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Wir alle sind Meister der Verstellung. Das ist gar nicht verwerflich. Schein statt Sein ist etwas zutiefst Menschliches. Was aber, wenn das Klima in der offenen Gesellschaft rauer wird? Alle treten gegen alle an. Unsere Formen der sozialen Verwandlung folgen oft nur noch Strategien um mehr Macht und Influence. »Soziale Geschmeidigkeit« ist das neue Kapital und die Schlüsseltugend unserer Zeit. Wer darüber verfügt, feiert Erfolge, wer nicht, wird zum Verlierer. Martin Hecht, Journalist und Politologe, hat heutige Selbstvermarktungsformen, an denen sich oft individuelle Schicksale entscheiden, analysiert. In der hybriden Erfolgsgesellschaft nehmen persönliche Inszenierung und Zurschaustellung massiv zu. Dabei geht es nicht nur darum zu zeigen, wer oder wie man ist, sondern darum, sich handfeste ökonomische Vorteile zu verschaffen. Mehr Bühne als heute war nie.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2024
MARTIN HECHT
DAS geschmeidige
ICH
DIE GESELLSCHAFT DER SELBSTDARSTELLER
DER AUTOR
Martin Hecht, geb. 1964, promovierter Politikwissenschaftler, lebt als freier Autor und Publizist in Mainz. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und schreibt u. a. für die ZEIT und Gehirn&Geist. Bei Dietz erschien 2021 »Die Einsamkeit des modernen Menschen«. www.martinhecht.net
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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ISBN 978-3-8012-0684-0 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8012-7061-2 (E-Book)
Copyright © 2024 by
Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH
Dreizehnmorgenweg 24
53175 Bonn
Umschlag und Illustration: Julia Echterhoff, Köln
Satz: Rohtext, Bonn
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2024
Alle Rechte vorbehalten
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Vorwort
Einleitung
Kapitel 1 DIE HOHE SCHULE DER SELBSTDARSTELLUNG
Kapitel 2 GESCHMEIDIGKEIT ALS SOZIALCHARAKTER
Kapitel 3 VORWÄRTSKOMMEN – SOZIALE STRATEGIEN IN DER GEGENWARTSGESELLSCHAFT
Kapitel 4 DIE GESELLSCHAFT DER GESCHMEIDIGEN – FUNKTIONALISMUS UND INDIVIDUALISMUS
Kapitel 5 OPPORTUNISMUS UND GEFÜHL IN DER MEDIENDEMOKRATIE
Kapitel 6 GESCHMEIDIGE MORAL – OPFERLUST UND SKANDALUMKEHR
Schluss DER AUFSTAND DER UNGESCHMEIDIGEN
Literatur
Der Mensch ist von Natur aus ein zerknirschtes, grüblerisches, von Grund auf sonderbares Wesen. Lange durfte er das auch sein. Zumindest den überwiegenden Teil der Zeit seiner Existenz über. Heute nicht mehr. Sobald er seine Behausung verlässt, muss er gut drauf sein. Er muss Frische versprühen, sympathisch erscheinen. Es gilt, gelassen zu sein, happy, hygge, mit sich im Reinen, dazu anderen gegenüber achtsam, »im Hier und Jetzt«. Man muss authentisch rüberkommen, originell, kreativ, spontan, dazu auch noch humorvoll, auf jeden Fall smart, locker, tiefenentspannt, mit einem Wort: »geschmeidig«.
Das ist ziemlich viel und auch nicht einfach. Doch es gibt allen Grund zur Hoffnung: Denn der Mensch ist ein Meister der Verstellung. Früh hat er gelernt, wie man auch bei einem schlechten Witz, den der Chef zum Besten gibt, in Lachen ausbricht, wie man Betroffenheit bei einem Sterbefall vorschützt, auch wenn einen dieser nicht sonderlich betrübt. Er weiß, wie man Interesse selbst für Dinge zeigt, die ihn tödlich langweilen, oder wie er glaubwürdig zu begreifen vorgibt, obwohl er von Tuten und Blasen keine Ahnung hat.
Schein statt Sein ist etwas zutiefst Menschliches. Auch im Alltag. Zu Hause in Lotterhose und Lümmelpulli, geht man aber unter die Leute, dann mit Make-up und gut einparfümiert. Zwischen Privatsphäre und Bewerbungsfoto liegen oft Welten, und selbst der CDU-Kandidat sieht auf dem Wahlplakat um Längen attraktiver aus als am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone. Sich in der Öffentlichkeit vorteilhaft präsentieren – das macht jeder. Und die Welt dankt es. Man könnte es gute Sitte nennen oder Zivilisation oder einfach nur den guten Eindruck, den man machen will.
In diesem Buch geht es um Selbstdarstellung und soziale Strategien der Gegenwart. Seine These lautet: Das Ausmaß sozialer Inszenierungsstrategien, die wir für unser Vorwärtskommen anwenden, nimmt in der Erfolgsgesellschaft massiv zu. Selbstrepräsentation des Individuums gab es immer, aber noch nie zuvor spielte sie in der gesellschaftlichen Breite eine so wichtige Rolle wie heute. So viele Plattformen gab es nie – und so viel Theater auch nicht. Überall wird sich in Szene gesetzt, ein Auftritt hingelegt, ein Selfie eingestellt. Mehr noch, nie zuvor hat der Wunsch nach wirkungsvoller Eigeninszenierung den Einzelnen so sehr im Griff gehabt und gleichzeitig eine Gesellschaft so sehr strukturiert wie heute. Wir leben in einer Gesellschaft der Selbstdarsteller. Will man in dieser Epoche zu den Gewinnern gehören, muss man sich auf die hohe Kunst der Verstellung verstehen. Sonst fällt man zurück und verpasst das Leben.
Dieser Essay ist die Diagnose einer Gesellschaft, in der sich jeder unaufhörlich neu erfindet, um erfolgreich zu sein. Wie haben sich Formen der Selbstdarstellung verändert? Welcher Sozialcharakter prägt die Gegenwart und hat die besten Chancen, erfolgreich zu sein? Und letztlich: Was sagt das aus über die Gesellschaft, in der wir leben? In meinem letzten Buch »Die Einsamkeit des modernen Menschen« habe ich ausgeführt, wie immer mehr Selbstbezogenheit in der modernen individualistischen Gesellschaft zu immer mehr Vereinzelung, aber auch zu Ohnmacht des Einzelnen und Radikalisierung führt. Mein Befund war: Wir investieren so viel wie nie zuvor in Alleinstellungsmerkmale und Einzigartigkeiten, um an mehr soziale Anerkennung zu kommen – und doch geht nur für wenige der Traum in Erfüllung, mehr Aufmerksamkeit, Likes, Follower, Applaus zu erzielen. Und selbst wenn, der Preis, den die Gesellschaft zahlt, ist hoch. Der moderne Mensch vereinzelt, eine neue soziale Einsamkeit ist das Schicksal unserer Zeit, das Ende des Zusammenhalts, den die Demokratie so dringend braucht.
Selbstoptimierung ist jedoch nur ein Teil des Wettbewerbs in der individualisierten Gesellschaft. Der andere Teil besteht darin, neue Formen der Selbstdarstellung und des Sozialverhaltens zu wählen, um unsere Interessen durchzusetzen. Darum geht es hier. Beide sind heute so wenig wie eh und je Ausdruck interesseloser Selbstrepräsentation, sondern folgen sozialen Gefälligkeitsstrategien, möglichst viel Aufmerksamkeit oder soziale Reichweite zu erzielen, kurz, sich selbst möglichst effizient in Szene zu setzen. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir heute – viel mehr noch als früher einmal – auf vielen verschiedenen öffentlichen Plattformen agieren und dort bestehen müssen. Fast jeder stellt sich aus, im analogen Leben, im Beruf unter Kollegen, im privaten Freundeskreis, im gesellschaftlichen Leben, in der Politik. Und digital sowieso. Wenn nicht auf der eigenen Website, so in den sozialen Medien, bei Instagram, TikTok oder Elitepartner. Ob wir wollen oder nicht, wie müssen performen. Eine gelungene Selbstdarstellung wird zur Schlüsselqualifikation einer gelungenen Biografie in einem Zeitalter, in dem ohnehin immer mehr öffentlich gemacht wird. Hybrider Individualismus bedeutet nicht nur ein immer größeres Ausmaß der Selbstbezogenheit und Selbstoptimierung. Optimiert wird nicht nur das isolierte Selbst, sondern auch die soziale Strategie, an mehr Macht und Einfluss zu kommen.
