Verlag: Knaur eBook Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Das Gold der Krähen E-Book

Leigh Bardugo  

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Das Gold der Krähen - Leigh Bardugo

Sechs unberechenbare Außenseiter - ein unerreichtes Ziel - Rache! Das Abenteuer geht weiter! Ein Dieb mit der Begabung, die unwahrscheinlichsten Auswege zu entdecken Eine Spionin, die nur »das Phantom« genannt wird Ein Verurteilter mit einem unstillbaren Verlangen nach Rache Eine Magierin, die ihre Kräfte nutzt, um in den Slums zu überleben Ein Scharfschütze, der keiner Wette widerstehen kann Ein Ausreißer aus gutem Hause mit einem Händchen für Sprengstoff Kaz Brekker und seinen Krähen ist ein derart spektakulärer Coup gelungen, dass sie selbst nicht auf ihr Überleben gewettet hätten. Statt der versprochenen fürstlichen Belohnung erwartet sie jedoch bitterer Verrat, als sie nach Ketterdam zurückkehren. Haarscharf kommen die Krähen mit dem Leben davon, Kaz' Geliebte Inej gerät in Gefangenschaft. Doch Kaz trägt seinen Spitznamen »Dirtyhands« nicht ohne Grund – von jetzt an ist ihm kein Deal zu schmutzig und kein Risiko zu groß, um Inej zu befreien und seinen betrügerischen Erzfeind Pekka Rollins zu vernichten. Das sensationelle Finale von Leigh Bardugos Fantasy-Bestseller um den tollkühnsten Coup der Fantasy-Geschichte

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E-Book-Leseprobe Das Gold der Krähen - Leigh Bardugo

Leigh Bardugo

Das Gold der Krähen

Roman

Ins Deutsche übertragen von Michelle Gyo

Knaur e-books

Über dieses Buch

Kaz Brekker und seinen Krähen ist ein derart spektakulärer Coup gelungen, dass sie selbst nicht auf ihr Überleben gewettet hätten. Statt der versprochenen fürstlichen Belohnung erwartet sie jedoch bitterer Verrat, als sie nach Ketterdam zurückkehren. Haarscharf kommen die Krähen mit dem Leben davon, Kaz’ Geliebte Inej gerät in Gefangenschaft. Doch Kaz trägt seinen Spitznamen »Dirtyhands« nicht ohne Grund – von jetzt an ist ihm ist kein Deal zu schmutzig und kein Risiko zu groß, um Inej zu befreien und seinen betrügerischen Erzfeind Pekka Rollins zu vernichten.

Inhaltsübersicht

WidmungDie GrischaVerlassen1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. KapitelEin tödlicher Wind5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelStein um Stein11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. KapitelDer unerwartete Besucher17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. KapitelKönige und Königinnen24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. KapitelWirkung und Echo33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. KapitelBesetzungDank
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Für Holly und Sarah, die mir beim Bau geholfen haben;

Noa, der dafür sorgte, dass die Mauern stehen blieben;

Jo, die mir half, selbst aufrecht stehen zu bleiben.

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Teil 1

Verlassen

1

Retwenko

Retwenko lehnte an der Theke und steckte die Nase in sein schmutziges Schnapsglas. Der Whiskey hatte seine Aufgabe verfehlt und ihn nicht wärmen können. Nichts konnte einen in dieser von allen Heiligen verlassenen Stadt wärmen. Und man entkam auch dem Geruch nicht, diesem Eintopf aus Bilgenwasser, Muscheln und nassem Stein, der ihm die Kehle zuschnürte und sich in den Poren festgesetzt zu haben schien, als hätte man ihn in der Essenz dieser Stadt eingeweicht wie einen Teebeutel.

Man merkte es am meisten im Barrel, deutlicher noch in einer so miserablen Absteige wie dieser – einer illegalen Taverne, die in das untere Stockwerk eines der übelsten Wohnhäuser des Elendsviertels gequetscht lag. Die Decke hatte sich unter dem Wetter und der schäbigen Bauweise gebeugt, die Balken waren vom Ruß aus der Feuerstelle geschwärzt, die schon vor langer Zeit den Geist aufgegeben hatte, der Rauchfang war mit Schutt verstopft. Der Boden war von Sägespänen bedeckt, die das verschüttete Bier, das Erbrochene und alle anderen Flüssigkeiten, über die die Tavernenbesucher die Kontrolle verloren hatten, aufsaugen sollte. Retwenko fragte sich, wie lange es wohl her war, dass man den Boden gefegt hatte. Er vergrub die Nase noch tiefer im Glas und atmete das süße Aroma des schlechten Whiskeys ein. Es ließ seine Augen tränen.

»Du sollst das trinken, nicht schnupfen«, sagte der Wirt mit einem Lachen.

Retwenko stellte sein Glas ab und blickte den Mann müde an. Er hatte einen Stiernacken und einen breiten Brustkorb, ein echter Schlägertyp. Retwenko hatte gesehen, wie er mehr als einen rauflustigen Kunden vor die Tür gesetzt hatte, aber es war schwer, ihn ernst zu nehmen, da er auf die absurde Art gekleidet war, wie sie die jungen Männer des Barrel bevorzugten – ein pinkes Hemd, dessen Ärmel der gewaltige Bizeps darunter zu sprengen drohte, und eine schreiend rot-orange karierte Weste. Er sah aus wie eine aufgedonnerte weichschalige Krabbe.

»Sag mal …«, meinte Retwenko. Sein Kerch war sowieso schon nicht gut und nach ein paar Drinks sogar noch schlechter. »Warum riecht Stadt so schlecht? Wie alte Suppe? Wie Spüle voll Geschirr?«

Der Wirt lachte. »Das ist eben Ketterdam. Du gewöhnst dich daran.«

Retwenko schüttelte den Kopf. Er wollte sich nicht an diese Stadt oder ihren Gestank gewöhnen. Seine Arbeit bei Ratsherr Hoede war stumpfsinnig gewesen, aber in seinen Gemächern hatte er es wenigstens trocken und warm gehabt. Als ein hochgeschätzter Grischa, der seine Indentur bei Hoede ableistete, hatte man es ihm so bequem wie nur möglich gemacht, und sein Magen war immer gefüllt gewesen. Damals hatte er Hoede verflucht, war gelangweilt gewesen von seiner Arbeit, die darin bestand, die teure Fracht des Krämers über das Meer zu bugsieren. Retwenko hatte die Bedingungen seines Vertrags verabscheut, den dummen Handel, den er geschlossen hatte, um nach dem Bürgerkrieg aus Rawka herauszukommen. Aber jetzt? Jetzt konnte er nur noch an die Werkstatt der Grischa in Hoedes Haus denken, wie das Feuer immer fröhlich gebrannt und man ihm Schwarzbrot mit Butterstücken und dicken Schinkenscheiben serviert hatte. Nachdem Hoede gestorben war, hatte der Krämerrat von Kerch ihm gestattet, Seereisen zu begleiten, um sich aus seiner Indentur freizukaufen. Die Bezahlung war schlecht, aber welche anderen Möglichkeiten hatte er schon? Er war ein Stürmer in einer Grischa gegenüber feindlich gesinnten Stadt, ohne jegliche Fähigkeiten außer den Gaben, mit denen er geboren worden war.

»Noch eins?«, fragte der Wirt und deutete auf Retwenkos leeres Glas.

Retwenko zögerte. Er sollte sein Geld nicht so vergeuden. Hielt er seine Pfennige zusammen, musste er sich nur noch für eine weitere Reise verdingen, vielleicht auch zwei, dann hätte er genug Geld, um seine Indentur abzubezahlen und sich ein Ticket für eine Dritte-Klasse-Koje auf einem Schiff nach Rawka zu kaufen.

Man erwartete ihn in weniger als einer Stunde an den Docks. Stürme waren vorhergesagt worden, also war die Mannschaft darauf angewiesen, dass Retwenko die Luftströme im Griff hatte und das Schiff ruhig zu dem Hafen geleitete, den es erreichen sollte. Er wusste nicht, wo es hinging, und es war ihm auch gleich. Der Kapitän würde die Koordinaten verkünden, und Retwenko würde die Segel füllen oder den Himmel beruhigen. Aber der Wind hatte noch nicht aufgefrischt. Vielleicht könnte er den ersten Teil der Reise verschlafen. Retwenko tippte auf die Theke und nickte. Was konnte ein Mann da schon machen? Er verdiente ein wenig Trost in dieser Welt.

»Bin kein Laufbursche«, murmelte er.

»Was sagst du?«, fragte der Wirt, der ihm einen weiteren Drink einschenkte.

Retwenko winkte ab. Dieser Kerl, dieser gewöhnliche Tölpel, konnte das niemals verstehen. Er würde sich für die Vergessenheit abrackern. Hoffen – auf was? Auf eine zusätzliche Münze in seiner Tasche? Einen freundlichen Blick von einem hübschen Mädchen? Er wusste nichts über den Ruhm im Kampf, darüber, wie es war, verehrt zu werden.

»Bist du aus Rawka?«

Durch den Nebel, den der Whiskey hervorgerufen hatte, wurde er munter. »Warum?«

»Kein Grund. Du klingst so.«

Retwenko mahnte sich, sich zu entspannen. Viele aus Rawka kamen durch Ketterdam auf der Suche nach Arbeit. An ihm war nichts, was verriet, dass er ein Grischa war. Seine Feigheit erfüllte ihn mit Abscheu – über sich selbst, den Wirt, die Stadt.

