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Auszug aus dem Prolog:
„Wir sind auf einem Kongress in der Schweiz. [...]
Ich stelle fest, dass kein Wert darauf gelegt wird, sich erst einmal auf elementare Begriffe zu einigen. Verschiedene Sprecher verwenden diffuse Worte wie Gewalt und Macht, nehmen aber an, dass alle wissen, was exakt damit gemeint ist. Als ich darauf hinweise, wird einfach weiter gemacht und ich habe das Gefühl, dass entweder allen völlig klar ist, worum es geht oder es allen ziemlich egal ist.
Für mich beginnt das Lösen eines Problems damit, es zu verstehen. Ob es verstanden wurde, merkt man daran, ob es erklärt werden kann...“
Mit einem Duktus, der an Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus erinnert, wird Gesellschaft als eine Maschine beschrieben, deren Zweck noch nicht festgelegt ist. Organisationsprinzipien und Kommunikationswege werden aufgefasst wie Programmcode und das menschliche Bewusstsein wie ein mathematisches Verfahren.
Die einzigartige Perspektive eines Naturwissenschaftlers mit aufklärerischem Anspruch wird in diesem Buch auf möglichst einfache, aber präzise Weise vermittelt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
von Moritz Q. Flink
Über den Autor
Moritz Q. Flink erreichte ein Diplom in Physik und einen Doktortitel in Ingenieurswissenschaften. Zurzeit arbeitet er als Programmierer und betreibt einen YouTube-Kanal, auf dem er regelmäßig Gedanken zu gesellschaftlichen Themen äußert.
Bei dem Buch, das Sie gerade in den Händen halten, handelt es sich um die Essenz der auf diese Art veröffentlichten Gedanken und Schlussfolgerungen.
Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.
- Karl Valentin
Hey du, ja du!
Du bist genau wie ich ein denkendes Geschöpf des Verstehens. Wir beide wurden in diese Welt geworfen – so jedenfalls formulierte es einst Martin Heidegger, ein Existenzphilosoph. Und klar, wenn wir deine und meine Geschichte mal kurz vergegenwärtigen, so ist das auch sehr augenscheinlich. Von Tag 0 (im Bauch unserer Mutter) versuchten wir beide in dieser Welt einfach nur einigermaßen klarzukommen. Ausgestattet mit Emotion, Kognition und Verstand – in unterschiedlicher Gewichtung – erschlossen wir uns von Tag 0 die Welt und weitaus wichtiger: Die Welt erschloss und erschließt sich natürlich auch uns. Wir mussten Sprache lernen. Praktiken und Rituale nachahmen und durch unterschiedliche Systeme und Institutionen wurde uns beigebracht, wie wir hier klarkommen und wo unser Platz in dieser Welt ist.
Wir beide und alle anderen Hineingeworfenen leben mit einigen wenigen, aber biologisch unumstößlichen Konstanten: Essen, Trinken, Atmen, Defäkieren, Sterben, Kommunizieren. Das ganze Dazwischen, das WIE, ist dann mehr oder weniger ein Zufallsprodukt aus unendlichen Rekombinationen von Kommunikation, welches man vielleicht auch als Kultur oder Gesellschaft oder Realitäten bezeichnen könnte. Wir erzählen uns also ständig, wie wir miteinander leben können, sollen, müssen oder dürfen. Wir sind eingebettet in soziale Strukturen, die uns nicht nur Orientierung und Halt geben, sondern uns auch gegenseitig unterwerfen, unterdrücken, ausbeuten oder leiden lassen. Nicht von ungefähr basiert der Buddhismus auf der Erkenntnis des immerwährenden Leids und wie man mit Taten in der Gegenwart die Strukturen der Zukunft und die noch nicht Hineingeworfenen definiert.
Die Art und Weise WIE wir kommunizieren, wie wir uns organisieren, um unsere eigene Reproduktion, bestehend aus Essen, Trinken, Scheißen, aufrechtzuerhalten, ist also jederzeit kritisch hinterfragbar und somit auch veränderbar - auch wenn uns so manche Dinge wie in Stein gemeißelt erscheinen, eben weil wir sie uns, wie selbstverständlich, in und durch die bestehende Welt erschließen.
