Kampf um die Torwelt - Patrick Arbogast - E-Book

Kampf um die Torwelt E-Book

Patrick Arbogast

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Beschreibung

Magie trifft Technologie!

Gestrandet auf einem fremden Planeten muss die Mannschaft der Ikarus lernen, dass es im uralten Konflikt zwischen Licht und Finsternis keinen Platz für neutrale Zuschauer gibt. Zur selben Zeit erfährt Prinz Cordian von einer legendären Waffe, die sich als die letzte Hoffnung auf Rettung erweisen könnte, und begibt sich auf eine gefährliche Suche. Zu spät erkennt er, dass nicht alles ist, wie es scheint, und seine Feinde ihm stets einen Schritt voraus sind. Der Kampf um die Torwelt beginnt.

Die Saga geht weiter! Mehr Drachen, mehr Raumschiffe! Fantasy und Science-Fiction verschmelzen zu einem fantastischen Abenteuer!

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Titel und Impressum
Klappentext
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Epilog

 

Die Torwelt-Saga

Teil 2

 

 

Kampf um die Torwelt

Patrick Arbogast

Roman

 

 

 

Copyright ©2016 by

Patrick Arbogast

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Impressum:

Patrick Arbogast

Brückenstr. 56

65719 Hofheim

 

Text, Layout, Umschlaggestaltung, Illustrationen: Patrick Arbogast

Lektorat: Dagmar Henning (www.satzwandel.de)

 

Kritik, Anregungen Fragen bitte an:

[email protected]

Dem Autor auf Facebook folgen: www.facebook.com/arbogast.autor

Die Torwelt-Saga:

Das Geheimnis der Torwelt: erschienen 2015

Kampf um die Torwelt: erschienen 2016

Das Schicksal der Torwelt: erschienen 2018

 

 

Magie trifft Technologie!

 

Gestrandet auf einem fremden Planeten muss die Mannschaft der Ikarus lernen, dass es im uralten Konflikt zwischen Licht und Finsternis keinen Platz für neutrale Zuschauer gibt. Zur selben Zeit erfährt Prinz Cordian von einer legendären Waffe, die sich als die letzte Hoffnung auf Rettung erweisen könnte, und begibt sich auf eine gefährliche Suche. Zu spät erkennt er, dass nicht alles ist, wie es scheint, und seine Feinde ihm stets einen Schritt voraus sind. Der Kampf um die Torwelt beginnt.

 

Die Saga geht weiter! Mehr Drachen, mehr Raumschiffe! Fantasy und Science-Fiction verschmelzen zu einem fantastischen Abenteuer!

 

 

»Dies ist die Klinge der Ewigen. Geschmiedet, um die Finsternis zu vernichten, scharf genug, um die Fäden des Schicksals selbst zu durchtrennen, bestimmt für den wahren Auserwählten.«

Prolog

Krähen hatten sich auf der geborstenen Burgmauer versammelt und beobachteten neugierig das blutige Schauspiel im Hof unter ihnen. Während die meisten anderen Vögel bereits nach Süden aufgebrochen waren, um dem nahenden Winter zu entgehen, waren die Aasfresser geblieben, fast, als hätten sie gespürt, dass sich das Warten für sie lohnen würde. Und tatsächlich: Die letzten Tage waren ein üppiges Fest für sie gewesen. Nachdem die Norkai in Keld eingefallen waren, hatten sie alle Stadtbewohner zusammengetrieben, denen nicht rechtzeitig die Flucht gelungen war. Die gesunden und kräftigen unter ihnen mussten nun Sklavenarbeit leisten. Wer dazu nicht in der Lage war, wurde ihren dunklen Göttern geopfert oder einfach zur Belustigung den Blutwölfen vorgeworfen.

Es fiel wahrlich genug für die gefiederten Unglücksboten ab, wenngleich es so aussah, als ob sie dieses Mal leer ausgingen. Ein alter Mann mit kahl geschorenem Schädel kniete unten im Burghof. Er hatte aufgehört, zu schreien, war aber offensichtlich noch am Leben. Zwei kräftige Stammeskrieger hielten ihn fest an den Armen gepackt. Sein in dunkle Roben gehüllter Peiniger, der nun in seinem Tun innegehalten hatte, ließ keine Absicht erkennen, dem Gequälten ein gnädiges Ende zu bereiten. Ob die Krähen nun ahnten, dass ihre Geduld heute vergebens sein würde, oder ob das neuerlich einsetzende Heulen der Blutwölfe von außerhalb der Mauern größeres Interesse weckte: Die Vögel erhoben sich in die Lüfte und glitten über die felsige Flanke des Berges hinweg, hinab zu den Dächern der Stadt. Die Menschen im Inneren des Burghofes blieben zurück.

Der Schwarzgekleidete packte den vor ihm knienden, sichtlich geschundenen Mann mit der linken Hand am Kinn und besah ungerührt sein Werk. Unheilvolle blutige Runen bedeckten nun das für die Prozedur geschorene Haupt, unter höllischen Schmerzen direkt in die Kopfhaut geritzt. Runen, die Macht bedeuteten – und gleichzeitig Unterwerfung. Die erhitzte Klinge, die er zum Zeichnen des Mannes benutzt hatte, glühte noch immer rötlich. Beiläufig reichte er den Dolch an einen unterwürfigen Diener weiter, der sich eilig damit entfernte. Den beiden kräftigen Kriegern, welche die zusammengesunkene Gestalt wie in einem Schraubstock hielten, gab er einen Wink, ihren Griff zu lösen. Der Gezeichnete sank in sich zusammen und atmete in schweren, rasselnden Stößen.

Als der Robenträger die Stimme erhob, klang diese kühl und beherrscht. Dennoch waren die Worte, die aus den tiefen Schatten seiner Kapuze hervordrangen, laut genug, um von allen Umstehenden vernommen zu werden: »Du hattest einen Namen. Du hattest einen Titel: Mantredt aus dem Hause Dolwin, Graf von Autringen. Dieser Mann existiert nicht mehr. Dein früheres Leben ist ab heute bedeutungslos, denn du bist nun ein Dar’zai, ein vom Zaihor Berührter.«

Während er sprach, hob der Angesprochene langsam den Blick. Sein Körper wirkte ausgemergelt, seine Haut blass. Der alte Graf hatte schon zu besseren Zeiten nicht eben vor Kraft gestrotzt, nun wirkte er fast wie ein Geist. Die Augen lagen tief in den Höhlen, von der Stirn perlte fiebriger Schweiß. Doch wer genau hinsah, erkannte weder Verzweiflung noch Resignation in seinem Blick. Stattdessen war Hass auszumachen – blanker ungezügelter Hass auf alles und jeden und ganz besonders auf denjenigen, dem er die Schuld an seiner Lage gab. Dieser Hass war der Grund, aus dem der Schwarzgekleidete ihn ausgewählt hatte.

»Dein Versagen in meinen Diensten hat mich tief enttäuscht«, fuhr eben jener fort. »Aber ich gebe dir hier und heute die Gelegenheit, Wiedergutmachung zu leisten. In dir steckt nun ein Teil meiner Macht. Diese Gabe ist Segen und Fluch zugleich, wie du feststellen wirst …«

Er holte ein etwa handtellergroßes metallenes Medaillon aus den Tiefen seiner dunklen Gewandung hervor, das einen Löwenkopf zeigte, und hielt es dem alten Gezeichneten hin. Dieser nahm es fast ehrfürchtig entgegen, strich vorsichtig die Konturen mit dem Finger nach, besah es sich von allen Seiten und schnüffelte schließlich sogar daran.

»Ein Segen«, sprach der Schwarzgekleidete derweil weiter, »weil dich nun nichts auf der Welt davon abhalten kann, den Einen zu finden, den du suchst. Ein Fluch, weil du nicht eher zur Ruhe kommen wirst, als bis sein Leben ausgelöscht ist.«

Tatsächlich hatte mit der Berührung des Medaillons eine kribbelnde Unruhe von dem neu erschaffenen Dar’zai Besitz ergriffen, die sich in kleinen nervösen Bewegungen der Hände und der Augen bemerkbar machte. Es war, als zöge ihn irgendetwas in eine bestimmte Richtung. Nach Süden, genauer gesagt nach Südosten. Dorthin wanderten seine Blicke am häufigsten und dort blieben sie am längsten hängen. Er war dort irgendwo: Er, dem der Schmuck gehörte, der Mann, den er am meisten hasste …

»Cordian …«, knurrte der ehemalige Graf voll Bitterkeit.

»Er gehört dir«, bestätigte die dunkle Gestalt. »Ich aber will das Mädchen, das mit ihm reist. Sie muss sterben, wenn meine Pläne Früchte tragen sollen. Genau wie ich trägt sie einen Angral der Macht in sich, im Gegensatz zu mir weiß sie ihn aber nicht zu nutzen. Anders als ein Salas Kai benötigst du keine jahrelange Unterweisung, um deine Kräfte zu entfesseln. Du wirst ihr ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen sein, wenn du ihr gegenüberstehst. Erprobe nun deine Macht, Dar’zai.«

»Ja, mein Gebieter.«

Dem Befehl folgend, erhob sich der gebrechlich erscheinende Mann auf die Füße und drehte sich mit einem gefährlichen Grollen zu einem der breitschultrigen Krieger um, die ihn während der schmerzvollen Zeichnung gehalten hatten. Eine Geste mit der Hand genügte und grelle purpurne Blitze sprangen aus seinen Fingerspitzen auf den Norkai über, hüllten ihn ein und verschmorten Haut und Kleidung gleichermaßen. Vor Schmerzen aller Sinne beraubt, stieß dieser ein Brüllen aus, das kaum einer menschlichen Kehle entstammen konnte, während er ziellos im Kreis torkelte. Es dauerte nur Augenblicke, bis sein verbrannter Leib leblos zu Boden fiel. Gerade solange, wie der andere Krieger brauchte, um zu begreifen, was soeben geschehen war, und vor Angst schreiend in die entgegengesetzte Richtung davonzulaufen. Die Blitze erfassten ihn, kurz bevor er den Hof durch den halb eingestürzten Torbogen verlassen konnte.

