Das Klingeln des Telefons am Abend - Erhard Schümmelfeder - E-Book

Das Klingeln des Telefons am Abend E-Book

Erhard Schümmelfeder

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Beschreibung

Sommer 1975. Der achtzehnjährige Martin ist Gitarrist in einer Rockband. Nach einer Ferienreise wird er von den anderen Bandmitgliedern mehr und mehr aus der Gruppe gedrängt. Isabell, seine Freundin, geht ihm ohne erkennbaren Grund aus dem Weg. Was ist während seiner Abwesenheit in der Stadt passiert? Martin macht sich auf die Suche nach seiner Freundin, um das Geheimnis ihrer merkwürdigen Abkehr zu ergründen. Eine schreckliche Erkenntnis wird sich ihm eröffnen ... Leserstimmen: "Genial!" (Uta Daskiewitsch). "... unterhaltsam, tiefgründig und wunderbar geschrieben." (Heike Wolter). "... wie eine schöne Melodie ..." (Silber). Auf den Punkt bringt es die Göttinger Autorin Rebecker, wenn sie jubelt: "Dieses Werk ist der absolute Oberhammer, eine Rocksensation ohnegleichen, filmreif und überaus empfehlenswert ..." - - - Für Käufer: Das Kapitel C dieses Buches hat im Originalmanuskript 3 vom Autor absichtlich geschwärzte Seiten. * Dieses Werk gehört zu den Siegerbeiträgen des 8. neobooks-Wettbewerbes.

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Seitenzahl: 93

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Erhard Schümmelfeder

Das Klingeln des Telefons am Abend

Eine Novelle aus 12 Tönen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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WEITERE BÜCHER DES AUTORS

Impressum neobooks

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Das Klingeln des Telefons am Morgen erinnerte Martin Sand daran, dass in diesem Augenblick ein Mensch auf der Welt an ihn dachte. Seine Hoffnung, Isabell würde ihn anrufen, blieb unerfüllt, als er am anderen Ende der Leitung die Stimme von Nigel Klein erkannte. „Falsch verbunden“, murmelte er nur und legte den Hörer zurück auf die Gabel. Ein Gefühl des Unbehagens regte sich in ihm. Er rechtfertigte sich vor sich selbst, weil er sich nicht auf ein Gespräch mit dem Langweiler Nigel eingelassen hatte. Man wird ihn nicht wieder los, dachte er. Irgendwo am anderen Ende der Stadt wohnte Nigel, der sich auffällig oft in sein Leben drängte, was manchmal etwas lästig, aber längst kein Problem war. Ein Problem war die Sache mit Isabell: Ihre Anrufe während der zurückliegenden zwei Wochen, die er im Ferien-Camp verbracht hatte, ließen es deutlich werden: Irgend etwas hatte sie verstört. Aber was? Er wusste es nicht.

Er ging ins Wohnzimmer und ließ sich in den Fernsehsessel fallen. Mit der Fernbedienung schaltete er den Fernseher ein, reduzierte die Lautstärke und lauschte gespannt nach dem schrillen Klingelton des Telefons auf dem Flurtisch. Dieser verrückte Nigel, dachte er kopfschüttelnd. Was wollte er nur?

Auf dem Bildschirm huschten die Bilder und Geräusche einer Filmcollage vorbei, ohne ihn zu fesseln: Knatternde Maschinengewehre im Schützengraben. Ein Seiltänzer mit rotem Regenschirm. Sich aufbäumende Pferde in der Prärie; eine Rockband zertrümmerte vor johlendem Publikum ihre Instrumente auf der Bühne. - Nachrichten. Das Wetter von morgen: Trocken, sonnig.

Nach einer Weile blieb das Telefon stumm. Endlich, dachte er nur. Er ging in den Flur und wählte kurzerhand Isabells Nummer. Das Freizeichen war zu hören. Also empfing sie seinen Anruf. Warum nahm sie das Gespräch nicht an? Hatten sie plötzlich Probleme? Nein, sagte er sich, eigentlich nicht. Waren ihr seine Anrufe mit einem Mal vielleicht lästig? – Schließlich legte er wieder auf.

