Sturmzorn - Patrick Arbogast - E-Book

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Patrick Arbogast

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Beschreibung

Es heißt, eine Klinge gleiche immer ihrem Träger

Einst kommandierte Odrin Weißhaupt die Legionen des pandrischen Kaisers. In Ungnade gefallen fristet er nun ein Leben als einfacher Nachtwächter. Als er einen Einbruch in den kaiserlichen Palast vereitelt, wird er reaktiviert und mit einer geheimen Mission betraut. Seine gefahrvolle Reise führt ihn in die entlegene Provinz Sintura, ein Land voller Mystik und fremdartiger Bräuche. Dort trifft er auf die junge Ilea, die den Wind beherrscht und verzweifelt für die Freiheit ihres Volkes kämpft.

Schwertkämpfe und Abenteuer in einer römisch geprägten Welt

Sturmzorn ist ein abgeschlossener Fantasyroman in Welt von Pandrien

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt
Titel und Impressum
Klappentext
Karte
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Epilog
Danksagung
Weitere Bücher von Patrick Arbogast

Sturmzorn

 

Patrick Arbogast

 

Roman

 

Impressum

 

Copyright ©2020 by

Patrick Arbogast

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Impressum:

Patrick Arbogast

Brückenstr. 56

65719 Hofheim

 

Text, Layout, Illustrationen: Patrick Arbogast

Cover: Stefan Stankovic (www.artstation.com/stankovic)

Lektorat: Susanne Zeyse (www.lektorat-zeyse.de)

 

Kritik, Anregungen, Fragen bitte an:

[email protected]

Dem Autor auf Facebook folgen: www.facebook.com/arbogast.autor

 

Klappentext

 

Es heißt, eine Klinge gleiche immer ihrem Träger

 

Einst kommandierte Odrin Weißhaupt die Legionen des pandrischen Kaisers. In Ungnade gefallen fristet er nun ein Leben als einfacher Nachtwächter. Als er einen Einbruch in den kaiserlichen Palast vereitelt, wird er reaktiviert und mit einer geheimen Mission betraut. Seine gefahrvolle Reise führt ihn in die entlegene Provinz Sintura, ein Land voller Mystik und fremdartiger Bräuche. Dort trifft er auf die junge Ilea, die den Wind beherrscht und verzweifelt für die Freiheit ihres Volkes kämpft.

 

Schwertkämpfe und Abenteuer in einer römisch geprägten Welt

 

 

Prolog

Kloster der Daodin, Provinz Sintura – Jahr 298 der Republik

Der Wind heulte durch die Schlucht unter ihr. Er brach sich an scharfen Graten, verlor sich in dunklen Spalten und wirbelte bis zu dem Felsvorsprung empor, auf dem sie sich mit überkreuzten Beinen niedergelassen hatte. Seiner Wucht beraubt zupfte er beinahe zärtlich am Stoff ihres Saris, so als scheue er davor zurück, ihre Meditation zu stören. Hinter ihr brachte er die herabhängenden Nadeln einer zwergwüchsigen Tränenkiefer zum Rascheln, die zwischen Klostermauer und Felskante der Witterung trotzte. Nicht weit entfernt erklang ein hölzernes Glockenspiel sanft im Takt des Luftzugs. Die Brise verfing sich in den mit Gebetsfahnen behängten Leinen, die sich bis zur Turmspitze hinauf spannten, und brauste mit neu erwachter Kraft daran empor. Hoch oben vereinte sie sich zu guter Letzt mit den mächtigen Böen, welche die benachbarten Gipfel umtosten.

Es war eine Symphonie der Luft und Ilea nahm jeden Ton davon wahr. Mit ausgebreiteten Armen im Lotussitz ausharrend atmete sie im Rhythmus des Windes und stimmte sich so auf ihr Element ein. Vor sich in der Schlucht sah sie die nebelhaften Leiber der Sylfane, der dort hausenden Naturgeister, die in den Aufwinden tollten. Neugierig kamen sie näher, angelockt von dem mächtigen Prana, das sie in ihrem Inneren sammelte. Sie bot es den Geistwesen großzügig dar. Dankbar huschten sie durch die Falten und Maschen ihres Saris und naschten nur allzu bereitwillig davon. Sanft streichelten sie ihre glatte sonnengebräunte Haut und spielten mit den langen Strähnen ihres schlohweißen Haares, das so gar nicht zu einer bald Siebzehnjährigen passen wollte.

Ilea erhob sich und lockerte ihre schlanken Glieder. Der Fels fühlte sich hart und kalt unter ihren nackten Füßen an. Leicht ging sie in die Knie, verlagerte behutsam das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Die Arme ausgebreitet, drehte sich um die eigene Achse und führte die Hände vor der Brust wieder zusammen. Sie verschwendete keinen Gedanken daran, dass sie hundert Meter in die Tiefe stürzen würde, falls sie bei ihrem langsamen Tanz das Gleichgewicht verlöre. Körper und Seele waren in perfekter Balance, die wärmende Kraft ihres Pranas durchströmte sie.

Mit jeder vollführten Bewegung, mit jedem Atemzug versammelten sich mehr der kleinen Luftgeister um sie. Der Wind hatte seine Melodie geändert und sein Lied handelte nun von ihr allein. Ileas Blick wanderte nach Norden, wo in der Ferne die wolkenverhangenen Gipfel der Himmelspfeiler aufragten – so hoch, dass die umliegenden Berge dagegen wie Ameisenhügel wirkten. Es hieß, dass Wahischna, die göttliche Schlange, dort thronte. Wenn sie einatmete, kam der Wind von der See und brachte den jährlichen Regen, der die Wasser des Sintu anschwellen ließ und den Bauern an seinen Ufern reiche Ernten einbrachte. Wenn sie ausatmete, wehte der Wind von den Bergen herab und die Trockenzeit begann.

Ilea wünschte, ihr eigener Atem hätte auch nur annähernd diese Macht. Dann würde sie die Pandrier, die ihre Heimat besetzt hielten, zurück über das Trianische Meer blasen, von wo sie gekommen waren!

Ihre Bewegungen wurden fahriger, sie drohte aus dem Takt zu geraten. Tief durchatmend verbannte sie die störenden Gedanken und konzentrierte sich wieder voll auf ihren Tanz. Erst da bemerkte sie, dass sie einen Zuschauer hatte: Lafo stand in seiner ockerfarbenen Mönchskutte ein paar Meter entfernt auf dem Pfad, der zu ihrem Vorsprung führte und beobachtete beeindruckt, wie der Wind Ilea umtoste. Lafo war kein Mystiker, die Sylfane konnte er nicht sehen. Überhaupt beherrschte er sein Prana erstaunlich schlecht, bedachte man, dass er schon ebenso lang bei den Daodin lernte wie sie. Dafür verstand er sich recht gut auf die Heilkunst und war ein geschickter Handwerker. Der schlaksige junge Mönch mit dem kahlgeschorenen Schädel war vier Jahre älter als sie und immer so etwas wie ein großer Bruder für sie gewesen. Gemeinsam hatten sie ihre Jugend im Kloster verbracht und ihren Lehrmeistern so manchen dummen Streich gespielt. Stets hatte Lafo bereitwillig die Verantwortung und damit auch die Strafe auf sich genommen.

