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Patrick Arbogast

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Beschreibung

Ein Gladiator kämpft ehrenhaft und wenn nötig, stirbt er ehrenhaft

Angespült an eine fremde Küste kann sich die junge Sestia an wenig mehr als ihren Namen erinnern. Schlimmer noch: Sie wird von Sklavenjägern aufgegriffen und muss fortan als Gladiatorin in blutigen Spielen um ihr Leben kämpfen. Doch je mehr sie über sich selbst herausfindet, desto klarer wird ihr, dass ihre wahren Feinde außerhalb der Arena lauern. Denn tief in ihrem Gedächtnis ist etwas verschüttet, das womöglich das gesamte Machtgefüge der pandrischen Hauptstadt zum Einsturz bringen könnte.

Arenakämpfe und Intrigen in einer römisch geprägten Welt

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt
Titel und Impressum
Klappentext
Karte
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
Danksagung
Weitere Bücher von Patrick Arbogast

Flutbringer

 

Patrick Arbogast

 

Roman

 

Impressum

 

Copyright ©2023 by

Patrick Arbogast

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Impressum:

Patrick Arbogast

Brückenstr. 56

65719 Hofheim

 

Text, Layout, Illustrationen: Patrick Arbogast

Cover: Stefan Stankovic (www.artstation.com/stankovic)

Lektorat: Sonja Blank (www.tintenschwert-lektorat.de )

 

Kritik, Anregungen, Fragen bitte an:

[email protected]

Dem Autor auf Facebook folgen: www.facebook.com/arbogast.autor

 

Klappentext

Ein Gladiator kämpft ehrenhaft und wenn nötig, stirbt er ehrenhaft

 

Angespült an eine fremde Küste kann sich die junge Sestia an wenig mehr als ihren Namen erinnern. Schlimmer noch: Sie wird von Sklavenjägern aufgegriffen und muss fortan als Gladiatorin in blutigen Spielen um ihr Leben kämpfen. Doch je mehr sie über sich selbst herausfindet, desto klarer wird ihr, dass ihre wahren Feinde außerhalb der Arena lauern. Denn tief in ihrem Gedächtnis ist etwas verschüttet, das womöglich das gesamte Machtgefüge der pandrischen Hauptstadt zum Einsturz bringen könnte.

 

Arenakämpfe und Intrigen in einer römisch geprägten Welt

 

 

Prolog

Sirabische Küste, Jahr 300 der Republik

Der Schrei einer Möwe riss sie aus ihrem fiebrigen Schlaf. Ihre aufgesprungenen Lippen schmeckten salzig. Unter großer Anstrengung hob sie die Lider. Weit genug zumindest, um zwischen angetrockneten roten Haarsträhnen hindurch etwas von ihrer Umgebung erkennen zu können.

Möwen bedeuten Land, flüsterte die schwache Stimme der Hoffnung ihr zu, doch da war nichts. Nur Wasser. Es schwappte über den Rand des kleinen Floßes aus Treibgut, auf dem sie bäuchlings lag, und durchnässte die Fetzen ihres einstmals weißen Gewandes. Um sie herum formte das Meer eine Landschaft aus wogenden Bergen und Tälern, die den gesamten Erdkreis zu bedecken schien. Davon abgesehen bestand ihre Welt lediglich aus ein paar vernuteten Brettern – Teil einer im Sturm gesunkenen Galeere. Ihre einzigen Besitztümer waren ein Netz, vermutlich ein Stück der Takelage, welches ihr zusammengeknüllt zumindest ein winziges bisschen Schutz vor Wind und Sonne bot, sowie ein hölzerner Eimer. In ihm hatte sie während der ersten Tage ein wenig Regenwasser gesammelt, doch inzwischen war er leer und nutzlos.

Wasser bedeutete Leben. Aber Wasser bedeutete auch den Tod. Gestern hatte sie den letzten Tropfen ausgetrunken. Oder war es bereits vorgestern gewesen? Wie lange trieb sie schon mit der Strömung auf See? Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie in diese Lage geraten war, noch an sonst etwas, das weiter als ein paar Tage zurücklag. Ganz so als wäre sie auf dem schwankenden Stück Treibholz geboren worden. Doch wie hätte sie dann von Möwen und von Land wissen sollen?

Der Gedanke an den Seevogel gab ihr die nötige Kraft, sich in die Hocke zu stemmen. Du bist nicht allein, hörte sie eine Stimme aus ihrer Erinnerung, ich werde dich immer beschützen. Jemand hatte diese Worte einmal zu ihr gesagt. Bloß wer? Und bei welcher Gelegenheit?

Sie schützte ihre Augen mit der Hand vor der Sonne, die inzwischen unbarmherzig vom Himmel brannte und blickte sich erneut um. Da, ein dünner, dunkler Streifen am Horizont – Land! Trieb sie darauf zu, oder davon weg? Es war schwer, zu sagen, aber irgendwie musste sie es erreichen!

Unbeholfen begann sie mit den Händen zu paddeln. Sie allein gegen den Ozean – ein aussichtsloser Kampf. Doch kaum da sie ihre eigenen kleinen Wellen schlug, kamen sie von allen Seiten: Leuchtend türkisfarbene Flecken, die sie neugierig umkreisten. Von weitem sahen sie Fischen zum Verwechseln ähnlich, doch ihre Leiber waren so amorph wie das flüssige Element selbst. Auf den ersten Schreck folgte die Erkenntnis: Es waren Nymphiden, Wesen aus der Geisterwelt. Sie erinnerte sich plötzlich an einen tiefen Sturz und daran, wie eiskaltes Wasser ihre Lungen füllte. Die Nymphiden waren wie aus dem Nichts erschienen, hatten sie umschwärmt und auf dieses treibende Stück Holz gespült. Sie stellten keine Gefahr dar, sondern waren ihre Freunde. Vergnügt spielten die Geschöpfe zwischen den kleinen Wellen, die sie schlug.

»Bringt mich an Land«, raunte sie aus wunder Kehle und ließ sich kraftlos ins Wasser gleiten. Sie versuchte zu schwimmen, doch ihre Muskeln versagten ihr schon nach wenigen Kraulzügen den Dienst. Auf die Nymphiden hingegen war Verlass: Sie eilten herbei, verliehen ihr Auftrieb und erzeugten eine Strömung, die sie schnell wie einen Delfin auf die Küste zufliegen ließ. Die Geister taten es nicht aus reiner Herzensgüte. Sie spürte, wie die wässrigen Wesen sich von etwas aus ihrem tiefsten Inneren nährten: ihrer Anima – ihrer Lebenskraft. Und sie war mehr als bereit diesen Preis zu bezahlen, um das Ufer zu erreichen.

Eine mächtige Brandungswelle trug sie weit auf den Strand. Sie fühlte sich geistig so ausgelaugt wie körperlich, dennoch klammerte sie sich an die Hoffnung, klammerte sich an das Leben und kroch die nächste Düne hinauf.

Meter um Meter kämpfte sie sich zum Kamm empor. Oben angekommen erblickte sie nichts als weitere Dünen, so weit das Auge reichte. Sie war einem Meer aus Wasser entkommen, um in einem Meer aus Sand zu enden. Unfähig, noch länger gegen die Erschöpfung anzukämpfen, sank sie an Ort und Stelle in sich zusammen.

 

Ihr Verstand schnappte zurück in den Wachzustand, als sie spürte, wie sie gepackt und in eine kniende Position aufgerichtet wurde. Irgendwer hielt ihr einen Trinkschlauch an die Lippen. Sie spuckte Sandkörner aus und kippte die warme Flüssigkeit mit gierigen Zügen hinunter. Dabei blinzelte sie geblendet. Die Umrisse mehrerer Männer schälten sich als dunkle Schatten aus der hellen Dünenlandschaft. Unmöglich zu sagen, ob sie minuten- oder stundenlang im Sand gelegen hatte.

»Seht, was die Götter uns geschenkt haben«, ertönte eine kratzige Stimme. »Ich sagte doch, es lohnt sich, der Spur aus Treibgut zu folgen. Nach einem Sturm wie diesem, weiß man nie, was angespült wird.«

»Sie ist hübsch«, antwortete jemand in angenehmerer Tonlage. Es war der Mann, der sie stützte und ihr Wasser gegeben hatte. Sie drehte den Kopf weit genug, um ihn ansehen zu können, und erkannte, dass er noch recht jung war. »Vielleicht eine Meerjungfrau.«

Raues Gelächter machte klar, was die anderen von dieser These hielten. »Wo ist dann ihr Fischschwanz?«, fragte die kratzige Stimme, die sie zuerst gehört hatte.

Der Sprecher ging vor ihr in die Hocke. Ihr Blick hatte sich nun weit genug geklärt, um ein vernarbtes sonnengebräuntes Gesicht erkennen zu können. Zum Schutz vor der Sonne hatte der Mann seinen Kopf mit einem gestreiften Tuch bedeckt, seine knielange Tunika war fleckig, seine Ledersandalen abgenutzt. An seinem Gürtel waren ein Kurzschwert und eine Peitsche befestigt.

