Goldene Flammen - Leigh Bardugo - E-Book

Goldene Flammen E-Book

Leigh Bardugo

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Beschreibung

Der Auftakt zum Fantasy-Abenteuer über die magische Armee der Grisha und den Krieg um Ravka von Bestseller-Autorin Leigh Bardugo (»Das Lied der Krähen«, »Das Gold der Krähen«) – in neuer, aufwendig veredelter Ausstattung: Alina ist eine einfache Kartografin in der Ersten Armee des Zaren von Ravka. Jemand, der entbehrlich ist – ganz anders als ihr Kindheitsfreund Malyen, der erfolgreiche Fährtenleser und Frauenschwarm. Doch als Alina Mal bei einem Überfall auf unerklärliche Weise das Leben rettet, ändert sich alles für sie, denn sie findet heraus, dass sie eine Grisha ist, die über große Macht verfügt. Alina wird ins Trainingslager der Grisha versetzt, der magischen und militärischen Elite Ravkas. Dort findet sie einen ganz besonderen Mentor: Den ältesten und mächtigsten der Grisha, der nur der »Dunkle« genannt wird und der schon bald ganz eigene Pläne mit Alina verfolgt. Fantasy, Märchen, zarte Romanze: Mit dem vom Krieg zerrissenen Ravka, dem ausgeklügelten Magie-System der Grisha und ihren lebendigen, facettenreichen Charakteren hat Leigh Bardugo eine Welt abseits ausgetretener Pfade entwickelt. Ein echtes Fantasy-Highlight, nicht nur für Fans der Bestseller »Das Lied der Krähen« und »Das Gold der Krähen« Die Grisha-Trilogie ist in folgender Reihenfolge erschienen: • »Goldene Flammen« • »Eisige Wellen« • »Lodernde Schwingen«

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 403




Leigh Bardugo

Goldene Flammen

Roman

Aus dem Englischen von Henning Ahrens

Knaur e-books

Über dieses Buch

Alina ist eine einfache Kartografin in der Ersten Armee des Zaren von Ravka. Jemand, der entbehrlich ist – ganz anders als ihr Kindheitsfreund Malyen, der erfolgreiche Fährtenleser und Frauenschwarm. Auf keinen Fall soll Malyen merken, dass die unscheinbare Alina in ihn verliebt ist! Doch als sie ihm bei einem Überfall auf unerklärliche Weise das Leben rettet, ändert sich Alinas Dasein auf einen Schlag. Es scheint, als würde sie über besondere Kräfte verfügen, und so schickt man sie ins Trainingslager der Grisha, der magischen und militärischen Elite Ravkas. Dort nimmt sich besonders einer Alinas an: der Dunkle, ältester und mächtigster der Grisha …

Inhaltsübersicht

WidmungDie GrishaKartedavor1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. KapiteldanachDanksagung
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Für meinen Großvater: Erzähl mir noch ein paar Lügen.

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Die Grisha

Soldaten der Zweiten Armee

Meister der Kleinen Künste

 

Korporalki

Orden der Lebenden und der Toten

 

Entherzer

Heiler

 

Ätheralki

Orden der Beschwörer

 

Stürmer

Inferni

Fluter

 

Materialki

Orden der Fabrikatoren

 

Durasten

Alkemi

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davor

Die Diener nannten sie Malenchki, Geisterchen, denn die Kleinsten und Jüngsten suchten das Haus des Herzogs heim wie kichernde Phantome, rannten durch die Zimmer, versteckten sich in Schränken, um zu lauschen, und stahlen die letzten Pfirsiche des Sommers aus der Küche.

Der Junge und das Mädchen trafen im Abstand weniger Wochen ein, noch zwei Kinder, deren Eltern während der Grenzkriege den Tod gefunden hatten, verdreckte Flüchtlinge, die man in den Ruinen ferner Orte entdeckt und zum Anwesen des Herzogs gebracht hatte, damit sie Lesen, Schreiben und ein Handwerk lernten. Der Junge war klein, stämmig und scheu, hatte aber immer ein Lächeln auf den Lippen. Das Mädchen war anders, und es war sich dessen bewusst.

In einem Schrank versteckt, um Klatsch und Tratsch der Erwachsenen zu belauschen, hörte sie, wie Ana Kuya, die Haushälterin des Herzogs, sagte: »Was für ein hässliches Mädchen. Wie kann ein Kind nur so aussehen? Sie erinnert mich an ein Glas vergorene Milch – bleich und verdrossen.«

»Und so mager!«, fiel die Köchin ein. »Sie isst nie auf.«

Der mit im Schrank hockende Junge drehte sich zu dem Mädchen um und flüsterte: »Warum isst du so wenig?«

»Weil alles wie Schlamm schmeckt, was sie kocht.«

»Ich esse es gern.«

»Du isst ja auch alles, was man dir vorsetzt.«

Sie legten die Ohren wieder an den Spalt in der Schranktür.

Kurz darauf flüsterte der Junge: »Ich finde nicht, dass du hässlich bist.«

»Pssst!«, zischte das Mädchen. Die tiefen Schatten im Schrank verbargen ihr Lächeln.

 

Im Sommer mussten sie viele Pflichten im Haushalt erledigen, gefolgt von endlos langem Unterricht in stickigen Klassenzimmern. An den besonders heißen Tagen flohen sie in den Wald, wo sie Vogelnester aufstöberten oder im trüben Bach badeten, und manchmal lagen sie stundenlang auf einer Wiese, sahen zu, wie die Sonne über den Himmel wanderte, und malten sich aus, wo sie ihren Bauernhof errichten und ob sie zwei oder drei weiße Kühe halten würden. Der Herzog verbrachte den Winter in seiner Stadtresidenz in Os Alta. Je kürzer und kälter die Tage wurden, desto nachlässiger waren die Lehrer, die lieber am Feuer saßen, Karten spielten und Kvas tranken, als zu unterrichten. Die älteren Kinder waren im Haus eingesperrt und langweilten sich, und sie vertrieben sich die Zeit, indem sie die jüngeren verprügelten. Also versteckten sich der Junge und das Mädchen in den ungenutzten Räumen des Herrenhauses, dachten sich Spiele für die Mäuse aus und versuchten, sich warm zu halten.

Am Tag, als die Prüfer der Grisha kamen, saßen die beiden im Obergeschoss auf der Fensterbank eines staubigen Schlafzimmers und hielten Ausschau nach der Postkutsche. Statt dieser sahen sie aber einen von drei Rappen gezogenen Schlitten durch das weiße Steintor auf das Anwesen fahren. Sie schauten zu, wie er lautlos durch den Schnee glitt und vor der Tür des herzoglichen Hauses hielt.

Drei Gestalten stiegen aus, jede mit eleganter Pelzmütze und einer schweren Kefta aus Wolle – eine war karmesinrot, eine nachtblau, eine strahlend purpurrot.

»Grisha!«, flüsterte das Mädchen.

»Schnell!«, sagte der Junge.

Sie streiften die Schuhe ab und liefen lautlos durch den Flur, eilten durch das leere Musikzimmer und versteckten sich hinter einer Säule auf der Empore, von der sie den großen Salon überblickten. Dort empfing Ana Kuya ihre Gäste am liebsten.

Ana Kuya, vogelgleich in ihrem schwarzen Kleid, schenkte Tee aus dem Samowar ein. An ihrer Hüfte klimperte der große Schlüsselbund.

»In diesem Jahr sind es also nur die zwei?«, fragte eine Frau mit leiser Stimme.

Der Junge und das Mädchen sahen von der Empore in den Raum hinab. Zwei Grisha saßen am Feuer: ein gut aussehender, in Blau gekleideter Mann und eine elegante, hochnäsig wirkende Frau in purpurroter Kefta. Der dritte, ein junger blonder Mann, ging im Zimmer hin und her.

