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Alle Fäden des Schicksals laufen endlich zusammen!
Die Prophezeiung hat sich erfüllt, die Verdammten sind zurück! Prinz Cordian, Träger der Schicksalsklinge, ist der Einzige, der sie aufhalten kann. Doch dazu benötigt er die Hilfe der geheimnisvollen Tao, die in die Fänge finsterer Mächte gerät. Während der junge Thronfolger den Kampf allein aufnimmt, ist seine Schwester Lissina fest entschlossen, Tao zu retten. Selbst wenn sie sich dafür auf eine Reise voller Gefahren begeben muss, die sie weiter von zu Hause wegführt, als sie es je für möglich gehalten hätte. Sie darf nicht scheitern. Das Schicksal der Torwelt steht auf dem Spiel.
Das große Finale der epischen Saga! Drachen und Raumschiffe treffen in einem dramatischen Showdown aufeinander! Science-Fantasy jenseits aller Genre-Grenzen!
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Die Torwelt-Saga
Teil 3
Das Schicksal der Torwelt
Patrick Arbogast
Roman
Copyright ©2018 by
Patrick Arbogast
Alle Rechte vorbehalten
Impressum:
Patrick Arbogast
Brückenstr. 56
65719 Hofheim
Text, Layout, Umschlaggestaltung, Illustrationen: Patrick Arbogast
Lektorat: Dagmar Henning (www.satzwandel.de)
Kritik, Anregungen Fragen bitte an:
Dem Autor auf Facebook folgen: www.facebook.com/arbogast.autor
Die Torwelt-Saga:
Das Geheimnis der Torwelt: erschienen 2015
Kampf um die Torwelt: erschienen 2016
Das Schicksal der Torwelt: erschienen 2018
Alle Fäden des Schicksals laufen endlich zusammen!
Die Prophezeiung hat sich erfüllt, die Verdammten sind zurück! Prinz Cordian, Träger der Schicksalsklinge, ist der Einzige, der sie aufhalten kann. Doch dazu benötigt er die Hilfe der geheimnisvollen Tao, die in die Fänge finsterer Mächte gerät. Während der junge Thronfolger den Kampf allein aufnimmt, ist seine Schwester Lissina fest entschlossen, Tao zu retten. Selbst wenn sie sich dafür auf eine Reise voller Gefahren begeben muss, die sie weiter von zu Hause wegführt, als sie es je für möglich gehalten hätte. Sie darf nicht scheitern. Das Schicksal der Torwelt steht auf dem Spiel.
Das große Finale der epischen Saga! Drachen und Raumschiffe treffen in einem dramatischen Showdown aufeinander! Science-Fantasy jenseits aller Genre-Grenzen!
»Meine Zeit endete schon vor vielen Tausend Jahren. Nun ist es an euch, das Schicksal der Torwelt zu entscheiden.«
Mehrmals erwachte sie aus dem Fieber. Das erste Mal waren die Schmerzen unerträglich. Ihr ganzer Körper schien in Flammen zu stehen. Glühende Pein brandete in heftigen Wogen durch ihren Leib. Sie versuchte, nach Sirain zu greifen, konnte die nötige Konzentration jedoch einfach nicht aufbieten. Ebenso gut hätte sie versuchen können, einen Wasserfall hinaufzuschwimmen. Sie wollte schreien, doch ihrer Kehle entrann nur ein gequältes Röcheln. Ihr Kopf wurde angehoben und eine Schale aus Ton an ihre Lippen gehalten. Sie schluckte die warme Flüssigkeit hinunter, nur um die Hälfte davon wieder auszuhusten. Dann entglitt ihr Verstand in einen dämmrigen Schwebezustand zwischen Wahn und Wirklichkeit. Fiebertraum reihte sich an Fiebertraum, während die Qualen aufloderten und abflauten. Sie vermochte nicht zu sagen, ob es Stunden oder Tage dauerte, bis sie endgültig das Bewusstsein verlor.
Als sie das zweite Mal zu sich kam, waren die Schmerzen immer noch da, aber auf ein Maß gesunken, das sie mit Mühe ertragen konnte. Es fühlte sich an, als steckten tausend heiße Nadeln in ihrer Haut und als hätte jemand sämtliche Knochen und Gelenke in ihrem Leib mit einem Schmiedehammer bearbeitet. Sie spürte außerdem, dass ihr Körper in Bandagen gewickelt war, und nahm den Geruch von wundheilenden Kräutern wahr. Irgendwer hatte sie fachmännisch versorgt. Es musste also zumindest einen Menschen auf der Welt geben, der sie nicht tot sehen wollte. Sie fand genug Kraft, das rechte Augenlid zu heben. Über ihr war ein niedriges Strohdach. Vergeblich versuchte sie, das andere Auge zu öffnen, bis sie begriff, dass auch ihr Gesicht zum größten Teil bandagiert war. Sie verkniff sich alle Versuche, den Kopf zu drehen, und zwang sich, die Schmerzen so weit wie möglich aus ihrem Geist zu verbannen. Dann öffnete sie sich für Sirain und ihre Wahrnehmung veränderte sich. Ihr geschundenes Fleisch, das einfache Bett, in dem sie lag, die schlichten Wände aus Lehm: Alles im Kosmos war miteinander verbunden. Eins mit der Urkraft der Schöpfung fühlte sie die Schwingungen der kleinsten Bausteine allen Seins. Sie spürte keine weitere Person in unmittelbarer Nähe. Für den Augenblick war sie sicher. Erleichtert lenkte sie ihre schwindenden Kräfte in die Heilung des eigenen Körpers, bis ihr vor Erschöpfung erneut die Sinne schwanden.
Erst beim dritten Erwachen erlangte Alandrel Gewissheit, dass sie überleben würde. Die Schmerzen waren zu einem schwachen Echo der Agonie verklungen, die sie zuvor durchlitten hatte. An ihre Ohren drang das leise Knacken und Prasseln eines Holzfeuers und der Duft von heißem Tee streichelte ihre Nase. Die vage Ahnung, nicht mehr allein zu sein, ließ sie ihr unbandagiertes Auge öffnen. Eine andere Frau trat an ihr Bett. Sie musste bemerkt haben, dass sie wach war. Ihr graues Haar und ihre gebeugte Haltung verrieten ihr hohes Alter, unzählige Falten im sonnengebräunten Gesicht erzählten von einem entbehrungsreichen Leben. Alandrel fühlte sich wie immer ein wenig abgestoßen von der unvorteilhaften Art und Weise, auf die gewöhnliche Menschen alterten. Sie selbst zählte vermutlich doppelt so viele Jahre wie die Fremde, hätte aber als ihre Tochter durchgehen können.
»Wie lange?«, krächzte Alandrel aus wunder Kehle.
»Acht Tage, seit die Fischer dich aus dem Belk zogen und zu mir brachten.«
Die alte Frau half ihr dabei, sich im Bett aufzusetzen, und führte eine Schale mit warmem Tee an Alandrels Lippen, den diese in gierigen Zügen trank. Nach wenigen Schlucken hob sie die Hände, um das Gefäß selbst zu halten, da sie es hasste, hilflos zu wirken. Ihr linker Arm war bis zum Handgelenk bandagiert, der rechte wirkte ausgemergelt, aber unverletzt.
»Du bist eine Heilerin?«, erkundigte sich Alandrel schwach.
»Nur eine Kräuterfrau«, gab sich die Angesprochene bescheiden. »Ich helfe, wo ich kann, aber dein Leben lag allein in Arns Hand. Oder an welche Götter du auch immer glaubst. Du triebst reglos im Fluss mit Verbrennungen am ganzen Körper. Von deiner Kleidung waren nur noch Fetzen übrig. Ich konnte nicht viel mehr tun, als zu beten.«
Die Alte nahm die Schale, die in Alandrels Händen langsam unangenehm schwer wurde, wieder zurück. »Ich habe natürlich nach den Kalhiri geschickt«, fügte sie hinzu. »Torgen ist sofort nach Madaras aufgebrochen. Er ist ein guter Junge, macht manchmal Besorgungen für mich. Aber sie haben ihn nicht in die Stadt gelassen. Bereiten sich auf eine Belagerung vor. Eine Armee aus Fant sei auf dem Weg, hieß es.«
Sie hatten ihn nicht hineingelassen? Alandrel lachte. Jedenfalls versuchte sie es; ihrer Kehle entrann lediglich ein kränkliches Röcheln, das ihre Wohltäterin mit einem besorgten Stirnrunzeln quittierte. Hätten diese Närrin oder ihr nutzloser Laufbursche gewusst, wer sie war, hätten die Salas Kai ihn nicht nur angehört, sondern reich entlohnt. Dann wären allerdings keine Heiler gekommen, sondern bewaffnete Wächter des Turms.
Alandrel dachte daran zurück, was passiert war. An den Schwall aus Drachenfeuer, der sie getroffen hatte, sowie den tiefen Sturz in die kalten Fluten des Belk, als sie den Halt im Sattel ihres Tieres verloren hatte. An die lange Zeit, während der sie Atmung und Pulsschlag mithilfe Sirains verlangsamt hatte, um unter Wasser zu bleiben, damit ihre Feinde sie für tot hielten. Wie sie dann versucht hatte, ans Ufer zu schwimmen, ihre Kräfte aber letztlich versiegten. Wie sie hilflos dahintrieb, ihr Körper langsam auskühlte und sie sich mit dem scheinbar Unausweichlichen abfand.
Ja, sie war dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen, doch es war nicht Arn oder ein anderer Gott, dem der Dank dafür gebührte. Sie war nicht so leicht umzubringen! Sie war das Oberhaupt der Kesenchai, die erste Wächterin des Turms! Selbst wenn ihre Brüder und Schwestern sie nun als Verräterin betrachteten.
»Was ist vorgefallen?«, erkundigte sich ihre Pflegerin einfühlsam.