So gerne Ilea den stets fröhlichen Mönch sonst in ihrer Nähe wusste, jetzt gerade hätte sie auf seine Gesellschaft lieber verzichtet. Denn Lafo fehlte einfach das Gefühl dafür, wann es besser war, die Klappe zu halten …

»Unglaublich!«, rief er und klatschte in die Hände. »Wie ein richtiger Windrufer! Wenn dein Vater dich jetzt sehen könnte, wäre er bestimmt stolz auf dich!«

Ihr Vater …

Wie ein Dolch bohrte sich der schmerzhafte Gedanke in ihre Brust. Sie geriet ins Schwanken, ihr Atem stockte, das Prana verflüchtigte sich. Enttäuscht wandten sich die nebelhaften Geister ab und zogen ihrer Wege. Ilea brachte ihren Körper zurück ins Gleichgewicht, aber ihre innere Ruhe war dahin. Einen resignierenden Seufzer ausstoßend, raffte sie ihr Gewand, kletterte von dem Vorsprung hinunter und schlüpfte in ihre Sandalen. Die Sonne würde ohnehin bald hinter den Bergen versinken.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte Lafo kleinlaut, als sie sich auf dem schmalen Pfad zurück ins Kloster wortlos an ihm vorbeischob. »Ich gehe sofort wieder, wenn ich störe.«

»Es liegt nicht an dir.«

»Was ist es dann?« Lafo eilte ihr eifrig gestikulierend hinterher. »Als Meister Gisatra und ich dich damals fanden – halb tot und im Fieber – da spürte ich bereits, dass du eine spezielle Verbindung zu den Geistern hast. Wie, außer durch ihren Schutz, hättest du überleben können? Wenn der Meister sieht, wie weit du schon bist, schenkt er dir bestimmt ein wohlwollendes Nicken. Vielleicht sogar ein Lob. Weißt du, wie lange es her ist, dass er mich für etwas gelobt hat?«

Als von Ilea keine Antwort kam, meinte er schließlich: »Siehst du? Ich auch nicht.«

Wütend blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. »Das Ganze ist doch sinnlose Zeitverschwendung!«

Verwirrt hob Lafo die Hände. »Was meinst du denn damit?«

»Na einfach alles. Die Meditation, die Atemübungen, die ständige Zwiesprache mit den Luftgeistern!«

»Aber«, entgegnete ihr Freund bestürzt, »dein Vater war auch ein Windrufer. Nach deiner Ausbildung könntest du seinen Platz einnehmen. Das Volk würde sich hinter dir versammeln.«

»Was bitte hat ihm das genutzt?«, zischte sie. »Ich werde Sintura nicht mit einem Windstoß von den Pandriern befreien! Sie haben Legionen, Schwerter, Ballisten, Onager und …«

»Den Todesnebel«, vervollständigte Lafo die Aufzählung mit einem ängstlichen Flüstern. Behutsam nahm er eine Strähne ihres weißen Haares zwischen die Finger, bevor er die Hand gleich darauf wie ertappt wieder zurückzog.

Entschlossen starrte Ilea ihn an. »Ich habe mich lange genug hinter Klostermauern versteckt. Morgen werde ich fortgehen und mich Marek anschließen. Ich bin bereit.«

Der Entschluss war lange in ihr gereift. Meister Gisatra würde nie zufrieden mit ihr sein, egal wie geduldig sie war. Sie wollte Pandrier bekämpfen, und Marek bot ihr die Chance, genau das zu tun! Mit einem wohligen Schauer erinnerte sie sich daran, wie er vor dem versammelten Kloster gesprochen und um Unterstützung geworben hatte. Seine Worte hatten sich an alle gerichtet, seine tiefen dunklen Augen jedoch schienen einzig Ilea dabei angesehen zu haben.

»Marek? Dieser aufgeblasene Angeber?« Lafo konnte es nicht fassen. »Der kann mit seiner kleinen Schar doch nichts gegen die Besatzer ausrichten.«

»Er unternimmt wenigstens etwas!«, brüllte Ilea in den Wind hinaus und ließ ihn stehen. Ein klagendes Heulen aus der Schlucht antwortete ihr.

 

1

Reichshauptstadt Pandris, Provinz Lantisa – ein Jahr später

Die Gespräche verstummten augenblicklich, als Odrin mit seiner Patrouille die Schenke betrat. Mit geübtem Auge erfasste er die Situation: An fünf Tischen saßen einfache Bürger, gekleidet in schlichte Tuniken aus grobem Leinen. Handwerker oder Ladenbesitzer, die einen langen Arbeitstag bei einer Schale Hühnersuppe und einem Krug Wein ausklingen ließen. Keiner von ihnen war auf Ärger aus. Am sechsten Tisch hockten zwei Patrizier. Ihr glasiger Blick ließ darauf schließen, dass dies nicht die erste Taverne war, die sie am heutigen Abend beehrten. Die Straße der Republik war berühmt für ihre vielen Weinlokale. An ihrem Ende lag eines der besseren Bordelle der Hauptstadt. Unter den jungen Adeligen von Pandris war es in letzter Zeit in Mode gekommen, lange Sauftouren die Straße hinunter zu unternehmen und zum Abschluss die dortigen Huren zu besteigen. Die Republik retten, nannten sie diesen zweifelhaften Zeitvertreib.

Ein Stuhl am Patriziertisch war leer. Der dritte der Runde, ein Bursche von vielleicht zwanzig Jahren, stand an der Theke und befingerte dort die Schankmaid. Offenbar hatte er es nicht mehr bis zum Bordell ausgehalten. Verzweifelt versuchte die junge Frau, sich aus der Umklammerung des Mannes zu winden, während die drei Leibwächter der Trunkenbolde, alles stämmige Sklaven bewaffnet mit Kurzschwertern, den Wirt davon abhielten, der Bedrängten zur Hilfe zu eilen.

Odrin legte verärgert die Stirn in Falten. Zu oft schon hatte er Szenen wie diese miterlebt. Fast immer waren es die Reichen und Privilegierten, die jeden Anstand vermissen ließen. Zu oft kamen sie damit durch. Diesmal nicht! Nicht, wenn er auf Streife war!

»Zier dich nicht so«, lallte der übergriffige Patrizier, der nur Augen für die Schankmaid hatte. »Du willst es doch auch.« Seine Toga schleifte bereits halb abgewickelt am Boden, die Tunika, die er darunter trug, war verschwitzt.

Eilig erhob sich einer seiner Kumpane und rüttelte ihn an der Schulter. »Die Vigilanten sind da«, zischte er.

Der Angesprochene drehte den Kopf und musterte Odrin und die neun Männer unter seinem Kommando überrascht, machte jedoch keine Anstalten von der Maid abzulassen. »Na und?«, grunzte er missbilligend und rümpfte seine Adlernase, als störe er sich an einem üblen Geruch. »Ich bin Luzius Sikitus, was scheren mich diese Nachtwächter. Die sollen sich davonmachen und nachschauen, ob nicht irgendwo ein Feuer zu löschen ist.«

Der Name Sikitus gehörte einer einflussreichen Familie. Odrin konnte spüren, wie Unsicherheit von seinen Männern Besitz ergriff. Er bedeutete ihnen zurückzubleiben und ging allein auf den Patrizier zu. Dabei zog er die Kapuze seines blauen Umhangs zurück, sodass sein schlohweißes Haar im Licht der Öllampen zum Vorschein kam.

»Lass sie in Ruhe, trink aus und geh«, forderte er den Unruhestifter in ruhigem aber bestimmten Tonfall auf.

Luzius stieß die Frau tatsächlich von sich, dachte jedoch nicht daran, der Anordnung Folge zu leisten. Stattdessen richtete er seine Toga und machte drohend einen Schritt auf Odrin zu. »Hast du etwa nicht gehört, wer ich bin, Großväterchen?«

»Interessiert mich nicht«, erwiderte Odrin und reckte sein Kinn vor, das er vor drei Tagen zum letzten Mal rasiert hatte. »Vor dem Gesetz sind alle pandrischen Bürger gleich. Und ich vertrete hier das Gesetz.«

Sein Freund erkannte offenbar, dass Luzius im Begriff war eine Dummheit zu begehen und versuchte ihn zurückzuhalten. »Das ist Odrin Weißhaupt«, flüsterte er ihm zu. »Mit dem ist nicht zu spaßen.«

»Wer soll der alte Trottel sein?«, knurrte der aufgebrachte Adelige.

