Das Geheimnis von Digmore Park - Sophia Farago - E-Book
Beschreibung

In Digmore Park, dem herrschaftlichen Familiensitz der Dewarys, verschwindet die Schwester des Lords spurlos. Ist Frederick, der Erbe von Digmore Park, der Mörder? Alles scheint darauf hinzuweisen - doch der junge Mann ist nicht aufzufinden. Als die energische Elizabeth Porter einen neuen, attraktiven Stallmeister einstellt, ahnt sie nicht, wen sie vor sich hat ... Die hohen Mauern von Digmore Park wissen ihre Geheimnisse gut zu bewahren. Wird Frederick seine Unschuld beweisen und das Herz der stolzen Elizabeth erobern können?

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Seitenzahl:513

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Das Geheimnis von Digmore Park

von Sophia Farago

1. Kapitel

War sie bereits auf dem besten Wege, eine alte Jungfer zu werden? Miss Elizabeth Porter legte die Stirn in Falten und schob nachdenklich ihre Unterlippe vor.

„Überlege es dir gut, meine Liebe“, hatte Clara ge­sagt und dabei ihrer Stimme jenen bedeutungsvollen Klang verliehen, den sie stets anschlug, wenn sie etwas Weltbewegendes zu verkünden hatte, „in wenigen Monaten wirst du dreiundzwanzig Jahre alt! Ich hoffe, du verzeihst mir meine Aufrichtigkeit, aber bevor du den Antrag von Mr. Bavis ablehnst, bedenke bitte, dass es der letzte sein könnte, der dir jemals gemacht wird.“

Noch vor einer Stunde hatte Elizabeth die Vorstellung, den selbstgerechten Mr. Bavis zu heiraten, entrüstet von sich gewiesen. Doch nun beschäftigten sie die Worte ihrer besten Freundin viel stärker, als ihr lieb war. Nicht einmal der schnelle Ritt nach Hause auf Summerwind, ihrem Lieblingspferd, hatte sie auf andere Gedanken gebracht. Was, wenn Clara recht hatte? Wie sollte sie in Winchester je einen passenden Gemahl finden? Kaum ein Gentleman der vornehmen Londoner Gesellschaft verirrte sich je hierher in ihre Heimatstadt, und unter den zahlreichen Bewunderern aus der Gegend gab es niemanden, der ihr Herz auch nur im Geringsten zu interessieren vermochte. Wenn sie wenigstens ein ordentliches Debüt in der Hauptstadt gehabt hätte! Vor fünf Jahren war alles so schön geplant gewesen, doch dann war Papa erkrankt. Inzwischen war er lange tot, und dennoch kam ein Aufenthalt in der Hauptstadt nicht in Frage. Wer sollte sich denn um Portland Manor kümmern, wenn nicht sie? Wer sollte die Dienstboten beaufsichtigen und mit dem greisen Verwalter die Bewirtschaftung besprechen, wenn nicht sie? Elizabeth seufzte. Manchmal war es gar nicht einfach, eine tüchtige junge Frau zu sein. Bis ihr Bruder volljährig war, würden noch drei lange Jahre vergehen. Jahre, in denen sie an Winchester gebunden war. Und dann war es für ein Debüt zu spät. Oder hatte die Welt je etwas von einer sechsundzwanzigjährigen Debütantin gehört? Elizabeth zog die Zügel ein wenig fester an, bis Summerwind in Schritt fiel. Ihre Wangen waren vom schnellen Ritt zart gerötet, der kleine grüne Reithut saß etwas schief auf ihren vom Wind zerzausten blonden Locken. Ihr Weg führte sie die von hohen Platanen gesäumte Allee zu ihrem Elternhaus hinauf, das auf einem kleinen Hügel südlich der Stadt lag. Ein roter Backsteinbau mit hohen weißen Sprossenfenstern, dessen unzählige Kamine von vielen Zu- und Umbauten im Laufe der letzten Jahrzehnte Zeugnis ablegten. Die Hufe ihres Pferdes klapperten laut über den menschenleeren Vorplatz. Ein Blick zu Boden genügte, und die Falten auf ihrer Stirn verstärkten sich. Was sie sah, war ein anschaulicher Beweis dafür, dass sie nicht nur ihre Zukunft, sondern auch die Dienerschaft nicht wirklich im Griff hatte! Alles wirkte ein wenig verwahrlost. Die Hecken bedurften dringend eines Rückschnitts, Unkraut wucherte in den Ritzen der Pflastersteine. Derartige Übel hätte es unter den wachsamen Augen von Mr. Simmons nie und nimmer gegeben. Der Stallmeister hatte mit freundlicher, aber doch eiserner Hand regiert und dafür gesorgt, dass Gärten und Stallungen, Auffahrt und Höfe stets in gepflegtem Zustand gewesen waren. Doch Mr. Simmons war tot, vom Blitz erschlagen. Das war noch keine fünf Wochen her. Es war ein ungewöhnlich heißer Maitag gewesen, und die drückende Schwüle hatte sich in einem abendlichen Gewitter entladen. Mr. Simmons war eben dabei, einige Dachschindeln bei den östlichen Stallungen auszuwechseln, als das Unfassbare geschah. So schnell, wie das Gewitter gekommen war, war es auch wieder gen Osten abgezogen. Es hatte eine Vielzahl abgebrochener Äste hinterlassen, ein halb abgedecktes Stalldach und einen toten Stallmeister, dessen verkrümmter Leib auf den harten Steinen des Vorhofes gefunden wurde.