»Ja«, antwortete Ana Kuya. »Ein Junge und ein Mädchen. Sie sind bei Weitem die Jüngsten hier. Wir schätzen sie auf etwa acht Jahre.«

»Sie schätzen?«, fragte der Mann in Blau.

»Wenn die Eltern verstorben sind …«

»Verstehe«, sagte die Frau. »Wir sind natürlich große Bewunderer Ihrer Einrichtung, aber es wäre wünschenswert, wenn sich der Adel in noch stärkerem Maße für das gemeine Volk einsetzen würde.«

»Unser Herzog ist ein sehr großzügiger Mann«, sagte Ana Kuya. Oben auf der Empore nickten sich Junge und Mädchen wissend zu. Ihr Wohltäter, Herzog Keramsov, war ein gefeierter Kriegsheld und Freund des Volkes. Nach seiner Rückkehr von der Front hatte er sein Anwesen in ein Heim für Waisenkinder und Kriegswitwen umgewandelt. Jeder war angehalten, den Herzog in seine abendlichen Gebete einzuschließen.

»Wie sind diese Kinder?«, fragte die Frau.

»Das Mädchen hat ein Talent zum Zeichnen. Der Junge fühlt sich am wohlsten im Wald und in den Wiesen.«

»Ja. Aber wie sind sie?«, wiederholte die Frau.

Ana Kuya spitzte die runzligen Lippen. »Wie sie sind? Sie sind undiszipliniert und dickköpfig und kleben aneinander wie die Kletten. Sie …«

»Sie hören jedes Wort«, sagte der junge Mann mit der karmesinroten Kefta.

Der Junge und das Mädchen schraken auf. Sein Blick war direkt auf ihr Versteck gerichtet. Sie kauerten sich hinter die Säule, aber es war zu spät.

Ana Kuyas Stimme war so scharf wie ein Peitschenhieb.

»Alina Starkov! Malyen Oretsev! Runter mit euch! Aber sofort!« Alina und Mal stiegen zögernd die schmale Wendeltreppe am Ende der Empore hinab. Als sie unten standen, erhob sich die Frau in purpurner Kefta von ihrem Stuhl und winkte sie zu sich.

»Wisst ihr, wer wir sind?«, fragte die Frau. Ihr Haar war stahlgrau, ihr Gesicht faltig, aber wunderschön.

»Ihr seid Hexer!«, rief Mal.

»Hexer?«, fauchte sie und fuhr zu Ana Kuya herum. »Lehren Sie so etwas an dieser Schule? Aberglauben und Lügen?«

Ana Kuya war dies so peinlich, dass sie errötete. Die Frau in Purpur drehte sich wieder zu Mal und Alina um, ihre dunklen Augen blitzten. »Wir sind keine Hexer. Wir üben die Kleinen Künste aus. Wir sorgen für die Sicherheit dieses Landes.«

»Genau wie die Erste Armee«, sagte Ana Kuya leise, aber mit unmissverständlicher Schärfe.

Die Frau erstarrte, räumte dann aber ein: »Genau wie die Armee des Zaren.«

Der junge Mann lächelte und ging vor den Kindern in die Knie. Er fragte leise: »Ist es Hexerei, wenn sich das Laub verfärbt? Oder wenn ein Schnitt auf eurer Hand heilt? Ist es Hexerei, wenn Wasser auf dem Herd zu kochen beginnt?«

Mal machte große Augen und schüttelte den Kopf.

Doch Alina runzelte die Stirn und sagte: »Jeder kann Wasser zum Kochen bringen.«

Ana Kuya seufzte verzweifelt, aber die Frau in Purpur lachte nur und wandte sich dem Mädchen zu.

»Sehr richtig. Jeder kann Wasser zum Kochen bringen. Aber nicht jeder kann lernen, die Kleinen Künste zu beherrschen. Deshalb sind wir hier: Wir sind gekommen, um euch auf die Probe zu stellen.« Sie sah Ana Kuya an: »Lassen Sie uns allein.«

»Halt!«, rief Mal. »Was ist denn, wenn wir Grisha wären? Was würde dann mit uns geschehen?«

Die Frau sah auf die beiden Kinder hinab. »Falls einer von euch wider Erwarten tatsächlich ein Grisha sein sollte, werdet ihr das Glück haben, eine besondere Schule zu besuchen, wo die Grisha lernen, ihre Gaben einzusetzen.«

»Ihr würdet die schönsten Kleider tragen und das beste Essen bekommen. Alles, was euer Herz begehrt«, fügte der Mann in Karmesinrot hinzu. »Würde euch das gefallen?«

»Besser könntet ihr eurem Zaren nicht dienen«, sagte Ana Kuya, die jetzt in der Tür stand.

»Das ist wahr«, erwiderte die Frau erfreut und etwas versöhnt. Da die Erwachsenen abgelenkt waren, bemerkten sie weder, dass der Junge und das Mädchen einander kurz ansahen, noch, dass das Mädchen nach der Hand des Jungen griff. Dem Herzog wäre dies nicht entgangen. Er hatte viele Jahre an der hart umkämpften Nordgrenze verbracht, wo die Dörfer ständig belagert wurden und die Bauern ihre Schlachten ohne große Unterstützung des Zaren oder anderer Hilfe ausfochten. Er hatte eine Frau gesehen, die barfuß und vollkommen furchtlos in ihrer Tür gestanden und einer ganzen Reihe von Bajonetten getrotzt hatte. Er wusste, wie ein Mann aussah, der sein Heim mit nichts als einem Stein in der Hand verteidigte.

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1

Ich stand am Rand einer überfüllten Straße und sah auf die hügeligen Felder und verlassenen Bauernhöfe des Tula-Tals hinab. Da erblickte ich sie zum ersten Mal: die Schattenflur. Mein Regiment war zwei Wochen zuvor aus dem Militärlager in Poliznaya abmarschiert, und die Herbstsonne war warm, aber als ich den Dunst betrachtete, der wie eine schmutzige Schliere am Horizont wogte, zitterte ich trotz meines Mantels.

Irgendwer rammte mir seine Schulter in den Rücken. Ich stolperte und wäre fast der Länge nach auf den matschigen Boden gestürzt.

»He!«, schrie der Soldat. »Pass doch auf!«

»Pass du lieber auf deine fetten Füße auf«, fauchte ich und merkte mit Befriedigung, dass ein verdutzter Ausdruck auf seinem breiten Gesicht erschien. Kaum jemand, vor allem kein schwerer Mann mit schwerer Waffe, rechnete damit, dass eine so kleine und schmächtige junge Frau wie ich zurückblaffte.

Nachdem der Soldat seine Überraschung verdaut hatte, warf er mir einen bösen Blick zu, richtete seinen Tornister und verschwand dann in der Karawane zwischen Pferden, Männern, Karren und Wagen, die über den Hügel ins Tal strömte.

Ich beschleunigte meine Schritte und versuchte, über die vielen Köpfe hinweg etwas zu erkennen. Die gelbe Fahne des Feldmesswagens hatte ich schon vor Stunden aus den Augen verloren und wusste, dass ich weit hinterherhinkte.

Unterwegs sog ich die grünen und goldenen Düfte des Herbstwalds in mich auf, spürte die sanfte Brise im Rücken. Wir befanden uns auf dem Vy, jener breiten Straße, die früher von Os Alta bis zu den wohlhabenden Hafenstädten an der Westküste Ravkas geführt hatte. Jedenfalls in der Zeit vor der Schattenflur.

In der Menge stimmte jemand ein Lied an. Ein Lied? Welcher Idiot singt auf dem Weg zur Schattenflur? Ich sah noch einmal zu der Schliere am Horizont und musste einen Schauder unterdrücken. Ich hatte die Schattenflur auf vielen Karten gesehen – ein schwarzer Streifen, der die einzige Küste Ravkas vom Rest des Landes abschnitt und den Zugang zum Meer versperrte. Auf manchen Karten glich sie einem Fleck, auf anderen einer trüben, formlosen Wolke. Manchmal war sie als langer, schmaler See eingezeichnet und mit ihrem zweiten Namen versehen, »Ödsee«. Dieser Name sollte Soldaten und Kaufleute beruhigen und zur Durchquerung ermutigen.

