sie langsam die Leistung.« Sie hatten einen mobilen Fusionsreaktor zur Verfügung, das sollte ihnen genug Spielraum geben.
Gespannt beobachtete er, was sich tat. Dickson regelte den Reaktor auf zehn Prozent Leistung, ohne dass etwas geschah, dann auf zwanzig. Erst bei fünfundzwanzig Prozent fing eines der Diagramme an, zu blinken.
»Der Ring emittiert ein schwaches Magnetfeld«, stellte Dickson fest. »Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.«
»Leistung weiter erhöhen«, ordnete Curtis an.
Als die Reaktorleistung erst auf dreißig, dann auf vierzig und schließlich auf fünfzig Prozent anstieg, nahm auch die Aktivität des Ringes kontinuierlich zu. Visuell war immer noch nichts zu erkennen, aber die Anzeigen versetzten die Wissenschaftler in helle Aufregung.
»Es erwacht«, flüsterte Curtis ehrfürchtig. »Das Artefakt erwacht.«
»Es sieht ganz so aus«, pflichtete sein Kollege gebannt bei. »Wir haben es tatsächlich …«, er stockte. »Irgendetwas stimmt da nicht.«
Er sah auf Anhieb, was Dickson meinte. Das Magnetfeld des Ringes begann, wie wild zu fluktuieren. Die Bilder der Kamera waren mit einem Mal von statischem Rauschen erfüllt, sicherlich, weil ihre Elektronik durch das Phänomen beeinträchtigt wurde.
»Den Reaktor herunterfahren, sofort!«, brachte Curtis noch heraus, doch es war zu spät. Mehrere Dinge passierten gleichzeitig: Sämtliche Anzeigen erloschen, es gab einen peitschenden Knall und irgendwo draußen flogen grelle Funken. Jemand schrie. Curtis stürmte aus ihrem Unterstand, um zu sehen, was los war. Auf dem ganzen Areal herrschte Chaos. Ihre Ausrüstung war an verschiedenen Stellen in Flammen aufgegangen, Techniker liefen durcheinander und versuchten, die Feuer zu löschen. Einer von ihnen lag reglos am Boden. Qualm stieg von seiner Kleidung auf. Er musste einen elektrischen Schlag abbekommen haben; Helfer eilten an seine Seite. Das militärische Wachpersonal hatte die Waffen erhoben, als rechneten die Männer damit, angegriffen zu werden. Doch Angreifer gab es nicht – Curtis hatte nur eine Erklärung: Ein massiver elektromagnetischer Impuls musste all das angerichtet haben.
Einen Moment lang stand er einfach so da, ratlos, was zu tun war. Eine derart heftige Reaktion hatte er nicht kommen sehen. Natürlich war es ein Risiko, sich mit unbekannter Technologie einzulassen, niemand hatte genau sagen können, was geschehen würde. Risiken mussten eingegangen werden, um Ergebnisse zu erzielen, und die Einsatzleitung wollte Ergebnisse – genau wie er selbst. Trotzdem hatte er sich der Illusion hingegeben, alles unter Kontrolle zu haben.
Ein Techniker kam plötzlich wild gestikulierend auf ihn zugerannt.
»Verflucht, was haben Sie angerichtet?«, verlangte er zu erfahren, und bevor Curtis etwas erwidern konnte, fügte er hinzu: »Der Reaktor überhitzt und wir können ihn nicht abschalten!«
Erstaunlich, dass er überhaupt noch läuft, dachte Curtis. Vielleicht, weil er in größerem Abstand vom Artefakt aufgestellt worden war. Die Klärung dieser Frage würde wohl warten müssen.
»Wir können von hier aus nichts machen«, entschuldigte er sich. »Unsere Kontrollen sind tot.«
Er warf Dickson einen kurzen Blick zu, um sich zu vergewissern, dass dem tatsächlich noch so war und dieser bestätigte mit einem hilflosen Kopfschütteln.
»Nun gut«, knurrte der Techniker. »Ich werde versuchen, die Kühlmittelpumpen wieder in Gang zu setzen. Sie müssen jemanden da hineinschicken, der die Kabelverbindungen trennt«, drängte der Mann und zeigte in Richtung des Artefaktes. »Dieses Ding zieht immer noch Saft, jede Sekunde zählt«.
»Ich übernehme das selbst«, erklärte sich Curtis, den Ernst der Lage erkennend, bereit. »Dickson, Sie halten hier die Stellung, bis ich zurück bin.« Er lief los. Den felsigen Boden bis zum Eingang des Bauwerkes überquerte er im Laufschritt. Vor ihm lag ein breiter, leicht abfallender Gang, der sich mehr als einen Kilometer bis zum Zentrum des Gebildes erstreckte; das erste Kabelrelais war aber glücklicherweise nur knapp einhundert Meter vom Eingang entfernt. Er hoffte, dass dort noch genug Licht einfiel, um etwas zu erkennen, denn ohne künstliche Beleuchtung war es hier drinnen ziemlich dunkel …
Es wird schon gehen, machte er sich Mut. Er musste schließlich nur ein paar Klemmen lösen. Eilig schnappte er sich eine Werkzeugtasche von einem Ausrüstungsstapel und eilte weiter. Der Versuch, das Artefakt zu aktivieren, war spektakulär gescheitert, daran konnte er nichts mehr ändern. Jetzt galt es zu retten, was noch zu retten war.
Als er das Relais erreichte, war er außer Atem. Körperliche Anstrengung war er einfach nicht mehr gewohnt. Dennoch schaffte er es mit ein paar entschlossenen Handgriffen, die Stromversorgung zu kappen, glücklicherweise ohne so zu enden, wie der arme Kerl, den er draußen gesehen hatte. Er glaubte nicht, dass die Ärzte noch etwas für ihn tun konnten. Erschöpft ging er in die Hocke, den Rücken an die harte, kalte Wand gelehnt. Er trug für diesen Tod die Verantwortung. Er musste dafür geradestehen. Wie Prometheus hatte er nach dem Feuer gegriffen, und wie die Sagengestalt würde er büßen müssen.
Ein leichter Luftzug setzte ein. Wieder ließ er ihn trotz seines thermoregulierten Anzuges erschauern. Begleitet wurde diese Empfindung von dem unbestimmten Gefühl, in der Dunkelheit nicht mehr allein zu sein. Mit dem Wind schien ein leises, kaum wahrnehmbares Flüstern durch den Gang zu wehen, das Curtis später seiner überreizten Fantasie zuschieben würde, aber während der folgenden Jahre dennoch nicht aus seinem Gedächtnis verbannen konnte: »Befreie uns.«
Ein frostiger, beißender Wind wehte über das Land und trug die Kälte der Gletscher von den schneebedeckten Berggipfeln hinab in die Täler. Spuren von Reif bedeckten das niedrige Gras sowie die wenigen umstehenden Bäume. Blasse Nebelschwaden und ein trüber Himmel hüllten die Welt in einen Schleier aus Grau.
Frierend zogen die knapp zwei Dutzend Männer ihre Umhänge enger, während ihr Atem und der ihrer Pferde feine Wölkchen vor den Gesichtern der Schar bildete. Außer dem gelegentlichen Schnauben der Tiere störte kein Geräusch die unheimliche Stille, als hätten sich selbst die Vögel vor dem nahenden Winter zurückgezogen.
Doch es war nicht die Kälte, die den Reitern Sorge bereitete, sondern etwas, das ganz und gar nicht in diese verlassene Einöde zu gehören schien: Am Horizont stieg drohend eine dunkle Rauchsäule zum Himmel empor.
»Drei Dörfer in knapp ebenso vielen Tagen«, stellte Cordian fest. Ein leichtes Schaudern schwang in den Worten des jungen Mannes mit. Es war nicht der Wind allein, der ihn frösteln ließ.
»So ist es, mein Prinz«, bemerkte Dankon. Der ältere Mann an der Spitze der Gruppe wendete sein Pferd, um die anderen direkt ansehen zu können. Seine Stimme klang ruhig und fest, auch wenn sich Sorgenfalten um seine stahlblauen Augen gelegt hatten. »Das macht fünf insgesamt. Nur die gezählt, von denen wir wissen. Ich frage mich wirklich, was die Norkai derart in Rage versetzt.« Er strich sich in einer nachdenklichen Geste mit der Hand über das bärtige Kinn, als könne er so die Antwort ergründen.
»Sie sind blutrünstige Barbaren«, erwiderte Cordian. »Sie leben für das Töten. Was braucht es da sonst noch für Gründe?«
Seine Worte wurden von einem zustimmenden Murmeln begleitet. Die meisten, wenn nicht alle der ihn begleitenden Männer, dachten so wie er. Wenn man im Königreich Keldor aufwuchs, lernte man, die Barbaren des Nordlandes zu fürchten.