Alandrel schwieg.
Sie redete auch während der folgenden Tage nicht viel, sondern konzentrierte sich darauf, wieder zu Kräften zu kommen. Sie aß mit Honig gesüßten Haferbrei, den die Kräuterfrau auf einem kleinen Holzofen zubereitete, der sich gegenüber dem Fußende des Bettes befand und angenehme Wärme im Raum verbreitete. Die Alte selbst verbrachte die Nächte auf einem einfachen Lager, das durch eine Bretterwand separiert war. Immer wenn Alandrel sicher war, dass sie schlief, griff sie nach Sirain. Sie war keine ausgebildete Heilerin, aber auch in der Schule der Wächter lernte man, seine Kräfte zur Wundversorgung einzusetzen. Sie hatte viel Zeit zum Nachdenken, während sie gesundete, und je mehr sie nachdachte, desto heißer brannte der Zorn in ihr. Sie war keine Verräterin! Alles, was sie getan hatte, hatte sie für den Orden getan! Sie hatte nie gewollt, das Salas Kai dabei starben, das hatte einzig und allein dieser selbstgerechte Narr Tennlor zu verantworten! Er hatte durch seine Neugier und seine sentimentale Wertschätzung jener, die unter ihnen standen, eine glorreiche Zukunft für sie alle verspielt! Die Ironie, dass ausgerechnet diese wertlosen Menschen sie gerettet, sie erst aus dem Fluss gezogen und dann ihre Wunden verbunden hatten, entging ihr keineswegs. Und dieser Umstand machte sie noch wütender. Mit jedem Tee, den die Alte ihr aufkochte, mit jedem Mal, da sie ihre Bettpfanne entleerte, stand Alandrel tiefer in ihrer Schuld – und hasste sie dafür.
Als am dritten Tag ihre Verbände gewechselt werden mussten, war Alandrel entsetzt über die verbrannte Haut, die darunter zum Vorschein kam. Ihre gesamte linke Seite war schwer vom Feuer gezeichnet. Dies schloss auch ihr Gesicht ein, wie ihr vorsichtiges Betasten verriet. Dass ihr linkes Auge nicht erblindet war, konnte man bestenfalls als Glück im Unglück bezeichnen, denn der Anblick, den sie bot, musste schrecklich sein. In diesem Moment war sie froh darüber, dass es keinen Spiegel in der ärmlichen Hütte gab. Die Kräuterkundige hingegen riet ihr, den Göttern zu danken, dass sie so glimpflich davongekommen war.
Alandrel ließ sie in dem Glauben an göttliche Fügung und gab auch weiterhin nichts von sich preis. Stattdessen holte sie unauffällig Erkundigungen ein, denn ihre Gastgeberin war umgekehrt nur zu gerne bereit, von sich zu erzählen. So erfuhr Alandrel, dass ihr Name Nareike lautete, und sie seit dem Tod ihres Mannes, der Köhler gewesen war, allein im Wald lebte. Das nächste Dorf war etwa zwei Meilen entfernt und sie bestritt ihren Lebensunterhalt, indem sie dort am Markttag Heilkräuter verkaufte. Manchmal brachte ihr einer der Bauern etwas vorbei, sei es aus Dankbarkeit, weil sie sich um einen Kranken aus seiner Familie gekümmert hatte, oder schlicht aus Mitleid. Torgen, der für sie zwei Tagesmärsche nach Madaras auf sich genommen hatte, war der Sohn des Schmieds, zu dem sie ein beinahe großmütterliches Verhältnis pflegte. Alandrel interessierte das alles nicht. Für sie war nur wichtig, dass sie weit genug den Belk hinuntergetrieben war. Die Salas Kai würden hier nicht so bald nach ihr suchen, sollte ihr Orden sie nicht ohnehin längst für tot halten.
Am sechsten Tag fühlte Alandrel sich kräftig genug, um die Obhut der Heilerin zu verlassen. Als diese die Bandagen abnahm, waren die Brandnarben darunter zu einem beträchtlichen Teil verschwunden und glatter, geröteter Haut gewichen. Der Rest würde bleiben, das spürte Alandrel. Sie hatte getan, was in ihrer Macht stand, aber sie war nun mal keine Kalhiri.
Nareike begutachtete den Heilungsfortschritt ungläubig. Möglicherweise ahnte sie, dass ihre Patientin mehr war, als es den Anschein hatte, doch sie fragte nicht danach.
Es war dunkel draußen und die Nächte wurden im nördlichen Eltera bereits sehr kalt. Alandrel würde eine weitere Nacht unter Nareikes Dach verbringen und bei Tagesanbruch aufbrechen. Sie wusste nicht wohin, doch sie wollte sich nicht darauf verlassen, so nahe bei Madaras weiterhin unentdeckt bleiben zu können.
Das war zumindest der Plan – bis es an die Tür klopfte.
Es war ungewöhnlich, dass sich so spät jemand zu dieser einsamen Hütte verirrte. Sie war sofort alarmiert. Hatten die Häscher des Saphirturms sie letztendlich doch aufgespürt?
Während die Kräuterfrau in ihrem Tun innehielt und stirnrunzelnd zur Tür schlurfte, glitt Alandrel lautlos aus dem Bett und drückte sich an die raumteilende Bretterwand, wo sie vom Eingang aus nicht gesehen werden konnte. Sie war nackt, bis auf die noch nicht gänzlich abgenommenen Bandagen. Ihr sonst gut trainierter drahtiger Körper war ausgemergelt und schlaff. Es gab im ganzen Raum nichts, was sich als Waffe benutzen ließ.
Als Nareike die Tür öffnete, sog die alte Frau erschrocken die Luft ein. Wer immer dort Einlass begehrte, musste ihr einen gehörigen Schreck eingejagt haben. Auch Alandrel verspürte ein seltsames Unbehagen, dabei sah sie nicht einmal, was dort vor sich ging.
»Wer seid Ihr, Herr?«, fragte die Heilerin den unerwarteten Besucher unsicher.
Eine kehlige Stimme antwortete ihr: »Ich komme mit einer Botschaft für Alandrel Kai.«
Man hatte sie gefunden! Alandrel griff nach Sirain. Sie war überrascht, wie leicht es ihr trotz ihres geschwächten Zustandes fiel. Die kosmische Kraft strömte wie von selbst in sie hinein, doch unter dem warmen, beruhigenden Strom spürte sie unvermutet auch eine zweite, kalt brodelnde Macht. Eine Macht, die sie ängstigte und gleichzeitig lockte: das Zaihor.
Kampfbereit trat sie hinter der Bretterwand hervor. In der Eingangstür stand eine hagere Gestalt, gekleidet in eine schwarze Kutte. Sie hatte ihre Kapuze weit genug über den kahlen Schädel gezogen, dass man die blutigen Runen nicht sehen konnte, die ihn bedeckten. Alandrel jedoch war sicher, dass sie da waren – mit einem scharfen Messer in die Kopfhaut geritzt. Sie wusste, mit wem sie es zu tun hatte.
»Was willst du, Dar’zai?«, knurrte sie drohend.
»Du fühlst es«, antwortete der ungebetene Gast. Sein Kopf zuckte beim Sprechen hin und her, als habe er seine Muskeln nicht richtig unter Kontrolle. »Du spürst den Strom der Macht. Das Tor ist offen. Unser Herr ist frei. Und er benötigt deine Dienste.«
»Ich bin kein Werkzeug Balza’ans«, wies sie ihn zurück.
Nareike, die, soweit es die beengten Verhältnisse zuließen, zur Seite gewichen war, zuckte bei der Erwähnung des Verdammten unwillkürlich zusammen. Furchtsam blickte sie von einem zum anderen. Weder Alandrel noch der Dar’zai würdigten sie ihrerseits eines Blickes.
»Mein Meister dachte eher an eine Partnerschaft unter Gleichen«, behauptete der Bote. »Er und die Seinen mussten einige bedauerliche Verluste beklagen. Sie finden, dass es an der Zeit sei, ihre Reihen wieder zu füllen. Um eine neue Weltordnung zu schaffen, braucht es Hände, die mit anpacken.«
Alandrel schnaubte abfällig. »Etwas Ähnliches müsst ihr Severon erzählt haben. Und wir wissen beide, wie es für ihn ausging.«
Sie hatte aus nächster Nähe mit angesehen, wie der Hüter des Zepters, besessen vom Geist eines Verdammten, seinem Leben sowie dem aller Umstehenden ein Ende gesetzt hatte. Sie verspürte kein Bedürfnis, es ihm gleich zu tun.
»Er war schwach«, erwiderte der Dar’zai kalt lächelnd. »Das Zaihor bestraft die Schwachen. Du bist um vieles stärker als er. Sieh, was du ertragen hast. Sieh, was sie dir angetan haben. Und doch ist dein Wille ungebrochen! Stärke wird belohnt.«
Fasziniert lauschte Alandrel und spürte, wie die martialische Philosophie in ihr widerklang. »Alles, was ich tat, tat ich für meinen Orden«, rechtfertigte sie sich. »Ich wollte ihn erneuern, ihn stählen für die kommende Umwälzung. Ihn von seiner Schwäche befreien und ihm zu alter Größe verhelfen.«
»Die Salas Kai sind nicht bereit für Veränderungen«, behauptete der nächtliche Besucher, erneut von krampfhaften Zuckungen geplagt. »Aber aus ihrer Asche kann ein neuer Orden entstehen. Einer, den du in die Zukunft führen könntest.«
Nun war ihr Interesse endgültig geweckt. »Was verlangt dein Meister von mir?«
»Es gibt etwas, das er begehrt. Und das befindet sich in Madaras. Komm mit mir und er wird dich alles lehren, was du benötigst, um deine Rache zu vollenden. Deine Rache am neu gewählten Kai Thul: Tennlor Kai.«
Tennlor! Dieser undankbare kleine Verräter führte jetzt ihren Orden? Sie verabscheute die widernatürliche Kreatur, die vor ihr stand, doch Tennlor hasste sie noch mehr. Oh, das Schicksal meinte es gut mit ihr: Sie würde auf das Angebot des Dar’zai eingehen und dann würde sie zum Saphirturm zurückkehren. Ihre Brüder und Schwestern, die sie für tot hielten, würden sich wünschen, sie wäre es – Tennlor ganz besonders! Vorher blieb nur eins zu tun. Sie drehte sich zu Nareike und trat einen Schritt näher.