Seit diesem Tag war nichts mehr wie vorher. Die Burschen erfüllten ihre Pflichten nur mehr nach ihrem Gutdünken oder wenn Elizabeth sie ausdrücklich darauf hinwies. Die Ermahnungen der Haushälterin und der Köchin fruchteten wenig. Und einen Butler, der allein durch seine Autorität mit strengen Worten für Ordnung gesorgt hätte, gab es auf Portland Manor nicht. Es war höchste Zeit, einen neuen Stallmeister einzustellen. Je schneller hier wieder eine ordnende Hand eingriff, desto besser war es für alle. Doch wo sollte sie einen geeigneten Mann finden? Vergeblich hatte sie sich bereits im Kreis ihrer Bekannten umgehört. Neulich, als sie mit Mama in Winchester war, um bei der Schneiderin das grüne Reitkleid abzuholen, das sie eben trug, da waren sie beim „Hampshire Chronicle“ vorbeigekommen. Es hatte einiger Überredungskunst bedurft, Lady Portland davon abzubringen, in die Redaktionsstube zu stürmen, um ein Inserat in diese Zeitung setzen. So wenig sich Mama in die Angelegenheiten der Gutsverwaltung einmischte, so sehr konnte sie sich für Abenteuer und moderne Ideen begeistern. Doch Elizabeth war viel zu vernünftig, um ein derartiges Wagnis zu befürworten. Wer wusste denn, welches Gesindel einem da ins Haus kam? Elizabeth seufzte. Sie hatte keinen geeigneten Verehrer, sie hatte keinen Stallmeister, und anscheinend hatte sie noch nicht einmal einen Stallburschen. Das galt zumindest für diesen Augenblick, denn die Stallungen waren verwaist. Niemand kam, um ihre Zügel in Empfang zu nehmen und ihr die Hand zum Absitzen zu reichen. Zum Glück bedurfte sie keiner derartigen Hilfe. Mit geübtem Griff schwang sie sich aus dem Sattel.

„Joseph!? Joseph! Wo steckst du?“ Warum war der Bursche nicht an seinem Platz? Der Fuchs musste abgerieben werden. Es war nicht gut, das Pferd verschwitzt und gesattelt stehen zu lassen. „Joseph!“

Alles blieb still. Nur die Äste der Ginsterbüsche raschelten im Wind, und von fern klangen leise die Kirchenglocken herüber, um die Gläubigen zur Abendmesse zu rufen. Das Läuten brachte Elizabeth auf eine Idee: Sie würde den Pfarrer von St. Ann um Hilfe bitten. Mr. Bishop war viel im Landkreis unterwegs, er ging in den besten Häusern ein und aus. Sicher konnte er ihr einen geeigneten Stallmeister empfehlen.