»Wie heißt du, Kleines?«, wollte er wissen.

Sie beäugte kurz die anderen ebenfalls bewaffneten Männer. Sie führten sieben oder acht schwer bepackte Kamele mit sich, genau wie eine zusammengekettete Gruppe gebeugt dastehender Menschen. Sklavenjäger!

»Dein Name«, wiederholte der Mann mit der rauen Stimme ungeduldig und packte sie dabei am Kinn, um sie zu zwingen, ihn anzusehen. Er roch streng nach Schweiß.

Ihr Name … Sie brauchte einen Moment, bis er ihr wieder einfiel. »Sestia«, brachte sie schließlich heraus. Ja, sie war sich sicher, dass sie so hieß.

»Na also, geht doch«, befand er. Ein gefährliches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. »Und was machst du hier, so ganz allein?«

Was sie hier machte? Sie versuchte, sich zu erinnern, dachte so angestrengt nach, wie sie konnte, doch sie fand sich bloß unter Wasser wieder, wurde hinabgerissen in die dunkle, kalte Tiefe. »Ich weiß es nicht«, hauchte sie kopfschüttelnd.

»Nun, du bist jung«, schätzte der Mann und strich ihr dabei die Haare aus dem Gesicht. »Siebzehn, vielleicht Achtzehn Jahre. Und in der Tat ganz ansehnlich. Würdest gut in ein Bordell in Merkara passen. Rothaarige bringen einen ordentlichen Preis. Und diese Sommersprossen – dafür kann ich locker dreißig Silbersesterzen extra verlangen. Falls du uns auf dem Weg dorthin nicht krepierst, heißt das.«

Damit erhob er sich. »Schlagt sie in Eisen«, befahl er seinen Männern. »Ein Geschenk der Wüste sollte man nicht zurückweisen, sonst nimmt sie es einem übel.«

Anscheinend hatte ihr erster Eindruck sie nicht getäuscht. Während zwei der insgesamt zwölf Sklavenjäger sich an den Packsätteln der Kamele zu schaffen machten, zog sie der junge Mann, der ihr etwas zu trinken gegeben hatte, auf die Füße. »Sie trägt kein Brandzeichen«, gab er zu bedenken. »Wahrscheinlich ist sie eine Freie.«

Der Anführer lachte im Gehen. »Nun, das können wir ändern.«

Ihr Herz hämmerte wie eine Trommel. Sie hatte sich nicht an den Strand gerettet, um so zu enden! Die Verzweiflung loderte wie Feuer in ihren Adern und verlieh ihr noch einmal Kraft. Ihr Instinkt übernahm die Kontrolle: Sie stieß einen Wutschrei aus, verdrehte dem überraschten Jungen den Arm und trat ihm die Beine weg. Als er mit dem Gesicht im Sand landete, zog sie das Kurzschwert, das er am Gürtel trug, aus der Scheide, und drückte ihm das Knie in den Rücken. Bevor die anderen Männer heran waren, hatte sie ihn am Schopf gepackt und hielt ihm den blanken Stahl an den Hals.

»Lasst mich laufen, oder er ist tot!«, drohte sie.

Die Sklavenjäger blieben stehen, unsicher, was sie tun sollten. Der Narbengesichtige aber klatsche bloß lachend in die Hände.

»Du willst gehen? Gut, dann geh. Bis zu den Bergen sind es vier Wochen. Dann noch einmal mindestens drei, bis du die nächste Stadt erreichst. Sofern du die richtige Richtung einschlägst. Viel Glück.«

Mit gefletschten Zähnen sah sie sich um. »Ich will ein Kamel und einen halben Tag Vorsprung. Dann lasse ich ihn laufen.«

»Keine Chance. Meine Kamele sind mir wichtiger als ein Straßenjunge wie der da.«

»Jaref, bitte!«, wimmerte ihre Geisel. Der Angesprochene zuckte ungerührt mit den Schultern. Während seine Männer sie vorsichtig einkreisten, spürte sie, wie ihre Kraft sie bereits wieder verließ und ihre Knie weich wurden.

»Ich gehe in kein Bordell«, knurrte sie trotzig.

»Nein«, bestätigte Jaref gelassen. »Das wäre Verschwendung. Du bist eine Kämpferin, das sehe ich jetzt. Auf dich wartet die Arena.«

Sie spürte, wie ihr die Sinne schwanden. Entkräftet ließ sie das Schwert fallen. Sofort waren die Männer bei ihr, zwangen sie zu Boden und fesselten ihre Hände auf den Rücken. Dann verlor sie endgültig das Bewusstsein.

 

1

Reichshauptstadt Pandris, Provinz Lantisa – zwei Monate später

Sestia war tot – ertrunken in den Fluten des Trianischen Meeres. Dieser Gedanke kroch wie ein lästiges Insekt immer wieder in Velenis’ Verstand, während sie dem Kaiser von den jüngsten Entwicklungen in der entfernten Provinz Sintura berichtete. Er hatte sie, die Hohepriesterin des Aquina-Tempels, dorthin entsandt, um eine Rebellion zu verhindern, was ihr gründlich misslungen war. Nun konnte sie ihm lediglich eine Liste mit den Forderungen der Aufständischen überbringen. Doch welche Rolle spielte das schon, wenn ihre letzte lebende Blutsverwandte und vorgesehene Nachfolgerin nun am Grund der See ruhte?

Für Kaiser Kasestian, der ihr gegenüber zu Tische lag, stellte es sich natürlich genau umgekehrt dar. Zwar hatte er ihr sein Beileid ausgesprochen, jedoch handelte es sich dabei bloß um ein Lippenbekenntnis, einen gefühllosen Akt der Höflichkeit. Velenis konnte es ihm nicht einmal verdenken. Der Regent hatte Sestia das letzte Mal gesehen, als sie fünf oder sechs Jahre alt gewesen war. Und angesichts der Rolle, die ihr törichter Vater bei dem Aufstand gespielt hatte, war sie für ihn ohnehin zuallererst die Tochter eines Verräters. Dabei hatte sie ihre Nichte doch nur deshalb mit auf die gefährliche Reise genommen, damit sie ihren Namen reinwaschen konnte.

Nein, den Kaiser beschäftigen andere Dinge – und zwar so sehr, dass es ihn nicht mehr auf der Liege hielt. Er erhob sich, rückte seine Toga zurecht und begann wie ein gefangener Löwe im marmorgetäfelten Salon auf und ab zu laufen. Die Perlenkettchen in Velenis’ hochgesteckten schwarzen Haaren klimperten, als sie den Kopf drehte, um ihn im Auge zu behalten. Sie war sich bewusst, dass dieser Löwe sehr wohl Krallen hatte. Es galt dafür zu sorgen, dass sein Zorn nicht sie – die Überbringerin der schlechten Nachrichten – traf. Dies bedurfte ihrer vollen Aufmerksamkeit.

»Noch nie in der dreihundertjährigen Geschichte der Republik, hat sich eine Provinz abgespalten!«, grollte er. »Meine Feinde im Senat werden das ausschlachten. Sie haben mich vorgeladen. Wie einen Verbrecher! Am Tag vor Neumond soll ich meine Politik erklären. Sicher werden sie verlangen, dass ich abtrete! Ich sollte meine Familie zur Sicherheit auf meinen Landsitz bringen lassen.«

Er ballte die rechte Hand zur Faust und hämmerte sie in die linke Handfläche. »Noch ist nicht alles verloren. Der Sturm hat uns nur eine Handvoll Schiffe gekostet. Der Rest könnte bis zum nächsten Sommer instand gesetzt werden und Sintura zurückerobern.«

Velenis sah sich gezwungen, den Kaiser ein wenig zu bremsen: »Bei allem Respekt, das wäre nicht weise.«

»Wie bitte?«, knurrte er aufgebracht.

Der Löwe fletscht die Zähne. Er war es nicht gewohnt, dass man ihm die Mähne zurechtzupfte. Sie verstand gut, dass es ihn nach Taten dürstete. Er trug den goldenen Lorbeerkranz nicht durch Geburtsrecht, sondern erhielt seine Macht formell vom Senat verliehen und dort drehte sich der Wind schnell. Auch sie hätte nichts lieber getan, als ihr Versagen in Übersee sogleich ungeschehen zu machen, doch mit den Jahren hatte sie gelernt, dass sich in der Politik ein langer Atem auszahlte. Rückschläge gehörten zum Geschäft, und wer sich davon aus der Ruhe bringen ließ, verlor am Ende alles.

Während sie eine Pflaume vom Silbertablett in der Tischmitte nahm, erklärte sie ihrem verstimmt dreinblickenden Souverän, was sie meinte: »Sie halten mehrere tausend Legionäre gefangen, die sie eins zu eins gegen sinturanische Sklaven eintauschen wollen. Das ist ein guter Handel, auf den wir eingehen sollten.«

»Das ist kein Handel, das ist eine Unverschämtheit!«, rief Kasestian empört. »Eine Beleidigung des Greifenthrons! Jeder dieser Soldaten ist bereit, für die Republik zu sterben. Soll es so geschehen!«

»Diese Soldaten haben Angehörige«, erläuterte Velenis geduldig. Die Pflaume hatte eine ausgesprochen saftige Süße. Sie mundete ihr nach der monatelangen Seereise und der tristen Verpflegung an Bord ausgezeichnet. »Unter ihnen sind viele Offiziere aus wohlhabenden Familien. Es wäre unklug, diese in der gegenwärtigen Lage gegen sich aufzubringen.«

»Unklug?«, fragte Kasestian gefährlich ruhig, »Nennst du mich etwa einen Narren?« Sein dunkler Umriss erhob sich drohend vor dem offenen Durchgang zum Balkon, durch den die tief stehende Nachmittagssonne in den Salon fiel.

