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Ein brutaler Überfall am Bodensee. Eine Spur, die mitten in Zürichs Unterwelt führt. Und ein Junge, der mehr weiß, als er ahnt. Kommissar Keller steht vor dem härtesten Fall seiner Karriere: Diamanten im Millionenwert sind verschwunden, doch hinter dem Raub steckt weit mehr als Habgier. Blutige Schatten ziehen sich durch die Stadt und Keller gerät in ein Spiel aus Macht, Verrat und tödlicher Loyalität. Während die skrupellose Sofie und der schweigsame Viktor ihre Netze enger ziehen, muss Keller nicht nur den Raub aufklären, sondern auch Jonas schützen einen Jungen, der vom Köder zur Schlüsselfigur wird. Die Jagd führt in den Hafen, in verlassene Schlepper und durch die Nächte Zürichs, bis zum finalen Showdown, bei dem es keine Sieger geben kann. Packend, atmosphärisch und voller psychologischer Spannung: Ein Thriller, der keine Antworten offenlässt und doch zeigt, dass die dunkelsten Schatten nie verschwinden.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1 – Nacht in Rorschach
Kapitel 2 – Der Überfall
Kapitel 3 – Keller tritt auf den Plan
Kapitel 4 – Erste Spuren zu Brenner
Kapitel 5 – Jonas in Panik
Kapitel 6 – Keller entdeckt Steiner als Zeugen
Kapitel 7 – Sofie trifft ihre Kontaktleute
Kapitel 8 – Keller verfolgt Spuren nach St.
Kapitel 9 – Jonas zwischen Angst und Loyalität
Kapitel 10 – Keller kommt der Bande über St.
Kapitel 11 – Sofie und Viktor planen den nächsten Schritt
Kapitel 12 – Keller analysiert die Muster und zieht die Linien zu Brenner
Kapitel 13 – Jonas gerät in Gefahr
Kapitel 14 – Keller verdichtet die Beweise und knüpft enger an Brenner an
Kapitel 15 – Sofie plant den Zug nach Zürich, Jonas am Rand des Zusammenbruchs
Kapitel 16 – Keller konfrontiert Brenner ein zweites Mal
Kapitel 17 – Sofie, Viktor und Jonas auf dem Weg nach Zürich
Kapitel 18 – Keller nimmt die Spur nach Zürich auf
Kapitel 19 – Sofie und Viktor treffen die Männer im Hotel
Kapitel 20 – Keller beobachtet das Treffen von außen
Kapitel 21 – Jonas denkt über Flucht nach
Kapitel 22 – Keller erfährt, dass Jonas die Schwachstelle ist
Kapitel 23 – Sofie spürt Kellers Nähe und zieht die Schlinge enger
Kapitel 24 – Keller beschließt, Jonas aus der Falle zu lösen
Kapitel 25 – Jonas erkennt Sofies Plan und seine Rolle darin
Kapitel 26 – Keller stellt eine Falle, um Jonas zu erreichen
Kapitel 27 – Sofie ahnt die Falle und verändert den Plan
Kapitel 28 – Keller bemerkt die Verschiebung und muss improvisieren
Kapitel 29 – Die Fahrt zum Hafen, Jonas zwischen Hoffnung und Panik
Kapitel 30 – Keller folgt ihnen zum Hafen und bereitet den Zugriff vor
Kapitel 31 – Am Hafen: Sofie bereitet die Übergabe vor
Kapitel 32 – Konfrontation: Keller und Sofie am Hafen
Kapitel 33 – Gewalt bricht los am Hafen
Kapitel 34 – Flucht durch den Hafen, Sofie setzt nach
Kapitel 35 – Im Wasser: Flucht oder Untergang
Kapitel 36 – Keller und Jonas im Boot, Sofie drängt zur letzten Jagd
Kapitel 37 – Die letzte Jagd durch den Hafen beginnt
Kapitel 38 – Die Verfolgung im Hafenbecken
Kapitel 39 – Im Schlepper: Eingekesselt
Kapitel 40 – Keller gegen Viktor, Sofie zieht die Fäden
Kapitel 41 – Entscheidungsmoment: Jonas greift ein
Kapitel 42 – Viktor fällt, Sofie bleibt
Kapitel 43 – Showdown zwischen Keller und Sofie
Kapitel 44 – Der letzte Kampf
Kapitel 45 – Nachspiel: Keller und Jonas finden einen Ausweg
Kapitel 46 – Morgen in Zürich
Kapitel 47 – Jonas erwacht
Kapitel 48 – Verhör und Wahrheit
Kapitel 49 – Jonas und Keller, ein leiser Dialog
Kapitel 50 – Abschlussbericht Keller
Kapitel 51 – Epilog Jonas
Der See lag wie schwarzes Metall. Glatt, reglos, als hätte jemand vergessen, ihm Wellen einzuschalten. Das Licht der Laternen versank darin, stumpf und ohne einen einzigen Funken. Nebel hing zwischen den Häusern, ein graues Tuch, das Geräusche schluckte und den Hafen zu einer Skizze aus Schatten machte.
