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Im Regen beginnt ein Plan, präzise, kalt und gefährlich. Fünf Menschen treten an, einander zu vertrauen, während sie sich tiefer in ein Netz aus Lügen, Schatten und Verrat verstricken. Jeder Schritt könnte der letzte sein, jeder Blick ein Verdacht. Und einer von ihnen wird nicht lebend herauskommen. Ein intensiver Thriller über Gier, Geheimnisse und den Moment, in dem eine Linie bricht.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1 – Splitter im Regen
Kapitel 2 – Nordzaun
Kapitel 3 – Die Gänge
Kapitel 4 – Der erste Schnitt
Kapitel 5 – Stimmen im Stahl
Kapitel 6 – Die verschlossene Tür
Kapitel 7 – Der Gang
Kapitel 8 – Endlose Wände
Kapitel 9 – Risse im Verstand
Kapitel 10 – Blut im Neon
Kapitel 11 – Die Leere hinter uns
Kapitel 12 – Zerbrochenes Schweigen
Kapitel 13 – Der Riss im Beton (erweiterte
Kapitel 14 – Schritte im Nichts
Kapitel 15 – Der Fehltritt
Kapitel 16 – Der Schlag
Kapitel 17 – Die Schuld im Neon
Kapitel 18 – Zerfall
Kapitel 19 – Der Schatten im Spiel
Kapitel 20 – Der erste Riss
Kapitel 21 – Bruchlinien
Kapitel 22 – Druck
Kapitel 23 – Der Stillstand
Kapitel 24 – Der Riss
Kapitel 25 – Schritte
Kapitel 26 – Das Zeichen
Kapitel 27 – Panik
Kapitel 28 – Rückkehr
Kapitel 29 – Sofie
Kapitel 30 – Die Fremde
Kapitel 31 – Der Schlag
Kapitel 32 – Blut und Schatten
Kapitel 33 – Zwang
Kapitel 34 – Nebel
Kapitel 35 – Das Gesicht
Kapitel 36 – Sofies Augen
Kapitel 37 – Abkehr
Kapitel 38 – Rückkehr
Kapitel 39 – Stillstand
Kapitel 40 – Wiederkehr
Kapitel 41 – Der zweite Schlag
Kapitel 42 – Der Griff aus der Tiefe
Kapitel 43 – Zwischen zwei Stimmen
Kapitel 44 – In den Schatten
Kapitel 45 – Zwei Gesichter
Kapitel 46 – Zerreißprobe
Kapitel 47 – Der Preis
Kapitel 48 – Nachhall
Kapitel 49 – Spuren
Kapitel 50 – Flüstern im Dämmer
Kapitel 51 – Wenn die Wände atmen
Kapitel 52 – Spiegel der Schuld
Kapitel 53 – Der Laut
Kapitel 54 – Gebunden
Kapitel 55 – In seinem Atem
Kapitel 56 – Zwischen Atemzügen
Kapitel 57 – Zwei Schläge
Kapitel 58 – Zerrissen
Kapitel 59 – Die Stimmen in ihm
Kapitel 60 – Die Entscheidung
Kapitel 61 – Nach dem Namen
Kapitel 62 – Wenn Mauern atmen
Kapitel 63 – Das neue Herz
Kapitel 64 – Gegen den Schlag
Kapitel 65 – Das Aufbegehren
Kapitel 66 – Der Riss im Schwarz
Kapitel 67 – Gegen den Abgrund
Kapitel 68 – Das Gesicht des Abgrunds
Kapitel 69 – Fleisch gegen Schatten
Kapitel 70 – Herz aus Stahl und Blut
Kapitel 71 – Der letzte Schlag
Kapitel 72 – Das Atmen im Dunkel
Kapitel 73 – Der Weg ins Draußen
Kapitel 74 – Durch den Spalt
Kapitel 75 – Rennen im Regen
Kapitel 76 – Die Hütte im Regen
Kapitel 77 – Flüstern im Holz
Kapitel 78 – Verzerrte Stimmen
Kapitel 79 – Splitter im Vertrauen
Kapitel 80 – Die Stille danach
Kapitel 81 – Stimmen im Blut
Kapitel 82 – Das Brechen der Wände
Kapitel 83 – Traum im Zerfall
Kapitel 84 – Atemholen
Kapitel 85 – Der Riss im Morgen
Kapitel 86 – Wenn die Welt bricht
Kapitel 87 – Nach dem Fall
Kapitel 88 – Kein Draußen mehr
Kapitel 89 – Im Inneren
Kapitel 90 – Haut gegen Haut
Kapitel 91 – Das Flimmern unter der Haut
Kapitel 92 – Ganz drinnen
Kapitel 93 – Ruf ins Herz
Kapitel 94 – Berührung
Kapitel 95 – Die Stimmen im Blut
Kapitel 96 – Der Rest
Kapitel 97 – Gegen den Schlag
Kapitel 98 – Der Riss im Lied
Kapitel 99 – Der Atembruch
Kapitel 100 – Durch den Riss
Epilog – Ein Rest im Takt
Die Nacht roch nach Metall. Regen legte sich wie kalter Staub auf die Stadt, jede Pfütze ein geschwärzter Spiegel, der die gelben Halos der Straßenlaternen zerriss und wieder zusammensetzte. Ich stand im Windschatten der alten Diamantenschleiferei, Rücken an Mauerwerk, Fingerspitzen am Puls. Die Fabrik atmete gedämpft, als hätte sie ihre Maschinenstimmen im Schlaf nicht ganz vergessen: ein unterdrücktes Brummen, das vom Fluss her kam und im Zement der Hallen blieb.