Der Kaiser war auch mit seinen fünfundvierzig Jahren noch ein imposanter Mann und hätte die meisten Gesprächspartner allein dadurch einschüchtern können, dass er zornig die Stirn in Falten legte. Velenis jedoch hielt seinem Blick ungerührt stand. Sie war sechs Jahre jünger als er, und hatte schon ihr halbes Leben mit ihm zu tun. Sie wusste, wie weit sie den Bogen spannen durfte.

»Ich zähle nur Tatsachen auf«, entgegnete sie höflich. »Momentan ist Sintura geeint. Ein Kriegszug wäre riskant und kostspielig. Schon bald werden sich die dortigen Stadtstaaten wieder gegenseitig misstrauen, und es ergibt sich, so die Götter wollen, eine bessere Gelegenheit.«

Kasestian sah zur Seite und schnaubte verdrossen. Er wusste, dass sie recht hatte. Trotzdem erwiderte er: »Ich muss die Initiative zurückgewinnen, sonst wird es für diese Gelegenheit zu spät sein. Andere Provinzen könnten sich ein Beispiel nehmen. In Kehset rumort es schon lange …«

»Spiele«, schlug Velenis vor.

Der Kaiser hielt inne und neigte fragend den Kopf zu Seite. Sein Interesse war geweckt. Es war ein spontaner Einfall von ihr gewesen, und nun musste sie sich rasch etwas aus den Fingern saugen, das ihm gefallen würde. Routiniert in allen Spielarten der pandrischen Politik kamen ihr die Worte mit einer Selbstverständlichkeit über ihre Lippen, als hätte sie in den letzten Wochen nichts anderes getan, als diesen Vorschlag auszuarbeiten.

»Gladiatorenspiele«, präzisierte sie. »Lade die besten Schulen aus allen Provinzen in die Hauptstadt ein. Lass sie um Ruhm und Ehre gegeneinander antreten.«

»Das würde die Siegerprovinz lediglich noch mehr in ihrem Selbstvertrauen und in ihrem Freiheitsdrang stärken«, zeigte sich Kasestian skeptisch.

»Dann sorge eben dafür, dass keine der Provinzen gewinnt. Die besten Gladiatorenschulen sind hier in der Hauptstadt, oder nicht? Wichtig ist nur, dass die anderen denken, sie hätten eine Chance. Dann werden sie miteinander konkurrieren, anstatt sich gegen uns aufzulehnen.«

Nachdenklich kratzte sich der Kaiser am bärtigen Kinn. Er schien sich langsam für die Idee zu erwärmen.

»Die große Arena wird gerade renoviert«, überlegte er laut, »aber wenn die Sklaven Doppelschichten einlegen, könnte sie zum Herbstanfang fertig sein. Ich würde allen zeigen, dass ich mich von einem unbedeutenden Sieg der Aufständischen nicht beeindrucken lasse, indem ich das dreihundertjährige Bestehen der Republik mit allem Prunk zelebriere …«

Kasestian malte sich im weiteren Verlauf des Gesprächs wortreich aus, wie das Spektakel zu seinen Ehren ablaufen würde und kam dabei regelrecht ins Schwärmen. Velenis nickte beflissen an den passenden Stellen, hörte aber nur noch mit einem Ohr zu. Mit einem konkreten Ziel vor Augen würde der Kaiser fürs Erste keine Dummheiten anstellen. Natürlich hing das Gelingen davon ab, wie viel Geduld der Senat mit ihm hatte. Es würde eine Menge Überzeugungsarbeit ihrerseits erfordern, doch wenn sie an den richtigen Strippen zog, sollte sie ihm genug Zeit verschaffen können. Kasestian war für das Gleichgewicht der Kräfte in Pandris immer noch unersetzlich. Sie hatte kein Interesse daran, dass ein neuer Bürgerkrieg ausbrach, kurz bevor sie aus ihrem Amt als Hohepriesterin schied.

Dieser Gedanke beschwor erneut das Bild Sestias herauf. Sie hätte ganz sicher eine würdige Nachfolgerin abgegeben. Ihre Verbindung zum Mystischen war stark, wie bei allen Frauen in Velenis’ Familie. In Sachen Politik war sie natürlich noch etwas unbedarft gewesen, aber immerhin hätte sie von der Besten lernen können. Hätte ihr von den Göttern verfluchter Vater sich doch bloß nie gegen den Kaiser aufgelehnt!

Als ein fleißiger Sklave herbeigeeilt kam, um ihren goldenen Weinkelch aufzufüllen, lehnte Velenis ab und erhob sich stattdessen. Es gab viele Dinge, um die sie sich nach ihrer langen Abwesenheit kümmern musste, deshalb bat sie darum, sich zurückziehen zu dürfen.

»Meine liebsten Grüße an Frau und Kinder«, verabschiedete sie sich. »Ich denke, sie können fürs Erste unbesorgt in der Hauptstadt verweilen.«

 

Als Zeichen seiner Wertschätzung begleitete der Kaiser sie bis hinaus auf den Hof seines Palastes, wo vier stämmige Sklaven mit ihrer Sänfte auf sie warteten. Sie hatten sich in den Schatten eines Säulenganges zurückgezogen, um sich vor der Sonne zu schützen, die an diesem Spätsommertag besonders heiß brannte. Als Velenis hinaustrat und der Kies unter ihren Sandalen quietschte, bezogen sie hastig beiderseits des Gefährtes Position.

»Was fällt euch ein, hier so herumzulungern«, tadelte sie ihre Untergebenen ob ihrer Pflichtverletzung. »Nehmt euch gefälligst ein Beispiel an den Männern der Roten Garde.«

Zwei Wachen mit Schienenpanzern und roten Helmbüschen standen links und rechts der Pforte auf Posten und trotzten der Hitze mit unerschütterlichem Pflichtbewusstsein. Die Eliteeinheit, der sie angehörten, unterstand direkt dem Kaiser. Sie waren bestens ausgebildet, aber bei weitem nicht zahlreich genug, um seine Herrschaft zu sichern, sollte es tatsächlich zu einer Machtprobe mit dem Senat kommen.

»Dein neuer Primus hat die Garde anscheinend gut im Griff«, bemerkte Velenis lobend. »Ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen.«

Kasestian nickte zufrieden. »Terentinus macht seine Sache hervorragend. Benötigst du eine Eskorte?«

»Nein danke«, lehnte sie höflich ab und nahm in der bequem ausgepolsterten Sänfte Platz. Ein Baldachin aus weißem Tuch, schützte sie vor der Sonne. Kaum da sie saß, stemmten die Sklaven sie mit geübten Handgriffen in die Höhe. »Niemand in dieser Stadt würde es wagen eine Aquina-Priesterin zu behelligen.«

Die Gardisten hatten wirklich lange genug Aufpasser für sie gespielt und die Dinge in Sintura unnötig kompliziert gemacht. Sie war froh, nun wieder schalten und walten zu können, wie es ihr beliebte.

»Zurück zum Tempel«, wies sie ihre Sklaven an, die sich sofort gehorsam in Bewegung setzten.

 

An der Flanke des Hügels, auf dem der Kaiserpalast thronte, reihten sich die Anwesen der Patrizier: Prunkvolle Villen, die üblicherweise um einen quadratischen Innenhof – das Atrium – herum errichtet waren. Spitz aufragende Zypressen und kunstvoll in Form geschnittene Hecken markierten die Grundstückgrenzen. Der Duft von Rosen und Lavendelsträuchern streichelte Velenis’ Nase.

Die noblen Herren und Herrinnen dieser Häuser traf man nur selten auf der Straße, wohl aber ihre zahlreichen Sklaven, von denen einige gerade mit letzten Besorgungen für das Abendessen heimkehrten. Wenn sie an der Sänfte vorbeikamen und erkannten, wer darin saß, verneigten sie sich ehrerbietig, was die Hohepriesterin mit Genugtuung erfüllte. Man hatte ihr Gesicht in der Hauptstadt augenscheinlich noch nicht vergessen. Es wäre ihr möglich gewesen, die Sänfte mit Vorhängen zu verhüllen, doch heute wollte sie gesehen werden.

Als sie tiefer in die Stadt vordrangen, wurden die Straßen voller und die Häuser zu beiden Seiten höher. Bis zu fünf Stockwerke ragten die Mietskasernen im Zentrum von Pandris auf. Ein Dutzend oder mehr Familien lebten dort auf engstem Raum zusammen. Es war dunkel und dreckig in ihrem Inneren. Kein Wunder, dass die Bewohner den Tag lieber unter freiem Himmel verbrachten.