Unter dem Vordach eines geschlossenen Souvenirladens stand ein Mann. Sein Mantel war alt, nicht schäbig, nur alt auf diese Art, die verrät, dass jemand Dinge reparieren lässt, statt sie zu ersetzen. Die Zigarette zwischen seinen Fingern war längst erloschen, aber der Tabakgeschmack blieb, als sei Erinnerung ein eigener Sinn. Er hieß Steiner. Er war nicht hier, um zu handeln. Er war hier, um zu sehen.
Sein Blick klebte an dem Haus, dessen Fassade heller war als die übrigen am Platz. Juwelier Brenner. Tagsüber lagen dort Versprechen hinter Glas: Kreise aus Gold, die Ewigkeit versprachen; Steine, die vorgaben, Festigkeit ins Fließende zu bringen. Jetzt war das Schaufenster blind. Nur oben brannte Licht. Ein Fenster, der Vorhang nicht ganz zugezogen, die Bewegung dahinter zu ruhig, um Zufall zu sein.
Schritte näherten sich, gedämpft vom Nebel, und plötzlich formte die Gasse Menschen. Vier. Der Erste war Marek, breitschultrig, zu laut schon in der Art, wie seine Schritte das Pflaster bearbeiteten. Neben ihm ging Sofie, schmal, präzise wie eine Klinge, jede Geste auf ein Ziel hin gespannt. Jonas folgte dicht hinter ihr, zu jung für diesen Ort; seine Unsicherheit stand sichtbar in der Luft, in dem zu schnellen Atem, der zu hell klang. Am Ende hielt sich Viktor, schweigend, die Bewegungen kontrolliert wie die eines Mannes, der mit wenig mehr Wirkung erzielte als andere mit Lärm.
Sie strichen an Steiner vorbei, ohne ihn wahrzunehmen; ihre Aufmerksamkeit war ein Kegel, der nur nach vorn reichte. Im Hof hinter dem Juwelierhaus blieb die Gruppe stehen. Sofie zog Handschuhe über, dunkles Material, das kein Licht verriet. Sie tastete das Schloss, schnippte zweimal dagegen, wie man an ein Glas klopft, um die Stimmung zu prüfen, beugte sich tiefer, und die Tür gab nach. Der Nebel legte sich über die kleine Bewegung, als wolle er sie für sich behalten.
Steiner wechselte das Gewicht, langsam, vom rechten Fuß auf den linken. Es gab Nächte, in denen Rollen von selbst zu den Leuten kamen. Er wusste, dass seine heute die des Zeugen war. Die Zigarette roch nach Kälte. Er schrieb nichts; er strich nur mit dem Daumen an der Kante seines Notizbuchs entlang, als wolle er sicher sein, dass wenigstens dieses Stück Welt die Form behielt.