„Du bist zu früh, Lena“, sagte Jonas.
Ich hatte ihn nicht kommen hören. Er stand mit Kapuze, die Hände tief in den Taschen, die Schultern schmal und reglos, als hätte der Regen beschlossen, an ihm abzugleiten. Jonas konnte in Räumen verschwinden, in denen gar keine Ecken existierten. Neben ihm wirkte die Welt unaufgeräumt.
„Oder ihr seid zu spät“, sagte ich.
Er lächelte nicht. „Keiner ist zu spät, solange die Uhren laufen.“ Ein Blick zur Schleiferei, zum blinden Schaufenster, hinter dem tagsüber Steine in präzisen Kreisen über Tellern wanderten, wassergekühlt, bis aus Rohheit Kanten, aus Kanten Flächen, aus Flächen Licht wurde.
Marek kam als Nächster. Der Asphalt vibrierte ein wenig unter seinen Schritten. Er trug die Art von Stiefeln, die nicht fragen, wohin sie treten. Seine Jacke spannte über den Schultern, Boxernarbe über der Lippe, frisch rosa. Er nickte Jonas zu, mir nicht. „Ich hasse Regen“, knurrte er, „man kann Blut nicht unterscheiden.“
„Das ist der Punkt.“ Sofie tauchte auf der anderen Seite der Mauer auf, aus dem Schatten eines Containerstapels. Ihre Kapuze war zu groß, der Reißverschluss ihrer Jacke klemmte, eine Hand umklammerte die Laptoptasche, als wäre darin etwas Lebendiges. „Regen ist freundlich. Er macht alles gleich.“
„Außer Schulden“, sagte Marek.
„Außer Schulden“, wiederholte ich. „Und Plänen.“
Viktor ließ uns warten. Das tat er immer. Wenn jemand zu viel Zeit mit Codes verbracht hat, glaubt er irgendwann, dass er selbst einer ist. Er kam schließlich hustend um die Ecke, der Mantel zu dünn für die Kälte, der Geruch von nassem Tabak in seinem Kragen. Er hielt die Aktentasche wie ein Büßer sein Kreuz. „Verkehr“, sagte er.
Keiner antwortete. Der Fluss verschluckte die Ausrede und schob sie weiter.
Unser Treffpunkt war der Waschhallenhof auf der Rückseite des Werks. Tagsüber roch es hier nach warmem Kunststoff und der falschen Versprechung von Zitrus. Jetzt: nasse Pappe, Öl, etwas Bitteres aus den Ritzen der Pflastersteine. Ich öffnete das Vorhängeschloss an der Stahltür, die in den Technikschacht führte, und der Geruch von kaltem Beton rollte uns entgegen.
Innen stand ein wackeliger Klapptisch, zwei alte Spinde, der abgerissene Teil einer Sicherheitsbeleuchtung, die seit Jahren nicht angeschlagen war. Ich hatte dies hier ausgewählt, weil es niemand vermissen würde. Ein Raum zwischen den Dingen. Mein Raum – sagte ich mir damals. Heute war ich mir da weniger sicher.
„Legt es hin“, sagte ich.
