Du siehst mich nicht - Patrick Hofstetter - E-Book

Du siehst mich nicht E-Book

Patrick Hofstetter

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Beschreibung

Unsichtbar für die Welt, doch tödlich in seinen Spuren: Charles Lesson hinterlässt Origami-Kraniche und rätselhafte Botschaften an jedem Tatort. Kommissar Brandt jagt einen Täter, der mehr ist als ein Schatten, ein Mann, der endlich gesehen werden will. Doch je näher Brandt ihm kommt, desto deutlicher wird: Hier geht es nicht nur um Morde, sondern um eine Wahrheit, die im Dunkeln verborgen liegt. Ein packender Psychothriller über Sichtbarkeit, Obsession und das Spiel mit Identitäten.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Nikita, Kateryna und Liliane

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Der Schatten unter den Schatten

Kapitel 2 – Der zweite Blick

Kapitel 3 – Nadine und der Rand des Bildes

Kapitel 4 – Das Archiv

Kapitel 5 – Das Echo

Zwischenspiel – Aktennotiz (intern, zensiert)

Kapitel 6 – Die Uhr

Kapitel 7 – Nadines Geheimnis

Kapitel 8 – Brandts Vergangenheit

Kapitel 9 – Die Akte Mara

Kapitel 10 – Die Hand am Seil

Kapitel 11 – Generalprobe

Kapitel 12 – Der unsichtbare Applaus

Kapitel 13 – Die Nacht davor

Kapitel 14 – Die Premiere

Kapitel 15 – Nachhall

Kapitel 16 – Die Wäscherei

Kapitel 17 – Verfolgung

Kapitel 18 – Die Einladung

Kapitel 19 – Der Vorhang

Kapitel 20 – Akt III

Kapitel 21 – Der Nachhall

Kapitel 22 – Die Stunde der Toten

Kapitel 23 – Das Zerbrechen der Bühne

Kapitel 24 – Zwischenspiel

Kapitel 25 – Die Rollenverteilung

Kapitel 26 – Der Zusammenbruch

Kapitel 27 – Akt V

Kapitel 28 – Das letzte Theater

Epilog – Der Vorhang unter den Augen

Nachspiel – Erste Probe der Stadt

Kapitel 1 – Der Schatten unter den Schatten

Die Stimme des Kommissars war wie warmes Wasser, das über kalten Stein rinnt – weich, fast tröstlich, und doch mit jener unnachgiebigen Beharrlichkeit, die selbst Felsen aushöhlt. Doch Trost hatte hier keinen Platz. Die Lampe brannte mit chirurgischer Härte über Charles Lesson, Licht, das nichts verzieh, nichts verschwieg. Es gab keinen Schatten mehr, in dem man verschwinden konnte. Der Geruch des Raumes war kalter Rauch, abgestandener Schweiß, rostiges Metall – Erinnerung an Angst, die in den Wänden klebte. Über allem lag das gleichmäßige, unerbittliche Ticken der Uhr.

Charles blinzelte nicht. Er sah den Kommissar an, ruhig, fast gelassen.

„Damit ihr mich endlich seht.“

Ein Satz wie ein Riss im Glas. Danach Stille. Dicht, greifbar, bedrückend. Endlich horchen sie.

Endlich sind die Augen auf mir gerichtet. Kein Papier, kein Formular, kein Achselzucken. Ich bin kein Geräusch im Hintergrund. Ich bin das Zentrum. Ich atme – und sie hören es. „Oder dachtet ihr, ich wäre nie da gewesen?“ Der Kommissar zuckte kaum merklich. Er erinnerte sich. Nicht an Charles vielleicht, aber an die Spur. Den Satz. Den Kranich.