»Odrin Weißhaupt. Er war Primus des Kaisers und Kommandant der Roten Garde. Er führte elf Legionen über das Trianische Meer und eroberte Sintura.«

»Blödsinn! Das ist ein einfacher Vigilant, der nicht weiß, wem er Respekt zu zollen hat«, erwiderte Luzius. Er gab seinem Leibwächter einen Wink und ließ sich von ihm ein Kurzschwert reichen. Drohend fuchtelte er damit vor Odrin herum. »Mein Vater ist Senator – ich könnte dich hier und jetzt aufschlitzen und niemanden würde es interessieren.«

Odrin zog sein eigenes Schwert. Tatsächlich war es abgebrochene Stumpf einer ursprünglich viel längeren Klinge, dieser war jedoch kaum kürzer als die Waffe des Patriziers.

»Und wenn ich dich hier und jetzt aufschlitze«, entgegnete er kühl, »würde das eine Menge Leute freuen.«

»Das ist der Stumpf einer Meteoreisenklinge«, warnte Luzius’ Begleiter. »Ein Geschenk von Kaiser Kasestian persönlich. Lass es gut sein.«

»Ich lasse mir von einem alten Narren mit einem zerbrochenen Schwert doch nicht meine Ehre beflecken!«, tobte Luzius und holte zu einem ungelenken Hieb aus.

Odrin schlug mit seiner eigenen Klinge so heftig gegen die des Betrunkenen, dass sie diesem in hohem Bogen aus der Hand geschleudert wurde.

Der Leibwächter des Patriziers erkannte, dass sein Herr in Gefahr schwebte, und stürzte sich todesmutig auf Odrin. Der ging in die Hocke, rammte dem kräftig gebauten Sklaven die Schulter in den Magen und warf ihn hintenüber. Mit einem Krachen landete der Mann auf dem Tisch der Patrizier. Das hölzerne Möbelstück gab nach und der dritte Saufkumpan, der noch auf seinem Platz gesessen hatte, brachte sich mit einem hastigen Sprung in Sicherheit.

Odrin steckte sein Schwert ein und gab seinen Männern ein Zeichen, die beiden übrigen Leibwächter in Schach zu halten, sollten sie sich einmischen.

»Dafür wirst du büßen!«, geiferte Luzius. »Mein Vater ist …«

Grob packte Odrin ihn an der Schulter, drehte ihm den Arm auf den Rücken und hämmerte sein Gesicht so hart auf den Tresen, dass Blut aus seiner Nase tropfte.

»Fesseln!«, wies er seine Leute an, von denen einer sofort mit festen Lederriemen zur Stelle war. »Und abführen.«

Dann wandte er sich den anderen beiden Patriziern zu. »Ihr zahlt jetzt besser eure Zeche und geht nach Hause. Das war ausreichend Wein für einen Abend. Und merkt euch gut, was hier passiert ist.«

Die beiden jungen Adeligen konnten die Anweisung gar nicht schnell genug befolgen. Als sie gegangen waren und Odrins Männer Luzius nach draußen geführt hatten, brandete spontaner Beifall unter den Gästen auf. Der Wirt fiel vor ihm auf die Knie und bedankte sich überschwänglich, die Namen aller wichtigen Götter anrufend.

»Er war drauf und dran, meine Tochter zu schänden und ich konnte nichts dagegen tun! Sie hat die hohen Herren gut bedient, aber mir war klar, dass ihnen das nicht genügen würde, darum habe ich meinen Sohn losgeschickt die Vigilanten zu rufen. Ich hätte bloß nicht zu hoffen gewagt, dass Ihr rechtzeitig eintrefft, Herr.«

»Nenn mich nicht Herr«, gab Odrin sich bescheiden und half ihm auf. »Ich bin ein Sohn dieser Stadt, genau wie du. Unbescholtene Bürger vor Gefahren zu schützen ist die Pflicht jedes Vigilanten.«

Er sah sich nach dem kleinen Jungen um, der seine Patrouille hergeführt hatte und tätschelte ihm den Kopf. »Das war sehr mutig von dir.«

Mit stolzgeschwellter Brust blickte der Knabe zu ihm auf. »Wenn ich groß bin, werde ich auch einmal Vigilant!«

»Überleg dir das lieber gut«, meinte Odrin schmunzelnd und begab sich zu seinen Männern nach draußen. Die Sonne war gerade erst untergegangen, die gepflasterten Straßen leerten sich nur langsam. Es lag noch eine lange Nacht vor ihm.

Bintus, ein junger vielversprechender Rekrut, trat vor ihn und verbeugte sich kurz. »Wenn die Bemerkung erlaubt ist: Das war ganze Arbeit, Kommandant.«

»Nicht schlecht für einen alten Mann, was?«, scherzte Odrin.

»Ich weiß, dass Ihr nicht so alt sein könnt, wie es auf den ersten Blick scheint. Ganz gewiss seid Ihr kein gebrechlicher Greis. Ist es wahr, was man sich erzählt? Dass Ihr einst die Rote Garde befehligt habt?«

»Das ist lange her. Heute bin ich nur ein einfacher Nachtwächter. Sehen wir zu, dass wir den da«, Odrin deutete auf Luzius, »nach Hause bringen und unsere Patrouille wieder aufnehmen.«

»Sollten wir ihn nicht in eine Zelle verfrachten?«, fragte Bintus irritiert.

Odrin schüttelte den Kopf. »Verdient hätte er es, aber wir haben nichts in der Hand. Sein Vater ist Senator. Keiner der Zeugen würde vor einem Richter gegen ihn aussagen. Die eine Hälfte würde er mit Geld zum Schweigen bringen, die andere mit Gewalt.«

Bintus nickte resignierend. »Es ist eine verdammte Ungerechtigkeit. Und ich dachte, unter Kaiser Kasestian wird alles besser.«

Odrin schnaubte vernehmlich. »Das dachte ich auch einmal …«

 

Auf dem Weg zum Anwesen des Senators überlegte Odrin, ab wann sich die Dinge zum Schlechteren entwickelt hatten. Im pandrischen Bürgerkrieg hatte er für Kasestian gekämpft, weil er an ihn geglaubt hatte. Und tatsächlich hatte Kasestian nach dem Sieg über seine Rivalen die Republik wiederhergestellt, aber er hatte sich vom Senat auch kaiserliche Sondervollmachten übertragen lassen. Zunächst nur für ein Jahr, bis das Land zur Ruhe gekommen wäre, doch dann ließ der Kaiser diese Privilegien ein ums andere Mal verlängern. Stets hatte Kasestian gute Gründe dafür vorgebracht. Und warum, so hatte Odrin damals gedacht, sollte Pandrien nicht noch ein wenig länger unter seiner weisen und gerechten Herrschaft erblühen? Inzwischen wusste er, dass er viel früher hätte misstrauisch werden müssen.

Während der verhaftete Patrizier die blutende Nase in seine Toga drückte, blickte Odrin sich um. Es war ein lauer Sommerabend. Die Geschäfte waren inzwischen alle geschlossen, ihre Besitzer hatten die Auslagen eingeräumt und senkrecht stehende Bretter vor die offenen Fronten geschoben, die von innen mit Eisenstangen zusammengehalten wurden. Die meisten Schenken hingegen hatten geöffnet, das Licht ihrer Laternen lockte zahlreiche Nachtschwärmer an. Einige Sklaven huschten durch die Gassen und erledigten letzte Botengänge. Mit Körben beladene Bürger beeilten sich, ihre Einkäufe nach Hause zu bringen, bevor es vollständig dunkel wurde und sie riskieren mussten, lichtscheuem Gesindel in die Arme zu laufen.