»Es tut mir leid«, verkündete Alandrel trocken, doch die Worte waren nicht mehr als eine Floskel. In Wahrheit empfand sie erstaunlich wenig.
»Bitte, ich verstehe nicht …«, wimmerte die Kräuterfrau und drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand. »Was hat das alles zu bedeuten?«
»Dieses Gespräch war nicht für deine Ohren bestimmt. Ich kann nicht riskieren, dass die Salas Kai gewarnt werden. Da du jedoch gut zu mir warst, gewähre ich dir die Gnade eines schnellen Todes.«
Alandrel griff nach dem Zaihor. Es war ein aufregend neues und zugleich seltsam vertrautes Gefühl, das sie am ganzen Körper wohlig erschaudern ließ. Die in all den Jahren mühsam antrainierte Selbstkontrolle brauchte sie jetzt nicht mehr. Im Gegenteil: Mentale Disziplin und Ausgeglichenheit hielten sie bloß zurück. Mit der Stärke eines Bären packte sie die alte Frau am Hals und hob sie am ausgestreckten Arm in die Luft. Sie spürte kaum, wie ihr sprödes Genick brach, derart berauscht war sie von der Macht, über die sie nun so mühelos gebot. Der Dar’zai, der immer noch in der Tür stand, sah ihr zu und lächelte zufrieden. Dies war also die Kraft, welche die Salas Kai seit Jahrtausenden fürchteten und einzudämmen versuchten, die sie selbst ihr ganzes Leben lang bekämpft hatte. Welch närrisches Unterfangen! Das Zaihor ließ sich nicht aufhalten. Es würde alles in seinem Weg zermalmen!
Doch noch war es nicht so weit, zügelte sie sich. Fürs Erste galt es zu verhindern, dass ihre Ordensbrüder ihr vorzeitig auf die Spur kamen. Mit übermenschlicher Kraft schleuderte sie Nareike durch die Bretterwand, sodass sie mit verdrehten Gliedern auf dem Bett zum Liegen kam, in dem Alandrel von ihr gesund gepflegt worden war. Dann trat die Salas Kai den Holzofen um. Die brennenden Scheite verteilten sich über den Boden. Sie wartete nicht ab, ob das Feuer übergriff; ein zorniger Gedanke von ihr und das Strohdach ging an einem Dutzend Stellen in Flammen auf. Wenn Torgen das nächste Mal nach der Heilerin sah, würde er nur noch schwelende Ruinen vorfinden. Grimmig folgte Alandrel dem Dar’zai hinaus in die Nacht.
Mit der Geschwindigkeit eines Meteors stürzte die Landungskapsel durch die tief hängende Wolkendecke. In achthundert Metern Höhe sprengte sie Teile ihres rot glühenden Hitzeschildes ab und sofort zündeten die Bremsdüsen. Sie verlangsamten den Sturz des ovalen Objektes derart abrupt, dass es einem Menschen sämtliche Knochen im Leib gebrochen hätte. Auf einem heißen Strahl aus Feuer und Dampf setzte das Raumfahrzeug auf. Im Moment des Bodenkontaktes hatte es immer noch genug Wucht, um einen Krater in das Kopfsteinpflaster zu rammen und die Fachwerkhäuser auf beiden Seiten der Straße zum Einsturz zu bringen. Während hölzerne Dachschindeln auf das Ei aus Metall und Verbundstoffen herabregneten, erschütterten weitere dumpfe Schläge den Grund, als die restlichen Kapseln des Schwarms in der Umgebung niedergingen. Es war, als bearbeite ein wütender Riese die Stadt mit seinen Fäusten.
Der Staub hatte sich noch nicht gelegt, da öffnete sich das fünf Meter durchmessende Transportgefährt wie eine Knospe und entließ einen fast ebenso großen Sturmlandungsmechanoiden. Getragen von vier dünnen gebogenen Beinen, den Rumpf in Form einer abgeflachten Kugel, glich er entfernt einer Riesenkrabbe. Zwei drehbare Ringe umfassten den Torso: Der obere war mit Sensoren bestückt, der untere mit Waffensystemen. Sie ermöglichten es, Ziele im Umkreis von dreihundertsechzig Grad zu bekämpfen. Noch bevor der Mechanoid den ersten Schritt machte, löste sich ein diskusförmiges Objekt von seinem Scheitelpunkt und stieg surrend in die Höhe. Dicht über den Giebeln der noch stehenden Häuser verharrte es in der Luft und stellte eine Richtstrahlverbindung mit den anderen Drohnen der ersten Welle her. In perfekter Abstimmung begann die robotische Vorhut damit, die Landezone für die Bodentruppen der Galaktischen Union zu sichern. Um sie herum brannte die goldene Stadt Ganthalas nieder.
***
»Ist das die Verstärkung?«, vergewisserte sich Cordian, als er wachsam, mit der Hand am Schwert, die Flugbahn der herabstürzenden eiförmigen Objekte verfolgte.
»Aye«, bestätigte Dex, der bei ihm stand. »Ab jetzt übernehmen wir.«
Auf das Wort des jungen Sternfahrers vertrauend, wandte der Prinz den Blick ab und ging neben der ohnmächtig darniederliegenden Tao in die Hocke. Sie sah so unschuldig, so friedlich aus, selbst jetzt, da ihr die Kleidung in Fetzen vom zierlichen Leib hing und sie von Schmutz und Kratzern bedeckt war.
»Wird sie es schaffen?«, fragte er verzagt in die Runde.
»Ich bin keine Heilerin, aber ich glaube nicht, dass sie in Lebensgefahr schwebt«, antwortete Mo. Die Seherin kniete an Taos Seite und hielt den Kopf der bewusstlosen jungen Frau sanft im Arm. Mit der freien Hand fischte sie ihr behutsam ein paar ihrer zerzausten grünen Strähnen aus dem Gesicht.
»Sie wird schon wieder«, pflichtete Dex bei. »Ich meine, Alphas können Verletzungen überleben, die einen normalen Menschen locker umbringen würden.«
Cordian zuckte unwillkürlich zusammen. Er hätte es begrüßt, nicht daran erinnert zu werden, dass Tao alles andere als eine gewöhnliche junge Frau war.
»Sie schafft das«, stimmte nun auch Lissina mit ein, die sich neben ihn hockte und ihm in einer vertrauten Geste die Hand auf die Schulter legte. »Sie ist eine Kämpferin. Bevor du dich versiehst, ist sie wieder ganz die Alte und isst uns das gesamte Frühstück weg. Du wirst sehen.«
Er drehte den Kopf, um seine Schwester anzusehen. Das verschmitzte Lächeln in ihrem sommersprossigen Gesicht vertrieb die Sorgen tatsächlich für einen kurzen Moment.
»Wie viele Marmeladenbrote hat sie am Tag verdrückt? Ein Dutzend?«, fragte er, um sich abzulenken.
»Mindestens«, antwortete Lissina zwinkernd. »Wenn sie am Abend vorher gut gegessen hatte.«
Mit Wehmut dachte Cordian an jene wenigen glücklichen Tage zurück, die sie drei in Keld am Hof seines Vaters verbracht hatten. Es war nicht viel länger als einen Monat her, aber es kam ihm vor wie ein anderes Leben. Eines, in dem es keine Besucher von fremden Welten gab und keine Schrecken aus grauer Vorzeit, die Jagd auf ihn machten. Ein Leben, das eine verheißungsvolle Zukunft für ihn bereitgehalten hatte, möglicherweise sogar eine mit Tao an seiner Seite.
Die Wahrheit war: Keiner von ihnen konnte sagen, was nun mit ihr geschah. Die Salas Kai mit all ihrer Weisheit nicht, der Sternfahrer mit all seiner wundersamen Technik nicht, und er, der heimatlose Prinz, der vertriebene Thronfolger Keldors, am allerwenigsten. Tao war mit drei Angralen verschmolzen, war dadurch zum Sarangral geworden, dem Gefäß für die Macht der Ewigen. Das war zum letzten Mal vor drei Jahrtausenden geschehen und damals hatte es ein tragisches Ende genommen.
Cordian holte tief Luft, erhob sich und blickte in die Ferne, während er versuchte, sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen. Dort unter ihm brannte die Hauptstadt Elteras, des mächtigsten Reiches ganz Eddors. Menschen starben in den Straßen, kämpften auf Leben und Tod gegen die widernatürlichen Geschöpfe des Zaihor, die weder Furcht noch Schmerzen kannten. Er stand hier auf dem Trümmerhügel des einstmals prachtvollsten Palastes der Welt. Die Reste seiner Mauern, die als uneinnehmbar gegolten hatten, zeichneten sich nun im Widerschein der Flammen wie Mahnmale vor dem Nachthimmel ab.
Und zwischen ihnen bewegten sich Schatten.
»Wiedergänger«, knurrte der Prinz. Seine Hand glitt unwillkürlich zum Schwertknauf, doch die abscheulichen Kreaturen kamen nicht in ihre Richtung. Er versuchte auszumachen, worauf sie es abgesehen hatten, und bemerkte flackernden Lichtschein in einem noch nicht vollständig eingestürzten Gebäude. Eine Frau kreischte in Panik.