Nach einem letzten vergeblichen Versuch, ihren Stall­burschen durch lautes Rufen auf sich aufmerksam zu machen, führte sie ihr Pferd selbst in seine Box und machte sich dann daran, den jungen Mann aufzuspüren. Sie musste nicht lange suchen. Kaum hatte sie den Stall durch die schmale Seitentür verlassen, als gedämpftes Lachen an ihr Ohr drang. Es kam aus dem Küchengarten, der dereinst von ihrer Großmutter an einem geschützten Platz im Halbschatten, an der Rückseite der Stallungen, angelegt worden war. Der kleine Nutzgarten war nun der ganze Stolz der Köchin; stets liebevoll gepflegt, wurde er immer wieder durch neue Kräuter und Gemüsesorten erweitert. Elizabeth trat näher und sah, dass das Gartentor geöffnet war. Lucy, die Küchenmagd, war damit beschäftigt, Pflanzen mit einem scharfen Messer abzuschneiden. Der Pferdeknecht hatte es sich auf einem der breiten Pfeiler des Gartenzauns gemütlich gemacht. Ein langer Grashalm, an dem er versonnen kaute, steckte in seinem Mund. Mit einem breiten Grinsen sah er dem Mädchen bei seiner Arbeit zu. Anscheinend hatte er soeben etwas Amüsantes gesagt, denn Lucy blickte mit leicht geröteten Wangen zu ihm empor. Auch auf ihren Lippen lag ein strahlendes Lächeln.

Elizabeth räusperte sich laut und vernehmlich.

Die Magd ließ vor Schreck die gesammelten Kräuter auf den Boden fallen. Sie fuhr herum, sah ihre Herrin sie mit prüfendem Blick mustern, und das Rot ihrer Wangen vertiefte sich. Rasch stand sie auf und knickste. „Guten Abend, Miss Elizabeth. Ich bin gerade dabei, Marigold abzuschneiden.“ Sichtlich verlegen wischte sie ihre Hände an der ohnehin nicht mehr sauberen Küchenschürze ab. „Die Köchin sagt, nichts gibt frischer Butter eine so schöne Farbe wie Marigold.“

Joseph war vom Gartenzaun heruntergesprungen, hatte den Grashalm ausgespuckt und tat nun so, als würde er Lucy helfen. Elizabeth, die vorgehabt hatte, mit dem Stallburschen ein ernstes Wort zu reden, brachte es nicht übers Herz. Ihr amüsierter Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, es war offensichtlich, dass der Bursche und die Küchenmagd Zuneigung zueinander gefasst hatten. Wie sollte sie wohl am besten auf diese Entdeckung reagieren? In ihrem Inneren kämpften widersprüchliche Gefühle. Einerseits hatte sie nichts dagegen einzuwenden, dass sich die beiden ineinander verliebt hatten. Sollten sie sie einst um die Erlaubnis bitten, heiraten zu dürfen, so würde sie dem nicht entgegenstehen. Auf der anderen Seite waren zwei Verliebte nicht nur Anlass zu ungetrübter Freude. Mit einem Anflug tiefer Sehnsucht nahm sie das schwärmerische Funkeln in Lucys Augen wahr. Und natürlich war ihr das zärtliche Grinsen des Stallburschen nicht entgangen, mit dem er die Küchenmagd betrachtete. Wann würde wohl endlich ein Mann kommen, um sie mit solch einem liebevollen Blick zu bedenken? Sie meinte einen wirklich liebevollen Blick, denn bewundernde Blicke bekam sie allenthalben! Noch. Doch wenn man Clara Glauben schenken konnte, dann waren diese Tage gezählt. Dann würde sie als alte Jungfer enden, die froh sein musste, wenn sie dereinst bei der Aufzucht der hoffnungsfrohen Nachkommen ihres Bruders behilflich sein durfte, statt eigenen Kindern das Leben zu schenken … Sie fuhr aus ihren Gedanken auf.

„Joseph, es ist nicht deine Aufgabe, dich im Küchengarten herumzutreiben! Summerwind steht in seiner Box und muss dringend abgerieben werden.“

Der Bursche hob die Hand an seine Mütze und versicherte, seine Arbeit sofort zu erledigen, wandte sich um und kehrte zu den Stallungen zurück. Natürlich nicht, ohne vorher Lucy noch ein kleines Grinsen zu schicken. Das Mädchen errötete abermals und kniete sich rasch nieder, hob die Kräuter vom Boden auf und machte sich eilends auf den Weg zur Küche.