Er wollte hier sitzen und sich über seinen Whiskey freuen. Niemand in der Taverne konnte ihm etwas tun, und trotz der Muskeln des Wirts wusste Retwenko, dass er leicht mit ihm fertigwerden würde. Doch als Grischa beschwor man manchmal sogar schon Ärger herauf, indem man still blieb. In letzter Zeit hatte es mehr Gerüchte über verschollene Menschen in Ketterdam gegeben – über Grischa, die von den Straßen oder aus ihren Häusern verschwunden waren, wahrscheinlich von Sklavenhändlern geschnappt und an den Meistbietenden verkauft. Retwenko würde nicht zulassen, dass ihm so etwas zustieß, nicht jetzt, da er so nah daran war, sich seinen Weg zurück nach Rawka zu erkaufen.

Er stürzte seinen Whiskey hinunter, knallte die Münze auf die Theke und erhob sich von seinem Hocker. Er gab kein Trinkgeld. Ein Mann konnte für seinen Lebensunterhalt arbeiten.

Als Retwenko nach draußen ging, fühlte er sich ein wenig unsicher auf den Beinen, und der feuchte Gestank in der Luft half nicht gerade. Er senkte den Kopf und lenkte die Füße gen Vierten Hafen, der Spaziergang würde seinen Kopf klären. Noch zwei Reisen, wiederholte er im Geiste, ein paar Wochen noch auf See, ein paar Monate noch in dieser Stadt. Er würde schon einen Weg finden, sich das erträglich zu machen. Er fragte sich, ob einige seiner alten Freunde in Rawka auf ihn warten würden. Man sagte, der junge Zar würde Begnadigungen austeilen wie Süßigkeiten, begierig darauf, die Zweite Armee wieder aufzubauen, jene Grischa-Militärelite, die durch den Krieg fast vollständig zerschlagen worden war.

»Nur noch zwei Fahrten«, sagte er ins Nichts und stampfte mit den Stiefeln gegen die Frühlingsnässe auf. Wie konnte es so spät im Jahr noch so kalt und nass sein? In dieser Stadt zu leben, war, wie in der eiskalten Achselhöhle eines Frostriesen gefangen zu sein. Er passierte den Grafenkanal und erschauderte, als er einen Blick auf die Trauerschleierinsel erhaschte, die in einer Krümmung des Flusses lag. Durch eine Tücke des Klimas war die Insel immer von wabernden Nebelschleiern umgeben, und Gerüchte besagten, dass sie von Geistern heimgesucht würde. Retwenko beschleunigte seinen Schritt. Er war kein abergläubischer Mann – wenn man eine solche Macht hatte wie er, gab es keinen Grund, Angst vor etwas zu haben, das in den Schatten lauern könnte – aber dennoch, wer ging schon gern an Friedhöfen vorüber?

Er zog den Mantel enger um sich und eilte die Havenstraat hinab, wobei er aufmerksam jede Bewegung in den gewundenen Gassen verfolgte. Bald würde er wieder in Rawka sein, wo er ohne Angst durch die Straßen schlendern konnte. Vorausgesetzt, er bekam seine Begnadigung.

Retwenko bewegte unruhig die Schultern in seinem Mantel. Der Krieg hatte Grischa gegen Grischa in den Kampf geschickt, und seine Seite war besonders brutal vorgegangen. Er hatte frühere Kameraden ermordet, Zivilisten, sogar Kinder. Aber was getan war, konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Zar Nikolaj brauchte Soldaten, und Retwenko war ein sehr guter Soldat.

Retwenko nickte der Wache, die in der kleinen Kabine am Eingang zum Vierten Hafen stand, knapp zu und blickte über die Schulter, um sicherzugehen, dass ihm niemand gefolgt war. Er lief an den Frachtcontainern vorbei zu den Docks, fand den richtigen Liegeplatz und reihte sich in die Schlange ein, um sich beim Bootsmann zu melden. Retwenko erkannte ihn von vorangegangenen Reisen, er sah immer schwer mitgenommen und mies gelaunt aus, der dürre Hals ragte aus dem weiten Mantelkragen hervor. Er hielt einen dicken Packen Papiere in der Hand, und Retwenkos Blick fiel auf das purpurne Wachssiegel, das einem der Mitglieder des Krämerrats von Kerch gehörte. Diese Siegel waren in dieser Stadt mehr wert als Gold, sie garantierten einem die besten Liegeplätze im Hafen und bevorzugten Zutritt zu den Docks. Wie hatten sich die Ratsherren einen solchen Respekt verschafft, einen solchen Vorteil? Mit ihren Münzen. Weil ihre Unternehmungen den Gewinn nach Ketterdam brachten. In Rawka, wo sich die Elemente dem Willen der Grischa beugten und das Land von einem echten Zar regiert wurde, bedeutete Macht etwas anderes, mehr als hier, wo ein Kader aus emporgekommenen Krämern die Stadt beherrschte. Zugegeben, Retwenko hatte versucht, den Vater dieses Zaren zu entthronen, aber dennoch.

»Wir sind noch nicht bereit für den Rest der Mannschaft«, sagte der Bootsmann, als Retwenko ihm seinen Namen nannte. »Du kannst dich im Büro des Hafenmeisters warm halten. Wir warten auf das Signal vom Gezeitenrat.«

»Gut für dich«, sagte Retwenko unbeeindruckt. Er blickte zu einem der schwarzen Obelisken-Türme hinauf, der über dem Hafen aufragte. Hätte die Möglichkeit bestanden, dass der hochmütige Gezeitenrat ihn von den Wachtürmen aus sehen konnte, dann hätte er ihnen mit ein paar ausgewählten Gesten gezeigt, was er so über sie dachte. Sie waren vermeintlich Grischa, aber hatten sie jemals auch nur einen Finger gerührt, um den anderen Grischa in der Stadt zu helfen? Um denen zu helfen, die arbeitslos und ohne Geld dastanden und denen ein wenig Freundlichkeit hochwillkommen gewesen wäre? »Nein, das haben sie natürlich nicht«, beantwortete er sich die Frage selbst.

Der Bootsmann zuckte zusammen. »Ghezen, Retwenko. Hast du gesoffen?«

»Nein.«

»Du stinkst nach Whiskey.«

Retwenko schnüffelte. »Kleines bisschen Whiskey.«

»Werd nüchtern. Besorg dir Kaffee oder starkes Jurda. Diese Baumwolle muss in zwei Wochen in Djerholm sein, und wir bezahlen dich nicht dafür, dass du deinen Kater unter Deck kraulst. Verstanden?«

»Ja, ja«, sagte Retwenko mit einer herablassenden Geste, während er bereits auf das Büro des Hafenmeisters zulief. Doch nach ein paar Schritten machte er eine kleine Bewegung mit dem Handgelenk. Ein winziger Wirbelwind erfasste die Papiere, die der Bootsmann in Händen hielt, und schickte sie über die Docks.

»Verdammt!«, schrie der, während er über die Holzplanken rannte und versuchte, die Seiten seines Ladungsverzeichnisses einzufangen, bevor sie auf See geblasen wurden.

Retwenko lächelte mit grimmiger Genugtuung, dann spürte er, wie ihn eine Welle der Traurigkeit überkam. Er war ein Riese unter Menschen, ein begabter Stürmer, ein großer Soldat, aber hier war er nur ein Angestellter, ein trauriger alter Mann aus Rawka, der gebrochenes Kerch sprach und zu viel trank. Zu Hause, sagte er sich. Bald werde ich zu Hause sein. Er würde seine Begnadigung bekommen und sich ein weiteres Mal beweisen. Er würde für sein Land kämpfen. Er würde unter einem Dach schlafen, das nicht undicht war, und er würde eine blaue Kefta aus Wolle tragen, die mit dem Pelz eines Silberfuchses verbrämt war. Er würde wieder Emil Retwenko sein, nicht dieser armselige Schatten seiner selbst.

»Dort ist Kaffee«, sagte der Sekretär, als Retwenko das Büro des Hafenmeisters betrat, und deutete auf einen kupfernen Kaffeekessel in der Ecke.

»Tee?«

»Da ist Kaffee.«

Dieses Land. Retwenko füllte sich eine Tasse mit dem dunklen, schlammigen Gebräu, mehr um sich die Hände daran zu wärmen, als um es zu trinken. Er konnte den Geschmack nicht ertragen und ganz sicher nicht ohne eine ordentliche Portion Zucker darin, den der Hafenmeister vergessen hatte, bereitzustellen.

»Der Wind bläst landwärts«, sagte der Sekretär, als draußen eine Glocke ertönte, die von der auffrischenden Brise durchgeschüttelt wurde.

»Ich habe Ohren«, grummelte Retwenko.

»Glaub nicht, dass es hier drin viel ausmacht, aber sobald ihr aus dem Hafen draußen seid …«

»Sei still«, blaffte Retwenko. Er war bereits aufgesprungen, lauschte.

»Was?«, fragte der Sekretär. »Das ist …«

Retwenko legte einen Finger an die Lippen. »Jemand schreit.« Der Klang kam aus der Richtung, in der das Schiff festgemacht lag.

»Das sind nur Möwen. Die Sonne geht bald auf und …«

Retwenko hob eine Hand, und eine Windböe fegte den Sekretär gegen die Wand. »Ich sagte, sei still.«

Der Mund des Sekretärs stand offen, und er hing wie festgenagelt an den Latten. »Du bist der Grischa, den sie für die Mannschaft angeheuert haben?«

Um der Heiligen willen, musste Retwenko diesem Jungen die Luft aus der Lunge ziehen und ihn ersticken, damit er endlich still war?