»Da sind noch Menschen …«, erkannte er bestürzt. Sein erster Impuls war, loszulaufen und ihnen zu Hilfe zu eilen, doch das würde bedeuten, Tao und seine Schwester zurückzulassen. Unentschlossen verlagerte er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
»Na los, geh schon«, ermutigte ihn Lissina. »Wir können auf uns aufpassen.«
»Sicher?«, fragte er zurück und suchte nach Spuren der Furcht in ihren Zügen. Stattdessen fand er grimmige Entschlossenheit.
»Wir haben eine Salas Kai bei uns«, erinnerte sie ihn. »Und außerdem ist da noch Dryvar.« Sie zeigte mit dem ausgestreckten Arm die Geröllhalde hinauf, wo bis vor Kurzem noch der Thronsaal gestanden hatte. Dort hatte es sich der über zehn Mannslängen messende Drache der Seherin bequem gemacht und wachte über seine Herrin. In der Tat, ihnen würde nichts passieren. Cordian hob den Sternenschild vom Boden auf und lief los.
Der Königspalast war terrassenförmig angelegt, wobei der ehemalige Thronsaal mit seiner nun zerborstenen goldenen Kuppel den höchsten Punkt darstellte. Parkflächen, Wehranlagen und Gebäude hatten eine Stadt innerhalb der Stadt gebildet. Nun, da alles in Trümmern lag, war der junge Prinz gezwungen, über Schutthalden zu klettern und Mauern hinabzuspringen. Das Beben, das dem Angriff vorausgegangen war, hatte tückische Spalten und Löcher entstehen lassen, sodass er auf jeden Schritt achten musste. Es wäre wahrhaft Ironie des Schicksals, wenn er sich, kurz nachdem er das Unmögliche vollbracht und einen Verdammten erschlagen hatte, im Dunkeln den Hals brach.
Als er näher kam, erkannte er, was vor sich ging: Einige Überlebende hatten sich in der Ruine eines Gesindehauses verschanzt und die Tür mit einem hölzernen Tisch verbarrikadiert. Gut zwei Dutzend Wiedergänger hatten sich davor zusammengerottet und versuchten, mit Gewalt einzudringen. Aus dem Inneren ertönten ängstliche Schreie. Die Wesen hatten ihn noch nicht bemerkt, doch das würde sich gleich ändern. Er festigte seinen Griff um den Sternenschild und zog die Schicksalsklinge. Der Kampf gegen Asmarel und seine Schergen hatte ihn körperlich ausgelaugt, aber mit den beiden mächtigen Sal’diren im Besitz fühlte er sich unbesiegbar. Sildarett erstrahlte hell und golden in seiner Hand. Die Waffe der Ewigen, vor Jahrtausenden geschmiedet, um das Zaihor zu vernichten, dürstete danach, ihr Werk zu verrichten. Verschrumpelte Köpfe drehten sich in seine Richtung. Rote Augen funkelten ihn an. Augen, die einst menschlich gewesen waren, bevor man die Körper dem Tod entrissen und ihnen neues Unleben eingehaucht hatte.
Cordian stürmte los. Noch während er sich näherte, begann flüssiges Gold seinen Schwertarm herabzufließen und eine undurchdringliche und dennoch gewichtslose Rüstung zu bilden, die ihn nicht im Geringsten behinderte. Im Gegenteil: Sämtliche Bewegungen fielen ihm plötzlich leichter, so als würde ein Teil der Last von seinen strapazierten Muskeln genommen. Es war ein angenehm warmes Gefühl, das ihm inzwischen keine Angst mehr machte. Der Panzer schloss sich, just da er heran war. Obwohl die Rüstung auch sein Gesicht vollständig bedeckte, war seine Sicht nicht eingeschränkt, ebenso wenig seine Atmung. Er und die Schicksalsklinge waren eins.
Schon bevor der Sarangral, aus dem die Waffe ihre Macht bezog, wiederhergestellt worden war, hatte eine flüchtige Berührung Sildaretts ausgereicht, einen Wiedergänger auf der Stelle zu fällen. Nun war die Wirkung noch weitaus spektakulärer: Als Cordian ausholte, fuhr ein Strahl hellen Lichts wie eine Verlängerung der Klinge durch die Reihen seiner Gegner und mähte sie nieder wie reifes Korn. Ein Dutzend Leiber stürzte gleichzeitig zu Boden, des unheiligen Funkens beraubt, der sie am Leben gehalten hatte.
Der Prinz ließ die Waffe noch zweimal kreisen, dann rührte sich niemand mehr.
Schweratmend blieb er stehen und besah sein Werk. Das Hochgefühl, das ihn sonst nach einem gewonnenen Kampf überkam, wollte sich nicht einstellen. Dazu war er einfach zu erschöpft. Als die goldene Rüstung wieder in den Schwertgriff zurückfloss, stieg er über die verkohlten Reste der Wiedergänger hinweg und sah nach den Menschen. Ungläubig lugten sie über die Reste ihrer improvisierten Barrikade zu ihm hinaus. Es waren Diener, Knechte und Mägde. Er glaubte, auch den einen oder anderen vornehm gekleideten Beamten zu erspähen. Dicht zusammengedrängt suchten sie Schutz und Trost in gegenseitiger Nähe. Die Standesunterschiede waren für den Moment vergessen.
»Alles in Ordnung?«, rief er ihnen zu. »Gibt es Verletzte da drinnen?«
»Uns geht es gut«, antwortete eine junge Frau zögerlich. »Dank Euch, edler Herr.«
In ihrem Blick lagen Ehrfurcht und Bewunderung. An einem anderen Tag hätte ihn das vielleicht in Verlegenheit gebracht, heute nahm er es ungerührt zur Kenntnis.
»Bleibt, wo ihr seid«, riet er den Geretteten, »bis es hier draußen sicher ist.«
Cordian schöpfte Atem und spähte hinaus in die von Flammen erhellte Nacht. Was von der Palastgarde übrig war, kämpfte in der Stadt. Dex hatte ihm versichert, dass seine Leute unterwegs waren, doch bis sie hier eintrafen, mochte es dauern. Sollte es weitere Überlebende geben, würde es für diese womöglich zu spät sein. Er durfte sich jetzt keine Pause gönnen, er musste so viele retten, wie er konnte.
Als er sich zum Gehen wandte, rief die Frau vom Eingang ihm nach, er möge doch bitte warten und seinen Namen verraten.
»Ich bin Cordian Leongart, Sohn von Garin Leongart, Prinz von Keldor«, verkündete er, als alle Augen gebannt auf ihn gerichtet waren. »Und ich werde derjenige sein, der Asmarel und die Verdammten zur Strecke bringt!«
Damit verschwand er in der Dunkelheit.
***
Missmutig starrte Ivan Kasov auf die Ladeanzeige seines Impulsgewehres und klopfte mit der Handfläche mehrmals fest gegen die nahezu erschöpfte Potenzialzelle. Natürlich gewann sie dadurch keinen Joule verbrauchter Energie zurück, was er mit einem verärgerten Schnauben quittierte. Wenn die Wiedergänger jetzt noch einmal angriffen, wurde es ernst. Während der Waffenoffizier und Ex-Marine versuchte, seine verspannten Schultern zu lockern, ließ er seinen Blick über die hastig errichtete Straßensperre gleiten. Im Wesentlichen bestand sie aus zwei querstehenden Eselskarren und einigen Kisten und Fässern, die sie aus einem benachbarten Wirtshaus zusammengeklaubt hatten. Die Männer rechts und links von ihm starrten verbissen in die Nacht. Im besten Fall gehörten sie der Stadtwache an, wussten also zumindest, wie man mit einem Schwert umging. Bei den meisten jedoch handelte es sich um einfache Bürger, die Keulen und Spieße in ihren verkrampften Händen hielten. Ihre Gegner waren unbewaffnet, kämpften aber wie tollwütige Tiere. Und sie waren schwer zu töten. Am besten ging es immer noch mit Feuer, da ihre ausgetrockneten Körper wie Zunder brannten. Ja, Verbrennen funktionierte derart gut, dachte Ivan zynisch, dass inzwischen die halbe Stadt in Flammen stand.
Auf dem großen Platz hinter ihm hatte sich mittlerweile eine beachtliche Menschenmenge versammelt. Alles Bürger, die aus ihren niedergebrannten Häusern geflüchtet waren und sich nun um die notgelandete Raumfähre drängten. In deren Inneren versorgte Divone die Verletzten so gut sie konnte. Im Cockpit hielt Tara Kontakt zur eintreffenden Verstärkung. Da seine Biotronik nicht mehr funktionierte, seit er die Zuflucht der Ewigen verlassen hatte, was ungewöhnlich für das robuste Neuralimplantat war, kontaktierte er die Pilotin über seinen Armbandkommunikator. Das Gesicht der jungen Frau erschien auf einem kleinen holografischen Display über seinem linken Handgelenk. Ihr schwarzes Haar hatte sie seit ihrer letzten Begegnung auf eine Länge von zwei Zentimetern rasiert, ihre rot gefärbten Strähnen abgeschnitten.
»Hier draußen wird es langsam eng«, meldete er. »Wie ist die Lage?«
Er hatte natürlich mitbekommen, dass Sturmlandungskapseln heruntergekommen waren. Die Einheimischen leider auch, und wenig überraschend, hatten sie das Gesehene völlig falsch gedeutet. Die Hälfte der Verteidiger war geflohen, weil sie dachten, der Himmel würde ihnen auf den Kopf fallen. Es hatte den hünenhaften Mann viel Mühe gekostet, die Übrigen zur Ordnung zu rufen. Zum Glück hörten die meisten verängstigten Menschen instinktiv auf den Größten in der Gruppe.