Auch für Elizabeth war es nun höchste Zeit, ins Haus zurückzukehren. Denn Lady Portland mochte es ganz und gar nicht, wenn sie mit dem Tee auf ihre Tochter warten musste.

2. Kapitel

„Billy! Was führt denn dich nach Hause? Ich dachte, dein Studienjahr endet erst in einem Monat!“

Kaum hatte Elizabeth diese Worte mit freudiger Stimme ausgerufen, wurde sie von ihrem Bruder auch schon hochgehoben und im Kreis herumgewirbelt. „Meine liebe Lizzy, ich freue mich so, dich zu sehen. Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor, dass ich das letzte Mal hier war!“

Er setzte seine Schwester wieder auf dem Boden ab, und sie sah mit geröteten Wangen zu ihm auf. Obwohl ihr Bruder fast sechs Jahre jünger war als sie, überragte er sie doch um zwei Haupteslängen. Ihr Blick war halb liebevoll, halb prüfend. Wie sehr er doch ihrer Mutter glich: dieselben dichten braunen Locken, dasselbe abenteuerlustige Leuch­ten in den Augen.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Billy. Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich in den letzten Monaten vermisst habe! Und dennoch habe ich das ungute Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Sag mir die Wahrheit, kleiner Bruder, hast du Schwierigkeiten in Eton? Haben dich deine Professoren zur Strafe nach Hause geschickt?“

Ihre Mutter, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, stellte geräuschvoll die Teekanne ab. „Elizabeth, wenn man dich so reden hört, dann könnte man meinen, du seist Billys Mutter und nicht ich! So gönn ihm doch etwas Vergnügen!“

„Weise Worte, ich danke dir, Mama!“ Billy schenkte seiner Mutter sein charmantestes Lächeln, das prompt erwidert wurde. Noch immer lächelnd wandte er sich wieder an seine Schwester: „Darf ich dir nun jemanden vorstellen, der darauf brennt, deine …“

Doch Elizabeth fiel ihm ins Wort. Sie hatte die Blicke zwischen Mutter und Sohn aufgefangen. Billy, dem Schelm, gelang es immer wieder, Mama um den Finger zu wickeln.

„Du bist doch nicht von der Schule verwiesen worden, oder?!“

Während Billy die Hände vor der Brust zusammenschlug und mit unschuldiger Miene entrüstet versicherte, dass das nie und nimmer der Fall war, wurde Mamas Protest heftiger. Wenn sie eines nicht leiden konnte, dann war das, sich länger als nötig mit Dingen zu befassen, die man auch einfach unter den Teppich kehren konnte. „So, meine Lieben, nachdem dies also geklärt ist, wollen wir uns nun unserem Tee widmen. Es ist lieb von dir, dass du dir um deinen Bruder Sorgen machst, Elizabeth. Doch nicht hinter jeder Ecke lauert eine Katastrophe. Freuen wir uns also einfach darüber, dass er wieder zu Hause ist. Und einen so charmanten Gast mitgebracht hat.“

Sie klopfte mit der Hand einladend auf den Platz neben sich auf dem kleinen gelb-gold gestreiften Sofa. „Setz dich zu mir, mein Sohn. Ich habe dir so viel zu erzählen. Letzten Freitag waren wir auf einer Soiree draußen auf Wildrose Manor. Es waren einige junge Damen zu Gast, darunter auch die Tochter des Herzogs von Battlefield. Eine ganz reizende junge Dame. Nicht ausgesprochen hübsch, aber man sagt, sie verfüge über mehr als 20.000 Pfund im Jahr. Ach, Billy, ich wünschte, du wärst dabei gewesen. Wollen Sie Zucker in Ihren Tee, Lord Linworth?“

Elizabeth blickte überrascht von ihrer Mutter zu Billy. Dieser zuckte mit den Schultern, weit davon entfernt, Reue zu zeigen.

