Das Haus im Nebel - Patrick Hofstetter - E-Book

Das Haus im Nebel E-Book

Patrick Hofstetter

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Beschreibung

Ein packender Psychothriller Ein abgelegenes Waldhaus. Ein Familienfest, das in Blut endet. Als Johann Klinger ermordet aufgefunden wird, gesteht sein Bruder Martin sofort die Tat. Doch Kommissar Roth spürt, dass etwas nicht stimmt: Die Tatwaffe fehlt, das Geständnis ist zu glatt und in den Gesichtern der Familie lauert mehr als nur Trauer. Je tiefer Roth gräbt, desto stärker verstrickt er sich in ein Netz aus Schweigen, Verrat und Erpressung. Zwischen Nebel und Wänden voller Geheimnisse beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit einer Gegnerin, die klüger und gefährlicher ist, als er ahnt. Am Ende steht eine Wahrheit, die niemand kommen sieht.

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Nikita, Kateryna, Liliane

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Das Fest im Waldhaus

Kapitel 2 – Die Nacht, die nicht schlafen wollte

Kapitel 3 – Kommissar Roth betritt den Wald

Kapitel 4 – Stimmen im Verhör

Kapitel 5 – Spuren im Staub

Kapitel 6 – Das erste Duell

Kapitel 7 – Schatten im Salon

Kapitel 8 – Die Suche im Regen

Kapitel 9 – Nacht im Waldhaus

Kapitel 10 – Der Morgen danach

Kapitel 11 – Konfrontation

Kapitel 12 – Frühstück im Nebel

Kapitel 13 – Ein Abdruck zu viel

Kapitel 14 – Frühstück mit Schatten

Kapitel 15 – Urteil am Tisch

Kapitel 16 – Fragen an den Schatten

Kapitel 17 – Der feine Riss

Kapitel 18 – Lisas Schweigen

Kapitel 19 – Flüstern im Flur

Kapitel 20 – Die Suche im Dunkeln

Kapitel 21 – Der Test

Kapitel 22 – Der Spiegel im Glas

Kapitel 23 – Das Flüstern der Tochter

Kapitel 24 – Ein Hauch von Gift

Kapitel 25 – Worte im Schatten

Kapitel 26 – Das Erbe der Worte

Kapitel 27 – Der blinde Punkt

Kapitel 28 – Die unsichtbare Bühne

Kapitel 29 – Die letzte Zeile

Kapitel 30 – Die Klinge im Blick

Kapitel 31 – Unter dem Schutz des Kommissars

Kapitel 32 – Ein leises Gift

Kapitel 33 – Der Spiegel der Kontrolle

Kapitel 34 – Die Falle im Nebel

Kapitel 35 – Das letzte Spiel

Kapitel 1 – Das Fest im Waldhaus

Der Regen hatte den Wald seit Stunden fest im Griff. Wie ein graues Tuch hing er zwischen den Stämmen, kroch über die nasse Erde und hüllte das alte Waldhaus in eine Düsternis, die selbst das Licht der Lampen schluckte. Das Dach tropfte unaufhörlich, und jeder einzelne Schlag gegen die hölzernen Dachschindeln klang wie das gleichmäßige Ticken einer Uhr, die unbarmherzig auf etwas zählte, das noch niemand erahnen konnte.

Im Inneren des Hauses roch es nach Kaminrauch, nach Rotwein, nach gebratenem Fleisch und den abgestandenen Düften von Möbeln, die mehr Geschichte kannten, als sie Preis geben wollten. An der langen Tafel im Esszimmer saßen sie alle, die Familie Klinger, zwölf an der Zahl, versammelt zu dem jährlichen Herbsttreffen. Manche nannten es Tradition, andere Pflicht. Nur wenige empfanden es noch als Freude.

Johann Klinger, der Patriarch, thronte am Kopfende wie ein König ohne Krone, dafür mit umso mehr Selbstverständnis. Ein Mann von breiten Schultern, das graue Haar akkurat zurückgekämmt, die Stimme kräftig, wenn auch inzwischen etwas belegt vom vielen Rauchen. In seinen Augen lag diese Mischung aus Stolz und Herablassung, die ihn sein Leben lang ausgezeichnet hatte. Er war es gewohnt, dass man auf ihn hörte.