Ein anderes Geräusch ließ ihn aufhorchen: Wie ein Schellenkranz in der Kirche klang das Schlüsselbund seiner Mutter; er hörte ihr heiteres Lachen, dann die Stimme seines Bruders. Die Tür des Wohnzimmers öffnete sich, und seine Mutter fragte:

„Noch müde, Martin?“

„Nein“, antwortete er. „Ich bin ausgeschlafen. Wo wart ihr zwei?“

„Auf den Feldwegen“, erwiderte sie. „Ich habe Vincent etwas Fahrunterricht erteilt.“

„Fahren ohne Führerschein ist strafbar“, erinnerte er sie.

„Ich weiß“, sagte seine Mutter. „Aber wenn du uns nicht verpfeifst, bleibt die kleine Verfehlung in der Familie. - Übrigens hatten wir einen Unfall.“

„Schlimm?“

„Schlimm genug. Wir haben eine Schnecke mitsamt Haus überfahren. Schreckliches Geräusch. Ich höre es jetzt noch knacken.“

Vincent kam ins Zimmer, nahm die Fernsehzeitung vom Tisch und blätterte darin. Er sagte: „Vergiss nicht zu erwähnen, wer am Steuer saß, als die Schnecke ihr Leben aushauchte.“

Seine Mutter presste die Lippen aufeinander, nickte nur und wandte sich um. Vom Flurfenster aus, wo sie die Blumen goss, rief sie: „Vor einer Stunde hattest du einen Anruf, Martin.“

„Von wem?“, fragte er und reichte Vincent die Fernbedienung. Er dachte sofort: Vielleicht hat Isabell angerufen.

„Von einem Jungen.“

„Ein Junge? Wer war es?“

„Seinen Namen habe ich schon wieder vergessen.“

„Was wollte er denn von mir?“

„Es geht um Musik.“

„Das konnte nur Leader sein“, überlegte Martin.

„Nein“, widersprach seine Mutter näherkommend. „Es war nicht Leader. Auch kein anderes Bandmitglied. Es war ein Junge, der bei dir Gitarrenunterricht nehmen möchte.“

„O Gott“, entfuhr es ihm. „Dann war es Nigel. Wenn er noch einmal anruft, kannst du ihn abwimmeln.“

„Warum sollte ich den netten Jungen abwimmeln?“

„Weil er keinen Funken Talent besitzt, deshalb.“

„Werde nicht herzlos“, sagte seine Mutter.

„Ich bin nicht herzlos“, erklärte er. „Es ist die reine Wahrheit.“

„Wenn es sich so verhält, wird dieser Nigel lernen, die Wahrheit zu ertragen. Du solltest es ihm schonend beibringen.“

„Mache ich“, meinte er seufzend.

„Wann?“, forschte seine Mutter.

„Bei nächster Gelegenheit.“

„Wie es aussieht“, fuhr seine Mutter nach einem Moment fort, „hast du innerhalb der nächsten Minute Gelegenheit, deinen Vorsatz in die Tat umzusetzen.“

„Wie meinst du das?“

„Soeben kommt ein Junge mit einer ziemlich alten Holzgitarre durch unsere Einfahrt.“

Nein, dachte er nur. Er erhob sich betont gelassen aus dem Sessel, ging durch den Flur, öffnete die Kellertür und eilte die Treppe hinunter zum Hinterausgang. An der Haustür klingelte es. Das Sonnenlicht blendete ihn, als er ins Freie trat. Bevor er die Eisentür hinter sich schloss, hörte er, wie seine Mutter nach ihm rief.. Ein Satzfetzen drang an sein Ohr: „... eben war er noch hier.“