Oben bewegte sich der Vorhang. Nur ein Fingerbreit, kaum mehr als eine Geste. Dahinter stand jemand. Keine Hast, keine Angst. Eine Gestalt, die den Raum kannte, als hätte sie ihn selbst entworfen. Brenner, dachte Steiner, ohne dass der Mann sich zeigen musste. Es war in der Ruhe, im Winkel der Schulter, im Schatten, der nicht flackerte. Ein Mann, der nicht überrascht wurde, sondern abwartete, bis andere seinen Plan zu Ende spielten.
Drinnen roch es, obwohl Steiner es nicht sehen konnte, nach Metall, nach kaltem Staub und nach dem öligen Atem einer Maschine, die zu lange auf ihren Auftritt gewartet hatte. Er stellte sich die Vitrinen vor wie schlafende Fische in einem Becken, zu schwer für das wenige Licht, das an ihnen entlangglitt. Sofies Lampe würde kein hartes Kegellicht werfen, sondern einen gedämpften Kreis, der nicht suchte, sondern wusste. Marek trüge den Lärm in den Schultern, Jonas die Angst in der Kehle, und Viktor wäre die Lücke, durch die Befehle glitten, Schüsse, Enden.
Am Markt schlug es die halbe Stunde. Der Klang war stumpf, als sei auch das Geläut im Nebel feucht geworden. Aus der Ferne kam Sirenengesang, erst falsch, aus Richtung Bahnhof, dann näher, aber immer, als hätte die Nacht ihm einen Schal umgebunden. Steiner legte die Hand an den Putz, fühlte die kalte, körnige Haut der Wand. Er mochte Häuser, die etwas wussten. Sie verrieten es nicht gern, aber sie sprachen mit den Fingerspitzen.
Die Stadt hielt den Atem an. Draußen die leeren Bögen der Arkaden, drinnen ein Klick, das einer Tür gehören konnte oder dem Nerv im Abzugsfinger eines Mannes, der sich zu früh stark fühlte. Eine Frau ging auf dem Trottoir an ihm vorbei, Tüte vom Bäcker in der Hand, als sei Nacht nur eine verlängerte Form des Morgens. Sie sah ihn nicht; er stand in der Nische dieser Stadt, an der Kante des Sichtbaren, dort, wo man existierte, ohne genommen zu werden.
Ein Lichtkegel glitt über die Hofmauer, nicht grell, eher wie ein Atemzug. Oben im Fenster wurde es plötzlich dunkel. Das war keine Botschaft, nur ein Entschluss, nicht gesehen zu werden. Steiner schloss die Augen, um den Drang zu dämpfen, Bedeutungen hineinzuwerfen wie Steine in Wasser. Er wusste, wie trügerisch Geräusche wurden, sobald man sie zu Sätzen machte.
„Nicht heute“, murmelte er, ohne zu wissen, wen er damit meinte, die Täter oder das Schicksal. Die Nacht lachte nicht. Nächte erklärten sich nie; sie taten.
Aus Richtung Ufer veränderte sich die Luft. Schritte, die Seile kannten, Metall, das an Holz strich. Ein Husten. Noch jemand beobachtete, dort, wo Kisten übereinanderstapelten wie unfertige Gedanken. Nicht Polizei. Ein zweites Auge, ein anderer Zweck. Für einen Herzschlag fühlte Steiner Respekt für die Hand, die die Linien dieses Abends so gezogen hatte, dass sie sich hier, an diesem Punkt, kreuzten.
Ein Splitterregen fiel, leise, als hätte jemand Papier gerissen. Keine Vitrine brach laut; sie ergab sich. Kurz darauf ein schweres, dumpfes Knacken, das Keller später einen Schuss nennen würde, und ein weiteres, das Antwort war. Der Nebel fraß die Echos. Der Ton der Sirene glitt näher und stoppte, als reiße jemand ihn aus der Luft.
Steiner trat einen halben Schritt vor, so, dass der Winkel der Seitentür zwischen ihm und dem Hof lag. In seinem Blickfeld lag der Schatten eines schmalen Körpers an der Schwelle. Eine Hand hielt sich an Holz fest, wie an einem Geländer über schwarzem Wasser. Jonas. Er war da und wollte nicht da sein, und diese beiden Wahrheiten standen ihm gleichzeitig im Gesicht.