Zu seiner Rechten saß Elena, seine zweite Frau. Sie war zwanzig Jahre jünger, mit kalten, glatten Gesichtszügen und einem Lächeln, das man selten sah und das nie bis in die Augen reichte. Sie sprach wenig, trank viel. Wenn sie den Blick hob, schien sie eher durch die Menschen hindurch zu schauen, als ob sie eine unsichtbare Rechnung aufmachte.

Gegenüber, am anderen Ende des Tisches, saß Martin. Johannens jüngerer Bruder. Sein Blick war in das Glas Rotwein gesenkt, die Finger umklammerten den Stiel wie ein Mann, der Halt suchte. Er war schmaler gebaut als Johann, das Haar bereits schütter, die Stirn tief gefurcht. Ein Leben voller kleiner Niederlagen hatte sich in seine Mimik gegraben. Er sprach kaum, aber wenn er es tat, war seine Stimme leise und von einer Schärfe, die überraschte.

„Du solltest dich endlich mal bedanken, Martin.“ Johann erhob das Glas, die Stimme schwer und deutlich. „Ohne mich hättest du heute nicht mal das Sägewerk. Ohne mich wärst du längst…“ Er machte eine ausladende Geste, die irgendwo im Raum verpuffte. „…irgendwo versoffen in einer Kneipe an der Landstraße.“

Einige lachten verhalten. Andere senkten betreten den Blick. Nur Martin lachte nicht.

„Ohne dich hätte ich vielleicht mein eigenes Leben geführt“, murmelte er. Es war leise, fast zu leise. Aber im plötzlich stillen Raum klang es wie ein Hammerschlag.

Johann grinste kalt. „Dein eigenes Leben? Dein eigenes Leben bestand immer darin, dich an meinem zu reiben. Du bist der kleine Bruder geblieben. Der ewige Zweite. Ohne Ziel, ohne Ehrgeiz. Gott sei Dank habe ich dich nicht völlig fallen lassen. Ein bisschen Anstand habe ich ja.“

Ein Stuhlbein scharrte über den Boden. Es war Lisa, Johanns Tochter aus erster Ehe, die sich unruhig bewegte. „Vater, bitte.“

Doch Johann ließ sich nicht bremsen. Er hatte Blut gerochen. „Sag’s doch, Martin. Sag doch, wie sehr du mich hasst. Jeder weiß es. Es liegt dir auf der Zunge. Komm schon, sei ein Mann.“

Ein Knistern ging durch den Raum, nicht vom Kamin, sondern von den Blicken, die hin- und hergingen. Es war der Punkt, an dem jeder spürte, dass die Stimmung endgültig kippte.

Martin hob langsam den Kopf. Seine Augen waren dunkel, tiefer als sonst, und sie lagen fest auf Johann. „Ich hasse dich nicht“, sagte er ruhig. „Ich verachte dich.“

Einen Moment lang herrschte absolute Stille. Nur der Regen trommelte weiter.

Dann lachte Johann. Ein dröhnendes, kehliges Lachen, das in den hohen Balken des Raumes widerhallte. „Verachtest du mich? Ach, Martin, das ist ja köstlich. Verachtung von einem, der nichts auf die Beine gebracht hat.“ Er trank sein Glas aus, wischte sich mit dem Handrücken den Mund. „Weißt du, was du bist? Ein Schatten. Und Schatten verschwinden, wenn das Licht ausgeht.“

Ein dumpfes Scharren. Martin war aufgestanden. Der Stuhl kippte zurück und fiel scheppernd zu Boden. Sein Gesicht war bleich, die Adern an den Schläfen pochten. „Halt den Mund, Johann.“

Die Worte hingen in der Luft, so scharf wie ein Messer.