Weder der Gezeichnete noch sein Meister schenkten den verkohlten Leibern auch nur einen zweiten Blick.

»Zwischen uns besteht nun ein Band, Dar’zai«, erklärte der Erschaffer seinem Geschöpf. »Wenn du Erfolg hast, werde ich es wissen, wenn du scheiterst, ebenso. In diesem Fall bete, dass dein Tod schnell kommen möge …«

Der Mann, dessen Name Mantredt gelautet hatte, nickte verstehend. Beide wandten sich um, als sich ihnen eine Gruppe von Männern näherte. Bei den Neuankömmlingen handelte es sich um fast ein Dutzend besonders muskelbepackter Norkai. Der vorderste trug die prunkvolle und reichhaltig verzierte Bärenfellbekleidung, die bei den Stämmen des Nordens nur einem großen Anführer, einem Khan, zugestanden wurde. Die anderen zehn Männer, die ihn flankierten, trugen untypischerweise massive metallene Harnische. Wo sich nackte Haut zeigte, war diese gerötet, ihre Schädel waren auf die gleiche blutige Weise mit Runen beschrieben, wie es bei Mantredt der Fall war, auch wenn sich die Symbole im Detail unterschieden. Sie waren Dar’zai.

»Du wirst nicht allein reisen«, sprach der Vermummte zu seinem Diener. »Diese Dar’zai begleiten dich. Jeder kann es im Kampf mit zehn gewöhnlichen Männern aufnehmen. Geht nun und brecht auf.«

Während die Gezeichneten sich folgsam entfernten, trat der Khan mit der Fußspitze gegen den qualmenden Leichnam des ersten unglücklichen Kriegers und lachte abfällig. »Wertloses Pack! Kaum zu glauben, dass diese verlausten Barbaren die Nachfahren jener Elitekrieger sein sollen, die ich vor dreitausend Jahren von Hand verlesen habe.«

Erst jetzt, als er nähergekommen war, zeigte sich, was mit ihm nicht stimmte: Äußerlich wirkte er fast menschlich, seine Augen jedoch waren pupillenlos und tiefschwarz. Keiner der einfachen Norkai würde es wagen, ihn direkt anzusehen, auch die Dar’zai neigten stets respektvoll das Haupt. Einzig der Robenträger erwiderte den Blick nun aus ebenso mitternachtsschwarzen konturlosen Augen, die zum Vorschein kamen, als ein wenig Licht unter seine Kapuze fiel.

»Wir waren lange fort«, gab er zu bedenken. »Zu lange. Wie ich sehe, hast du inzwischen vollständig von diesem Körper Besitz ergriffen.«

»Notgedrungen«, schränkte der andere ein. »Es wäre zu früh gewesen, diesen Narren sterben zu lassen. Noch brauchen die Norkai ihren Khan.«

»Und noch brauchen wir die Norkai«, antwortete der Schwarzgekleidete. »Doch bald schon wirst du wieder mit eigenen Füßen auf dieser Erde wandeln.«

»Das will ich hoffen«, grollte der fellbekleidete Riese. »Es ist nicht alles nach Plan verlaufen.«

»Ich weiß.«

»Asmarel«, beschwor der Khan den Vermummten eindringlich beim Namen, »eine von uns wurde getötet! Eine der Acht!« Er ballte die Faust. »Nicht nur der Körper, den sie benutzte, sondern ebenso ihr Geist. Wer immer das war, ist mächtig und kennt unsere Schwächen. Was wird nun aus unseren Plänen? Wer verschleiert sie vor den Sehern der Salas Kai, jetzt wo Morglen es nicht mehr kann?«

»Morglen war leichtsinnig«, entgegnete sein Gegenüber gelassen. »Erfreulicherweise sind wir weit genug vorangeschritten, dass Verschleierung von nun an entbehrlich ist. Die Salas Kai werden uns nicht aufhalten – wir machen weiter wie geplant. Oder kommen dir etwa Zweifel, Taugutor?«

»Natürlich nicht«, bestritt dieser entschieden. »Aber die anderen werden das von dir persönlich hören wollen. Balza’an hat angefangen, Fragen zu stellen: Wie es so weit kommen konnte und was wir deswegen unternehmen.«

»Lass die anderen meine Sorge sein«, entschied der Schwarzgekleidete. »Stell du nur sicher, dass die Norkai nach ihrem Sieg nicht übermütig werden und weiter meinen Befehlen folgen.«

»So soll es geschehen«, bestätigte der Kriegsherr und wandte sich zum Gehen.

Asmarel sah ihm nach und lächelte. Taugutor war schon immer aufbrausend gewesen, trotzdem war er von allen seinen Gefährten der treueste und verlässlichste. Der Rest würde nicht so leicht zu beschwichtigen sein, dennoch würden sie ihm folgen. Sie hatten letztlich keine Wahl. Er war der Amnon Kai, der wahre Auserwählte, und er brachte ihnen das Ende der Verbannung. Dies war sein Schicksal und dieses Mal würde es sich erfüllen!

Selbst ein bisschen erstaunt über die heftigen Gefühle, die dieser Gedanke und die dazugehörigen Erinnerungen bei ihm auslösten, ließ er den Blick nachsinnend über die geborstenen Mauern und die eingestürzten Türme wandern. Die Energien, die er hier entfesselt hatte, um den Angral zu binden, hatten dem einst stolzen Herrschaftssitz der Könige von Keldor sichtbar zugesetzt. Doch dies war nichts im Vergleich zu den Umwälzungen, die noch bevorstanden. Das Gefühl, in einem fremden Körper zu stecken, verabscheute er genauso wie sein alter Gefährte. Es war, als trüge man die stinkende und schlecht sitzende Kleidung eines anderen. Wenn das Tor erst offen war, würden sie frei sein. Frei und bereit, die Welt mit der Macht des Zaihor neu zu formen, und dieser Tag war nicht mehr fern. Kurz hielt er inne, als sich die drängende Ahnung in den Vordergrund schob, beobachtet zu werden. Ohne Zweifel ein Seher der Salas Kai, irgendwo in weiter Ferne, der sich nun hastig zurückzog, da seine Präsenz bemerkt worden war. Früher als erwartet wussten ihre Widersacher nun von ihrer Rückkehr, doch ihm sollte es recht sein: Bald schon würde ganz Eddor von seiner Existenz erfahren, und die Welt, die ihm einst so viel Leid zugefügt hatte, würde vor ihm erzittern.

1

Mo unterdrückte ein gequältes Stöhnen und rutschte unbehaglich auf ihrem harten Sitz hin und her, als der Eselskarren durch ein weiteres Schlagloch rumpelte. Man hätte annehmen sollen, dass sich das Pflaster so nahe am Palast in einem besseren Zustand befand, doch dem war offenbar nicht so, jedenfalls nicht in den kleineren Nebenstraßen. Hätte sie das im Voraus geahnt, dann hätte sie das gut gemeinte Angebot ihres Gastwirtes, sie herzubringen, möglicherweise ausgeschlagen und wäre einfach zu Fuß gegangen. Ganthalas war eine große Stadt, aber so weit war der Weg nun auch wieder nicht, und bedingt durch den dichten Verkehr waren sie ohnehin nicht besonders schnell vorangekommen.

Als sie wieder einmal durch ein vorausfahrendes Fuhrwerk zum Anhalten gezwungen wurden, ergriff sie die Gelegenheit dankbar beim Schopf.

»In Ordnung, ich denke, ab hier finde ich mich zurecht«, verkündete sie und sprang vom Kutschbock. Der freundliche ältere Mann, der das Fuhrwerk lenkte, wäre ihr sicher auch beim Absteigen behilflich gewesen, aber für jemanden, der nicht bezahlen konnte, hatte sie ihm ihrer Meinung nach schon genug Umstände bereitet. Außerdem hatte sie es eilig.

Um nicht noch mehr Zeit mit Höflichkeiten und Entschuldigungen zu verlieren, richtete die junge Frau ein paar knappe Dankesworte an ihn und gab ihm anschließend ihren Segen mit: »Möge Sirain stets über dich wachen.«

Dann machte sie sich auf zum Palast, nicht ohne vorher noch einmal ihre Robe zurechtgezupft zu haben, die nicht weniger als perfekt sitzen musste, wenn ihr Anliegen Gehör finden sollte. Als Salas Kai besaß sie nicht viele weltliche Güter, und das vornehm geschnittene violette Gewand war zusammen mit ihrem Siegelring die einzige Habe, die sie bei ihrer überstürzten Flucht aus dem Saphirturm hatte mitnehmen können. Zumindest, solange man von der silbernen Halskette absah, bei der es sich um ein Geschenk ihres alten Freundes und Förderers Tennlor handelte.

Tennlor – wenn er nur hier wäre … Sie schob den Gedanken an ihn beiseite; auch daran, dass er vermutlich gerade in höchster Gefahr schwebte. Es galt, ein Problem nach dem anderen zu lösen. Die Palastmauer war nur noch zwei Querstraßen entfernt, und sie, die sich die Roben der Salas Kai erst vor Kurzem verdient hatte, würde um nichts Geringeres ersuchen, als um eine sofortige Audienz beim König persönlich. Nervös spielte sie mit dem Ring an ihrem Finger, der das uralte Symbol ihres Ordens zeigte: einen schwarzen und einen weißen Drachen, die sich gegenseitig in den Schwanz bissen. Sie würde die gesamte Autorität ihrer Stellung in die Waagschale werfen müssen, um nicht sofort abgewiesen, geschweige denn rechtzeitig vorgelassen zu werden. Doch die Zeit drängte; ihre am heutigen Tage erschienene Vision ließ daran keinen Zweifel.