Sofie stellte den Laptop auf. Auf dem Bildschirm öffnete sich eine Blaupause: Grundriss der Schleiferei Aebi & Söhne – das „& Söhne“ war seit Jahrzehnten Marketing, aber es hing noch auf dem Schild. Die Halle mit den Schleiftellern, die Poliererei, der Kontrollraum, die Kette zum Tresorraum: Luftschleuse, Zeitschloss, Glas, das härter war als Vernunft. Pfeile. Zahlen. Unser Weg durch das Innere dieser Maschine.
Viktor legte seine Aktentasche daneben, entnahm ihr einen Schlüsselbund, zwei Magnetkarten, einen zerknitterten Lageplan, den er nachts aus dem Büro geholt hatte, bevor man ihn „freigestellt“ hatte. Das Wort schmeckte ihm noch immer nicht. „Kamera vier ist rechnerisch tot“, sagte er. „Seit dem Umbau. Sie leuchtet, aber sie speichert nichts. Die Aufzeichnung läuft auf einen Server, der…“ – er machte eine Geste ins Nirgendwo – „den es nicht mehr gibt.“
„Rechnerisch tot ist nicht tot“, sagte Jonas.
Sofie scrollte. „Ich spiegele noch einen Loop durch die Linie. Selbst wenn sie lebt, sieht sie monotone Stille.“
„Und wenn sie lauscht?“ Marek fuhr sich mit dem Daumen über die Narbe, als könnte er damit die Frage schärfen.
„Dann hört sie unseren Regen.“
Ich verteilte die Kopien – jeder bekam eine, auf dünnes Papier ausgedruckt, das in der Feuchte wellte. „Keine Namen, keine Nummern. Der Plan bleibt, wie er ist. Keine Abkürzungen.“
Marek ließ das Papier sinken. „Und was ist mit denen?“ Sein Kinn deutete auf die schwarze Sporttasche unter dem Tisch.
„Kabelbinder, Handschuhe, Ohrstöpsel“, sagte ich. „Und ein Schweißgerät, falls Viktor’s Code doch nur Wunschdenken ist.“
„Er ist kein Wunschdenken“, sagte Viktor, zu schnell. „Ich habe die Umstellung selber eingeleitet. Zweistufig: Karte plus sechsstelliger Code. Den Code wechsele ich morgen – also heute – früh wieder, wenn… wenn ihr wart.“
„Wenn“, sagte Jonas.
Sofie tippte auf die Uhr. „Wir haben 42 Minuten, bis die Werkswache ihre Runde dreht.“
„Das ist die alte Runde“, sagte Viktor. „Der neue Mann… er ist unzuverlässig.“
„Unzuverlässig“, wiederholte Marek, und das Lächeln in seiner Stimme war kein schönes. „Wir sind also unter uns.“
Es war dieses „wir“, das in meinem Ohr nachhallte, heller als der Regen. Wir – als wäre das etwas Stabiles. Als wäre nicht jeder von uns eine eigene Art Messer. Ich erinnerte mich an die Regel, die ich ganz am Anfang aufgestellt hatte: Keine Geschichten. Wir sind wir, solange es funktioniert. Keine Kindheiten, keine Lieben, keine Gründe. Geld war Grund genug.
Am Ende sind Regeln nur Zäune, über die man springt, wenn man gejagt wird.
„Bevor wir anfangen“, sagte Jonas. „Zähl.“
Ich öffnete die Sporttasche, holte den grauen Beutel heraus, den wir „Kasse“ nannten, dabei war es eher ein gemeinsames Alibi. Ich kippte den Inhalt auf den Tisch: Bündel, abgezählt, knisternd. Mein Blick folgte den Veränderungen im Gesicht der anderen, während ich die Scheine in Fünfzigern und Hundertern stapelte. Der Regen draußen hatte aufgehört, aber in mir perlte er weiter.
„Es fehlen zweitausend“, sagte Jonas.
Sofie schob die Brille höher. „Gestern Abend waren es noch…“
„Zweitausend mehr“, sagte Marek. Er sah niemanden an, speziell niemanden.
„Vielleicht hast du dich verzählt“, sagte Viktor. Seine Stimme war die Sorte unschuldig, die man bei Kindern nicht glaubt und bei Erwachsenen für gefährlich hält.
„Ich verzähle mich nicht“, sagte ich.
Stille. Dann Jonas, wieder weich: „Das ist nicht der Moment.“ Er ließ die Worte sanft fallen, und doch klangen sie wie Anweisungen. „Wir notieren nur: Zwei fehlend.“
„Und wenn wir nachher vier vermissen?“, fragte Marek.
„Dann fehlt einer von uns“, sagte Sofie so leise, dass ich nicht sicher war, ob sie es wirklich gesagt hatte.