Menschen reproduzieren also mit ihrem Verstehen die gegebenen Strukturen. Man nennt den Vorgang auch Lernen. Als soziale, hineingeworfene Wesen sind wir darauf angewiesen kollektiv zu lernen, um zu überleben. Das ist quasi „Next Level Evolution„. Uns wachsen keine neuen Beine oder Schnäbel, sondern mit Hilfe unserer Ideen und unserer Kommunikation entwickeln wir uns - um uns den Gegebenheiten anzupassen. Dabei schaffen wir allerdings auch neue Gegebenheiten, für uns und unsere gesamte Umwelt. Gott ist tot, schrieb Nietzsche mal. Ich würde sinnbildlich ergänzen mit: Lang lebe der Mensch!
Überleben bedeutet also sich den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, was – vice versa – zur Folge hat, dass die Gegebenheiten auch mich und dich und alle zukünftig geborenen Menschen anpassen. Doch es gibt eine Besonderheit, die dafür sorgt, dass wir aus der reinen langweiligen und starren Schleife der Reproduktion von Strukturen, also dem reinen Kopiervorgang, ausbrechen und so etwas wie „Fortschritt„ oder „Regression„ wahrnehmen können. Beides ist ja nur ein Unterschied, eine spürbare Differenz zum Status quo. Ich rede von Anomalien, Irritationen und Variationen, die diesen kontinuierlichen Kreislauf öfter mal so anstupsen, dass sogar richtige Kerben in die Realität geschlagen werden, die seinem gesamten Verlauf des Seins auch mal einen neuen Drall geben oder ganze bestehende, scheinbar stabile Strukturen, von heute auf morgen zum Kollabieren bringen können.
Es ist die Variation des Verstehens, der Wechsel der Perspektive und Sprache, der Akt des unterschiedlichen Wahrnehmens, Fühlens und Vermitteln des Dings, was wir Realität nennen, welches diese Arten von Irritationen und damit Potenziale zur Veränderung erst schaffen. Ich würde sogar behaupten, dass es der Begriff der Vernunft selbst ist, der genau das zum Ausdruck bringt. Vernunft ist mehr als nur Verstehen. Vernunft ist der Akt der kritischen Reflektion, der immer wieder versucht, die Welt, in die wir hineingeworfen wurden, so gut und anschaulich und wahrheitsgemäß zu beschreiben, so dass wir ein gemeinsames neues Sein entwickeln können. Die Vernunft war daher auch gerade deshalb das Instrument der Aufklärung. Es ging darum Licht ins Dunkle zu bringen, sodass wir nicht nur erfassen konnten, was der Fall ist, sondern vor allem, was der Fall sein könnte. Die Folge der Aufklärung war die Erkenntnis, dass nicht eine höhere Macht, sondern Menschen und ihre Praktiken und Kommunikationen selbst die Welt, in der wir alle leben, maßgeblich gestalten – im positiven wie im destruktiven Sinne.
Das Buch von Moritz Flink, welches du gerade in deinen Händen hältst, ist meines Erachtens ein aufklärerisches Werk des subversiven Verstehens. Es ist so formuliert, wie der hineingeworfene Moritz die Welt wahrhaftig sieht und beschreibt. Ist es DIE Wahrheit? Nein. Ist es vollständig? Vermutlich nicht. Es ist aber sehr wohl der mutige Versuch das scheinbar Unerfassbare für uns auf seine wahrhaftige Weise zu erfassen und zu übersetzen – frei von jedweden akademischen oder ästhetischen Zwängen, dafür aber stets mit Hilfe des eigenen Verstandes. Es ist der Denkprozess über die Welt selbst, die hier so wichtig ist und leider viel zu wenig von uns allen praktiziert wird. Am liebsten wäre mir, wir alle würden, wie Moritz, so ein Buch schreiben und für uns möglichst klar darlegen, wie wir die Welt wirklich sehen und uns nicht einfach nur von ihr willkürlich treiben lassen.
Einer der berühmtesten Zitate Kants lautet: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Das hat der Autor dieses Buches getan und daher halte ich es für dich ebenso als lesenswert, hinterfragbar und diskutierbar. Neben dem radikalen Infragestellen unserer gestrigen und heutigen Welt, eröffnet dieses Buch den Raum, dass wir beide darüber hinaus uns fragen: Wollen wir morgen eigentlich auch so weiterleben? Erst im Verstehen und Anzweifeln des Verstandenen zugleich, kann eine neue Welt entstehen, in die unsere künftigen Kinder und Enkelkinder wieder hineingeworfen werden.