Als Mo tapfer einen Fuß vor den anderen setzte, wissend, dass jeder Schritt sie ihrem Ziel näher brachte, gelang es ihr, die Nervosität weitgehend zu verbannen. Die Konzentrationstechniken, die sie als Novizin verinnerlicht hatte und eigentlich dazu dienten, ihren Geist mit Sirain in Einklang zu bringen, halfen ihr dabei.

In anderen Königreichen hätte man ihr den roten Teppich ausgerollt, wenn man sie nur von Weitem hätte kommen sehen, in Eltera lagen die Dinge jedoch etwas anders. Der elteranische König hatte genug Macht und Einfluss, dass er um das Wohlwollen des Saphirturmes nicht zu buhlen brauchte. Andersherum wurde eher ein Schuh daraus: Ihr Orden bemühte sich redlich, am Hof einen größeren Einfluss zu erlangen oder zumindest den wenigen, den er hatte, nicht zu verlieren. Besonders erfolgreich liefen diese Bemühungen allerdings nicht. Soweit sie wusste, waren die einzigen anderen Salas Kai, die sich zurzeit in der Stadt aufhielten, ein paar Kalhiri – Angehörige der Schule der Heiler – in einem Spital vor den Toren. Sie kümmerten sich um die Schwerkranken, für die es sonst keine Hilfe gab, was ihnen viel Dankbarkeit, aber wenig hochrangigen Besuch einbrachte. Aus der Politik hielten sie sich dementsprechend auch vollständig heraus.

Eltera war das in seiner Ausdehnung größte Reich Eddors und auch die Stadt Madaras und somit der Saphirturm lagen innerhalb seiner Grenzen, auch wenn der Sitz der Salas Kai formell als unabhängiger Staat unter der Herrschaft des Kai Thul galt. Während Madaras seit Jahrtausenden ein wichtiges Machtzentrum darstellte, war die Reichshauptstadt Ganthalas erst in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren zu voller Blüte gelangt. Durch eine vorausschauende und kluge Politik der hier residierenden Herrscher überstrahlte ihr Glanz jedoch mittlerweile sogar den der Stadt des Mondlichts, und entsprechend selbstbewusst waren Volk und Fürsten. Mo hatte sich auf dem Weg hierher umgesehen: Kaum ein Haus im Stadtzentrum verfügte über weniger als drei Stockwerke. Vier waren nicht selten. Viele waren aus Fachwerk, aber nicht wenige aus Stein oder einer Kombination von beidem errichtet. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Fenster verglast, was überall sonst einen unerhörten Luxus dargestellt hätte, hier aber ganz normal zu sein schien. Auch eine fortschrittliche Kanalisation gehörte zur Stadt, und anstelle des andernorts vorherrschenden Gestankes von Unrat durchwehte der Geruch exotischer Gewürze die Gassen, die aus aller Welt eingeführt und auf den hiesigen Märkten feilgeboten wurden.

Die pompöse elteranische Mode war ohnehin ein Kapitel für sich. Überall sah sie Menschen in bunten Stoffen umherflanieren. Die wohlhabenderen in Brokat gehüllt, die weniger vermögenden gerne in einer Imitation dessen, und wenn es dafür nicht reichte, so trug man doch wenigstens einen ausgefallenen Filzhut zur Schau. Bei den Männern herrschten elegante Jacken mit weiten Ärmeln vor sowie kurze Kniehosen, zu denen hohe Stiefel getragen wurden. Die Kleider der Frauen waren tief ausgeschnitten, die Haare dazu meist kunstvoll hochgesteckt und mit Perlen oder zierenden Schleifen dekoriert. Mo kam sich mit ihren glatt herabhängenden halblangen Haaren und ungeschminkt, wie sie war, plötzlich wie eine graue Maus vor.

Wo es Licht gab, gab es natürlich auch Schatten. Sie bemerkte einen einbeinigen Bettler, der die Hand nach Münzen aufhielt. Gerne hätte sie ihm etwas zugesteckt, doch im Moment war sie selbst auf die Großzügigkeit ihrer Mitmenschen angewiesen.

Ihre Gedanken wandten sich anderen Dingen zu, als sie aus dem Halbdunkel der Gasse hinaustrat und die Palastmauer erreichte. Diese überragte die in der Nähe erbauten Häuser noch einmal deutlich. Aus hellem Stein gefertigt und mit kunstvollen Ornamenten verziert, wirkte sie trotz ihrer Höhe keineswegs abweisend, wenn auch Zinnen, Schießscharten und angeschrägte Mauerstützen darauf hindeuteten, dass sie nicht bloß dekorativen Zwecken diente.

Mo hielt zielstrebig auf einen Seiteneingang zu, der vermutlich überwiegend zur Anlieferung von Waren genutzt wurde. Vielleicht hätte sie mit einer Pferdekutsche am Haupttor vorfahren sollen, um möglichst wichtig zu erscheinen. Sie war überzeugt, dass ihr Status ihr zur Not auch ohne Geld ermöglicht hätte, auf ein solches Gefährt zurückzugreifen. Andererseits war ihr daran gelegen, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen – sie hatte sich mächtige Feinde gemacht und war sich nicht sicher, wie weit deren Einfluss womöglich reichen mochte.

Vor dem breiten Torbogen standen zwei gerüstete Wachtposten mit Hellebarden in der Hand stramm. Weiter hinten, im Schatten des Durchganges, machte die junge Frau zwei weitere Soldaten aus. Als sie auf die Männer zu trat, und diese sie bemerkten, stand ihnen die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben. »Kai …«, murmelte derjenige, der ihr am nächsten stand, und verbeugte sich ehrerbietig.

Na bitte, dachte Mo bei sich. Die Robe verfehlte ihre Wirkung nicht. Jetzt musste sie nur noch darauf achten, nicht über ihre eigenen Worte zu stolpern.

»Mein Name ist Mo«, stellte sie sich vor, und schalt sich dafür sogleich. Eine Salas Kai hatte es nicht nötig, einem einfachen Torwächter ihren Namen zu nennen. Schnell überspielte sie den Patzer: »Ich bringe dringende Kunde für König Regaland den Vierten. Es ist von größter Wichtigkeit, dass ich ihn sofort spreche.«

Der Soldat sah sie mit offenem Mund an und schaute dann Hilfe suchend zu seinem Kameraden. Als dieser seinem Blick mit der gleichen Ratlosigkeit begegnete, begann er verlegen vor sich hin zu stammeln: »Wir … äh … ich gebe dem Hauptmann Bescheid …, verzeiht bitte …«

Er drehte sich auf dem Absatz herum und machte sich eilig davon, darauf bedacht, es möglichst nicht wie eine Flucht wirken zu lassen. Mo ließ ihn jedoch nicht so einfach entkommen: »Ihr wollt doch eine Salas Kai nicht etwa auf der Straße warten lassen?«

Es war ihr gelungen, ihre Worte mehr wie eine Feststellung, denn wie eine Frage klingen zu lassen, ganz so wie Tennlor es immer tat, und der Wächter blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Eine Entschuldigung murmelnd, drehte er sich noch einmal zu ihr herum und bedeutete ihr, ihm zu folgen.

Der erste Teil wäre geschafft, gratulierte Mo sich selbst. Jetzt mussten sie sich wohl oder übel mit ihr befassen, auch wenn sie bezweifelte, dass damit bereits alle Klippen umschifft waren.

 

Ihre Zweifel wurden zur Gewissheit, als sie wenig später von einem gehetzten Hauptmann aus der Wachstube abgeholt wurde, in der man sie hatte warten lassen. Nicht zum König würde er sie bringen, sondern zu Kardinal Vaspar, einem engen Vertrauten des Monarchen, der sich mit ihrem Anliegen befassen und es – wie man ihr versicherte – ganz sicher weiterleiten würde. Mo genügte das nicht. Es half jedoch nichts, mit dem Soldaten darüber zu streiten, der nur Befehle ausführte; sie würde sich schon mit diesem Kardinal persönlich auseinandersetzen müssen, auch wenn sie alles andere als erpicht darauf war.

Also schwieg sie und nutzte die Gelegenheit, ihre Umgebung zu studieren. Der Palast war auf einer Erhebung inmitten der Stadt errichtet worden und in mehrere ansteigende Terrassen unterteilt. Jede war durch Mauern und Tore gesichert, deren verschnörkelte Bauweise, genau wie im Fall der Außenmauer, dezent ihre Wehrhaftigkeit überspielte. Einige der Gebäude wurden von vergoldeten Kuppeln gekrönt, deren größte sich im Zentrum des weitläufigen Komplexes erhob. Als Wahrzeichen der Stadt war diese weithin sichtbar und als Meisterwerk der Baukunst in ganz Eddor berühmt. Mo hatte die Kuppel als Vision in einem Traum gesehen, und war aus diesem Grund überhaupt erst nach Ganthalas aufgebrochen. Doch erst seit wenigen Stunden begann sie zu ahnen, warum das Schicksal sie gerade hierher geführt hatte.

Auf ihrem Weg ins Innere von Elteras Machtzentrum folgte sie dem Hauptmann kreuz und quer durch lange Korridore und säulengesäumte Galerien, sodass sie schon bald die Orientierung verloren hatte. Der Würdenträger der Kirche empfing sie in einem weitläufigen, exquisit eingerichteten Salon, dessen Hauptfunktion augenscheinlich darin bestand, Besucher zu beeindrucken.