Ich machte ein Kreuz in meinem Notizbuch, neben der Spalte, in der ich Lücken registrierte.
Zwei tausend. Datum. Uhrzeit. Ein Strich, wie ein Schnitt.
Wir gingen den Plan Punkt für Punkt durch. Sofie zeigte die Schleifen, mit denen sie den Alarm aus dem Netz lenken wollte. „Sieht aus wie Routine. Kurzzeitige Wartung. Acht Minuten Fenster, dann fällt die Täuschung auf. Das ist alles, was ich uns geben kann, ohne dass es auffällt.“
„Acht Minuten sind genug“, sagte Marek. Er sagte es so, als wolle er, dass jemand das Gegenteil behauptet.
Viktor erklärte die Bewegungen der Wache. „Zwischen zwei und halb drei raucht er an Tor West. Wenn es regnet, raucht er in seiner Kabine und schaut in die Kamera, damit man glaubt, er sei draußen. Er mag es, als Silhouette aufzutreten.“
„Magst du es auch?“, fragte Jonas.
Viktor blinzelte. „Ich?“
Jonas lehnte sich zurück, wie einer, der sich an einen Gedanken setzen will. „Silhouetten sind nützlich. Man kann viel hineinsehen.“
„Was ist mit den Lüftungsschächten?“, fragte ich.
„Schacht 3 bleibt offen“, sagte Viktor. „Aber du willst ihn nicht. Er ist eng. Marek bleibt stecken.“
Marek lachte ein Lachen, das nicht in einen Raum gehört. „Ich bleibe nirgends stecken.“
Jonas sah mich an. „Du willst ihn nicht, weil jemand ihn schon kennt.“
Ein Klick im Neon. Ein Schatten bewegte sich am Rand des Lichts, eine Ratte, oder Erinnerung.
„Wir nehmen die Schleuse“, sagte ich. „Wenn die Karte und der Code stimmen.“
„Sie stimmen“, sagte Viktor. Seine Hand zitterte, kaum merklich, über den Schlüsselanhängern.
„Gut.“ Ich klappte mein Notizbuch zu. „Keine Abweichungen. Wir bleiben zusammen. Wir reden nicht. Wir fassen nichts an, was nicht unsere Liste ist. Kein Heldentum. Keine…“
„Geschichten“, sagte Sofie und nickte, als hätte sie die Regel auf ihrer Zunge zergehen lassen.
Später, als Jonas und Marek die Außenzäune abgingen – Funkcheck, tote Winkel –, blieb ich mit Sofie allein. Sie hatte die Laptoptasche auf dem Schoß, als säße dort ein Tier, das beruhigt werden wollte.
„Du zitterst“, sagte ich.
„Ich friere.“
„Du lügst.“
Sie sah mich an, durch das Glas der Brille, als wäre ich schon ein paar Zentimeter weiter weg. „Ich hätte absagen sollen“, murmelte sie. „Man sagt nie ab, wenn es ernst wird. Das ist die zweite Regel, oder?“
„Die zweite Regel ist, dass jede Regel eine Ausnahme hat.“
Sie lächelte schief. „Du bist gut in Ausnahmen.“
„Ich bin gut in Türen.“ Ich legte die Hand gegen die kühle Wand. „Drin oder raus. Das war’s.“
„Und wenn die Tür in dir ist?“
Ich wollte antworten, aber in dem Moment hörten wir Schritte. Viktor, der zu früh zurückkam, ohne dass er weg gewesen war – ein Mann, der immer auf Uhrzeiten bestand und sie doch verpasste. Er hielt etwas in der Hand: einen flachen Umschlag, graues Papier, regennass, der auf dem Boden bei der Tür gelegen hatte.
„Für dich“, sagte er, unsicher, mir den Umschlag entgegenhaltend. „Er lag da.“
„Für mich?“ Ich nahm ihn. Auf der Vorderseite stand nichts. Keine Schrift. Kein Stempel. Das Papier war so schwer, dass es eine Entscheidung vermuten ließ.
Drinnen: ein einzelnes Blatt, abgerissen aus einem Notizblock. Meine Handschrift. Mein Name darunter, klein. Änderung: Schacht 3 gesperrt. Westtor nutzen. Code: 809241. – L
Es dauerte, bis ich den Fehler verstand. Es war nicht die Zahl. Es war das Gefühl. Ich schreibe „Lena“ nie mit L. Ich unterschreibe nie mit einem Buchstaben. Ich schreibe gar nicht, wenn ich Pläne ändere. Ich sage es. Jemand hatte meine Schrift nachgemacht. Jemand, der wusste, wie meine Schrift aussieht. Jemand, der wusste, wie man die Wahrheit imitiert, bis sie sich anfühlt wie Luft.