Pandris war ein Schmelztiegel der Kulturen. Menschen aus drei Kontinenten tummelten sich auf den Straßen der Hauptstadt, dunkelhäutige Neburer genau wie hochgewachsene rothaarige Gileaner. Für den gebildeten pykratischen Lehrer gab es hier ebenso Arbeit wie für den einfachen darpartischen Tagelöhner. Es ging den Pandriern nicht schlechter als vor dem Bürgerkrieg – allerdings auch nicht besser. Was war aus der Welt geworden, für die er gekämpft hatte?

In der Politik musste man manchmal Kompromisse eingehen, hatte Kasestian einmal zu Odrin gesagt. Lange Zeit hatte er geglaubt, dass dies der Grund sei, aus dem sich nichts änderte: Äußere Zwänge, denen auch sein geliebter Souverän ausgeliefert war. Hunger und Missernten hatten Lantisa, das Kernland des pandrischen Reiches einige Jahre nach dem Bürgerkrieg heimgesucht. Um die Hauptstadt trotzdem ernähren zu können, wurde Weizen, Gerste und Hafer aus den übrigen Provinzen herangekarrt.

Aber dann, als auch das nicht mehr reichte, befahl der Kaiser, das fruchtbare Sintu-Tal zu erobern. Pandrien hatte zu dem Zeitpunkt bereits große Teile der bekannten Welt unterworfen, doch nie zuvor hatten die Legionäre des Kaisers einen Fuß auf den maristanischen Subkontinent gesetzt. Unter dem Befehl Odrins, der damals noch den Beinamen Rotmähne führte, war die größte Flotte seit Menschengedenken ostwärts gesegelt und hatte sie zu Tausenden über das Trianische Meer gebracht. Spätestens da hätte er erkennen müssen, dass es Kasestian nicht mehr bloß um die Wiederherstellung der Ordnung innerhalb der pandrischen Grenzen ging. Dennoch hätte er niemals ahnen können, wie weit sein Idol zu gehen bereit war …

Sie hatten das Anwesen der Familie Sikitus erreicht. Odrin hämmerte den Türklopfer gegen das zweiflügelige Eingangstor, bis ein mürrischer Wächter öffnete. Er erklärte dem Mann in knappen Worten, was vorgefallen war, und übergab dann Luzius, dem Bintus zuvor die Fesseln gelöst hatte, in seine Obhut. Der junge Patrizier funkelte ihn noch einmal wütend an, verkniff sich aber jeden giftigen Kommentar und verschwand im Haus. Gut möglich, dass er ihm in Zukunft Schwierigkeiten bereiten würde, doch normalerweise vermieden die großen Familien es, Aufsehen zu erregen, wenn einer ihrer Sprösslinge Ärger mit dem Gesetz hatte.

Die Villa lag der Stellung des Hausherrn entsprechend in der Nähe des Kaiserpalastes, der auf einem flachen Hügel über der Stadt thronte. Es war spät geworden. Odrin beschloss, die übliche Patrouillenroute abzukürzen und an der Palastmauer entlang zum Tempelbezirk zu gehen.

Abgesehen vom Licht ihrer eigenen Fackeln erhellte nur der Schein des Halbmondes ihren Weg. Die Domizile der Patrizier standen weiter auseinander als die Häuser des einfachen Volkes. Ginster und spitz aufragende Zypressen säumten die Straße. Für die Vigilanten gab es in diesem Viertel normalerweise nicht viel zu tun. Die Adeligen verfügten über ihre privaten Wachen und der Kaiserpalast fiel ohnehin nicht in ihre Zuständigkeit. Umso überraschter war Odrin, als er um eine Ecke bog und zwei dunkle Gestalten ausmachte, die an der Palastmauer herumlungerten. Sofort ließ er die Patrouille per Handzeichen anhalten. Als die verdächtigen Personen die Vigilanten bemerkten, suchten sie Deckung in den Büschen, doch es war zu spät: Odrin schnappte sich die Fackel von dem Mann hinter ihm, trat ein paar Schritte auf das Gebüsch zu und forderte sie in strengem Ton auf, herauszukommen.

Ein kurzer Blick nach oben ließ ihn stocken. Dicht unter der Krone der Palastmauer machte er eine dritte Gestalt aus, die augenscheinlich an einem Seil hing. Bevor er reagieren konnte, warf diese ihm etwas vor die Füße, dass mit einem tönernen Klirren zerbrach. Dunkler Qualm stieg auf, raubte ihm die Sicht und ließ ihn husten. Odrin verbarg Mund und Nase in seinem Umhang und sah gerade noch, wie der Kletterer herabsprang, sich gekonnt abfederte und mit seinen beiden Kumpanen davonrannte.

»Ihnen nach!«, brüllte er und nahm mit seinen Männern die Verfolgung auf. An der ersten Abzweigung teilten die Einbrecher sich auf: Einer lief weiter geradeaus, die anderen bogen Richtung Innenstadt ab. Odrin schickte Bintus und zwei weitere Männer dem einzelnen hinterher und blieb mit dem Rest seiner Patrouille den übrigen auf den Fersen. Sie waren schnell und bewegten sich in der Dunkelheit erstaunlich sicher. An der nächsten Querstraße teilten sie sich erneut auf. Er heftete sich mit zwei Vigilanten an denjenigen, der am Seil gehangen hatte. Zwar trugen sie alle die gleichen schwarzen Tuniken und Beinkleider, doch dieser wirkte etwas kleiner und zierlicher als seine Komplizen.

Hinter der übernächsten Biegung verloren sie ihn aus den Augen. Fünfstöckige, aus Backsteinen errichtete Mietskasernen umgaben sie. Sie hatten alle einen quadratischen Grundriss mit einem Innenhof in der Mitte. Das Tor zu einem dieser Höfe stand offen, Passanten waren keine mehr auf den Straßen.

Odrin legte den Finger auf die Lippen und bedeutete seinen Männern an Ort und Stelle zu warten. Dann zog er sein zerbrochenes Schwert und betrat leise den Innenhof. Kisten, Fässer und Körbe stapelten sich hier in völliger Missachtung der Brandschutzvorschriften und boten jede Menge Verstecke. Er würde sich morgen den Vermieter vorknöpfen müssen; ein Feuer in diesen Bettenburgen konnte leicht zu einer Katastrophe führen. Ganze Stadtviertel waren so schon abgebrannt.

Vorsichtig leuchtete er mit der Fackel am ausgestreckten Arm in die dunklen Ecken. Den Angreifer bemerkte er trotzdem beinahe zu spät. In letzter Sekunde riss er die Waffe hoch, um die kurze gebogene Klinge des Schwarzgewandeten zu parieren, die auf seinen Hals gezielt hatte. Instinktiv schwang er seine Fackel in die Richtung, in der er ihn vermutete, schlug aber nur Löcher in die Luft. Dafür hörte er leise Schritte, die sich rasch entfernten. Im ersten Moment dachte Odrin, der Gesuchte würde wie geplant den Männern in die Arme laufen, die er auf der Straße postiert hatte. Stattdessen erklomm er mit katzengleicher Anmut einen Kistenstapel und hangelte sich auf einen Balkon im ersten Obergeschoss. Kurz sah der Akrobat zu ihm herunter. Sein Gesicht war unter einer Kapuze verborgen und er hatte ein Tuch vor Mund und Nase gebunden. Und doch glaubte Odrin trotz der Dunkelheit ein spöttisches Funkeln in seinen Augen zu erkennen. Dann trat der Vermummte mit einer kraftvollen Bewegung die Balkontür ein, die ins Innere des Mietshauses führte, und verschwand.