Ich schnaubte. Dieser Name konnte vielleicht träge Kaufleute täuschen, mich jedoch nicht.

Ich riss den Blick von dem düsteren, in der Ferne wabernden Dunst los und betrachtete die zerstörten Bauernhöfe. Im Tula-Tal hatten die reichsten Bauern Ravkas gelebt. Früher hatten sie hier die Felder bestellt und Vieh auf den grünen Weiden grasen lassen. Dann war plötzlich ein finsterer Streifen mitten in der Landschaft erschienen, eine fast undurchdringliche Finsternis, die mit jedem Jahr größer wurde und unsägliche Schrecken barg. Niemand wusste, wo die Bauern mitsamt ihren Höfen und Familien, ihren Viehherden, Feldfrüchten und allem anderen Besitz geblieben waren.

Schluss damit, schärfte ich mir ein. Du machst es nur noch schlimmer. Seit Jahren durchqueren Leute die Schattenflur … Meist unter großen Verlusten, aber trotzdem. Ich holte tief Luft, um mich zu beruhigen.

»Nicht mitten auf der Straße in Ohnmacht fallen«, sagte jemand dicht neben mir, und dann legte sich ein Arm schwer auf meine Schultern. Als ich den Kopf hob, sah ich Mals vertrautes Gesicht. Er lächelte, und seine blauen Augen strahlten, als er sich neben mir einreihte. »Na komm«, sagte er. »Immer einen Fuß vor den anderen. Du weißt doch, wie es geht.«

»Du vereitelst meinen Plan.«

»Ach ja?«

»Ja. Ich falle in Ohnmacht, man trampelt über mich, und ich erleide überall schwere Verletzungen.«

»Ein meisterhafter Plan!«

»Klar. Denn mit schweren Verletzungen kann ich die Schattenflur unmöglich durchqueren.«

Mal nickte langsam. »Verstehe. Ich kann dich gern unter einen Karren stoßen, falls dir das hilft.«

»Ich denke darüber nach«, brummte ich, aber meine Laune hellte sich auf. Diese Wirkung hatte Mal immer auf mich gehabt, obwohl ich mich innerlich dagegen sträubte. Und so ging es nicht nur mir. Eine hübsche Blondine schlenderte an uns vorbei. Sie winkte und warf Mal über die Schulter einen verführerischen Blick zu.

»He, Ruby«, rief er. »Sehen wir uns später?«

Ruby kicherte und tauchte eilig in der Menge unter. Mal grinste breit. Dann merkte er, dass ich die Augen verdrehte.

»Was denn? Ich dachte, du magst Ruby.«

»Wir haben einander nicht viel zu sagen«, erwiderte ich mürrisch. Ich hatte Ruby tatsächlich gemocht – anfangs. Als Mal und ich das Waisenhaus in Keramzin verlassen hatten, um in Poliznaya unsere militärische Ausbildung anzutreten, hatte ich mich vor Begegnungen mit anderen Menschen gefürchtet. Trotzdem hatten mich viele Mädchen unbedingt kennenlernen wollen, allen voran Ruby. Aber die Bekanntschaften hielten immer nur so lange, bis ich begriff, dass diese neuen Freunde sich nur wegen Mal für mich interessierten.

Ich sah zu, wie er die Arme reckte und zum Herbsthimmel aufschaute. Er wirkte rundum zufrieden, und seine Schritte waren, wie ich entnervt bemerkte, sogar ein klein wenig beschwingt.

»Was ist denn los mit dir?«, flüsterte ich wütend.

»Nichts«, antwortete er überrascht. »Ich fühle mich sauwohl.«

»Warum bist du so … so ausgelassen?«

»Ausgelassen? Ich war noch nie ausgelassen. Das entspricht gar nicht meinem Wesen.«

»Und was soll das dann?«, fragte ich und machte eine Geste in seine Richtung. »Du siehst so aus, als wärst du zu einem Fest unterwegs, obwohl du demnächst vielleicht getötet und verstümmelt wirst.«

Mal lachte. »Du machst dir zu viele Sorgen. Der Zar hat nicht nur eine ganze Truppe von Inferni geschickt, um die Skiffs zu beschützen, sondern auch einige dieser grässlichen Entherzer. Wir haben unsere Gewehre«, sagte er und klopfte auf die Waffe, die er auf dem Rücken trug. »Uns kann nichts passieren.«

»Bei einem richtig üblen Angriff ist ein Gewehr keine große Hilfe.«

Mal warf mir einen amüsierten Blick zu. »Was ist nur los mit dir? Du bist in letzter Zeit noch mieser gelaunt als sonst. Und du siehst schrecklich aus.«

»Vielen Dank«, grollte ich. »Ich habe schlecht geschlafen.«

»Oh! Das ist ja etwas ganz Neues.«

Er hatte nicht Unrecht, denn ich schlief immer schlecht. Aber während der vergangenen Tage hatte ich gar kein Auge mehr zugetan. Die Heiligen wussten, dass ich mich aus vielen guten Gründen vor der Schattenflur fürchtete, und diese Gründe kannte jeder Angehörige unseres für die Durchquerung ausersehenen Regiments. Aber da war noch etwas, ein nagendes Unbehagen, das ich nicht in Worte fassen konnte.

Ich sah Mal an. Früher hätte ich ihm alles erzählt. »Ich habe … so ein komisches Gefühl.«

»Mach dir nicht zu viele Gedanken. Vielleicht geht Mikhael mit an Bord. Dann werden uns die Volkra nach einem Blick auf seinen fetten, saftigen Bauch in Ruhe lassen.«

Eine Erinnerung tauchte auf: Mal und ich, gemeinsam auf einem Stuhl in der Bibliothek des Herzogs sitzend und in einem großen, ledergebundenen Buch blätternd. Damals entdeckten wir das Bild eines Volkra: lange, faulige Klauen, lederige Flügel, rasiermesserscharfe Zähne, wie geschaffen dafür, sich an Menschenfleisch zu mästen. Die Volkra waren blind, weil sie seit Generationen auf der Schattenflur lebten und jagten, aber sie konnten Menschenblut angeblich schon aus weiter Ferne wittern. Ich hatte auf die Seite gezeigt und gefragt: »Was hält er da?«

Mals geflüsterte Antwort hatte ich noch immer im Ohr: »Ich glaube … einen Fuß, glaube ich.« Wir hatten das Buch zugeklappt und waren kreischend in den sicheren Sonnenschein hinausgerannt.

Ich war unwillkürlich stehen geblieben, wie angewurzelt, konnte die Erinnerung nicht abschütteln. Als Mal bemerkte, dass ich zurückgeblieben war, seufzte er und kehrte um. Er legte mir die Hände auf die Schultern und schüttelte mich.

»Das war nur ein Scherz. Niemand wird Mikhael fressen.«

»Ja, ich weiß«, sagte ich, den Blick auf meine Stiefel gesenkt. »Du bist wirklich ein Witzbold.«

»Komm schon, Alina. Uns passiert nichts.«

»Woher willst du das wissen?«

»Sieh mich an.«

Ich zwang mich, ihn anzuschauen.

»Glaubst du, ich hätte keine Angst?«, fragte er. »Aber wir werden die Schattenflur unversehrt durchqueren. Du weißt doch, dass wir einen Schutzengel haben.« Er lächelte, und mein Herz begann wie wild zu pochen.

Ich strich mit dem Daumen über die Narbe auf meiner rechten Handfläche und holte rasselnd Luft. »Ja, ich weiß«, antwortete ich mürrisch und musste wider Willen lächeln.