„Was ist?“, fragte Sofie.
„Nichts“, sagte ich. „Jemand veralbert uns.“
„Was steht da?“
„Eine Kapriole“, sagte ich. Ich steckte das Blatt zurück in den Umschlag, als könnte ich so verhindern, dass die Worte in den Raum sickerten. „Wir bleiben bei der Schleuse. Westtor ist… unsauber.“
Viktor feuchtete sich die Lippen an. „Der Code allerdings… er könnte… also, das ist eine plausible Kombination.“ Er sah mich, als hätte ich die Zahl aus ihm herausgezogen.
„Plausibel ist nicht sicher“, sagte ich. „Plausibel ist eine Einladung.“
Er nickte, zu schnell, wie jemand, der versucht, seinem eigenen Körper hinterherzukommen.
Jonas kam zurück, der Regen auf seiner Kapuze, als wäre er mit einem dunklen Sternenhimmel bedeckt. Marek hinter ihm, die Hände in den Jackentaschen, die Stiefel hinterließen dunkle Schatten in der Halle, die aussahen wie Karten von Ländern, die es nicht gibt. „Zaun hat einen Riss nach Osten“, sagte Jonas. „Zu alt, zu viele Winter.“
„Nehmen wir nicht“, sagte ich. „Risse sind Geschichten, die man nicht zu Ende erzählen kann.“
Jonas’ Blick blieb an mir haften, die Sekunde zu lang, die man braucht, um ein Gesicht zu merken. „Lena“, sagte er, und nur meinen Namen. Als hätte er ihn getestet.
Marek drosch mit der Faust gegen den Spind. Nicht fest, mehr ein Probehammer an die Tür.
Das Metall antwortete hohl. Ein etwas leiseres Hohl von der anderen Seite, als ob dort etwas stand. Oder jemand. Marek sah zu mir. Ich nickte.
Er riss die Tür auf. Drinnen: Nichts. Nur Staub, der in einer Bewegung aufflog, die nicht zu unseren passte, ein schmaler Schlitz heller Luft, der verschwand, bevor man ihn benennen konnte. Auf dem Boden lag etwas, das ich im ersten Moment für eine Glasscherbe hielt, und im zweiten begriff: ein Splitter. Die Größe eines Fingernagels, scharf, die Oberfläche wie Wasser, das man gefroren hatte, während es sich bewegt. Ein Diamantsplitter. Kein Abfall. Ein Gruß.
Ich hob ihn nicht auf.
„Wer hat da drin zu tun?“, fragte Marek.
Niemand antwortete. Der Spind roch nach einem Parfum, billig und gleichzeitig kompromittierend. Zimt und Asche. Ich hatte diesen Geruch schon einmal an jemandem wahrgenommen, aber die Erinnerung war hinter einer Tür, die ich nicht öffnen wollte. Noch nicht.
„Jemand spielt mit uns“, sagte Sofie.
„Oder einer von uns hat schon angefangen“, sagte Jonas.
„Ich fange erst an, wenn du es sagst“, sagte Marek zu mir. Es klang nicht nach Unterordnung. Es klang nach Drohung, hübsch verpackt.
Ich atmete. Ein. Aus. In meinem Notizbuch, das ich wieder aufschlug, waren feine Regenspuren zu dunklen Adern geworden. Ich blätterte, weil die Hände etwas tun mussten, und ein Foto fiel heraus. Es knickte auf halbem Weg zu Boden, fing das Neonlicht, das über seinem Rand glitt, als wäre es eine Klinge.
Ich hob es auf.
Es war auf Polaroidfilm. Die Farben zu satt, die Ränder zu weiß. Darauf: vier Gestalten, im Regen, vor der Waschhalle. Einer fehlte. Die vier sahen aus, als wüssten sie nicht, dass sie fotografiert wurden. Ich kannte sie. Ich kannte sie zu gut. Ich stand neben mir selbst, neben Jonas, neben Sofie, neben Marek. Und Viktor fehlte. Oder er hatte die Kamera gehalten. Oder er war schon dort, wo wir hinwollten.
Auf der Rückseite stand mit einem Stift, der zu tief in das Papier gedrückt hatte: Einer von euch fehlt morgen.