Zwischen den Auslagen der Geschäfte drängten sich Menschen aller Hautfarben. Es waren mehr Passanten unterwegs als im Viertel der Patrizier. Darunter Sklaven, die Botengänge erledigten, Freie auf dem Weg zu den Thermen, beurlaubte Legionäre, die ihren Sold in Schenken und Hurenhäusern verprassten und Bettler, die hofften, dass auch für sie ein wenig davon abfiel.

Angesichts des Gedränges hätte es schwer sein sollen, mit ihrer sperrigen Sänfte voranzukommen, besonders, da sie auf die Eskorte verzichtet hatte, die ihr einen Weg hätte bahnen können. Doch wo immer sie auch auftauchte, wichen die Menschen respektvoll zur Seite. Selbst Straßenkünstler unterbrachen ihre Darbietung und neigten ehrfurchtsvoll das Haupt. Mütter nahmen ihre Kinder auf die Schultern damit diese einen kurzen Blick auf die Hohepriesterin des Aquina-Tempels erhaschen konnten und vielleicht von ihr gesegnet wurden.

Zufrieden lächelte Velenis auf die einfachen Bürger herab, nickte dem ein oder anderen wohlwollend zu und winkte mal nach links in die Menge, mal nach rechts. Einzeln waren diese Menschen zu unbedeutend, als dass ihr Schicksal sie gekümmert hätte, doch in der Masse war das pandrische Volk ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor. Wer es schaffte, dass einem die Straße zujubelte, dessen Position war beinahe unangreifbar.

Das Gelände stieg erneut an, als sie den Tempelbezirk erreichten. Andachtsstätten der fünf Hauptgötter und zahlreicher Nebengötter waren hier an den Flanken eines weiteren Hügels, um den Aquina-Tempel herum errichtet.

Auch hier waren viele Menschen unterwegs. Einige brachten Opfergaben in das von Marmor-Säulen getragene Haus der Erdgöttin Gaeta, um anhaltenden Wohlstand zu erbitten. Andere suchten Rat in den weiten Hallen der Luftgöttin Eolis, wo die Priester aus dem Lauf der Sterne die Zukunft der Bittsteller ablasen. Zumindest taten sie so. Velenis’ Erfahrung nach, waren sie darin nicht besser, als die Wahrsager auf dem Forum, die ihre Dienste jenen anboten, die sich die saftigen Tarife des Tempels nicht leisten konnten.

Das schlichte Bauwerk aus gebrannten Ziegeln, das Belrefan, dem Gott des Feuers, geweiht war, wurde vor allem von Legionären aufgesucht, die seinen Segen für kommende Schlachten erbaten. Der zum großen Teil unterirdisch angelegte Bau des eisigen Gottes Logatus wiederum stand jenen offen, die den Verstorbenen Respekt erweisen wollten, oder für Gerechtigkeit beteten.

Über all dem erhob sich, gekrönt von einer imposanten Kuppel, der Aquina-Tempel. Wasser bedeutete Leben und so brachten zahlreiche Gläubige Opfergaben dar, auf dass die jugendliche Göttin sie oder ihre ungeborenen Kinder mit Gesundheit segnen möge.

Aquinas Bedeutung ging jedoch weit darüber hinaus. Der Tempel war direkt auf der Heiligen Quelle errichtet und es hieß, solange sie nicht versiegte, würde Pandris wachsen und gedeihen. Und wahrlich, gewachsen war die Reichshauptstadt in den letzten Jahrhunderten so enorm, dass sie nun auf dem ganzen Erdkreis ihresgleichen suchte.

Durch sorgsam angelegte Parks und Wasserspiele plätscherte das gesegnete Wasser den Hügel hinab, bis hinunter zu den Brunnen, wo es den Bürgern erlaubt war, es mit Krügen und Amphoren abzuschöpfen. Eine wichtige Wohltat für die ärmeren Bewohner der Stadt, deren Häuser nicht von einem Aquädukt versorgt wurden. Viele nahmen lieber lange Wege auf sich, als das Wasser aus dem Equir zu schöpfen. Jeder wusste, dass der Fluss krank machte, wenn man daraus trank, auch wenn sich aus Angst vor Strafe kaum jemand traute, es auszusprechen.

»Nicht so unsanft«, tadelte Velenis ihre Träger, als diese die Sänfte erschöpft vom letzten Anstieg vor der Tempelpforte absetzen. Rasch erhob sie sich, zupfte ihr weißes, seidiges Gewand zurecht und betrat ihr Reich. Die Tempeldienerinnen, die beflissentlich herbeigeeilt kamen, um ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, verscheuchte sie mit einer Handbewegung wie lästige Fliegen.

Trotz der draußen herrschenden Hitze war es angenehm kühl im Aquina-Tempel. Das Innere wurde von Oberlichtern erhellt, deren Schein von Goldfischbecken und Springbrunnen in wabernden Mustern an die Wände zurückgeworfen wurde. Bunte Muschelschalen hingen drapiert in dekorativen Fischernetzen von der Decke, Mosaike im Boden zeigten Geschöpfe des Meeres und der Flüsse. Direkt unter der zentralen Kuppel entsprang die heilige Quelle aus einem dunklen, runden Brunnenschacht, der etwa zwei Meter durchmaß. Darüber erhob sich auf einem Sockel die fischschwänzige Marmorskulptur der jungfräulichen Aquina, in ihren Händen ein Dreizack.

Der Wohnbereich der Priesterinnen lag im rückwärtigen Teil. Der Durchgang dorthin wurde von zwei stämmigen Tempelwächtern – beides Eunuchen – bewacht, die respektvoll Platz machten, um Velenis passieren zu lassen. Ihre Gemächer bestanden aus einem Arbeits- und einem Schlafzimmer – kleiner als die der Patrizier in ihren Villen, aber mit vergleichbarem Luxus ausgestattet. Außerdem boten sie eine wunderbare Aussicht über die Stadt. Ihre Stadt.

Am Schreibtisch saß ihre persönliche Dienerin und war gerade damit beschäftigt, irgendetwas in eine Wachstafel einzuritzen, als Velenis eintrat. Die Verwaltung eines Tempels erforderte eine Menge Schreibarbeit. Eilig erhob sie sich, trat vor die Hohepriesterin und verneigte sich ehrerbietig.

»Herrin, ich bin froh, dass Ihr wohlbehalten zurückgekehrt seid.«

In einer vertrauten Geste strich Velenis der jungen Frau aus Kehset durch das halblange, schwarze Haar. Dann fuhr sie mit dem Handrücken die gebräunte Haut der Wangenpartie entlang und forderte die Sklavin mit sanftem Druck am Kinn auf, sie anzusehen.

»Hattest du Angst, er reißt mir den Kopf ab?«, erkundigte sich Velenis schmunzelnd. »Keine Sorge, meine liebe Amitet, der Kaiser ist auch nur ein Mann, und Männer sind leicht zu beeinflussen.«

Amitet besaß ein kantiges Gesicht, mit schmalen, dunklen Augen, das auf den ersten Blick streng wirkte. Wenn man indes genauer hinsah, kam eine verborgene Schönheit zum Vorschein. Nur eine ihrer vielen Qualitäten. Wäre sie von höherem Stand, hätte sie es mit ihren Gaben weit bringen können – durchaus bis zu Velenis’ Nachfolgerin. Doch dies war einer Unfreien natürlich verwehrt.

»Ich wäre untröstlich«, beteuerte Amitet mit einem verführerischen Zwinkern, »meine Herrin zu verlieren, bevor ich Gelegenheit hatte, sie nach ihrer Ankunft gebührend willkommen zu heißen.«

Ihre Gesichter waren sich nun ganz nah und Velenis konnte nicht anders, als ihre Lippen auf die der Sklavin zu pressen und sie zu küssen. Viel zu lange hatte sie sich nach diesem süßen Geschmack verzehrt und die warme Umarmung der anderen herbeigesehnt. Nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt hatten sie sich zwar gesehen, aber in Anwesenheit der restlichen Priesterinnen den Schein wahren müssen. Zudem hatte ihr Besuch beim Kaiser keinen Aufschub geduldet. Nun drückte sie die Sklavin an sich, als wolle sie sie nie mehr loslassen. Ihr edles weißes Gewand, und das schlichtere der Tempeldienerin raschelten, als sie sich aneinander rieben.

»Jemand könnte hereinkommen«, warnte Amitet außer Atem, als ihre Lippen sich nach einer gefühlten Ewigkeit voneinander lösten.

»Und wenn schon«, hauchte Velenis. »Ich darf mit meiner Sklavin tun und lassen, was ich will.«

Es war untypisch für sie, jede Vorsicht fahren zu lassen, doch im Augenblick wollte sie nichts mehr, als in den Armen ihrer Geliebten alles andere zu vergessen: Sintura, den Kaiser, den Senat, Sestias Tod …

»Ein Brief ist eingetroffen«, merkte Amitet an und entzog sich geschickt ihrem Versuch, sie erneut zu küssen.