Ein halbes Jahr zuvor war Charles Lesson ein Mann ohne Gewicht. Man sah ihn, man vergaß ihn, ein Schatten im Schatten. Auf Betriebsfeiern aß er Kartoffelsalat, schweigend, allein. Beim Weihnachtsfest trank er Apfelsaft und verschwand, bevor der Nachtisch kam. Niemand bemerkte, dass er ging. Niemand fragte, warum. Sein Leben war geordnet, steril: Betonwohnung am Stadtrand, Möbel wie aus Katalogen, alles an seinem Platz. Keine Bilder, keine Stimmen, kein Lachen. Nur Funktion. Doch Ordnung ist kein Schutz. Ordnung ist eine Decke. Unter Decken wächst Schimmel. Unter glatten Flächen fault es am tiefsten.

Es begann mit Gedanken. Dann Bilder. Dann Pläne. Nicht aus Hass, sondern aus Abwesenheit. Wenn niemand dich sieht, musst du eine Spur brennen, die sie zwingt, hinzusehen. Nicht, weil du schreien willst – sondern weil Schweigen dich längst verschlungen hat.

Februar, Schnee fiel wie Asche. Die Welt war lautlos, als hätte sie sich selbst erstickt. Der Dozent war kein Feind, kein „Verdienter“. Nur greifbar. Seine Wohnung war aufgeräumt: Bücher, Teekessel, Stille. Ein Leben ohne Drama. Ein Leben, das niemand vermissen würde. So wie meines. Charles erinnerte sich an das Messer in seiner Hand. Keine Aufregung, keine Hast, nur dieser Gedanke: Jetzt bin ich wirklich hier. Der Schlag war schnell. Kein Geschrei. Keine heroische Abwehr. Nur ein Körper, der sackte, Augen, die starrten, als hätten sie nie begriffen, was geschah.

Die Wand vor ihm füllte sich mit einem Satz: „Du siehst mich nicht, aber ich bin da.“ Ruhige Schrift, kein Zittern, fast wie eine Unterschrift.

Auf dem Fenstersims ein Origami-Kranich, weiß, präzise, vollkommen. Ich habe existiert. Wenigstens für diesen Raum. Wenigstens für diesen Augenblick. Das ist genug, um zu beginnen. In seinem Notizbuch stand später nur ein Wort: „Begonnen.“

„Sind Sie der Kurator?“ Die Stimme des Kommissars war nun kalt, stählern, wie eine Klinge, die ansetzt. Charles hob den Kopf. In seinen Augen glomm etwas Dunkles. „Bin ich das?“ flüsterte er. „Oder war ich nur derjenige, der den Vorhang gelüftet hat?“ Kurator. Schönes Wort. Ich bewahre nicht Leben auf, sondern Spuren. Jeder Kranich, jedes Wort an der Wand ist ein Stück meiner Wahrheit. Ich katalogisiere meine Unsichtbarkeit. Und plötzlich geben sie mir einen Namen. Ein Titel. Sie adeln mich, ohne es zu wollen.

Ein Klopfen an der Scheibe. Der Kommissar verließ den Raum, seine Schultern schwer, als trüge er mehr als nur den Fall. Charles blieb allein. Die Uhr tickte, seine Hände reglos. Dann ein Zucken seiner Mundwinkel, ein halbes Lächeln. Das hier ist kein Ende. Es ist das erste Mal, dass sie mich sehen. Und wer gesehen wird, der lebt.

Kapitel 2 – Der zweite Blick

Der Regen fiel seit Stunden, unaufhörlich, als wolle er die Stadt unter einer Decke aus Wasser ersticken. Straßenlaternen warfen fahle Lichtkegel in die Dunkelheit, die im nassen Asphalt gebrochen wurden und sich zu gespenstischen Spiegelbildern verzerrten. Aus den Gullydeckeln stieg Dampf, als atme die Erde selbst mühsam unter der Last dieser Nacht.

Kommissar Brandt zog den Kragen seines durchnässten Mantels höher. Er stand vor dem Eingangsportal eines Altbaus, der schon bessere Tage gesehen hatte. Risse zogen sich durch den Putz, der Regen tropfte gleichmäßig aus einer verstopften Rinne und klatschte in rhythmischem Takt auf das Kopfsteinpflaster.