„Was ist das?“ Sofie beugte sich vor, ohne zu nahe zu kommen.
„Nichts“, sagte ich zu schnell. „Ein Witz.“
Jonas’ Kopf war leicht schief. „Ein Witz, der Angst hat, lustig zu sein.“
Marek riss mir das Foto aus der Hand, zu schnell, zu grob. Seine Finger hinterließen Wasser auf der Oberfläche. Er machte ein Geräusch, das nicht wusste, ob es Lachen sein wollte. „Wenn das lustig ist, bin ich ein Clown.“ Er hielt das Foto gegen das Licht, als könnte er den Schatten im Hintergrund identifizieren. Da war tatsächlich ein Schatten, eine fünfte Figur, im Reflex der Fensterscheibe hinter uns. Ein Umriss, der so deutlich war, dass er unkenntlich blieb.
Ich nahm ihm das Bild wieder ab. „Wir ziehen durch“, sagte ich. „Kein Zickzack. Keine Nachrichten aus der Zukunft. Wer immer uns zusieht, soll etwas lernen: Wir sind keine Geschichten. Wir sind eine Linie.“
„Linien brechen“, sagte Jonas, fast freundlich.
„Dann nehmen wir die nächste.“
Er sah das Notizbuch in meiner Hand. Ich spürte seinen Blick dort, wo die Seite noch warm war, auf der meine – nicht meine – Unterschrift stand. Ich klappte es zu. Der Einband war vom Regen dunkel geworden.
„Wir treffen uns um zwei Uhr sieben am Nordzaun“, sagte ich. „Kein Reden. Kein Rauchen. Keine Gedanken, die man sieht.“
Viktor hob die Hand, als wollte er sich melden. Senkte sie wieder. Seine Augen waren zu hell.
„Und wenn… wenn die Zahl… ich meine, wenn der Code…“
„Wenn der Code nicht geht, gehst du vor“, sagte Marek. Es war so humorlos, dass es wieder komisch hätte sein können.
Sofie packte ihren Laptop, als wäre es ein Kind, das schlafen sollte. Jonas zog die Kapuze tief. Marek spuckte auf den Boden, ritze eine Linie mit seiner Stiefelkante, als markiere er dort eine Grenze, über die er später treten würde. Viktor stand da, als hätte man ihn aufgesetzt und vergessen.
Wir gingen. Der Regen setzte plötzlich wieder ein, dichter, schwerer, die Tropfen groß wie Münzen. Ich mochte Regen. Regen versprach, zu verschleiern, was später ohnehin verschwimmt.
In mir bewegte sich etwas, das ich nicht benennen wollte. Eine Tür. Ein Flüstern dahinter. Eine Stimme, die klang, als wüsste sie, wie die nächsten Seiten aussehen würden. Ich legte die Hand an die Wand der Fabrik, spürte die alte Kälte, die darin gespeichert war, Jahrzehnte von Staub und Präzision. Draußen war die Stadt, drinnen das Herz. Zwischen beidem liefen wir, mit einem Foto in der Tasche und einem falschen Buchstaben auf einem Zettel.
Wer zusieht, schreibt mit. Wer schreibt, entscheidet, wo der Schnitt sitzt. Ich beschloss, dass der erste Schnitt mir gehören sollte.
Um zwei Uhr sieben würden wir uns am Nordzaun treffen. Wenn niemand vorher fehlte. Wenn niemand vorher schon angefangen hatte, uns auszuschalten. Wenn ich selbst – das dachte ich nicht zu Ende, und das war vielleicht der erste Fehler. Oder der letzte, den ich mir leisten konnte.
Der Regen hatte sich zu einem gleichmäßigen Trommeln gelegt, als würde jemand mit flachen Händen auf ein Blechdach schlagen. Ich stand um zwei Uhr sieben am Nordzaun. Die Fabrik erhob sich vor mir wie ein grauer Block, ohne Konturen, nur von den Neonlichtern der Zufahrtsstraße angedeutet. Dahinter: Dunkelheit, Maschinen, Diamanten.
Marek war der Erste, der auftauchte. Seine Silhouette schälte sich aus der Nacht wie etwas, das man nicht rufen musste, das einfach da war, wenn es Zeit wurde. Er zog die Kapuze zurück, seine Stirn glänzte nass.
„Du bist pünktlich“, sagte ich.