»Ich habe unsere Position durchgegeben«, berichtete Tara angespannt. »Verstärkung ist auf dem Weg hierher. Sie etablieren gerade eine zweite Landezone außerhalb der Stadt. Divone will die Verletzten dorthin ausfliegen. Ich denke, wir können einen Start riskieren. Die Instrumente funktionieren alle wieder normal.«
»Ja, was immer der Junge da oben gemacht hat, er scheint Erfolg gehabt zu haben.« Ivan blickte hinauf zur Ruine des Palastes und hoffte, dass Cordian wohlauf war. Er würde es zwar nicht offen zugeben, aber er konnte den kleinen Prinzen inzwischen recht gut leiden.
»Sieht ganz so aus«, stimmte Tara zu. »Und nun schwing deinen Arsch an Bord, damit wir starten können.«
»Negativ. Fliegt ohne mich. Ich bleibe hier, bis die Leute sicher sind. Falls der Commander das erlaubt, meine ich.«
Lange brauchte er auf seine Antwort nicht warten. Das Hologramm von Taras Gesicht verschwand und wurde durch das Divones ersetzt, als sie ihn rief. Der Stress, unter dem sie stand, war ihr anzumerken und ließ die Züge der Mittdreißigerin deutlich älter wirken.
»Ivan, wenn du glaubst, etwas gutmachen zu müssen, ist das jetzt ein schlechter Zeitpunkt«, stellte sie klar. Ihre Stimme klang wie immer sanft. Es lag kein Vorwurf darin, vielmehr ehrliche Sorge.
»Das ist es nicht«, versicherte er, obwohl er sich insgeheim fragte, ob sie mit ihrer Vermutung nicht näher an der Wahrheit lag, als er sich selbst eingestehen wollte. Er hatte als Offizier der Ikarus direkte Befehle des Captains missachtet. Die Tatsache, dass er unter einer Art Hypnose gestanden hatte, war dabei nur ein schwacher Trost. Zunächst jedoch gab es dringendere Probleme. »Jemand muss die Leute hier beschützen, bis die Verstärkung da ist. Es könnte jederzeit ein neuer Angriff erfolgen. Ich komme nach, sobald ich kann.«
»Also gut«, gestattete seine Vorgesetzte. »Pass auf dich auf.«
Die versammelten Menschen gingen auf Abstand, als die Fähre startete. Wer auf die entsprechende Lautsprecherwarnung nicht reagierte, der suchte spätestens dann das Weite, als die in die Deltaflügel eingebetteten Mantelrotoren anliefen. Langsam und in niedriger Höhe steuerte das überladene Fluggerät auf die Stadtgrenze zu. Ivan blieb nicht viel Zeit, ihm nachzublicken, da er Warnrufe von der östlichen Barrikade vernahm. Vier Straßen trafen sich auf dem Platz. Aus allen Richtungen außer von Süden hatte es bereits Angriffe durch Wiedergänger gegeben. Er wies ein paar Männer an, ihm zu folgen, und lief los. Sein Impulsgewehr packte er fester. Für eine Salve würde die Ladung noch reichen, hoffte er.
An der provisorischen Verteidigungsstellung angekommen, erkannte er sofort den Ernst der Lage. Vierzig bis fünfzig gebeugte grauhäutige Gestalten näherten sich. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Attacken agierten sie nicht besonders koordiniert: Einige rannten voraus, der Rest schlurfte langsam hinter ihnen her. Gut möglich, so schlussfolgerte er, dass sie niemand mehr kontrollierte und sie bloß noch ihren Instinkten folgten. Doch es waren genug, um die verausgabten Verteidiger schon durch ihre pure Anzahl zu überwältigen. Einer der wenigen Bogenschützen in ihren Reihen schoss einen Brandpfeil auf die vorderste Kreatur, traf sie in die Brust und schickte sie damit zu Boden. Das Wesen wand sich auf dem Pflaster, als die Flammen auf seinen trockenen Körper übergriffen.
Ivan nickte dem Schützen anerkennend zu und feuerte einzelne, gut gezielte Partikelimpulse hinterher. Fünf weitere Angreifer teilten das Schicksal des ersten, dann gab die Potenzialzelle seiner Waffe endgültig den Geist auf. Mit gefletschten Zähnen ließ er das Gewehr fallen, ballte die Fäuste und ließ seine implantierten Knöchelklingen aufschnappen. Die elf Zentimeter langen Kunstmetallsporne würden ihm gegen einen Gegner, der weder Angst noch Schmerzen kannte, ja nicht einmal blutete, wenig nutzen. Aber es war besser als nichts. Die Verteidiger rechts und links von ihm packten ihre improvisierten Waffen fester und wappneten sich für das Handgemenge.
Doch so weit kam es nicht: Ganze Salven gleißender Partikelimpulse fraßen sich urplötzlich von hinten durch die Reihen der Wiedergänger und streckten sie mit systematischer Präzision nieder. Der letzte Angreifer fiel, kurz bevor er die ausgedünnte Linie der Verteidiger erreicht hatte. Im selben Moment schälte sich hinter ihnen ein massiver vierbeiniger Umriss aus der Dunkelheit, der die Straße fast in ganzer Breite ausfüllte.
Ivan fiel vor Erleichterung ein Stein vom Herzen, als er den Sturmlandungsmechanoiden im Widerschein der allerorts lodernden Brandherde erkannte. Zu spät wurde ihm klar, dass der Anblick des Metallkolosses auf die Umstehenden eine gänzlich andere Wirkung hatte. Einer nach dem anderen lösten sich die Stadtbewohner aus ihrer Erstarrung und bewegten sich zögerlich ein paar Schritte rückwärts. Als die Kampfmaschine weiter auf den Platz vorrückte, machten sie schreiend kehrt und nahmen die Beine in die Hand.
»Wartet!«, versuchte der Hüne noch, sie aufzuhalten. »Euch droht keine Gefahr!«
Doch die wenigsten hörten auf ihn. In alle Richtungen rannten die panischen Menschen davon, ihre Waffen ließen sie dabei nicht selten einfach fallen, wo sie gerade gestanden hatten.
Als letzte Person weit und breit wurde er von dem Mechanoiden identifiziert und über Lautsprecher angesprochen: »Verstärkung eingetroffen. Erwarte Befehle.«
Resigniert ließ Ivan den Blick über den leergefegten Platz schweifen, den sie so mühsam verteidigt hatten. »Stellung halten«, wies er die Maschine an. Dies versprach, eine lange Nacht zu werden.
Der Morgen dämmerte bereits, als Captain Meyers befreit wurde. Aus dem kleinen vergitterten Kerkerfenster hatte er nicht sehen können, was die Nacht über vor sich ging, aber seine Leute hatten ihn per Visicom auf dem Laufenden gehalten. Er konnte hören, wie einige Trümmer aus dem Weg geräumt wurden und sich schwere mechanische Schritte näherten. Einen Moment später war ein verspiegeltes Helmvisier durch die Sichtluke der Kerkertür zu erkennen.
»Treten Sie von der Tür zurück, Sir«, wurde er von einer Stimme draußen auf dem Gang aufgefordert. Kurz darauf bohrte sich eine Fissionsklinge durch das dicke eisenbeschlagene Holz und schnitt das Schloss mit routinierten Bewegungen heraus.
Die Tür schwang auf und ein Marine in voller Exorüstung lugte herein. In der servobetriebenen, vakuumdichten Gefechtspanzerung war er so massig, dass er in dem engen Gewölbe kaum aufrecht stehen konnte. Nur mit Schwierigkeiten gelang es ihm, vor dem Captain zu salutieren. Rangabzeichen und Namensschriftzug wiesen ihn als Sergeant Kaya aus.
Meyers dankte seinem Befreier knapp. Er war nicht etwa wegen irgendwelcher Vergehen in dieser Zelle gelandet, sondern hatte sich vor den blutrünstigen Wiedergängern hierher geflüchtet. Die massive Kerkertür hatte ihrem Wüten standgehalten, doch dazu hatte jemand von außen abschließen müssen. Als der Captain am Sergeant vorbei auf den Gang hinaus trat, sah er die Leiche des Königs mit dem Gesicht nach unten im Dreck liegen. Obwohl er wusste, dass der Regent tot war, ging Meyers neben ihm in die Hocke und fühlte vergeblich nach einem Puls. Er hatte Regaland den Vierten aufgrund seiner besonnenen Art und seiner Aufrichtigkeit respektiert. Mehr als das: Er hatte den alten Mann gern gehabt. Eltera hatte einen großen und gütigen Herrscher verloren. Wieso, dachte er niedergeschlagen, trifft es bloß immer die Falschen?
»Stellen Sie sicher, dass dieser Leichnam geborgen und sorgsam behandelt wird«, wies Meyers den Soldaten an, der den Befehl ohne Rückfragen bestätigte.
Als der Captain sich erhob, um Sergeant Kaya ins Freie zu folgen, vernahm er ein leises Geräusch, das ihn innehalten ließ. Es war ein Klopfen, das aus einem anderen Teil des Gewölbes zu kommen schien. Der Marine blieb stehen. Er hatte es offensichtlich auch gehört.
»Ich schätze, da lebt noch jemand«, schlussfolgerte Meyers. Falls der Trakt, wie er glaubte, nur für privilegierte Gefangene vorgesehen war, hatte er schon eine konkrete Ahnung, um wen es sich handeln mochte. Da er sich in seinem eng anliegenden leichten Kampfanzug besser durch den teilweise eingestürzten Korridor bewegen konnte als der schwergepanzerte Marine, ließ er sich den Fissionsschneider geben und machte sich auf den Weg.
Vorsichtig drang Meyers tiefer in das Gemäuer vor, immer wieder besorgte Blicke zur Decke richtend, die an einigen Stellen bedrohliche Risse zeigte. Das Klopfen wurde zu einem Hämmern, ab und zu unterbrochen von Hilferufen. Er erkannte die Stimme und sein Verdacht bestätigte sich.