»Es treffen dauernd Briefe ein«, schmollte Velenis und ließ dennoch widerwillig zu, dass die jüngere Frau sich von ihr löste. Amitet würde es nicht ansprechen, wenn es nicht wichtig wäre.

»Er ist von Senator Ardakus«, berichtete sie. »Ich dachte, Ihr wollt ihn sicherlich selbst öffnen.«

Velenis versteifte sich unmerklich. Sie hatte mit diesem Brief gerechnet, bloß noch nicht so bald. Anscheinend verbreitete sich die Nachricht ihrer Rückkehr schneller als der faule Geruch der Kloake.

»Danke, du kannst dich fürs Erste zurückziehen«, entließ sie ihre Dienerin. »Ich lasse dich nachher noch einmal rufen.«

»Wie meine Herrin wünscht«, gehorchte Amitet. Bevor sie die Gemächer der Hohepriesterin verließ, achtete sie sorgfältig darauf, ihr Gewand zu richten.

Missmutig setzte Velenis sich an den Schreibtisch. Auf einem kleinen Stapel von beschrifteten Wachstafeln lag eine Pergamentrolle, deren Siegel einen Raben mit Olivenzweig im Schnabel zeigte. Es war das Emblem einer der ältesten Familien der Stadt, eine, die der ihren über Generationen nahegestanden hatte. Sie brach es auf, entrollte das Schriftstück und überflog die Grußformeln und guten Wünsche, die sich in Regian Ardakus’ sauberer Handschrift untereinander reihten. Wie sie erwartet hatte, stand dort absolut nichts von Bedeutung. Sie hielt den Brief dicht über die Flamme einer Kerze und schon nach kurzer Zeit tauchten zwischen den Zeilen neue Buchstaben auf.

Der Tag der Erweckung ist nahe, las sie. Und weiter: Wir versammeln uns bei Neumond, nach Einbruch der Dunkelheit.

Velenis las die Nachricht voller Unglauben ein zweites Mal. Das konnte er doch nicht ernst meinen! Ihre Pläne waren noch nicht weit genug vorangeschritten! Nach dem Fiasko in Übersee lag ihr Ziel sogar ferner, denn je. Neumond war in einer Woche – der Zeitpunkt, direkt nach der Rede des Kaisers vor dem Senat, bestimmt kein Zufall. Was hatte sich in ihrer Abwesenheit verändert? Im Geist alle Möglichkeiten gegeneinander abwägend, verbrannte sie den Brief, wie sie es mit so vielen anderen vor ihm getan hatte. Sie würde herausfinden müssen, was der mächtige Senator plante, bevor er es in die Tat umsetzte. Und dann musste sie sich wohl oder übel entscheiden, ob sie ihm weiter die Treue hielt, oder sich gegen ihn stellte.

 

2

Merkara, Provinz Sirabia

Der kleine Mann mit dem wettergegerbten Gesicht musterte Sestia prüfend von oben bis unten. Seine schmalen Lippen verschwanden fast zwischen grauen Bartstoppeln, die dicke Knollennase stach dafür umso mehr hervor. Wie die meisten Bewohner Merkaras, trug er ein Kopftuch, das sein Haupt vor der sengenden Sonne schützte, die den Sklavenmarkt in einen Backofen unter freiem Himmel verwandelt hatte.

Sestia war froh, dass die Krone einer Dattelpalme ihr ein wenig Schatten spendete. An den Füßen war sie an eine Gruppe aus etwa zwanzig weiteren Männern und Frauen gekettet. Eine knielange schmutzige Leinentunika war alles, was sie trug. Nicht einmal Sandalen gönnte man menschlicher Ware wie ihr.

Ein paar ihrer Mitgefangenen waren im Laufe des Tages zusammengebrochen und fortgeschafft worden. Sie hoffte, dass sie etwas Wasser bekommen hatten und morgen wieder zum Verkauf angeboten wurden, doch vermutlich war das Wunschdenken. Während ihrer Wanderung durch die sirabische Wüste, jedenfalls, hatten sich ihre Häscher ohne Reue jener entledigt, die den Strapazen nicht gewachsen gewesen waren.

»Zehn Golddenare willst du für die Kleine?«, fragte der Alte mit fistelnder Stimme skeptisch. »Die ist doch Löwenfutter. Ich gebe dir fünf und das ist noch großzügig.«

Jaref, der Anführer der Sklavenjäger, mit dem er sich unterhielt, lachte rau.

»Fünf? Du verwechselst mich mit deinem Teppichhändler, Terik. Frauen mit Kampferfahrung sind seltener als Oasen in der Wüste. Und diese hier ist eine wilde Füchsin. Das Publikum wird sie lieben. Sie hat das Zeug zu einem Champion!« Er beugte sich zu seinem Kunden herab und fügte verschwörerisch hinzu: »Ossaran wird mir die Hand abhacken, wenn ich sie für weniger als neun verkaufe.«

Ossaran – das war der Mann, dessen Brandzeichen sie nun an der Schulter trug. Der narbengesichtige Jaref, so wusste sie inzwischen, war sein Handlanger. Ossaran kontrollierte den gesamten Sklavenhandel in Merkara und bezog seine Ware nicht ausschließlich auf legalem Weg, wofür Sestia der lebende Beweis war. Lakaien wie Jaref griffen im Hinterland auf, wen immer sie in die Finger bekamen und es wurde gemunkelt, dass er auch Seeräuber beschäftigte, die Menschen aus fernen Provinzen verschleppten.

Sie solle erst gar nicht versuchen, jemanden um Hilfe zu bitten, hatte Jaref sie gewarnt. Denn selbst wenn man ihr glauben sollte, dass sie etwas anderes war, als eine einfache Sklavin, so hatte er ihr eingeschärft, würde aus Angst vor Ossaran niemand etwas unternehmen. Der pandrische Präfekt wusste angeblich von dem schändlichen Treiben, sah jedoch gegen einen großzügigen Anteil aus den Einnahmen darüber hinweg.

Aber was sollte sie den Leuten auch erzählen? Sie entsann sich an wenig mehr als ihren Namen. Da waren verschwommene Erinnerungen, wie sie auf dem Rasen vor einem großen Haus fangen spielte. Und an eine wunderschöne Frau, die ihr dabei zusah. Sie war sich sicher, dass das ihre Mutter sein musste. Doch wann immer sie danach greifen wollte, zerrannen die Bilder wie Wasser zwischen ihren Fingern.

»Ich habe schon einen Champion«, feilschte der potenzielle Käufer ungerührt weiter. »Ich brauche jemanden fürs Vorprogramm, um die Arena in Stimmung zu bringen. Da wären mehr als sechs Denare verschwendetes Geld. Woher stammt sie denn überhaupt?«

»Sie kommt frisch aus Gilean«, log Jaref. »Du hast doch sicher von diesem Aufstand letzten Winter gehört? Sie war dabei und ist geschnappt worden. Es hat drei Legionäre gebraucht, sie zu bändigen. Sie ist mindestens acht wert.«

»Gilean?« Der hagere Mann griff nach einer Strähne ihres roten Haares und besah es prüfend. »Sprichst du Lantisisch?«

Die Frage war direkt an Sestia gerichtet, die grimmig durch ihn hindurch starrte. Sie wurde verschachert wie ein Stück Vieh! Fehlte nur noch, dass der Kerl ihr in den Mund schaute und ihre Zähne begutachtete. Sie mochte sich zwar nicht erinnern, wer sie war, aber ganz sicher war sie keine Sklavin!

Natürlich hatte sie versucht, ihren Häschern zu entfliehen. Jaref hatte sie dafür bestraft. Er war geübt darin, Schmerzen zuzufügen, ohne die Ware zu beschädigen, wie er sich ausdrückte. Die Peitschenstriemen auf ihrem Rücken waren jedenfalls kaum noch zu sehen und brannten auch nicht mehr. Wenigstens nicht äußerlich. Wie es diesem Schinder wohl gefiel, wenn sie den Käufer hier vor aller Augen erwürgte? Es wäre ihr sicherer Tod, aber zumindest würde sie ihn so um sein Geld bringen …

Ein Stoß in den Rücken riss sie aus ihren Mordfantasien.

»Der ehrenwerte Meister Terik hat dich was gefragt«, herrschte Jaref sie an.

»Ja, Herr«, stammelte sie. »Ich spreche Lantisisch.«

»Na immerhin«, nickte Terik zufrieden. »Das vereinfacht die Sache.« Er wandte sich wieder Jaref zu. »Ich nehme an, du hast offizielle Dokumente für sie? Ich möchte keinen Ärger mit den Behörden oder dem Vorbesitzer bekommen.«

Mit falschem Grinsen zerstreute der Schurke seine Bedenken: »Aber natürlich. Alles völlig legale, erstklassige Ware hier.«

 

Für sieben Golddenare und fünfzig Silbersesterzen wechselte Sestia schließlich den Besitzer. Terik war nicht allein gekommen, sondern wurde von einem stämmigen Wächter mit Schlagstock und Kurzschwert begleitet. Zusammen führten sie ihren Neuerwerb an der Kette über staubige Straßen aus festgetretener Erde in Richtung Stadtrand.