„Oder was?“ Johann beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Was willst du tun? Mich umbringen? Hier, vor der ganzen Familie?“

Ein Raunen ging durch die Runde. Elena lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. Ein dünnes, kaltes Lächeln.

Martin atmete schwer. Seine Finger ballten sich zu Fäusten, öffneten sich wieder. Dann wandte er sich abrupt ab, griff nach seiner Jacke, die über der Stuhllehne hing, und verließ den Raum. Die Tür zum Flur fiel hinter ihm ins Schloss.

Einige Sekunden lang blieb es totenstill. Dann stieß Johann ein schnaubendes Lachen aus. „Seht ihr? So ist er. Ein Feigling. Er kann nur drohen, aber niemals handeln.“

Doch während die anderen zaghaft wieder Gespräche begannen, während Gläser nachgefüllt wurden und jemand versuchte, das Thema zu wechseln, blieb in den Köpfen der Anwesenden das Bild zurück: Martin, bleich, zitternd, mit Augen voller Hass. Ein Mann, der eben noch am Rand der Explosion gestanden hatte.

Und draußen, hinter den Fenstern, verschluckte der Regen die Dunkelheit.

Kapitel 2 – Die Nacht, die nicht schlafen wollte

Der Regen ließ erst nach, als die Uhr irgendwo im Haus Mitternacht schlug. Für einen Moment war es, als hielte der Wald den Atem an, ehe er wieder zu atmen begann – ein dünnes, unruhiges Rascheln, das durch die Dachbalken kroch und das alte Holz zum Seufzen brachte. In den Zimmern der Klinger lagen Stimmen wie zurückgelassenes Geschirr; hier ein gelöschtes Lachen, dort ein halb fertiger Streit. Niemand ging wirklich schlafen. Man machte Licht aus, um danach auf die Tür zu starren.

Martin stand im Flur, wo die Dielen das Gewicht eines Mannes verrieten, der nicht wusste, wohin mit sich. Das Hemd hatte er gewechselt; der alte, weinverschmierte Stoff hing über dem Stuhl neben der Garderobe. Eine Tropfspur führte vom Ärmel zu einer dunklen Pfütze auf dem Stein: Rot von der Farbe, fast schon braun. Er bückte sich, rieb mit einem Taschentuch daran und merkte, wie nutzlos dieser Eifer war. Flecken hatten die Gewohnheit, sich zu erinnern.

Die Tür zum Esszimmer stand einen Spalt offen. Drinnen glomm das Feuer zu stumpfem Orange, und die Gläser standen herum wie kleine, erschöpfte Zeugen. Martins Blick blieb an einem Messer hängen, das ein wenig vom Tisch gerutscht war. Es war kein großes Messer; ein Küchenmesser, scharf genug für Fleisch, zu grob für feine Schnitte. Ein Reflex ließ ihn es aufheben und auf den Tisch legen, ordentlich, parallel zur Kante. Er strich mit dem Daumen über die Klinge, schnitt sich beinahe, und zog die Hand hastig zurück. Ein winziger Tropfen Blut. Er steckte den Finger in den Mund, schmeckte Eisen. Es tat gut, etwas zu spüren, das nicht Gedächtnis hieß.

Er ging weiter die Diele entlang, vorbei an alten Schwarzweißfotos: Johann als junger Mann vor einem ganzen Stapel gefällter Baumstämme. Martin daneben, schmal, die Hände in den Taschen, die Augen halb zu. Zwei Brüder, ein Bild, zwei Leben, die nie zueinander fanden. Er blieb kurz stehen. Es war, als sähe ihn sein jüngeres Ich aus dem Rahmen an, mit einem Ausdruck, der fragte: „Wann hörst du auf, dich zu reiben? Wann fängst du an, zu sein?“

In der Küche brannte eine einzige Glühbirne über der Spüle. Elena stand dort, ihr Rücken eine schmale Linie, die Hände aufgestützt, der Blick ins Nichts. Vor ihr eine fast leere Weinflasche und ein Glas, aus dem sie nicht trank. Martin blieb an der Schwelle stehen.