Dankon schüttelte den Kopf. »Das mag sein, mein Junge, aber bisher hielt sie die Angst vor unserer Vergeltung zurück. Es ist schon sehr lange her, dass sie sich so weit in unser Land vorgewagt haben.« Mit tief gerunzelter Stirn blickte er in die Runde. »Ich fürchte, es steckt mehr dahinter.«
Einer der Männer stieß ein wütendes Knurren aus. »Wir müssen dem ein Ende bereiten«, forderte er.
Cordian drehte sich in Richtung des Sprechers. Es war Rugem, ein alter und erfahrener Ritter, der als Einziger der Gruppe noch länger in den Diensten seines Vaters stand als Dankon. Wie sein schlohweißes Haupt verriet, hatte er zudem schon einige Sommer mehr auf dem Buckel. Während er sprach, verfinsterte sich seine Miene und seine Hand wanderte zum Schwertknauf.
»Wahre Worte«, bekräftigte Dankon, als er sein Pferd wendete. »Vielleicht kommen wir noch nicht zu spät. Vorwärts, Männer!«
Damit galoppierten sie los und das Donnern der Hufe schien die Stille um sie herum herauszufordern. Dicht über den Hals seines Pferdes gebeugt, trieb Cordian das Tier unbarmherzig an.
Er ritt genau hinter Dankon, die anderen folgten ihnen dichtauf. Wenn sie die Plünderer tatsächlich antrafen, würde es mit Sicherheit zu einem Kampf kommen, doch er fürchtete sich nicht. Der Anblick der entschlossenen Ritter mit ihren wehenden Umhängen, das dumpfe Klirren ihrer eisenbeschlagenen Rüstungen und der Geruch der schwitzenden Pferde; all das erzeugte ein seltsames Hochgefühl in ihm, das die Angst vertrieb.
Dankon hatte ihn gewarnt, dass sich Männer vor der Schlacht manchmal in einen Rausch hineinsteigerten, der sie unvorsichtig machte und die Gefahr vergessen ließ. Er musste einen kühlen Kopf bewahren, wenn seine Haut nicht als Trophäe in irgendeinem Norkaizelt enden sollte. Aber wie auch immer die Dinge lagen, alles war besser, als ein weiteres Mal nur qualmende Ruinen vorzufinden. Man hatte sie gerufen, um den Plünderungen Einhalt zu gebieten, doch stets waren sie zu spät eingetroffen und hatten nur noch die Toten begraben können.
Als Dankon den Arm hob und die kleine Gruppe auf einer Hügelkuppe halten ließ, lag unter ihnen das Dorf. Es bot ein schreckliches Bild: Die meisten Häuser – einfache, eingeschossige Bauwerke aus Holz oder Lehm – waren zerstört und brannten. Möbel und Einrichtungsgegenstände lagen zertrümmert auf der Straße, Viehgatter waren niedergerissen und von den Tieren fehlte jede Spur. Menschliche Körper lagen regungslos im Staub und der Übelkeit erregende Geruch verbrannten Fleisches kroch Cordian in die Nase, ohne dass er sich dagegen wehren konnte.
Er wandte unwillkürlich für einen kurzen Moment den Blick ab und hoffte, dass die Ritter es nicht bemerkten. Die Aufregung, die während des wilden Galopps von ihm Besitz ergriffen hatte, war verflogen und wich nun einer gefährlichen, dunklen Wut, die langsam nach seinem Herzen griff.
Den Dorfbewohnern konnten sie nicht mehr helfen, doch zum Kämpfen kamen sie nicht zu spät! Zwischen den Resten der Scheunen und Bauernhäuser bewegten sich fellbekleidete Menschen. Einige begutachteten die Leichen, andere trugen weitere Körper heran und luden sie neben den übrigen ab. Ihre Haare waren nach Art der Norkai mit Tierfett zu einer Vielzahl langer Zöpfe verklebt und ihre Gesichter waren wie alle anderen freien Körperstellen mit roter und schwarzer Kriegsbemalung bedeckt.
»Für Keldor!«, brüllte Dankon und gab den Männern das Signal zum Angriff. »Für die Gerechtigkeit!«
Ohne zu zögern, trieben die Ritter ihre Pferde den Abhang hinunter und Cordian hatte plötzlich alle Mühe, mit ihnen mitzuhalten. Als die Barbaren sie bemerkten, war es bereits zu spät: Wie eine Lawine aus Stahl brachen sie über die Norkai herein. Im Vorbeireiten streckte Dankon den Ersten der Plünderer nieder und ließ sein Schwert nur Sekunden später erneut herabsausen, um einen weiteren Krieger zu erschlagen.
Cordian sah, wie ein grobschlächtiger Speer an Rugems Schild abprallte und dieser ausholte, um seinem Gegner mit einem gewaltigen Schwinger den Kopf von den Schultern zu trennen. Die Verteidiger Keldors fuhren zwischen ihre Widersacher wie Blitz und Donner, teilten Hiebe und Schläge aus oder ritten ihre überraschten Feinde einfach nieder. Nach wenigen Augenblicken war jeglicher Widerstand unter dem gerechten Zorn von Dankons Männern zusammengebrochen und die verbliebenen Norkai ergriffen die Flucht. Als Cordian zu seinen Mitstreitern aufschloss, war der Kampf bereits entschieden und die Ritter sprengten auseinander, um die Überlebenden zur Strecke zu bringen. Er wollte sich ihnen gerade anschließen, da nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Neben ihm befand sich eine brennende Scheune. Durch eines der Fenster hatte er einen Schatten gesehen.
Ohne zu zögern, sprang er vom Ross und zog sein Schwert. Wenn sich einer der Barbaren dort versteckt hielt, würde er ihn nicht entkommen lassen! Und wenn es sich stattdessen um einen überlebenden Dorfbewohner handelte, musste er ihn schnellstens da herausholen!
Das Scheunentor brannte lichterloh, doch er entdeckte rasch eine Hintertür, durch die er ins Gebäude gelangen konnte. Sie klemmte – ihre Scharniere hatten sich vermutlich durch die Hitze verzogen –, doch unter einem kräftigen Tritt gab sie nach wie dünnes Papier.
Im Inneren schlug ihm heiße, stickige Luft entgegen und beißender Qualm vernebelte ihm schon nach wenigen Schritten die Sicht. Überall knackte und knisterte es. Das Gebälk über ihm ächzte derart bedrohlich, dass er fürchtete, die ganze Scheune könne im nächsten Moment zusammenbrechen, um ihn und jeden anderen, der sich hier aufhalten mochte, unter sich zu begraben.
Cordian dachte einen kurzen Moment daran, umzukehren. Er überlegte, wie unklug es war, für irgendeine unbestimmte Ahnung sein Leben zu riskieren, doch dann hörte er aus nächster Nähe einen erstickten Schrei. Wenn noch jemand aus diesem Dorf lebte, dann musste er ihn um jeden Preis retten!
Das Schwert in der Hand stolperte er weiter, und plötzlich tauchten zwei Gestalten vor ihm auf. Es handelte sich um einen kräftigen Norkai, der eine junge Frau in eine Ecke getrieben hatte. Sie konnte kaum älter sein als Cordian selbst – eher noch jünger – und drückte sich ängstlich an die rückwärtige Wand. Ihr Gesicht war rußverschmiert und ihre angesengte Kleidung hing ihr in Fetzen vom Körper.
Der Barbarenkrieger machte einen vorsichtigen Schritt auf sie zu und ließ drohend seine schartige Axt kreisen. Dem Prinzen indes wandte er den Rücken zu und hatte seine Gegenwart offenbar noch nicht bemerkt. Gut so. Er überragte Cordian, der selbst nicht unbedingt klein gewachsen war, sicher um einen Kopf, doch das Überraschungsmoment war auf seiner Seite. Nun würde sich zeigen, ob Dankons harte Ausbildung Früchte getragen hatte.
In diesem Moment bemerkte ihn die Frau. Ihrem Blick folgend drehte der Norkai sich um und stieß ein drohendes Knurren aus, als er seines Widersachers gewahr wurde.
»Für Keldor!«, brüllte Cordian, so laut er konnte, und stürzte sich auf seinen Gegner. Mit aller Kraft ließ er die Waffe herabsausen, doch zu seinem Schrecken gelang es dem Barbaren mit spielerischer Leichtigkeit, seine Klinge abgleiten zu lassen. Vom Schwung der eigenen Bewegung getragen, geriet Cordian ins Stolpern und krachte gegen einen hölzernen Stützbalken. Seine metallbeschlagene Lederrüstung und die dicke Pelzkleidung schluckten den größten Teil des Aufpralles, doch in seiner rechten Schulter machte sich trotz allem ein schmerzhaftes Pochen bemerkbar.