Wir sind auf einem Kongress in der Schweiz. Jeder kann Seminarräume reservieren und beliebige Veranstaltungen durchführen. Selbstverwaltung ist hier die prägnante Grundidee. Die Verpflegung, die Unterkünfte und die Veranstaltungen werden selbstverwaltet geplant. Ich sitze in einem kleinen Seminarraum auf dem Boden. Viele Menschen drängen sich noch hinein. Sie wollen an einer Diskussionsrunde zum Thema Machtverhältnisse teilhaben. Alle Teilnehmer bezeichnen sich als Anarchisten. Viele würden von sich sagen, sie sind belesen. Namen wie Foucault und Hegel fliegen durch den Raum.
Ich stelle fest, dass kein Wert darauf gelegt wird, sich erst einmal auf elementare Begriffe zu einigen. Verschiedene Sprecher verwenden diffuse Worte wie Gewalt und Macht, nehmen aber an, dass alle wissen, was exakt damit gemeint ist. Als ich darauf hinweise, wird einfach weiter gemacht und ich habe das Gefühl, dass entweder allen völlig klar ist, worum es geht oder es allen ziemlich egal ist.
Für mich beginnt das Lösen eines Problems damit, es zu verstehen. Ob es verstanden wurde, merkt man daran, ob es erklärt werden kann. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich noch verstehe, worum es in diesem Raum eigentlich geht. Das wird daran liegen, dass ich mich selbst als Quereinsteiger bezeichnen würde. Ich bin erst seit zwei Jahren mit dem Begriff des Anarchismus vertraut, und auch das Nachdenken über das gesellschaftliche Problem hatte ich nach meiner Jugend erst einmal aufgegeben und gegen ein Diplom in Physik eingetauscht. Zurück zum Nachdenken über diese Probleme kam ich erst, als ich 2012 das Studium abgeschlossen hatte. Ich habe weder die „Klassiker“ gelesen, noch kenne ich Bücher der Moderne. Radikalisiert hat mich die Aufmerksamkeitsökonomie der neuen Medien. Geholfen hat mir, dass ich zuvor ausreichend darüber nachdenken durfte, wie mithilfe der Sprache der Mathematik elementare Prozesse beschrieben und somit auch gedacht werden können.
Ich kam zum Anarchismus über die Perspektive eines Programmierers, der darüber reflektiert, wann Prozesse parallelisiert werden sollten und wie serielles Abarbeiten verbessert werden kann. Auf die Gesellschaft lassen sich viele interessante Konzepte der Softwarewelt übertragen. Insbesondere die Tatsache, dass wir uns durch Bürokratien organisieren, die Verantwortung übernehmen und Menschen einschränken, ließ mich mehr und mehr darüber grübeln, wie es nun eigentlich funktioniert. Es? Naja, die Gesellschaft. Welches Problem lösen die aufsummierten Handlungen aller Menschen eigentlich? Welche Geschichten erzählen wir uns über uns selbst, unsere Nachbarn, Länder und die eigene Spezies? Was meinen wir mit Fortschritt? Welche Rolle spielen Staaten und Unternehmer? Was ist Kultur? Wieso kollabieren totalitäre Regime? Wie gut funktioniert Demokratie? Entstehen Kriege aufgrund der Natur des Menschen oder etwas anderem? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Religion, Kapitalismus, Verschwörungstheorien und Verwaltung?
Nach nun vier Jahren der aktiven Auseinandersetzung mit Fragen dieser Natur meine ich, etwas beitragen zu können. Ich bin mir sicher, dass nichts von dem, was ich in diesem Essay schreibe, wirklich neu ist. Was ich beitrage, ist lediglich eine alternative Formulierung, die sich nicht auf eine Denkschule stützt, die ich zuvor studiert habe. Es kann ein Wert darin liegen, Sachverhalte mit anderen Worten und Gedankenexperimenten zu beschreiben.
Ziel dieses Buches ist, mit wenigen Annahmen eine möglichst präzise Erklärung des gesellschaftlichen Problems zu liefern. Denn erst wenn eine Dynamik verstanden wurde, kann darüber nachgedacht werden, in diese Dynamik zielführend einzugreifen.