„Ist alles okay?“ fragte er, ohne zu wissen, warum das Wort „okay“ in so einer Nacht in seinen Mund rutschte.

Sie drehte sich nicht um. „Du willst doch gar keine Antwort.“

„Vielleicht nicht.“

Sie griff nach dem Glas, tat so, als wolle sie anstoßen, und stellte es dann wieder ab. „Du hättest ihn auch heute nicht umgestoßen. Du stehst immer nur am Rand und schaust auf die Mitte, als gehörte sie wem anderes.“

„Das ist dein Fach, Elena. Die Mitte.“

Jetzt drehte sie sich langsam. Ihre Augen waren kühl, der Mund schmal. „Die Mitte ist, wo das Licht ist. Wer da steht, brennt. Wer nicht, friert.“ Ein kleines Zucken, fast ein Lächeln. „Heute hast du gebrannt, Martin. Ein bisschen.“

Er wollte etwas sagen, das nach Gegenwehr klang, aber er brachte nur ein Nicken zustande. Er merkte, dass er ihre Parfumnote wiedererkannte – sie roch, wie eine Hotelbar um zwei Uhr morgens riecht, wenn alle bleiben wollen und keiner mehr sollte.

„Geh schlafen“, sagte sie, als sei sie die Hausherrin, und wandte ihm wieder den Rücken zu. Ihre Schultern bewegten sich einmal, als stieße etwas im Inneren an.

Martin verließ die Küche. Seine Schritte wurden leiser, je näher er an die Hintertür kam. Der Riegel klemmte wie immer, und wie immer gab er nach, wenn man ihn bat, nicht wenn man ihn zwang. Er trat auf die Veranda hinaus. Die Luft war kälter, klarer; der Regen hatte an Kraft verloren und fiel jetzt in dünnen Fäden, die im Schein der einzigen Außenlampe silbern wirkten.

Der Holzstapel im Schatten sah aus wie etwas, das atmen könnte. Er ging die Stufen hinunter, tastete über die frisch nassen Bretter, bis er die Kante des Stapels erreichte. Ein Stück Dachschindel hatte sich gelöst und hing schief. Er schob es zurecht. Die Welt ordnen, wo sie unerbittlich durcheinanderstrebte – oft blieb ihm nicht mehr.

Ein Geräusch ließ ihn innehalten. Irgendwo hinter dem Haus, dort wo der rote Sandweg zum Schuppen abbog, knirschte Kies. Nicht laut, aber vorhanden. Martin spannte die Ohren. Dann sah er sie – eine dunkle Gestalt, die sich an der Hauswand entlangschob, klein, die Schritte vorsichtig. Ein Schatten löste sich vom größeren Schatten. Er glaubte anfangs, es sei nur die eigene Angst, die ihm Bilder malte, doch das Geräusch kam wieder: ein metallisches Klicken, als berührte jemand mit der Kante etwas Hartes.

„Hallo?“ rief Martin. Es klang härter als beabsichtigt.

Die Gestalt erstarrte. Einen Herzschlag lang glaubte er, sie würde weglaufen. Stattdessen setzte sie sich wieder in Bewegung, jetzt schneller, und verschwand um die Hausecke. Martin atmete aus, so langsam, dass ihm schwindlig wurde. Er ging nicht nach. Er dachte an die Gesichter im Haus, ging sie durch wie eine Reihe von Türen. Wer war klein genug, wer bewegte sich so? Lisa? Annette? Elena? Er sagte sich, dass die Frage egal sei – man kannte das ja vom Wald: Wer nachts geht, geht meistens nur, um allein zu sein.

Er blieb noch eine Minute draußen, weil der Regen ihn beruhigte. Als er zurück ins Haus kam, klapperte in der Ferne Porzellan. Stimmen. Ein Flüstern und ein Lachen, das keins war.

Im Flur stand Lisa, die Hände in den Taschen ihres Hoodies. Ihre Stirn lag in Falten, die nicht zu ihrem Alter passten. „Du solltest dich entschuldigen“, sagte sie ohne Gruß.