Zu Hause, am Hof seines Vaters, hatte er oft gekämpft, jedoch nie auf Leben und Tod. Er besaß Talent, aber es fehlte ihm an Erfahrung, so pflegte Dankon zu sagen. Der alte Ritter hatte sich dagegen gesträubt, ihn zur Nordgrenze mitzunehmen. Er hatte es für zu gefährlich gehalten.
Doch wie sollte er Erfahrung sammeln, ohne sich jemals der Gefahr zu stellen? Mit diesem Argument hatte er sich schließlich durchgesetzt. Womöglich hätte er lieber auf Dankons gut gemeinten Rat hören sollen, aber nun war es zu spät. Er selbst konnte vielleicht davonlaufen und die Ritter zu Hilfe holen, doch dann wäre es um die junge Frau mit Sicherheit geschehen. Nein, das würde er nicht zulassen, es waren schon genug Menschen gestorben! Mit grimmiger Miene ging er in Verteidigungshaltung.
Der Angriff des Norkai ließ nicht lange auf sich warten. Seine Axt zielte direkt auf Cordians Hals, doch behände warf sich der Prinz zur Seite und entging so dem tödlichen Hieb. Er hatte seinen Körper mit ausdauerndem Training in Form gebracht, was sich nun bezahlt machte. Beweglichkeit war im Kampf mindestens genauso wichtig wie rohe Kraft.
Als die Axt des Kriegers in den Balken krachte, mit dem Cordian kurz zuvor Bekanntschaft gemacht hatte, regneten glühende Funken von oben auf den Barbaren herab und ließen ihn vor Wut und Schmerz aufschreien. Kleine Rauchwölkchen stiegen von der ungeschützten Haut seiner muskulösen Oberarme auf, doch er fürchtete, dass dies die Kampfeslust des Kriegers eher noch anheizte.
Ohne ihm eine Atempause zu gönnen, ging sein furchterregender Gegner erneut auf ihn los. Die Hitze und den Qualm ignorierend, konzentrierte sich Cordian auf das, was er gelernt hatte: Jeder Gegner hatte eine Schwachstelle. Bei diesem hier war es die Tatsache, dass er den jungen Prinzen unterschätzte.
Als der Norkai seine Axt ein weiteres Mal nach ihm schwang, schlug er die Waffe des Kriegers gekonnt zur Seite, nutzte den Schwung für eine schnelle Drehung um sich selbst, und rammte ihm das Schwert tief in die Brust.
Der tödlich getroffene Barbar starrte ihn einen endlos erscheinenden Moment aus weit aufgerissenen Augen an. Verblüffung war darin zu lesen. Dann gaben seine Knie nach und er stürzte schwer zu Boden.
Erleichtert und dankbar, noch am Leben zu sein, wischte Cordian sich den klebrigen Schweiß von der Stirn und zog seine Waffe aus dem leblosen Körper. Dann wendete er sich der Frau zu und streckte ihr den Arm entgegen.
»Komm jetzt, du bist in Sicherheit. Lass uns hier verschwinden.«
Die Angesprochene reagierte nicht, sondern starrte mit Schrecken auf einen Punkt über ihm. Er sah sie fragend an, und gerade als er den Kopf hob, um ihrem Blick zu folgen, warf sie sich mit aller Kraft auf ihn. Ihre Wucht reichte aus, dass er rücklings ins Straucheln geriet und schließlich den Halt verlor. Im selben Moment, in dem sie der Länge nach zu Boden fielen, stürzte ein brennender Balken in einer Wolke aus Asche und Splittern von der Decke herab, genau dort, wo er eben noch gestanden hatte. Als sich der Qualm verzogen und er den Hustenreiz fürs Erste zurückgedrängt hatte, sah er der Unbekannten direkt in die Augen. Sie waren von einem klaren, strahlenden Grün und besaßen eine geheimnisvolle, anziehende Tiefe. Ihm kam zum ersten Mal zu Bewusstsein, dass sie unter dem ganzen Ruß möglicherweise sehr schön sein mochte.
»In Ordnung, ich habe dir das Leben gerettet und du mir«, bemerkte er, als der Schreck verflogen war. »Nun lass uns verschwinden, damit nicht alles umsonst war.«
Als sie sich nicht rührte, fügte er hinzu: »Es würde helfen, wenn du von mir runtergingest.«
Ob die Fremde seine Worte nun verstand oder nicht, sie erhob sich und ließ ihn aufstehen. Ohne noch länger zu warten, ergriff er sie bei der Hand und rannte mit ihr zum Ausgang, den Lärm weiterer herabstürzender Balken im Rücken.
Als sie ins Freie stürmten, sog er die frische Luft in gierigen Zügen in die Lunge und hustete zwischendurch immer wieder schrecklich. Seine gesamte Kleidung war von Staub und Ruß bedeckt und sein ansonsten dunkelbraunes, kurzes Haar war grau vor Asche, wie er feststellte, als er mit der Hand hindurchfuhr. Die Gerettete sah noch viel schlimmer aus – er konnte kaum erkennen, wo versengte Bekleidung aufhörte und schmutzbedeckte Haut anfing. Es war wirklich knapp gewesen.
»Prinz Cordian!« Es war Dankon, der auf ihn zugeeilt kam. Der sonst strenge Blick seiner stets wachen Augen war Sorge gewichen. »Da bist du ja, Junge. Wer ist das?«
»Sie … war … da drinnen«, schnaufte er. »Ich habe sie aus der Scheune gerettet. Ein Norkai war auch da. Ich habe ihn …«
»Schon gut, die Lage ist so weit sicher«, unterbrach ihn der Ritter. »Wir glauben, dass niemand entkommen ist.« Während er sprach, legte er seinen Umhang um die Schultern der Unbekannten und führte sie und Cordian in Richtung der anderen Ritter.
»Wie heißt du, mein Kind?«, fragte er sanft.
Als er keine Antwort erhielt, meinte Cordian: »Sie steht noch unter Schock. Der Barbar ist mit der Axt auf sie losgegangen.«
»Er hat versucht, sie zu töten? Das ist seltsam. Seltsam und beunruhigend.«
»Wieso?«, wollte Cordian wissen. »Sie sind Monster. Nicht besser als wilde Tiere. Ich bin froh, dass wir ihnen ein Ende bereiten konnten.«
»Das mag sein, Junge, aber auch die Norkai müssen von irgendetwas leben. Normalerweise nehmen sie bei einem Raubzug alles mit, was sie tragen können. Sie stehlen das Vieh und entführen die Frauen …«, er machte eine Geste, die andeutete, dass er die Aufzählung beliebig fortführen könnte. »Aber hier ist alles anders. Nur Tod und Zerstörung …«
»Genau wie in den übrigen Dörfern.« Es war Rugem, der gesprochen hatte. Sie hatten die Gruppe inzwischen erreicht.
»Sie haben keinen Stein auf dem anderen gelassen«, fuhr er fort. »Es scheint kein Haus zu geben, das nicht bis in den letzten Winkel verwüstet worden wäre, doch durch das Feuer lässt sich das nicht mehr genau feststellen.«
»Überlebende?«
Rugem schüttelte den Kopf.
»Wenn sie keine Beute machen, was bezwecken sie dann mit all der sinnlosen Gewalt?«, wollte Cordian von Dankon wissen.
Dieser blickte nachdenklich ins Leere. »Vielleicht geht es gar nicht um Zerstörung. Möglicherweise suchen sie etwas …«
»Was sollte das sein?«, fragte Cordian skeptisch.
»Ich weiß es nicht«, antwortete der Ritter, »aber irgendetwas geht hier im Norden vor, und ich bin nicht sicher, ob es schon vorbei ist.«
»Das ist es nicht«, knurrte Rugem. »Wir bekommen Gesellschaft.«
Keine einhundert Schritt entfernt, auf der gegenüberliegenden Hügelkuppe, war eine lange Reihe berittener Silhouetten aufgetaucht: Norkai. Zwischen ihnen erhoben sich massige, zweibeinige Schatten; hochgewachsen genug, dass sie den Reitern beinahe bis an die Schultern reichten, dabei deutlich breiter als diese und am ganzen Körper mit zotteligem Fell bedeckt.
»Bestien!«, spie Rugem aus. »Sie haben Bestien dabei.«
»Aufsitzen!«, befahl Dankon und die Ritter sprangen in ihre Sättel. Cordian reichte der Frau aus der Scheune auffordernd die Hand. Sie schien zu verstehen, was die Geste bedeutete und stieg hinter ihm aufs Pferd.