Die Freiheitsgrade handelnder Entitäten spannen ihren Entscheidungsraum auf. Entitäten können sowohl Lebewesen als auch Organisationen wie Staaten und Konzerne sein.
Gewalt: Das von Entitäten erzeugte Eingrenzen des Entscheidungsraums anderer Entitäten ist Gewalt. Dies schließt sowohl klassische umgangssprachliche Formen wie Mord oder Freiheitsentzug ein, als auch das Vorenthalten von Informationen oder das bewusste Täuschen von Entitäten, da auch solche Gegebenheiten den Entscheidungsraum beeinflussen. Es ist also keinesfalls gegeben, dass Ziele bzw. Opfer von Gewalt zwangsläufig bemerken, dass sie Gewalt ausgesetzt sind. Beispiele hierfür sind falsch behandelte Patienten, religiös indoktrinierte oder psychisch misshandelte Kinder.
Macht: Die Fähigkeit Gewalt auszuüben ist Macht. Einfache Beispiele sind Autoritätspersonen, Großgrundbesitzer, ein Staat oder multinationale Konzerne. Im Folgenden wird Macht als Zustandsgröße und Gewalt als Prozessgröße im Sinne der hier angegeben Definition verwendet.
Verantwortung: Hat eine Entität Macht, schreiben wir ihr Verantwortung zu. Das Wählen aus Freiheitsgraden in dieser Machtposition ist mit Folgen für die Freiheitsgrade der von der Gewalt betroffenen Entitäten verknüpft. Wir sagen, diese Entität ist verantwortlich, wenn Folgen aus ihrem Handeln auf andere wirken. Geben wir unsere Entscheidungsfreiheit an eine andere Entität ab, sprechen wir davon, Verantwortung abzugeben. Dabei meinen wir typischerweise, dass diese Entität dadurch mehr Macht über uns und alle die unter unserer Macht stehen, bekommt. Das schließt Beeinflussung der Freiheitsgrade von indirekt Beteiligten mit ein. Ein Beispiel sind Kinder von Arbeitern die im Interesse eines Konzerns umziehen müssen. Ein anderes Beispiel sind Kriegs- und Klimaflüchtlinge.
Schlussfolgerung: Verantwortung ist das Identifizieren und Zuschreiben eines Machtverhältnisses zwischen Entitäten.
Eine Organisationsstruktur, in der Macht von Wenigen auf Mehrere wirkt, die wiederum jeweils Macht auf noch mehr Entitäten haben, nennen wir Machthierarchie. Da es immer mehrere Entitäten sind, die mit wenigeren Entitäten auf diese Weise verbunden sind, ist ein wesentliches Merkmal solcher Strukturen, dass die Verantwortung sich schlussendlich in einer einzelnen Entität bündeln muss. Diese einzelne Entität kann selbstredend eine Gruppe von Menschen sein, zum Beispiel ein Kartell, eine Aktionärsversammlung, eine Aristokraten- oder Adelsfamilie. Machthierarchien sind demnach zentralisiert. Da das beschriebene Organisationsprinzip Pyramidenstruktur hat, wächst mit dem Grad an Hierarchisierung die Menge an eintreffenden Informationen exponentiell an. Machthierarchien sind deshalb - in besonderem Maße auf höheren Hierarchieebenen - darauf angewiesen Datenkomprimierung zu betreiben, um an die für sie wesentlichen Informationen zu gelangen. Mit anderen Worten: Je mehr Verantwortung auf einzelnen Entitäten der Hierarchie liegt, desto mehr Entscheidungsräume anderer Entitäten müssen berücksichtigt werden. Da jeder Mensch evolutionär ausgelegt ist mit seinem eigenen Entscheidungsraum ausreichend beschäftigt zu sein, muss er die Rechenleistung zur Verwaltung der Freiheitsgrade derjenigen, über die er Verantwortung hat, durch Hilfsmittel ersetzen. Es bedeutet auch, dass diejenigen, auf die Macht ausgeübt wird, ihre eigene Rechenleistung nur reduziert in die Datenverarbeitung der Machthierarchie einbringen können.