Für den Einzelnen heißt das: Selbstoptimierungskompetenz muss heute ergänzt werden durch soziale Schläue, durch die richtige Inszenierung. Gefragt ist das Talent zur Geschmeidigkeit. In der spätkapitalistischen Gesellschaft geht es darum, wie sozialer Erfolg in einer Gesellschaft, in der alle mit allen konkurrieren, durch den geeigneten Außenauftritt zu erzielen ist. Die Formen der Selbstdarstellung sind dabei vielfältig – von situativ abrufbarem Opportunismus im Kleinen bis hin zum kalkulierten Ausbruch großer Gefühle. Um durch die Kompliziertheit unseres Seins hindurchzugleiten, braucht es heute ganz neue zeittypische Formen individueller Anpassungsleistungen. Ein Art Geschmeidigkeitsgen entscheidet heute, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern gehört.
Wir leben in stürmischen Tagen. Vieles, was sich Menschen in dieser Zeit wünschen oder wovon sie träumen, ist in weite Ferne gerückt, Bestandssicherung ist für viele zum vorrangigen Ziel geworden. Die Gangart ist härter geworden. Wie erreicht man trotz aller Krisen dennoch seine Ziele? Genügen Einsatzbereitschaft und Beharrlichkeit noch, Disziplin und harte Arbeit? Oder kommt es auf etwas ganz anderes an? Gibt es einen anderen Erfolgsfaktor, der mit unsichtbarer Hand das Geschick des modernen Menschen lenkt und nichts mit irgendwelchen Kompetenzen zu tun hat? Es liegt heute viel mehr als früher am Quantum an Geschmeidigkeit, das jemand mitbringt.
Man könnte einwenden: Auf den ersten Blick geht es ganz und gar nicht geschmeidig zu in dieser Welt. Wir erleben, wie rohe Gewalt in die politische Auseinandersetzung zurückgekehrt ist, in der statt zu protestieren oft nur noch gebrüllt wird. Das politische Klima ist extrem aufgeheizt, Politiker werden angepöbelt und attackiert, ja mit Leib und Leben bedroht. Eine Welt in Aufruhr – ist das das Zeitalter der Geschmeidigkeit? Kann es zusammenpassen, dass auf der einen Seite eine zunehmende Rücksichtslosigkeit im gesellschaftlichen Miteinander zu beobachten ist, ja mehr noch, eine gereizte Grundstimmung, die immer mehr in latente Gewaltbereitschaft übergeht, und doch Geschmeidigkeit ein entscheidender Erfolgsfaktor ist?
Kein Mensch würde behaupten, gerade in der breiten Masse der Aufgebrachten unserer Zeit tummelten sich sonderlich geschmeidige Zeitgenossen. Genauso am anderen Ende der Hierarchie. Keinem würde einfallen, Donald Trump einen geschmeidigen Menschen zu nennen oder einen der anderen Anführer rechtspopulistischer Bewegungen weltweit. Dennoch lautet die These dieses Werkes, dass die Geschmeidigkeit die wohl wichtigste soziale Charaktereigenschaft ist, die uns heute prägt. Alle versuchen es mit ihr, mal gekonnter, mal weniger gekonnt. Aber für alle ist sie der Schlüssel zum Erfolg geworden. Und so teilt sich die Gesellschaft in Reiche und Arme, sozial und ökonomisch Privilegierte und nicht Privilegierte, aber immer auch in Geschmeidige und Ungeschmeidige. Im Zeitalter der Geschmeidigkeit wird der belohnt, der sie einzusetzen weiß, und der bestraft, der sich als ungelenk erweist.
Nimmt man die moderne Gesellschaft als Ganzes in den Blick, ihre Routinen im Alltag, in der Arbeitswelt, in Wirtschaft, Schule und Ausbildung, in all den vielgliedrigen Institutionen und Organisationen der modernen Massendemokratie, in die wir tagtäglich eingesponnen sind, kurzum alle bürgerlich-demokratisch geregelten Teilbereiche, in denen trotz einer ausgeprägten Ellenbogenmentalität dennoch eine »regelbasierte Werteordnung« existiert, ist Geschmeidigkeit das soziale Talent, die Welt zu seinen Gunsten zu formen. Und je mehr es auf sie ankommt, desto mehr nehmen auch all die emotionalen Eruptionen und handgreiflichen Auseinandersetzungen zu, die sich in den westlichen Zivilgesellschaften wieder verbreiten. In der neoliberalen, krisenanfälligen Epoche mit immer mehr »marktbasierter« Kommunikation ist nicht immer weniger, sondern mehr von ihr gefragt. Menschen haben zu allen Zeiten gewusst, wie sie sich gekonnt oder geschickt in Szene setzen, um ihre Interessen optimal zu verfolgen. Neu ist, dass Geschmeidigkeit als eine rein funktionalistische Herangehensweise die gesamte Lebensführung des modernen Menschen durchdringt und unser Miteinander prägt. Individualismus und neoliberaler Kapitalismus fordern den geschmeidigen Menschen so sehr wie nie zuvor.
Der Ahnherr der Geschmeidigkeitskritik, dem diese Arbeit verpflichtet ist, ist kein anderer als der französische Moralist und Aphoristiker François de La Rochefoucauld (1613–1680). Selbst Skeptiker, Aufklärer und Frondeur sah er es als seine Aufgabe an, ein Porträt seiner Gesellschaft zu zeichnen, was ihm umso leichter fiel, als er nicht nur ein auf dem adeligen Parkett geübter Hofgänger des Königs war, sondern in den besseren Kreisen und Salons von Paris über viele Jahre hinweg genügend Anschauungsunterricht darüber erteilt bekommen hatte, wie sehr das Miteinander von Scheinheiligkeit, Schmeichelei und allerhand Geschmeidigkeit geprägt war.
Nach einem turbulenten Leben, in dem er zu einer einflussreichen politischen Größe Frankreichs wurde, aber erst recht, nachdem er am Hof in Ungnade gefallen war und sich zurückzog, hatte er nicht nur genügend Material gesammelt, sondern auch keine sonderlichen Rücksichten mehr zu nehmen. »Man war hellhörig geworden für das hohle Pathos der höfischen Tugenden, man hatte übergenug von der leeren Gebärde des Edelmuts, mit der die Gesellschaft ihre maßlose Habgier verdeckte«, schreibt Wolfgang Kraus, Herausgeber von La Rochefoucaulds Maximen in seiner Einleitung. In diesen »Réflexions ou sentences et maximes morales«, so der Originaltitel, sollte sich La Rochefoucauld als ein genialer Menschenbeobachter erweisen. Er entwarf darin eine Art kritische Anthropologie, die nicht darum kreiste, wie der Mensch sein sollte, sondern wie er wirklich war, ungeschönt und ganz und gar schonungslos. Seine Aphorismen, die er 1665 veröffentlichen sollte, waren auch eine Abrechnung mit der Scheinwelt des Hofes und, in seinem Sinn, ein Beitrag zur Aufklärung. Vernunft sozusagen angewandt gegen eine Gesellschaft, die sich selbst Vernunft auf die Fahne geschrieben hatte, ihre Idee aber fortwährend durch Falschheit und Intrige desavouierte.