»Das sind mindestens einhundert«, stellte einer der Männer fest, »die sind uns vier zu eins überlegen.«
In diesem Moment löste sich einer der Reiter aus der Linie der Barbaren und ließ sein Tier ein paar Schritte vorwärts traben. Bis auf ein Paar metallene Handschuhe wurde seine Gestalt vollständig von einem dunklen Mantel verhüllt. Eine tief herabgezogene Kapuze warf tiefe Schatten auf sein Gesicht. Die martialische Kriegsbemalung, welche die Pferde der anderen aufwiesen, fehlte bei seinem Rappen gänzlich.
»Der sieht nicht aus wie ein Norkai«, raunte Rugem den anderen leise zu.
»Nein, tut er nicht«, bestätigte Dankon.
Der geheimnisvolle Reiter stoppte sein Pferd und begann zu sprechen. Etwas von dem Krächzen einer Krähe lag in seiner Stimme, ohne dass Cordian es genau hätte beschreiben können.
»Sieh an, die tapferen Ritter des Königs.« Er lachte hässlich. »Ich bin bereit, euer Leben zu verschonen, wenn ihr mir unverzüglich das Mädchen aushändigt!«
Überrascht starrten die Ritter von einem zum anderen. Cordian drehte den Hals so weit wie möglich, um seiner Begleiterin in die Augen sehen zu können. Ihr Gesicht zeigte denselben Ausdruck unbestimmter Angst wie schon die ganze Zeit über. Er vermochte nicht zu sagen, ob sie überhaupt bemerkt hatte, dass über sie gesprochen wurde.
Dankon deutete anklagend auf den Sprecher der Norkai. »Ihr wisst, wer wir sind. Dann müsst Ihr auch wissen, dass wir eher sterben würden, als unser Leben durch solche Feigheit zu erkaufen!« Damit zog er sein Schwert.
»Ich hatte gehofft, dass ihr euch so entscheiden würdet!«, rief der verhüllte Reiter und warf bei diesen Worten seine Kapuze zurück.
Ein erschrecktes Keuchen fuhr durch die Reihen der Ritter Keldors. Der kahl geschorene Schädel des Mannes war mit fremdartigen, blutigen Symbolen bedeckt, die direkt in seine Kopfhaut geritzt worden waren. Seine Augenhöhlen waren leer und blutverkrustet. Er konnte nur einem Albtraum entsprungen sein.
»Arn schütze uns!«, entfuhr es Dankon. Auch Cordian richtete ein Stoßgebet an den Schöpfer.
»Tötet sie!«, befahl der Entstellte.
Die Norkai setzten sich wie ein Mann in Bewegung und preschten den Hügel hinab. Die massigen, geifernden Gestalten der blutrünstigen Bestien folgten dichtauf. Ihre raubtierartig nach hinten gebogenen Beine verliehen ihnen eine enorme Sprungkraft.
»Verteidigungsposition!«, ordnete Dankon an, und die Ritter formten einen weiten Halbkreis. Er sah sich nach dem Prinzen um und brüllte: »Cordian! Verschwinde von hier! Bring dich in Sicherheit, wir halten sie auf!«
»Nein!«, schrie dieser über den Lärm der herandonnernden Angreifer hinweg. »Ich werde Euch nicht im Stich lassen, Dankon!«
»Bring dich in Sicherheit, Junge! Das ist ein Befehl!«
Cordian war hin- und hergerissen. Er konnte die Ritter doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen; er konnte kämpfen und er war doch schließlich kein Feigling!
»Rette dich und das Mädchen, Cordian! Jemand muss deinem Vater berichten, was hier vorgefallen ist! Los jetzt!«
Cordian lenkte ein und gehorchte. »Gut festhalten«, warnte er die Frau, die hinter ihm saß und sich ängstlich an ihn drückte. Dann trieb er sein Pferd an, wie nie zuvor in seinem Leben und galoppierte davon. Auf dem Hügel angekommen, riskierte er einen kurzen Blick zurück und seine Augen füllten sich mit Tränen. Die Angreifer brachen wie eine Flutwelle über die tapferen Ritter herein und mehr als einer lag bereits tot im Staub; erschlagen von archaischen Waffen der Norkai oder zerrissen durch die Klauen der Bestien. Wahrscheinlich würde er keinen der Männer je wiedersehen.
Auf die Brüstung der Mauer gelehnt, genoss Lissina die wärmenden Strahlen der Sonne. Der Wind strich ihr um die Nase, streichelte durch ihre blonden Locken und zupfte sanft an ihrem bequemen, hellblauen Kleid, welches einst ihrer Mutter gehört hatte. Ihr Blick glitt die Flanke des felsigen Hügels hinab, hinweg über die schindelgedeckten Dächer der Stadt, über Wiesen und Felder, zu den fernen, schneebedeckten Bergen des Nordens. Dort hielt bereits der Winter Einzug; doch hier in Keld, der Hauptstadt des Königreiches, war es noch angenehm mild und spätsommerlich.
Ein Schmetterling flog an ihr vorbei, und hoch über dem höchsten Turm der Burg zog ein Adler seine Kreise. Nichts konnte die perfekte Idylle dieses Tages stören. Fastnichts, dachte sie. Wäre da nur nicht dieser Gerion …
Unter ihr, im zentralen Innenhof der Burg, ging die penetrante Nervensäge ihren Fechtübungen nach. Er gab sich dabei große Mühe, von ihr bemerkt zu werden, während sie sich ihrerseits nicht weniger bemühte, ihn einfach zu übersehen.
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie war nicht sonderlich überrascht, eine pummelige, ältere Frau auf sich zueilen zu sehen, welche die schlichten Kleider einer Bediensteten trug.
»Lissina«, rief die Heraneilende erleichtert, »da seid Ihr ja, Prinzessin. Ich habe Euch einen warmen Umhang mitgebracht, Ihr holt Euch hier draußen sonst noch den Tod.«
»Ira, das ist wirklich nicht nötig. Ich bin doch kein kleines Kind mehr.« Vergeblich versuchte sie, die wohlmeinenden Bemühungen des Kindermädchens abzuwehren, doch dieses war erst zufrieden, als sie von Kopf bis Fuß in Pelz gehüllt war.
»Oh, seht nur«, rief die Amme erfreut aus. »Da unten ist Fürst Gerion. Ist er nicht ein stattlicher Mann?«
»Stattlich? Er sieht aus wie ein Kleiderständer.«
Das war übertrieben und Lissina wusste es. Obwohl nicht eben kräftig, gab es äußerlich wenig an dem Adeligen auszusetzen. Es war eher das hochnäsige, selbstverliebte Auftreten, welches sich unter seinem gepflegten Erscheinungsbild verbarg, das ihr zuwider war.
»Sagt so etwas nicht, mein Kind«, wurde sie von Ira getadelt. »Er kommt aus gutem Hause, und seht selbst, welch begabter Fechter er ist.«
»Von wegen. Gegen meinen Bruder hätte er keine Chance. Sogar ich könnte es mit ihm aufnehmen.«
Ira schlug erschreckt die Hände über dem Kopf zusammen. »Was redet Ihr da? Ihr seid eine Prinzessin, es steht Euch nicht an, Euch mit der Fechterei zu beschäftigen. Was hätte Eure Mutter nur dazu gesagt?«
Bei dem Gedanken an ihren Bruder war Lissinas Blick erneut zu den entfernten, weiß glänzenden Berggipfeln gewandert. Irgendwo dort musste Cordian in diesem Moment unterwegs sein. Weit weg von den Zwängen und Regeln des Hofes, nur sich selbst und seinen treuen Begleitern gegenüber in der Pflicht. Was gäbe sie dafür, nur einmal mit ihm tauschen zu dürfen …
»Ich bin sicher, meiner Mutter hätte es gefallen, aber leider kann sie es ja nun nicht mehr erleben.«
»Verzeiht, ich hätte das nicht sagen sollen. Sie wäre sicher stolz darauf, was aus Euch geworden ist. Oh, seht doch«, die Amme deutete hinunter in den Hof, »Gerion hat seine Übung beendet. Er hat gewonnen!«
Lissina verdrehte genervt die Augen. »Ira, er hat gegen eine Holzpuppe gekämpft …«
Sie sah hinab in den Burghof und erkannte zu ihrem Verdruss, dass sich der Adelige aus Eltera der Mauer näherte und zu ihr empor blickte.