An der einzig belegten Zelle angelangt, tat er es Sergeant Kaya gleich, sprach eine Warnung aus und schnitt dann die Tür auf. Ein sichtlich verstörter Kardinal Vaspar blickte ihm furchtsam entgegen. Seine Wangen wirkten eingefallen, sein schütteres Haar stand zerzaust ab.
»Meyers! Was bei Arns wachendem Auge geht hier vor?«
Auf dem Weg nach draußen versuchte der Captain, es ihm schonend beizubringen – soweit das angesichts der Umstände überhaupt möglich war. Der Palast war zerstört, die Stadt zur Hälfte niedergebrannt, der König tot. An diesen Fakten ließ sich kaum etwas schönreden. Der Sockel aus Nihilitgestein, welcher die übernatürlichen Kräfte der Salas Kai und damit auch die der Verdammten blockiert hatte, war von Trollen heimlich ausgehöhlt und abgetragen worden. Durch die Tunnel waren die grauenerregenden Wiedergänger in Scharen unter den Mauern hindurch direkt in den Palast geströmt. Immerhin hatte Prinz Cordians heldenhafter Mut verhindert, dass Asmarel weitere Angrale in seinen Besitz bringen konnte.
»Außerdem«, so schloss Meyers, kurz bevor sie hinter Kaya ins Tageslicht traten, »wissen wir nun, dass Sie zu Unrecht verdächtigt wurden, für den Feind spioniert zu haben. Es war Fürstin Tarisa, bei der es sich in Wahrheit um die Verdammte Selessa handelt, die uns alle manipuliert hat.«
Vaspar versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, nahm die Neuigkeiten mit der stoischen Ruhe eines machterprobten Politikers auf. Als sie jedoch hinaus ins Freie gelangten, wo die eingestürzten Mauern den Blick auf die verheerte Stadt freigaben, gelang es ihm nicht mehr, seine Erschütterung zu verbergen.
Ganthalas, das pulsierende Herz Elteras, lag zu großen Teilen in Schutt und Asche. Die reicheren Viertel rund um den Palast hatte es besonders schlimm getroffen. Kaum ein Haus war unversehrt geblieben, vielerorts quoll noch Rauch aus den Ruinen. Menschen krochen verstört zwischen den Trümmern umher oder betrauerten in Schockstarre den Verlust ihrer Existenz. Von einem trüben Morgenhimmel rieselten erste Schneeflöckchen herab, als wollten sie die Stadt in ein dünnes weißes Leichentuch hüllen.
»Die Stadt der Sonne wird fallen …«, murmelte der Kardinal heiser. »Früher glaubte man, dieser Teil der Prophezeiung beziehe sich auf Istala. Doch Istala ging unter, ohne dass das Zaihor zurückkehrte. Gemeint war von Anfang an Ganthalas.«
Meyers legte dem gebrochenen Mann verständnisvoll die Hand auf die Schulter. »Ich würde nicht allzu viel auf alte Weissagungen geben. Noch ist nicht alles verloren. Die Schäden sind immens, aber das lässt sich alles wieder aufbauen.«
Ihm war selbst klar, dass dies leichter gesagt als getan war. Der Königspalast war praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Nicht weit entfernt war eine Raumfähre auf einer Schutthalde gelandet. Bewaffnete Marines in Exorüstungen sicherten das Areal. Weiter unten, am äußeren Mauerring, glaubte er zu sehen, wie Männer der Palastwache Trümmer zur Seite räumten, um sich einen Weg ins Innere zu bahnen. Wie aufs Stichwort kamen soeben zwei Sanitäter aus dem Kerkergewölbe, den zugedeckten Leichnam des Königs auf einer Bahre transportierend. Der Kardinal musste ihn trotzdem erkannt haben, möglicherweise an seinem Gewand, das unter der Abdeckung hervorlugte, denn er zuckte sichtlich zusammen und fragte Meyers beklommen, ob dies tatsächlich Regaland sei.
Der Captain bejahte pietätvoll, woraufhin Vaspar mit der Hand einen Doppelkreis vor der Brust beschrieb, das Schutzsymbol Arns. »Wie starb er?«
Ein Kloß bildete sich in Meyers’ Hals, als er antwortete: »Er hat sich für mich geopfert.«
Es fiel ihm schwer, diese Wahrheit auszusprechen. Sein Gewissen wurde nicht müde, ihm die Schuld am Tod des Monarchen zu geben. Er fragte sich, wie wohl der Kardinal darüber denken mochte, doch Vaspars Miene war wie versteinert.
»Sir«, meldete sich Sergeant Kaya zu Wort, »Admiral Singhal möchte Sie sprechen. Wir fliegen Sie zuerst für den medizinischen Check ins Camp. Ihre Crew ist bereits dort. Sie können dann den nächsten Raumtransporter zur Timor nehmen.«
»Verstanden«, bestätigte der Captain und wandte sich wieder an den Kirchenmann. »Wir werden die sterblichen Überreste des Königs selbstverständlich in Ihre Obhut übergeben. Wenn Sie wünschen, dass unsere Ärzte sich um Sie kümmern oder wir sonst etwas für Sie tun können …«
Vaspar bedachte die Raumfähre und den gepanzerten Soldaten mit einem abschätzigen Blick und schüttelte den Kopf. Mit einem bitteren Unterton in der Stimme, der den Captain ein wenig beunruhigte, entgegnete er: »Nein danke, Meyers. Ich finde, Ihr habt bereits genug getan.«
Die Maschine mit Meyers und den Marines an Bord hatte gerade abgehoben, da öffnete Kaya zum ersten Mal sein Helmvisier. Zum Vorschein kam das Gesicht eines jungen Mannes mit platter Nase und breitem Kinn, das von kurzen Bartstoppeln bedeckt war. Beide Männer standen sich gegenüber, jeweils eine Hand an Haltegriffen über ihren Köpfen. Die Exorüstungen waren zu breit, um sich vernünftig auf den Sitzbänken niederzulassen, und Meyers hatte sich den Hintern lange genug auf einer Holzpritsche plattgedrückt.
»Sir, wenn die Frage gestattet ist«, eröffnete der Sergeant vorsichtig, »wer zum Teufel sind diese Primitiven? Ich meine, ist das eine verlorene Kolonie oder was?«
»Keineswegs«, verneinte Meyers. »Und sie sind nicht primitiv. Wir haben es hier mit einer Kultur zu tun, die über dreitausend Jahre alt ist. Wir können vielleicht noch einiges von ihnen lernen.«
»Was denn? Wie man mit Pfeil und Bogen schießt?«, erwiderte Kaya abfällig, stutzte dann aber, als er die Missbilligung in Meyers’ Blick bemerkte.
»Ich meine«, lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung, »wie ist das denn überhaupt möglich?«
Meyers konnte ihm seine Haltung im Grunde nicht verübeln. Wenn er zurück an das Gespräch dachte, das er bei seiner Ankunft auf diesem faszinierenden Planeten mit Divone geführt hatte, musste er sich eingestehen, dass er damals eher Kayas Position vertreten hatte.
»Wie es aussieht«, antwortete er auf dessen Frage, »ist die Menschheit nicht die erste raumfahrende Zivilisation der Milchstraße. Und wer auch immer vor uns kam, hat die Vorfahren dieser Leute hierher gebracht.«
»Und diese Dinger, die wir getötet haben? Waren das Aliens?«
»Sie werden Wiedergänger genannt«, erklärte Meyers. »Es sind Opfer einer Seuche, die Menschen in Monster verwandelt.« Einen Anflug von Schrecken im Gesicht des hartgesottenen Soldaten erkennend, fügte er augenzwinkernd hinzu: »Keine Sorge, die waren schon tot, bevor Sie sie erschossen haben.«
Kaya wurde noch ein wenig bleicher.
Das Camp entstand westlich der Stadt auf einem brachliegenden Acker. Als Meyers eintraf, umfasste es bereits gut zwei Dutzend Mehrzweckmodule in unterschiedlichen Größen und wuchs beständig. Mechanoiden legten unablässig flache Quader aus, die von Technikern verkabelt wurden, damit sich das polymorphe Material selbstständig zu weiteren Einheiten formen konnte. So entfalteten sich Unterkünfte, Depots, Sanitäranlagen, Werkstätten und Verbindungsstücke. Regelmäßig starteten und landeten Raumfähren, um Nachschub aus dem Orbit herbeizuschaffen.
Der medizinische Komplex war als Erstes fertiggestellt worden. Der ursprünglich weiße Fußboden war bereits mit schmutzigen Stiefelabdrücken übersät, sodass der Captain beim Eintreten kein schlechtes Gewissen hatte, seine eigenen zu hinterlassen. Es ging hektisch zu, die Betten waren gut belegt, hauptsächlich mit Planetenbewohnern. Sie würden sich weiter füllen, denn Rettungstrupps bargen nach wie vor Verletzte aus der Stadt. Er hatte auch von einigen Beinahe-Zusammenstößen zwischen Kampfeinheiten und der lokalen Bevölkerung gehört, die zum Glück glimpflich ausgegangen waren. Inzwischen war die elteranische Sprachdatenbank in jede Biotronik hochgeladen worden, was die Verständigung erleichterte, dennoch las er Angst und Verwirrung aus den meisten Gesichtern. Ein Kind schrie nach seiner Mutter, eine Frau weinte und Soldaten packten einen Mann, der um sich schlug, damit ein Sanitäter ihm ein Beruhigungsmittel verabreichen konnte. Diese Menschen hatten viel durchgemacht.