»Ich werde langsam zu alt für diesen Mist«, knurrte Odrin, steckte sein Schwert zurück in die Scheide, warf die Fackel in den Staub und machte sich daran, dem Gesuchten auf gleichem Weg, wenn auch weit weniger elegant, zu folgen.

Die Familie, die sich hier zu fünft zwei spärlich eingerichtete Zimmer teilte, schrie, als nach dem ersten Eindringling plötzlich ein zweiter in ihrer Wohnung stand.

»Ich bin Vigilant«, beruhigte er sie. »Wo ist er hin?«

Der Vater deutete auf die offenstehende Wohnungstür. »Die Treppe hinauf, glaube ich.«

Mit einem Seufzen machte sich Odrin an die Verfolgung. Was versprach sich der Flüchtende davon, weiter nach oben zu laufen? Es gab keine andere Treppe, über die er wieder nach unten gelangen könnte.

»Halt, im Namen Pandriens!«, rief er durchs stockdunkle Treppenhaus. Knarrende Stufen waren die einzige Antwort, die er bekam. Odrin hastete hinterher. Auf Höhe des vierten Stockes vernahm er, wie der Einbrecher sich an der Tür zum Dach zu schaffen machte. Anscheinend klemmte der Riegel; nicht ungewöhnlich in diesen heruntergekommenen Mietskasernen. Vielleicht gab ihm das endlich die Gelegenheit aufzuschließen. Gerade als er Hoffnung schöpfte, hörte er ein Geräusch, als ob mehrere kleine Objekte die Stufen herunterkullerten. Etwas Metallisches blitzte kurz vor ihm auf – Krähenfüße!

Odrin stoppte aus vollem Lauf. Seine Augen hatten sich inzwischen etwas an die Finsternis gewöhnt und tatsächlich machte er dort, wo ein bisschen Mondlicht durch die schmalen Fenster fiel, mehrere dornenbewehrte Metallkugeln aus. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Wenn er auf eines dieser kleinen Biester trat, würde er eine Woche lang nicht mehr laufen können. Seine dünnen Sandalen boten keinerlei Schutz, da machte er sich nichts vor. Was waren das bloß für Einbrecher? In nun beinahe zehn Jahren bei den Vigilanten war ihm so etwas noch nicht untergekommen …

Da! Mit einem Quietschen schwang die Tür zum Dach auf. Ein Stoßgebet an die Götter richtend, nahm Odrin die letzten Stufen mit drei entschlossenen Sprüngen und folgte dem Flüchtenden hinaus. Die dunkle Gestalt rannte in vollem Tempo über die flach geneigte Dachfläche davon. Odrin hatte ihm noch keine drei Schritte nachgesetzt, da löste sich ein Tonziegel unter seinem Fuß und ließ ihn der Länge nach stürzen. Hilflos mit den Armen rudernd, drohte er, über die Dachkante zu rutschen. Im letzten Moment kam er mit abgespreizten Gliedern zum Liegen. Zwei Tauben, die er aus dem Schlaf gerissen hatte, flatterten aufgeregt davon.

Odrin rappelte sich auf und erspähte den Schurken auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes. Ungläubig eilte er ihm so weit nach, wie das Terrain es zuließ. Der Abgrund zwischen ihnen war knapp sechs Meter breit. Unmöglich, dass jemand einfach so dort hinübersprang!

Für einen Moment standen sie sich schweigend gegenüber. Eine lange rabenschwarze Haarsträhne hatte sich unter der Kapuze der vermummten Gestalt gelöst und wehte im Wind. Jetzt, wo Odrin Gelegenheit hatte, sie in Ruhe zu mustern, war er sich auf einmal fast sicher, einer Frau gegenüberzustehen.

Die Unbekannte nickte ihm anerkennend zu, machte einen Schritt zur Dachkante und sprang dann, ohne sich noch einmal umzusehen, in die Tiefe. Erschrocken spähte Odrin nach unten, fürchtete schon, ihren zerschmetterten Leib auf dem Pflaster liegen zu sehen, doch sie schwang sich gekonnt von einem Balkon zum anderen nach unten.

Zähneknirschend fand er sich damit ab, dass sie entkommen war.

 

Es dauerte fast eine Stunde die Patrouille wieder zu versammeln. Die Männer hatten die Vermummten durch die halbe Stadt verfolgt, aber wenig überraschend keinen von ihnen zu fassen bekommen. Bintus blutete aus einer leichten Wunde an der Schulter und zeigte Odrin das Wurfgeschoss, das sie verursacht hatte. Es war ein kleiner stählerner Stern mit vier Zacken.

»So etwas Merkwürdiges habe ich noch nie gesehen«, knurrte er.

»Ich schon«, murmelte Odrin. »Ist eine Weile her.«

»Kommandant?«, erkundigte sich Bintus erstaunt. »Wisst Ihr etwa, was das für Leute waren?«

»Ist bloß ein Verdacht«, dämpfte er die Hoffnung. »Wir kehren zur Garnison zurück und instruieren die anderen. Ich will heute Nacht verstärkte Patrouillen auf den Straßen, vor allem in der Nähe des Palastes. Morgen verständige ich die Rote Garde, die sollte besser ebenfalls auf der Hut sein.«

Bintus sah ihn skeptisch an. »Meint Ihr, die werden es wieder versuchen?«

»Vermutlich nicht sofort, aber früher oder später schon. Wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege, geben die nicht so schnell auf …«

 

2

Reichshauptstadt Pandris, Provinz Lantisa

Lange nach Ende seiner Schicht, kam Odrin erschöpft nach Hause. Sein Heim war eine kleine Wohnung im dritten Stock eines der großen Mietshäuser, ganz ähnlich dem, durch das er die mysteriöse Einbrecherin gejagt hatte. Leise, darauf bedacht seine Tochter nicht zu wecken, die im Nebenraum schlief, legte er Umhang und Sandalen ab und ließ sich müde aufs Bett sinken.

Es war nicht leicht gewesen, den Oberbefehlshaber der Vigilanten von der Notwendigkeit zusätzlicher Patrouillen zu überzeugen. Ematedes, wie der kultivierte Pykratier hieß, war kein Mann der Tat, sondern ein Buchhalter, der sich vor Entscheidungen drückte, wann immer er konnte. Viele aus der Truppe waren der Meinung, dass Odrin der geeignetere Anführer wäre, doch der oberste Kommandant der Vigilanten wurde nun mal vom Senat ernannt. Wenn er je Chancen auf diesen Posten haben wollte, sollte er dringend damit aufhören, Senatorensöhne zu verhaften.

Nein, seine Zeiten als Befehlshaber waren lange vorbei, auch wenn die jüngsten Ereignisse viele alte Erinnerungen geweckt hatten. Erinnerungen, die aus den dunklen Tiefen seines Gedächtnisses hervorbrachen, wie Schiffe aus dem Nebel …

 

***

 

Es war das Jahr 289 der Republik und die pandrische Invasion Sinturas war nach anfänglichen Erfolgen fast gänzlich zum Stillstand gekommen. Odrin stand in seinem Zelt am Kartentisch und brütete über die verzwickte Lage. Ein Schweißtropfen fiel von seiner Stirn auf das ausgebreitete Pergament, welches das Land von der Küste bis zu den Himmelspfeilern abbildete. Es war drückend schwül unter den Stoffplanen; draußen war es nicht viel besser. Vor drei Wochen hatte die Regenzeit eingesetzt und die Pegel des Sintu und seiner Nebenflüsse anschwellen lassen. Furten, die sie hatten nehmen wollen, waren inzwischen unpassierbar und die meisten Brücken waren durch Sabotage zerstört worden. Ihr Nachschub blieb im Schlamm stecken und die Moral der Legionäre hatte einen Tiefpunkt erreicht.

»Mein Feldherr.«

Ein junger Offizier stand am Zelteingang und salutierte vor Odrin. Der erwiderte den Gruß und erlaubte ihm einzutreten.