Zum Beispiel verbringt ein Teamleiter in einem IT-Unternehmen typischerweise etwa acht seiner 40 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit mit folgenden Verwaltungstätigkeiten: Arbeitszeiten, -aufwände und -ergebnisse seiner Teammitglieder erfassen und überprüfen, Urlaubsanträge freigeben, Krankenscheine entgegennehmen, Ressourcen und Kapazitäten für die Zukunft planen, Berichte für die nächsthöhere Machhierarchie (Abteilungsleitung, Business Unit, ...) erstellen und diese Berichte in Meetings vorstellen und erläutern. In der Zeit, die für diese Verwaltungsaufgaben verwendet wird, kann der Teamleiter keine fachlichen, fakturierbaren Tätigkeiten für das IT-Unternehmen ausführen. Seine „Rechenleistung“ in Bezug auf die eigentliche Zielstellung des Unternehmens (fakturierbare Leistungen abrechnen) ist reduziert. Je höher die Position innerhalb der Hierarchie, desto stärker müssen relevante Informationen komprimiert werden.
Je nach Restriktionsgrad der Machthierarchie ist es üblich auch über die eigenen Aktivitäten Protokolle zu führen und Berichtspflichten einzuhalten. Es kann beobachtet werden, dass Entitäten, die eigentlich selbstständig ein Problem lösen könnten, angehalten sind dafür vorerst eine Erlaubnis einzuholen. Diese Form von Informationsübertragung ist wesentlicher Bestandteil von Bürokratien.
Schlussfolgerungen: Machthierarchien beruhen auf einer zentralisierten Datenverarbeitung. Es ist aufgrund der zwingend erforderlichen Datenkompression unumgänglich, dass innerhalb einer zentralisierten Datenverarbeitung Informationen verloren gehen.
Der Machthierarchie konzeptionell gegenüber steht eine Organisationsstruktur, in der jeder Teilnehmer angehalten ist, Probleme selbstständig und kooperativ zu lösen. Das bedeutet, dass sehr wenig Datenkomprimierung und Rechenleistungsverlust stattfindet. Das gleichmäßige Verteilen von Verantwortung erfordert die Maximierung der verfügbaren Informationen für alle beteiligten Entitäten (auch Transparenz genannt). Da bei dieser Verteilung Machtgefälle geringer ausfallen, kann Konsensbildung demokratisch stattfinden, d.h. partizipatorisch und gleichberechtigt. Dies liegt darin begründet, dass bestehende Machtgefälle die Wahrscheinlichkeit für Gewalt erhöhen. Der Trade-Off im Vergleich zur Machthiearchie ist, dass für das Herstellen von Transparenz wiederum Rechenleistung aufgebracht werden muss.
Schlussfolgerung: Je größer die Machtgefälle, desto weniger demokratisch kann sich die Entscheidungsfindung der Gesellschaft entwickeln (siehe hierzu auch Geheimnis).
Mit Demokratie ist hier ein Prinzip gemeint, bei dem die Mitsprachemöglichkeit jeder Entität maximiert werden soll. Es soll Konsensfindung der verschiedenen Interessen von allen Entitäten unter der Nebenbedingung realisiert werden, die Ausübung von Gewalt zu minimieren.
Anmerkung: Dies stimmt nicht mit der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes überein. In der Bundesrepublik Deutschland verweisen wir hiermit auf repräsentative Demokratie. Je nach Kontext z.B. in den Vereinigten Staaten von Amerika ist democracy ein diffuser Begriff mit multiplen Bedeutungen. In diesem Essay ist mit Demokratie aber ausschließlich das obige partizipatorische Prinzip gemeint.
Die Einordnung in ein Links-/Rechtsschema ist nach wie vor eine sehr hilfreiche, wenn auch zugleich diffuse Heuristik, um gesellschaftlich relevante politische Entscheidungen oder Entitäten zu kategorisieren. Die kleinste gemeinsame ideologische Skala kann meiner Einschätzung nach indirekt am Machtbegriff festgemacht werden.