Durch die wie mit Wachs überzogenen Fenster konnte Retwenko sehen, wie der Himmel von schwarz zu blau wechselte, als die Dämmerung aufzog. Er hörte das Kreischen der Möwen, die in den Wellen nach ihrem Frühstück suchten. Vielleicht verwirrte der Whiskey seine Sinne.

Retwenko ließ den Sekretär zu Boden fallen. Er hatte seinen Kaffee verschüttet, wollte sich aber nicht die Mühe machen, eine weitere Tasse einzuschenken.

»Sagte ich dir doch, da ist nichts«, meinte der Sekretär, der sich jetzt aufrappelte. »Hättest dich nicht so aufregen müssen.« Der Sekretär klopfte sich den Staub von den Kleidern und machte es sich wieder hinter seinem Schreibtisch bequem. »Ich hab noch nie einen wie dich getroffen. Grischa.« Retwenko stieß ein Schnauben aus. Der Junge hatte wahrscheinlich schon einen gesehen, es aber einfach nicht gewusst. »Wirst ziemlich anständig für die Reisen bezahlt?«

»Nicht gut genug.«

»Ich …« Aber was auch immer der Sekretär als Nächstes hatte sagen wollen, ging in einem Splitterhagel unter, als die Tür des Kontors explodierte.

Retwenkos Hand schoss hoch, um sein Gesicht zu schützen. Er duckte sich und rollte sich hinter den Schreibtisch des Sekretärs in Deckung. Eine Frau betrat das Büro – schwarzes Haar, goldene Augen. Shu.

Der Sekretär griff nach einer Schrotflinte, die unter dem Schreibtisch befestigt war, wie Retwenko jetzt sah. »Die kommen wegen der Lohntüten!«, schrie er. »Niemand bekommt die Lohntüten.«

Retwenko sah entsetzt zu, wie der schlaksige Sekretär aufstand und wie eine Art Rachekrieger das Feuer eröffnete. Bei allem, was heilig war, nichts konnte die Kerch so motivieren wie Bargeld.

Retwenko blickte vorsichtig hinter dem Schreibtisch hervor, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine Ladung aus der Schrotflinte die Frau direkt in die Brust traf. Sie wurde zurückgeworfen und knallte gegen den Türpfosten, um dann zu Boden zu sinken. Er roch den scharfen Geruch des verbrannten Pulvers, das metallische Aroma von Blut. Retwenkos Magen hob sich beschämend. Es war lange her, seit er gesehen hatte, wie jemand vor seinen Augen erschossen wurde – und das war zu Kriegszeiten gewesen.

»Niemand bekommt die Lohntüten!«, wiederholte der Sekretär mit Genugtuung in der Stimme.

Doch noch bevor Retwenko antworten konnte, packte die Shu den Türrahmen mit ihrer blutigen Hand und zog sich daran hoch.

Retwenko blinzelte. Wie viel Whiskey hatte er wohl getrunken?

Die Frau marschierte auf sie zu. Durch die Überreste ihrer zerfetzten Bluse konnte Retwenko Blut sehen, Fleisch, das mit grobkörnigem Schrot durchlöchert war, und das Glitzern von Metall.

Der Sekretär fummelte an seiner Waffe herum, um nachzuladen, aber die Frau war zu schnell. Sie nahm die Flinte aus seinen Händen und schlug ihn damit nieder, schlug ihn mit grässlicher Kraft zur Seite. Sie warf die Flinte ebenfalls beiseite und blickte dann mit goldenen Augen Retwenko an.

»Nimm Lohn!«, schrie Retwenko und stolperte zurück. Er grub in seinen Taschen herum und warf ihr seine fast leere Börse zu. »Nimm, was du willst!«

Darüber lächelte die Frau ein wenig – war das Mitleid in ihrem Blick? Belustigung? Retwenko wusste es nicht. Aber er begriff, dass sie nicht wegen des Geldes gekommen war. Sie war seinetwegen hier, und es war egal, ob sie eine Sklavenhändlerin oder Krämerin oder etwas ganz anderes war. Sie würde sich einem Soldaten gegenübersehen, keinem sich angstvoll zusammenkauernden Schwächling.

Er sprang auf die Füße, seine Muskeln reagierten zögerlich auf seine Forderungen, und er nahm Kampfhaltung ein. Er streckte die Arme nach vorn. Heulender Wind fuhr durch den Raum, warf der Frau erst einen Stuhl, dann den Schreibtisch des Sekretärs, dann den dampfenden Kaffeekessel entgegen. Sie schlug jeden der Gegenstände beiläufig, fast gelangweilt beiseite, als ob sie Spinnweben fortwischte.

Retwenko konzentrierte seine Macht und schob beide Hände nach vorn, spürte, wie seine Ohren ploppten, als der Druck fiel und der Wind zu einem wogenden Gewittersturm anschwoll. Vielleicht konnte diese Frau nicht von Kugeln aufgehalten werden. Da wollte er doch sehen, wie es ihr gegen die Raserei eines Sturms erging.

Als die Böe sie packte und durch die geöffnete Tür zurückwarf, knurrte die Frau. Sie griff den Rahmen und versuchte, sich daran festzuhalten.

Retwenko lachte auf. Er hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, zu kämpfen. Dann hörte er ein lautes Krachen hinter sich, das Kreischen von Nägeln, die sich losrissen, und zersplitterndes Holz. Er blickte über die Schulter und erhaschte einen winzigen Blick auf den Beginn der Morgenröte, den Kai. Die Wand war verschwunden.

Starke Arme packten ihn, pressten ihm die Hände an die Seiten und verhinderten so, dass er seine Macht nutzen konnte. Er erhob sich, segelte aufwärts, der Hafen wurde unter ihm immer kleiner. Er sah das Dach des Büros des Hafenmeisters, den Körper des Bootsmannes, der auf dem Dock zu einem Häufchen zusammengesunken war, das Schiff, auf dem Retwenko hätte segeln sollen – das Deck war ein Durcheinander aus zerbrochenen Planken und Leichen, die nahe der zersplitterten Masten lagen. Dort waren seine Angreifer zuerst gewesen.

Die Luft war kalt auf seinem Gesicht. Sein Herzschlag dröhnte und flatterte ihm in den Ohren.

»Bitte«, bettelte er, als sie höher stiegen, auch wenn er nicht wusste, um was er eigentlich bat. Aus Angst, sich zu plötzlich oder zu heftig zu bewegen, reckte er den Hals, um seinen Entführer ansehen zu können. Retwenko entfuhr ein entsetztes Stöhnen, irgendwas zwischen einem Schluchzen und dem panischen Winseln eines Tiers, das in einer Falle saß.

Der Mann, der ihn festhielt, war ein Shu, sein schwarzes Haar hatte er zu einem straffen Knoten geschlungen, die goldenen Augen waren gegen den Wind zu Schlitzen verengt – und aus seinem Rücken ragten zwei gewaltige Schwingen, die vor dem Himmel schlugen, gelenkig, anmutig aus geschwungenem silbernem Draht und fest gespannter Leinwand gearbeitet. War er ein Engel? Ein Dämon? Eine merkwürdige Maschine, die zum Leben erweckt worden war? Hatte Retwenko einfach den Verstand verloren?

In den Armen seines Entführers sah Emil Retwenko den Schatten, den sie warfen. Er huschte über die glitzernde Oberfläche des Meers tief unter ihnen: zwei Köpfe, zwei Schwingen, vier Beine. Er war zu einem großen Untier geworden, und dieses Untier würde ihn noch verschlingen. Seine Gebete wurden zu Schreien, aber beides blieb ohne Antwort.

2

Wylan

Was tue ich hier?

Dieser Gedanke war Wylan mindestens sechs Mal am Tag durch den Kopf geschossen, seit er Kaz Brekker kennengelernt hatte. Aber in einer Nacht wie dieser, in einer Nacht, in der sie »arbeiteten«, sang er in seinem Kopf wie ein nervöser Tenor, der seine Tonleitern übte: Wastueichhierwastueichhierwastueichhier.

Wylan zupfte an der himmelblauen Jacke der Uniform, die die Kellner des Klub Kumulus trugen, und versuchte, gelassen zu wirken. Denk dir einfach, das hier wäre eine Dinnerparty, sagte er sich. Er hatte zahllose ungemütliche Essen im Haus seines Vaters durchgestanden. Das hier war nichts anderes. Tatsächlich war es sogar leichter. Keine unangenehmen Unterhaltungen über seine Studien oder wann er vorhatte, mit den Kursen an der Universität anzufangen. Er musste nur ruhig bleiben, Kaz’ Anweisungen befolgen und herausfinden, was er mit seinen Händen anstellen sollte. Sie vor sich falten? Das war zu sehr Sänger bei einem Konzert. Hinter dem Rücken? Zu militärisch. Er probierte aus, sie einfach an den Seiten hängen zu lassen, aber das fühlte sich auch nicht richtig an. Warum hatte er nicht stärker darauf geachtet, wie Kellner standen? Trotz Kaz’ Versicherung, dass der Salon im zweiten Stock in dieser Nacht ihnen vorbehalten war, war sich Wylan sicher, dass jeden Moment ein echtes Mitglied des Personals hereinkommen, auf ihn zeigen und »Betrüger!« rufen würde. Andererseits fühlte sich Wylan an den meisten Tagen wie ein Schwindler und Betrüger.