„Langsam atmen“, sagte jemand drin. Keine Befehlsstimme. Eine Hand, die zu sprechen schien. Sofie. Das Geräusch ihrer Werkzeuge war präzise, ein gedämpftes, metallisches Sprechen, das mehr beruhigte als verlangte. Marek antwortete mit einem Laut, der behauptete, er sei ein Flüstern, und dabei lauter war als jeder Ruf. Es roch plötzlich süßlich in der Luft, als hätte der Raum eine Wunde aufgemacht.
Von der Uferstraße kam die Sprache der Einsatzkräfte: kurze Silben, die man nicht lernen konnte, ohne zu wissen, was zwischen Silben passierte. Die ersten Schritte der Uniformierten klangen anders als die der Nachtmenschen; sie hatten das Gewicht von Protokollen unter den Sohlen. Drinnen zog sich alles zusammen, nicht panisch, nur endgültig. Manche Entscheidungen sind Geräusche, die man erkennt, bevor man Worte dafür hat.
Steiner sah erneut zum Fenster. Nichts. Das Nichts war nicht leer; es war gefüllt mit Absicht. Er steckte die Zigarette zwischen die Lippen, zündete sie nicht an, schmeckte trotzdem Rauch. Er dachte an den Morgen, an Brot und an kleine Münzen, die richtig klangen, wenn man sie hinlegte. Er dachte an Ketten, die verkauft wurden, und an das Geld, mit dem sie bezahlt waren. Rorschach liebte seine Ironien leise.
„Polizei, Hände sichtbar!“ Der Ruf kam vorn, hell, entschieden. Drinnen schabte ein Schuh über Linoleum. Ein Schuss, diesmal deutlich, und gleich darauf die falsche Stille, die entsteht, wenn alle gleichzeitig überlegen, ob sie leben. Die Luft verschob sich in Steinbreite. Ein Licht tanzte an einer Wand, kappte, verschwand.
Der Hof atmete. Nebel schob und zog an Kanten und Ecken. Schatten lösten sich und wurden wieder fest. Dann trat die Gruppe ins Freie. Vier waren hineingegangen. Drei kamen zurück. Marek fehlte. Für einen Augenblick war da nur das Geräusch nasser Sohlen auf Stein. Sofie drückte Jonas mit einem einzigen, kurzen Griff in die richtige Richtung. Viktor bewegte sich so, dass sein Schatten später nicht zu finden sein würde. Sie liefen nicht, sie entschlossen sich fortzusein.
„Halt! Polizei!“ jetzt nah, mit der Schärfe eines Befehls, der Erfolg gewohnt ist. Ein Mündungsblitz schlug kurz an die Hofwand, beleidigt klein, und prallte an Metall. Eine Stimme brach ab, irgendwo hinter der Ecke. Jemand fiel, vielleicht nur in Deckung. Der Nebel nahm auch das an sich, als gehöre es zu ihm.
Sie bogen nach links, verschwanden, und doch blieb ihre Bewegung sichtbar in der Luft, ein Strömungsriss, den Steiner noch spürte, als nichts mehr da war. Am Rand seines Blicks glitt ein anderer Mann aus dem Schatten der Kisten – Anzug, kein Helm –, hob kurz das Kinn, als bestätige er etwas, was nur er verstanden hatte, und trat zurück, dorthin, wo der Nebel ihn liebte. Vermutlich hatte er auf etwas gewartet, das jetzt seinen Ort gefunden hatte.
Steiner trat unter das Vordach zurück. Der Regen hatte nachgelassen, aber die Nässe blieb, als werde die Stadt von innen feucht gehalten. Er holte das Notizbuch hervor und schrieb: 23:05 – Licht oben. Vier Schatten. Tür. 23:36 – Schüsse. Drei gehen. Einer bleibt. Hafengeruch in der Gasse, Motor fern. Er mochte knappe Zeilen; sie ließen Platz für das, was später noch kommen musste.