F

Als Martin die Eggebrecht-Straße erreichte, befiel ihn jene merkwürdige Herzklopfenunsicherheit, die er vor Isabell nie zugeben würde. Er wechselte von der Schattenseite der Straße auf die von der Morgensonne beschienene rechte Seite und sah flüchtig die sich entfernende Gestalt am Fenster des Hauses Nummer 12. Die leicht nachschwingende Gardine. Also war Isabell zu Hause. Durch das schmiedeeiserne Vorgartentor ging er geradewegs zur Eingangstür und drückte auf den runden Messingknopf. I-sa-bell! sang die Klingel in der Diele des Hauses, von wo sich nun das Heulen eines Staubsaugers mit den Klängen rhythmischer Musik vermischte. Hausputz, dachte er. Möglichst gelassen wollte er erscheinen. Unauffällig prüfte er sein Gesicht in der Fensterscheibe über dem Postkasten. Eine Spur von Ernst schien seinen Blick zu prägen. Nein, er wollte nichts preisgeben von seinen Gefühlen, den schwelenden Ahnungen und unvermeidlichen Fragen, die nach einer eindeutigen Antwort drängten. Was will ich eigentlich, ging es ihm durch den Sinn. Klarheit, dachte er. Von irgendwo im Haus hörte er Schritte. Im Hintergrund fiel eine Tür ins Schloss, während die Haustür sich öffnete.

„Hi.“ Tina, Isabells Schwester, lächelte ihn vergnügt an und musterte ihn mit interessiertem Wohlwollen.

„Hi“, sagte er. „Störe ich bei der Hausarbeit?“

„Nein“, antwortete sie. „Aber du darfst dich gern beteiligen. Wie man einen Staubsauger bedient, weißt du ja.“

„Eigentlich möchte ich zu Isabell“, brachte er sein Anliegen hervor.

„Drückeberger“, tadelte Tina ihn stirnrunzelnd. Dann fiel ihr ein: „Du hast eine schöne Handschrift.“ Sie tippte mit ihren rot lackierten Fingernägeln auf den Deckel des blechernen Postkastens neben der Tür.

Tina trug ihre knapp geschnittenen Shorts, die ihre nackten Schenkel plakativ zur Geltung brachten. So ist Tina, dachte er. Der demonstrative Typ. „Ach“, sagte er schließlich, „dann hast du also meine zwanzig Karten an Isabell gelesen?“

„Es waren fünf“, belehrte sie ihn. „Außerdem unterliegen Postkarten nicht dem Paragraph 10 des Grundgesetzes.“

„Paragraph 10?“

„Briefgeheimnis“, klärte sie ihn auf.

„Wie schön für dich“, meinte er. „Dann brauchst du dich nicht mit Gewissensbissen zu quälen.“

„Mach dir nur keine Sorgen um mein Gewissen“, meinte Tina und umschlang das Türblatt mit beiden Armen, wobei ihre Finger sich auf der oberen Kante berührten. Die Art, wie sie ihre Brüste und das Becken gegen die Tür presste, hatte etwas Anzügliches, das er nur aus billigen amerikanischen Filmen über das Rotlichtmilieu kannte. Es war bezeichnend für Tina: Jede Begegnung mit anderen Leuten war für sie ein Auftritt, bei dem sie sich in Szene setzen und produzieren konnte.

„Ist Isabell in ihrem Zimmer?“, fragte er sie.

„Ja. Aber vergiss nicht zu klopfen. Sie hat sich eben erst bei mir beschwert, weil ich es vergessen hatte.“ Sie ließ ihn in den Flur eintreten und schloss die Haustür.

„Hat Isabell noch Urlaub?“, erkundigte er sich auf dem Weg durch den Gang zum Zimmer.

„Heute ist ihr letzter Tag. Morgen muss sie wieder in die Praxis“, hörte er Tina sagen, bevor sie mit der linken Schuhspitze den Schalter des fahrbaren Staubsaugers berührte und der aufbrausende Motor mit seinem Lärm das Gespräch beendete.