Links/Rechts: Der Grad an Zentralisierung bzw. an Monopolisierung von Macht korreliert positiv mit dem, was wir umgangssprachlich mit Rechts bezeichnen. Links möchte ich daher mit Dezentralisierung von Macht identifizieren. Demnach ist eine transparente demokratische Organisation Links, eine auf Führerkult basierende Machthierarchie Rechts. Die Extremwerte dieser Einordnung könnte man mit Anarchismus oder Kommunismus und Totalitarismus oder Diktatur bezeichnen. Der Vorteil dieser Einordnung liegt auf der Hand: Es gibt keine Verwirrung darüber, ob die UdSSR links genannt werden sollte. Alle totalitären Diktaturen sind in dieser Einordnung rechts, je demokratischer ein System und je flacher die Machthierarchie, desto linker. Die Ideologie der staatsfeindlichen Marktradikalen ist in dieser Einordnung ebenfalls Rechts angesiedelt, da sie das Privateigentum als höchstes gesellschaftliches Gut erachten. Sie wollen kein Staatsnarrativ, aber das schließt keinesfalls Herrschaft aus. Was sie unter Freiheit verstehen, bedeutet nur das Vernachlässigen von Verantwortung. Im Buch wird dem Thema Wirtschaft und Märkte ein eigenes Kapitel gewidmet.
Anmerkung: Auch diese Definition stimmt nicht mit der weitläufigen politischen Verwendung von Links/Rechts überein.
Ist das Wesentliche einer Sache das Resultat aus Beziehungen der Bestandteile dieser Sache, spricht man von Emergenz - wenn etwas mehr als die Summe seiner Teile ist. Genau genommen ist alles oberhalb der quantenphysikalischen Ebene emergent. Das Aufhäufen von Holzblöcken erzeugt den Haufen, nicht die einzelnen Blöcke. Der Haufen selbst wird zu einem Objekt und je nach Problemstellung kann es irrelevant sein, ob die Blöcke noch aus Holz bestehen oder ob es nur darum geht einen Haufen zu beschreiben.
Wesentliche Bestandteile unserer Gesellschaft sind zum Beispiel Menschen, Staaten und Konzerne. Diese emergieren aus biologischen Prinzipien wie dem Evolutionsdruck. Biologie ist ein Sonderfall der Chemie, die wiederum mit Quantenphysik hergeleitet wird. Unsere Sozialstrukturen und Wirtschaftssysteme sind hochgradig emergente Netzwerke, da ihre wechselwirkenden Einzelteile (Organisationen und Menschen) selbst emergent sind.
Ein Beispiel hierzu ist der Ameisenhaufen. Das Verhalten einer einzelnen Ameise ist mittlerweile gut entschlüsselt. Die Gesamtheit der Ameisen jedoch erzeugt eine komplexe Vernetzung. Der Ameisenhaufen verhält sich wie ein eigenständiges Lebewesen. Ändern sich die äußeren Umstände, so ändert sich das Verhalten des Ameisenhaufens. Ähnliche Formen von Schwarmverhalten können wir beispielsweise auch bei Fischen oder Vögeln beobachten. Es sei angemerkt, dass im deutschsprachigen Raum auch das Wort Fulguration zur Beschreibung emergenter Phänomene verwendet wird.
Da Verantwortung das Identifizieren eines Machtverhältnisses zwischen Entitäten ist, kann man nur in einem Kontext von mehreren Entitäten sinnvoll von Verantwortung sprechen.
Schlussfolgerung: Verantwortung emergiert.
Eine wichtige Eigenschaft von Emergenz ist, dass sich ihre wesentliche Charakteristik nicht verändert, wenn man die Bestandteile gegen eine andere Klasse von Bestandteilen austauscht, die eine hinreichend ähnliche Wechselwirkungsdynamik aufweisen. Man kann beispielsweise Magneten aus den verschiedensten Materialien konstruieren.
Eine weitere wichtige Eigenschaft von Emergenz ist, dass die Dynamik der sich ergebenen emergenten Struktur unvorhersehbar in Anbetracht ihrer Bestandteile wirkt. Natrium und Chlor sind - bezogen auf die die menschliche Gesundheit - eigenständig sehr unangenehme Chemikalien, doch die Verbindung von beiden ist sogar gut geeignet, um damit Speisen zu verfeinern1!
Annahme: Die Gesamtheit von Menschen - von denen die meisten soziale Harmonie anstreben - ist fähig moralisch falsch zu handeln, da Wechselwirkungen dieser Menschen zu gegenläufigen und vor allem emergenten Entwicklungen führen können.
Schlussfolgerung: Es ist ein Trugschluss, aus den beobachtbaren Krisen und moralischen Abgründen der Gesellschaft zu schlussfolgern, dass die meisten Menschen inhärent schlecht wären.
Ziel dieses Buches ist eine mögliche Herleitung dieser Beobachtungen, welche ohne die Annahme auskommt, dass Menschen auf natürliche Art und Weise zu Gewalt und einer asozialen Kultur neigen.