„Ich wollte dir meinen Freund bereits vorstellen, Lizzy, doch ich kam leider nicht zu Wort. Du hättest dich aber auch bemerkbar machen können, Henry, anstatt dich schweigend neben dem Kamin zu verstecken.“

Dieser Vorwurf galt, wie Elizabeth nun feststellte, einem eleganten Gentleman, der hinter ihr stand, zwischen Tür und Kamin, und die Szene mit einem Lächeln unter seinen gesenkten Lidern beobachtet hatte. Als sie ihrem Bruder so unerwartet gegenüberstand, hatte sie den Mann gar nicht wahrgenommen. Dafür wurde ihr seine Gegenwart nun umso stärker bewusst. Hatte sie wirklich vor einer knappen Stunde noch gedacht, es gäbe in Winchester nicht die geringste Möglichkeit, einen passenden Gatten kennenzulernen? Nun, dieser Gentleman schien sogar äußerst passend zu sein. Er war nicht einfach ein junger Mann, nein, Clara hätte ihn in ihrem Überschwang sicher mit einem griechischen Gott verglichen. Die dunklen, fast schwarzen Locken trug er zu einer modischen Windstoßfrisur gebürstet, seine breiten Schultern steckten in einem eleganten marineblauen Kutscherrock mit goldenen Knöpfen und die biskuitfarbenen Beinkleider in blank polierten schwarzen Lederstiefeln, deren breite, helle Stulpen nach der neuesten Mode mit Quasten geschmückt waren. Und sie hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als in einem schlichten, grau-blau-gelb gestreiften Musselinkleid dazustehen und ihrem Bruder eine Standpauke zu halten! Wenn sie doch wenigstens etwas Schmuck angelegt oder zumindest ein seidenes Band in ihre Haare geflochten hätte! Er musste sie für Billys Gouvernante halten! Wie typisch für ihren Bruder, seinen Gast nicht rechtzeitig anzukündigen! Was würde der jetzt bloß von ihr denken?

„Lizzy, darf ich dir einen ganz besonderen Freund vorstellen, Henry Fenton? Seit sein Onkel vor drei Jahren so freundlich war, das Zeitliche zu segnen, ist er der Viscount of Linworth. Henry, das ist meine Schwester Elizabeth, von der ich dir schon so viel erzählt habe.“

Elizabeth beeilte sich, mit einem strahlenden Lächeln das Versäumte wiedergutzumachen. Er ergriff ihre Hand, um sich galant darüber zu verbeugen. Als er den Kopf wieder hob, trafen sich kurz ihre Blicke. Das Lächeln in seinen Augen verschlug ihr für einen Moment den Atem. Noch nie hatte sie einen Mann getroffen, der so viele Vorzüge in sich vereinte: angenehme Manieren, ein beglückendes Lächeln und eine angesehene Familie. Ein Blick in seine Augen reichte, um zu wissen, dass Lord Linworth auch über Humor verfügte. Sicher war er intelligent. Seine breiten Schultern zeugten davon, dass er auch sportlicher Betätigung nicht abgeneigt war. Nichts erinnerte an das altmodische Äußere und die missmutigen Gesichtszüge ihres lästigen Verehrers Charles Bavis. Nichts an dessen moralinsaure Predigten, mit denen er sie stets aufs Neue langweilte. Dieser Mann hier war sicher nicht langweilig. Woher Billy ihn wohl kannte? Lord Linworth war mindestens zehn Jahre älter als ihr Bruder. Sie schätzte ihn auf Ende zwanzig. Was mochten die Gründe für einen Mann seines Alters sein, die Freundschaft eines Siebzehnjährigen zu suchen? Elizabeth schüttelte kaum merklich den Kopf. Mutter und Clara hatten recht, sie grübelte zu viel!

„Willkommen auf Portland Manor, Eure Lordschaft!“ Ihr freundliches Lächeln kam von Herzen. „Wenn du mich kurz entschuldigen willst, Mama, ich möchte der Haushälterin Bescheid geben, das grüne Gästezimmer für seine Lordschaft vorzubereiten. Sie bleiben doch einige Tage bei uns, nicht wahr, Mylord?“

In Lord Linworths Augen blitzte es amüsiert. Hatte ihre Stimme bei den letzten Worten für fremde Ohren etwa ebenso flehentlich geklungen, wie sie sich für sie selbst angehört hatte? Rasch machte Elizabeth kehrt, um den Raum zu verlassen, doch Billy ergriff sie an ihrer Schulter und führte sie zu dem kleinen Stuhl an Lady Portlands linker Seite. „Das ist nicht nötig, Schwesterchen, ich habe die gute Betty schon darum gebeten. Komm, nimm Platz. Und dann erzähl mir alles, was sich in den letzten Monaten hier auf Portland Manor ereignet hat. Ich will jede Einzelheit wissen.“