Sein Geschäft als Schriftsteller war es, die Wahrheit hinter allem Schein zu benennen, die Heuchelei, mit der alles übergossen war, zu enthüllen, sie zu sezieren und so ganz allgemeine Erkenntnisse zu gewinnen: über die Natur des Menschen als ein soziales Wesen. Er war ein Meister in der psychologischen Analyse, vermochte es, die geheimsten Motive des menschlichen Handelns zu erspüren, und fast immer landete er bei Eigensucht und Dünkel als Triebkräften, die er noch hinter der höchsten Tugend verborgen sah. Seine Stärke war es, alles, was da vorgab, sich im Namen von Edelmut und Tugend zu entfalten, wenn nicht gleich als Schurkerei, so doch immer als geschickt eingefädelte soziale Strategie zu entlarven, sich als von Nächstenliebe durchdrungen zu präsentieren – aber in Wahrheit nur sich selbst der Nächste zu sein.
Von La Rochefoucauld kann man bis heute lernen: Die Motive menschlichen Handelns sind oft nicht einfach zu durchschauen. Sie scheinen erst auf, wenn soziale Phänomene mit scharfem Blick und in aller Schonungslosigkeit durchdrungen werden. Dann erst drängt sich jener ernüchternde Schluss auf, den er selbst in einem, vielleicht seinem berühmtesten Aphorismus vorweggenommen hat: »Alle Tugenden münden in den Eigennutz wie die Ströme ins Meer.« Heute ist freilich nicht mehr vorgebliche Tugend oder Schmeichelei die Maske, hinter der der Eigennutz verborgen wird, sondern die allgegenwärtige Geschmeidigkeit. Ich möchte in diesem Buch versuchen, einen Blick hinter die zeitgemäße Maskerade zu werfen, damit deutlich wird, dass so vieles, was vordergründig elegant oder gar verdienstvoll erscheint, auch heute nicht allein von uneigennützigen Motiven geleitet ist.
I’d like to be under the sea
In an octopus’s garden in the shade
He’d let us in, knows where we’ve been
In his octopus’s garden in the shade.
John Lennon/Paul McCartney
Kein Wort ist so geschmeidig wie das Wort »geschmeidig«. Keines so ambivalent, keines so faszinierend. Wer ist geschmeidig? Keiner so sehr wie der Oktopus. Er ist ein echter Meister der Geschmeidigkeit. Etwa wenn er in den Tiefen des Meeres durch einen engen Spalt in einem Felsen schlüpft. Selbst das scharfkantige Korallenriff, es kann ihm nichts anhaben. Egal, ob ausweichend oder anschmiegend, in jeder seiner Bewegungen ist so viel Anmut, so viel Grazie, seine Geschmeidigkeit ist wie ein Tanz. Unter Menschen ist das nicht anders. Auch Menschen müssen sich ihrer Welt immer wieder neu anpassen. Geschmeidig ist, wer auch noch die kniffligsten Situationen unbeschadet meistert und sich elegant durchlaviert, wenn es wieder mal eng wird. Geschmeidig ist, wer trotz aller Widrigkeiten seinen Eigennutzen mehrt – und es dabei schafft, auch noch als durch und durch guter Mensch dazustehen.
Wer sich der Gabe der Geschmeidigkeit im menschlichen Sozialleben zuwendet, könnte meinen, hier habe sich das Phänomen zur mentalen Charaktereigenschaft sublimiert. Menschen müssen nicht durch enge Felsspalten schlüpfen oder sich durch Engpässe zwängen. Dennoch ist menschliche Geschmeidigkeit zuerst einmal eine ganz und gar physische Anpassungsleistung. Diese Art Geschmeidigkeit begegnet einem in der Sozialwelt vor allem als ein Effekt der Routine. Wer lange etwas einübt, entwickelt motorische Geschmeidigkeit, egal ob in einem Handwerk, beim Ballspiel oder bei irgendeinem anderen vorgegebenen Bewegungsablauf.
Ein Kellner in einer der Brasserien der großen Boulevards von Paris etwa. An einem Sommertag zur »Heure joyeuse«, am Wochenende, wenn die Cafés und Restaurants aus den Nähten platzen und zwischen Stühle und Tische kaum eine Handbreit passt. Wer hier seine Gäste bedient, muss es können. Einer, der sich diese Aufgabe zutraut, muss so geschmeidig wie ein Oktopus sein, wenn er sich durch die Sitzreihen bewegt – und obendrein auch noch ein vollgestelltes Tablett jongliert. Schnell, elastisch, elegant, ein Kunstläufer, aber nicht auf Eis, sondern auf dem staubigen Asphalt der flirrenden Großstadt, einer, der alles im Blick hat, in Sekundenschnelle jeden Ort in diesem dynamischen Labyrinth aus Menschen und Mobiliar erreicht und dabei doch immer ein Ruhepol bleibt. Vielleicht nie wieder ist diese körperliche Seite so schön beschrieben worden, wie in jenem berühmten Gedicht von Rainer Maria Rilke über den traurigen Panther, den er bei einem Ausflug in den Jardin de Luxembourg in einem Käfig erblickte und der ihn zu tiefem Mitleid rührte: »Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der hellwach ein großer Wille steht.«
Körperliche Eleganz ist das Fundament jeder menschlichen Geschmeidigkeit, auch der des Kellners. Ergänzt wird sie jedoch durch eine geistige, und das macht erst ihre Schönheit aus. Eine kleine Aufmerksamkeit, ein kurzes Lächeln, ein charmanter Aperçu. Mehr nicht, aber immer genug, dass es passt. Geschmeidigkeit ist die Kunst der richtigen Dosis. Ihre Essenz besteht aus einem wohl austarierten Minimum an Höflichkeit, einer stets gut gelaunten Unverbindlichkeit und einem Schuss Poesie. Leichtigkeit ist in ihr, ein Gestus der Beiläufigkeit, eine inszenierte Nachlässigkeit, der jedoch nichts entgeht, die überall ihre Augen hat und doch alle Wünsche erfüllt. Solch ein geschmeidiger Gastgeber ist immer präsent, auch wenn es der Gast nicht unbedingt vermutet, präsent, wenn man ihn braucht, unsichtbar, wenn nicht. Kein Wunder, dass die Figur des Kellners in Aktion schon so viele fasziniert hat, Flaneure, die in den Cafés der Welt zu Hause waren und sich inspirieren ließen, nicht zuletzt die großen Literaten, Jean Paul Sartre oder Thomas Mann, bei dem er immer wieder in seinen Büchern auftritt, egal, ob als »Kellner Mager« in »Lotte in Weimar« oder formvollendet in Person des »Felix Krull« und sich der Verbeugung des Schriftstellers sicher weiß.
Es gibt Wesen, die sind noch viel geschmeidiger als jeder Tänzer. Folgt man Heinrich von Kleist, dann sind es die Marionetten. Nur sie, sagt er, besitzen eine natürliche Grazie, denn sie folgen nicht dem Gesetz der Schwere. Sie werden maschinell gelenkt, besitzen keine eigenen Emotionen, keine Vernunft und keine Reflexion, sind also frei von jeder berechnenden Ziererei, und sie wirken, weil sie an Fäden gehalten werden, »antigrav«, von höchster Leichtigkeit. Ein Mensch, so sinniert er in seinem kleinen Aufsatz »Über das Marionettentheater« von 1810, kann die Anmut einer Marionette nie erreichen, nur ein Gott kann sich mit ihr messen. Der Mensch hat seine natürliche Grazie durch die Entdeckung der Vernunft und das eigene Sich-Bewusstwerden unwiederbringlich verloren, er hat vom Baum der Erkenntnis gegessen. Nur wenn es ihm wieder gelingt, eine Einheit von Körper und Seele zu erreichen, Natur und Vernunft zu harmonisieren, kann er in die göttliche Anmut zurückkehren. Aber wenigstens Geschmeidigkeit ist, was uns bleibt. Sie könnte man eine Vorstufe zur Anmut nennen. Sie ist noch »grav«, gehorcht den Gesetzen der Gravitation, aber leichten Schrittes und in größtmöglicher Beweglichkeit.