Neben ihm stand eine junge Beamtin, die sichtlich fror und nervös die Hände in den Taschen vergrub.

„Dritte Etage“, sagte sie. Ihre Stimme hallte leicht zwischen den Mauern des Hofes wider.

„Nachbarn haben die Tür eingeschlagen, weil die Frau nicht zur Arbeit erschien. Wieder keine Spuren von Gewalt an der Wohnungstür. Alles sauber. Zu sauber.“ Brandt nickte, ohne sie anzusehen. Er wusste, was ihn erwartete: ein Tatort, der wie eine Inszenierung wirkte. Kein Chaos, keine Unordnung, sondern ein Bühnenbild.

Die Treppen knarrten unter seinen Schritten. Der Geruch änderte sich, je höher sie stiegen – erst feucht und muffig, dann plötzlich metallisch.

Nicht nach Verwesung, noch nicht, aber nach etwas anderem. Eisen. Blut. Die Wohnungstür stand offen, provisorisch von einem Streifen Polizeiband gesichert. Zwei Uniformierte traten zur Seite, als Brandt und seine Kollegin eintraten.

Die Wohnung wirkte auf den ersten Blick normal: Wohnzimmer mit Sofa, Bücherregal, eine kleine Küchenzeile. An den Wänden Zeichnungen – bunte Strichmännchen, Häuser mit roten Dächern, lachende Sonnen.

Schülerarbeiten, mit Tesafilm aufgehängt. Der Fernseher lief lautlos, auf dem Bildschirm hüpften Cartoonfiguren durch eine grelle Fantasiewelt. Doch diese grellen Farben machten die Szene nur grausamer. Auf dem Sofa saß die Frau. Dreißig, vielleicht fünfunddreißig.

Brille, schulterlanges Haar, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet, als hätte sie auf jemanden gewartet. Ihre Augen standen weit offen, der Blick fixierte die Wand über dem Fernseher.

Brandt trat näher. Das Blut an der Wand war dunkel, fast schwarz im schummrigen Licht.

Worte, langsam, beinahe kalligrafisch aufgetragen: „Du hörst mich nicht, aber ich spreche.“ Darunter, auf dem Fenstersims, stand ein schwarzer Kranich. Das Papier glänzte, scharf gefaltet, makellos. Einen Moment lang hörte Brandt nichts außer dem Tropfen des Regens gegen das Fenster. Kein Atmen, kein Rascheln.

Nur dieses Wort im Raum. „Spreche.“

„Warum schwarz?“ murmelte er schließlich. Die junge Beamtin zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht ein Fortschritt? Ein Muster?“ Brandt antwortete nicht sofort. Er trat dichter an den Kranich heran, betrachtete die Kanten, die Präzision. Ein Stück Papier, aber es wirkte, als hätte es Gewicht, Bedeutung. Wie eine Visitenkarte. Er richtete sich auf und starrte die Wand an. „Er steigert sich. Das erste Opfer: ‚Sehen‘. Jetzt: ‚Hören‘. Er baut eine Sprache. Eine Kette. Und wir laufen hinterher, ohne die Grammatik zu verstehen.“ Er drehte sich zur Frau um. Sie wirkte friedlich, fast so, als schlafe sie. Nur die geöffneten Augen zerstörten jede Illusion.

„Was wissen wir über sie?“ fragte er.

„Grundschullehrerin. Beliebt. Keine Feinde, keine Schulden, kein auffälliges Umfeld. Eltern verstorben, keine Geschwister. Sie war allein.“

Brandt schnaubte. „Natürlich war sie das.“

Er wandte sich ab, trat ans Fenster. Draußen spiegelte der Regen die Lichter der Straße, verwischte Konturen, machte alles formlos. Und in diesem verzerrten Spiegelbild glaubte er für einen Moment, ein anderes Gesicht zu sehen.