»Prinzessin«, begann er schwungvoll, »habe ich Euch am heutigen Tage bereits gesagt, wie bezaubernd Ihr ausseht?«
»Ich bin nicht sicher, mein Fürst«, rief sie zurück. Seine oberflächlichen Schmeicheleien waren ihr schon seit dem ersten Tag übel aufgestoßen. »Falls dem so ist, habe ich Euch wohl nicht zugehört.«
Ira hielt sich bestürzt die Hand vor den Mund. »Aber Kind«, flüsterte sie, »so könnt Ihr doch nicht mit ihm sprechen. Er ist hier, um Euren Vater um Eure Hand zu ersuchen.«
»Das mag schon sein«, entgegnete sie leise, sodass Gerion nichts von ihrem Gespräch mitbekam, »aber mein Vater hat mir versprochen, mich nicht gegen meinen Willen zu vermählen, also könnte er diesen Gecken auch gleich nach Hause schicken.«
Ihrem Freier indes schien die Spitze nichts auszumachen. Er zog seinen Hut – eine lächerliche Mütze aus buntem Stoff, die mit Faunfedern geschmückt war – und meinte: »Schlagfertig wie immer, meine Teure. Gedenkt Ihr, heute Abend mit Eurem Vater und mir zu speisen?«
»Das wird wohl sehr von meinem Appetit abhängen«, antwortete sie voll honigsüßer Freundlichkeit. Der müsste dann aber schon ziemlich groß sein, fügte sie in Gedanken hinzu.
Ira raufte sich beinahe die Haare, als sie die Prinzessin so reden hörte. »Arn möge mir verzeihen. Ich habe Euch wohl nicht oft genug den Hintern versohlt, als Ihr noch klein wart. Wie könnt Ihr diesem edlen Herrn nur solche Frechheiten an den Kopf werfen? Euer Vater hofft übrigens, dass Ihr es Euch noch einmal überlegt. Ihr seid jetzt siebzehn Jahre alt und noch nicht verlobt. Die Leute werden bald anfangen, sich Gedanken zu machen.«
Lissina deutete ein Schulterzucken an: »Mir ist egal, was die Leute denken. Mein Bruder ist drei Jahre älter als ich und ebenfalls nicht verlobt. Und stört das vielleicht irgendjemanden?«
»Aber Kind«, die Amme schlug voller Sorge die Hände zusammen. »Euer Bruder ist auch keine Prinzessin …«
»Schon gut, Ira, ich weiß«, seufzte sie, »aber wie könnte ich jemanden zum Mann nehmen, den ich überhaupt nicht liebe?«
»Liebe …«, das Kindermädchen blickte Hilfe suchend zum Himmel. »Liebe ist nichts für eine Prinzessin. Höchstens im Märchen …«
In diesem Moment hallte der Ton eines tiefen Hornes durch die gesamte Burg. Ein Warnsignal, das bedeutete, dass die Wachen etwas Ungewöhnliches bemerkt hatten.
Lissina blickte sich besorgt um und entdeckte vor dem blauen Himmel einen dunklen Schatten, der sich mit langsamen Flügelschlägen näherte.
»Das ist Tennlor!«, rief die Prinzessin erfreut und sprang aufgeregt in die Luft. »Tennlor kommt uns besuchen!«
Gerion, der aus dem Burghof nicht sehen konnte, was vorging, starrte misstrauisch in die Runde. »Was hat diese Aufregung zu bedeuten, Prinzessin? Erhalten wir Besuch?«, erkundigte er sich vorsichtig.
»Ja!«, rief sie ihm fröhlich zu. »Ein alter Freund!« Sie eilte auf die Tür zu, hielt jedoch inne und beugte sich noch einmal über die Brüstung. »Ihr solltet besser etwas zur Seite treten, Gerion!«
»Wie bitte?«, rief dieser zurück, doch die Prinzessin war bereits verschwunden.
Dafür schoss im nächsten Moment ein gewaltiger Drache über die Mauer und setzte dazu an, im Burghof zu landen. Seine Flügelspannweite mochte beinahe zehn Manneslängen betragen und seine Krallen schienen groß genug, im Flug einen Ochsen zu greifen, ohne dabei langsamer zu werden. Mit einem dumpfen Stoß setzte er auf. Sein schlängelnder Schwanz peitschte durch die Luft, um den riesigen, rot geschuppten Leib auszubalancieren, und seiner Kehle entfuhr ein tiefes Fauchen, das sich anhörte, als würde Metall über Stein reiben.
Als Lissina den Hof betrat, sprang ein Reiter vom Rücken des Ungetüms. Sein langes, dunkles Haar war lose hinter dem Kopf zurückgebunden und zeigte genau wie sein kurzer Bart erste, vorsichtige Anzeichen von Grau. Gekleidet war er in eine weite, hauptsächlich in blau gehaltene Robe, die aufwendig verziert war – wie bei Angehörigen seines Ordens üblich.
Sein Gesicht hellte sich auf, als er die Prinzessin erblickte, die auf ihn zugerannt kam und ihn herzlich umarmte.
»Lissina! Bei den Göttern – bist du groß geworden.”
»Tennlor, es ist schön, dich zu sehen. Du warst so lange nicht mehr hier.«
»Ich hatte viel zu tun, mein Kind«, entschuldigte er sich. »Als Salas Kai gibt es unzählige Dinge, die meine Aufmerksamkeit erfordern, aber ich versichere dir, ich habe Keld nicht vergessen.«
Er schob sie sanft von sich und musterte sie von Kopf bis Fuß. »Du bist deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Das gleiche goldene Haar, die gleiche niedliche Stupsnase und sogar diese kleinen frechen Sommersprossen. Als hätte ich die junge Elanora vor mir. Ganz besonders in diesem Kleid.«
Lissina konnte es nicht verhindern, zu erröten. »Du erinnerst dich daran, dass sie es trug?«
Tennlor lächelte entwaffnend. »Die Erinnerungen an die schönen Dinge währen am längsten.«
Er setzte sich in Bewegung und sie gingen nebeneinander auf das Hauptgebäude zu. »Was macht dein Bruder gerade?«
»Conn? Er ist zurzeit nicht da. Begleitet Dankon und seine Ritter auf eine Reise zur Nordgrenze. Es hat dort ein paar Überfälle gegeben.«
»In den Norden, sagst du?«
Tennlors Stimme klang auf einmal nachdenklich, doch falls er sich aus irgendwelchen Gründen Sorgen machte, ließ er sich nichts anmerken.
Vor dem Eingang des Hauptgebäudes hatte eine Ehrenwache Stellung bezogen, die sich verneigte, als der Besucher an ihnen vorüberschritt. Gerade als sie im Begriff waren, den Hof zu verlassen, bemerkte Tennlor, wie Lissina amüsiert über die Schulter zurückblickte, und wendete sich noch einmal um.
Auf der anderen Seite des gepflasterten Platzes hatte Gerion sich so dicht wie möglich an die Mauer gedrückt und zitterte unter dem misstrauischen Blick des Drachen. Prüfend sog die gewaltige Kreatur die Luft durch die großen Nasenlöcher ein, um den unbekannten Geruch einzuschätzen.
»Oro!«, rief Tennlor seinem Reittier zu.
Auf den Klang seines Namens hin blickte das Ungetüm fragend in Richtung seines Meisters und rollte sich dann gelangweilt zum Schlafen zusammen.
Ihr Vater wartete in der Empfangshalle auf sie. Eine goldene Krone zierte sein Haupt und er hatte sich den schweren Purpurumhang über die Schultern geworfen, den er nur bei offiziellen Anlässen verwendete. Außerdem trug er seine besten Pelzgewänder darunter. Große Buntglasfenster tauchten ihn und die spalierstehenden Rüstungsständer in ein faszinierendes Farbenspiel. Lissina fragte sich, wie er sich in der kurzen Zeit hatte umziehen können, aber wenn sie darüber nachdachte, hätte es ihrem Vater auch nicht ähnlich gesehen, einen Salas Kai, der zudem noch ein Freund der Familie war, in seinem Haus warten zu lassen. Der Haushofmeister stand etwas abseits im Hintergrund und wirkte ein wenig pikiert. Er hatte es augenscheinlich nicht geschafft, rechtzeitig repräsentative Kleidung anzulegen.