„Ich bin immer pünktlich.“ Er grinste, die Zähne kurz aufblitzend, als wollte er zeigen, dass er sie noch alle hatte. „Wär’ ich unpünktlich, wär’ ich tot.“
„Vielleicht bist du auch pünktlich tot.“
Er lachte, aber sein Blick streifte den Zaun, das Tor, das Gelände dahinter. Marek konnte gleichzeitig lachen und misstrauen. Das machte ihn gefährlich.
Jonas kam lautlos. Plötzlich war er da, neben mir, ohne dass ich ihn hatte kommen hören. Er sah Marek nicht an, mich auch nicht. Sein Blick wanderte über den Zaun, als würde er sich die Struktur merken, Draht für Draht, bis er sie blind zeichnen könnte.
„Zwei Minuten“, sagte er. Seine Stimme war leiser als der Regen.
„Auf wen warten wir?“, fragte Marek.
„Auf die, die noch fehlen“, sagte Jonas.
Als hätte er sie heraufbeschworen, kam Viktor, keuchend, die Hände in den Taschen, den Mantel offen. Er sah aus, als wäre er gerannt – oder als hätte ihn jemand verfolgt.
„Wo ist Sofie?“, fragte ich.
„Hinter mir. Laptop…“ Er wischte sich den Regen aus den Augen. „Sie hat gesagt, sie… sie musste noch was checken.“
„Noch was?“
„Eine Schleife. Für den Alarm. Es klang… wichtig.“
„Oder gefährlich“, murmelte Jonas.
Marek schnaubte. „Wichtiger als wir? Wenn sie fehlt, geh ich nicht rein.“
„Du gehst rein, wenn ich sage, dass du reingehst“, sagte ich.
Stille. Nur Regen und unser Atem.
Sofie kam fünf Minuten zu spät. Sie wirkte ruhig, zu ruhig. Die Kapuze hing wie ein schwarzer Rahmen um ihr Gesicht, Tropfen perlten über ihre Brille. Sie hob die Laptoptasche hoch. „Es läuft. Acht Minuten Fenster, sobald wir anfangen.“
„Und wenn du dich verrechnet hast?“ Marek stemmte sich mit beiden Händen gegen den Zaun, der leicht nachgab.
„Dann sind wir tot.“
Keiner lachte.
Ich zog den Bolzenschneider aus der Tasche. Die Kälte des Metalls biss in meine Finger. Ein Schnitt, zwei, und das Drahtgeflecht löste sich wie Papier. Wir krochen durch. Drinnen war die Welt sofort stiller, als hätte der Zaun nicht nur Metall getrennt, sondern auch Geräusche.
Die Fabrik ragte vor uns auf wie ein schlafendes Tier. Die Fenster spiegelten den Regen. Ein Licht flackerte im Inneren, ein technisches Aufbäumen oder etwas anderes – keiner fragte.
Wir erreichten die Schleuse. Viktor kramte die Karte heraus, seine Finger zitterten. „Die Kameras laufen auf Loop“, sagte Sofie. „Jetzt oder nie.“
Er schob die Karte durch. Ein grünes Licht flammte auf. „Code.“ Seine Stimme war heiser.
„Deiner“, sagte ich.
„809241“, murmelte er. Die Ziffern schienen an seiner Zunge zu kleben. Er tippte sie ein.
Die Schleuse brummte, ein Geräusch wie ein Atemzug. Die Tür öffnete sich.
„Du hast den Code aus dem Umschlag genommen“, sagte Jonas plötzlich. Seine Stimme war noch immer leise, aber diesmal schnitt sie durch die Stille.
Viktor sah ihn entgeistert an. „Was? Nein! Das ist… das ist der Code, den ich festgelegt habe. Ich schwöre es.“
„Er schwört“, murmelte Marek. „Wie praktisch.“
„Der Umschlag war eine Fälschung“, sagte ich scharf. „Ich habe ihn vernichtet. Viktor hat den echten Code.“
Aber während ich das sagte, glaubte ich es selbst nicht ganz. Viktor wirkte zu nervös, zu schwitzend, zu bereit, sich zu rechtfertigen.
„Wer auch immer den Zettel geschrieben hat“, fuhr Jonas fort, „er wusste es. Er wusste, dass 809241 funktioniert.“
„Vielleicht war es Zufall“, sagte Sofie, zu schnell.
„Oder“, sagte Marek und trat näher an Viktor heran, „einer von uns wollte testen, wie leicht wir uns reinlegen lassen.“
Viktor hob beide Hände. „Ich hab nichts—“ „Ruhe“, sagte ich. „Wir sind drin. Das reicht.“
Wir traten ein. Die Tür schloss sich hinter uns mit einem metallischen Klicken, das klang wie ein Urteil.