Kardinal Vaspar war in einen weißen Talar mit goldbesticktem Saum gekleidet und trug darüber eine ebenso verzierte Stola. Eine dazu passende Mitra zierte sein Haupt und vervollständigte die repräsentative Tracht. Die hohe Kopfbedeckung zeigte zwei konzentrische Kreise, das Symbol der Kirche Arns. Hätte es noch eines Hinweises bedurft, dass Bescheidenheit nicht zu den Tugenden des Kardinals zählte, so wäre dies mit Sicherheit sein protziger juwelenbesetzter Fingerschmuck gewesen, der allein bereits mehr gekostet haben mochte, als manch einfaches Gotteshaus.

Als sie eintraten, kam ihnen der ältere mittelgroße Mann gemessenen Schrittes entgegen und hieß Mo betont höflich im Palast von Ganthalas willkommen. Zur Begrüßung streckte er ihr die rechte Hand mit dem Handrücken nach oben entgegen. Offenbar erwartete er, dass die Salas Kai sie küsste. Diesen Gefallen tat die junge Frau ihm nicht, sondern schenkte ihm stattdessen einen kurzen Händedruck, was ihn missbilligend die Stirn in Falten legen ließ. Den Hauptmann schickte er mit einer knappen Geste fort und schlenderte dann zu einer Karaffe voll Wein hinüber, die auf einem kleinen Tisch bereitstand.

»Möchtet Ihr ein Glas, Mo Kai?«, erkundigte er sich zuvorkommend.

Mo verneinte höflich. Sie war nicht hier, um zu trinken oder den offen zur Schau gestellten Luxus zu genießen. Sie war hier, um den König von wichtigen Ereignissen in Kenntnis zu setzen, und dazu musste sie irgendwie an diesem Mann vorbei. Sie zweifelte nicht daran, dass er als Berater das Ohr des Regenten hatte, sie glaubte jedoch nicht, dass er ihr Anliegen in ihrem Sinne an diesen weiterleiten würde. Nachdem die Kirche Arns und die Salas Kai viele Jahrhunderte lang friedlich koexistiert hatten, war ihr Orden den Kirchenoberen während der letzten Dekaden mehr und mehr ein Dorn im Auge geworden. Mangelnde Frömmigkeit war der am häufigsten gegen sie erhobene Vorwurf. In Wahrheit war es aber das umfangreiche, jahrtausendealte Wissen der Salas Kai, welches nicht in das zunehmend enger und dogmatischer ausgelegte Weltbild der Geistlichkeit passte.

»Nun, dann kommen wir gleich zur Sache«, befand Vaspar. »Ich bin neugierig, was eine Salas Kai so unvermutet an unseren bescheidenen Palast führt. Ich fürchte, der Saphirturm hat versäumt, uns Euer Kommen rechtzeitig anzukündigen, sonst hätten wir Euch selbstverständlich einen angemesseneren Empfang bereitet.«

»Ich hatte gehofft, mit dem König persönlich über die Gründe meines Besuches sprechen zu können«, versuchte es Mo. »Ich bringe Kunde von Dingen, die sehr wichtig für das Geschick Elteras sein werden, vielleicht für das Schicksal ganz Eddors.«

Der Kardinal gab sich unbeeindruckt. Keine Regung verriet, was er von ihren Andeutungen hielt. »Gehen wir doch in mein Arbeitszimmer und sehen, was ich für Euch tun kann«, schlug er vor.

 

Das Arbeitszimmer war, wie sich herausstellte, zwar kleiner, aber kaum weniger prunkvoll eingerichtet als der Salon. Vaspar nahm hinter einem wuchtigen Schreibtisch Platz, auf dem Pergament und Federkiel bereitlagen. Nachdem sich Mo auf seine Aufforderung hin ebenfalls gesetzt hatte, nahm er den Faden wieder auf: »Was habt Ihr also zu berichten, das so immens bedeutsam sein soll, Mo Kai?«

»Mit Verlaub, Euer Eminenz«, bremste Mo ihr Gegenüber, »diese Information ist nicht für jedermanns Ohren bestimmt.«

»Aber gewiss nicht«, bekräftigte der Kardinal ihre Worte süffisant grinsend. »Doch Ihr werdet sicher verstehen, dass Regaland der Vierte ein viel beschäftigter Mann ist, und es mir als seinem Berater obliegt, Neuigkeiten erst auf ihre Dringlichkeit und Relevanz zu prüfen, bevor ich sie an ihn herantrage.«

»Oh, dringlich ist diese Neuigkeit in der Tat«, verriet Mo. »Jemand wird in dieser Stadt eintreffen, jemand, der im Zentrum großer Veränderungen steht. Und zwar noch heute.«

Vaspar strich sich abwägend über das rasierte Kinn. »Das hört sich alles sehr geheimnisvoll an, um es einmal bedacht zu formulieren. Dürfte ich fragen, woher Ihr dieses Wissen nehmt? Versteht mich nicht falsch«, fügte er sogleich hinzu, »ich stelle Eure Ausführungen nicht in Abrede, aber wir beide wissen doch, wie leicht man einem Gerücht aufgesessen ist, das sich später als«, er machte eine vage Handbewegung, »unzutreffend entpuppt.«

Für Mo wurde es zunehmend schwieriger, die gespielte Freundlichkeit des Kirchenmannes zu ertragen. Es war offensichtlich, dass er ihr kein Wort glaubte.

»Wie Ihr an der Farbe meiner Robe erkennen könnt, bin ich eine Wa’dur, eine Seherin. Ich nutze meine Gabe, um mit der Macht Sirains die mannigfaltigen Wendungen des Schicksals zu enträtseln und sehe dabei, was anderen verborgen bleibt.«

»Sirain ist die Macht der Schöpfung«, hob Vaspar nun an, der augenscheinlich die Gelegenheit sah, einen theologischen Disput vom Zaun zu brechen. »Sie kommt direkt von Arn, unserem Schöpfer und Erlöser. Es ist vermessen von Menschen, sie für eigene Zwecke zu gebrauchen, besonders von jenen, die nicht fest und rein im Glauben sind!«

»Sirain existiert einfach«, konterte Mo. »Unabhängig vom Glauben desjenigen, der sich seiner bedient.«

»Aber nur, wer in Arns Licht wandelt, vermag damit Gutes zu bewirken«, gab der Kardinal zurück. »Dennoch weigert sich der Saphirturm bis heute, sich klar zur heiligen Lehre zu bekennen. Viele Angehörige Eures Ordens sind noch im Glauben an die alten Götter verhaftet.«

»Unsere Gabe ist selten«, führte die junge Frau an. »Die Salas Kai rekrutieren sich aus allen Reichen Eddors, einschließlich solcher, in denen ein anderer Glaube vorherrschend ist. Für ihre Eignung als Verteidiger des Lichts und Bewahrer des Friedens ist dies jedoch unerheblich: Die vorbehaltlose Verdammung des Zaihor ist allen Religionen gemein.«

»Aber waren es nicht auch fehlgeleitete Salas Kai, die vor dreitausend Jahren um ein Haar das Zaihor entfesselt hätten? Jene Acht, die wir heute die Verdammten nennen? Wie ist es eigentlich um Euren eigenen Glauben bestellt, Mo Kai?«

Bevor die Seherin in die Verlegenheit kam, die Frage zu beantworten, wurde ihr Gespräch durch die sich öffnende Zimmertür unterbrochen.

»Bei Arn!«, schimpfte der Kardinal, »ich habe dir doch gesagt, du sollst anklopfen, bevor du einen Raum betrittst!«

Als Mo sich herumdrehte, erblickte sie einen unglücklichen jungen Diener, der in der Tür stehen geblieben war und peinlich berührt zu Boden starrte. »Vergebt mir, Herr«, entschuldigte er sich. »Ich hatte nicht erwartet, Euch zu dieser Zeit hier anzutreffen. Dies ist für Euch abgegeben worden«, er hielt einen ausgebeulten pergamentenen Umschlag in der Hand, der mit schwarzem Wachs versiegelt war. Das Siegel zeigte eine Rosenblüte. »Von Fürstin Tarisa. Ihr müsst Euren Siegelring verlegt haben, als Ihr gestern Abend in ihrem Haus …«

»Gib schon her«, fauchte Vaspar, der aufgestanden war und dem Diener den Umschlag nun förmlich aus der Hand riss. Offensichtlich war ihm die Angelegenheit peinlich, wie Mo mit Interesse registrierte. »Und nun scher dich fort, sonst suche ich mir einen neuen Kammerdiener!«

»Verzeiht, Herr«, entschuldigte sich der Getadelte noch einmal. »Kai«, fügte er mit einer kurzen Verbeugung in ihre Richtung hinzu und beeilte sich dann, die Tür hinter sich zu schließen.

Nachdem er sich wieder gesetzt und den Umschlag eilig in einer Schublade verstaut hatte, wandte der Kardinal sich erneut seinem Gast zu. »Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte er mit auf der Tischplatte gefalteten Händen. »Ach ja richtig, Ihr sagtet, dass Ihr in die Zukunft sehen könntet …«

»Nicht in die Zukunft«, berichtigte Mo, der der abfällige Unterton in der Stimme des Kirchenmannes nicht entgangen war. »Diese Gabe ist den Salas Kai vor langer Zeit verloren gegangen. Aber die Gegenwart und die Vergangenheit stehen mir offen. Ich könnte also«, sie tat so, als müsse sie überlegen, »die genauen Umstände klären, unter denen Euch am gestrigen Abend Euer Ring abhandengekommen ist. Nur, damit sich so ein Missgeschick nicht wiederholt, versteht sich.«

Mit Genugtuung beobachtete sie, wie die Farbe schlagartig aus dem Gesicht ihres Gegenübers wich. »Nun«, begann der Kardinal, nachdem er sein Erschrecken mit einem Räuspern überspielt hatte, »ich möchte Eure wertvolle Zeit nicht noch weiter in Anspruch nehmen. Ich sollte den König schleunigst über Euer Eintreffen unterrichten. Angesichts der Wichtigkeit Eures Anliegens bin ich zuversichtlich, dass er Euch umgehend Gehör schenken wird.«

»Das freut mich zu hören, Eminenz. Euer Diener könnte mir derweil ja ein Glas von Eurem Wein bringen; unser anregendes Gespräch hat meine Kehle durstig gemacht. Er hat doch hoffentlich keinen Ärger für sein Ungeschick zu erwarten?« Erneut ließ sie die Frage wie eine Feststellung klingen. Langsam fand sie Gefallen daran.