Als Tennlor vor den König trat, verbeugte er sich kurz: »König Garin Leongart, Herrscher von Keldor, ich bin erfreut, Euch und Eure Tochter bei bester Gesundheit anzutreffen.«
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Tennlor Kai.« Ihr Vater lachte herzlich und drückte sein Gegenüber kurz an sich. »Es ist wirklich lange her …«
Als Lissina die Männer nebeneinanderstehen sah, verglich sie beide kurz miteinander: Das Haar ihres Vaters wirkte etwas voller als das des Salas Kai, und sein Gesicht war auch nicht so schmal. Die Schultern breiter, das Kinn markanter, machte der König insgesamt einen etwas kräftigeren Eindruck, aber ansonsten schienen sie im gleichen Alter zu sein. Doch wenn das stimmte, wie kam es dann, dass ihr Vater behauptete, schon als kleiner Junge von Tennlor und seinem Drachen besucht worden zu sein? Während sie darüber nachdachte, wurde ihr bewusst, dass ihr alter Freund sich seit ihrer letzten Begegnung im Gegensatz zu ihr selbst äußerlich kaum verändert hatte. Er sah noch genau so aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte.
»Was hat Euch so lange ferngehalten Tennlor? Wollt Ihr uns nicht bei einem Becher Wein erzählen, was sich in der weiten Welt alles ereignet hat?«, fragte der König.
»Später vielleicht. Vorher sind da noch ein paar Dinge, über die ich gerne mit Euch unter vier Augen sprechen würde, Garin.«
»Natürlich. Gehen wir ins Beratungszimmer.«
»Ich darf doch sicher mit?«, meldete sich Lissina zu Wort. Sie brannte darauf, zu erfahren, was so wichtig war, dass Tennlor nicht vor den anderen darüber reden wollte. Warum musste der Salas Kai auch immer so geheimnisvoll tun?
»Lissina!«, wies ihr Vater sie zurecht. »Du hast Tennlor gehört. Unter vier Augen heißt unter vier Augen. Er wird beim Abendessen sicher genug Zeit haben, all deine Fragen zu beantworten.«
»Aber …«, protestierte sie.
Ihr Vater hob warnend den Zeigefinger: »Kein aber, Kind.«
»Es geht bloß um Politik«, ergänzte Tennlor beiläufig. »Das würde dich ohnehin langweilen.«
Als sich die Männer entfernten, starrte sie ihnen trotzig hinterher. Durfte sich eine Prinzessin vielleicht nicht für Politik interessieren? Sie wäre jede Wette eingegangen, dass man ihrem Bruder erlaubt hätte, dabei zu sein!
Verärgert verließ sie die Empfangshalle und trat im Vorbeigehen wütend gegen eine der aufgestellten Ritterrüstungen, die scheppernd in sich zusammenbrach, was den Haushofmeister beinahe ebenso laut mit den Zähnen knirschen ließ.
Sie hatte langsam genug davon, von allen bevormundet und immer nur als Kind bezeichnet zu werden. Sie würde schon herausbekommen, was Tennlor und ihr Vater für Geheimnisse hatten, sie war schließlich nicht auf den Kopf gefallen!
Die auf einem schroffen Felsen über der Stadt thronende Burg war von vielen begehbaren Mauern durchzogen, welche sie in einen großen und mehrere kleine Höfe unterteilten. Von einer dieser Mauern konnte man auf einen schmalen Sims gelangen, der außen am Hauptgebäude entlang führte und erst an einem der Fenster endete, die zum Beratungszimmer gehörten.
Als kleines Mädchen war Lissina hier des Öfteren herumgeklettert. Als sie einmal dabei erwischt worden war, hatte es großen Ärger gegeben. Es war viel zu gefährlich, hatten die Erwachsenen ihr gesagt, und sogar ihre Mutter war dieser Meinung gewesen. Damals hatte sie sich ungerecht behandelt gefühlt, doch wenn sie jetzt nach unten schaute, konnte sie ihre Eltern nur zu gut verstehen. Es ging wirklich sehr tief abwärts, zudem wuchsen am Fuß der Mauer auch noch dornige Rosen, also sollte sie es tunlichst vermeiden, den Halt zu verlieren.
Als hätte sie es mit ihren Gedanken heraufbeschworen, brach plötzlich unter ihrem linken Fuß ein Steinsplitter ab und stürzte in die Tiefe. Erschrocken drückte sie sich, so dicht es ging, an die Mauer und atmete erst einmal tief ein und aus. Als Kind war ihr der Sims irgendwie breiter vorgekommen …
Schließlich tastete sie sich weiter. Sie hatte ohnehin schon mehr als die Hälfte geschafft, da würde sie doch jetzt nicht unverrichteter Dinge umkehren! Aus dem Beratungszimmer konnte sie bereits leise Stimmen hören. Die Fenster bestanden dort nicht aus buntem Glas wie in der Empfangshalle, sondern waren im Grunde nicht mehr als bloße Löcher in der Mauer, die mit hölzernen Läden versehen waren. Im Winter konnte man natürlich auch Felle davorhängen, doch im Moment standen sie offen.
Endlich war sie nah genug, um die Männer zu verstehen, und machte es sich auf dem schmalen Vorsprung so gut es ging bequem. »Was meint Ihr damit, wenn Ihr von Gefahr sprecht, Tennlor?«, hörte sie ihren Vater fragen.
»Ich komme gerade aus dem Norden. Dort oben regt sich etwas. Ich bin so schnell wie möglich hierher geflogen, nachdem ich es mit eigenen Augen gesehen hatte«, antwortete der Salas Kai.
»Ihr sprecht in Rätseln, alter Freund. Was regt sich dort oben?«
»Die Norkai sammeln eine Armee. Eine Streitmacht, wie es sie seit Menschengedenken nicht mehr gegeben hat.«
»Eine Armee? Was redet Ihr da, Tennlor? Wollt Ihr behaupten, es bestünde die Gefahr eines Krieges?«
»Es wird Krieg geben, Garin. Ich habe die Armee gesehen. Angehörige aller Stämme, Bestien und Schlimmeres. Die ersten Krieger haben Eure Grenze bereits überschritten.«
Die Stimmen schwiegen einen Moment. Lissina schluckte schwer. Cordian war an der Nordgrenze. Wenn es stimmte, was Tennlor sagte, dann war ihr Bruder in höchster Gefahr!
»Mein Sohn ist dort oben, zusammen mit Dankon«, erkannte auch ihr Vater. Seine Stimme war nun ernst und voller Sorge. Die fröhliche Heiterkeit der letzten Minuten war verflogen. »Wisst Ihr etwas über ihren Verbleib?«
»Es tut mir leid, von ihnen habe ich nichts gesehen. Ich kam, so schnell ich konnte nach Keld, um Euch zu warnen. Ihr müsst Vorbereitungen treffen, um die Stadt zu verteidigen.«
»Sie können unmöglich vor dem Winter losschlagen, nicht mal die Norkai sind so hartgesotten, dass sie eine Belagerung im Tiefschnee in Erwägung ziehen würden.«
»Dieser Feind wird sich vom Winter nicht aufhalten lassen, Garin. Genauso wenig wie von irgendetwas anderem. Angst treibt sie voran. Die Angst vor ihrem neuen Khan. Er nennt sich Barail za Apoch, was soviel bedeutet wie Bär, der aus dem Winterschlaf erwacht ist. Niemand weiß, woher er kam, doch hat er es geschafft, in kurzer Zeit sämtliche zerstrittenen Stämme zu vereinen, und alle getötet, die es gewagt hatten, sich ihm in den Weg zu stellen. Es geht das Gerücht um, er sei besessen und stehe mit dem Zaihor im Bunde …«
Lissina erschrak. Das Zaihor war die schrecklichste, zerstörerischste Kraft, die existierte. Wer sich ihrer bediente, musste durch und durch böse sein!
»Was Ihr sagt, hört sich alles sehr beunruhigend an«, befand der König. »Da Ihr mein Freund seid, zweifle ich nicht an Euren Worten und werde unverzüglich alle nötigen Maßnahmen ergreifen, mein Land zu schützen. Außerdem werde ich Boten in alle befreundeten Reiche entsenden, um Hilfe zu erbeten.«
Sie hörte ein pergamentenes Rascheln und lehnte sich ein Stück zur Seite, um einen Blick durch das Fenster zu riskieren. Ihr Vater hatte eine große Karte über den runden Tisch ausgebreitet, an dem er alle wichtigen Beratungen zu halten pflegte, und schüttelte nachdenklich den Kopf.