»Was gibt es zu vermelden, Zenturio?«

Der Mann nahm seinen Helm ab und betrat das Zelt. Er schwitzte noch mehr als Odrin, darum bot dieser ihm einen Trinkschlauch an, den sein Untergebener mit gierigen Zügen leerte.

»Es gab schon wieder einen Hinterhalt auf eine unserer Patrouillen«, berichtete der Offizier, nachdem er sich erfrischt hatte. »Wir konnten die Angreifer zurückschlagen, aber drei Mann sind tot, fünf weitere verwundet und wir haben keinen von ihnen erwischt. Haben sich buchstäblich in Luft aufgelöst.«

»Schattenläufer?«

Der Zenturio nickte und reichte ihm einen blutbefleckten Wurfstern als Beweis. »Die Männer fürchten keine Schlacht, aber es ist etwas völlig anderes, gegen Geister zu kämpfen.«

»Es sind keine Geister«, stellte Odrin klar. »Und wir werden sie schon bald bluten lassen. Das war gute Arbeit Zenturio. Wegtreten.«

Als der Offizier gegangen war, wandte sich Odrin wieder der Karte zu. Im Felde war die pandrische Armee noch immer unbesiegt. Die Metropole Ralingara im Sintu-Delta hatten sie im Handstreich erobert, die anderen Städte am Unterlauf des Flusses waren in schneller Folge gefallen. Jetzt stand nur noch Wahisazu zwischen ihnen und der vollständigen Kontrolle über Sintura, doch die Einnahme der Stadt mochte sich als weit schwieriger erweisen als gedacht.

Das Gelände war unwegsam – gepflasterte Straßen wie in Lantisa, oder den übrigen auf dem Kontinent Euparos gelegenen Provinzen, gab es nicht. Der Sintu war selbst zur Trockenzeit nur eingeschränkt schiffbar; nicht umsonst nannte man ihn den Strom der tausend Wasserfälle. Elf Legionen durch dieses Land zu bewegen war eine gewaltige Aufgabe und die Schattenläufer machten sie zu einem wahren Albtraum.

Kaum ein Versorgungskonvoi, der nicht überfallen wurde, kaum ein Bote, der unbehelligt die anderen Heeresteile erreichte. Die Hälfte der Invasionsarmee war inzwischen dazu abgestellt, die Nachschubwege zu bewachen. Auf der Karte waren die Orte aller Zwischenfälle mit Kupferassen markiert, die zusammengezählt bereits dem Monatssold eines gewöhnlichen Legionärs entsprachen.

Doch so ungeordnet der Münzhaufen auf den ersten Blick wirkte, Odrin erkannte darin ein Muster. Tatsächlich war er sich nahezu sicher die Operationsbasis der Schattenläufer auf eine kleine Bergregion eingegrenzt zu haben. Drei Dörfer gab es dort und mindestens eines gewährte ihnen Unterschlupf. Es waren Menschen, keine Geister, sie mussten irgendetwas essen. Und wer den ganzen Tag im Hinterhalt lag, konnte nicht selbst das Feld bestellen.

Als es draußen laut wurde, begab Odrin sich zum Zelteingang und spähte hinaus. Links von ihm steckte die Legionsstandarte im Boden, die von einem goldenen Greifen – einem Löwen mit einem Adlerkopf und Adlerflügeln – gekrönt war. Ringsherum waren die Zelte der Soldaten in sauberen Reihen aufgeschlagen. Auf einem der schnurgeraden Wege dazwischen näherte sich eine Gruppe Legionäre. Obwohl einige von ihnen blutige Verbände trugen, schienen sie guter Dinge zu sein.

Odrin schirmte die Augen vor der Sonne ab und erkannte, dass es sich um seinen Primus Drassus handelte, der mit der Zenturie unter seinem Kommando gerade aus dem Dschungel zurückgekehrt war. Die Nummer zwei der Befehlshierarchie reckte in einer Siegespose die Faust die Höhe. »Beim Arsch der Aquina, denen haben wir’s gezeigt!«, pries er auf unflätige Weise die Götter und die etwa hundert Männer, die ihm folgten, stimmten in den Jubel mit ein.

Achtlos warf Drassus seinen Helm zu Boden, befreite sich von seinem Schienenpanzer sowie der Tunika, die er darunter trug und kippte sich einen Eimer Wasser über den nackten Oberkörper. Dann erst trat er vor seinen Feldherrn und salutierte mit einem triumphierenden Grinsen. Das schmale Gesicht mit der ausgeprägten Hakennase erinnerte Odrin immer an einen Raubfisch. Die zahlreichen Narben, die den Körper des Mannes zierten, unterstrichen den Eindruck von Gefährlichkeit noch. Sein langes Haupthaar und sein buschiger Schnurrbart, waren triefnass. Drassus mochte ein furchterregender Kämpfer sein, aber er bot ein denkbar schlechtes Vorbild für die Legionäre.

»Wir haben einen von diesen Hurensöhnen gefangen genommen, Kommandant«, vermeldete er stolz.

Odrin musterte ihn streng. »Lass dich nicht so gehen. Trockne dich ab und dann erstatte mir drinnen Bericht.«

Wenig später in seinem Zelt schilderte Drassus – nun vorschriftsmäßig gerüstet und die Haare zurückgebunden – was sich ereignet hatte. Odrin hatte seinen ranghöchsten Offizier mit einem Nachschubkonvoi losgeschickt, nur das unter den Planen der Ochsenkarren keine Vorräte, sondern kampfbereite Legionäre gelegen hatten. Wie erwartet hatten die Schattenläufer dem Wagenzug aufgelauert, doch diesmal waren sie es, die in den Hinterhalt getappt waren. Es war nicht so gut gelaufen, wie erhofft, denn die Angreifer hatten sofort Reißaus genommen, als die Falle zugeschnappt war. Einen hatten sie zwar erwischt, doch Odrin hatte auf mehr Gefangene gehofft.

»Hast du schon etwas aus ihm herausbekommen?«, erkundigte er sich.

»Klar.« Drassus säuberte sich die Fingernägel mit einem langen Messer. »Das Dorf heißt Jalagat.«

»Bist du sicher, dass er die Wahrheit spricht?«

»Ich habe ihm drei Finger und ein Ohr abgeschnitten«, verriet Drassus beiläufig. »Also ja, ich bin relativ sicher. Wenn du mich fragst, sollten wir trotzdem auch die übrigen Dörfer schleifen. Diese Reisfresser stecken doch alle unter einer Decke.«

Missbilligend legte Odrin die Stirn in Falten. Manchmal fragte er sich, wie Drassus es in der kaiserlichen Armee so weit hatte bringen können. Er stammte aus der Provinz Darpartien, die für ihren rauen Menschenschlag bekannt war. Im pandrischen Bürgerkrieg hatte er als Söldner gekämpft und sich einen Namen gemacht. Um den Frieden im Land zu wahren, hatte Kasestian nach seinem Sieg so viele dieser vagabundierenden Kämpfer wie möglich in die Streitkräfte eingebunden. Altgediente Befehlshaber wie Odrin mussten wohl oder übel damit leben.

»Der Kaiser möchte diese Region erobern, nicht verwüsten. Wenn wir alle Dörfer niederbrennen, wer bringt dann die Ernte ein?«

Drassus zuckte unbeteiligt mit den Schultern.

»Lebt der Gefangene noch?«, erkundigte sich Odrin.