Der geistliche Würdenträger presste die Lippen zusammen und hatte sichtlich Mühe, die Fassade der Höflichkeit zu wahren, als er antwortete: »Natürlich nicht, Kai. Die Lehre von Arn ist die Lehre der Vergebung.«

Zufrieden machte es sich Mo bequem, nachdem Kardinal Vaspar den Raum verlassen hatte.

 

Als sie schließlich zum König geführt wurde, war die junge Salas Kai hoffnungsfroh, dass sich nun alles zum Guten wenden würde. Elteras amtierender Monarch galt trotz seines fortgeschrittenen Alters als weltoffener Mann und hatte sich, seit er vom Thronrat ins höchste Amt des Staates gewählt worden war, als kluger und weitsichtiger Regent erwiesen.

Ein paar weitere Treppen hatte sie zu erklimmen, bevor sie zum Thronsaal gelangte. Kurz musste sie warten, dann ließ man sie ein. Mo staunte nicht schlecht, als sie die breite Flügeltür durchschritt: Der beeindruckende Saal wurde allen Erzählungen gerecht. Das Zentrum bildete ein großes säulenumstandenes Rund von gut und gerne fünfzig Schritt Durchmesser. Sonnenlicht fiel aus hohen Fenstern ringsherum ein. Der Boden glich einer marmornen Karte, bei der die Landmasse Eddors aus dunklerem und die umgebenden Meere aus hellerem Stein nachgebildet worden waren. In luftiger Höhe über ihr weitete sich der Saal zu einer Kuppel, die eine stilisierte Nachbildung des Firmaments zeigte. Die einzelnen Sterne waren dabei durch in die Decke eingelassene Edelsteine dargestellt, die in allen Farben funkelten und teilweise die Größe einer menschlichen Faust aufweisen mussten. Linien aus Blattgold zeigten die Umrisse der Sternbilder. Mo befand sich nun direkt unterhalb der großen, von außen vergoldeten Kuppel, dem Wahrzeichen der Stadt. Sie stand mitten im Herzen des Königreiches.

Regaland der Vierte wartete auf seinem Thron auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite des Raumes auf sie. Ein Banner, das den elteranischen Adler zeigte, hing hinter ihm herab. Langes graues Haar und ein ebenso langer grauer Vollbart ließen beinahe nur seine Nase und seine Augen frei. Diese jedoch wirkten wach und freundlich. Die goldene Krone auf seinem Haupt trug er mit Würde. An seiner Seite stand Kardinal Vaspar, den der Regent jedoch – sehr zu dessen Missfallen – mit einem Wink fortschickte, als Mo näher trat. Zurück blieben nur sie, der König und zwei Wachen am Eingang. Diesmal hielt sie es für angemessen, Respekt zu zeigen, und verbeugte sich ehrerbietig.

»Ich heiße Euch in Ganthalas herzlich willkommen, Mo Kai«, begrüßte der Herrscher sie. »Auch wenn Euch anderes zu Ohren gekommen sein sollte: Die Abgesandten des Saphirturmes sind mir nach wie vor gern gesehene Gäste.«

»Das ist sehr gütig von Euch, Majestät«, bedankte sich Mo, »doch ich komme nicht im Auftrag des Turmes. Um ehrlich zu sein«, fügte sie hinzu, »wäre es mir lieb, wenn der Turm nicht erfährt, dass ich hier bin.«

Der König horchte auf. Eine Augenbraue hob sich fragend.

»Ich bringe beunruhigende Nachrichten«, eröffnete sie. »Im Norden braut sich Übles zusammen. Die Norkai sind in Keldor eingefallen und haben das Königreich in die Knie gezwungen …«

»Wie ist das möglich?«, fiel Regaland ihr ins Wort. »Ein Eilbote aus Keldor hat uns am gestrigen Tage erst erreicht und die Nation von Eltera um Hilfe ersucht. Wir haben noch nicht einmal unsere Truppen gemustert, und Ihr behauptet, der Krieg sei für unseren Verbündeten bereits verloren? Wie haben die Norkai das bewerkstelligt?«

»Die Barbaren des Nordens handeln nicht auf eigene Faust. Sie sind nur Figuren in einem größeren Spiel. Sie folgen niemand Geringeren als den Verdammten.«

Der König erhob sich von seinem Thron. »Die Verdammten? Wollt Ihr damit sagen, sie seien ihrem Exil entronnen? Behauptet Ihr, die Prophezeiung habe sich letztendlich erfüllt?«

»Wenn der Schweif des Drachen am Nachthimmel erstrahlt«, begann Mo leise zu rezitieren, »wird sich ein dunkler Sturm erheben, und die Welt mit Leid und Schrecken überziehen. Die Stadt der Sonne wird verschlungen, die des Mondes sich verdunkeln. Was zersprungen war, wird erneut ein Ganzes und was versiegelt war, geöffnet. Wenn des Himmels Feuer herab auf Eddor fällt und beides sich entzündet, kehrt das Zaihor zurück, mit jenen, die verbannt geglaubt für alle Zeit an seiner Spitze.«

Sie sah dem König fest in die Augen. »Diese Worte stammen von Nylyan, der größten Seherin, die jemals lebte. Und nun ist es so weit: Das Tor steht im Begriff, sich zu öffnen. Die Verdammten setzen alles daran, sich zu befreien, und ihr Einfluss reicht bereits weit nach Eddor hinein.«

»Sterndeuter berichteten mir, dass der Schweif des Drachen vor einigen Nächten tatsächlich erschienen ist«, verriet der König. »Doch er war nur kurz zu sehen und verschwand darauf wieder. Keiner konnte sich das erklären, wir rechneten erst in zweihundert Jahren mit seinem erneuten Auftauchen und hofften daher, dass dieses Himmelszeichen kein Unheil bringen würde. Wie kann es sein, dass die Salas Kai eine mögliche Rückkehr der Verdammten nicht rechtzeitig bemerkt haben?«

»Einige von uns haben es«, erklärte Mo. »Doch es gibt Verräter innerhalb des Turmes. Ein guter Freund von mir, der die anderen vor der bevorstehenden Gefahr warnen wollte, wurde von ihnen verschleppt und wird nun gefangen gehalten. Ich selbst musste fliehen.«

Der König schüttelte ungläubig den Kopf. »Sollte das alles stimmen, dann stünden uns dunkle Zeiten bevor. Wie sollten wir ohne die Hilfe der Salas Kai gegen das Zaihor bestehen?«

»Die Prophezeiung hat noch einen zweiten Part«, erinnerte sie den Regenten und hob an: »In dieser Stunde ruht die Hoffnung aller auf den Schultern eines Mannes. Er wird die Waffe führen und den Kampf aufnehmen, mit Mut, mit Stärke und mit Weisheit. Auf Silberschwingen reitet er und aus Gold ist seine Rüstung. Doch für welches Schicksal er am Ende sich entscheidet, liegt verborgen in den Nebeln.«

»Ein Retter?«, fragte Regaland. »Ein Held? Das klingt nach dem Strohhalm eines Verzeifelten. Habt Ihr Beweise für irgendeine Eurer Behauptungen? Irgendetwas, das es mir leichter macht, Euren Worten Glauben zu schenken?«

»Zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht«, räumte Mo ein. »Aber schon sehr bald. Eine Gruppe von Menschen wird noch heute in Ganthalas eintreffen. Menschen, deren Schicksal – so viel kann ich bereits sagen – äußerst wichtig für Euch, für mich und für den Rest Eddors sein wird. Ich weiß nicht, wer sie sind, aber sie hegen keine bösen Absichten gegen Euer Reich. Es ist wichtig, dass ich Gelegenheit erhalte, mit ihnen zu sprechen, sobald sie hier sind, und dass sie alle nötige Unterstützung erhalten.«

»Noch heute sagt Ihr? Wie werden wir sie erkennen, wo Ihr doch nicht wisst, um wen es sich handelt?«

»Nun«, erwiderte Mo, »sie reiten auf Silberschwingen. Das ist doch für den Anfang kein schlechtes Zeichen …«

2

Rasch glitt die Raumfähre in südöstlicher Richtung über die Baumwipfel hinweg. Die in die großen Deltaflügel eingelassenen Mantelrotoren erzeugten ein tiefes monotones Summen, das am Boden nur leise und in der abgeschotteten Passagierkabine fast gar nicht zu hören war. Sie hatten sich für eine niedrige Flughöhe entschieden, da kaum noch Wolken am Himmel standen, die ihnen in größerer Höhe Deckung hätten bieten können. Auf diese Weise erschreckten sie zwar möglicherweise ein paar zufällig unter ihnen befindliche Planetenbewohner halb zu Tode, dafür waren sie nicht über etliche Kilometer hinweg zu sehen. Insgeheim bezweifelte Captain John Meyers allerdings, dass diese Vorsichtsmaßnahme noch einen Zweck erfüllte. Ihre Anwesenheit auf Eddor ließ sich vor den Bewohnern eben jenes Planeten wohl kaum länger verbergen; nicht zuletzt deshalb, weil sich zwei davon bereits an Bord befanden. Gerne hätte er sie abgesetzt und wäre unverzüglich zu der im Orbit wartenden Ikarus zurückgekehrt, doch diese Option stand ihnen nicht mehr offen, seit das Backbordtriebwerk der Fähre durch Drachenfeuer beschädigt worden war. Drachen! Er konnte es immer noch nicht glauben. Ihm fiel keine logische Erklärung ein, warum sie ausgerechnet auf dieser abgelegenen Welt auf Feuer speiende Kreaturen aus der irdischen Mythologie stießen. Es konnte sich nur um einen absurden Scherz der Evolution handeln!