»Werdet Ihr bleiben und uns beistehen, Tennlor? Eure Fähigkeiten könnten sich als ausgesprochen nützlich erweisen.«
Tennlor trat neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter. »So wie damals, als ich Eurem Vater zur Seite stand? Ihr habt recht, aber in diesem Fall braucht Ihr mehr Unterstützung, als ich Euch bieten könnte. Ich werde morgen zum Saphirturm aufbrechen und die Versammlung des Lichtes bitten, Hilfe zu entsenden. Die Salas Kai werden sie in Eurem Fall wohl kaum verwehren können.«
Er machte eine Pause, ehe er fortfuhr: »Es gibt noch etwas, das ich Euch mitzuteilen habe. Es ist noch zu früh, um es mit Sicherheit zu sagen, aber es wäre möglich, dass dieser geheimnisvolle Khan weiß, was sich unter dieser Burg befindet. Wenn dem so ist, wird er mit allen Mitteln versuchen, sie einzunehmen. So weit darf es niemals kommen. Nicht nur das Schicksal Eures Reiches, sondern das von ganz Eddor könnte davon abhängen.«
Lissina zog hastig den Kopf zurück und keuchte bestürzt. Was sich unter der Burg befand? Was könnte ihr Vater so Wichtiges im Keller versteckt haben, dass es das Schicksal der gesamten Welt bedrohte?
Die tief hängenden Wolken zogen sich dunkel und bedrohlich über den Bergen des Nordens zusammen. Die Gipfel hatten sie bereits verschlungen, und es schien, als hätten sie es darauf abgesehen, auch den Rest der Welt unter sich zu erdrücken und niemanden aus dem Tal entkommen zu lassen.
Schnell wie der Wind jagte das einsame Pferd mit ihnen dahin und trug seinen Reiter und dessen Begleiterin der Hoffnung auf Rettung entgegen. Es war jedoch nicht das Wetter, vor dem sie flohen, auch wenn es so schien, als wolle die Natur selbst sich ihnen in den Weg stellen. Nein, die Gefahr, die ihnen auf den Fersen war, wies eine viel konkretere Form auf: Sie hatte vier Beine, lange scharfe Fänge und unersättlichen Hunger. In diesem Moment stieß sie ein unmenschliches Heulen aus.
Der grauenerregende Laut erzeugte in Cordian das Gefühl, sein Blut müsse augenblicklich in den Adern gefrieren. Gehetzt blickte er zurück über die Schulter.
»Blutwölfe«, presste er voller Schrecken zwischen den Zähnen heraus. »Sie haben Blutwölfe auf unsere Fährte gesetzt.«
Die Fremde, die er aus der Scheune gerettet hatte, reagierte nicht auf seine Worte. Sie hatte überhaupt noch nichts von sich gegeben, seit Beginn ihrer Flucht. Wahrscheinlich war sie immer noch wie gelähmt vor Angst und hatte bis jetzt nicht richtig registriert, was um sie herum los war. Sie saß nach wie vor hinter ihm auf dem Rücken seines Pferdes und hielt sich eng umschlungen an ihm fest. Die Kälte würde ihre Glieder sicher bald steif werden lassen, wenn er nichts unternahm. Sie trug schließlich nichts, bis auf die Fetzen ihrer dünnen Kleidung und Dankons Fellumhang. Erstaunlich, dass sie sich überhaupt noch so gut hielt.
Aber das würde nicht mehr lange so bleiben. Die berittenen Norkai hatten sie zwar fürs Erste abgeschüttelt, doch diese würden ihre Spur bald wieder aufnehmen, angelockt vom Geheul der geifernden Blutwölfe.
Der Prinz ging seine Optionen durch: Bis zur nächsten Ortschaft, an die er sich entsinnen konnte, lag noch eine Strecke von mehr als einem Tag vor ihnen. Selbst wenn er das Pferd zu Tode ritt, würden sie es nicht vor Einbruch der Dunkelheit bis dorthin schaffen. Und selbst wenn ihre Verfolger sie nicht vorher einholten und in Stücke rissen, würde das Mädchen in der Nacht erfrieren.
Möglicherweise gelang es ihnen, einen geschützten Lagerplatz zu finden, an dem er es riskieren konnte, ein Feuer zu machen, ohne entdeckt zu werden. Er erinnerte sich, dass es entlang der Straße einige leer stehende Hütten gab, die nur im Sommer von Viehhirten genutzt wurden. Wenn sie es schafften, dort Unterschlupf zu finden, konnten sie die Nacht überstehen.
Doch zuerst mussten sie den Wölfen entkommen.
Wieder erschallte ihr Heulen. Näher diesmal. Er blickte zurück und konnte ihre dunklen Leiber geduckt über den gefrorenen Boden hetzen sehen. Es waren nur drei an der Zahl, aber es konnten durchaus noch weitere in der Nähe sein.
Er trieb das Pferd zu noch mehr Tempo an, doch es war aussichtslos. Erschöpft, wie das Tier war, und mit dem Gewicht von zwei Personen beladen, konnten sie unmöglich entkommen.
Nun gut; wenn er seinen Verfolgern nicht zu entfliehen vermochte, dann musste er sich ihnen eben stellen.
Er sah sich um und entdeckte, was er suchte. Nicht weit entfernt machte er ein kleines Waldstück auf einer Anhöhe aus. Eine Handvoll kurze, stämmige Eichen, in deren Windschatten sich dornige Sträucher breitgemacht hatten. Ihre Blätter hatten sie bereits abgeworfen und boten dadurch nur wenig Deckung, aber er musste jeden noch so winzigen Vorteil nutzen.
Kurz entschlossen riss Cordian die Zügel herum und hielt auf die Anhöhe zu. Die Wölfe waren ihnen dicht auf den Fersen, aber ihr Vorsprung war noch groß genug, um den Kreaturen einen angemessenen Empfang zu bereiten.
Zwischen den Bäumen angekommen, sprang er aus dem Sattel und seine Begleiterin tat es ihm ohne Aufforderung nach. Er nahm das Pferd bei der einen, das Mädchen bei der anderen Hand und führte sie beide ein paar Schritt ins Unterholz. Hinter einem breiteren Baumstamm angelangt, band er hastig das Tier fest und wandte sich dann an die verängstigte Fremde: »Ich kümmere mich jetzt um die Blutwölfe. Keine Angst, es wird nicht lange dauern.«
Auf die eine oder andere Art hatte er damit sicher recht. Er hoffte nur, dass es nicht die Wölfe waren, die dann noch lebten. »Du wartest genau hier. Wenn sich etwas blicken lässt, das nicht wie ein Mensch aussieht, dann benutzt du das hier.«
Er zog sein Jagdmesser und reichte es ihr. Er machte sich keine Hoffnungen, sie könne sich damit tatsächlich verteidigen, aber vielleicht spendete ihr das Gefühl der Waffe in der Hand ein klein wenig Mut. Das war sicher besser als gar nichts.
Die Angesprochene blickte ihn die ganze Zeit über aus großen Augen an, sagte aber kein Wort. Egal, für Unterhaltungen hatte er im Augenblick ohnehin keine Zeit. Mit grimmiger Entschlossenheit in den Augen zog er sein Schwert und lief zurück zum Waldrand.
Von ihren Jagdinstinkten getrieben, erreichten die Blutwölfe schließlich das Waldstück. Obwohl ursprünglich aus ihnen hervorgegangen, wiesen diese schrecklichen Kreaturen kaum noch Ähnlichkeit mit echten Wölfen auf. Ihre Schultern waren breit und massig und überragten deutlich den tief ansetzenden Kopf. Von vorne betrachtet glich ihre Gestalt eher der eines Ochsen. Nach hinten verschmälerte sich ihr Leib; der Rücken war mit langen, borstigen Haaren bedeckt, die an Stacheln erinnerten, und ihre Vorderläufe endeten in scharfen Krallen.
Als der erste Wolf heran war und zum Sprung ansetzte, ließ Cordian einen zurückgebogenen dornigen Ast in seine Richtung vorschnellen. Der Kehle des Biestes entfuhr ein gepeinigtes Jaulen, als es mitten in der Bewegung aus der Luft gefegt wurde, doch nur eine Sekunde später sprang ihn das zweite Raubtier an.
Cordian riss schützend die Arme vors Gesicht und ließ sich nach hinten fallen. Die Kreatur streifte ihn im Flug und wurde von ihrem eigenen Schwung über ihn hinweggetragen. Es gelang ihm, sich abzurollen und sofort wieder auf die Füße zu springen. Beim Aufstehen schmeckte er Blut; die Krallen des Untiers hatten seine Wange geschrammt.
Ihm blieb keine Zeit, zu verschnaufen. Der Wolf, dessen Angriff er gerade abgewehrt hatte, jagte bereits wieder geifernd heran. Doch diesmal war er besser vorbereitet: In einer fließenden Bewegung löste er seinen Umhang, warf ihn nach dem Tier und sprang zur Seite. Als der Blutwolf blind an ihm vorbeisegelte, traf er ihn mit einem tödlichen Schwerthieb in die Flanke.