Geschmeidigkeit ist eine ästhetische Qualität, über die Kleist in seinem Marionettentheater philosophiert. Sie hat aber auch eine ethische Seite. Die ästhetische Dimension der Geschmeidigkeit liegt offen zu Tage, etwa in den Bewegungen des Kellners, die ethische, wenn er dabei auch noch eine unerwartete Geste des Zuvorkommens macht, die inmitten all der professionellen Unrast von einem hohen Maß Aufmerksamkeit kündet und einer Portion Menschenliebe, etwa wenn der Mann trotz aller Hektik im Betrieb einem Kunden auch noch die Schwingtür aufhält, weil ihm nicht entgangen ist, dass da einer schlecht zu Fuß ist und große Mühe hätte, sie selbst zu öffnen. Eine solche Geste ist nicht nur schön anzuschauen, sondern getragen von einer Form ethischer Eleganz.
Geschmeidigkeit in diesem Sinne kann Ethik und Ästhetik im Handeln verbinden. Die goldene Geschmeidigkeit umfasst jeden eleganten Bewegungsablauf, dazu jedes Sozialverhalten, das eine ethische Qualität hat: weil es zu allererst von einem Gedanken getragen ist, den Kant später ins Zentrum seiner Moralphilosophie stellte, dass nämlich jeder Mensch für seinesgleichen stets Zweck und niemals nur ein Mittel sein sollte.
Nichts Schöneres unter den Menschen als eine solche Geschmeidigkeit. Aber damit ist das Thema nicht zu Ende, sondern fängt erst an. Denn es gibt auch ein Sozialverhalten, das ethisch ganz und gar nicht überzeugt, selbst dann, wenn es unzweifelhaft von einer ästhetischen Geschmeidigkeit gekennzeichnet ist. Das wäre die Geschmeidigkeit des Taschendiebs, des Hütchenspielers. Und, im größeren Stil, die Geschmeidigkeit des Trickbetrugs, der Hinterlist, der perfekten Intrige, auch die Geschmeidigkeit, sich bei einer Schurkerei nicht erwischen zu lassen.
Die Geschmeidigkeit in dieser Welt ist ein ambivalentes Ding. Man begegnet ihr immer in beiden Gewändern. Sie kann beides sein, motiviert aus purem Eigennutz oder getragen von sozialer Verantwortung, Rücksichtnahme und Nächstenliebe. Stets sind es beide Formen, die nebeneinander bestehen, sich widersprechen oder durchkreuzen, aber sich auch überlagern können. Betrachtet man die Formen als Ganzes, wie sie sich unaufhörlich verändern und entwickeln, entsteht ein Gesamtbild. Die vorherrschende Art der Geschmeidigkeit unter den Menschen ist schließlich ein Parameter, der Aussagen über etwas Ganzes erlaubt: Über den Zustand, in dem sich eine Gesellschaft befindet, ihre politische Kultur und Sittlichkeit.
Eine der großen Fragen der Aufklärung war es, wie man den Menschen so erziehen kann, dass sich seine edlen Anlagen entfalten und in einem Gemeinwesen allen anderen zugutekommen? Der Idealist und Spätaufklärer Adolph Freiherr Knigge meinte noch, im geschmeidigen Verhalten das Heil zu suchen. Er plädiert in seinem berühmten Werk »Über den Umgang mit Menschen« (1788) dafür, die Kunst zu erlernen, »sich bemerkbar, geltend, geachtet zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu sein; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigentümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen.« Dazu seien aber unerlässlich: »Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, zu rechter Zeit Verleugnung, Gewalt über heftige Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber und Heiterkeit des immer gleich gestimmten Gemüts.« Knigge sah in all dem ein Ideal, geformt aus Humanität und Toleranz, der Soziologe Alphons Silbermann dagegen etwas komplett anderes. Er verfasste 1997 im hohen Alter von fast 90 Jahren ein Buch mit dem Titel »Von der Kunst der Arschkriecherei«. Für ihn war das Werk Knigges selbst ein allzu »geschmeidiges Buch«, das seinesgleichen nicht hat und das er nur als »Kompendium zur Willfährigkeit« bezeichnete, ja vollends als eine »Anleitung zur Kriecherei«.
Egal wie, Geschmeidigkeit ist maximal zielstrebige und zugleich maximal effiziente Form sozialer Anpassung in dieser Zeit. Unter ihr sollen erst einmal nicht mehr und nicht weniger als alle sozialen Charaktereigenschaften des modernen Menschen verstanden sein, die für einen Lebensentwurf in der zeitgenössischen Gesellschaft nützlich und prägend werden. Es ist dies ein Charakter, der sich in vielerlei Haltungen, Verhaltensweisen und praktischen wie symbolischen Handlungen ausdrückt und dabei dem Einzelnen maximale individuelle Erfolgschancen und soziale Anerkennung einträgt und deswegen angestrebt wird. Geschmeidigkeit ist aber noch mehr, sie ist ein insgesamt erstrebenswerter individueller Aggregatzustand, in den eingeht, wer sie optimal zu nutzen weiß, und der gleichzeitig den höchsten sozialen Erfolg verspricht. Nicht mehr auf traditionelle Werte, auch nicht auf selbst gewählte Maßstäbe von Moral und politischer Haltung kommt es scheinbar an, auch nicht auf das nötige Glück oder Gottvertrauen, sondern: auf die Performance.
Wenn es ein Mensch in seiner öffentlichen Selbstdarstellung mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ist das normal. Alle wollen in einem besseren Licht erscheinen. Früher wie heute. Wie sehr ein Mensch die biografischen Tatsachen seines Lebens ausschmückt, ist immer eine heikle Sache. Es gibt verschiedene Grade, inwieweit man von der »Wahrheit über sich selber« abweicht oder abweichen darf. Wenn man etwa in einem Lebenslauf Angaben macht, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen, würde man sagen, da hat jemand seinen Lebenslauf geschönt. Man kann seine persönlichen Angaben in einem Profil zur Online-Partnerschaftsanbahnung »optimieren«, um seine Chancen zu erhöhen, etwa indem man beim Studienabschluss schummelt oder bei den Körpermaßen. Aber irgendwo gibt es eine Grenze, und irgendwo ist die Grenze zur Lüge überschritten.
Es scheint, Menschen unserer Zeit, motiviert von ganz unterschiedlichen Kräften, neigen dazu, in der Selbstpräsentation weiterzugehen als früher einmal. Man dringt weiter vor in einen Grenzbereich, und auch das eigentlich verbotene Gelände wird in einer Gesellschaft der Selbstdarsteller Schritt für Schritt enttabuisiert und eingemeindet. All das, was man sich erlaubt, wird mehr, weil der Druck, sich zu präsentieren, genauso größer geworden ist wie die Verlockungen und Prämierungen für den richtigen Auftritt, egal, ob es ein Traumpartner ist, der da wartet, ein enormes Jahresgehalt oder sonst ein erfolgreiches Leben. Sich in diesem schwierigen Gelände nicht nur straffrei, sondern gelenk zu bewegen, dabei die Geltungszone massiv auszudehnen, ohne dass man von diesem Tabubruch Schaden zu befürchten hätte, ja es zu schaffen, in die Verbotszone zu gehen und sich dennoch die Sympathien der Menschen zu bewahren, vielleicht sogar diese auch noch zu vermehren, das ist das höchste Vermögen der Geschmeidigkeit.
Augenblicke, in denen Menschen »wahrhaftig« sind, sich unverstellt und »mit heruntergelassenem Visier« begegnen, gibt es sie überhaupt? Gibt es in einem Menschenleben wirklich Momente, in denen die letzte Maske fällt? Vielleicht sind ja solche Momente allenfalls jene, in denen Menschen tatsächlich Neulinge einer Erfahrung sind und noch keine passende Maskerade im Repertoire haben, die erste Liebe, zu der sich zwei bekennen, oder aber die Augenblicke, in denen sie durch die Portale des Lebens treten, die Geburt und das Sterben. Oder all jene, in denen sie zwar maskiert agieren, ihnen aber alle Verhüllung nichts hilft, die Wahrheit zu verbergen. Etwa in einer Prüfung, die man als Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu absolvieren hat, um in ihr »etwas zu werden«: Klausuren etwa, die attestieren, dass es einer zu einer Meisterschaft gebracht hat. Man muss diese Könnerschaft dann beweisen und solche, die es schon dazu gebracht haben, sitzen in der Jury und beäugen höchst kritisch, ob es etwas taugt, was da einer abliefert. Momente und Anlässe, die offenbaren, ob es einer kann oder eben nicht. Auch der versierteste Schaumschläger, Phrasendrescher, so die Theorie, wird am Tag der Prüfung widerlegt. Ein anspruchsvolles Musikstück auf einem Instrument zum Vortrag zu bringen oder eine schwere Rechenaufgabe zu lösen, das sind Stunden der Wahrheit, wo kein schickes Hemd hilft, keine Designerbrille und wo auch der Geschmeidige nicht von seiner Gabe zehren kann, sondern nur die Substanz zählt und sonst nichts.