Die meisten Häuser in Merkara waren quaderförmige, naturgetönte Lehmbauten mit kleinen Fenstern. Auf den flachen Dächern hatten die Bewohner nicht selten kleine Gärten angelegt. Frisch gewaschene Wäsche hing dort an Leinen zum Trocknen in der langsam tiefer sinkenden Sonne. Ihr Ziel war eine von einer Steinmauer eingefasste scheinbar wild zusammengewürfelte Ansammlung von Häusern, fast schon ein kleines Anwesen, wo ein weiterer Wächter sie einließ.

»Willkommen in Teriks Gladiatorenschule«, verkündete ein sichtlich stolzer Terik mit weit ausgebreiteten Armen. »Ist zwar nicht die größte in Merkara, aber dafür die mit der längsten Tradition. Lass uns als Erstes sehen, was du kannst, und ob du deinen Preis wert warst.«

Noch mehr als von außen, erweckte die Schule von innen den Eindruck, als sei sie im Laufe der Zeit von verschiedenen Baumeistern, mit ganz unterschiedlichen Vorlieben und Absichten erweitert worden. Den Kern bildete ein verwinkelter, zweigeschossiger Bau aus Backstein, der sich zu einem staubigen Innenhof öffnete. Etwa ein Dutzend verschwitzter Männer trainierte dort paarweise mit Übungswaffen.

Mit einem flauen Gefühl im Magen und dem Atem des Wächters im Nacken, folgte Sestia ihrem neuen Besitzer, der vergnügt vor sich hin summte, hinaus.

Die Männer hielten in ihrem Treiben inne, als Terik in die Hände klatschte und seinen Neuerwerb vorstellte: »Hört alle her: Das ist Sestia aus Gilean. Ihre Ausbildung beginnt morgen.«

Schweigen schlug ihr entgegen. Jeder auf dem Hof starrte sie an. Die meisten gleichgültig, einige feindselig, manche auch lüstern. Ängstlich senkte sie den Blick und betrachtete ihre schmutzigen Zehen.

»Wo ist Elogus?«, fragte Terik in die Runde. »Er soll sie beurteilen.«

Sie bemerkte im Augenwinkel, wie die Männer verlegen wegschauten, als wäre ihnen die Frage unangenehm. Es dauerte einen Moment, bis jemand antwortete: »Noch nicht wieder aus der Stadt zurück. Hat gesagt, wir sollen uns selbst beschäftigen.«

»Schon wieder?«, empörte sich Terik. »Was nutzt mir ein Ausbilder, der meine Gladiatoren nicht ausbildet? Dann eben Zebreka. Wo ist sie?«

Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, stapfte er an Sestia vorbei zu einem Metallgitter, das den Hof von einem weiteren abtrennte, der jedoch leer zu sein schien. »Warum ist von den Frauen niemand bei der Arbeit?«

»Zebreka lässt sich gerade die Fäden ziehen«, sagte jemand anderes. »Der Schnitt an ihrer Schulter …«

»Hm«, brummte Terik. »Und Simera?«

»Nimmt ein Bad, soweit ich weiß«, meinte ein Dritter. »Damit sie nachher nicht Zebreka in die Quere kommt.«

»Macht denn hier jeder, was er will, wenn ich mal den Mittag über fort bin?«, schimpfte Terik. Dann winkte er einen seiner Gladiatoren zu sich. »Berrex, übernimm du das. Von euch Taugenichtsen müsstest du als Gileaner ja wohl am besten wissen, über welche Fertigkeiten die Kriegerinnen deiner Heimat verfügen sollten.«

Ein großer breitschultriger Mann trat vor. Zögerlich blickte Sestia zu ihm auf. Er wirkte ein paar Jahre älter als sie, aber trotz allem noch vergleichsweise jung. Sein langes hellbraunes Haar hatte er zu einem Zopf zurückgebunden, ein kurz getrimmter Bart zierte sein markantes Kinn. Auf seinen ausgesprochen gut ausgebildeten Muskeln glitzerte der Schweiß von der Übung, die er unterbrochen hatte. Er wirkte beängstigend und faszinierend zugleich auf sie. Erst als ihr Blick den seiner stahlblauen Augen traf, wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn angestarrt hatte. Schnell sah sie wieder zu Boden.

Terik schnappte sich ein Übungsschwert – nicht viel mehr als einen armlangen Holzstock mit einem Griffstück – von einem der Männer und reichte ihn Sestia. Berrex hielt bereits eines in der Hand, also ergriff sie es nach kurzem Zögern. Doch was sollte sie gegen einen Kämpfer wie diesen bloß ausrichten?

Terik trat zur Seite und die Männer bildeten einen Kreis um sie und Berrex. Der grinste herausfordernd und sagte irgendetwas in einer fremden Sprache. Dann machte er einen Ausfallschritt und schlug ihr mit dem Stock so hart gegen den linken Oberschenkel, dass sie aufschrie und sich vor Schmerz und Überraschung in den Staub fallen ließ.

»Ich hab’s doch geahnt!«, jammerte Terik hinter ihr. »Löwenfutter!«

Berrex hingegen beugte sich über sie und bot ihr hilfsbereit die Hand an.

So leise, dass nur sie es hören konnte, flüsterte er: »Du sprichst kein Wort Gileanisch, habe ich recht?«

Sestia schüttelte den Kopf. Jaref hatte sie gewarnt, bei der Geschichte zu bleiben, die er sich für sie ausgedacht hatte. Alles andere hieß, Ossaran der Lüge zu bezichtigen, und das würde Ossaran erfahren. Doch was sollte sie tun? Einen Gileaner konnte sie schlecht täuschen.

»Ich hatte dich vorgewarnt, dass ich deine linke Seite tief angreife«, behauptete dieser. »Jetzt komm hoch. Mein nächster Schlag kommt von rechts oben, dann nochmal von links unten.«

Laut rief er: »Ich glaube, sie war noch nicht bereit, lasst es sie noch einmal versuchen, Meister Terik.«

»Meinetwegen«, stimmte dieser mürrisch zu. Seine Enttäuschung war deutlich herauszuhören.

Als Sestia nach der starken Hand des Gladiators griff, zog Berrex sie ohne erkennbare Mühe auf die Beine.

»Nun beeindrucke deinen Herrn«, flüsterte der Gladiator ihr zu, »wenn du nicht bei den Raubtieren enden willst.«

»Was schert es dich?«, zischte sie ebenso leise zurück. Sein belehrender Ton machte sie wütend.

Seine Antwort bestand bloß aus einem selbstgefälligen Grinsen.

»Bereit?«, fragte er.

Sestia nahm einen breitbeinigen Stand ein und nickte mit zusammengepressten Lippen. Was Terik von ihr dachte, kümmerte sie herzlich wenig, doch der schmerzhafte Treffer hatte etwas in ihr zum Leben erweckt, das Jarefs Peitschenhiebe ihr beinahe ausgetrieben hätten: den Willen zu kämpfen. Verflucht seien die Götter, aber sie wollte nicht zur Belustigung einer gaffenden Menge zerfleischt werden! Sie musste herausfinden, wer sie war, wo sie hingehörte. Und wenn es dafür nötig war, diesen selbstgerechten Muskelprotz zu besiegen, dann würde sie das irgendwie schaffen!

Berrex hielt Wort und griff ihre rechte Seite mit einem Rückhandschlag an. Instinktiv wehrte sie sein Übungsschwert mit dem eigenen ab, auch wenn es ihr dabei fast aus der Hand geschlagen wurde. Als ihr Gegner einen Schritt zurück machte, um zu seinem nächsten Angriff auszuholen, trat sie ihm mit aller Kraft zwischen die Beine.

Sofort krümmte er sich vornüber und ließ die Übungswaffe fallen. Sein ersticktes Stöhnen verriet ihr, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte. Sestia nahm ihre Waffe mit beiden Händen und hämmerte sie ihm mit einem lauten Schrei so kraftvoll auf den breiten Rücken, dass sie in der Mitte zerbrach. Angeschlagen sank Berrex zu Boden und reckte den linken Arm in die Höhe, Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt.

Während Sestia noch überlegte, ob er bereits genug hatte, oder sie besser nachsetzen sollte klatschte Terik erfreut in die Hände.

»Unglaublich, mein Champion liegt im Dreck und fleht um Gnade«, kicherte er. »Wie ein Gladiator ehrenhaft kämpft, müssen wir dir noch beibringen, aber das Feuer hast du auf jeden Fall in dir!«

Als Sestia sich umblickte, sah sie in den Gesichtern der anderen eine seltsame Mischung aus Respekt, Erstaunen und Abscheu. Sie war nicht sicher, ob sie alles richtig gemacht hatte, aber zumindest der Meister der Schule schien zufrieden.

»Komm jetzt«, forderte Terik sie auf. »Lass mich dich herumführen und dir deine Sachen geben. Unser Feldscher, wird dich auch noch begutachten wollen.«

 

Ihre Sachen, das waren ein Satz Unterwäsche, eine sandfarbene Tunika, ein einfacher Gürtel, um diese zu halten, und ein Paar Sandalen. Nicht viel aber ein Fortschritt.