Er wandte sich an seinen Freund und setzte dann mit einem stolzen Blick auf seine Schwester hinzu: „Lizzy kümmert sich hier so lange um den Landsitz und all meine Belange, bis ich volljährig bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einem anderen Mann auf dieser Welt das Glück beschieden ist, solch eine Schwester zu haben.“

Elizabeth errötete über dieses überschwängliche Lob. Sie freute sich, dass Billy all ihre Mühe und ihre Arbeit für Portland Manor zu schätzen wusste. Doch sie wusste auch, wie andere Menschen, vor allem Männer, darüber dachten, dass sie hier die Zügel in der Hand hielt. Sie wollte keineswegs, dass Lord Linworth sie für unweiblich oder am Ende gar – Gott bewahre – für einen Blaustrumpf hielt! Daher hätte sie viel darum gegeben, Billy hätte ihre Dienste nicht gar so hervorgehoben.

Lord Linworth indes schien nichts an ihren Aktivitäten auszusetzen zu haben. „Ich habe davon gehört, und ich bewundere Sie außerordentlich, Miss Porter. Es gibt nicht viele Frauen, denen man es zutrauen kann, so ein Anwesen zu leiten. Wenn es Ihre Zeit erlaubt, würde es mich sehr freuen, wenn Sie mich durchs Haus führen würden. Ich nehme an, dass es in Portland Manor sehenswerte Antiquitäten gibt …!“

„Seit wann interessierst du dich denn für alten Krempel?“, rief sein junger Freund aus, und der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Lass dich von Henry nicht in die Irre führen, Lizzy! Alles, was diesen Mann interessiert, sind die Jagd und der Fischteich. Ich habe ihm versprochen, dass wir morgen den ganzen Tag mit unseren Angelruten unterwegs sein werden.“

Das gefiel Elizabeth ganz und gar nicht. Natürlich hätte sie Lord Linworth gerne durchs Haus geführt. Sicher würde er bald wieder abreisen, und da galt es, jede Minute zu nutzen, um einen guten Eindruck zu machen. Und natürlich auch, um ihn besser kennenzulernen. Musste er wirklich den ganzen Tag mit Billy am See verbringen? Vielleicht sollte sie ihre Begleitung anbieten? Allerdings, wenn Männer zum Angeln gingen, dann konnten sie auf die Gesellschaft von Damen sehr gut verzichten, das wusste sie noch von Papa. Noch bevor ihr etwas Passendes eingefallen war, um die Herren umzustimmen, hatte Lord Linworth schon das Wort ergriffen: „Natürlich gehe ich gerne mit dir angeln, mein Freund, doch ebenso interessieren mich Haus und Garten. Wir werden uns den Fischen also am Vormittag widmen, Billy, und am Nachmittag stehe ich Miss Porter ganz zu ihrer Verfügung, wenn dies in ihrem Sinne ist.“

Elizabeth erklärte, das sei sehr wohl in ihrem Sinne, und erkundigte sich dann, wo die beiden einander kennengelernt hätten. Lord Linworth betrachtete derweil eingehend die verschiedenen Kuchen auf der silbernen Etagere, und so blieb es Billy überlassen, zu antworten.

„Ach, so genau kann man das nicht sagen“, erklärte dieser ausweichend, „es war bei einem Pferderennen. Ja, richtig, bei einem Pferderennen, da sind wir zufällig … wir sind nebeneinander gestanden. Und so kommt man … und so sind wir dann ins Gespräch gekommen, nicht wahr, Henry, so war es.“

Sein Freund musterte höchst aufmerksam das Stück Früchtekuchen auf seinem Teller und bestätigte, ohne dabei den Kopf zu heben: „Ja genau, Billy, so war es.“

Elizabeth blickte von einem zum anderen. Das klang doch eindeutig so, als hätten die beiden irgendetwas zu verbergen. War ihre harmlose Frage gar nicht so harmlos gewesen? Sie rief sich zur Ordnung. Clara hatte noch am Nachmittag gemeint, es wäre längst an der Zeit, dass Elizabeth die Verantwortung für Portland Manor abgab, um sich leichteren Vergnügungen hingeben zu können. Ganz ohne Zweifel hatte Clara wieder einmal recht. Die Last der Verantwortung war dabei, sie zu einer misstrauischen Frau zu machen. Zu einer misstrauischen alten Jungfrau, wenn man es genau nahm.