Sein Primus nickte. »Ich wollte später noch ein bisschen Spaß mit ihm haben.«

»Halte dich im Zaum, er ist uns lebend nützlicher als tot.«

 

Odrin entschied, dass es besser war, den Schattenläufer selbst noch einmal zu befragen, und begab sich zu ihm, kaum da er Drassus hatte wegtreten lassen. Er war in einem Zelt untergebracht, das gut bewacht wurde. Nicht nur, um etwaige Fluchtversuche zu verhindern. Sondern auch, um ihn vor Racheakten übereifriger Legionäre zu schützen, denn Drassus war leider nicht der Einzige in der Truppe, der es an Disziplin vermissen ließ.

Als Odrin eintrat, blickte der Gefangene auf. Er trug luftige schwarze Beinkleider und darüber eine dunkelgrüne Tunika. Man hatte ihn zum Stehen gezwungen, indem man seine ausgestreckten Arme an einen Querbalken gefesselt hatte. Sein Kopf und seine blutende Hand waren nur notdürftig verbunden.

»Du bist also der, den sie Rotmähne nennen«, bemerkte er nach einem Blick auf Odrins auffälliges Haar und seinen roten Feldherrnumhang, den er um die Schultern trug. Er sprach in fehlerfreiem Lantisisch, der Amtssprache Pandriens, wenn auch mit hörbarem Akzent.

»Und du bist ein Geist, wenn man meinen Männern Glauben schenkt.« Er musterte den Festgebundenen prüfend. »Siehst aber nicht aus wie einer.« Als keine Antwort kam, fuhr er fort: »Ihr habt uns eine Menge Schwierigkeiten bereitet. Mein Primus, den du bereits kennengelernt hast«, Odrin machte eine Geste in Richtung der fehlenden Finger, »wird gleich morgen eine Strafexpedition nach Jalagat führen. Er wird keine Gnade walten lassen.«

Der Schattenläufer starrte ihn ausdruckslos an. Es ließ sich schwer zu sagen, was gerade in ihm vorging. Odrin beschloss, ein wenig tiefer zu bohren: »Um ein deutliches Exempel zu statuieren, habe ich ihm befohlen, danach Fengha zu schleifen.«

Fengha war das zweite der drei infrage kommenden Dörfer – wieder blieb der Gefesselte ruhig.

»Und anschließend Raischu.«

Die Muskeln des Gefangenen spannten sich unmerklich bei der Erwähnung des dritten Dorfes.

»Raischu also«, schloss Odrin zufrieden und wandte sich zum Gehen.

Der Schattenläufer stieß einen markerschütternden Schrei aus. Einen Blick über die Schulter werfend, registrierte er voller Unglauben, wie der drahtige, nicht sonderlich kräftig wirkende Mann sich mit schier übermenschlicher Stärke losriss. Odrin reagierte instinktiv, zog die Meteroreisenklinge und führte einen schnellen Stoß unter der Armbeuge hindurch nach hinten. Die Spitze seines Langschwertes bohrte sich in den Unterleib des Schattenläufers, als dieser gerade im Begriff war sich auf ihn zu stürzen.

»Verflucht seist du, Rotmähne«, röchelte er, die Klinge mit blutigen Fingern umklammernd. Kurz darauf erlosch sein Augenlicht und sein Körper erschlaffte.

 

***

 

Unruhig wälzte sich Odrin im Bett hin und her. Zehn Jahre war es nun her, aber die Erinnerungen ließen ihm keine Ruhe. Bald würde die Sonne aufgehen und vor ihm lag ein arbeitsreicher Tag. Er musste dringend etwas Schlaf finden. Sein tastender Arm bekam eine Amphore aus Ton zu fassen, die neben dem Bett stand. Prüfend schüttelte er sie und erkannte, dass sie fast leer war. Seufzend öffnete er den Korken und leerte sie mit einem Zug. Der Inhalt schmeckte wie wässriger Wein und war doch so viel wohltuender. Eine Viertelstunde später fielen ihm die Augen zu.

 

3

Reichshauptstadt Pandris, Provinz Lantisa

Lärm und laute Stimmen weckten ihn. Für ein paar Sekunden, im Dämmerzustand zwischen Traum und Wachsein, glaubte Odrin, das Feldlager werde angegriffen. Dann klärte sich der Nebel um seinen Verstand und er erkannte, dass es bloß zwei Passanten waren, die sich draußen auf der Straße stritten. Er setzte sich auf, spähte aus dem Fenster über dem Bett und beobachte von oben, wie die beiden Männer sich schimpfend voneinander entfernten und in der Menschenmenge verschwanden. Nichts Ungewöhnliches – auf den überfüllten Straßen von Pandris kam es um die Mittagsstunde häufig zu Streit.

Odrin hatte lange geschlafen und fühlte sich entsprechend ausgeruht. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und bescherte der Stadt einen wunderschönen Sommertag. Das glitzernde Band des Equir funkelte in der Entfernung zwischen den anderen Häusern hindurch. Sein Magen knurrte. Er ließ den Blick durch sein bescheidenes Heim wandern und blieb am Esstisch hängen, wo ein Korb mit frischem Fladenbrot auf ihn wartete.

Zufrieden stand er auf, streckte seine müden Glieder und ging er zur offenen Tür des Nebenraumes. Drinnen stand Sestia, seine sechzehnjährige Tochter, vor dem kleinen Bronzespiegel auf ihrer Kommode und schwärzte sich mit einem Kohlestäbchen die Wimpern.

»Endlich aufgewacht?«, fragte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen. »Du hast geschlafen wie ein Stein.«

Sie trug ein knöchellanges grünes Gewand, das der pandrischen Mode entsprechend von zwei Gürteln gehalten wurde: einem um ihre Taille und einem zweiten, direkt unter ihrem Busen. Es brachte ihre weiblichen Formen gut zur Geltung, ohne dabei zu freizügig zu sein. Mit einer Mischung aus Stolz und Unbehagen, machte sich Odrin nicht zum ersten Mal bewusst, dass aus seinem kleinen Täubchen inzwischen eine junge Frau geworden war.

»War eine anstrengende Nacht«, meinte er. »Du warst schon einkaufen?«

»Nein, ich habe einen unserer vielen Sklaven geschickt«, bemerkte sie sarkastisch. Zufrieden mit ihren Wimpern begann sie nun mit einem Kamm aus Elfenbein ihre roten Locken zu bändigen. Das Kleinod war ein Erbstück ihrer Mutter. Ein Zinken war bereits abgebrochen, doch sie hing an ihm – wie an allem aus jener Zeit.

Mit einem stillen Seufzer ließ Odrin sie allein, setzte sich an den Tisch, brach ein Stück Brot ab und träufelte ein wenig Honig aus dem bereitstehenden Tontopf darauf. Nach ein paar Bissen merkte er, dass etwas fehlte, und rief: »Gibt’s keine Milch?«

»Milch kostet jetzt vier Kupferasse«, kam die Antwort aus dem Nebenzimmer. »Wenn du Milch zum Frühstück willst, musst du mir mehr Geld auslegen.«

Odrin brummte verdrießlich. Mittlerweile war er es gewohnt: Der Monat ging zu Ende und er war pleite. Das Leben in Pandris wurde einfach immer teurer. Er wusste von einigen Vigilanten, die es sich ziemlich gut gehen ließen, aber die nahmen auch Schmiergelder an, was für ihn nie infrage gekommen war.

»Übermorgen erhalte ich meinen Sold«, stellte er Sestia in Aussicht. »Dann habe ich wieder etwas.«

»Sehr gut. Der Zinnober für meine Lippen ist nämlich auch fast leer.«

Kopfschüttelnd nahm Odrin einen weiteren Bissen von seinem Brot. »Die ganze Schminke brauchst du doch gar nicht!«, rief er ihr zu. »Du siehst wunderschön aus, wie du bist.«

»Na und ob ich die brauche!«, echauffierte sich seine Tochter lauthals.