Das andere Triebwerk war von Tara Sanchez, ihrer Pilotin, ebenfalls abgestellt worden, um Treibstoff zu sparen. Sie mussten einen sicheren Ort anfliegen, wo sie den angerichteten Schaden begutachten und umfangreiche Reparaturen durchführen konnten, und wo sie obendrein Zugang zu Nahrung und Wasser hatten – ihre mitgeführten Vorräte gingen bereits zur Neige. Wenn er den Worten seiner nicht ganz freiwillig zugestiegenen Passagiere Glauben schenken durfte, dann handelte es sich bei einer Stadt namens Ganthalas um genau einen solchen Ort. Trotz ihres reduzierten Tempos waren sie in der Lage, diese noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Bis es so weit war, standen ihnen aber noch ein paar Stunden Flug bevor.

Und dieser Flug dürfte interessant werden, dachte er bei sich. Nun, da sie der unmittelbaren Gefahr entkommen waren, ließen sich die Planetenbewohner nicht mehr mit Andeutungen hinhalten. Die beiden hatten, bei aller Dankbarkeit für ihre Rettung, natürlich ein verständliches Interesse daran, zu erfahren, wer die Leute waren, die sie in letzter Minute aus der Klemme befreit hatten. Während er noch seine Gedanken sortierte, um die richtigen Worte zu finden, bedrängten sie ihn schon mit Fragen.

Der eine, ein schlanker junger Mann um die zwanzig Jahre, mit kurzen dunkelbraunen Haaren, wirkte mitgenommen und erschöpft. In seinen Augen lag unverhohlenes Misstrauen. Seine Begleiterin, ein blondes Mädchen mit ein paar blassen Sommersprossen um die Nase, das noch ein paar Jahre jünger sein mochte, war in besserer Verfassung, obwohl auch sie nur knapp dem Tod entronnen war. Nicht zuletzt ihrer Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass die Fähre überhaupt noch in einem Stück war. Schon deshalb hatten sie eine Erklärung mehr als verdient, wie der Captain fand, zumal er ohnehin nicht zu den Menschen gehörte, die sich gerne in Ausflüchte retteten. Bloß wie erklärte man jemandem, der auf dem technologischen Niveau des Mittelalters lebte, was ein Raumschiff war? Eine Hand um einen Haltegriff gelegt, verlagerte er das Gewicht, um einen bequemeren Stand einzunehmen; dann holte er tief Luft: »Wir kommen nicht aus den Ländern westlich des Scheidegebirges«, verneinte er als Erstes eine zuvor geäußerte Vermutung der beiden. »Auch nicht von jenseits des Meeres …« Er würde es so einfach wie möglich machen: »Wir kommen von den Sternen.«

Ein Lautsprecher, auf Brusthöhe an seinem leichten Kampfanzug angebracht, übersetzte die Worte nahezu simultan in die Sprache der Einheimischen. Diese warfen sich gegenseitig ungläubige Blicke zu. Das Mädchen saß angeschnallt auf der Sitzbank zur Linken des Captains, der Junge ihr gegenüber zu seiner Rechten. Neben Letzterem hatte außerdem ihr dritter Passagier Platz genommen: eine schlanke junge Frau mit auffällig grasgrünen, lang über die Schultern herabfallenden Haaren. Auch sie starrte den Captain mit offenem Mund und großen Augen an, dabei hätte die Offenbarung sie keineswegs überraschen dürfen, stammte sie doch ebenso wenig von hier: Sie war eine sogenannte Alpha, ein synthetischer Organismus, der unter strengster Geheimhaltung in den Laboren der Aegis-Division entwickelt worden war, um gefährliche verdeckte Operationen durchzuführen. Was sie mit den anderen beiden zu schaffen hatte, wusste Meyers nicht, aber er würde es hoffentlich in Kürze herausfinden …

»Jeder Stern«, führte er zunächst aus, »ist aus der Nähe betrachtet eine Sonne wie die eure und scheint auf eine Welt wie Eddor. Nun ja, nicht genau wie Eddor«, schränkte er ein, »aber sehr ähnlich. Ähnlich genug, dass dort Menschen leben können.« Er vereinfachte hier ganz bewusst. Natürlich war nicht jeder Stern wie die hiesige Sonne beschaffen und natürlich war nicht jedes Sonnensystem bewohnt, auf solche Details kam es aber im Moment nicht an.

»Von den Sternen?« wiederholte das blonde Mädchen zweifelnd. »Gehört Ihr zu den Ewigen? Seid Ihr gekommen, um das Zaihor zu bekämpfen?«

Ewige? Ratsuchend blickte der Captain, der am Kopfende der Passagierkabine stand, zu den Mitgliedern seiner Crew. Ivan und Dex saßen rechts und links des blonden Mädchens, Divone auf der anderen Bank neben der Alpha. Ihre eng anliegenden Kampfanzüge aus schwarzem Synthoflex bildeten einen scharfen Kontrast zur hellen Leinenkleidung der anderen drei. Sie alle zuckten mit den Schultern. Den Blick ins Cockpit sparte er sich. Tara würde sich schon zu Wort melden, wenn sie etwas zu sagen hätte. Der Begriff Zaihor wurde von seiner Biotronik nicht übersetzt, was nicht mehr und nicht weniger hieß, als dass sich keine eindeutige Entsprechung in der Datenbank des Neuralimplantates fand.

»Wir sind keine Ewigen, was immer das sein mag«, erwiderte er nach kurzem Zögern. »Und wir sind auch nicht hier, um gegen irgendjemanden zu kämpfen.«

»Aber Ihr habt uns vor den abtrünnigen Kesenchai gerettet«, warf sie ein. »Ohne Euer Eingreifen hätten wir ausweglos in der Falle gesessen.«

»Diese Mistkerle«, knurrte Ivan. Der hünenhafte Waffenoffizier ließ die Faust in die offene Handfläche klatschen. »Ich möchte wissen, wie sie sich so schnell bewegen konnten und mit welchem gottverdammten Trick sie meine Granate abgewehrt haben.«

»Sie sind Salas Kai«, antwortete das Mädchen, als sei dies Erklärung genug.

Der Captain beschloss, diesen durchaus interessanten Fragen später nachzugehen. Dass sie die beiden gerettet hatten, stimmte sicherlich, doch hatte ihre Mission nicht ihnen gegolten; sie hatten lediglich Glück gehabt, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein.

»Wir sind hier, weil unser Stützpunkt auf diesem Planeten zerstört wurde. Hundertsechsunddreißig Menschen sind dabei gestorben. Wir untersuchen, was vorgefallen ist.«

Er sah der Alpha nun direkt in die Augen. Sie waren ebenso grün wie ihr Haar, noch immer spiegelte sich darin ein Ausdruck naiver Neugier. Was spielte sie für ein Spiel? Er beschloss, sie direkt zu konfrontieren: »Du müsstest es wissen, Alpha Fünf-Acht-Siebzehn. Wir haben Videoaufzeichnungen geborgen, die zeigen, dass du zur fraglichen Zeit vor Ort warst.«

»Warum nennt Ihr sie so?«, beschwerte sich der Junge. »Ihr Name ist Tao.«

Meyers hob verwundert eine Augenbraue. »Das ist meinen Informationen zufolge nicht korrekt«, entgegnete er. »Tao ist lediglich die Bezeichnung des Geheimprojektes, in das sie zuletzt involviert war. Ich weiß nicht, ob Alphas überhaupt Namen führen.«

Das wusste er tatsächlich nicht, aber wie er die Aegis-Division einschätzte, wohl eher nicht, eine Nummer erfüllte schließlich auch ihren Zweck. Verflucht sei dieser menschenverachtende Geheimdienst! Er würde darauf drängen, dass es eine gründliche Untersuchung von offizieller Seite gab, sobald diese Sache ausgestanden war. Wenn es nach ihm ging, würde er den ganzen Laden dichtmachen, aber darüber hatten Politiker zu entscheiden, während er zunächst einmal gezwungen war, wohl oder übel den Dreck wegzuräumen und den angerichteten Schaden zu minimieren.

»Ihr redet ja von ihr, als wäre sie eine Sache«, empörte sich nun das Mädchen. Es war ihr anzusehen, dass ihr der synthetische Organismus nicht gleichgültig war. Womöglich war in der Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten, zwischen ihnen so etwas wie Freundschaft entstanden. Ob die Alpha emotional in der Lage war, diese auch zu erwidern, oder den anderen nur etwas vorspielte, konnte er zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen.