Sie waren vor knapp einer Woche in Ketterdam angekommen, fast einen Monat nachdem sie Djerholm verlassen hatten. Wylan hatte die meiste Zeit Kuweis Gesichtszüge getragen, aber wann immer er sich in einem Spiegel oder Ladenfenster erblickte, brauchte er einen ganzen Moment, um zu begreifen, dass er da keinen Fremden vor sich sah. Das war jetzt sein Gesicht – goldene Augen, eine breite Stirn und schwarzes Haar. Sein altes Selbst war weggewischt, und Wylan war sich nicht sicher, ob er denjenigen kannte, der übrig geblieben war, denjenigen, der in einem privaten Salon in einer der luxuriösesten Spielhallen der Kappe stand und in eine weitere Intrige von Kaz Brekker verwickelt war.

Ein Spieler am Tisch hob sein Champagnerglas, um es sich erneut füllen zu lassen, und Wylan eilte von dem Platz an der Wand, wo er gestanden hatte, zu ihm. Seine Hände zitterten, als er die Flasche aus dem silbernen Eiskühler nahm, aber es hatte ein paar Vorteile, dass er so viele Jahre bei gesellschaftlichen Anlässen seines Vaters verbracht hatte. Wenigstens wusste er, wie man anständig ein Glas Champagner eingoss, ohne dass es überlief. Wylan konnte fast hören, wie Jesper ihn aufzog: Gut verkäufliche Fähigkeiten, Krämerlein.

Er wagte es, einen Blick zu Jesper hinüberzuwerfen. Der Scharfschütze saß am Tisch, über seine Karten gebeugt. Er trug eine abgenutzte dunkelblaue Weste, die mit kleinen Goldsternen bestickt war, und das zerknitterte weiße Hemd leuchtete förmlich auf seiner dunklen Haut. Jesper rieb sich müde mit der Hand über das Gesicht. Sie spielten seit über zwei Stunden. Wylan konnte nicht sagen, ob Jespers Müdigkeit echt oder Teil des Spiels war.

Wylan füllte ein weiteres Glas und konzentrierte sich dabei auf Kaz’ Anweisungen.

»Nimm einfach die Bestellungen der Spieler auf und hör mit einem Ohr Smeet zu«, hatte er gesagt. »Das ist ein Job, Wylan. Erledige ihn.«

Warum nannten sie es Job? Für ihn fühlte es sich nicht an wie Arbeit, sondern eher, als würde man eine Treppenstufe auslassen und plötzlich fallen. Es fühlte sich an, wie in Panik zu geraten. Also machte Wylan eine Bestandsaufnahme der Dinge in dem Zimmer – ein Trick, den er häufig genutzt hatte, um sich zu beruhigen, wenn er irgendwo neu war oder sein Vater besonders schlechte Laune hatte. Er machte Inventur von dem Muster aus ineinander verschränkten Strahlen, die den polierten Holzboden schmückten, von den muschelförmigen Knoten aus mundgeblasenem Glas an den Kronleuchtern, von der kobaltfarbenen Seidentapete, die mit silbernen Wolken verziert war. Es gab keine Fenster, um das Tageslicht auszusperren. Kaz hatte gesagt, keine Spielhalle hätte Fenster, weil die Bosse wollten, dass die Spieler das Zeitgefühl verloren.

Wylan sah zu, wie Kaz eine neue Runde Karten an Smeet, Jesper und die anderen Spieler an dem runden Tisch austeilte. Er trug ebenfalls eine himmelblaue Jacke, und seine Hände waren bloß. Wylan musste sich zusammenreißen, um sie nicht anzustarren. Es lag nicht nur an der Andersartigkeit, der Unstimmigkeit, Kaz ohne die Handschuhe zu sehen, es lag eher daran, dass seine Hände von einem geheimen Mechanismus zum Leben erweckt schienen, den Wylan nicht verstand. Als er das Figurenzeichnen gelernt hatte, hatte Wylan Anatomiezeichnungen studiert. Er hatte ein gutes Verständnis von der Muskulatur, der Art, wie Knochen und Gelenke und Bänder zusammenpassten. Aber Kaz’ Hände bewegten sich, als wären sie speziell dafür geschaffen, Karten zu manipulieren. Seine langen weißen Finger bogen sich in einem lockeren Rhythmus, er mischte präzise, und jede Bewegung war sparsam und genau kalkuliert. Kaz hatte behauptet, er beherrschte jedes Kartendeck. Warum aber verlor Jesper dann so haushoch?

Als Kaz ihnen diesen Teil des Plans dargelegt hatte in ihrem Versteck auf der Trauerschleierinsel, konnte Wylan es nicht glauben, und ausnahmsweise hatte nicht nur er Fragen gehabt.

»Lass mich das mal klarstellen«, hatte Nina gesagt. »Dein grandioser Plan sieht vor, Jesper einen Kredit zu geben, und ihn dann Karten mit Cornelis Smeet spielen zu lassen?«

»Smeet steht auf Dreimännergestrüpp mit hohem Einsatz und Blondinen«, sagte Kaz. »Also werden wir ihm beides geben. Ich teile die erste Hälfte der Nacht aus, dann übernimmt Specht.«

Wylan kannte Specht nicht besonders gut. Er war ein ehemaliger Seemann von der Marine und ein Mitglied der Dregs, der ihr Schiff zum Eistribunal und wieder zurück manövriert hatte. Wenn Wylan ehrlich war, machte ihm der Seemann mit den ergrauten Wangen und den Tattoos, die sich fast bis zum Hals hinaufzogen, Angst. Aber selbst Specht hatte besorgt dreingeblickt, als er sagte: »Ich kann Karten austeilen, Kaz, aber ich kann kein Spiel manipulieren.«

»Das brauchst du auch nicht. Es wird ein ehrliches Spiel sein, ab dem Zeitpunkt, an dem du dich an den Tisch setzt. Wichtig ist, dass Smeet bis Mitternacht am Tisch bleibt. Bei der Schichtübergabe besteht die Gefahr, dass wir ihn verlieren. Sobald ich aufstehe, wird er darüber nachdenken, ob er an einen anderen Tisch wechseln soll oder ob er es für diese Nacht gut sein lässt, also musst du nur alles dafür tun, dass er mit seinem Hintern am Tisch bleibt.«

»Damit komme ich klar«, hatte Jesper gesagt.

Nina hatte nur finster geblickt. »Sicher, und vielleicht gebe ich mich für den zweiten Teil dieses Plans einfach als Jurda-Parem-Tandler aus. Was könnte da schon schiefgehen?«

Wylan hätte es vielleicht nicht genau so ausgedrückt, aber er stimmte ihr zu. Sehr sogar. Sie sollten Jesper von Spielhallen fernhalten und seinen Hang zum Glücksspiel nicht noch unterstützen. Aber Kaz hatte sich nicht davon abbringen lassen.

»Mach einfach deinen Job und beschäftige Smeet bis Mitternacht«, hatte er gesagt. »Du weißt, was auf dem Spiel steht.« Das wussten sie alle. Inejs Leben. Und was konnte Wylan schon dagegen vorbringen? Er spürte, wie die Schuld ihn durchzuckte, jedes Mal, wenn er daran dachte. Van Eck hatte gesagt, er würde ihnen sieben Tage Zeit lassen, um Kuwei Yul-Bo an ihn zu übergeben – dann würde er anfangen, Inej zu foltern. Die Zeit war fast abgelaufen. Wylan wusste, dass er seinen Vater nicht daran hätte hindern können, die Mannschaft zu hintergehen und Inej zu entführen. Das wusste er, und doch fühlte er sich dafür verantwortlich.

»Was soll ich nach Mitternacht mit Cornelis Smeet machen?«, fragte Nina.

»Versuch, ihn dazu zu bringen, die Nacht mit dir zu verbringen.«

»Was?«, hatte Matthias hervorgestoßen und war bis zu den Ohren rot angelaufen.

»Darauf wird er sich nicht einlassen.«

Nina schnaubte. »Wehe, wenn doch!«

»Nina…«, knurrte Matthias.

»Smeet betrügt weder am Kartentisch noch seine Frau«, sagte Kaz. »Er ist wie die Hälfte aller Amateurspieler, die durch den Barrel stolzieren. Die meiste Zeit ist er ehrenwert und ängstlich – hat strenge Sparmaßnahmen und trinkt ein halbes Glas Wein zum Abendessen. Aber einmal in der Woche genießt er es, sich wie ein Verbrecher zu fühlen und mit den Glücksspielern im Ost-Stave zu messen, und dabei hat er ganz gern eine hübsche Blondine an seiner Seite.«

Nina verzog die Lippen zu einem Schmollmund. »Wenn er so ein Moralapostel ist, warum soll ich dann versuchen …«

»Weil Smeet sich in seinem Geld wälzen kann, und jedes anständige Mädchen aus dem West-Stave würde es wenigstens versuchen.«

»Mir gefällt das nicht«, sagte Matthias.

Jesper hatte nur sein unbekümmertes Revolverheldenlächeln aufgesetzt. »Der Fairness halber muss man sagen, dass dir sowieso nicht viel gefällt, Matthias.«

»Sieh zu, dass Smeet im Klub Kumulus bleibt, ab Schlag acht bis Mitternacht«, sagte Kaz. »Das sind vier Stunden, also stellt das geschickt an.«

Nina gab ihr Bestes, und Wylan wusste nicht, ob er beeindruckt war oder eher besorgt. Sie trug eine durchsichtige, lavendelfarbene Robe mit einer Art Korsett, das ihr Dekolleté besorgniserregend nach oben drückte, und obwohl sie seit ihrem Kampf gegen das Parem abgenommen hatte, war von ihr immer noch genug übrig, an dem Smeet sich festhalten konnte. Sie saß auf seinem Knie, hatte den Arm um seine Schulter gelegt und gurrte ihm spielerisch ins Ohr, wobei ihre Hände liebkosend über seine Brust strichen und ab und an unter seine Jacke glitten wie ein Spürhund auf der Suche nach Leckerli. Sie hörte nur auf, wenn sie Austern bestellte oder eine weitere Flasche Champagner. Wylan wusste, dass Nina mit praktisch jedem Mann und jeder Situation fertigwurde, aber er fand dennoch, dass sie nicht halb bekleidet in einer zugigen Spielhalle auf dem Schoß von einem lüsternen Anwalt sitzen sollte. Allermindestens würde sie sich so eine Erkältung zulegen.