»Die Dame hat endlich bessere Laune!«, rief Mal. »Dann kann die Sonne ja wieder scheinen!«

»Ach, halt den Mund!«

Ich wollte ihm gerade einen Knuff geben, da packte er mich am Arm. Hufgetrappel und Rufe erfüllten die Luft. Gerade noch rechtzeitig zog mich Mal von der Straße, bevor eine große schwarze Kutsche an uns vorbeidonnerte. Die Leute sprangen auseinander, um den hämmernden Hufen der vier Rappen zu entgehen. Neben dem Kutscher, der eine Peitsche schwang, saßen zwei Soldaten in dunkelgrauen, fast schwarzen Mänteln.

Der Dunkle. Seine schwarze Kutsche und die Uniformen seiner Leibgarde waren unverkennbar.

Eine zweite, rot lackierte Kutsche rumpelte gemächlicher an uns vorüber.

Ich sah zu Mal auf. Das war haarscharf gewesen. Mein Herz raste. »Danke«, flüsterte ich. Mal schien plötzlich zu merken, dass er mich in den Armen hielt. Er ließ mich los und trat hastig zurück. Ich klopfte Staub von meinem Mantel und hoffte, dass er meine roten Wangen übersah.

Eine blau lackierte Kutsche rollte vorbei, und ein Mädchen lehnte sich aus dem Fenster. Sie hatte schwarze Locken und trug eine Mütze aus Silberfuchsfell. Sie musterte die Menge, und wie nicht anders zu erwarten, blieb ihr Blick an Mal hängen.

Du hast ihn auch gerade angehimmelt, schalt ich mich selbst.

Warum sollte es einer schönen Grisha anders ergehen?

Ihre Lippen verzogen sich zu einem feinen Lächeln, und sie behielt Mal im Blick, bis die Kutsche außer Sicht war. Mal glotzte ihr nach, und ihm stand der Mund offen.

»Mund zu, sonst sind gleich ein paar Fliegen darin«, fuhr ich ihn an.

Mal blinzelte benommen.

»Habt ihr das gesehen?«, rief da jemand dröhnend. Ich drehte mich um und sah, dass Mikhael mit langen Schritten und ehrfürchtiger Miene auf uns zukam. Es sah fast komisch aus. Er war ein stämmiger Rotschopf mit breitem Gesicht und noch breiterem Nacken. Dubrov, dunkel und drahtig, versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Beide waren Fährtenleser in Mals Einheit und wichen nur selten von seiner Seite.

»Natürlich habe ich das gesehen«, sagte Mal, und seine dümmliche Miene wich einem spitzbübischen Grinsen. Ich verdrehte die Augen.

»Sie hat dich angestarrt!«, rief Mikhael und klopfte Mal auf den Rücken.

Mal tat das mit einem Schulterzucken ab, aber sein Grinsen wurde noch breiter. »Ja, hat sie«, sagte er selbstgefällig.

Dubrov verlagerte sein Gewicht nervös von einem Fuß auf den anderen. »Grisha können Männer angeblich mit einem Bann belegen.«

Ich schnaubte.

Mikhael sah mich an, als würde er mich erst jetzt bemerken.

»Hallo, Besenstiel«, sagte er und gab mir einen Knuff gegen den Arm. Beim Klang meines Spitznamens zog ich eine Grimasse, aber er hatte sich schon wieder Mal zugewandt. »Ist dir klar, dass sie im Feldlager übernachtet?«, fragte er mit anzüglichem Grinsen.

»Man erzählt sich, dass das Zelt der Grisha so groß ist wie eine Kathedrale«, fügte Dubrov hinzu.

»Viele hübsche, dunkle Ecken«, sagte Mikhael und wackelte mit den Augenbrauen.

Mal stieß einen triumphierenden Laut aus. Die drei gingen davon, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, unterhielten sich lautstark und rempelten einander an.

»Schön, euch mal wiederzusehen, Jungs«, murmelte ich ihnen hinterher, zog den Schulterriemen meiner Tasche zurecht und setzte mich in Bewegung. Ich schloss mich den letzten Nachzüglern an, die den Hügel nach Kribirsk hinabgingen. Ich hatte es nicht eilig. Man würde mich sicher zusammenstauchen, wenn ich das Dokumentenzelt endlich erreichte, aber das war nicht mehr zu ändern.

Ich rieb meinen Arm an der Stelle, wo Mikhael mich geknufft hatte. Besenstiel. Ich hasste diesen Namen. Als du mich damals beim Frühlingsfest nach zu viel Kvas betatschen wolltest, hast du mich nicht Besenstiel genannt, du elender Dummkopf, dachte ich zornig.

Kribirsk war unscheinbar. Laut dem Obersten Kartografen war der Ort in den Jahren vor der Schattenflur ein verschlafenes Handelsstädtchen gewesen, das nur aus einem staubigen Marktplatz und einer Herberge für müde Reisende bestanden hatte, die auf dem Vy unterwegs gewesen waren. Inzwischen war eine Barackenstadt um ein ständiges Militärlager und die Anleger der sogenannten Sandskiffs, die Reisende durch die Finsternis nach West-Ravka beförderten, gewachsen. Ich kam an Läden, Tavernen und Schenken vorbei, bei denen es sich bestimmt um Bordelle für die Truppen des Zaren handelte. Es gab Läden für Gewehre und Armbrüste, Lampen und Fackeln, alles, was man für den Weg durch die Schattenflur brauchte. Die kleine, weiß verputzte Kirche mit den glänzenden Zwiebeltürmen war in erstaunlich gutem Zustand. Aber wen wundert das?, dachte ich. Denn alle, die eine Reise durch die Schattenflur planten, waren so klug, zuvor in dieser Kirche zu beten. Ich fand die Unterkünfte der Feldmesser, warf mein Gepäck auf eine Pritsche und eilte zum Dokumentenzelt. Zu meiner Erleichterung war der Oberste Kartograf noch nicht da, und so konnte ich mich ungesehen hineinschleichen.

Beim Eintreten entspannte ich mich zum ersten Mal, seit ich die Schattenflur erblickt hatte. Wie in den Feldlagern üblich, bestand das Zelt aus Segeltuch und war hell erleuchtet. Die Tische, an denen sich Feldmesser und Zeichner über ihre Arbeit beugten, waren in Reihen aufgestellt. Nach der wirren und lauten Reise empfand ich das Rascheln des Papiers, den Geruch der Tinte, das Schaben der Pinsel und das Kratzen der Schreibfedern als ausgesprochen beruhigend. Ich zog mein Skizzenbuch aus dem Mantel und setzte mich auf eine Bank neben Alexei, der sich zu mir umdrehte und gereizt zischte: »Wo hast du gesteckt?«

»Ich wäre beinahe von der Kutsche des Dunklen überfahren worden«, antwortete ich, griff nach einem Blatt Papier und blätterte meine Skizzen durch, um eine zu finden, die ich ausarbeiten konnte. Alexei und ich waren Gehilfen der Kartografen, und wir mussten während unserer Ausbildung täglich zwei saubere Zeichnungen oder wenigstens zwei Skizzen abgeben.

Alexei holte zischend Luft. »Im Ernst? Hast du ihn etwa gesehen?«

»Ich musste zusehen, dass ich am Leben bleibe.«

»Es gibt schlechtere Arten, ins Gras zu beißen.« Er merkte, dass ich die Skizze eines felsigen Tals ausgewählt hatte.

»Nein. Die nicht.« Er blätterte mein Skizzenbuch durch, bis er eine Seite fand, die einen Bergrücken zeigte. Er tippte darauf. »Lieber diese hier.«

Ich hatte kaum den ersten Strich getan, da betrat der Oberste Kartograf das Zelt. Er marschierte zwischen den Zeichentischen hindurch und warf dabei prüfende Blicke auf unsere Arbeit.