»Nun, jedenfalls ist sie kein Mensch«, rechtfertigte er sich, was ihm sofort erboste Widerworte von beiden Planetenbewohnern einbrachte. Der Junge stemmte sich gegen den Sicherheitsgurt, als wolle er aufspringen, wusste aber offenbar nicht, wie dieser zu lösen war. Glücklicherweise legte die Grünhaarige ihm in diesem Moment beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Es ist wahr«, gestand sie. Sie sprach flüssig in der Sprache der Einheimischen und brauchte dafür keine Übersetzungshilfe. »Ich war dort, als es passierte. Schlimmer noch. Ich habe es angerichtet.« Sie sah in Richtung des Captains, aber ihre Blicke gingen durch ihn hindurch in die Ferne. Ihre Augen füllten sich beim Sprechen mit Tränen. »All diese Toten. All die Zerstörung. Chaos, Schreie, Schüsse. Es war die Kraft, die sie mir gaben … Ich konnte sie nicht kontrollieren. Ich wollte es, aber ich schaffte es nicht. Ich habe mein Gedächtnis verloren. Ich weiß nicht genau, wie ich es getan habe, aber es sind genug Brocken zurückgekehrt, um mir sicher zu sein, dass ich es ausgelöst habe. Danach bin ich weggelaufen. Allein durch den Schnee. Durch die Dunkelheit …«

Ganz folgen konnte Meyers ihren Worten nicht, aber er war von der Traurigkeit in ihrer Stimme überrascht. Sie hörte sich nicht gestellt an. Technisch gesehen mochte sie ein Produkt der Bio- und Nanotechnologie sein, aber das hieß nicht zwingend, dass ihre Gefühle deshalb weniger echt oder weniger intensiv sein mussten.

»Erinnerst du dich daran, was der Zweck des Projektes war? An deine genauen Befehle?«

Während sie noch ratlos mit den Schultern zuckte, mischte sich der Junge bereits wieder ein: »Erzähl ihnen nichts! Das sind dieselben Leute, die Ralm entführt und ihm den Angral weggenommen haben. Sie haben ihm dieses furchtbare Ding in den Kopf gepflanzt!« In einem weiteren vergeblichen Versuch, sich loszureißen, zerrte er an den Gurten. »Wahrscheinlich haben sie uns nur gerettet, um uns gefangen zu nehmen und uns auch so eins zu verpassen!«

Verwirrte Blicke wurden zwischen dem Captain und seinen Crewmitgliedern getauscht. Es war Divone, die als Erste einen Verdacht hatte, was der tobende Passagier meinen könnte. Sie beugte sich vor und hielt ihm ihr linkes Handgelenk entgegen. Ihr Armbandkommunikator erwachte auf einen Gedankenbefehl hin zum Leben. Das polymorphe Material des fugenlosen silbernen Armreifes verschob sich leicht, woraufhin kleine Holoprojektoren zum Vorschein kamen, die das Porträtfoto eines älteren Mannes mit wettergegerbten Gesichtszügen auf eine Ebene wenige Zentimeter über ihrem Handrücken projizierten.

»Ist das der Mann, den du meinst?«

»Das wisst Ihr ganz genau!«

»Was ihm zugestoßen ist, bedauern wir sehr«, erklärte die Offizierin. »Diejenigen, die das taten, handelten unverantwortlich und gegen unsere Gesetze.«

»Ich glaube kein Wort davon!«, schimpfte der Junge und bäumte sich gegen seine vermeintlichen Fesseln. Dem Captain reichte es nun. Mit zwei Schritten war er bei ihm und berührte den Öffnungsmechanismus. Der Gurt wurde in die Bordwand zurückgezogen.

»Ihr seid nicht unsere Gefangenen!«, machte er unmissverständlich klar.

Meyers hoffte, dass dieser Vertrauensbeweis den Burschen beruhigen würde, doch womöglich hatte er sich getäuscht. Der junge Kerl sprang auf die Füße, die Fäuste geballt, als wolle er jeden Moment zuschlagen. Dann jedoch verdrehte er die Augen und seine Beine gaben nach.

»Cordian! Was ist mit dir?«, rief die Alpha erschrocken. Auch seine andere Begleiterin hielt sich bestürzt die Hand vor den Mund. Der Junge stammelte noch etwas, sank zu Boden und regte sich dann nicht mehr.

Divone schnallte sich sofort los und kniete neben ihm nieder. »Ohnmächtig«, diagnostizierte sie schnell. »Vermutlich ist sein Kreislauf kollabiert. Helft mir, ihn auf den Rücken zu drehen und seine Füße hochzulegen. War er in den letzten Tagen außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt, oder hat er irgendwelche Krankheitssymptome gezeigt?«

Die Frage war an seine Begleiter gerichtet, die einzigen, die sie beantworten konnten.

»Er … er hat zwei Tage im Fieber gelegen«, stammelte das Mädchen.

»Erst heute Morgen ist er wieder aufgewacht«, fügte die Alpha sogleich hinzu.

»Und die Kesenchai haben ihm übel zugesetzt«, ergänzte Erstere.

»In Ordnung, ich gebe ihm etwas«, beschloss Divone und holte einen Subkutaninjektor aus einer schmalen Umhängetasche, die sie bei sich führte. Sie verabreichte dem Gestürzten das Mittel, nachdem es ihr und den anderen Crewmitgliedern mit vereinter Anstrengung gelungen war, ihn auf den Rücken zu drehen. Sein Gesicht war kreidebleich, seine Lippen spröde. Er hatte die ganze Zeit schon nicht besonders gut ausgesehen; jetzt glich er einem Geist.

»Das sollte helfen«, befand die ausgebildete Ärztin schnaufend. Meyers machte sich Sorgen um die zierliche Frau. Sie sah nicht wirklich besser aus als ihr Patient. Die Wirkung des Giftes, das Divone sich vor ihrem Einsatz notgedrungen gespritzt hatte, war noch nicht vollständig verflogen.

Ihrer Prognose entsprechend öffnete der Behandelte wenige Augenblicke später schwach die Augen und stöhnte leise.

»Er braucht jetzt vor allem Ruhe und Flüssigkeit«, verkündete die Offizierin und schleppte sich wieder an ihren Platz. »Und ich auch.«

Meyers registrierte mit Interesse, wie sich die blonde Planetenbewohnerin nach einigem Herumtasten von ihrem Gurt befreite und sich zu ihrem darniederliegenden Begleiter bückte – sie lernte schnell. Sanft schob sie ihre Hand unter seinen Kopf, gab ihm ein paar Schluck aus einer Feldflasche, die Dex ihr reichte, und redete beruhigend auf ihn ein, bis er die Augen schloss. Sein regelmäßiger Atem verriet alsbald, dass er eingeschlafen war. Seufzend wies der Captain seine Crew an, eine der Sitzbänke freizumachen und ihn darauf zu betten. Wenigstens hielt er nun Ruhe.

»Also dann«, ergriff er endlich wieder das Wort, nachdem er sich ausgiebig geräuspert hatte. »Wo waren wir stehen geblieben?«

 

Das folgende Gespräch war sehr aufschlussreich für den altgedienten Raumschiffkommandanten. Endlich fügten sich all die losen Enden zusammen. Nun ja, die meisten …

Sein Schiff war unter das Kommando der Aegis-Division, des Geheimdienstes der Galaktischen Union gestellt worden, um auf einem vom Stützpunkt ausgegangenen Notruf zu reagieren. Er machte sich nichts vor: Der einzige Grund, warum man sie hinzugezogen hatte, war der, dass die Ikarus mit ihrem experimentellen Antrieb so verdammt schnell war. Hätte die Aegis-Division gekonnt, hätte sie die Angelegenheit intern geregelt und kein Wort nach außen dringen lassen. Dem Geheimdienst wäre es ohne Zweifel am liebsten gewesen, die Existenz dieser fantastischen Welt noch ein weiteres Jahrzehnt vor dem Rest der Flotte – und was das anging, dem Rest der Menschheit – geheim zu halten. Wahrscheinlich wären sie damit sogar durchgekommen, aber nun konnten sie das vergessen. Zu viele Schweinereien waren schon ans Tageslicht getreten, als dass er einfach darüber hinwegsehen würde!

Was vorgefallen war, konnten sie inzwischen anhand der geborgenen Aufzeichnungen und der Schilderungen der geretteten Alpha rekonstruieren. Man hatte versucht, sie körperlich mit einer außerirdischen Energiequelle zu verschmelzen – sie selbst nutzte den Begriff Angral – und das war gründlich schief gegangen. Nun ja, nicht gänzlich, denn anscheinend trug sie nun die fremde Kraft in sich. Nur war dabei dummerweise der gesamte Stützpunkt verwüstet worden und die Künstliche Intelligenz der Einrichtung ausgerastet. Sie hatte mit automatischen Waffensystemen Jagd auf das Personal gemacht, und obendrein waren ein paar menschenfressende Ungeheuer aus ihren Käfigen ausgebrochen. Nicht unbedingt das, was er unter Erfolg verstand, soviel stand fest.

Was die Aegis-Division anging, so mochte sie das durchaus anders bewerten. Er wurde immer noch wütend bei dem Gedanken daran, dass ihr Verbindungsagent einen Antimateriesprengkopf an Bord seines Schiffes geschmuggelt hatte. Eine Massenvernichtungswaffe, die seine Behörde gar nicht besitzen durfte, und das einzig zu dem Zweck, im Notfall alle Spuren beseitigen zu können. Nun, wenigstens schmorte dieser Mistkerl nun in einer Arrestzelle …

Interessant war, was Tao – er begann, sich an den Namen zu gewöhnen, es war einfacher, eine Person mit Namen anzusprechen, als jedes Mal eine vierstellige Nummer zu nennen – anschließend widerfahren war. Der Junge, der auf den Namen Cordian hörte, hatte sie in der Wildnis aufgegriffen und davor bewahrt, von den blutrünstigen Norkai gefangen genommen und getötet zu werden. Meyers und seine Leute waren diesen wilden Kriegern selbst schon begegnet und hatten sie nur durch Einsatz ihrer Impulsgewehre davon abhalten können, über eine Gruppe von wehrlosen Zivilisten herzufallen. Es war sicher zu viel verlangt, von den Einheimischen dieser Welt zu erwarten, sich an herrschende Menschenrechtskonventionen zu halten, die sie unmöglich kennen konnten, aber Frauen und Kinder niederzumetzeln, hatte überall und zu jeder Zeit als Gräueltat gegolten.