Aber sonst? Wo begegnen wir uns wirklich »wahrhaftig«? Ist nicht alles im sozialen Leben mehr oder weniger gelungene Verstellung? Das sagen zumindest Sozialwissenschaftler. Dennoch hat, was man in der Soziologie ganz nüchtern »Selbstdarstellung« nennt, im realen Leben einen eher schalen Beigeschmack. Jemanden als einen guten Selbstdarsteller zu loben, ist nicht unbedingt ein Kompliment. Er ist nicht allzu beliebt, der Selbstdarsteller. Man assoziiert spontan Menschen mit zweifelhaften Charaktereigenschaften. Einer, der kräftig Wind macht, dem man nicht recht über den Weg traut, so nennt man einen Möchtegern, einen Pretender oder Wannabe, einen, der im Leben krampfhaft versucht, etwas zu sein, was man vielleicht auf einer Kino-Leinwand noch beeindruckend fand, draußen in der Welt aber eher mit Kopfschütteln quittiert. Dort im eigenen Wohnviertel begegnen sie einem in der Regel weitaus weniger charismatisch, als Lokalprominente, Kiezgrößen, Chefs von Szenekneipen oder Designerläden, Journalisten, Ärzte, Porschefahrer mit der dicken Sonnenbrille. Aber wir alle? Sind wir tatsächlich auch alle Selbstdarsteller?
Auf jeden Fall erkennen wir sehr schnell, wenn sich einer vor anderen selbst darstellen möchte. Etwa auf der Autobahn, wenn einer an anderen mit seinem Sportwagen vorbeirast und nach dem Überholen höchstriskant einfädelt. Andere Verkehrsteilnehmer, die sich über so viel Waghalsigkeit ärgern, recken dann gern den Daumen hoch oder imitieren ein imaginäres Beifallklatschen, um dem Fahrer zu zeigen: »Bravo! Ganz toll!« Durch den Applaus spiegelt man dem Raser, dass man ihn für einen Aufschneider, also einen Spieler, hält, der sich hier richtig aufpumpt, und macht sich über ihn lustig. Die Geste wiederum hat gute Aussichten, den Selbstdarsteller auf vier Rädern zu ärgern, denn der dürfte mit Sicherheit von sich meinen, einfach nur er selbst zu sein oder so gekonnt zu agieren, dass der Spielcharakter in seiner Aktion verborgen bliebe.
Wenn man über die Urformen von Selbstdarstellung nachdenkt, kommt man auf das Lächeln zu sprechen. Nicht nur auf das von Herzen kommende, gütige, sondern eben auch auf das falsche Lächeln. Aber das eine vom anderen zu unterscheiden, ist nicht einfach. Allein schon wenn man sich länger als ein paar Sekunden die Mona Lisa anschaut, erkennt man bald, ein Lächeln kann viele Schichten haben. Lächeln ist Gefühlsausdruck und gleichzeitig die erste Maske der Selbstdarstellung, die dem Menschen zur Verfügung steht.
Um zu verstehen, welche Formen des Lächelns es gibt, fängt man am besten ganz vorne an. Zu lächeln, das ist am Anfang eine spiegelneuronale Resonanzreaktion des Säuglings auf die Mutter, die ihr Baby anlächelt. Dieses erste Lächeln, das ein Mensch geschenkt bekommt, ist immer ein liebevolles, das von der Mutter ausgeht, die es im Arm hält. Angelächelt zu werden, schafft Beziehungssicherheit, vermittelt Geborgenheit. Kinder werden angelächelt und lernen, andere anzulächeln. Das kann man schon bei den ganz Kleinen erkennen, die sich auch schon sehr früh umeinander kümmern und einander helfen können.
Aus frühen liebevollen Erfahrungen entwickelt sich im Erwachsenenalter ein allgemeiner Freundlichkeitshabitus, den wir auch aktivieren, sobald wir in der Sozialwelt außerhalb unseres vertrauten Kreises auf eine Person treffen, mit der wir interagieren – und sei es nur, dass wir sie nach dem Weg oder der Uhrzeit fragen. Ein Lächeln ist ein Zeichen. Man kommt in friedlicher Absicht und will sich als tendenziell vertrauenserweckend präsentieren. Man möchte auch noch beim kleinsten Hin und Her demonstrieren: »Von mir geht keine Gefahr aus, Du kannst mir vertrauen, Du bist willkommen!« Ein wohlerzogener Mensch lächelt den Nachbarn oder den Kollegen freundlich an, wenn er grüßt. Menschen sind in aller Regel People Pleaser, wenn sie auf andere treffen. Nicht aus Berechnung, sondern weil wir zur Empathie begabte Wesen sind, die anderen immer auch mit Mitgefühl begegnen können.
Das Urerlebnis des liebevollen Lächelns prägt jeden Menschen, es macht ihn jedoch auch sehr empfänglich für andere Formen des Lächelns, denen man später im Leben begegnet. Es braucht Zeit und jede Menge Erfahrung, bis Menschen lernen, dass hinter einem Lächeln eines anderen Menschen auch eine nicht so gute Absicht stecken kann, dass es nicht immer um den Austausch von gegenseitiger Zuneigung geht, sondern sehr oft nur um ein handfestes Interesse, dem da nachgeholfen werden soll. Meistens leitet dieses falsche Lächeln ein Geschäft ein oder einen Dialog, hinter dem ein eigennütziges Interesse steckt. Man will etwas loswerden, etwas verkaufen oder unbedingt bekommen, man geht einen Tauschakt ein, von dem man profitieren möchte. Angelächelt zu werden, erinnert jeden Menschen irgendwo immer daran, dass es einmal ein Zeichen war, jemandem vertrauen zu können. An den Missbrauch muss man sich erst schmerzhaft gewöhnen. Dennoch lernen Menschen schon in der Kindheit, ihr Lächeln als Maske einzusetzen. Etwa um eine Tüte Bonbons oder ein Eis zu erhalten, Aufmerksamkeit für ein Bild, das sie gemalt haben, oder um dem Wunsch nach einem Zoobesuch Nachdruck zu verleihen.
Es ist üblich, das Lächeln in falsche und echte Formen einzuteilen. Das echte ist schnell erklärt. Es ist jenes Lächeln, so denken viele, das von Herzen kommt, das Ausdruck einer warmen Emotion ist, die etwas in einem Menschen auslöst, ein Ausdruck, der nur Äußerung ist und keine Absicht hat. Und das falsche? Das falsche Lächeln ist dasjenige, das uns in betrügerischer Absicht begegnet, das uns täuscht, weil der, der es aufsetzt, damit einen Vorteil erringen möchte.
Wie aber ist es mit dem freundlichen Lächeln zur Begrüßung von Bekannten, Nachbarn oder Kollegen? Dieses Lächeln ist nicht unbedingt eines, das von tiefstem Herzen kommt. Aber ist es deswegen falsch? Hier sprechen Psychologen von einem sozialen Lächeln, das aktiviert wird, um den anderen zu signalisieren, dass man ihnen in friedlicher Absicht begegnet und sie willkommen sind. Immanuel Kant hat die Höflichkeit eine »gute Heuchelei« genannt. Man könnte behaupten, dass sie nicht zwangsläufig Heuchelei sei, sondern ganz und gar aufrichtiger Ausdruck, allerdings einer, der nicht so sehr von Herzen, sondern von einer ethischen Grundüberzeugung kommt. Mag sein, dass es kühler erscheint als das Lächeln aus vollem Herzen, es ist deswegen nicht unehrlich, drückt sich darin doch etwas aus, was wir wahrhaftig empfinden: eine Art soziales Zusammengehörigkeitsgefühl, und sei es auch nur für die Dauer eines Small Talks am Straßeneck. Man erkennt, auch Lächeln aus Freundlichkeit muss nicht falsch sein, so wenig wie alle sozialen Maskierungen in der Selbstdarstellung.