Das galt auch für seine Crew, die hier auf ihn wartete. Er war froh, dass alle, von ein paar Kratzern abgesehen, unverletzt waren, und befahl ihnen als Erstes, etwas Schlaf nachzuholen. Divone war bei Tao, die man von den anderen Patienten isoliert hatte, wie er erfuhr. Er würde nach ihr sehen, sobald die Ärzte ihn untersucht hatten. Zunächst jedoch nahm er Ivan auf ein Wort beiseite. Sein Waffenoffizier hatte unter dem geistigen Einfluss einer Verdammten gestanden und eindeutige Befehle ignoriert. Eigentlich hatte der Captain vorgehabt, ihm bei seiner Rückkehr gründlich die Leviten zu lesen. Da er nun aber am eigenen Leib erfahren hatte, wie leicht es Selessa fiel, einen Menschen zu manipulieren, konnte er dem Mann keinen echten Vorwurf mehr machen. Das tat der Soldat ohnehin selbst schon zu Genüge, wie Meyers deutlich an seiner Körpersprache erkannte. Nachdem er Ivan versichert hatte, dass ihm von seiner Seite aus kein Ärger drohte, ließ er ihn wegtreten. Unwillkürlich fragte er sich jedoch, was wohl aus der Frau geworden war, die ihr beider Wille so mühelos gebrochen hatte. Es wäre ihm ganz recht, sie nie wiederzusehen, doch insgeheim fürchtete er, nicht zum letzten Mal von der Verdammten gehört zu haben.
Als er wenig später nach einer kurzen Untersuchung endlich die offizielle Bestätigung bekam, dass ihm nichts fehlte, begab er sich in den abgeschotteten Teil des medizinischen Traktes. Es war ruhiger hier, beinahe schon gespenstisch. Neben dem gelegentlichen Tappen von Füßen waren nur die rhythmischen Geräusche der allgegenwärtigen Maschinen zu hören. Pro Abteil waren es nur noch zwei statt zwanzig Betten und es gab schließende Türen anstelle von einfachen Vorhängen. Hier waren Patienten untergebracht, die länger bleiben würden. Meyers sah Männer und Frauen mit schweren Verbrennungen an Schläuchen hängen, die ihren Körper mit Schmerzmitteln vollpumpten. Möglicherweise konnten Nanobots den Schaden beheben, vielleicht musste aber auch synthetisches Gewebe verpflanzt werden. Es gab außerdem zwei gläserne Regenerationstanks, gefüllt mit grünblauem Gel. In einem davon hing wie schwerelos ein Körper, dem beide Beine fehlten. Er würde einige Wochen im künstlichen Koma verbringen, bis ihm neue gewachsen waren.
In Taos Krankenzimmer hielt sich neben Divone noch eine weitere Person auf. Es handelte sich um einen dürren älteren Mann mit beginnender Glatze, der die Uniform des Sanitätsdienstes trug. Die Biotronik des Captains identifizierte ihn als Doktor Lee, den Admiralstabsarzt der Timor. Die beiden standen am Bett der jungen grünhaarigen Frau und diskutierten leise miteinander. Zu Meyers’ Überraschung war auch das zweite Bett belegt. Darin schlief in abgewetzter Straßenkleidung und staubigen Stiefeln niemand anderes als Prinz Cordian. Schwert und Schild lehnten neben ihm an der Wand. Anders als bei Tao waren die zahlreichen Maschinen und holografischen Displays, die den Gesundheitszustand überwachten, bei ihm abgeschaltet.
»Was macht der denn hier?«, erkundigte sich der Captain leise bei seinem ersten Offizier, nachdem sie einander begrüßt hatten.
Divone zuckte entschuldigend mit den Achseln. »Er hat sich geweigert, ihr von der Seite zu weichen.«
»Und wie geht es ihr?«, fügte er mit einem Nicken in Taos Richtung hinzu.
Es war der Doktor, der antwortete: »Körperlich ist sie allem Anschein nach unversehrt, aber sie reagiert nicht auf äußere Reize. Wir können sie derzeit nicht aufwecken.«
»Heißt das, sie liegt im Koma?«, fragte Meyers besorgt.
»Nein, ihre Gehirnströme legen nahe, dass sie schläft. Aber um ehrlich zu sein, wissen wir nicht, was mit ihr los ist. Obwohl das Schläfenkontaktpad fehlt, scheint sie eine Art Biotronik im Kopf zu haben, es ist uns bisher jedoch nicht gelungen, irgendwelche diagnostischen Daten auszulesen. Auf Bitten von Commander Alwana haben wir vorläufig darauf verzichtet, ihren Zustand mit Medikamenten zu beeinflussen.«
Es war dem Admiralstabsarzt deutlich anzumerken, dass er Divones Einschätzung nicht unbedingt teilte. Die Gaianerin rechtfertigte sich geduldig: »Wir wissen weder, wie Alphas im Allgemeinen auf die üblichen Mittel reagieren, noch, welche Auswirkungen sie auf ihre spezielle Verbindung mit den Angralen haben könnten. Am besten warten wir ab, was passiert, und behandeln sie solange wie ein rohes Ei.«
»Das sehe ich genauso«, pflichtete Meyers bei, der sich gar nicht ausmalen wollte, welch zerstörerische Macht nun in Tao schlummerte. »Wie ein Ei, das mit Antimaterie gefüllt ist.«
Als Doktor Lee widerstrebend nickte, empfahl sich der Captain. Er wollte den Admiral nicht unnötig warten lassen. Seinen ersten Offizier wies er wie den Rest seiner Leute an, sich etwas Ruhe zu gönnen.
Als er ging, wäre er vor der Tür des Krankenzimmers beinahe mit einem schlanken hochgewachsenen Kerl zusammengestoßen. Überraschenderweise trug dieser keine Uniform der Unionsflotte, sondern einen ziemlich teuer wirkenden schwarzen Anzug. Ein sorgfältig getrimmter Bart rahmte ein markantes Kinn ein, das zu einem gut aussehenden Mann Mitte vierzig gehörte.
»Draco!«, entfuhr es Meyers. Im Grunde war er nicht überrascht, den Konzernchef hier anzutreffen, er hatte nur nicht damit gerechnet, dass es so bald sein würde.
Mit dem selbstgefälligen Blick eines Mannes, der immer bekam, was er wollte, sah Alexandro Draco auf ihn herab. »Schön, Sie wohlauf zu sehen, Captain«, grüßte er ihn höflich. »Sie haben es tatsächlich geschafft, die Alpha hierher zu schaffen. Gilt unsere Vereinbarung noch?«
»Natürlich«, schnaubte er ungehalten. »Sie können mit ihr sprechen, sobald sie zu sich kommt. Aber ich glaube nicht, dass sie auf Sie hören wird. Und zu Ihrer eigenen Sicherheit rate ich Ihnen, sie zu nichts zu drängen. Es sei denn, Sie wollen mitsamt diesem Camp von der Landkarte getilgt werden.«
Draco ließ mit keiner Regung erkennen, ob ihn die ernst gemeinte Warnung im Geringsten beeindruckte. Nicht in der Stimmung, sich dieses überhebliche Lächeln weiter anzutun, kehrte Meyers ihm unhöflich den Rücken. Er würde sich jetzt noch schnell frisch machen und dann die nächste Raumfähre besteigen. Admiral Singhal wurde vermutlich schon ungeduldig.
Die Timor gehörte als Flottenträger mit fünfhundertachtzig Metern Länge zu den größten Kampfschiffen der Union. Der Rumpf war wie bei allen hyperraumtauglichen Schiffen grob keilförmig, um den Erfordernissen des Antriebs gerecht zu werden. Am Heck maß er stolze dreihundert Meter in der Breite. Zweihundertvierzig Besatzungsmitglieder verrichteten ihren Dienst auf dem Träger, dazu kam das Vierfache an Jägerpiloten, Marines, Pionieren sowie Logistik- und Sanitätspersonal. Begleitet wurde er von zwei schweren Kreuzern mit massiver Feuerkraft, der Riga und der Trondheim, zwei leichteren Fregatten, der Arjuna und der Tengu, sowie dem Versorgungsschiff Frankfurt.
Als Meyers die Raumfähre über die Luftschleuse verließ, wurde er von einem adretten Lieutenant aus dem Stab des Admirals empfangen, der ihn zum Konferenzraum der Timor begleitete. Der Captain hatte den leichten Kampfanzug, den er in den letzten Wochen getragen hatte, bereitwillig gegen einen bequemen Bordoverall getauscht. Elektromagnete in den Fasern seiner Kleidung machten es möglich, sich in der Schwerelosigkeit bequem vom Bordleitsystem durch die Korridore ziehen zu lassen.
Im Gegensatz zu den schlichten funktionalen Gängen wirkte der Konferenzraum mit seinen hellen Wandpaneelen und einem mächtigen ovalen Tisch aus Holzimitat geradezu vornehm. Meyers schmunzelte: Ein Flottenträger war immer auch so etwas wie ein mobiles Hauptquartier und so mochten sich in diesem Raum schon etliche hochrangige Vertreter der Flotte getroffen haben. Dennoch waren Tische, insbesondere solch wuchtige Exemplare, in der Schwerelosigkeit relativ sinnlose Möbelstücke. Natürlich konnte man Gegenstände magnetisch oder adhäsiv an ihnen befestigen, aber das ging überall sonst ebenso gut. Nein, sein Vorhandensein war mehr der jahrhundertealten Tradition geschuldet, die vorsah, dass wichtige Gespräche eben an Tischen wie diesen stattzufinden hatten.
Admiral Rajesh Singhal wartete bereits auf ihn. Es handelte sich um einen kleinen, auffallend stämmigen Mann mit grauem Haarkranz um das ansonsten kahle Haupt. Name und Hautton ließen auf eine indische Abstammung schließen, sein Wuchs auf eine Kindheit in hoher Schwerkraft. Meyers kannte ihn lediglich vom Sehen, war ihm ein paar Mal auf der Ambato-Flottenbasis über den Weg gelaufen, hatte aber nie persönlich mit ihm zu tun gehabt.