Drinnen war es kalt. Betonwände, die den Atem zurückwarfen. Flackerndes Neonlicht. Ein Geruch von altem Öl und Reinigungsmittel. Der Flur schien endlos. Links Türen, rechts Glas, das in die Schleifhalle führte. Man hörte die Maschinen nicht, aber man konnte sie fühlen – ein tiefes, vibrierendes Summen, das im Brustkorb saß.
„Verdammt“, flüsterte Marek. „Die laufen noch.“
„Nachtbetrieb“, sagte Viktor. „Manchmal lassen sie sie durchlaufen. Konstante Kühlung, besser für die Steine.“
„Und die Arbeiter?“ fragte Sofie.
„Keine Arbeiter“, sagte er. „Nur Maschinen.“
Jonas blieb stehen. Er sah durch die Glasscheibe. Im Neon flackerte eine Bewegung. Ein Schatten. Zu groß, um eine Ratte zu sein. Zu flüssig, um eine Maschine zu sein.
„Wir sind nicht allein“, sagte er.
Mein Herz schlug schneller.
Vielleicht war es die Wache. Vielleicht ein Arbeiter, der Überstunden machte. Vielleicht… jemand, der schon vor uns hier war.
Ich hob die Hand. „Plan bleibt“, sagte ich. „Wir halten zusammen. Keine Abkürzungen.“
„Und wenn der Schatten eine Abkürzung ist?“ fragte Jonas.
„Dann finden wir heraus, wohin er führt.“
Wir gingen weiter. Doch ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass der Schatten hinter der Glasscheibe nicht uns beobachtete, sondern schon wusste, welcher von uns als Erster fallen würde.
Die Tür zur Schleuse fiel hinter uns ins Schloss. Der Schlag hallte lange nach, tiefer als er sollte, als würde das Gebäude den Ton verschlucken und kauen. Ein Raum ohne Rückweg.
Der Flur war enger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Beton links, Glas rechts. Hinter dem Glas die Halle, voller grauer Kolosse: Maschinen, Tische, verwaiste Stühle. Das Licht kam von oben, Neonröhren, die im Rhythmus des Stroms zuckten. Manchmal war es hell, manchmal schoben wir uns durch ein blasses Dämmerlicht, das uns wie Scherenschnitte aussehen ließ.
Marek ging vorne, die Hände locker an den Taschen, aber jeder Muskel sprach vom Warten. Sofie hinter ihm, dicht, als wollte sie nicht den Anschluss verlieren. Viktor in der Mitte, den Kopf tief, die Schultern hochgezogen. Jonas… Jonas blieb knapp hinter mir. Immer so, dass ich ihn nicht sah, nur spürte.
„Es riecht nach Eisen“, murmelte Sofie.
„Das ist Blut“, sagte Marek, ohne sich umzudrehen.
Sie stolperte fast, blieb dann stehen. „Nein. Es ist…“ Sie brach ab. Niemand widersprach.
Das Brummen der Maschinen war nicht konstant. Mal spürte man es im Brustkorb, dann verstummte es wie ein Atemzug, der angehalten wird. Jedes Mal, wenn es verstummte, horchten wir auf unsere eigenen Geräusche: den Atem, das Schaben der Sohlen, das kleine Klicken von Viktors Schlüsselbund.
Einmal blieb Jonas abrupt stehen. „Licht.“
Wir alle folgten seinem Blick. Durch das Glas sah man die Reflexion einer Lampe. Ein kleiner Kreis Helligkeit bewegte sich, als würde jemand eine Taschenlampe führen. Ganz hinten in der Halle, zu weit weg, um klar zu erkennen.
„Wache?“ fragte Viktor, seine Stimme mehr Luft als Ton.
„Oder einer von uns war schneller“, sagte Marek.
„Wir sind zusammen hier rein“, zischte Sofie.
„Sind wir?“ Jonas’ Stimme war leise, aber sie schien den Flur auszufüllen.
Wir gingen weiter. Jeder Schritt länger, schwerer. Hinter der nächsten Ecke teilte sich der Gang. Rechts führte er tiefer in die Werkshallen, links in einen schmaleren Korridor, schwächer beleuchtet.
„Plan sagt rechts“, sagte ich.
„Links ist kürzer“, warf Viktor ein.
„Kürzer bedeutet Risiko“, sagte Sofie.
„Oder Sicherheit.“ Viktor fuhr sich über den Mund, als hätte er gerade etwas verraten.