Wie sehr lassen sich Menschen von falschem Lächeln täuschen, wie sehr haben sie doch einen ganz guten Sinn dafür, falsches von echtem Lächeln zu unterscheiden? Das hat den britischen Psychologen Richard Wiseman interessiert. In einer Studie von 2015 ließ er Testpersonen jeweils paarweise angeordnete Fotos von lächelnden Menschen betrachten und bat sie zu benennen, wo richtig und wo nur aufgesetzt gelächelt wird. Sein Ergebnis: Etwa 60 Prozent der normalen Menschen sind in der Lage, falsches von echtem Lächeln zu unterscheiden. Aber ein Großteil liegt daneben. »Bei einem echten Lächeln«, so Wiseman, »beansprucht man mehr Gesichtsmuskeln, und das sieht man an den Falten um die Augen der Person, die sich stärker kräuseln.«
Diese Beobachtung ist alter Wissensbestand der Wahrnehmungspsychologie. Denn dass das aufgesetzte Lächeln die Augenpartie nicht erreicht, während von innen kommendes Lächeln Muskelpartien aktiviert, die um die Augen liegen und deren Kontraktion erst die markanten Krähenfüße-Falten erzeugen, hat schon 1862 der französische Psychologe Guillaume-Benjamin Duchenne in einer berühmten Untersuchung »Mechanismus der menschlichen Physiognomie« gezeigt. Genauer: Während jedes Lächeln eine Kontraktion des Zygomaticus-Muskels aufweist, also des Muskels, der die Mundwinkel hochzieht, aktiviert nur das wirklich von innen kommende Lächeln zugleich den Orbicularis-Oculi-Muskel um die Augen. Das heißt, die Augendeckfalte, die zwischen Augenbraue und Augenlid liegt, senkt sich ab. Unbestechlich ist also nicht der Mund, sondern es sind nur die Augen. Sie drücken nahezu alle Emotionen aus, starke wie schwache.
Vielen Menschen ist es aber nicht immer recht, dass die Augen so authentisch kommunizieren. Sie steuern bei Bedarf gegen, und zwar in der unteren Gesichtshälfte. Trifft man etwa auf einen unangenehm empfundenen Menschen, kann im Blick zunächst ganz unverstellt Aversion oder manchmal sogar Ekel liegen. Menschen sind jedoch in der Lage, blitzschnell der Emotion, die sich da den Weg nach außen bahnt, ein gespieltes Lächeln nachzuschieben, das dazu dient, den zwar wahren, aber situativ nicht erwünschten offenen Eindruck zu verbergen und dem Gegenüber mit einer gespielten Freundlichkeit zu begegnen. Das geht zurück auf frühe Lernleistungen, kein Wunder, davon kann viel abhängen, egal, ob beim Einstellungsgespräch mit dem zukünftigen Chef im Büro oder beim Date zur Anbahnung einer Partnerschaft.
Damit Menschen die Kontrolle über ihre Emotionsausdrücke behalten, nutzen sie in ihrer unteren Gesichtshälfte die Möglichkeit, die unverstellt geäußerten Gefühlszustände der Augen sozusagen zurückzumaskieren, indem sie dort eine Art mimische Maske aufsetzen. Wie und ob das gelingt, zeigten 2016 die japanischen Forscher Miho Iwasaki und Yasuki Noguchi. Sie konnten nicht nur bestätigen, dass Menschen vor allem durch unmittelbar nachgeschobenes Lächeln dazu neigen, den ersten spontanen Emotionsausdruck effektiv zu korrigieren, sondern auch, dass diese nachträglichen Maskierungsstrategien überaus erfolgreich sind und den ersten Eindruck wirkungsvoll überdecken. Selbst wenn also die wahre Emotion einer Person kurzzeitig offenbart wird, wird ihre bewusste Erkennung durch Folgebewegungen in anderen Teilen des Gesichts gehemmt. Das Lächeln des Mundes, auch wenn es nachgeschoben ist, ist demnach der stärkere Reiz. Er ist so omnipräsent, dass er bei den Empfängern die ursprüngliche Botschaft der Augen vergessen machen kann. Man kann es auch so ausdrücken: Selbst wenn man durchaus aufgesetztes von emotionalem Lächeln in einer Versuchsanordnung einigermaßen zuverlässig unterscheiden kann, lässt man sich im normalen Leben nur allzu leicht täuschen.
Wird ein falsches Lächeln eingesetzt, das weder der puren Liebe und auch nicht einem menschenfreundlichen Ethos entspringt, weil es ausschließlich ein eigennütziges Interesse motiviert, kann man sagen, es ist gespielt. Beim Spiel ist es wie im Theater oder im Film. Die hohe Kunst besteht darin, auch ein falsches Lächeln so zu imitieren, dass es als ein emotionales erscheint oder wahlweise als ein von einer ethischen Haltung ausgelöstes und für glaubwürdig gehalten wird.
Die Orte, an denen heute die hohe Kunst des geschmeidigen Lächelns quasi rund um die Uhr zelebriert wird, befinden sich am ehesten dort, wo es um einen hart umkämpften Markt geht, wo es gilt, im Handumdrehen maximale Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. Um die aktuellen Inszenierungsforen zeitgemäßer Geschmeidigkeit aufzusuchen, tut man also gut daran, den Auftritt von Menschen zu studieren, am besten solche, die ein Massenpublikum erreichen möchten und denen dies auch gelingt, YouTuber etwa, die über eine hohe »soziale Reichweite« verfügen oder erfolgreiche Fernsehmoderatoren. Besser aber keine, die im Nischenprogramm bei der Kultur auftreten oder etwa ein investigatives Format moderieren. Eher solche, die in einem der öffentlichrechtlichen Vorabend-Programme performen und die obendrein unter Quotendruck stehen, weil von den Programmchefs permanent kontrolliert wird, ob gefällt, was gesendet wird. Ein Moderator, vielleicht Ende vierzig, Anfang fünfzig, aber »jung geblieben«, weiße Sneakers und pfiffige Designerbrille, ein Jackett mit hochgekrempelten Ärmeln, die seine Armknöchel freilegen, an denen ruhig ein paar bunte Kordeln oder ein Lederriemchen zu sehen sind, vielleicht sogar das ausgefranste Armbändchen aus dem letzten All-inclusive-Kluburlaub auf Ibiza.
Das wichtigste Kapital des Moderators ist sein Lächeln. Es soll der Türöffner zu den Herzen seines Publikums sein. Und das möglichst andauernd, was erklärt, warum Moderatoren nahezu ständig vor sich hin lächeln, ohne dass es eines äußeren Anlasses bedurfte. Darauf ist der Fernsehmoderator getrimmt, sobald das rote Kameralämpchen leuchtet, das hat er unzählige Male vor dem Spiegel geübt. Früh hat man ihm beigebracht, es geht, egal welcher Inhalt transportiert wird, um immerwährende Positivität. Wer routiniert moderiert, bei dem hat sie sich verfestigt, sie ist ihm in Mark und Bein übergegangen. Er kann gar nicht anders, als positiv zu sein.