Die Tür zum Behandlungszimmer des Wundarztes flog ihr beinahe ins Gesicht, als sie dort ankam. Heraus trat eine beeindruckend kräftige dunkelhäutige Neburin mit kurzgeschorenem, krausen Haar, die die gleiche Tunika wie sie trug. Ohne Zweifel eine Gladiatorin. Nach einer kurzen Musterung fletschte sie drohend die Zähne, was Sestia unwillkürlich zusammenzucken ließ. Mit einem höhnischen Schnauben stolzierte die andere von dannen.

Der Arzt, der sie aufforderte einzutreten, war ein glatzköpfiger alter Mann, der sich als Hartos vorstellte. Er war außerdem der Erste, der Sestia etwas zu Trinken anbot: Verdünnten Wein aus einer fast leeren Amphore, den sie nach der Hitze des Tages in gierigen Zügen trank. Sein Atem verriet, wohin der Rest verschwunden sein musste. Er erkundigte sich nach Krankheiten und Verletzungen und erwies sich als sehr geschwätzig, während er Sestia untersuchte. So erfuhr sie, das er aus Pykratien stammte und in Nikede die Heilkunst studiert hatte. Sie selbst wich seinen Fragen aus. Nicht, weil sie keine Antworten geben wollte, sondern weil sie es in den meisten Fällen einfach nicht konnte. Das Einzige, was sie inzwischen mit Sicherheit über sich sagen konnte, war, dass sie nicht aus Gilean stammte, aber das behielt sie lieber für sich. Falls dieser Berrex es nicht herumerzählte, brauchte sie es auch nicht tun.

»Du scheinst bei bester Gesundheit zu sein«, schloss er. »Ein Jammer, dass das nicht so bleiben wird. Junge Dinger wie du, sollten nicht in der Arena verheizt werden. Es ist ein grausamer Sport, selbst für gestandene Männer.«

Sestia schluckte schwer, schwieg aber. So die Götter es wollten, würde sie am Leben bleiben, bis sie einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage fand.

Während der Untersuchung hatte eine Glocke zum Abendessen geläutet. Wie sich herausstellte, nahmen die Frauen ihr Essen in einem kleineren Zimmer, getrennt von den Männern ein. Sie befürchtete, erneut der furchterregenden Neburin zu begegnen, doch die einzige andere Frau am Tisch war eine Unbekannte: Dunkelbraunes, lockiges Haar fiel über kräftige Schultern herab, von denen die rechte mit einem verschlungenen Wellenmuster tätowiert war. Ihr auffälligstes Merkmal jedoch war eine lange Narbe, die sich von ihrem linken Mundwinkel über die gesamte Wange bis fast zum Ohr zog. Sie konnte nicht viel älter sein, als Sestia, doch sie wirkte spürbar härter, wie jemand, mit dem man besser keinen Streit anfing. Zudem schien sie ziemlich hochgewachsen, auch wenn das im Sitzen schwer einzuschätzen war. Als sie den Neuankömmling bemerkte, blickte sie von ihrer Schüssel auf.

»Ah, du musst der Ersatz für Malise sein«, begrüßte sie Sestia. »Wie heißt du?«

»S-Sestia«, antwortete sie kleinlaut.

»Nicht so schüchtern«, munterte die andere sie auf. »Hol dir eine Schüssel und setz dich, ich werde dir schon nichts tun.« Mit einem schiefen Grinsen fügte sie hinzu: »Außerhalb des Kampfplatzes zumindest. Ich bin Simera, aber in der Arena trage ich den Beinamen Schwertwind.«

Sestia zwang sich zu einem Lächeln. Die letzte Bemerkung hatte nicht gerade dazu beigetragen, ihre Stimmung zu heben. Heute mochte sie mit Simera zu Abend essen, doch schon bald, so machte sie sich bewusst, würden sie vielleicht gegeneinander kämpfen müssen.

Sie sah sich um, entdeckte einen großen Bottich mit warmem Linseneintopf und schöpfte sich etwas davon in eine bereitstehende Tonschale. Nachdem sie wochenlang fast nur trockenes Fladenbrot bekommen hatte, duftete das einfache Gericht geradezu köstlich. Außerdem war sie inzwischen wirklich am Verhungern.

Trotz ihrer Bedenken nahm sie Simera gegenüber Platz. Es mochte vielleicht nicht von Dauer sein, aber eine Freundin konnte sie jetzt wahrlich besser gebrauchen als eine Feindin. Die alte Holzbank quietschte ein wenig unter ihrem Gewicht, als sie sich setzte. Wie viele Gladiatoren hatten hier wohl schon gesessen und ihr letztes Mahl eingenommen? Besser sie fragte nicht, was mit dieser Malise passiert war, die sie anscheinend ersetzen sollte …

Während sie sich wie eine Wölfin über ihr Essen hermachte, musterte Simera sie interessiert.

»Bei den Männern bist du das Gesprächsthema des Abends«, verriet sie schließlich. »Sollst Berrex ganz schön übel mitgespielt haben – wie es scheint, hat selbst ein Kerl wie er nicht überall Muskeln.«

Sestia hörte auf zu kauen und sah ängstlich auf. »Es tut mir leid, ich hoffe, er ist nicht böse auf mich …«

»Und wenn schon«, lachte Simera. »Der kommt drüber weg. Wobei ich ihm morgen vielleicht lieber aus dem Weg gehen würde. Jedenfalls war das ganze Arbeit. Hast du früher schon gekämpft?«

Sie wusste nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Erinnern konnte sie sich nicht. Gegen Berrex hatte einfach ihr Instinkt übernommen, genau wie an jenem Tag, als sie sich in der Wüste den Sklavenjägern widersetzt hatte. Jemand musste ihr gezeigt haben, wie man sich verteidigte, und zwar oft genug, dass ihr Körper sich erinnerte, auch wenn ihr Geist es nicht tat.

Statt zu antworten, wechselte Sestia das Thema: »Du sagtest, du nennst dich Schwertwind. Wie kommst du zu diesem Namen?«

Wieder schenkte sie ihr dieses schiefe Grinsen. Womöglich war das aufgrund ihrer Narbe einfach ihre Art zu lächeln.

»Terik hat ihn mir gegeben, fand wohl, er passt zu meiner Rolle.«

»Zu deiner Rolle?«

»Ich bin Säbeltänzerin«, verriet sie. »Kennst du dich mit Gladiatorengattungen aus?«

Sestia suchte einen Moment in den leeren Weiten ihres Gedächtnisses, schüttelte dann aber den Kopf. Falls sie jemals Gladiatorenspiele gesehen hatte, konnte sie sich nicht daran erinnern.

»Jeder Gladiator erhält eine festgelegte Bewaffnung, die mit einem bestimmten Kampfstil verbunden ist«, erklärte Simera. »Es gibt dutzende Gattungen. Ich kämpfe mit zwei Säbeln. Das ist selten, weil nur wenige Gladiatoren beidhändig sind. Spätestens nach unserem ersten Kampf bekommen wir einen Kampfnamen, damit das Publikum uns leichter wiedererkennt. Berrex nennen sie den Knochenbrecher.«

»Wie viele Kämpfe hast du denn schon bestritten«, wollte Sestia wissen, die nun langsam echtes Interesse entwickelte. Alles, was sie von dieser Frau lernte, mochte sich immerhin noch als nützlich erweisen.

Simera drehte den Kopf und sah nachdenklich aus dem vergitterten Fenster. »Noch nicht genug«, murmelte sie. Schließlich sah sie Sestia wieder an und fragte: »Du stammst aus Gilean?«

Vorsichtig nickte sie. Nur um kurz darauf den Kopf zu schütteln. Jarefs Warnung, dass Ossaran überall Augen und Ohren hatte, brannte noch hinter ihrer Stirn, doch irgendwie hatte sie bereits Vertrauen zu der anderen Frau geschöpft.

»Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht erinnern, woher ich komme.«

Simera nickte mitfühlend.

»Es ist bitter, als Kind verkauft zu werden«, interpretierte sie Sestias Worte völlig falsch. »Aber lass den Kopf nicht hängen. Es spielt keine Rolle, woher du stammst, wer du einmal warst oder was andere von dir denken. Ob arm, reich, Sklavin oder Freie. In der Arena sind wir alle gleich. Wir sind alle Gladiatoren. Wir kämpfen ehrenhaft und wenn nötig sterben wir ehrenhaft.«

Für einen Moment schwiegen sie und Sestia glaubte, eine seltsame Vertrautheit zwischen ihnen zu spüren, so als wären sie Teil derselben Familie.

Schließlich ergänzte Simera: »Ich beschwere mich jedenfalls nicht, dass du hier bist. Wurde schon ein bisschen einsam ohne Malise. Wie es aussieht, teilen wir uns sogar ein Zimmer.«

»Was ist denn mit Malise passiert?«, fragte Sestia nun doch.

»Sie hat den Stahl empfangen«, antwortete Simera mit Bedauern in der Stimme.