Jesper passte schon wieder und seufzte genervt. In den letzten zwei Stunden hatte er langsam, aber sicher verloren. Seine Einsätze waren vorsichtig, aber weder das Glück noch Kaz schienen heute Nacht auf seiner Seite zu sein. Wie sollten sie Smeet am Tisch halten, wenn Jesper das Geld ausging? Würden ihn die anderen Spieler mit hohen Einsätzen ausreichend reizen? Ein paar davon waren mit ihnen im Raum, hielten sich an den Wänden und beobachteten das Spiel. Jeder hoffte, einen Platz ergattern zu können, wenn ein anderer kein Geld mehr hatte. Keiner von ihnen wusste darüber Bescheid, welches Spiel Kaz hier wirklich spielte.

Als Wylan sich hinabbeugte, um Ninas Glas erneut zu füllen, hörte er Smeet murmeln: »Ein Kartenspiel ist wie ein Duell. Die kleinen Schnitte und Wunden bereiten die Bühne für den letzten, tödlichen Hieb.« Er blickte über den Tisch zu Jesper. »Dieser Bursche blutet den Tisch voll.«

»Ich weiß nicht, wie du die Regeln alle im Kopf behalten kannst«, sagte Nina mit einem Kichern.

Smeet grinste und war offensichtlich erfreut. »Das ist nichts im Vergleich dazu, ein Geschäft zu führen.«

»Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie du das kannst.«

»Manchmal weiß ich das selbst nicht«, sagte Smeet mit einem Seufzen. »Es war eine harte Woche. Einer meiner Buchhalter kam einfach nicht mehr aus dem Urlaub zurück, also stand ich mit zu wenig Leuten da.«

Wylan ließ fast die Flasche fallen, die er in der Hand hielt. Champagner spritzte auf den Boden.

»Ich bezahle, um ihn zu trinken, nicht um ihn auf den Kleidern zu haben, Junge«, blaffte Smeet. Er wischte sich über die Hose und murrte: »Das kommt davon, wenn man Ausländer einstellt.«

Er meint mich, begriff Wylan, als er eilig zurückwich. Er wusste nicht, wie er seine neuen Shu-Gesichtszüge wirklich begreifen sollte. Er sprach nicht einmal Shu, was ihm kein Kopfzerbrechen bereitet hatte, bis zwei Shu-Touristen ihn mit einer Karte in der Hand auf dem Ost-Stave aufgehalten hatten. Wylan war in Panik geraten, hatte kunstvoll mit den Schultern gezuckt und war dann eilig zum Dienstboteneingang des Klub Kumulus gerannt.

»Armer Liebling«, sagte Nina zu Smeet und strich ihm durch das schüttere Haar, dann schob sie eine der Blumen zurecht, die in ihren seidigen blonden Strähnen steckten. Wylan wusste nicht, ob sie Smeet tatsächlich erzählt hatte, dass sie zum Haus der Schwertlilie gehörte, doch das musste er einfach annehmen.

Jesper lehnte sich auf dem Stuhl zurück, und seine Finger tippten auf die Griffe seiner Revolver. Die Bewegung schien Smeets Aufmerksamkeit zu erregen.

»Diese Pistolen sind bemerkenswert. Echtes Perlmutt an den Griffen, wenn ich mich nicht irre«, sagte Smeet im Tonfall eines Mannes, der sich selten irrte. »Ich habe selbst eine hübsche Sammlung an Feuerwaffen, aber keine Semeni-Repetierrevolver.«

»Oh, ich würde deine Waffen nur zu gern sehen«, gurrte Nina, und Wylan blickte nach oben, um sein Augenrollen zu verbergen. »Sollen wir hier die ganze Nacht sitzen?«

Wylan versuchte, seine Verwirrung zu verbergen. Ging es nicht genau darum? Ihn zum Bleiben zu bewegen? Aber offensichtlich wusste Nina es besser, denn Smeets Gesicht nahm einen leicht sturen Ausdruck an. »Sei jetzt still. Wenn ich anständig gewinne, kaufe ich dir vielleicht was Hübsches.«

»Ich würde mich mit mehr Austern begnügen.«

»Du hast die hier noch nicht aufgegessen.«

Wylan sah, wie Ninas Nasenflügel bebten, als sie tief Luft holte, wahrscheinlich um sich zu wappnen. Sie hatte seit dem Kampf gegen das Parem keinen Appetit mehr gehabt, und er hatte keine Ahnung, wie sie es geschafft hatte, dennoch fast ein Dutzend Austern zu schlürfen.

Jetzt sah er ihr dabei zu, wie sie die letzte hinunterschluckte und dabei erschauderte. »Köstlich«, brachte sie heraus und warf Wylan dabei einen Blick zu. »Lass uns noch mehr essen.«

Das war das Zeichen. Wylan eilte zu ihnen und nahm den großen Teller, der mit Eis und den Austernschalen bedeckt war.

»Die Lady hat Gelüste«, sagte Smeet.

»Austern, Miss?«, fragte Wylan. Seine Stimme klang zu hoch. »Garnelen in Butter?« Zu tief.

»Sie nimmt beides«, sagte Smeet in nachsichtigem Ton. »Und noch ein Glas Champagner.«

»Wundervoll«, sagte Nina, obwohl sie leicht grün im Gesicht war.

Wylan rauschte durch die Schwingtür zum Vorratsraum der Bediensteten. Er war mit Tellern, Gläsern, Servietten und einer Zinnwanne voll Eis ausgestattet. Ein Speiseaufzug nahm einen großen Teil der gegenüberliegenden Wand ein, und daneben befand sich ein trompetenförmiges Sprachrohr, durch das die Bediensteten mit der Küche sprachen. Wylan stellte die Platte mit dem Eis und den Schalen auf den Tisch und rief dann hinunter in die Küche, um Austern und Garnelen in Butter zu bestellen.

»Oh, und eine neue Flasche Champagner.«

»Welcher Jahrgang?«

»Mh … noch mal der gleiche?« Wylan hatte die Freunde seines Vaters darüber reden hören, welche Weine gute Investitionen waren, aber er traute sich selbst nicht wirklich zu, einen Jahrgang auszuwählen.

Als er mit Ninas Bestellung in den Salon zurückkam, stand Kaz vom Tisch auf. Er machte eine Geste, als wollte er Staub von den Händen streifen – das Zeichen, dass ein Kartengeber seine Schicht beendet hatte. Specht setzte sich an den Tisch, er hatte eine blaue Seidenkrawatte um den Hals gebunden, um seine Tattoos zu verbergen. Er zog sich die Manschetten zurecht und rief dann die Spieler dazu auf, entweder den Einsatz zu erhöhen oder sich auszahlen zu lassen.

Kaz’ Blick begegnete Wylans, als er in den Vorratsraum verschwand.

Der Moment war gekommen. Kaz und Jesper zufolge glaubten Spieler oft, dass ihr Glück an einen Kartengeber gebunden war, und in diesem Fall beendeten sie das Spiel bei einem Schichtwechsel.

Wylan sah besorgt, wie Smeet sich streckte und Nina einen festen Klaps auf das Hinterteil verpasste. »Wir hatten einen guten Lauf«, sagte er und blickte kurz zu Jesper hinüber, der niedergeschlagen auf seinen mageren Stapel Jetons hinabsah. »Wir finden vielleicht woanders ein fetteres Spiel.«

»Aber mein Essen kam gerade erst«, schmollte Nina.

Wylan trat vor, er wusste nicht, was er sagen sollte, nur dass sie Smeet hinhalten mussten. »Entspricht alles Ihren Wünschen, Sir? Darf ich Ihnen und der Lady noch etwas bringen?«

Smeet beachtete ihn nicht, seine Hand schwebte immer noch über Ninas Hintern. »Feineres Essen und besserer Service sind überall in der Kappe zu haben, meine Liebe.«

Ein großer Mann in gestreiftem Anzug näherte sich Smeet, er war erpicht darauf, seinen Platz zu ergattern. »Ihr geht?«

Smeet nickte Jesper freundlich zu. »Sieht aus, als würden wir uns beide ausbezahlen lassen, mh, Junge? Mehr Glück beim nächsten Mal.«

Jesper erwiderte das Lächeln nicht. »Ich bin hier noch nicht fertig.«

Smeet deutete auf Jespers traurigen Stapel von Jetons. »Sieht aber so aus.«

Jesper erhob sich und griff nach seinen Revolvern. Wylan packte die Flasche Champagner fester, als die anderen Spieler die Stühle vom Tisch schoben und ebenfalls aufstanden, bereit, nach ihren Waffen zu greifen oder sich in Deckung zu werfen. Aber Jesper öffnete nur seinen Waffengürtel und nahm ihn ab. Vorsichtig legte er seine Revolver auf den Tisch und strich mit den Fingern sanft über die auf Hochglanz polierten Läufe.

»Wie viel dafür?«, fragte er.

Wylan versuchte, Jespers Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. War das Teil des Plans? Und selbst wenn, was machte Jesper da? Er liebte diese Waffen. Er könnte sich genauso gut die Hand abhacken und sie in die Mitte werfen.