»Das ist hoffentlich deine zweite Skizze für heute, Alina Starkov.«

»Ja«, log ich.

Sobald der Kartograf weitergegangen war, flüsterte Alexei: »Erzähl mir von der Kutsche.«

»Erst muss ich fertig zeichnen.«

»Hier«, sagte er, seufzte und schob mir eine seiner Skizzen hin.

»Er wird merken, dass sie von dir ist.«

»Sie ist nicht besonders gut gelungen. Du kannst sie ohne Probleme als deine Skizze ausgeben.«

»Das ist der Alexei, den ich kenne und liebe«, brummte ich, gab die Skizze aber nicht zurück. Alexei wusste genau, dass er einer der besten Gehilfen war.

Er entlockte mir alle Einzelheiten über die drei Kutschen der Grisha. Da ich ihm dankbar war, tat ich mein Möglichstes, um seine Neugier zu stillen, während ich das Bild des Bergrückens vollendete und danach die Höhe der Gipfel abschätzte.

Die Dämmerung brach an, als wir fertig waren. Wir gaben unsere Arbeiten ab und gingen zum Essenszelt, wo wir uns für die Suppe anstellten, die von einem schwitzenden Koch ausgeteilt wurde. Dann setzten wir uns zu den übrigen Feldmessern.

Ich aß schweigend und lauschte Alexei und den anderen, die Feldlagertratsch austauschten und über die Durchquerung sprachen, die am nächsten Tag anstand. Alexei überredete mich, noch einmal von den Kutschen der Grisha zu erzählen. Berichte über den Dunklen hörte man stets mit einer Mischung aus Furcht und Faszination.

»Er ist kein Sterblicher«, sagte Eva, eine andere Gehilfin. Sie hatte hübsche grüne Augen, aber eine Nase, die an eine Schweineschnauze erinnerte. »Genau wie alle Grisha.«

»Bitte erspar uns deinen Aberglauben, Eva«, sagte Alexei verächtlich.

»Die Schattenflur wurde von einem Dunklen erschaffen.«

»Das war vor Hunderten von Jahren!«, wandte Alexei ein. »Und der damalige Dunkle war vollkommen verrückt.«

»Dieser ist genauso schlimm.«

»Dumme Gans«, sagte Alexei und winkte ab. Eva starrte ihn an, dann drehte sie sich eingeschnappt um und unterhielt sich mit ihren Freunden.

Ich schwieg. Eva mochte abergläubisch sein, aber ich war noch viel ungebildeter als sie. Meine Kenntnisse im Lesen und Schreiben verdankte ich nur der Wohltätigkeit des Herzogs. Doch Mal und ich hatten stillschweigend vereinbart, Keramzin nie zu erwähnen. Als wären meine Gedanken ein Signal gewesen, ertönte auf einmal ein dreckiges Lachen. Ich warf einen Blick über die Schulter. Mal saß bei den ungehobelten Fährtenlesern und hielt Hof.

Alexei folgte meinem Blick. »Wie kommt es eigentlich, dass du mit so einem Kerl befreundet bist?«

»Wir sind zusammen aufgewachsen.«

»Aber ihr habt nicht viel gemeinsam.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Kinder haben automatisch vieles gemeinsam.« Zum Beispiel das Gefühl der Einsamkeit, die Erinnerungen an Eltern, die wir eigentlich hätten vergessen sollen, oder die diebische Freude darüber, den häuslichen Pflichten zu entkommen und auf unserer Wiese Fangen zu spielen.

Alexei schaute so skeptisch drein, dass ich lachen musste. »Unser großartiger Mal war nicht immer einer der besten Fährtenleser oder ein Verführer von Grisha.«

Alexei blieb der Mund offen stehen. »Hat er wirklich eine Grisha verführt?«

»Noch nicht. Aber ich bin mir sicher, dass es bald passiert«, murmelte ich.

»Wie war er früher?«

»Er war klein und mopplig und wasserscheu«, antwortete ich mit einiger Befriedigung.

Alexei warf einen Blick zu Mal. »Die Zeit scheint manches zu ändern.«

Ich strich wieder über die Narbe auf meiner Handfläche. »Ja, scheint so.«

Wir räumten unsere Teller weg und schlenderten aus dem Essenszelt hinaus in den kühlen Abend. Wir gingen einen Umweg, weil wir einen Blick auf das Lager der Grisha werfen wollten. Ihr Pavillon war tatsächlich so groß wie eine Kathedrale. Er bestand aus schwarzer Seide, und darauf flatterten blaue, rote und purpurne Wimpel. Dahinter verbargen sich die Zelte des Dunklen, bewacht von seiner Leibgarde und Entherzern der Korporalki.

Nachdem Alexei genug gesehen hatte, kehrten wir zu unseren Unterkünften zurück. Er ließ schweigend die Fingerknöchel knacken, und ich ahnte, dass auch er an die Durchquerung der Schattenflur dachte. Den anderen schien es genauso zu ergehen, denn in der Unterkunft herrschte gedrückte Stimmung. Einige hatten sich hingelegt und versuchten zu schlafen, andere saßen im Schein der Funzeln und unterhielten sich leise. Manche umklammerten ihre Ikonen und beteten zu den Heiligen.

Ich entrollte meine Decke auf meiner schmalen Pritsche, zog die Stiefel aus und hängte den Mantel auf. Dann kroch ich unter die mit Fell besetzte Decke, starrte zum Dach hinauf und wartete auf den Schlaf. So lag ich lange da, bis alle Lichter gelöscht waren und die Gespräche leisem Schnarchen und dem Rascheln der Kissen wichen.

Wenn alles nach Plan lief, würden wir morgen unbehelligt nach West-Ravka reisen, und ich würde zum ersten Mal die Wahre See erblicken. Dort würden Mal und die übrigen Fährtenleser rote Wölfe, Meeresfüchse und andere seltene Geschöpfe jagen, die es nur im Westen gab. Ich würde in Os Kervo bei den Kartografen bleiben, um meine Ausbildung zu beenden und alles zu notieren, was wir unterwegs über die Schattenflur in Erfahrung bringen konnten. Auf dem Heimweg musste ich sie natürlich noch einmal durchqueren. Aber das war unvorstellbar lange hin.

Ich war noch wach, als ich es hörte. Tapp-tapp. Pause. Tapp.

Dann noch einmal: Tapp-tapp. Pause. Tapp.

»Was ist das?«, murmelte Alexei auf der Nachbarpritsche verschlafen.

»Nichts«, flüsterte ich, schälte mich aber schon aus der Decke und schlüpfte in meine Stiefel.

Ich nahm meinen Mantel und schlich so leise wie möglich aus der Unterkunft. Als ich die Tür öffnete, hörte ich ein Kichern, und dann rief eine Frau weiter hinten im dunklen Raum: »Wenn es der Fährtenleser ist, soll er zu mir kommen und mich wärmen.«

»Das wird er bestimmt tun, vor allem, wenn er sich Tsifil einfangen möchte«, erwiderte ich zuckersüß und glitt in die Nacht.

Meine Wangen brannten in der kalten Luft. Ich vergrub das Kinn im Mantelkragen und wünschte, ich hätte an Schal und Handschuhe gedacht. Mal saß mit dem Rücken zu mir auf der wackligen Treppe. Weiter hinten konnte ich Mikhael und Dubrov sehen, die sich im trüben Licht eine Flasche hin- und herreichten.

Ich zog eine Grimasse. »Erzähl mir bitte nicht, dass du mich geweckt hast, um mir zu sagen, dass du zum Zelt der Grisha gehen willst. Was möchtest du hören? Einen guten Rat?«

»Du hast nicht geschlafen. Du hast wach gelegen und dir Sorgen gemacht.«

»Irrtum. Ich habe überlegt, wie ich mich in den Pavillon der Grisha schleichen und mir einen süßen Korporalki angeln kann.«

Mal lachte. Ich blieb zögernd im Eingang stehen. Wenn ich von den tollpatschigen Turnübungen absah, die mein Herz wegen ihm unternahm, war es am schlimmsten, dass ich verbergen musste, wie sehr mich seine Techtelmechtel mit anderen Frauen verletzten. Noch furchtbarer fand ich jedoch die Vorstellung, dass er es bemerken könnte. Ich überlegte, gleich wieder ins Bett zu gehen, aber dann schluckte ich meine Eifersucht hinunter und setzte mich neben ihn.