Sestia musste wohl sehr ängstlich dreingeschaut haben, denn ihre Gesprächspartnerin fühlte sich genötigt hinzuzufügen. »Elogus, unser Ausbilder, wird dich alles lehren, was du zum Überleben brauchst. Er war früher selbst Gladiator. Ein ziemlich guter. Verinnerliche seine Lektionen, dann kannst du es weit bringen. Weibliche Gladiatoren sind die neuste Mode aus Pandris. Jeder Sponsor will uns kämpfen sehen und die Siegprämien dürfen wir behalten. Wenn du genug Geld ansparst, kannst du dich am Ende sogar freikaufen.«

»Wie viele Frauen sind denn noch an der Schule?«, erkundigte sich Sestia, die sich ein wenig wunderte, warum sie hier nur zu zweit saßen, wenn Frauen doch angeblich so beliebt beim Publikum waren.

»Außer uns nur Zebreka. In der Arena ist sie eine Furie, aber versuche besser nicht, eine zivilisierte Unterhaltung mit ihr zu führen.«

»Ich glaube, ich bin ihr begegnet«, meinte Sestia gequält lächelnd. »Wo ist sie gerade?«

»In ihrem Zimmer. Hat schon gegessen«, berichtete Simera gleichgültig. »Eine Gelegenheit weniger für sie, Streit anzufangen. Wenn du meinen Rat hören willst, geh ihr besser aus dem Weg. Sie kann niemanden leiden, aber Neulinge am allerwenigsten.«

Sestia versprach, den Ratschlag zu beherzigen, und schlang den Rest ihres Essens hinunter. Anscheinend gab es hier eine Menge Leute, um die sie lieber einen Bogen machte. Doch wie sollte ihr das in der Enge der Gladiatorenschule auf Dauer gelingen? Morgen würde ihr Training mit den anderen beginnen. Wie es aussah, hatte sie viel zu lernen, falls sie überleben wollte. Gleichzeitig würde sie nach einer Möglichkeit Ausschau halten müssen, um von hier zu fliehen. Zumindest, sobald ihr Gedächtnis zurückkehrte und ihr einfiel, wohin.

 

3

Reichshauptstadt Pandris, Provinz Lantisa

Die untergehende Sonne tauchte den Himmel über der größten Stadt der Welt in ein faszinierendes Farbenspiel von Orange bis Violett. Am Fenster stehend widmete Velenis dem Naturschauspiel ein paar Minuten ihrer wertvollen Zeit und malte sich dabei aus, wie sie den Tag in Amitets Armen ausklingen lassen würde. Da jedoch setzte auf dem Gang vor ihrem Arbeitszimmer unvermittelt Tumult ein.

»Lasst mich gefälligst durch, ihr Milchgesichter!«, verlangte eine tiefe Männerstimme.

»Komm morgen wieder und bitte um eine Audienz, wie alle anderen auch«, hielt ein Tempelwächter grimmig dagegen.

Velenis wandte sich vom Fenster ab und öffnete die Tür. Sie ahnte bereits, was sie erwarten würde.

Die beiden stämmigen Wachen wirkten klein vor dem Riesen, der sich vor ihnen aufgebaut hatte. Obwohl sie ihn mit aller Kraft zurück Richtung Ausgang zu schieben versuchten, rutschten sie doch rückwärts Zentimeter um Zentimeter auf das Arbeitszimmer der Hohepriesterin zu. Der Anblick hatte schon etwas Komödiantisches an sich.

»Marcus«, konstatierte sie kopfschüttelnd. Die Wächter wies sie mit einer knappen Geste an, den ungebetenen Gast durchzulassen. Vermutlich würde sie ihn schneller wieder loswerden, wenn sie sich selbst mit ihm befasste.

Ihr Arbeitszimmer war nicht besonders geräumig und mit Marcus darin schien der Raum weiter zu schrumpfen. Obwohl das Alter seine Schläfen hatte grau und seinen Bauch rund werden lassen, besaß der Mann immer noch die Schultern eines Ochsen. Bisweilen war er auch stur wie einer.

»Wie läuft es mit deiner Gladiatorenschule?«, erkundigte sie sich, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte und kam seinem Anliegen damit zuvor.

Ihre Taktik, ihn aus dem Konzept zu bringen, ging auf. Der verärgerte Ausdruck im Gesicht des bärtigen Hünen wich Verwirrung.

»Ganz gut, denke ich«, brummte er, während sie hinter ihrem Schreibtisch Platz nahm. »Wir haben bei den Sponsoren noch nicht den Ruf wie die älteren Schulen, aber was den Kader angeht, würde ich sagen, gehören wir inzwischen zu den drei besten der Stadt. Bei den nächsten großen Spielen werden wir das hoffentlich allen beweisen können.«

»Ausgezeichnet«, lobte Velenis. »Die Chance könnte sich schon bald ergeben. Ich darf es eigentlich noch nicht verraten, aber der Kaiser selbst wird noch diesen Herbst Spiele der ganz besonderen Art ausrichten. Wenn du möchtest, empfehle ich dich.«

Sie konnte sehen, wie es hinter Marcus’ Miene arbeitete. Das Angebot musste zweifellos verlockend für ihn klingen. Doch leider gewann seine Sturheit die Oberhand.

»Deswegen bin ich nicht hier«, verkündete er ungehalten.

»Was verschafft mir dann das Vergnügen?«

Sie konnte es sich denken, dennoch hoffte sie, dass er es sich anders überlegte und einfach ging. Den Gefallen tat er ihr natürlich nicht.

»Wo ist Sestia?«, verlangte Marcus zu erfahren.

Verärgert erhob sich Velenis. Sie hatte sich große Mühe gegeben, jeden Gedanken an ihre Nichte zu verbannen, um sich endlich wieder auf andere Dinge konzentrieren zu können, und nun kam dieser Hornochse daher …

»Sie ist nicht hier. Belasse es dabei.«

»Ich habe ihrem Vater versprochen, auf sie aufzupassen«, entgegnete er. »Meinem besten Freund, der mir auf dem Schlachtfeld mehrmals das Leben gerettet hat.«

»Ihr Vater ist ein Verräter«, zischte sie. »Er besaß die Dreistigkeit, den Kaiser nicht nur ein- sondern zweimal zu hintergehen! Du solltest aufpassen, was du sagst.«

»Mir egal. Ich schulde es ihm. Und ich werde nicht eher gehen, bis ich weiß, dass sie wohlauf ist.«

»Du kommst in meinen Tempel und stellst Forderungen? Ich könnte dich einfach hinauswerfen lassen.«

Marcus streckte das Kinn unversöhnlich vor. »Und ich könnte allen von uns erzählen. Dann wäre es nicht mehr lange dein Tempel.«

Velenis sog scharf die Luft ein. Sie zwang sich, ruhig auszuatmen, und öffnete ihre Sinne dabei der Welt des Mystischen. Es war ihr schon immer leicht gefallen, dies zu tun. Andere Priesterinnen versanken minutenlang im Gebet, um ihren Geist zu fokussieren. Sie schloss lediglich die Augen und sagte stumm das Mantra auf, das sie seit ihrer Novizenzeit verinnerlicht hatte: Wasser bedeutet Leben und es bedeutet Tod. Es ist um uns, genau wie in uns. Aus dem Wasser kommen wir, ins Wasser werden wir zurückkehren.

In der südöstlichen Ecke des Raumes hing ein kleines Wasserbecken, in denen erschöpfte Nymphiden schlummerten. Sie gab ihnen etwas von ihrer Anima, ihrer Lebenskraft, sodass sie sich zu regen begannen. Angetrieben durch die frisch gestärkten Geistwesen kam der ruhende Wasserkreislauf in Schwung. Das kühle Nass plätscherte aus einem Zulauf in Form eines Karpfenkopfes hinab in die Becken und erzeugte so eine beachtliche Geräuschkulisse, die möglichen Lauschern ihr Vorhaben erschweren würde.

Dennoch senkte sie die Stimme zu einem zischenden Flüstern, als sie antwortete: »Das wäre genauso dein Ende, wie meines. Du bist verheiratet und hast zwei Kinder. Wie alt ist dein Ältester? Fünf? Sei kein Dummkopf.«

Die trotzige Miene des Hünen bröckelte wie das Gesicht einer Sandskulptur. Er schluckte schwer, sah sich hilfesuchend im Raum um und flehte schließlich: »Velenis, bitte – falls ich dir je etwas bedeutet habe, sag es mir.«

Würde dieser Esel nun etwa anfangen zu weinen? Den Blick zur Seite gerichtet seufzte sie resignierend. Letztendlich, gestand sie sich ein, agierte sie ebenso kindisch wie er. Das Schicksal ihrer Nichte war kein Staatsgeheimnis und Marcus war beinahe wie ein Onkel für Sestia gewesen. Er würde die Wahrheit früher oder später ohnehin erfahren, warum also nicht von ihr?

»Die See hat sie geholt«, berichtete Velenis mit bebender Stimme.

Sie wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, ihm ein wenig Trost spenden, doch er wich vor ihr zurück, als hätte sie Pestbeulen im Gesicht.

---ENDE DER LESEPROBE---