Specht räusperte sich und sagte: »Das Kumulus ist kein Pfandleihhaus. Wir akzeptieren Bares und Kredit von der Gemensbank, sonst nichts.«

»Ich schieße für dich vor«, sagte Smeet da mit sorgfältig zur Schau getragenem Desinteresse. »Wenn es das Spiel wieder zum Laufen bringt. Eintausend Kruge für die Revolver?«

»Sie sind zehnmal so viel wert.«

»Fünftausend Kruge.«

»Sieben.«

»Sechs. Und das nur, weil ich gerade in Geberlaune bin.«

»Nicht!«, rutschte es Wylan heraus.

Im Zimmer wurde es still.

Jespers Stimme war kalt. »Ich kann mich nicht daran erinnern, dich um Rat gebeten zu haben.«

»Was für eine Anmaßung!«, sagte Smeet. »Seit wann mischen sich Kellner ins Spiel ein?«

Nina blitzte Wylan finster an, und Spechts Stimme klang zugleich wütend und fassungslos, als er sagte: »Gentlemen, sollen wir das Spiel wieder aufnehmen? Erhöhte Einsätze!«

Jesper schob die Revolver über den Tisch auf Smeet zu, und Smeet schob seinerseits einen hohen Stapel Jetons zu Jesper hinüber.

»In Ordnung«, sagte Jesper, seine grauen Augen blickten freudlos. »Ich bin dabei.«

Wylan machte einen Schritt vom Tisch weg und verschwand, so schnell er konnte, in dem Bedienstetenraum. Der Teller mit dem Eis und den Austernschalen war verschwunden, und Kaz wartete bereits. Er hatte ein langes, orangefarbenes Cape über seine blaue Jacke geworfen. Seine Handschuhe hatte er schon wieder übergestreift.

»Kaz«, sagte Wylan verzweifelt. »Jesper hat seine Revolver gesetzt.«

»Wie viel hat er für sie bekommen?«

»Was macht das schon? Er …«

»Fünftausend Kruge?«

»Sechs.«

»Gut. Selbst Jesper sollte es nicht schaffen, innerhalb von zwei Stunden so viel zu verprassen.« Er warf Wylan ein Cape und eine Maske zu, die Verkleidung des Grauen Kobolds, eine Figur aus der Komedie Brute. »Los.«

»Ich?«

»Nein, der Idiot, der hinter dir steht.« Kaz nahm das Sprachrohr auf und sagte: »Schickt einen anderen Kellner hier hoch. Dieser hier hat es geschafft, einem Spieler Champagner über die Schuhe zu kippen.«

Jemand in der Küche lachte und sagte: »Geht klar.«

Nur einen Augenblick später waren sie schon die Treppen hinabgelaufen und durch den Dienstboteneingang getreten. Mit ihren Kostümen konnten sie sich unerkannt durch die Menge auf dem Ost-Stave bewegen.

»Du wusstest, dass Jesper verlieren würde. Du hast dafür gesorgt«, sagte Wylan vorwurfsvoll zu Kaz. Kaz nutzte kaum je seinen Stock, wenn sie durch die Teile der Stadt streiften, in denen man ihn erkennen könnte. Doch trotz des schiefen Gangs musste Wylan sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.

»Natürlich habe ich dafür gesorgt. Ich kontrolliere das Spiel, Wylan, oder ich spiele nicht. Ich hätte auch dafür sorgen können, dass Jesper mit jedem Blatt gewinnt.«

»Warum …«

»Wir waren nicht da, um beim Kartenspielen zu gewinnen. Smeet musste an den Tischen bleiben. Er hat diese Waffen fast genauso angegafft wie Ninas Dekolleté. Jetzt ist er überzeugt, eine gute Nacht vor sich zu haben – und wenn er verliert, wird er trotzdem weiterspielen. Wer weiß? Dann gewinnt Jesper vielleicht sogar seine Revolver zurück.«

»Das hoffe ich«, sagte Wylan, als sie auf einen Kahn sprangen, der bereits voller Reisender war und durch den Stave nach Süden fuhr.

»War klar.«

»Was soll das bedeuten?«

»Jemand wie Jesper gewinnt zweimal und nennt das dann schon einen Lauf. Irgendwann verliert er, und dadurch hungert er nur noch mehr nach der nächsten Glückssträhne. Darauf ist das Haus angewiesen, und darauf verlässt es sich.«

Warum sorgt man dann dafür, dass er eine Spielhalle betritt?, dachte Wylan, aber er sprach es nicht aus. Und warum ließ er Jesper etwas aufgeben, das ihm so viel bedeutete? Es musste doch einen anderen Weg geben, um Smeet am Tisch zu halten. Aber selbst das waren nicht die richtigen Fragen. Die richtige Frage war, warum Jesper all das ohne Zögern tat. Vielleicht wollte er immer noch Kaz’ Anerkennung gewinnen und hoffte, dass er so die Gunst wiedererlangte, die er verloren hatte, nachdem sein Fehltritt zu dem Hinterhalt an den Docks geführt hatte, der Inej fast das Leben gekostet hätte. Oder vielleicht wollte Jesper auch noch mehr als nur Vergebung von Kaz.

Was tue ich hier?, fragte Wylan sich wieder. Er bemerkte, dass er an seinem Daumen nagte, und zwang sich, damit aufzuhören. Er war wegen Inej hier. Sie hatte ihnen mehr als einmal das Leben gerettet, und das würde er nicht vergessen. Er war hier, weil er das Geld dringend brauchte. Und wenn es einen weitere Grund gab, einen großen, schlaksigen Grund mit einem zu ausgeprägten Geschmack für Glücksspiele, dann würde er jetzt nicht darüber nachdenken.

Sobald sie es in die Randbezirke des Barrel geschafft hatten, streiften Wylan und Kaz die Capes und die himmelblauen Jacken ab, dann hielten sie nach Osten auf den Zelverdistrikt zu.

Matthias wartete in einem dunklen Hauseingang am Handelkanal auf sie. »Alles klar?«, fragte Kaz.

»Alles klar«, sagte der großgewachsene Fjerdan. »Die Lichter im obersten Geschoss von Smeets Haus sind vor mehr als einer Stunde ausgegangen, aber ich weiß nicht, ob die Diener wach sind.«

»Er hat nur eine Magd, die täglich kommt, und einen Koch«, sagte Kaz. »Er ist zu geizig für feste Dienerschaft.«

»Wie ist …«

»Nina geht es gut. Jesper geht es gut. Jedem geht es gut, außer mir, weil ich hier mit einer Bande händeringender Kindermädchen feststecke. Halte Wache.«

Wylan sah Matthias an und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Matthias schien zu überlegen, ob er Kaz’ Schädel gegen die Wand schlagen sollte, doch dann eilte er nur hinter ihm her. Smeets Heim diente ihm auch als Büro, und es befand sich in einer dunklen Straße, durch die nur wenige Menschen kamen. Die Lampen entlang des Kanals waren entzündet worden, und Kerzen brannten in einigen Fenstern, aber nach dem zehnten Schlag hatten sich die meisten achtbaren Anwohner der Nachbarschaft bereits für die Nacht zurückgezogen.

»Wollen wir einfach durch die Vordertür hineinspazieren?«

»Benutz deine Augen, statt zu quatschen«, sagte Kaz, in dessen Händen bereits die Dietriche glänzten.

Das tue ich, dachte Wylan. Aber das stimmte nicht ganz. Er hatte die Abmessungen des Hauses verinnerlicht, die Neigung des Giebeldachs, die Rosen, die in den Blumenkästen vor den Fenstern gerade aufblühten. Doch er hatte das Haus nicht als Puzzle betrachtet. Missmutig musste Wylan zugeben, dass dies hier einfach war. Der Zelverdistrikt war wohlhabend, aber nicht wirklich reich – ein Ort für erfolgreiche Kunsthandwerker, Buchhalter und Anwälte. Und obwohl die Häuser sorgsam erbaut waren und sauber, mit Blick auf einen breiten Kanal, so standen sie doch sehr eng aneinander, und es gab keine prächtigen Gärten oder Privatdocks. Um an die Fenster in den oberen Stockwerken heranzukommen, hätten er und Kaz in ein benachbartes Haus einbrechen und so zwei Paar Schlösser öffnen müssen. Da war es besser, das Risiko mit der Vordertür einzugehen und einfach so zu tun, als hätten sie alles Recht der Welt, dort zu sein – auch wenn Kaz Dietriche statt Schlüssel in der Hand hielt.

Benutz deine Augen. Aber Wylan sah die Welt nicht gern mit Kaz’ Augen. Hatten sie erst einmal ihr Geld, würde er das nie wieder tun müssen.

Nach kaum einer Sekunde drückte Kaz den Türgriff herunter, und die Tür schwang auf. Sofort hörte Wylan das Getrappel von Pfoten, Krallen auf Hartholz und leises Knurren, als Smeets Hunde zur Tür stürzten, die weißen Zähne fletschten und dabei tief in den Kehlen grollten. Bevor sie noch begriffen, dass jemand anderes als ihr Herr nach Hause gekommen war, schob sich Kaz Smeets Pfeife zwischen die Lippen und blies hinein. Nina war es gelungen, sie von der Kette zu lösen, die der Anwalt immer um den Hals trug. Sie hatte sie unter eine leere Austernschale geschoben, damit Wylan sie mit in die Küche nehmen konnte.

Kein Laut drang aus der Pfeife – zumindest keiner, den Wylan hätte hören können. Das wird nicht klappen, dachte er und stellte sich vor, wie sich die riesigen Kiefer in seinen Hals gruben. Aber die Hunde kamen schlitternd zum Stehen, rannten verwirrt gegeneinander und verharrten dann aneinandergedrängt.