3. Kapitel

„Verdammt, Major, wir hätten doch zur Gastwirtschaft meiner Schwester gehen sollen. Wenn wir nicht endlich die Spelunke finden, dann sind wir gleich schneller nass, als wir bis zehn zählen können.“

Der nicht allzu groß gewachsene, untersetzte Mann blieb stehen und betrachtete stirnrunzelnd die dunklen Wolken, die zusehends schneller vom Meer her über Southampton aufzogen. Er mochte wohl um die dreißig Jahre alt sein, sein Gesicht war von der Sonne verbrannt, und die tiefen Furchen, die sich in seine Stirn eingegraben hatten, zeugten davon, dass er es in seinem Leben nicht immer leicht gehabt hatte. Ein Blick auf seine Kleidung erklärte die Herkunft seiner Sonnenbräune: Er trug den leuchtend roten Uniformrock des ersten Regiments der Lifeguards. Und wie jedes Kind im Lande wusste, war diese Einheit derzeit in Spanien stationiert. Schließlich galt es, Napoleon, dieses korsische Ungeheuer, zu besiegen, das seine Macht von Frankreich aus über ganz Europa zu verbreiten suchte. Dieser Offizier hier taugte allerdings nicht zum Aushängeschild der glorreichen Armee, und man konnte nur hoffen, dass keiner der jungen Soldaten sich ihn zum Vorbild nahm. Seine Hosen, die irgendwann einmal weiß gewesen sein mussten, waren fleckig und grau. Ein Loch am rechten Oberschenkel zeigte noch deutliche Spuren des rostigen Nagels, an dem er beim Verlassen des Schiffes hängen geblieben war. Die schwarzen Reitstiefel, die ordnungsgemäß bis über das Knie zu reichen hatten, endeten bereits an der Wade. Dafür waren die Ärmel des Uniformrocks umso länger, und die ehemals weißen Stulpen verdeckten fast vollständig die schwieligen Hände. Er hatte einen groben Leinensack geschultert und bot alles in allem einen sehr seltsamen Anblick für einen Offizier dieser altehrwürdigen, traditionsbewussten Kompanie.

Einige Schritte hinter ihm schleppte sein Bursche eine schwere Holzkiste, in der sich vermutlich die anderen Kleidungsstücke seines Herrn befanden. Und der Bursche bot einen kaum weniger seltsamen Anblick. Er trug eine graue Jacke, deren Ärmel knapp unter dem Ellbogen endeten, gerade so, als habe er sich die Kleidung seines jüngeren Bruders geborgt. Die ausgebleichte blaue Kappe auf seinen dunklen, ungewaschenen Haaren verdeckte fast vollständig die obere Gesichtshälfte, während die untere durch einen dichten Vollbart ohnehin nicht zu erkennen war. Seine Stiefel fielen besonders ins Auge: Schwarzes, weiches Leder reichte an seinen langen Beinen bis über die Knie hinauf und wollte damit so gar nicht zur groben Leinenhose passen, die in diesen noblen Schäften steckte. Auch wenn das Schuhwerk über und über mit Kot beschmutzt war: Hatte man je einen Offiziersburschen mit solch edlen Stiefeln gesehen?

Die Straßen am Hafen von Southampton waren von lebhaftem Treiben erfüllt. Die „Golden Star of the Sea“ hatte vor einer Stunde am Pier angelegt. Nachdem die vornehmen Herrschaften der oberen Decks mit ihrer Dienerschaft das Schiff verlassen hatten, entlud sich nun ein kaum enden wollender Strom an Passagieren aus den dunklen Höhlen des Schiffsrumpfes. Da waren vor allem Soldaten, die auf dem Kontinent für König und Vaterland gekämpft hatten und nun verwundet und verbittert in die Heimat zurückkehrten, um hier einer ungewissen Zukunft entgegenzusehen. Dazwischen Händler, Handwerker, Abenteuerlustige … Sie alle stiegen in Southampton an Land, entweder um in England ihr Glück zu versuchen oder um von ihren Erfahrungen in fremden Ländern zu berichten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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