Ebenfalls tauschen in emergenten Systemen Ursache und Wirkung permanent die Rollen. Kausale Zusammenhänge zu modellieren, bedarf daher fortgeschrittener mathematischer Modelle. Anwendung finden solche Modelle in der Beschreibung von Wechselkreisläufen in der Kybernetik oder der Regelungstechnik. Diese Eigenschaft macht die Untersuchung von vernetzten Systemen schwierig, da Emergenz oft nur indirekt messbar ist.
Anmerkung: Emergenz ist naturwissenschaftlich noch nicht ausreichend erforscht und es hat sich - meines Wissens nach - noch keine wissenschaftliche Disziplin herausgestellt die eine geeignete Sprache für vernetzte Systeme und Komplexität etabliert hat. Um ein emergentes System sprachlich, qualitativ und quantitativ zu charakterisieren benötigt es nicht-oberflächliche Bewertungsmaßstäbe und eine noch zu entwickelnde Mathematik2.
Entitäten können entweder Macht anstreben oder Macht nicht anstreben. Diejenigen, die sie erlangen, werden im Laufe der Zeit auch Macht über die zweite Gruppe erlangen. Das liegt daran, dass das Nicht-Anstreben von Macht der Abgabe von Verantwortung gleich ist. Entitäten, die nach Macht streben, können sowohl Teilnehmer im Wettbewerb um Macht beeinflussen, als auch die Entitäten, die nicht nach Macht streben und demnach nicht Teil des Wettbewerbs um Macht sind.
Um nicht von Gewalt betroffen zu sein, muss eine Entität allein existieren oder maximale Macht auf alle anderen Entitäten ausüben. Beide Fälle sind unmöglich, da Existenz nur in einem emergenten Kontext beobachtet werden kann und absolute Macht ein logischer Widerspruch ist. Zudem wäre absolute Macht aufgrund der benötigten exponentiellen Informationsverarbeitungskapazität (wenn überhaupt) nur in einem religiösen Kontext denkbar.
Schlussfolgerung: Ziel von Gewalt zu werden ist für jede Entität unumgänglich.
Um uns mit dieser Tatsache zu arrangieren, haben wir Menschen Kulturtechniken entwickelt. Es ist Teil des sozialen Spiels, sich gegenseitig Verantwortung zuzuweisen. Finden wir einen Konsens, so erkennen wir Grenzen anderer Entitäten an und schränken unsere eigenen Freiheitsgrade entsprechend ein.
Schlussfolgerung: Kultur emergiert aus Verantwortung.
Entitäten, die sich von anderen isolieren, schränken ihren eigenen Entscheidungsraum erheblich ein, da sie Freiheitsgrade, die mit anderen Entitäten emergieren, nicht wahrnehmen wollen. Isolation bedeutet hier, wenig kulturelle Teilhabe und die Minimierung von Wechselwirkungen mit anderen Entitäten. Beides kann dennoch nicht verhindern Ziel von Gewalt zu werden. Nur die Teilhabe am wechselseitigen Interagieren in Netzwerken von Verantwortung kann dieser Gewalt zuvor kommen (siehe Definition „Verantwortung“ in Kapitel Gewalt, Macht und Verantwortung).
Schlussfolgerung: Das Streben, Gewalterfahrungen zu minimieren, ist gleichbedeutend damit, Macht erlangen zu wollen.
Anmerkung: Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass Macht eine intrinsische Machtakkumulation braucht. Es reicht auch das Ausweiten von Kultur, also dem gegenseitigen Identifizieren und Zusprechen von Verantwortung.
Die typischen Antworten darauf, dass Gewalt eine anthropologische Konstante ist, stellen die institutionalisierten Gewaltmonopole dar, welche wir Staaten nennen. Ziel dieses Buches ist es das Designproblem solcher Strukturen und den zugrundeliegenden Irrtum ausführlich zu diskutieren. Insbesondere soll gezeigt werden, dass sowohl der Wettbewerb als auch Kriege aus unserer Zivilisation emergieren. Selbst unter der Annahme, dass Menschen „im Grunde gut“3 sind, kann die Summe all dieser Entitäten und ihrer Wechselwirkungen paradoxerweise im Widerspruch zu diesem Anspruch stehen.