»Ich hoffe, du hast mir etwas Schönes mitgebracht«, sagte ich. »Alinas Geheimtipps zur Verführung von Grisha sind nicht so billig zu haben.«

Er grinste. »Darf ich anschreiben?«

»Meinetwegen. Aber nur, weil ich weiß, dass du deine Schulden immer begleichst.«

Ich spähte ins Dunkel und sah, wie Dubrov einen Schluck aus der Flasche trank und dann ins Taumeln geriet. Mikhael stützte ihn. Ihr Lachen hallte durch die Nachtluft bis zu uns.

Mal schüttelte seufzend den Kopf. »Er versucht immer, mit Mikhael mitzuhalten. Am Ende wird er wahrscheinlich auf meine Stiefel kotzen.«

»Geschieht dir recht«, sagte ich. »Und was tust du hier?« Vor einem Jahr, zu Beginn unseres Miltärdienstes, hatte Mal mich fast jede Nacht besucht, aber jetzt war er schon seit Monaten nicht mehr zu meiner Unterkunft gekommen.

Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht. Du hast beim Essen so elend ausgesehen.«

Ich war überrascht, dass ihm das aufgefallen war. »Ich habe nur an die Durchquerung gedacht«, sagte ich zögernd. Das war nicht ganz gelogen. Ich fürchtete mich tatsächlich vor der Schattenflur, aber Mal durfte nicht erfahren, dass ich mit Alexei über ihn gesprochen hatte. »Wirklich rührend, dass du dir Sorgen um mich machst.«

»Tja«, sagte er grinsend, »so bin ich nun mal.«

»Wenn du Glück hast, frisst mich morgen ein Volkra zum Frühstück, und dann bist du alle Sorgen los.«

»Ohne dich wäre ich verloren. Das weißt du.«

Ich verdrehte die Augen. »Du hast dich in deinem ganzen Leben noch nie verloren gefühlt.« Ich zeichnete Karten, aber Mal wusste selbst dann noch, wo Norden war, wenn er mit verbundenen Augen einen Kopfstand machte.

Er stieß mich mit dem Ellbogen an. »Du weißt genau, wie ich das meine.«

»Klar«, sagte ich. Aber ich wusste es nicht. Nicht wirklich.

Wir saßen schweigend da und betrachteten unsere Atemwölkchen in der kalten Luft.

Mal sah auf seine Stiefelspitzen und sagte: »Ich bin auch nervös.«

Ich gab ihm einen Knuff und erwiderte betont selbstsicher: »Wenn wir es mit Ana Kuya aufnehmen konnten, sind ein paar Volkra sicher keine Herausforderung für uns.«

»Irre ich mich, oder haben wir Ohrfeigen kassiert und mussten danach die Ställe ausmisten, nachdem wir Ana Kuya zuletzt eins ausgewischt hatten?«

Ich wand mich. »Ich wollte nur deine Zuversicht stärken. Warum tust du nicht wenigstens so, als würdest du an mich glauben?«

»Weißt du, was komisch ist?«, fragte er. »Manchmal vermisse ich die alte Kuya.«

Das erstaunte mich. Wir hatten über zehn Jahre in Keramzin gelebt, aber ich hatte oft den Eindruck, dass Mal diese Zeit – vielleicht sogar mich – am liebsten vergessen hätte. Dort war er nur ein heimatloser Flüchtling gewesen, ein Waisenkind unter vielen, das für jedes Häppchen Essen und jedes ausgelatschte Stiefelpaar dankbar sein musste. In der Armee war er zu Ansehen gelangt, und keiner seiner Kameraden brauchte zu wissen, dass er früher ein kleiner, ungeliebter Junge gewesen war.

»Ich auch«, gestand ich. »Wir könnten ihr schreiben.«

»Vielleicht«, sagte Mal.

Er griff unvermittelt nach meiner Hand. Ich unterdrückte das Aufzucken, das mich durchfuhr, sofort. »Morgen um diese Zeit sitzen wir am Hafen von Os Kervo, blicken aufs Meer und trinken Kvas«, sagte er.

Ich sah zum schwankenden Dubrov und musste lächeln. »Mit Dubrov?«

»Nein, nur wir beide«, sagte Mal.

»Ist das dein Ernst?«

»Es gibt immer nur uns beide, Alina.«

Ich wollte ihm gern glauben. Die Welt bestand auf einmal nur noch aus dieser Treppe, dem Lichtkegel der Straßenlaterne und dem Dunkel, in dem wir zu schweben schienen.

»Komm endlich«, brüllte Mikhael.

Mal schrak auf, als hätte man ihn aus einem Traum gerissen. Er drückte ein letztes Mal meine Hand. »Ich muss los«, sagte er und setzte sein gewohnt freches Grinsen auf. »Ich brauche ein bisschen Schlaf.«

Er sprang leichtfüßig von der Treppe und lief zu seinen Freunden.

»Drück mir die Daumen«, rief er über die Schulter.

»Viel Glück«, sagte ich automatisch, hätte mich danach aber am liebsten selbst in den Hintern getreten. Viel Glück? Wohl besser viel Vergnügen, Mal. Ich hoffe, du findest eine hübsche Grisha, verliebst dich bis über beide Ohren und bekommst mit ihr viele umwerfend schöne, hochbegabte Kinder.

Ich blieb wie erstarrt auf der Treppe sitzen und sah den drei Männern nach. Ich spürte immer noch Mals warmen Händedruck. Na gut, dachte ich beim Aufstehen. Vielleicht landet er auf dem Weg zu ihr ja in einem Graben.

Ich schlich mich wieder in die Unterkunft, schloss die Tür und schlüpfte dankbar unter meine Decke.

Ob sich die schwarzhaarige Grisha aus dem Pavillon stahl, um Mal zu treffen? Ich verdrängte den Gedanken. Es ging mich nichts an, und ich wollte es auch nicht wissen. Mal hatte mich nie so schwärmerisch angesehen wie diese Grisha oder meinetwegen Ruby, und er würde mich auch nie so ansehen. Am wichtigsten war für mich, dass wir gute Freunde waren.

Wie lange noch?, fragte da eine Stimme zweifelnd in meinem Inneren. Alexei hatte recht: Nichts blieb, wie es war. Mal hatte sich zum Besseren verändert; er war jetzt hübscher, mutiger und forscher. Und ich war … ein bisschen größer geworden. Ich drehte mich seufzend auf die Seite. Ich wollte gern bis an mein Lebensende mit Mal befreundet bleiben, aber ich musste wohl akzeptieren, dass wir unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten. Während ich im Dunkeln auf den Schlaf wartete, fragte ich mich, ob uns diese Wege immer weiter voneinander fortführen würden, ob irgendwann der Tag käme, an dem wir Fremde wären.

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2

Der Morgen verflog wie im Traum: Frühstück, ein kurzer Abstecher zum Dokumentenzelt, um einen Vorrat an Tinte und Papier einzupacken, danach das Chaos auf dem Anleger, wo ich mit den anderen Feldmessern darauf wartete, an Bord eines Sandskiffs gehen zu dürfen. Hinter uns erwachte Kribirsk zur gewohnten Geschäftigkeit. Vor uns lag die unheimliche, wabernde Finsternis der Schattenflur.