Er bekam keine Gelegenheit, seinen Triumph zu feiern. Etwas Schweres prallte unerwartet von hinten gegen ihn und schleuderte ihn zu Boden. Der harte Aufprall ließ die Waffe seinem Griff entgleiten und über den Boden davon schlittern.
Cordian stieß sich ab und versuchte, an das Schwert zu gelangen, da landete der Wolf erneut in seinem Kreuz und presste ihm die Luft aus den Lungen. Krallen schabten über seinen Rücken, und er konnte spüren, wie sie Leder zerfetzten, während die starken Kiefer der Kreatur Metallplatten von seiner Rüstung rissen.
Die kräftigen Pranken rissen ihn schließlich herum und er kam auf dem Rücken zum Liegen. Die Fänge der Bestie waren plötzlich dicht über seinem Gesicht und der heiße, stinkende Atem drohte, ihm die Sinne zu rauben. Es musste sich um den Wolf handeln, den er mit dem Ast getroffen hatte, denn seine Schnauze war mit einer Unzahl kleiner blutiger Stiche übersät. Die Schmerzen mussten das Untier geradezu rasend machen.
In einer letzten verzweifelten Anstrengung streckte er den Arm und bekam den Knauf seiner Waffe zu fassen. Gerade, als der Blutwolf zum tödlichen Biss ansetzte, trieb er ihm die Klinge tief in den weichen Unterleib. Das Monster krümmte sich vor Pein, und dem Prinzen gelang es, den schweren Körper von sich zu stoßen und sich zu befreien. Der Wolf zuckte noch ein letztes Mal, dann blieb er reglos liegen.
Cordian blickte hastig in alle Richtungen, bereit, einen weiteren Angriff abzuwehren, doch um ihn herum war alles ruhig. Zu ruhig. Wo steckte der dritte Blutwolf?
Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihm empor. Wie von Dämonen gehetzt, rannte er zu der Stelle zurück, an der er sein Pferd angebunden hatte. Vor seinem geistigen Auge sah er bereits, wie der überlebende Wolf seinen Blutdurst an der zerfetzten Leiche des Mädchens stillte. Es war, als würde sich eine kalte Hand um seinen Hals legen und langsam die Luftröhre zudrücken.
Als er durch die Büsche brach, glaubte er, auf alles gefasst zu sein, doch mit dem, was er tatsächlich sah, hatte er nicht gerechnet: Der Blutwolf lag reglos auf dem kalten Boden. Seine Kehle war mit einem einzelnen Schnitt sauber durchtrennt worden. Das Mädchen kniete daneben, sein blutiges Jagdmesser in der Hand.
Er hielt so überrascht inne, dass er beinahe ausgerutscht wäre. Abwechselnd blickte er von einem zum anderen.
»Was … wie …?«, brachte er verdutzt heraus. »Ich meine«, er räusperte sich kurz, um seine Stimme in den Griff zu bekommen, »wie hast du das gemacht?«
Sie stand auf und hielt ihm das Messer entgegen. »Benutzen«, sagte sie unsicher.
»Ja«, antwortete er und nahm ihr hastig das Messer aus der Hand, »ich sagte, du sollst es benutzen, aber wie hast du …?«
Er hielt verblüfft inne. »Du kannst ja sprechen!«, rief er erfreut aus.
Das Mädchen nickte. »Ja, sprechen. Viele Worte da …, aber ich kenne nicht die Bedeutung.«
»Was?«, fragte er verwirrt.
»Ich habe früher gesprochen, aber ich habe vergessen.«
»Was hast du vergessen? Ich verstehe nicht …«
Sie blickte sich einen Moment zögerlich um, als würde sie nach Hilfe suchen. Schließlich sagte sie. »Was früher war. Die Worte.«
»Du hast dein Gedächtnis verloren!«, erkannte Cordian.
Sie nickte zögerlich.
»Weißt du noch, wie du heißt?«, hakte er nach. »Deinen Namen?«
Sie schüttelte den Kopf und meinte: »Ich weiß nicht.«
»Ich bin Cordian«, erklärte er und deutete dabei auf sich, »du brauchst keine Angst zu haben, ich bringe dich in Sicherheit. Zu meinem Vater, nach Keld.«
Aus weiter Ferne konnten sie in diesem Augenblick das Geheul weiterer Blutwölfe vernehmen. Für den Moment waren sie außer Gefahr, aber früher oder später würden die Raubtiere ihre Spur aufnehmen.
»Wir sind hier nicht sicher«, warnte Cordian. »Wir müssen so schnell wie möglich weiter, doch zuerst solltest du dir etwas Wärmeres anziehen.«
Er eilte zu seinem Pferd hinüber und öffnete die Satteltaschen. Es befand sich noch ein Paar Handschuhe und eine warme Weste darin, die er bislang nicht benötigt hatte. Er warf ihr beides zu und suchte weiter. Was sie am meisten brauchte, waren feste Schuhe. Sie war schließlich immer noch barfuß unterwegs.
Leider hatte er kein zweites Paar Stiefel dabei, doch er sorgte für Abhilfe, indem er ein Satteltuch nahm, in der Mitte entzweiriss und ihr die beiden Stücke um die Füße wickelte. Sie wehrte sich nicht dagegen, machte aber auch keine Anstalten, ihm zu helfen, als wisse sie nicht, was das Ganze bezwecken sollte.
Er selbst hatte zumindest einen ungefähren Plan und zog sein Löwenmedaillon unter dem Hemd hervor. Es zeigte das Wappentier von Keldor und war ein Zeichen seiner Königswürde. Sein Vater hatte es ihm zum zehnten Geburtstag geschenkt und gesagt, er solle stets darauf achtgeben.
Mit einem Schulterzucken zerschnitt er die Lederschnur, an der es festgemacht war, und benutzte sie, um die provisorischen Stoffbandagen an den Füßen der Fremden zu befestigen.
Nur ihre Arme und Beine waren jetzt noch ungeschützt und lediglich von einigen dunklen Fetzen ihrer früheren Kleidung bedeckt, doch es würde schon irgendwie gehen.
Ihm fiel auf, dass sie Hosen getragen haben musste. Ungewöhnlich für eine Frau, erst recht in dieser abgelegenen Ecke des Königreiches, doch wer konnte schon sagen, was es mit ihr auf sich hatte? Vielleicht stammte sie überhaupt nicht aus dem zerstörten Dorf, sondern kam sonst woher.
»Komm jetzt, wir müssen hier weg«, forderte er sie auf und schwang sich in den Sattel. Er wartete, bis sie hinter ihm aufgesessen hatte, dann ließ er die Zügel knallen und galoppierte los.
Als sie unter den Bäumen hervorkamen, fiel eine einzelne Schneeflocke auf sein Gesicht. Sehr gut! Wenn es anfing zu schneien, würden ihre Verfolger die Fährte verlieren. Doch bevor es so richtig begann, sollten sie besser einen sicheren Unterschlupf gefunden haben.
Sie brauchten etwa eine Stunde, ehe sie das erreichten, was man hier im Norden als Straße bezeichnete. Es handelte sich um ein gewundenes Band festgestampfter Erde, das sich von Nord nach Süd durch das Tal schlängelte und hier und da mit einer hölzernen Brücke einen Bach überquerte. Sie bot an den breiten Stellen gerade genug Platz, dass zwei Fuhrwerke aneinander vorbei gelangen konnten.
Es gab hier oben nur wenige dieser Straßen, und obwohl sie weder gepflastert noch sonst irgendwie befestigt waren, stellten sie wichtige Verkehrsadern für die Menschen dar, die sich in dieser abgelegenen Gegend niedergelassen hatten. Wenn sie hoffen konnten, irgendwo Hilfe anzutreffen, dann am ehesten hier.
Sie hatten unterwegs nicht viel geredet. Cordian hatte seine mysteriöse Begleiterin ein paar Mal gefragt, ob sie sich an bestimmte Dinge erinnern konnte. An ihre Eltern, wo sie herkam, wie alt sie war und ähnlich grundlegende Dinge. Er hatte bemerkt, dass sie einen silbernen Armreif am linken Handgelenk trug und vermutet, dass es sich dabei um ein Familienerbstück handelte, und sie darauf angesprochen. Doch sie hatte jedes Mal entweder ganz geschwiegen oder behauptet, sich nicht mehr erinnern zu können.
Ihm fiel es schwer, zu glauben, dass jemand seinen eigenen Namen vergessen konnte, doch er nahm auch nicht an, dass sie ihm etwas vormachte. Abgesehen davon fiel ihm kein Grund ein, warum sie nicht ehrlich sein sollte. Es blieb nur zu hoffen, dass ihre Erinnerungen rasch zurückkehrten.