Nicht das der Frau. Nicht sein eigenes. Ein anderes. Schattenhaft. Beobachtend. Er blinzelte. Es war fort.

Zur gleichen Zeit saß Charles Lesson in seiner Wohnung. Das Licht war aus, nur die schwache Glut einer Zigarette flackerte im Dunkeln. Er rauchte selten, aber heute musste er etwas in den Fingern haben, das langsam verging. Auf dem Tisch lag das Notizbuch. Er schlug es auf und schrieb mit fester Hand ein einziges Wort: „Gesehen.“ Sie lesen mich jetzt, Zeile für Zeile, Blut für Blut. Sie lernen, meine Sprache zu verstehen. Heute hören sie mich. Morgen werden sie mich fühlen. Bald wird niemand mehr behaupten können, ich sei unsichtbar. Er lehnte sich zurück, lauschte der Stille. Doch es war keine reine Stille. Da war etwas anderes. Ein Sog. Ein Blick, der durch die Dunkelheit kroch.

Jemand sieht mich, dachte er. Nicht die Polizei. Nicht Brandt. Jemand anderes. Einer, der nicht schläft. Einer, der näher steht, als er sollte.

Charles drehte den Kopf. Nichts als Dunkelheit. Doch die Kälte in seinem Nacken verriet ihm, dass er nicht allein war.

Später, als Brandt die Wohnung verließ, hing der Regen noch immer wie ein grauer Vorhang über der Stadt. Die Sirenen der Streifenwagen blinkten im Hof, blau und rot, wie Herzschläge einer Maschine. „Chef?“ fragte die Beamtin vorsichtig. „Was glauben Sie – wie lange noch, bis er einen Fehler macht?“ Brandt blieb stehen, sah zum dritten Stock hinauf, wo hinter den Vorhängen die tote Frau noch auf ihrem Sofa saß. „Vielleicht“, sagte er leise, „ist das hier kein Spiel, das auf Fehler hinausläuft. Vielleicht ist es ein Spiel, das nur er gewinnen kann.“

Er drehte sich um und stieg in den Wagen. In seinem Kopf tickte es. Nicht die Uhr. Nicht die Sirenen. Sondern etwas Tieferes. Die Sprache des Killers.

Kapitel 3 – Nadine und der Rand des Bildes

Die Firma roch morgens nach Toner, Pappbechern und dem bemühten Optimismus frisch gereinigter Teppiche. Das Licht der Leuchtstoffröhren lag flach auf den Schreibtischflächen, ließ jede Spur von Müdigkeit wie feine Körnigkeit auf Gesichtern und Akten sitzen. Im Großraumbüro summten Monitore, eine unsichtbare Klimaanlage ließ die Luft leise zittern. Menschen tippten, räusperten sich, hoben kaum den Blick. Die Geräusche eines Ortes, der vorgab, zu leben.

Charles saß an seinem Platz, links die anonymen Schließfächer, rechts die Glaswand zum Flur. Sein Bildschirm spiegelte ihn nur undeutlich: ein Gesicht, das kein Gesicht sein wollte. Zwischen „Bewerberakte_Meyer_final.pdf“ und „Urlaubsplanung_Q3.xlsx“ lag sein Notizbuch, unscheinbar, geschlossen, als wäre es nur Papier, nicht Gedächtnis. Er legte die Hand darauf, als müsse er prüfen, ob die Worte darin noch warm waren. Nicht reden. Atmen. Verschwinden. Wer nicht gesehen wird, wird nicht gefragt. Wer nicht gefragt wird, bleibt unberührt.

„Charles?“ Er hob den Kopf. Nadine stand am Rand seines Schreibtisches. Ihre dunklen Haare fielen ihr offen über die Schultern, Tropfen von draußen hatten sie leicht schwer gemacht. Sie trug kein Parfum, oder ein so leises, dass es eher eine Erinnerung war – etwas Citrus, etwas Metallisches, wie frisch aufgeschnittener Apfel.