Kaz blies erneut in die Pfeife, und seine Lippen spitzten sich im Rhythmus eines neuen Befehls. Die Hunde beruhigten sich und ließen sich mit einem griesgrämigen Winseln zu Boden fallen. Einer rollte sich sogar auf den Rücken.

»Wieso lassen sich Menschen nicht so einfach abrichten?«, murmelte Kaz, als er sich hinkniete, um dem Hund den Bauch zu tätscheln und seine schwarz behandschuhten Finger das kurze Fell glätteten. »Schließ die Tür hinter dir.«

Wylan machte die Tür zu und stand dann mit dem Rücken dagegengedrückt da, behielt den Haufen sabbernder Hunde argwöhnisch im Blick. Das ganze Haus roch nach Hund – nach feuchtem Fell, fettigen Tierhäuten und warmem, nach rohem Fleisch stinkenden Atem.

»Magst du keine Tiere?«, fragte Kaz.

»Ich mag Hunde«, sagte Wylan. »Nur nicht, wenn sie so groß sind wie Bären.«

Wylan wusste, dass das wirkliche Rätsel um Smeets Haus für Kaz schwer zu lösen gewesen war. Er konnte praktisch jedes Schloss knacken und jedes Alarmsystem überlisten, aber es hatte keinen leichten Weg gegeben, um an Smeets blutrünstigen Jagdhunden vorbeizukommen, ohne dass ihr Plan aufflog. Tagsüber hielt Smeet die Hunde in einem Zwinger, aber nachts durften sie sich im Haus frei bewegen, während Smeets Familie friedlich in den prächtig eingerichteten Zimmern im zweiten Stock schlief. Die Treppe nach oben war mit einem eisernen Tor verschlossen. Smeet führte die Hunde selbst aus, den Handelkanal hinauf und hinunter, und er folgte ihnen wie ein dicker kleiner Schlitten mit einem teuren Hut.

Nina hatte vorgeschlagen, das Futter der Hunde mit einem Betäubungsmittel zu versetzen. Smeet ging jeden Morgen zum Metzger, um Fleisch für die Hunde auszuwählen, und es wäre leicht genug gewesen, die Päckchen auszutauschen. Aber Smeet wollte, dass seine Hunde nachts hungrig waren, also fütterte er sie morgens. Er hätte es bemerkt, wenn seine so wertvollen Tiere den ganzen Tag über träge gewesen wären, und sie konnten nicht das Risiko eingehen, dass Smeet zu Hause blieb, um sich um seine Hunde zu kümmern. Er musste den Abend im Ost-Stave verbringen, und wenn er nach Hause kam, war es unerlässlich, dass ihm nichts Seltsames auffiel. Davon hing Inejs Leben ab.

Kaz hatte den privaten Salon im Kumulus organisiert, Nina hatte die Pfeife unter Smeets Hemd hervorgezogen, und Stück für Stück hatte sich der Plan zusammengefügt. Wylan wollte nicht darüber nachdenken, was sie getan hatten, um an die Befehle zu kommen, die man mit der Pfeife gab. Er erschauderte, als er sich daran erinnerte, wie Smeet gesagt hatte: Einer meiner Buchhalter kam einfach nicht mehr aus dem Urlaub zurück. Das würde er auch nicht mehr. Wylan konnte die Schreie des Buchhalters noch immer hören, den Kaz an den Knöcheln gepackt und von der Spitze des Hanraatleuchtturms hatte baumeln lassen. Ich bin ein guter Mann, hatte er gerufen. Ich bin ein guter Mann. Es waren die letzten Worte, die er von sich gegeben hatte. Hätte er weniger geredet, wäre er vielleicht noch am Leben.

Jetzt sah Wylan Kaz zu, wie der einem sabbernden Hund hinter den Ohren kratzte und sich dann erhob. »Lass uns gehen. Pass auf deine Füße auf.«

Sie wichen den Hunden aus, die im Flur lagen, und gingen leise die Treppe hinauf. Der Grundriss von Smeets Haus war Wylan vertraut. Die meisten Firmen in der Stadt folgten dem gleichen Plan: im Erdgeschoss die Küche und Räume für die Öffentlichkeit, in denen man sich mit den Kunden traf, Arbeitszimmer und Lager im ersten Stock und Schlafräume für die Familie im zweiten. Die Häuser besonders wohlhabender Leute verfügten über ein drittes Stockwerk, in dem die Bediensteten untergebracht waren. Als Junge hatte Wylan so einige Stunden damit verbracht, sich vor seinem Vater in den oberen Stockwerken seines Elternhauses zu verstecken.

»Nicht mal abgeschlossen«, murmelte Kaz, als sie Smeets Arbeitszimmer betraten. »Diese Hunde haben ihn nachlässig werden lassen.«

Kaz schloss die Tür und entzündete eine Lampe, deren Flamme er jedoch niedrig stellte.

In dem Arbeitszimmer standen drei kleine Schreibtische vor den Fenstern, um das Tageslicht auszunutzen, einer für Smeet und zwei für seine Angestellten. Ich bin ein guter Mann.

Wylan verdrängte die Erinnerung und konzentrierte sich auf die Regale, die vom Boden bis zur Decke reichten. Darin standen Geschäftsbücher und Kisten voller Dokumente, jede sorgfältig beschriftet, wie Wylan annahm, waren es die Namen von Kunden und Unternehmen.

»So viele Täubchen«, sagte Kaz leise, und sein Blick flog über die Kisten. »Naten Boreg, dieser traurige kleine Versager Karl Dryden. Smeet vertritt den halben Kaufmannsrat.«

Und auch Wylans Vater. Smeet hatte als Jan Van Ecks Anwalt und Grundstücksverwalter gedient, solange Wylan sich erinnern konnte.

»Wo fangen wir an?«, flüsterte Wylan.

Kaz zog ein dickes Kontobuch aus dem Regal. »Zuerst vergewissern wir uns, dass dein Vater keine neuen Anschaffungen unter seinem Namen verbuchen kann. Dann suchen wir unter dem Namen deiner Stiefmutter und unter deinem.«

»Nenn sie nicht so. Alys ist kaum älter als ich. Und mein Vater wird keine Grundstücke auf meinen Namen eingetragen gelassen haben.«

»Du wärst überrascht, was ein Mann zu tun bereit ist, um keine Steuern zahlen zu müssen.«

Sie verbrachten fast die ganze nächste Stunde damit, sich durch Smeets Akten zu wühlen. Sie wussten alles über Van Ecks Gemeingüter – die Fabriken, Hotels und Industriebetriebe, die Schiffswerft, den Landsitz und das Ackerland im südlichen Kerch. Aber Kaz glaubte, dass Wylans Vater privaten Besitz haben musste, Orte, die er aus den öffentlichen Registern heraushielt, Orte, an denen er etwas – oder jemanden – verstecken konnte, das nicht gefunden werden sollte.

Kaz las Namen und Einträge aus den Grundbüchern laut vor, stellte Wylan Fragen und versuchte, Verbindungen zu Grundstücken oder Unternehmen zu finden, die sie noch nicht entdeckt hatten. Wylan wusste, dass er seinem Vater nichts schuldete, aber es fühlte sich trotzdem an wie Betrug.

»Geldspin?«, fragte Kaz.

»Eine Baumwollspinnerei. Ich glaube, sie ist in Zierfoort.«

»Zu weit weg. Dort wird er sie nicht verstecken. Was ist mit der Firma Allerbest?«

Wylan durchforstete seine Erinnerungen. »Ich glaube, das ist eine Konservenfabrik.«

»Beides praktisch Bargelddruckereien, und sie stehen beide auf Alys’ Namen. Aber Van Eck behält die Großverdiener für sich selbst, die Werft, die Speicher an der Zuckerklippe.«

»Ich habe es dir ja gesagt«, meinte Wylan, der mit einem Stift auf einem Löschblatt herummalte. »Mein Vater vertraut sich selbst und Alys nur ein Stück. Und er würde nichts unter meinem Namen stehen lassen.«

Kaz sagte nur: »Nächster Ordner. Lass uns mit den Gewerbeobjekten anfangen.«

Wylan hörte auf, mit dem Stift herumzuspielen. »War da etwas auf meinen Namen?«

Kaz lehnte sich zurück. Sein Blick wirkte fast herausfordernd, als er sagte: »Eine Druckerei.«

Es war der gleiche alte Witz. Warum tat es immer noch weh? Wylan legte den Stift weg. »Verstehe.«

»Ich würde ihn nicht gerade als feinsinnig bezeichnen. Eil Komedie läuft auch auf deinen Namen.«

»Natürlich«, antwortete Wylan und wünschte, er klänge nicht so bitter. Ein weiterer familiärer Scherz, den sein Vater genießen konnte – eine verlassene Insel mit nichts darauf als einem kaputten Vergnügungspark, ein wertloser Ort für seinen wertlosen, des Lesens und Schreibens unkundigen Sohn. Er hätte nicht fragen sollen.

Während die Minuten verstrichen und Kaz weiter laut vorlas, wurde Wylan immer aufgewühlter. Wenn er nur lesen könnte, würden sie doppelt so schnell durch die Unterlagen kommen. Wylan hätte das Geschäft seines Vaters bereits in- und auswendig gekannt. »Ich halte dich auf«, sagte er.