Er hob den Blick und sah die Stadt beim Denken. Fenster, die so taten, als wären sie dunkel. Gardinen, die unmerklich atmeten. Dachrinnen, die das wenige Wasser mit einer Genauigkeit sammelten, die nur sinnvoll war, wenn man an Ordnung glaubte. Rorschach war klein genug, um alles zu wissen, und groß genug, um zu schweigen.
Am Kai, dorthin, wo die Planken unter Schritten antworten, würgte ein Motor, fand Takt, wurde leise. Das war kein Fischer. Das war einer, der wusste, wie man unauffällig auffällig ist. Der See nahm ihn auf, verschluckte ihn, ließ nur eine kleine, helle Schramme auf der Fläche, die sofort wieder verging. Steiner hörte, mit dem Rücken zur Wand, die Richtung. Mitte, dachte er. Erst Mitte, dann rüber. Namen später.
Er spürte, ohne sich zu bewegen, die Augen im oberen Stock. Nicht mehr am Fenster, sondern im Haus; eine Aufmerksamkeit, die durch Wände sehen konnte. Brenners Hände waren wahrscheinlich ruhig. Wenn Männer wie er zitterten, tat es nie die Hand. Es war der Atem.
Ein junger Beamter hastete an ihm vorbei, rote Ohren, zu große Jacke, das Funkgerät wie eine fremde Zunge an der Schulter. Er sah Steiner zweimal und vergaß ihn zwischen den Blicken. Die Absperrbänder rasselten nicht; die Luft war zu schwer dafür. Drinnen begannen Leute, die mehr Geduld besaßen als andere, die Nacht in kleine, nummerierte Tüten zu zerlegen.
Steiner lächelte nicht. Er mochte keine Nächte, die von selbst Erklärungen suchten. Er mochte Nächte, die taten, was sie vorhatten, und die am Morgen etwas übrigließen, das man in die Hand nehmen konnte. Heute würde etwas übrigbleiben. Papier vielleicht. Oder ein Name, der endlich passte.
Er trat aus der Nische, setzte den Fuß auf einen Pflasterstein, der gern verriet, wenn jemand es eilig hatte, und hörte in der Ferne ein zweites Boot, schneller, dunkler, geübter. Vielleicht war es nur das Echo seiner Gedanken. Vielleicht war es der Rest eines Plans, der noch nicht fertig war.
Er steckte die Zigarette zurück in die Schachtel. Der Geschmack hielt sich, wie manche Wahrheiten, die niemand ausgesprochen hatte. Der See lag schwarz und glatt, als hätte er die Stadt eben erst aus sich gehoben. Der Nebel roch nach Metall und kaltem Holz. Und Rorschach, das nachts selten laut war, war in dieser Stunde so wach, dass selbst die Stille Gewicht hatte.
Steiner ging los, zwei Schritte in die Richtung, die alle jetzt nehmen würden, ob sie wollten oder nicht. Hinter ihm blieb das helle Haus, oben ein Zimmer, in dem man sich unsichtbar machen konnte, wenn man die richtigen Vorhänge besaß. Vor ihm lag der Hafen, der immer so tat, als sei er Durchgang und nicht Ziel. Er dachte an Schlüssel, die Menschen ins Wasser werfen, wenn sie Dinge loswerden wollen. Das meiste sinkt. Manches schwimmt zu lange.
Als er den Rand der Planken erreichte, kratzte irgendwo ein Haken über nasses Holz. Der Ton war klein, aber er machte etwas in ihm aufmerksam. Er blieb stehen, ließ die Hände in den Taschen, so, als sei Stehenbleiben eine Gewohnheit. Er sah nicht auf die Uhr. Er kannte die Zeit, ohne zu schauen. Er kannte die Stadt in ihrem Atem, in ihren Pausen.
Eine davon war jetzt. Und sie war nur die erste.