„Der Kopierer klemmt.“ Sie lächelte nicht. Sie sah.

„Ich komme gleich“, sagte er. Sie ging bereits voraus, ohne sich zu vergewissern, ob er folgte.

Der Flur war leer, nur ab und zu streifte ein Schatten vorbei, jemand mit einem Kaffee, jemand mit einer Mappe, niemand mit einem Blick. Am Ende stand der große Multifunktionsdrucker wie ein Tier mit warmem Bauch, das regelmäßig gefüttert werden wollte.

„Es frisst meine Gehaltsabrechnungen“, sagte Nadine und legte die flache Hand auf die Seitenklappe. „Ich habe mir schon die Finger aufgeschlitzt.“ Charles beugte sich, öffnete die Wartungstür. Der Geruch von heißem Kunststoff schlug ihm entgegen. Er löste eine verklemmte Seite, vorsichtig, ohne sie zu zerreißen. Ein feiner Schnitt an seinem Zeigefinger, eine Perle Blut, dunkel, rund. Er wischte sie unauffällig an seiner Hose ab.

„Du blutest“, sagte Nadine, als hätte sie ihm dabei zugesehen, in Zeitlupe. Sie reichte ihm ein Taschentuch. Er nahm es. Es war weich, riechend nach irgendeinem Waschmittel, das Erinnerungen weckte, die er nicht benennen konnte. „Danke.“ Sie stand nah genug, dass er die kleinen, kaum sichtbaren Härchen an ihrem Kiefer sehen konnte. Ihre Pupillen waren weit, nicht aus Angst. Aus Aufmerksamkeit. „Du bist anders heute“, sagte sie.

„Bin ich das?“

„Du bist… präsenter. Als würde jemand das Licht anders auf dich richten. Vielleicht bilde ich mir das ein.“

Sie steht zu nah. Sie rechnet. Was sieht sie? Was glaubt sie zu sehen?

„Wir haben einen Termin mit HR um zehn“, sagte er, obwohl er wusste, dass sie das wusste. Etwas musste gesagt werden, irgendetwas, das die Luft wieder verträglich machte. „Ich weiß“, sagte Nadine. „Ich wollte nur… hallo sagen.“ Sie trat einen Schritt zurück, fast bedauernd, und doch war da etwas in ihrem Blick, das nicht zurückwich. Eine Frage vielleicht. Oder ein Wissen, das noch keinen Namen trug. „Hallo“, sagte Charles, und der Kopierer spuckte die erste gerettete Seite aus. Auf dem Papier stand: NETTO / BRUTTO. Zahlen, die vorgaben, die Welt zu erklären.

Mittags saß er, wie immer, am Rand der Kantine: Teller, Besteck, das glasige Grün eines Salats, der nie schmeckte und doch immer endete.

Stimmen flossen an ihm vorbei, Gerüchte, Termine, Witze, die auf halber Strecke versiegten. Er kaute, er schluckte. Er beobachtete. Nadine setzte sich ihm gegenüber, ohne zu fragen. Ihre Tablettkanten berührten seine. „Darf ich?“ Er nickte. „Ich habe gestern von diesem Fall gelesen“, sagte sie zwischen zwei Gabeln Nudeln. „Die Lehrerin. Das ist schrecklich.“ Charles hob minimal den Blick.

„Ja.“

„Dieses… Origami. Komisch, oder?“ Sie drehte eine Gabel, ließ die Nudeln wieder fallen.

„Jemand, der so sorgfältig ist. Fast liebevoll, wenn das Wort hier nicht völlig falsch wäre.“ Die Falte verläuft links nach rechts. Die Kante sitzt auf Millimeter. Kein Ausreißer. Kein Zittern. Du weißt nicht, was liebevoll ist. Du weißt, was ordnungsgemäß ist. „Vielleicht ist es nur eine Geste, um die Zeit zu binden“, sagte Charles.

„Eine Behauptung von Dauer.“

Sie sah ihn an, als hätte er zitiert, ohne Quelle.