Das Lächeln zur Anwerbung fremder Menschen, die den Lächler nur mit einem Interesse verbindet, ist die älteste Form der Geschmeidigkeit, eine, der man sich manchmal nur schwer entziehen kann, vor allem, wenn sie von Frauen eingesetzt wird. Viele, vor allem europäische Männer, zeigen sich vom asiatischen Lächeln, etwa dem »Sourire Khmer«, von dem Graham Greene so ergriffen geschrieben hat, bezirzt. Man kann diesem unwiderstehlichen Lächeln bis heute noch überall in Indochina begegnen, vor allem auf den Märkten, wo es von Frauen, dezent eingesetzt, hilft, ihre Waren besser an den Mann zu bringen. Und natürlich kennt man es auch von der Prostitution. Nicht nur zur Freude der Politiker und Sittenwächter. Um Kunden oder Freier davor zu bewahren, dass sie in die Lächelfalle tappen, wird seitens der Politik keine noch so strenge Maßnahme ausgelassen. In Frankreich, wo die Prostitution verboten ist, gab es noch 2003 unter dem damaligen Premierminister Nicolas Sarkozy eine Gesetzesverschärfung, nach der es nicht nur Kunden von Prostituierten untersagt wurde, diese auf dem Straßenstrich anzusprechen, sondern es den Frauen verboten wurde, zu potenziellen Freiern Blickkontakt aufzunehmen und diese anzulächeln. Selbst dieses »passive Anwerben«, französisch »raccolage passif«, konnte laut Gesetz mit bis zu zwei Monaten Gefängnis oder einer hohen Geldstrafe geahndet werden. Schriebe man eine Kulturgeschichte des Lächelns, eine historische Sozialpsychologie gewissermaßen, würde man bald erkennen, dass dieses Gefälligkeitslächeln, sobald es nicht der erotischen Sphäre entstammt und dem Zweck des Zurschaustellens der eigenen sexuellen Attraktivität dient, um einen potenziellen Partner anzuwerben, fast ausnahmslos der ökonomischen Sphäre zugehörig ist. So gelächelt wird nahezu immer, um ein Tausch- oder Kaufinteresse zu wecken, genauso wie der Moderator lächelt, um Zuschauer zu binden. Lächeln zur Akquise gewissermaßen – nach dem Lächeln aus Liebe die zweitälteste Gefühlsregung der Welt. In jeder Lage zu lächeln, auch noch in der aussichtslosesten oder in einer, in der der Normalbürger eher nervös oder angespannt wäre – damit verdient der Berufslächler sein Brot. Lächeln bedeutet hier Ausdruck von Souveränität, man hat alles im Griff, egal, ob einen renitenten Studiogast oder die Anmoderation zur Massenkarambolage im Nachrichtenblock. Lächeln heißt, Menschen an sich zu binden.
Wie sehr das soziale Leben einem Darstellen auf der Bühne gleicht, lässt sich am besten dort studieren, wo man Situationen des alltäglichen Lebens nicht mit einem Spiel auf einer Bühne vergleichen kann, sondern wo einer ganz direkt und unverblümt auf einer echten Bühne agiert. Zum Beispiel in einem Fernsehstudio, in dem eine Livesendung produziert wird. So ein Live-Fernsehauftritt ist eine aufwendige Sache. Nicht nur technisch. Alles will kontrolliert sein, bevor man auf Sendung geht. Der Maskenbildner tupft dem Mann des Lächelns nochmals den Schweiß ab, der selber checkt den Sitz seines Jacketts, rückt die Krawatte zurecht. Es gibt auch welche, die, um sicherzugehen, dass sie es nicht verlernt haben, zur Probe noch einmal vor sich hinlächeln oder die ersten Sätze der Anmoderation vor sich hinsprechen, bevor es losgeht. Hier ist alles einstudiert, so gut wie nichts spontan. Alles beim Fernsehen, selbst noch das Unterhaltsame, ist eine todernste Sache. Wie anstrengend es wirklich ist, ständig so zu lächeln, und zwar vor allem gegen die eigene Befindlichkeit anzulächeln, sieht man immer wieder, wenn der Beitrag anmoderiert ist, aber noch Zeit vergeht, bis er eingespielt wird. Dann gefriert selbst bei manchem Profi das Moderatorenlächeln, die Zeit scheint still zu stehen, das Lächeln aber nicht, es entgleitet, wird starr, das Gesicht verrutscht, der Moderator zeigt nun, was er immer ist, ein Maskenträger. Das Maskenhafte wird greifbar, das ganze Elend, die harte Wahrheit hinter allem Schein: die Arbeit, die Pein, der Abgrund. Es gibt aber auch Naturtalente, die selbst solche Time Slots unbeschadet überbrücken können, die scheinbar ewig dauern: Entertainer Eckhart von Hirschhausen etwa oder Ex-Fußballprofi Bastian Schweinsteiger schaffen es auch noch lange nach dem Ende der Sendung, in unglaublicher Tapferkeit weiterzulächeln.
Ein normaler Mensch kommt heute trotz der Omnipräsenz von allerlei Medien höchst selten ins Fernsehen. Deswegen ist er nervös, wenn es doch mal dazu kommt. Er hegt vielleicht ähnliche Gefühle bei einem bevorstehenden Auftritt, wie wenn ein Zahnarztbesuch anstünde. Man kann zwei Nächte vorher nicht mehr schlafen und ist aufgeregt, bevor die Sendung anfängt, zu der man da vielleicht als Sprecher einer Bürgerinitiative oder als jemand, der einen kleinen Preis gewonnen hat, eingeladen ist. Wer öfter im Fernsehen auftritt, ist immer noch nervös, hat aber schon gelernt, es besser zu verbergen. Die Steigerung sind solche Menschen, die ins Fernsehen kommen und es genießen. Im Theater nennt man so jemanden eine Rampensau. Wovor sich andere ängstigen, scheint sie zu inspirieren.
Die finale Endstufe der Entwicklung ist jedoch nicht jene, in der alle Nervosität einer emotionslosen Souveränität gewichen ist. Nein, die wahre Steigerung ist eine Art zur Schau gestellte Indifferenz dem ganzen technischen Aufwand gegenüber, den Bauten, Beleuchtungsapparaturen und auch dem ganzen Personal, das einen ständig und in großer Zahl, vom Zuschauer freilich ungesehen, umgibt und das dazu da ist, den Studiogast ideal in Szene zu setzen. Mehr noch, bei solchen Menschen meint man, eine Art demonstrativen Gelangweiltseins zu erkennen, und es geht noch mehr: eine Art Verdruss schon, dass man im Fokus der Medien steht, ein nach außen gekehrtes Gefühl des Belästigtseins, ja, ein scheinbarer Widerwille gegen all die künstliche Aufmerksamkeit, die einem da entgegengebracht wird.
Der Geschmeidige, der es ins Scheinwerferlicht der Medien geschafft hat, lernt bald, nicht mehr zu zeigen, wie nervös er ist, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet ist, und erst recht nicht, wie erfreut, wenn sich ein Miko nähert. Man verbirgt die glückvolle Aufregung besser, die in einem aufsteigt, wenn ein Reporter für ein Interview anfragt, obwohl man doch von einer derartigen medialen Wichtigkeit einst im Jugendzimmer, eingehüllt in die Bayern-München-Bettwäsche, ganze Nächte lang geträumt hat. Gerade der interviewte Fußballprofi, und sei er noch so unbedeutend, hat schnell gelernt, dass man keine Freude zeigen sollte, wenn es zum Interview kommt, sondern besser eine leichte Gereiztheit verströmt. Man hat sich das bei den Großen abgeschaut, bei Cristiano Ronaldo oder beim Erfolgstrainer Jürgen Klopp, in Expertenkreisen auch die »Lady Di des Fußballs« genannt, der es zwar nicht schafft, auch nur einer einzigen Kamera auszuweichen, wenn er dann aber redet, immer so tut, als wäre ihm diese Aktion extrem lästig, und noch fast jedem Reporter das schlechte Gefühl gibt, es sei eine unverdiente Gnade, den großen Trainer vor dem Mikro zu haben. Ein solches Gebaren folgt einer ersten Regel der Selbstdarstellung in medialer Zeit: Man vermag den eigenen Wert an Bedeutsamkeit zu steigern, indem man so tut, als sei einem all die gewährte Aufmerksamkeit regelrecht zuwider.