Kaz schlug einen weiteren Stapel Dokumente auf. »Ich wusste genau, wie lange das hier dauert. Wie war der Familienname deiner Mutter?«

»Es gibt nichts unter ihrem Namen.«

»Sei so gut.«

»Hendriks.«

Kaz ging zu den Regalen und wählte ein weiteres Register aus. »Wann ist sie gestorben?«

»Als ich acht war.« Wylan nahm den Stift wieder auf. »Mein Vater wurde gemeiner, nachdem sie gestorben war.« Wenigstens erinnerte sich Wylan so daran. Die Monate nach dem Tod seiner Mutter waren ein verschwommenes Gemälde aus Trauer und Schweigen. »Er ließ mich nicht zu ihrer Beerdigung gehen. Ich weiß nicht mal, wo sie begraben liegt. Warum sagt ihr das eigentlich? Keine Klageweiber, keine Beerdigungen? Warum sagt ihr nicht einfach viel Glück oder passt auf euch auf?«

»Wir halten die Erwartungen gern niedrig.« Kaz’ behandschuhte Finger fuhren an einer Zahlenreihe hinab und hielten dann inne. Sein Blick ging zwischen den beiden Büchern hin und her, dann klappte er die Ledereinbände zu. »Lass uns gehen.«

»Hast du etwas gefunden?«

Kaz nickte knapp. »Ich weiß, wo sie ist.«

Wylan glaubte nicht, dass er sich die Anspannung in Kaz’ rauer Stimme einbildete. Kaz schrie nie, so wie Wylans Vater das getan hatte, aber Wylan hatte gelernt, auf die tiefen Noten zu achten, die Andeutung einer schwarzen Harmonie, die sich in Kaz’ Tonfall schlich, wenn Gefahr drohte. Er hatte sie nach dem Kampf auf den Docks gehört, als Inej blutend dalag, verletzt von Oomens Messer, und dann, als Kaz erfahren hatte, dass es Pekka Rollins gewesen war, der versuchte hatte, sie in einen Hinterhalt zu locken, und wieder, als Wylans Vater falsches Spiel mit ihnen getrieben hatte. Er hatte es laut und deutlich auf dem Leuchtturm gehört, als der Buchhalter um sein Leben gefleht hatte.

Wylan sah zu, wie Kaz das Zimmer wieder herrichtete. Er bewegte einen Umschlag ein wenig weiter nach links, zog eine Schublade aus dem größten Aktenschrank ein bisschen weiter raus, schob den Stuhl ein Stückchen zurück. Als er fertig war, musterte er den Raum, dann nahm er Wylan den Stift aus den Händen und legte ihn sorgfältig an seinen Platz auf dem Schreibtisch zurück.

»Ein echter Dieb ist wie ein echtes Gift, Krämerlein. Er hinterlässt keine Spuren.« Kaz blies die Lampe aus. »Hat dein Vater viel für Wohltätigkeit übrig?«

»Nein. Er zahlt den Zehnten an Ghezen, aber er sagt, Wohltätigkeit beraubt Menschen der Möglichkeit, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen.«

»Nun, er spendet seit acht Jahren für die Kirche der Heiligen Hilda. Wenn du deiner Mutter die Ehre erweisen möchtest, so ist das vielleicht der Ort, an dem du anfangen solltest.«

Wylan starrte Kaz stumm an. Er hatte noch nie von der Kirche der Heiligen Hilda gehört. Und er hatte noch nie erlebt, dass Dirtyhands eine Information preisgab, wenn sie ihm nicht diente. »Was …«

»Wenn Nina und Jesper ihren Job gut gemacht haben, wird Smeet bald auftauchen. Wir dürfen nicht hier sein, wenn er zurückkommt, sonst geht der ganze Plan zur Hölle. Los, komm.«

Wylan hatte das Gefühl, als hätte man ihm eins der dicken Kontobücher über den Kopf gezogen, um ihm dann zu sagen, er sollte das schnell wieder vergessen.

Kaz öffnete die Tür einen Spalt. Beide blieben wie erstarrt stehen.

Über Kaz’ Schulter hinweg sah Wylan ein kleines Mädchen, das auf dem Treppenabsatz stand und sich gegen den Hals eines riesigen grauen Hundes lehnte. Sie war vielleicht fünf Jahre alt, und ihre Zehen waren unter dem Saum ihres Flanellnachthemds kaum zu sehen.

»O Ghezen«, flüsterte Wylan.

Kaz trat hinaus in den Flur und zog die Tür hinter sich fast vollständig zu. Wylan zögerte, stand in dem dunklen Arbeitszimmer und wusste nicht genau, was er tun sollte, außerdem hatte er Angst vor dem, was Kaz tun könnte.

Das Mädchen sah mit großen Augen zu Kaz auf, dann zog es den Daumen aus dem Mund. »Arbeitest du für meinen Pa?«

»Nein.«

In Wylans Kopf stieg wieder die Erinnerung auf. Ich bin ein guter Mann. Sie hatten den Buchhalter überfallen, als er aus der Menagerie kam, und ihn dann auf die Spitze des Leuchtturms geschleppt. Kaz hatte ihn an den Knöcheln gepackt, und der Schreiber hatte sich vollgepinkelt und um Gnade gewimmert, bevor er schließlich eingeknickt war und Smeets Pfeifenbefehle preisgegeben hatte. Kaz hatte ihn gerade wieder nach oben ziehen wollen, als der Schreiber anfing, ihnen Dinge anzubieten: Geld, Bankkontennummern von Smeets Kunden, und dann – ich habe Informationen über eins der Mädchen in der Menagerie, die Semeni.

Kaz hatte gezögert. Was hast du über sie?

Da hatte Wylan es gehört, dieser leise, gefährliche Ton, eine Warnung. Doch der Buchhalter kannte Kaz nicht, erkannte die Veränderung in dem rauen Kratzen seiner Stimme nicht. Er dachte, er hätte einen Hebel gefunden, etwas, das Kaz wollte.

Einer der Kunden macht ihr teure Geschenke. Sie behält das Geld. Du weißt, was der Pfau mit dem letzten Mädchen gemacht hat, das sie dabei erwischte, wie sie ihr etwas unterschlug, oder?

Das tue ich, hatte Kaz gesagt, und seine Augen hatten dabei geblitzt wie die Schneiden eines Rasiermessers. Tante Heleen hat sie zu Tode geprügelt.

Kaz – hatte Wylan es versucht, aber der Buchhalter hatte weitergeredet.

Genau dort im Salon. Dieses Mädchen weiß, dass sie erledigt ist, wenn ich rede. Sie empfängt mich, ohne dass ich dafür bezahlen muss, also habe ich den Mund gehalten. Sie schmuggelt mich rein. Sie macht das auch für euch, eure Freunde. Was auch immer ihr wollt.

Wenn Tante Heleen das herausfindet, würde sie deine Semeni töten, hatte Kaz gesagt. Sie würde an ihr ein Exempel statuieren für die anderen Mädchen.

Ja, keuchte der Buchhalter eifrig. Sie würde alles tun, was ihr wollt, alles.

Langsam lockerte Kaz seinen Griff und ließ die Beine des Mannes durch seine Hände gleiten. Das ist schrecklich, nicht wahr? Das Wissen, dass jemand dein Leben in seinen Händen hält.

Die Stimme des Buchhalters wurde noch höher, als er seinen Fehler erkannte. Sie ist nur eine Prostituierte, hatte er geschrien. Sie weiß Bescheid! Ich bin ein guter Mann. Ich bin ein guter Mann!

Es gibt keine guten Männer in Ketterdam, hatte Kaz gesagt. Das Klima hier bekommt ihnen nicht. Und dann hatte er einfach losgelassen.

Wylan erschauderte. Durch den Türspalt sah er, wie Kaz in die Hocke ging, damit er dem kleinen Mädchen in die Augen sehen konnte. »Wie heißt der große Kerl hier denn?«, fragte Kaz und legte eine Hand auf den faltigen Nacken des Hundes.

»Das ist Herr Tupfen.«

»Ah ja?«

»Er kann sehr schön heulen. Pa lässt mich allen Welpen Namen geben.«

»Ist Herr Tupfen dein Liebling?«, fragte Kaz.

Sie schien nachzudenken, dann schüttelte sie den Kopf. »Ich mag Herzog Addam von der Silberkeule am liebsten, dann Fusselschnauze, dann Herrn Tupfen.«

»Das ist gut zu wissen, Hanna.«

Ihr Mund öffnete sich, und die Lippen formten ein kleines O. »Woher weißt du meinen Namen?«

»Ich kenne die Namen aller Kinder.«

»Das tust du?«

»Oh, ja. Von Albert, der nebenan wohnt, und von Gertrude in der Ammberstraat. Ich wohne unter ihren Betten und ganz hinten in ihren Schränken.«

»Ich wusste es«, hauchte das Mädchen, und Angst und Triumph schwangen gleichermaßen in ihren Worten mit. »Mama sagte, da wäre nichts, aber ich wusste es.« Sie neigte den Kopf zur Seite. »Du siehst nicht aus wie ein Monster.«

»Ich erzähle dir jetzt ein Geheimnis, Hanna. Die wirklich bösen Monster sehen nicht aus wie Monster.«

Jetzt begann die Unterlippe des kleinen Mädchens zu zittern. »Bist du hergekommen, um mich zu fressen? Pa sagt, Monster essen Kinder, die nicht ins Bett gehen, wenn man es ihnen sagt.«

»Das tun sie. Aber ich werde das nicht machen. Nicht heute Nacht. Wenn du zwei Dinge für mich tust.«

Seine Stimme war ruhig, fast schon hypnotisch. Das raue Knarren eines Bogens, der zu dick mit Harz bestrichen worden war, klang darin mit. »Zuerst musst du ins Bett zurückgehen. Und dann darfst du niemandem