„Du redest heute.“

„Ich rede jeden Tag.“

„Nicht so.“

Eine Sirene stieg von der Straße auf, verflachte zu einem Seufzen. Nadine legte die Gabel hin, ihre Finger berührten die Tischoberfläche, zeichneten etwas Unsichtbares nach – eine Linie, eine Kante, ein Flügel. „Weißt du, was ein Kranich bedeutet?“ fragte sie. „Glück“, sagte er.

„Hoffnung. Langlebigkeit. Eine Zahl, wenn man tausend faltet.“ „Und wenn nur einer daliegt?“

„Dann ist es eine Nachricht.“

Sie lächelte. Diesmal wirklich. Es stand ihr nicht, das Lächeln: zu ernst, zu konzentriert für dieses Anheben der Mundwinkel. „Eine Nachricht an wen, Charles?“ Er trank Wasser. Es schmeckte nach Chlor und etwas Unausgesprochenem. „An den, der ihn findet.“

Am Nachmittag hörte er Schritte hinter seiner Tür. Nicht laut. Abgemessen. Ein Strich durch die Stille. Er blickte nicht auf, bis das Klopfen kam.

Einmal. Zweimal. „Herein.“ Herr Krüger steckte den Kopf herein, das Archiv in Person: graue Krawatte, grauer Blick, die Hände trocken wie Papier. „Die Personalakten aus den Neunzigern.

Man hat sie falsch gelabelt.“ „Wer ist ‚man‘?“ „Irgendwer. Niemand.“ Charles nickte. „Ich komme nachher runter.“ Krüger blieb stehen.

„Heute. Nicht ‚nachher‘. Heute.“

Er blinzelt nicht. Seine Augen sind zwei Stecknadeln im Filz. Er riecht nach altem Karton, nach Lignin und einem Hauch von Schimmel. Er ist ein Keller mit aufrechten Beinen. „Heute“, wiederholte Charles und sah, wie ein Schatten Nadines an seiner Tür vorbeiglitt. Kopf geneigt. Einen Moment lang glaubte er, sie hätte stehen geblieben. Aber da war nichts. Nur das Summen des Lichts.

Das Archiv lag im Untergeschoss, ein Gang aus Beton, dessen Wände kalten Atem ausstießen. Neonröhren brannten, als wären sie seit Jahren nicht mehr ausgeschaltet worden, und doch flackerte jede fünfte. Die Luft roch nach Karton und Staub und etwas ferner Chemie – Toner, Lösungsmittel, ein Rest von altem Klebstoff. Krüger wartete mit zwei Wagen voll Ordner. „Falsch beschriftet“, sagte er und deutete mit dem Kinn, als müsste er die Hände für wichtigere Dinge schonen. „Das hier ist 1997, nicht 2007. Wenn man zeitenlos arbeitet, stürzt das System ein.“

Charles hob einen Ordner. Die Metallhebel knarrten, als atmeten sie auf. Namen, Arbeitsverträge, Steuer-IDs. Leben, gebunden an Klammern. Er stellte den Ordner zurück, strich die Papierkanten glatt. „Wieso immer ich?“ fragte er. „Weil du sauber bist“, sagte Krüger ohne Ironie. „Weil du Spuren siehst, bevor sie Spuren werden.“ Er sieht dich. Anders. Nicht wie Nadine. Er sieht Ordnung. Er sieht die Maschine in deinem Takt. „Ich bin müde“, sagte Charles.

„Das sind wir alle“, sagte Krüger, was selten wie Trost klang.

Charles blieb länger im Archiv, als nötig wäre. Die Regale standen wie Reihen von Bäumen, die niemand mehr kannte. In den Zwischenräumen lag die träge Stille einer verlernten Sprache. Er ging Reihen entlang, strich über Rückenbeschriftungen, fühlte durch den Karton das Gewicht des Papiers, das drinnen lag. Ein Windzug, obwohl es keinen Wind gab. Ein