„Wofür?“

„Dafür, dass du dich wie ein Kind benimmst. Vater ist…“ Sie brach ab, rang nach einem Wort, fand keins. „Er ist, wie er ist.“

„Ich weiß.“

„Aber du bist es auch.“

Er lächelte schräg. „Ist das die Stelle, an der du sagst, ich sei ein guter Onkel und sollte mich zusammenreißen?“

Sie sah weg. „Es ist die Stelle, an der ich frage, ob du ihm wehtun willst.“

„Was?“

Sie hob die Augen, und für einen Moment sah Martin darin eine Abrechnung, die älter war als sie selbst. „Ich kenne dich. Du denkst manchmal Dinge. Du sagst sie selten. Heute hast du sie gesagt. War das alles, oder…“ Sie ließ den Satz verklingen. „Lass es nicht mehr werden als Worte.“

„Ich –“ Er spürte, wie der Satz in seinem Hals kleben blieb. „Ich lass’s.“

Sie nickte. „Gut.“ Dann wandte sie sich ab, als hätte die Szene, die sie führen musste, ihre Pflicht getan, und verschwand in Richtung Treppe.

Martin blieb zurück. In ihm nagte etwas, ohne Namen, ohne Form. Er ging in sein Zimmer im Erdgeschoss; ein karger Raum, ein Bett, ein Schrank, eine Kommode. Auf der Kommode lag ein brauner Umschlag, den er am Nachmittag hier abgelegt hatte. Kein Absender. Keine handschriftliche Spur. Nur sein Name, getippt, zu ordentlich für dieses Haus.

Er öffnete ihn zum zweiten Mal, als würde die Wiederholung ihm eine andere Wahrheit liefern. Das Polaroid war vergilbt, aber deutlich genug: der Sommer vor zwei Jahrzehnten, ein Halbkreis aus Menschen, ein Auto, dessen Kühlerhaube wie der aufgerissene Mund eines Tieres stand. Und er – Martin – an der Seite, den Blick schräg zur Kamera, der Mund halb offen, als wollte er etwas sagen oder verschlucken. Neben dem Foto ein Zettel, maschinell geschrieben, ohne Gruß: „Wer schweigt, braucht Mut. Wer redet, braucht Beweise. Ich habe beides.“ Darunter das Datum der Nacht, die er so kunstvoll hinter sich gebracht hatte, dass sie nie ganz hinter ihm lag.

Er legte das Foto zurück. Das Papier schabte kurz an der Kartonkante, ein Laut, der ihm in die Zähne fuhr. Er stand eine Weile da und starrte auf die Kommode, als könnte er den Umschlag mit der Kraft des Blickes verbrennen. Dann schob er ihn in die Schublade und verschloss sie. Nicht weil ein Schloss vor Blicken schützt – es schützt nur vor der Geste, die man so leicht wiederholt.

Er zog die Schuhe aus, setzte sich aufs Bett, ließ sich nach hinten fallen und lag da, Hand auf Stirn, die Augen offen. Der Regen setzte wieder kurz ein, so als probte er eine Rückkehr. Martin dachte an Gesichter statt an Dinge: die Männer vom Sägewerk; der Mann mit dem verbeulten Kombi; ein Mädchen auf der Brücke, dessen Name ihm entfallen war; Elena mit dem Glas und dem Lächeln, das nicht in die Augen geht; Johann am Tisch, die Sätze wie Urteile, die Hand, die in die Luft schnitt; Lisa im Flur, die mit mehr Mut fragte, als ihre Stimme erlaubte.

Er schlief nicht. Er zog sich irgendwann die Jacke wieder an und ging, ohne das Licht anzumachen, zurück in den Flur. Die Uhren im Haus machten ein Chorstück aus ungenauen Takten. In der Bibliothek brannte eine kleine Lampe, und die Bücher rochen wie trockene Blätter. Er blieb an der Tür stehen. Da war noch jemand.

„Martin?“ Die Stimme war Annette, die Cousine. Ein zu weiches Gesicht für zu harte Zeiten. „Du auch?“

„Ich auch.“