»Möchten Sie einen Kaffee?«, bot der Admiral ihm an, nachdem sie einander begrüßt hatten.
»Schwarz bitte.«
Singhal, der vor dem Getränkespender schwebte, füllte einen durchsichtigen Beutel mit der heißen Flüssigkeit ab und warf ihn Meyers zu, bevor er sich ebenfalls bediente. Kaffee war eines der Dinge, die der altgediente Raumschiffkommandant auf Eddor schmerzlich vermisst hatte. Geschickt fischte er den Beutel aus der Luft und friemelte das Mundstück heraus, darauf achtend, sich nicht die Finger zu verbrennen.
Auf einen Wink des Admirals nahmen beide Männer Platz. Die Schalensitze verfügten über keine Gurte, da sie nicht für die Benutzung unter Beschleunigung vorgesehen waren, dafür erzeugte das Polster bei Berührung einen leichten lokalen Unterdruck, der sie sanft an die Sitzflächen saugte. Meyers nahm einen ersten vorsichtigen Schluck seines belebenden Getränks, während sein Vorgesetzter ein holografisches Display aktivierte, das den Einsatzbericht zeigte, den er vom Captain einige Stunden zuvor erhalten hatte.
»Ihr Bericht«, begann Singhal mit Sorgenfalten auf der Stirn, »liest sich stellenweise wie ein Märchenbuch. Ich habe eine zehnjährige Enkeltochter, die gerade alles verschlingt, was mit Elfen und Einhörnern zu tun hat. Der würde das gefallen.«
»Ich bin mir sicher, dass in diesem Dokument keine Elfen und Einhörner vorkommen, Sir«, verteidigte sich Meyers. Er hatte durchaus mit einer solchen Reaktion gerechnet, schließlich konnte er selbst kaum glauben, was er in den letzten Wochen erlebt hatte.
»Aber Drachen und Trolle. Finden Sie, das macht einen Unterschied?«
»Nun, die beschriebenen Lebensformen existieren wirklich. Sie können ihnen natürlich andere Namen geben, wenn die mythologischen Bezeichnungen Sie stören …«
»Ich schätze, die sind unser geringstes Problem«, befand Singhal mit ernster Miene. »Sie haben den Einheimischen Militärhilfe und Satellitenaufklärung gewährt. Ihnen ist doch sicher bekannt, dass die Union sich aus den Angelegenheiten von Nicht-Mitgliedern grundsätzlich heraushält.«
Meyers rollte mit den Augen. Hätte der Geheimdienst der Flotte sich mal an diese Grundsätze gehalten, dann wäre er jetzt gar nicht hier.
»Wir saßen am Boden fest und mussten den Leuten irgendetwas im Austausch für ihre Unterstützung anbieten. Außerdem lag eine humanitäre Krise vor«, rechtfertigte er sich deshalb geduldig. »Eine Krise übrigens, an deren Entstehung Behörden der Union zumindest eine Mitschuld tragen.«
»Sie meinen die Aegis-Division?«, schlussfolgerte der Admiral richtig.
Meyers nickte. »Die Division hat auf verantwortungslose Weise mit außerirdischer Technologie experimentiert, was die Zerstörung ihres Stützpunktes nach sich zog und noch weitere unabsehbare Folgen haben könnte. Unsere dringlichste Aufgabe sollte jetzt sein, herauszufinden, was mit dem Tor vor sich geht.«
Singhal schwieg einen Moment, als sich der Inhalt des holografischen Displays änderte und Informationen über das Tor darbot.
»In der Tat. Es scheint, als sende dieses Artefakt starke elektromagnetische Störsignale aus, und zwar, seit Ihr Schiff eine Antimateriewaffe darauf abgefeuert hat. Dies geschah, als ein eigentlich unter Arrest stehender Agent der Division sich kurzzeitig der Brücke bemächtigte. Erklären Sie mir bitte, wie es zu einer derart schwerwiegenden Sicherheitspanne kommen konnte.«
Meyers’ Züge verfinsterten sich. Commander Lapaga hatte sich nach dem Abfeuern des Torpedos ohne Widerstand ergeben. Ron Digger, sein Ingenieur und einziges Besatzungsmitglied an Bord, war wohlauf. Dennoch nagte der Vorfall am Gemüt des Captains. Am liebsten wäre er sofort auf die Ikarus zurückgekehrt und hätte sich diesen Mistkerl persönlich vorgeknöpft.
»Er hat eine Hintertür in der Schiffsintelligenz ausgenutzt.«
»Das meine ich nicht«, präzisierte der Admiral grimmig. »Meine Techniker haben die Protokolldateien ausgewertet und Ihre Schilderung der Ereignisse bestätigt. Was nebenbei bemerkt ungeheuerlich ist. Aber«, er hob drohend den Zeigefinger, »der Agent konnte mit seiner Sabotage nur Erfolg haben, da Sie und der Großteil Ihrer Mannschaft nicht an Bord waren, sondern sich am Boden auf unverantwortliche Weise in die Politik eines souveränen Staates eingemischt haben.«
Meyers schluckte seine Antwort hinunter. In diesem Punkt hatte der Admiral ohne Zweifel recht. Er hätte den konfiszierten Sprengkopf unbedingt sicherer verwahren müssen! Betreten sah er zu Boden.
»Ich nehme Ihnen durchaus ab, dass Sie improvisieren mussten und nach bestem Wissen und Gewissen handelten«, gestand Singhal ihm nun etwas versöhnlicher zu. »Doch ab jetzt laufen die Dinge hier wieder streng nach Vorschrift. Ich möchte, dass Ihre Crew auf die Ikarus zurückkehrt. Sie bekommen von der Frankfurt alle Ersatzteile, die sie benötigen, um den Hyperantrieb zu reparieren. Wenn das erledigt ist, wird Ihr Schiff den inhaftierten Agenten unverzüglich nach Ambato überführen, wo er vor ein Militärgericht gestellt werden kann.«
Der Captain schluckte. Sein Vorgesetzter wollte ihn abziehen? Das gefiel ihm ganz und gar nicht.
»Sir, bei allem Respekt«, widersprach er vorsichtig, wohl wissend, dass er sich auf sehr dünnes Eis begab. »Die Situation hier ist explosiv. Vom Tor könnte eine ernste Gefahr ausgehen. Am Boden herrscht noch immer Krieg. Sie brauchen jemanden, der diese Welt kennt. Jemanden, der Beziehungen zu den Einheimischen hat …«
»Da haben Sie völlig recht«, pflichtete der Admiral ihm bei. »Deswegen befördere ich Sie hiermit in meinen Stab, wo sie eine beratende Funktion ausfüllen werden. Sie bleiben, aber die Ikarus fliegt ab.«
Als Cordian erwachte, schmerzte jeder Knochen und jeder Muskel in seinem Körper. Sein Schädel pochte und seine Kehle war ausgedörrt. Er fühlte sich wie gerädert. Es lag nicht an dem ungewohnt weichen Bett der Sternfahrer – Ursache waren ohne Zweifel die übermäßige Anstrengung des vergangenen Tages sowie die zahlreichen kleineren und größeren Blessuren, die er davongetragen hatte.
Auf einer Ablage fand er einen Becher Wasser in Griffweite, den er gierig leerte. Tao schlief, in weiße Laken gehüllt, auf der Liege neben ihm noch immer. Das Licht war gedämpft und künstlich. Mangels Fenster gab es keine Möglichkeit, die Tageszeit zu bestimmen und damit, wie lange er geschlafen hatte. Der Raum war angefüllt mit unheimlichen Apparaturen, deren Funktion er nicht einmal erahnen konnte. Manche gaben gelegentlich seltsame Geräusche von sich, die ihn jedes Mal in Alarmbereitschaft versetzten. Divone, die Heilerin aus Captain Meyers’ Mannschaft, hatte ihm zwar am Vorabend versichert, dass ihm hier keinerlei Gefahr drohe, dennoch ließ sich die Anspannung nicht so ohne Weiteres abschütteln. Es gab hier einfach nichts Vertrautes, das ihm Sicherheit gegeben hätte. Sogar die Luft roch künstlich.
Cordians Blick blieb an einer daumengroßen Steinfigur hängen, die auf einer Ablage neben Taos Bett lag. Ein Schmetterling aus Trollstein, den er für sie hatte anfertigen lassen. Er gestattete sich, es als gutes Omen zu deuten. Wenn das Kleinod die Strapazen unbeschadet überstanden hatte, würde Tao das auch, daran glaubte er fest.
Das verständliche Bedürfnis verspürend, sich erleichtern zu müssen, gürtete der Prinz sein Schwert und verließ das Krankenzimmer. Dass die Tür von allein aufglitt, sobald man sich näherte, bescherte ihm immer noch eine Gänsehaut. Die Wachen auf dem Gang musterten ihn mit einer Mischung aus unverhohlener Neugier und Geringschätzung, während er sich seinerseits Mühe gab, sie einfach zu ignorieren. Wie er bereits am Vorabend festgestellt hatte, waren die Latrinen nicht weniger beängstigend als der Rest der Krankenunterkünfte. Es schien, als würde ein dienstbereiter Geist in dem Gebäude hausen, der jeden seiner Schritte voraussah und ihm Türen öffnete, für Licht sorgte und Wasser laufen ließ. Sensoren hatte Divone das genannt. Ein Wort, das er sich gemerkt hatte. Es gab auf dem stillen Örtchen auch einen Spiegel: Nun hatte er Gewissheit, dass er tatsächlich so schrecklich aussah, wie er sich fühlte. Er versuchte, sein zerzaustes dunkelbraunes Haar notdürftig glattzustreichen, und wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht. Dort, wo es nicht von ungepflegten Bartstoppeln bedeckt wurde, hatte es eine ungesunde blasse Farbe angenommen.
Als er zurückkam, hinderte ihn eine der Wachen am Betreten von Taos Zimmer.