Es war sinnlos, mit ihr über dieses Thema zu diskutieren, das wusste er nur zu gut. Ihre Schönheit mochte sie von ihrer Mutter geerbt haben, ihre Sturheit aber kam – genau wie ihre roten Haare – mit Sicherheit von ihm. Seiner Familie wurde nachgesagt, dass gileanisches Blut durch ihre Adern floss und wie der Volksmund sagte, war es aussichtsreicher mit einem Esel zu streiten, als mit einem Gileaner.

Er hatte sein Frühstück noch nicht beendet, da klopfte es an die Tür.

Sofort eilte Sestia aus ihrem Zimmer. »Ich gehe schon«, kam sie ihm zuvor und öffnete.

Ein Bär von einem Mann stand auf der Schwelle. Er musste sich bücken, um unter dem Querbalken hindurchzupassen. Ein dunkler Vollbart, der erste graue Strähnen aufwies, umrahmte sein Gesicht, die Toga trug er locker über die breite Schulter geschwungen, in einer Hand hielt er einen geflochtenen Einkaufskorb.

»Marcus!«, begrüßte Sestia den Besucher erfreut.

»Nein«, brummelte der Riese. »Ich bin ein Räuber und habe ein Messer.« Grinsend zog er eine grüne Gurke aus dem Korb und tat so, als wolle er damit auf Sestia einstechen. Die verdrehte ihm die Hand, wie Odrin es ihr beigebracht hatte, entwand ihm das Gemüse und pikste ihm damit in die Wampe.

»Nimm das!«, rief sie lachend, woraufhin Marcus theatralisch die Hand auf die imaginäre Wunde presste.

»Du hast mich erwischt«, gab er sich wimmernd geschlagen. Dann bemerkte er Odrin und seine Miene hellte sich auf. »Weißhaupt, gut dass ich dich noch antreffe.«

»Marcus, komm rein«, begrüßte er seinen alten Freund. Sie kannten sich noch aus Tagen, da Odrin ein einfacher Zenturio gewesen war. Inzwischen hatte Marcus seine Dienstzeit abgeleistet und sich selbstständig gemacht. »Wie läuft deine Gladiatorenschule?«

»Kann nicht klagen«, antwortete der Hüne, eine vage Handbewegung vollführend. »Wir suchen immer neue Kämpfer. Sestia könnte bei uns anfangen, wenn sie will. Sie scheint ein Naturtalent zu sein.«

Odrin hob zweifelnd eine Augenbraue. »Bist du auf den Kopf gefallen? Sie ist eine Frau.«

Marcus grinste verschwörerisch. »Letzten Monat haben wir zwei garmenische Sklavinnen gegeneinander antreten lassen«, verriet er. »Die wussten durchaus mit dem Schwert umzugehen. Tja, und es stellte sich heraus, dass sie zu verfeindeten Stämmen gehörten; die haben sich wirklich gehasst. Die Zuschauer jedenfalls waren begeistert und nun sucht jede Schule verzweifelt nach fähigen Kämpferinnen.«

Odrin schüttelte den Kopf. Das verwöhnte pandrische Publikum gierte stets nach neuen Sensationen. Er hingegen machte sich bis heute nichts aus den blutigen Spektakeln der Arena, hatte er doch selbst mehr als genug Blut vergossen.

»Meine Tochter wird kein Gladiator«, stellte er unmissverständlich klar.

»Du erlaubst mir ja sowieso nichts!«, warf Sestia ihm vor und verschwand beleidigt in ihrem Zimmer. Die Zwischentür knallte kurz darauf lautstark ins Schloss.

Marcus schenkte ihm einen mitleidigen Blick. »Sind schwierig in diesem Alter, was?«

»Sie sind in jedem Alter schwierig.«

Sein Kamerad nickte wissend und kam endlich zum wahren Grund seines Besuchs: »Ich muss dich warnen, Weißhaupt. So ein milchgesichtiger Patrizier hat heute Morgen an meine Tür geklopft und gefragt, ob er ein paar meiner Kämpfer anheuern könne. Um einem – wie er sich ausdrückte – übereifrigen Vigilanten eine kleine Abreibung zu verpassen. Steckst du etwa wieder in Schwierigkeiten?«

»Nicht mehr als sonst. Was hast du geantwortet?«

»Dass er sich in den Tarus scheren soll.« Marcus lachte. »Die Gesundheit meiner Gladiatoren liegt mir schließlich am Herzen.« Er wurde wieder ernst und senkte die Stimme. »Aber gut möglich, dass er anderswo fündig wird. Du solltest dich ein wenig zurückhalten. Auch ihretwegen.« Er neigte den Kopf in Richtung von Sestias Zimmer. »Ich weiß, du hast ihr Einiges gezeigt, aber wenn ihr zwei große Kerle in einer dunklen Gasse auflauern, wird das nicht reichen. Und die sind dann nicht nur mit Gurken bewaffnet.«

Odrin senkte schuldbewusst den Blick. Schon oft hatte er sich genau das selbst vorgenommen. Er konnte bloß einfach nicht wegsehen, wenn anderen Unrecht geschah. »Du hast recht«, gestand er schließlich ein. »Und danke für die Warnung.«

»Nichts zu danken, Weißhaupt. Ich schulde dir mein Leben. Mehrmals. Ach, und ehe ich es vergesse: Der ist für euch.«

Er stellte den Korb auf den Tisch, der neben Gurken auch Zwiebeln, Knoblauch und anderes Gemüse enthielt.

Odrin machte eine abwehrende Geste. »Das ist nett von dir, aber …«

»Jetzt schluck deinen Stolz mal für einen Moment hinunter. Bei uns bleibt immer etwas übrig und ich weiß ja, wie miserabel man euch Vigilanten entlohnt.«

Als Marcus sich verabschiedete, kam Sestia aus ihrem Zimmer, um ihn noch einmal fest zu drücken. Ihre Laune hatte sich offenbar wieder gebessert.

Der Besucher war gerade zur Tür hinaus, da setzte sie sich zu Odrin an den Tisch und musterte eine Weile ihre Fingernägel. Er las sofort an ihrem Gesicht, dass ihr etwas auf dem Herzen lag.

»Ich habe gestern mit Tante Velenis gesprochen«, offenbarte sie nach einer Weile betont beiläufig. »Sie sagte, ich könne immer noch eine Aquina-Priesterin werden. Normalerweise nehmen sie jüngere Mädchen, aber für mich könnte sie eine Ausnahme machen.«

Odrin schüttelte den Kopf. »Ich dachte, mit diesem Thema wären wir durch. Ich will nicht, dass du dein Leben vergeudest, indem du es dem Tempel widmest. Es mag dir jetzt noch egal sein, aber in ein paar Jahren, möchtest du vielleicht eine eigene Familie haben. Das geht nicht mehr, wenn du Priesterin bist.«

»Eine eigene Familie?«, seufzte sie bitter. »Wer will mich denn zur Frau? Die Tochter von Odrin Weißhaupt? Kein Mann von Rang und Namen würde es riskieren, mit einer solchen Hochzeit den Zorn des Kaisers auf sich zu ziehen. Falls er es nicht sowieso für unter seiner Würde hält.«

»Was ist mit Despan?«, führte er an. »Der macht einen anständigen Eindruck und ihr scheint euch gut zu verstehen.« Für Odrins Geschmack fast schon ein wenig zu gut, aber er musste sich damit abfinden, dass seine Tochter langsam in das Alter kam, in dem man über mögliche Verlobungen nachdenken sollte.

»Despan? Der Sohn des Schlachters?« Sestia rollte mit den Augen. »Ich bin nett zu ihm, weil er mir ab und zu ein bisschen Wurst zusteckt. Die könnten wir uns sonst nämlich auch nicht mehr leisten. Ich möchte ihm aber nicht den Rest meines Lebens dabei helfen, Schweinehälften auseinanderzunehmen.

---ENDE DER LESEPROBE---