Sich rarzumachen, trotz des Bedürfnisses, so oft wie möglich im Mittelpunkt zu stehen, ist vollendete Geschmeidigkeit. Auf der Leiter der Geschmeidigkeit ist es wie mit der neuen Liebe. Man macht sich umso begehrenswerter, je mehr man die Angebetete zappeln lässt, anstatt sofort zu antworten: »Ja, natürlich habe ich Zeit, ich komme überall hin, wo immer du willst.« In der Aufmerksamkeitsökonomie hat man gelernt, dass erst durch knappdosierte Präsenzintervalle die Aktien der eigenen Attraktivität ins Unermessliche zu steigern sind. Man darf nur nicht übertreiben. Denn folgt der Absturz an Popularität, und es möchte nicht einmal mehr der Reporter vom Lokal-TV ein Gespräch mit einem führen, dann hat man zu hoch gepokert.
Dennoch, Selbstdarstellung ist keine Balz, kein selbstverliebter Ausdruckstanz und kein affektiertes Pirouettendrehen, keine One-Man-Show, kein Catwalk auf dem Laufsteg des Lebens oder ein laszives Posing auf Instagram, sie ist nicht, wie man vorschnell annehmen könnte, eine Veranstaltung von notorischen Angebern oder vollends von pathologischen Narzissten, sondern zunächst einmal eine Notwendigkeit des menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft. Insofern ist jeder ein Selbstdarsteller, der Papst so sehr wie die Kassiererin bei Lidl. Es ist eine grundlegende Überzeugung der Soziologie, wie sie schon in ihrer Gründungsphase etwa im Werk Georg Simmels zum Ausdruck kommt, dass sich Menschen unaufhörlich in Rollen darstellen, wenn sie anderen gegenübertreten. Menschen weisen zwar ganz verschiedene individuelle oder charakteristische Eigenheiten auf, als gesellschaftliche Wesen begegnen sie sich jedoch immer in sozialen Rollen. Sich selbst darzustellen, eine Rolle zu spielen, ist erst einmal eine soziale Funktionsweise, ohne die gesellschaftliches Zusammenleben nicht vorstellbar ist. Und wir tun es andauernd, kein Bereich ist ausgenommen. Alles ist Bühne der Selbstdarstellung, die Arbeitswelt, die Bar oder Kneipe bei der After-Work-Party nach Feierabend, die Welten von Freizeit und Urlaub, die sozialen Orte von Partnerschaft, Familie, Freundschaft und Verein, Parteien oder Verbände, in denen man sich bewegt.
Wenn wir eine Rolle spielen, tritt unsere Individualität hinter die Rolle zurück. Georg Simmel hat diese Voraussetzung des sozialen Zusammenlebens in seiner Soziologie ausführlich beschrieben. Er spricht davon, dass wir anderen in der Öffentlichkeit nicht als Individuen begegnen, sondern sie »in irgendeinem Maße verallgemeinert« sehen. Wir nehmen im anderen immer nur den Typus wahr, »unter den wir ihn rechnen«, wobei die Formen der Rolle immer der Individualität vorausgehen und von Menschen »inhaltlich ausgefüllt werden.«
In den 1950er-Jahren entwickelte die US-amerikanische Soziologie die Rollentheorie und knüpfte an Simmel an. Auch sie nimmt in der Erkenntnis ihren Anfang, dass alles Handeln in der Gesellschaft in sozialen Rollen erfolgt. Sobald der Mensch agiert, tut er dies als Träger einer sozialen Rolle, egal ob als Mutter oder Vater in der Familie, als Schüler oder Lehrer in der Schule, als Angestellter oder Chef im Betrieb. Das hat mit dem Wesen sozialer Identität zu tun. Soziale Identität wird immerzu einem Rollenbild angepasst, das die jeweilige Situation zu erfordern scheint. Erst eine Rolle ist in der Lage, soziale Identität überhaupt auszudrücken.
Selbstdarstellung ist aber mehr als nur das soziale Rollenspiel, sie ist ein Oberbegriff für alle Formen, wie wir uns nach außen hin, zur Gesellschaft, präsentieren. Man kann also unter »Selbstdarstellung« nicht nur unser Rollenverhalten verstehen, sondern darüber hinaus alle auch spontanen, weniger festgelegten Formen, wie ein Individuum neudeutsch gesagt: »rüberkommen« möchte. Dazu wählt jeder Einzelne bestimmte Ausdrucksmittel, die er für seinen Auftritt geeignet hält. Was sage ich? Wie sage ich es? Wie möchte ich wahrgenommen werden? Man inszeniert sich, und zwar nach einer Idee, die man von sich hat. Aller Selbstdarstellung zugrunde liegt der Wunsch, wie man bei anderen ankommen möchte.
Wenn der Mensch morgens seine Wohnung verlässt, dann verwandelt er sich, ganz ähnlich wie ein Schauspieler, der zuvor noch in seiner Garderobe gesessen hat und sich für den Auftritt auf der Bühne umzieht, frisiert und schminkt. Das ist die Grundüberzeugung der Rollentheorie. Im Spiegel überprüft er sich so lange, bis er denkt, die Aufmachung ist geeignet zur Außendarstellung, zumindest für jene, die heute gefragt ist. Der Tag kann kommen. Dann öffnet er die Haustür und tritt hinaus in die Sozialwelt. Alle machen das, wenn sie zur Arbeit gehen, wenn man Freunde trifft, selbst wenn es nur zum Einkaufen oder in den Kiosk um die Ecke geht, um sich ein Bier zu holen. Auf der einen Seite folgt man damit einer Idee oder Vorstellung von sich selbst, wie man wahrgenommen werden möchte. Auf der anderen Seite orientiert sich dieses gewählte Außenbild auch daran, wie einer glaubt, sympathisch zu erscheinen und zu erreichen, dass er für seinen Auftritt wenigstens auf ein Minimum an Gegenliebe stößt.
Als Begründer der modernen Rollentheorie und so etwas wie der Gründungsvater der menschlichen Selbstdarstellung als akademischer Disziplin gilt der US-amerikanische Soziologe Erving Goffman. Er hat mit seinem Titel »Wir alle spielen Theater« (im Original: »The Presentation of Self in Everyday Life«) schon 1959 ein Grundlagenwerk vorgelegt, in dem er menschliches Sozialverhalten als eine Art Spiel betrachtete und alle Akteure des sozialen Geschehens mit Schauspielern verglich, die auf den verschiedenen Bühnen des Lebens Rollen spielen und von einem Publikum wahrgenommen werden.
Unter einer sozialen Rolle versteht Goffman, und nach ihm Ralf Dahrendorf, der diesen Begriff in die deutsche Soziologie eingeführt hat, einen Komplex konkreter Verhaltenserwartungen, Erwartungen, die einen normativen Charakter haben, in bestimmten Handlungszusammenhängen zum Tragen kommen und Gültigkeit beanspruchen. »Das heißt, sie wechseln nicht beliebig von Situation zu Situation, sondern sind regelmäßig unter bestimmten Umständen auftretende Erwartungen eines regelhaften Verhaltens«, führt der Soziologe Hans Peter Dreitzel aus. Man könnte auch sagen, Rollen sind Wahlidentitäten einer Person, mit der bestimmte normativ festgelegte Rollenerwartungen des Verhaltens und Handelns miteinander verbunden sind und die quasi den Rahmen abstecken, in dem eine Interaktion zweier Rollenträger abläuft. Diese Erwartungshaltungen gegenüber einer Rolle bestimmen darüber, wie sich Menschen dem jeweiligen Rollenträger gegenüber verhalten, gleichgültig, ob da einer etwa ein echter Polizist ist oder sich nur für einen Polizisten ausgibt, etwa in betrügerischer Absicht. Man passt das eigene Verhalten der Rolle desjenigen an, dem man da begegnet. Weil ich davon ausgehe, dass mir ein Polizist helfen wird, den richtigen Weg in einer fremden Stadt zu finden, spreche ich ihn an und werde sehr wahrscheinlich auf einen Menschen stoßen, der sich zuständig fühlt und versuchen wird, mir eine kompetente Antwort zu geben. Umgekehrt beeinflusst das auch meine Fügsamkeitsmotivation, wenn ich die Rolle anerkenne. Ich würde umgehend meinen Ausweis zücken, wenn ich bei einer Personenkontrolle aufgefordert werde, diesen vorzuzeigen.