Der Regen hatte nachgelassen, doch die Steine des Hofs glänzten noch, als hielten sie eine Erinnerung fest. Die vier standen dicht beisammen, Schultern zuckten, Atem dampfte. Marek kaute auf seiner Unterlippe, als müsse er seinen Hunger zügeln. Jonas fröstelte, das Kinn in der Brust vergraben. Sofie zog die Handschuhe fester über ihre Finger, und neben ihr stand Viktor, still, unbeweglich, als sei er nur zufällig hier.
Jonas spürte den Druck in der Brust. Jeder Atemzug schien zu laut. Er wusste, dass er hier nicht sein wollte. Und doch war er da. Sofie hatte es ihm einfach gesagt, in ihrer ruhigen, kalten Art: „Du gehörst dazu.“ Und Jonas hatte gehorcht, weil ihre Stimme keinen Widerspruch zuließ.
„Aufmachen“, zischte Marek, stemmte die Schulter gegen die Tür, als wolle er sie mit Gewalt überreden.
„Leise.“ Sofies Stimme war kaum mehr als Luft. Sie kniete sich nieder, zog das Werkzeug hervor, Metall auf Metall, ein kratzender Laut, der Jonas durch den Rücken fuhr.
Der Nebel machte das Warten schwer. Er war so dicht, dass Jonas meinte, die ganze Stadt lausche, jeder Ziegelstein, jede Fensterfuge. Dann ein Klicken, kaum hörbar, und die Tür gab nach.
Marek drängte sich als Erster hinein, wuchtig, als sei die Dunkelheit nur für ihn geöffnet worden. Sofie glitt hinterher, Viktor folgte wie ein Schatten. Jonas blieb kurz an der Schwelle stehen, das Herz zu laut. Eine Hand am Ellbogen, kalt und leicht zugleich, und Viktor schob ihn weiter.
Drinnen roch es nach altem Metall und nach Staub, der sich in den Ritzen der Jahre gesammelt hatte. Die Wände wirkten enger als draußen, der Flur zu niedrig für vier Menschen, die mehr Absichten als Platz hatten. Mareks Atem füllte die Enge, schwer und ungeduldig.
Im Verkaufsraum glänzten die Vitrinen im Dunkeln, doch sie waren leer. Glasflächen, die nichts hielten, außer den Rest eines vergangenen Glanzes. Jonas stockte der Atem. „Zu spät“, dachte er, während sein Blick hilfesuchend zu Sofie glitt. Doch sie kniete bereits am Boden, klopfte mit den Fingerspitzen auf die Dielen, als lausche sie auf einen verborgenen Ton.
„Hier.“ Nur dieses Wort.
Viktor ließ sich neben ihr nieder, zog einen Schraubenzieher. Die Bretter gaben nach, langsam, Stück für Stück, bis ein kleiner Tresor erschien. Alt, aber fest, mit einem Schloss, das Geschichten kannte.
„Mach auf“, flüsterte Sofie.
Von draußen wehte ein Sirenengeheul heran. Erst fern, dann näher. Jonas’ Magen zog sich zusammen, als hätte jemand einen Knoten hineingedrückt. „Wir müssen weg!“, stieß er hervor.
Sofies Blick schnitt ihn ab. „Noch nicht.“
Viktor arbeitete. Präzise, ohne Hast, ohne Lärm. Das Metall winselte leise unter seinem Werkzeug, als beschwere es sich über den Verrat. Marek stand an der Tür, die Pistole in der Hand, drehte sie spielerisch, als langweile ihn das Warten.
Dann gab der Tresor nach. Ein leises, beleidigtes Klicken, und Viktor hob den Deckel. Kalter Metallgeruch entwich, vermischt mit dem trockenen Atem von Papier.
Kein Schmuck. Nur Umschläge, ordentlich gebündelt, Zahlen, Daten, Abkürzungen, die wie Kryptogramme wirkten. Dazwischen ein kleiner lederner Notizblock, die Ecken glattgerieben, als hätte jemand jahrelang seinen Daumen darüber geführt.