Der Name des Mädchens war Lissina. Sie und Cordian hatten die verängstigte Tao kurzzeitig bei sich aufgenommen, bis sie selbst vor den anrückenden Barbarenhorden hatten fliehen müssen. Überrascht nahm er zur Kenntnis, dass es sich bei den beiden nicht nur um Geschwister, sondern auch um Kinder königlicher Abstammung handelte. Er hatte tatsächlich einen Prinzen und eine Prinzessin an Bord! Deren Rettung würde ihnen sicherlich ein paar Sympathiepunkte bringen, wenn sie in diesem ominösen Ganthalas eintrafen.

Sorgen machte ihm hingegen, dass jemand mit großer Macht und großem Einfluss auf diesem Planeten hinter der Alpha her war und über Leichen ging, um ihrer habhaft zu werden. Eigentlich hätte niemand hier von ihrer Existenz auch nur ahnen dürfen.

»Die Verdammten versuchen, sich aus ihrer dreitausend Jahre währenden Verbannung zu befreien«, erklärte die junge Prinzessin, als er genauer nachfragte. »Von jenseits des Tores manipulieren sie die Menschen, bringen sie dazu, ihnen und dem Zaihor zu dienen. Mithilfe der Angrale vermögen sie das Tor vollständig zu öffnen und nach Eddor zurückzukehren. Dann wird auch das Zaihor wiederkehren und die große Finsternis beginnen. So wurde es prophezeit.«

Gerne hätte der Captain dieses abenteuerliche Gerede als bloßen Aberglauben und religiösen Unsinn abgetan, doch er hatte schon zu viel Seltsames auf dieser Welt erlebt, um nicht ins Grübeln zu geraten. Still öffnete er über seine Biotronik eine private Visicom-Verbindung zu Divone. Der Rat seines Ersten Offiziers war ihm selten so willkommen wie jetzt. »Was halten Sie davon, Commander?«, formulierte er in Gedanken, ohne dass die anderen Anwesenden etwas von dem Gespräch mitbekamen.

»Viele Überlieferungen und Legenden beruhen auf einem wahren Kern«, antwortete die Angesprochene ebenso lautlos. »Wir wissen, dass es sich bei dem sogenannten Tor um ein außerirdisches Artefakt handelt, das von einer fortgeschrittenen Zivilisation erschaffen worden sein muss. Einer, die uns technologisch womöglich weit voraus war. Vielleicht benutzt jemand diese fortschrittliche Technologie, um es so erscheinen zu lassen, als ob er übernatürliche Kräfte besäße.«

»Gut möglich«, sinnierte Meyers. »Wenn dem so ist, dürfte er den anderen Planetenbewohnern gegenüber einen entscheidenden Vorteil besitzen. Wenn ich daran denke, was das für die Zivilbevölkerung bedeuten könnte, gefällt mir das gar nicht.«

»Mir auch nicht, Captain. Aber ich fürchte, wir können daran nichts ändern …«

»Vermutlich nicht …«, überlegte er und beendete das stumme Gespräch. Als Captain der Raumflotte musste er sich natürlich an die Vorschriften halten, und seine Mission sah nicht vor, direkt oder indirekt in einen Krieg einzugreifen, so edel seine Absichten auch sein mochten. In diesem Punkt hatte sie vollkommen recht. Er würde ohnehin in Erklärungsnöte geraten, wenn er seinen Missionsbericht ablieferte – manchmal war das Leben einfach ungerecht.

 

Glücklicherweise löste sich die anfängliche Spannung während des langen Fluges mehr und mehr. Cordian erwachte noch einmal für kurze Zeit und seine Schwester gab ihm ein wenig Wasser, dann dämmerte er wieder dahin. Divone versicherte ihr, dass sein erhöhtes Schlafbedürfnis eine ganz normale Reaktion auf das Medikament sei, das sie ihm gegeben hatte, und sie sich keine Sorgen zu machen brauche. Da eine Sitzbank blockiert war, musste seine Crew notgedrungen etwas enger zusammenrücken.

Tao und Prinzessin Lissina waren ihrerseits sehr neugierig und fragten Meyers geradezu Löcher in den Bauch.

»Dich ausfindig zu machen, war nicht leicht«, gestand er ein, als die Frage aufkam, wie er sie überhaupt gefunden hatte. »Geholfen hat uns das hier«, er reichte Tao ihren abgelegten Kommunikator. »Er ist auf deine biologische Signatur eingestellt. Als du ihn weggegeben hast, hat er ein Alarmsignal gesendet. Zudem hatten wir …«, er stockte. »Wir hatten noch andere Hinweise.« Dass es sich dabei um einen ausgesprochen seltsamen Traum gehandelt hatte, behielt er lieber für sich, bis er sich darauf selbst einen Reim machen konnte.

Die Grünhaarige nahm das silbrige Armband staunend entgegen. Das polymorphe Material wurde biegsam, als sie es über ihre linke Hand streifte und wieder steif, als es sich um ihr Gelenk geschmiegt hatte. Tao lächelte verzückt.

»Muss ich jetzt bei euch bleiben?«, fragte sie kurz darauf schüchtern, nachdem ihr Interesse an dem Gegenstand wieder erloschen war. »Ich würde nämlich lieber bei Cordian bleiben. Und bei Lissina; sie ist meine Freundin.«

Unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte, druckste der Captain einen Augenblick lang herum. »Das überlegen wir uns später, würde ich sagen«, verkündete er schließlich. »In aller Ruhe …«

Dies schien ihr fürs Erste zu genügen, dafür meldete sich nun Ivan über Visicom. »Ich würde auch gerne wissen, wie unser weiteres Vorgehen aussehen soll, Sir. Unseren Auftrag haben wir erfüllt: Wir kennen den Grund des Notrufs und Überlebende gibt es keine bis auf sie. Und sie macht nicht den Eindruck, unbedingt gerettet werden zu wollen. Sie benimmt sich wie ein großes Kind, nicht wie eine Spezialagentin.«

»Zunächst einmal werden wir zusehen, dass wir die Fähre wieder raumtüchtig machen und zur Ikarus zurückkehren können«, antwortete der Captain. »Außerdem müssen wir die Flotte von den bisherigen Entwicklungen informieren und neue Befehle einholen. Derweil werden wir verhindern, dass Tao oder diese seltsame Energiequelle in die falschen Hände fallen. Wir sind noch lange nicht raus aus dieser Sache.«

Früher oder später, das war Meyers klar, würden sie Tao von hier wegbringen müssen. Sie war Soldatin, ob sie sich erinnerte oder nicht, und war damit an Pflichten gebunden. Die Frage war, ob sie dann freiwillig folgen würde oder er sie dazu zwingen musste. Was wiederum die Frage aufwarf, ob er sie denn zwingen konnte. Er war nicht begierig darauf, dass seinem Schiff das gleiche widerfuhr wie der geheimen Einrichtung der Aegis-Division, die es gründlich in Einzelteile zerlegt hatte.

Diese Grübeleien schlugen ihm mehr aufs Gemüt, als er sich eingestehen wollte. Für weitere Fragen verwies er die beiden neugierigen jungen Frauen deshalb an Lieutenant Dex, der sie bereitwillig und ausführlich beantwortete. Sollte der junge Offizier mit dem kahl rasierten Schädel seinen ermüdenden Hang zum Quasseln ruhig einmal ausleben. Und tatsächlich hingen sie schon bald wie gebannt an seinen Lippen, als er ihnen von fremden Welten und technischen Wundern zu erzählen begann.

 

Der alte Captain wurde erst aus seinen Überlegungen gerissen, als sich die drei irgendwann an ihm vorbei Richtung Cockpit drängten.

»Ich verstehe immer noch nicht, wie dieses Gefährt fliegen kann«, ließ Lissina verlauten. »Ich meine, der ganze Stahl und all das ist doch unheimlich schwer!«

Dex schmunzelte amüsiert. »Nun, vielleicht kann Tara …«, er berichtigte sich sogleich, »ich meine Lieutenant Sanchez, das kurz erklären.«

Die Pilotin drehte den Kopf in seine Richtung und rollte genervt mit den Augen, begann dann aber trotzdem, einen kleinen Vortrag zum Thema Auftrieb aus dem Ärmel zu schütteln. Während die Prinzessin aufmerksam lauschte, sah Tao sich staunend um.

»Ich habe so etwas schon mal gesehen«, verkündete sie plötzlich. »Man steuert, indem man diesen Knüppel bewegt«.

»Vereinfacht gesagt ist das richtig«, bestätigte Tara, in ihren Ausführungen innehaltend, »auch wenn man natürlich auf weit mehr Dinge zu achten hat …«

»Darf ich mich mal setzen?«, fragte die Grünhaarige mit erwachter Neugier. »Ich glaube, ich erinnere mich an etwas …«

Die Pilotin, der dieser Vorschlag offenkundig gar nicht zusagte, sah fragend in Meyers’ Richtung.

»Lassen Sie die Kleine mal ran«, wies dieser sie über Visicom an. »Vielleicht hilft es dabei, ihr verschüttetes Gedächtnis aufzufrischen. Aber sperren Sie vorher die Kontrollen, ich will keine Bruchlandung erleben müssen.«

Tara erhob sich dem Befehl folgend widerstrebend aus dem Pilotensitz und bedeutete der anderen Frau, Platz zu nehmen.

»Keine Sorge«, meldete sie lautlos zurück. »Die manuellen Kontrollen sind blockiert und eine Biotronik hat sie ja offenbar nicht.«