Um Probleme zu lösen, bedarf es Lösungsstrategien. Liegt ein Bewertungsmaßstab vor, unter dem festgestellt werden kann, wie nahe man der optimalen Lösung für ein gegebenes Problem gekommen ist, so kann man unterschiedliche Lösungen nach diesem Maßstab quantitativ nach Effektivität ordnen. Um beispielsweise eine ungeordnete Menge von Kugeln nach ihrer Größe zu sortieren, könnte man sie so lange zufällig in einer Reihe hinlegen bis sie sortiert sind oder man findet eine zielführendere Strategie.
Eine Aufgabenstellung, bei der eine Kennzahl einen bestimmten Wert erreichen soll, aber eine komplexe Dynamik zugrunde liegt, die indirekt die Kennzahl beeinflusst, erfordert typischerweise das Modellieren dieser Dynamik mit dem Ziel der besseren Vorhersage der Kennzahl. Ein Beispiel für solch eine Aufgabenstellung ist das Thermostatproblem. Die einfachste Variante ist ein Messfühler für die Temperatur verbunden mit einer Heizung. Die Heizung erhöht ihre Leistung oder reduziert sie abhängig von der Differenz vom eingestellten Soll- zum gemessenen Ist-Zustand. Die gemessene Raumtemperatur wird unter Anderem von der Position des Messfühlers abhängig sein. Schafft man es die tatsächliche Raumtemperatur aus dem Messwert genauer abzuschätzen, z.B. durch Einbeziehung der Lage, des Sonnenlichteinfalls, der Messungenauigkeiten des Thermometers oder Wärmesenken an Raumbegrenzungen, so wäre es zweckmäßig, diese Abschätzung in die Temperaturregelung des Thermostat einfließen zu lassen. Mithilfe des Modells kann vorausgesehen werden, welche Entscheidung eher dazu führt, dass die Kennzahl ihrer Zielvorgabe näher kommt. Das Abgleichen von gemessenem zum vorhergesagten Wert bestimmt die Strategie, um die komplexe Dynamik der Temperaturverteilung zielführend zu beeinflussen. Dieser Ablauf wird Kontrolle genannt. Da das Eingreifen in die zugrundeliegende komplexe Dynamik selbst Teil der Dynamik ist, kann es zielführend sein, die Strategie zur Regulation der Kennzahl in das Modell der Dynamik einzubetten.
Schlussfolgerung: Kontrolle hat einen selbstbezüglichen Charakter.
Anmerkung: Kontrolle kann in allen Regelkreisläufen beobachtet werden. Dies schließt biokybernetische Kreisläufe von Biotopen mit ein. Im menschlichen Körper dienen beispielsweise Hunger und Durst als Signale zur Aufrechterhaltung von Nährstoffreservoirs innerhalb notwendiger Mengen. Kontrolle emergiert aus Evolutionsdruck, um Entropie lokal zu minimieren und Wärme zu produzieren (siehe Nerdbox „Evolution“ in Kapitel Emergenz). Es setzen sich die Strategien durch, die sich unter den vorherrschenden Bedingungen am schnellsten ausbreiten können. Im Wettbewerb der Strategien haben sich für entsprechend große Datenverarbeitungsstrukturen4 verschiedene Formen von Kontrolle etabliert. Wichtig zu verstehen ist hierbei, dass Kontrolle innerhalb eines Kontext emergiert, der durch Vorgabe eines Ziels, Messwerten und den funktionalen Abhängigkeiten (dem Modell) zwischen ihnen aufgespannt wird. Aus Kontrolle wird zielgerichtetes Handeln abgeleitet. Diese funktionalen Abhängigkeiten sind oft die Ursache für Fehlverhalten der Struktur, welche wir aus folgenden Beispielen aus der Biologie kennen:
Ameisen, die eine Spur auslegen, welche einen geschlossenen Weg darstellt, laufen im Kreis bis sie verhungern.
Wale, die stranden, weil sie durch meschengemachte Geräusche gestört werden.
Insekten, die in Lichtfallen oder Straßenlaternen fliegen.
Hierbei arbeitet die Kontrolle entgegen des ursprünglich formulierten Ziels der Entität, weil sie aufgrund des unvollständigen Weltmodells die falschen Schlüsse aus den Eingangsdaten zieht und somit potentiell fatale Entscheidungen trifft.