Da Tiere unterwegs zu laut waren und oft scheuten, nahm man die Durchquerung auf Sandskiffs vor, flachen Schlitten mit großen Segeln, die fast lautlos über den leblosen grauen Grund glitten. Auf der Hinfahrt waren sie mit Getreide, Holz und Baumwolle beladen. Auf der Rückfahrt beförderten sie Zucker, Gewehre und andere Waren, die in den Seehäfen von West-Ravka gelöscht wurden. Beim Anblick eines der Skiffs, das nur ein Segel und eine niedrige Reling hatte, beschlich mich der Gedanke, dass es herzlich wenig Schutz bot.

Vor dem Mast eines jeden Skiffs standen zwei Ätheralki des Ordens der Beschwörer. Sie trugen dunkelblaue Keftas mit silbernen Stickereien auf Ärmelaufschlägen und Saum, die sie als Stürmer auswiesen: Grisha, die den Luftdruck erhöhen oder senken konnten, damit die Skiffs immer guten Wind für eine rasche Durchquerung der Schattenflur hatten. Jeder Stürmer war von zwei bis an die Zähne bewaffneten Soldaten flankiert.

An der Reling standen weitere mit Gewehren bewaffnete Soldaten, befehligt von einem grimmigen Offizier, sowie mehrere Ätheralki mit den roten Ärmelaufschlägen der Inferni. Sie konnten Flammen heraufbeschwören.

Auf einen Wink des Kapitäns führte der Oberste Kartograf Alexei, mich und unsere Kameraden auf das Skiff, wo wir uns zu den Passagieren gesellten. Er selbst trat neben die Stürmer, um ihnen bei der Navigation durch die Finsternis zu helfen, obgleich sein Kompass auf der Schattenflur so gut wie nutzlos war. Nach einer Weile entdeckte ich Mal, der mit den Fährtenlesern auf der anderen Bordseite stand. Auch sie waren mit Gewehren ausgerüstet. Hinter ihnen hatten sich Bogenschützen aufgereiht, die Köcher voller Pfeile mit Spitzen aus Grisha-Stahl. Ich tastete nach dem Griff des Militärmessers, das in meinem Gürtel steckte, aber das stimmte mich nicht zuversichtlicher. Der Ruf eines Vorarbeiters erscholl, und Gruppen stämmiger Männer machten sich daran, die Skiffs aus den Anlegern auf den farblosen Sand zu schieben. Sie rannten rasch zurück, als würde der fahle, tote Sand ihre Füße verbrennen.

Schließlich war unser Skiff an der Reihe. Ein Ruck ging durch seinen Rumpf, und dann knirschte es über den Boden. Ich hielt mich an der Reling fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Mein Herz schlug wie wild. Die Stürmer hoben die Arme, und mit einem lauten Knall fuhr der Wind in das Segel. Unser Skiff schoss auf die Schattenflur.

Anfangs schienen wir durch eine dichte Rauchwolke zu gleiten, aber es war weder heiß, noch roch es nach Feuer. Im nächsten Moment war alles wie gedämpft, die ganze Welt verstummt. Vor uns verschwand ein Sandskiff nach dem anderen in der Finsternis. Zuerst wurde mir bewusst, dass unser Bug im Dunkeln lag, dann merkte ich, dass ich nicht einmal mehr meine auf der Reling liegende Hand erkennen konnte. Als ich einen Blick über die Schulter warf, war die Welt der Lebenden außer Sicht. Dunkelheit umgab uns, schwarz, allgegenwärtig, ohne Gewicht. Wir befanden uns auf der Schattenflur. Hier war die Welt zu Ende. Ich klammerte mich an die Reling, spürte, wie sich das Holz in meine Handfläche grub, war dankbar für den Halt. Darauf konzentrierte ich mich, richtete meine Gedanken auf die Zehen in meinen Stiefeln, die fest auf dem Deck standen. Links von mir hörte ich Alexei atmen.

Ich versuchte, an die Soldaten mit ihren Gewehren und die Inferni in ihren dunkelblauen Keftas zu denken. Sie hofften genau wie ich, die Schattenflur heimlich, still und leise durchqueren zu können; ohne Not würden sie weder einen Schuss abfeuern noch Flammen heraufbeschwören. Trotzdem war es mir ein Trost, dass sie an Bord waren.

Schwer zu sagen, wie lange die Skiffs dahinglitten. Das einzige Geräusch war das leise Knirschen des Sands unter dem Kiel. Vielleicht waren es Minuten, vielleicht Stunden. Alles wird gut, redete ich mir ein. Alles wird gut. Dann spürte ich, wie Alexei nach meiner Hand tastete und mein Handgelenk packte.

»Hörst du das?«, flüsterte er heiser vor Entsetzen. Anfangs konnte ich nur seinen stoßweisen Atem und das gleichmäßige Zischen des Skiffs hören. Dann vernahm ich in der Finsternis auf einmal ein leises, aber unverkennbares Geräusch: rhythmisches Flügelklatschen. Ich hielt mich an Alexeis Arm fest und griff mit der anderen Hand nach dem Messer. Mein Herz hämmerte, und ich strengte die Augen an, um in der Schwärze etwas zu erkennen. Ich hörte, wie die Schlagbolzen der Gewehre gespannt und Pfeile aufgelegt wurden. Jemand flüsterte: »Alle bereithalten.« Wir warteten, horchten auf die immer näher kommenden, immer lauter werdenden Flügelschläge, die wie Trommeln einer vorrückenden Armee klangen. Ich bildete mir ein, Wind auf meinen Wangen zu spüren – wir wurden eingekreist, sie kamen immer näher.

»Feuer!«, erschallte der Befehl. Feuersteine schlugen auf Reiberäder, und ein explosionsartiges Rauschen ertönte, als auf jedem Skiff Grisha-Flammen in die Höhe zuckten.

Ich starrte aus zusammengekniffenen Augen in die plötzliche Helligkeit. Sobald sich mein Blick darauf eingestellt hatte, sah ich sie im Flammenschein … Volkra. Angeblich bildeten sie nur kleine Schwärme, aber unser Skiff wurde von Hunderten umschwärmt. Sie waren furchterregender als alles, was ich je in irgendwelchen Büchern gesehen hatte, grauenhafter als jedes Ungeheuer in meiner Fantasie. Schüsse krachten. Pfeile sausten von Sehnen. Das schrille und schreckliche Kreischen der Volkra zerriss die Luft.

Dann stürzten sie sich auf uns. Ein Schrei ertönte, und ich sah entsetzt, wie ein strampelnder, fuchtelnder Soldat in die Höhe gerissen wurde. Alexei und ich kauerten uns nebeneinander an die Reling, umklammerten unsere lächerlich kleinen Messer und murmelten Gebete, während sich die Welt in einen Albtraum verwandelte. Um uns herum brüllten Männer. Soldaten rangen mit den großen, geflügelten Ungeheuern, und in der unnatürlichen Finsternis der Schattenflur zuckten immer wieder die goldenen Flammen der Grisha.

Da schrie Alexei auf. Im nächsten Moment wurde mir seine Hand entrissen. Im Schein einer Grisha-Flamme sah ich zu meinem Schrecken, dass er sich nur noch mit einer Hand an die Reling klammerte. Ich sah seinen weit aufgerissenen Mund, seine entsetzt blickenden Augen, und ich sah das monströse Geschöpf, das ihn mit glänzend grauen Klauen gepackt hielt und heftig mit den Flügeln schlug, um ihn mit in die Höhe zu ziehen. Die mächtigen Krallen, die es tief in Alexeis Rücken geschlagen hatte, waren rot von Blut. Alexeis Finger lösten sich von der Reling. Ich sprang auf ihn zu und griff seinen Arm.

»Halt dich fest!«, schrie ich.

Da erlosch die Flamme, und in der Dunkelheit spürte ich, wie mir Alexeis Finger entglitten.

»Alexei!«, rief ich.