Er klopfte zweimal gegen die weißgestrichene Tür von Isabells Zimmer und lauschte nach ihrer Stimme. Da er keine Antwort erhielt, drückte er den Griff hinunter und trat in den Raum hinein. Durch das offene Fenster drang ein leichter Heuduft von den umliegenden Wiesen herein. Isabells Decke lag sauber gefaltet auf dem Bett. Neben dem himmelblauen Kissen starrte ihr Kuschelbär mit weit geöffneten Augen zur Decke. Martin sah sich im Zimmer um. Wo war Isabell? Neben der Lampe auf dem Nachttischchen lag ein Buch mit einer Feder als Lesezeichen zwischen den Seiten: Der Fänger im Roggen.

Warum versteckte sie sich vor ihm? - Ich will Klarheit, dachte er. Im Flur schaltete Tina den Staubsauger aus. Die Musik aus dem Radiolautsprecher in der Küche wurde leiser gestellt. Martin steckte beide Hände in die Taschen seiner Hose und ging langsam zum Fenster. Er betrachtete Isabells Malutensilien auf der Fensterbank: Pinsel in einem Wasserglas, Bleistifte, einen Anspitzer, Farbtiegel auf dem Skizzenblock. Er bog das oberste Deckblatt ein Stück zurück, um die letzte Zeichnung anzusehen: Die Seite war leer. Hatte sie in den letzten zwei Wochen keinen Strich zu Papier gebracht? Es war ihre Sache und ging ihn nichts an. Auf dem Schreibtisch entdeckte er zwei geöffnete Briefumschläge, aus denen die gefalteten Blätter schräg herausragten. Auch ihre Briefe gingen ihn nichts an. Dennoch konnte er nicht widerstehen, einen Blick auf die Absender zu werfen: Djaymila - eine Brieffreundin aus Köln; Susanne - Isabells Cousine, die mit ihren Eltern nach München gezogen war. Auf der Schreibtischunterlage, die aus einem großflächigen Papierblock bestand, hatte Isabell einige Bleistifte mit unterschiedlichen Härtegraden ausprobiert: Kreise, Striche, graue Flächen. Mit einem blauen Kugelschreiber waren flüchtige Notizen auf das rosafarbene Papier gebannt worden: Namen, die er noch nie gelesen hatte, Titel von Büchern oder Musikstücken, Telefonnummern, die er nicht einordnen konnte. Eigenleben, dachte er, sie führt ein Eigenleben, von dem ich nichts weiß. - Am unteren Rand des Blockes erkannte er den Bleistift-Entwurf einer Gitarre. Etwas stimmte nicht an dem Bild. Was war es? Die Gitarre besaß am Ende des Halses sechs Einstellschrauben, doch waren nur vier Saiten über den Griffbetten gezeichnet worden. Das war es, was nicht stimmte. Auf jeder Saite stand in gesperrten Großbuchstaben ein Wort. Martin beugte sich über den Tisch und las nun den vierzeiligen Schriftzug:

DER

CLAN

DER

STUBENHOCKER

Isabell hatte für die Band, in der er spielte, einen Plakatentwurf gezeichnet. Das war gewiss ein gutes Zeichen. Als die Klinke der Tür sich neigte, spürte er seinen hämmernden Herzschlag.

„Wo ist meine Schwester?“, fragte Tina verwundert.

„Das wollte ich dich gerade fragen“, sagte er.

Tina wandte sich um und rief Isabells Namen in den Flur hinaus. Sie lauschte. Keine Antwort. Schließlich ging sie zum Wohnzimmer, öffnete die Tür und warf einen Blick hinein. „Isabell?“ Nachdem sie auch in der Küche, im Schlafzimmer ihrer Eltern und im Gästeraum nachgesehen hatte, kam sie achselzuckend zurück. „Scheint nicht mehr im Haus zu sein. Vielleicht hat Judith sie abgeholt, mein Schwesterlein. Merkwürdig.“

„Was ist merkwürdig?“, erkundigte er sich.

Tina antwortete: „Plötzlich ist sie verschwunden. Eben war sie noch hier.“

F#

Der Clan der Stubenhocker