Der Volkra verschleppte ihn in die Finsternis, seine Schreie gingen im Kampflärm unter. Als kurz darauf in der Nähe erneut eine Flamme aufloderte, war er schon nicht mehr zu sehen.

»Alexei!«, brüllte ich, über die Reling gebeugt. »Alexei!«

Als Antwort ertönte das Rauschen von Schwingen, und im nächsten Moment stürzte sich ein anderer Volkra auf mich. Ich wich aus, entging um Haaresbreite seinen Klauen und streckte ihm mein Messer mit zitternden Händen entgegen. Der Volkra griff wieder an. Im Feuerschein glänzten seine milchigen, blinden Augen, und sein weit aufgerissener Rachen entblößte Reihen krummer schwarzer Reißzähne. Aus den Augenwinkeln sah ich Pulverdampf, und ich hörte einen Schuss. Der Volkra taumelte und brüllte vor Wut und Schmerz.

»Komm!« Es war Mal, das Gewehr in den Händen, das Gesicht blutverschmiert. Er packte meinen Arm und zog mich hinter sich her.

Der Volkra ließ nicht von uns ab, sondern verfolgte uns auf dem Deck. Einer seiner Flügel schleifte hinter ihm her. Mal wollte im Feuerschein nachladen, aber das Ungeheuer war zu schnell. Es fiel über uns her und riss Mal mit den Klauen die Brust auf, sodass er vor Schmerz aufschrie.

Ich packte den gebrochenen Flügel des Volkra und stieß ihm das Messer tief zwischen die Schultern. Sein muskulöses Fleisch fühlte sich schleimig an. Er entwand sich ruckartig und mit einem Kreischen, und ich stürzte rückwärts auf das Deck. Dann sprang er mich an, irrsinnig vor Wut und mit schnappenden Kiefern.

Da krachte noch ein Schuss. Der Volkra stolperte und sackte zu einem grotesken Haufen zusammen. Schwarzes Blut lief aus seinem Maul. Im Zwielicht sah ich, wie Mal das Gewehr senkte. Sein zerfetztes Hemd war blutdurchtränkt. Die Waffe entglitt seinen Händen, als er schwankte, in die Knie ging und zu Boden sackte.

»Mal!« Ich war sofort bei ihm, drückte die Hände auf seine Brust in dem verzweifelten Versuch, die Blutung zu stoppen. »Mal!«, schluchzte ich, und Tränen strömten über meine Wangen.

Alles stank nach Blut und Schießpulver. Um uns herum krachten Schüsse. Leute weinten, und ich hörte ekelhafte Fressgeräusche. Die Flammen der Grisha wurden schwächer und unregelmäßiger, aber am schlimmsten war, dass das Skiff angehalten hatte. Das ist das Ende, dachte ich ohne jede Hoffnung, während ich mich über Mal beugte und weiter die Hände auf seine Wunden drückte.

Er konnte nur noch mit Mühe atmen. »Sie kommen«, keuchte er. Ich hob den Kopf. Im Schein der schwachen Grisha-Flammen sah ich, dass zwei Volkra auf uns hinabstießen.

Ich warf mich über Mal, beschützte ihn mit meinem Körper.

Das war zwar sinnlos, aber mehr konnte ich nicht tun. Ich hatte den fauligen Gestank der Volkra in der Nase und spürte, wie sie mit ihren Schwingen Luft aufwirbelten. Ich legte meine Stirn an Mals und hörte ihn flüstern: »Wir treffen uns auf der Wiese.«

In diesem Augenblick brach sich etwas in mir Bahn – Zorn, Verzweiflung, Todesangst. Ich spürte Mals Blut an den Händen, sah sein geliebtes Gesicht, schmerzverzerrt. Ein Volkra schlug seine Klauen in meine Schulter und kreischte triumphierend. Schmerz durchzuckte mich.

Die ganze Welt wurde weiß.

Ich schloss die Augen, denn vor mir explodierte grelles Licht. Es schien meinen Kopf auszufüllen, mich zu blenden und zu ertränken. Über mir ertönte ein grässlicher Schrei. Ich spürte, wie sich der Griff des Volkra löste, wie ich nach vorn kippte, wie mein Kopf auf das Deck schlug. Dann spürte ich nichts mehr.

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3

Ich erwachte mit einem Ruck. Ich spürte Fahrtwind auf der Haut, und als ich die Augen öffnete, sah ich etwas, das an dunkle Rauchfahnen erinnerte. Ich lag auf dem Rücken, an Deck des Skiffs. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass sich die Finsternis lichtete und vereinzelten, trüben Schlieren wich, zwischen denen die helle Herbstsonne leuchtete. Ich schloss erleichtert die Augen. Gleich haben wir die Schattenflur hinter uns, dachte ich. Wir haben es geschafft. Aber hatten wir es tatsächlich geschafft? Ich erschauderte, als ich mich an den Angriff der Volkra erinnerte. Wo war Mal?

Ich wollte mich aufrichten, aber ein stechender Schmerz durchzuckte meine Schulter. Ich verdrängte ihn, stemmte mich hoch – und sah in die Mündung eines Gewehrlaufs.

»Weg damit«, fauchte ich und schlug das Gewehr zur Seite.

Der Soldat schwang es wieder herum und stieß es drohend in meine Richtung. »Bleib, wo du bist«, befahl er.

Ich starrte ihn verblüfft an. »Was ist los mit dir?«

»Sie ist aufgewacht!«, rief er über die Schulter. Sofort kamen zwei weitere bewaffnete Soldaten angerannt sowie der Kapitän des Skiffs und eine Korporalki. Panik durchfuhr mich, als ich sah, dass ihre rote Kefta schwarz bestickte Ärmelaufschläge hatte. Was wollte eine Entherzerin von mir?

Ich sah mich um. Am Mast stand ein Stürmer und sorgte mit hoch erhobenen Armen für einen starken Wind, der die Segel blähte. Neben ihm stand ein einzelner Soldat. Das Deck war glitschig von Blut. Bei der Erinnerung an die Schrecken der Schlacht drehte sich mir der Magen um. Ein Heiler der Korporalki kümmerte sich um die Verwundeten. Wo war Mal?

Soldaten und Grisha standen an der Reling, blutig, mit Brandwunden und in viel geringerer Zahl als bei unserem Aufbruch. Alle starrten mich wachsam an. Meine Angst wuchs, als mir bewusst wurde, dass die Soldaten und die Korporalki mich bewachten. Wie eine Gefangene.

Ich sagte: »Malyen Oretsev. Er ist Fährtenleser. Er wurde während des Angriffs verwundet. Wo ist er?« Niemand gab mir eine Antwort.

»Bitte«, flehte ich. »Wo ist er?«

Das Skiff hielt mit einem Ruck. Der Kapitän machte eine Bewegung mit seinem Gewehr. »Aufstehen.«

Ich überlegte, mich so lange zu weigern, bis sie mir erzählt hatten, was mit Mal geschehen war, aber nach einem Blick auf die Entherzerin verwarf ich diesen Plan. Ich stand auf, biss die Zähne zusammen, weil meine Schulter schmerzte, und kam ins Stolpern, weil sich das Skiff wieder bewegte. Hafenarbeiter zogen es auf festen Boden. Ich streckte instinktiv eine Hand aus, um nicht zu fallen, aber der Soldat, den ich dabei berührte, schrak zurück, als hätte ich ihn verbrannt. Dann taumelte ich vorwärts, und meine Gedanken waren ein einziges Chaos.

Das Skiff kam erneut zum Stillstand.

»Weiter«, befahl der Kapitän.

Die Soldaten führten mich mit vorgehaltener Waffe vom Skiff. Ich kam an den anderen Überlebenden vorbei, die mich neugierig und furchtsam zugleich anstarrten, und erblickte den Obersten Kartografen, der aufgeregt auf einen Soldaten einredete. Ich wäre gern stehen geblieben, um ihn nach Alexei zu fragen, traute mich aber nicht.